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Tierbücher
Buch Leseprobe Rhiann-Nebel über den Highlands, Aileen P. Roberts
Aileen P. Roberts

Rhiann-Nebel über den Highlands



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Kapitel 1 

Der Sommer in den Highlands ging langsam zu Ende, der Morgennebel lichtete sich nur zögernd als Rhiann von der hügeligen Koppel geführt wurde, die etwas über zwei Jahre lang ihr Zuhause gewesen war. Leichter Nieselregen hatte eingesetzt. Vertrauensvoll folgte die kleine Stute dem alten Mann mit den grauen Haaren, der sie aufgezogen hatte, in die Dunkelheit des großen Transporters, in dem schon andere Jährlinge und Zweijährige angebunden standen.Rhiann wurde nervös, irgendetwas stimmte nicht. Die sonst so ruhigen vertrauten Hände des alten Mannes zitterten heute ebenso wie seine Stimme, als er Rhiann ein letztes mal am Kopf streichelte und über den kleinen weißen Blitz, der unter ihrem Schopf versteckt war strich.»Soraidh, Rhiann«, flüsterte er ihr zu.

Dann schloss sich die Klappe. Rhiann wieherte erstaunt, musste dann jedoch aufpassen, dass sie nicht hinfiel, denn der Transporter rumpelte über die schmale mit Schlaglöchern durchsetzte Strasse, die in Rhianns Zukunft führen sollte.

 Draußen stand der alte Mann mit fünfhundert englischen Pfund in der Hand und Tränen in den Augen. Er blickte dem Transporter nach, der schon fast hinter den Hügeln verschwunden war. Plötzlich riss die Wolkendecke auf und die ersten Sonnenstrahlen setzten die nebel­verhangenen Hügel in ein unwirkliches, mystisches Licht.

»Ich hoffe nur, ihr ergeht es gut«, sagte er leise zu sich selbst.


Er hatte seinen alten Freund den Schäfer nicht kommen hören. Dieser stand plötzlich hinter ihm und murmelte durch die, zwischen seinen Zähnen steckende Pfeife hindurch: »Du hast das Richtige getan, so kannst du deine Schulden bezahlen. Ein Lichtstrahl, der durch den Morgennebel bricht ist ein gutes Vorzeichen. Alles wird seinen Weg finden.« Die Stimme des Schäfers klang geheimnisvoll.

Der grauhaarige Mann zuckte mit den Achseln. Er hatte dem Freund gar nicht richtig zugehört.

»Komm, lass uns einen Glenmorangie auf den Schreck trinken«, meinte der Schäfer und lief langsam in Richtung des kleinen Farmhauses, aus dessen Kamin Rauch aufstieg. Mit gesenkten Schultern folgte der alte Mann seinem Freund.

»Rhiann war etwas Besonderes«, murmelte er, doch der kalte Wind aus den Bergen trug seine Worte nur hinaus aufs Meer.

 

Rhiann verstand die Welt nicht mehr. Eben hatte sie noch die frische Meeresluft geatmet und war mit den anderen Pferden über die Weiden getrabt und jetzt steckte sie in diesem dunklen, engen und rumpelnden Kasten. Alle paar Stunden kam ein fremder Mensch und gab den Pferden Wasser und Heu. Die Tiere dösten erschöpft vor sich hin, so ging es zwei Tage lang. Pferde wurden aus- oder zugeladen. Rhiann blieb im Transporter.

Dann wurde alles noch schlimmer, es wackelte und schaukelte, das Pony war der Panik nahe. Was sie nicht wissen konnte, war, dass sie auf einer Fähre in die Niederlande war. Pfleger gaben den aufgeregten Pferden Beruhigungsmittel und so verdösten sie die sechzehn Stunden Überfahrt.


Weiter ging es auf der Autobahn, alle Pferde wurden ausgeladen und einige in einen ähnlichen Transporter gebracht. Rhiann war auch dabei.

Die meisten Pferde hatten sich ihrem Schicksal ergeben. Es folgten weitere Stunden monotones Fahren auf der Autobahn. Dann plötzlich – quietschende Bremsen, ein scharfer Ruck. Rhiann wieherte erschrocken, ihr Strick riss. Sie fiel hin und wurde gegen die Wand geschleudert. Ein stechender Schmerz fuhr durch ihre linke Fessel. Rhiann versuchte verzweifelt aufzustehen, doch sie hatte sich in ein anderes Pferd verkeilt. Aufgeregtes Getrampel und hysterisches Wiehern und das Geschrei von Menschen. Dann öffnete sich die Ladeklappe.

»So eine Scheiße! Was muss der Idiot vor mir so knapp überholen?«

Der Fahrer, Holger Petersen, bemühte sich, die Pferde zu beruhigen. Max, sein Beifahrer schimpfte und versuchte, Rhiann hoch zu helfen.

»Verdammt schau mal, ich glaub, die hat was am Bein. Das wird dem Chef nicht gefallen!«, schimpfte Max.

»Kann sie noch stehen?«, fragte der Fahrer.

»Ja, ich denke schon, los weiter, es sind nur noch ein paar Stunden.«

Wieder schloss sich die Klappe und Rhiann stand mit ihrer schmerzenden Fessel zwischen den anderen Pferden, die sich alle auf dem Weg nach Deutschland befanden.

 Kapitel 2  

Letzte Stunde – Politik. Mara sah gelangweilt von ihrem Schulbuch auf und blickte auf die große Uhr, die über der Tür hing.

Mit einem Seufzen dachte sie: Immer noch ein halbe Stunde!

Mara war fünfzehn Jahre alt, ca. 1,60 m groß, schlank und hatte lange, mit einem rötlichen Schimmer durchsetzte, braune Haare, die sie meistens zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte. Eigentlich hieß sie ›Dörthe‹, nach ihrer Urgrossmutter väterlicherseits, irgendeine Familientradition. So nannten sie allerdings nur ihre Lehrer und die Eltern, denn sie hasste diesen Namen. Mara war ihr zweiter Vorname. Den hatte sie, ebenso wie den kleinen silbernen Anhänger mit dem verschlungenen Knotenmuster, den sie immer um den Hals trug, ihrem Großvater zu verdanken. Opa Jakob hatte Mara einmal erzählt, dass er tagelang auf ihre Eltern eingeredet hätte, dass, wenn sie das Mädchen schon mit einem so furchtbaren Vornamen bestraften, er doch wenigstens den zweiten aussuchen dürfe. Zum Glück hatte er sich durchgesetzt. Maras Großvater war immer ein Vagabund gewesen und sein Leben lang durch die Welt gereist, sehr zum Missfallen von Maras Mutter Ursula, die ständig geschimpft hatte, er sei zu alt für so etwas. Opa Jakob hatte sich nie davon abhalten lassen und mit verschmitztem Grinsen gemeint, wenn Ursula mit ihrem langweiligen Leben zufrieden sei, dann gut – aber er wollte noch was erleben. Leider war er dann vor über drei Jahren im Alter von achtundsiebzig Jahren bei einer Bergtour in den Anden abgestürzt. Mara vermisste ihn sehr.

Ursula hatte natürlich Wochen lang gezetert: »Ich habe es ja immer gewusst, wäre er doch zu Hause geblieben, wie andere Leute in seinem Alter …«

Doch Mara wusste es besser. Ihr Opa hatte zu ihr einmal mit einem Augenzwinkern gesagt: »Wenn ich von einer meiner Touren mal nicht mehr zurückkomme, dann weiß ich zumindest, dass sich mein Leben bis dorthin gelohnt hat. Im Altersheim sterben, das ist was für alte Leute!«

Tja, Opa Jakob war wirklich etwas Besonderes gewesen! Früher waren sie oft mit dem Fahrrad aus der Stadt hinausgefahren und auf den kleinen Hügel mitten im Wald gestiegen. Umgeben von vielen merkwürdig geformten Steinen hatten sie sich auf die Lichtung gesetzt und gemeinsam von fernen Ländern geträumt. Druidenhain wurde dieser, von den meisten Leuten vergessene Ort genannt.

 

Maras Gedanken waren während der Politikstunde abgeschweift und sie hatte begonnen Pferdeköpfe auf den Rand ihres Heftes zu malen, als plötzlich wie von weitem eine schrille Stimme an ihr Ohr drang.

»Dörrrrrthe, würdest du freundlicherweise meine Frage beantworten?!« schimpfte Frau Huber-Michels und blickte verkniffen über den Rand ihrer Brille.

»Ähm, T`schuldigung, aber könnten Sie die Frage noch mal wiederholen?« fragte Mara, aus ihren Tagträumen gerissen.

»Wie setzt sich der Bundestag zusammen, hatte ich gefragt!«

Die Lehrerin beugte sich gereizt über Maras Tisch.

»Hmm, ich weiß es leider nicht«, antwortete Mara verlegen.


Mit einem verächtlichen Blick auf Maras Heft sagte Frau Huber-Michels schneidend: »Dein künstlerisches Talent in allen Ehren, aber du solltest jetzt endlich begreifen, dass du in der zehnten Klasse bist und die Abschlussprüfung vor der Tür steht ...«

Und so ging die Moralpredigt endlos weiter. Wenigstens wandte sich die Lehrerin jetzt an die ganze Klasse und lamentierte über mangelnde Lernmoral und schlechten Klassendurchschnitt.

Was interessierte Mara schon der Bundestag!

Drrrrrr.

Endlich, das erlösende Klingeln. Rumpelnde, kratzende Stühle – Schulschluss.

»Mara, kommst du noch mit in die Stadt, wir wollen shoppen gehen?«, fragte Simone aus der letzten Reihe.

»Nee, ich habe heute Reitstunde.«

Eine schnippische Stimme von links meinte: »Ist doch klar, dass DIE lieber in Pferdescheiße wühlt, anstatt Kleider zu kaufen!«

Das war Sandy, die Klassenschönheit, immer perfekt geschminkt und nach der neuesten Mode gekleidet. Mit einem gekonnten Hüftschwung wackelte Sandy aus dem Zimmer, verfolgt von den Blicken der Jungs.

»Gut, dann halt nicht. Ciao, bis Montag«, meinte Simone mit einem Achselzucken.

Im Gegensatz zu den anderen Mädchen aus ihrer Klasse, machte sich Mara nicht viel aus Mode, Partys und ständig wechselnden Freunden. Sie war zwar nicht direkt unbeliebt, aber doch eher ein Außenseiter. Die meisten ihrer Klassenkameraden hatten einfach andere Interessen.

Maras große Leidenschaft galt den Pferden. Der Reitstall lag nur eine halbe Stunde von ihrem Elternhaus entfernt.


Mara verbrachte jede freie Minute dort. Ihre Reitstunden verdiente sie sich mit Ausmisten. Ihre Eltern fanden es überflüssig, so einen ›Luxus‹ zu finanzieren, obwohl sie wirklich nicht gerade arm waren.

Mara fuhr mit dem Bus nach Hause. Sie wohnte mit ihren Eltern und ihrer jüngeren Schwester Diana in einem Einfamilienhaus in Traunfelden, einer Kleinstadt in der Nähe von Würzburg. Es war eine durchschnittliche Siedlung, die Häuser standen hier dicht an dicht und hatten kleine Gärten hinter dem Haus.

Maras Mutter arbeitete Teilzeit als Bürokauffrau in einem kleinen Unternehmen. Ihr Vater Walter war Filialleiter einer Bank in der Stadt und selten zu Hause. Diana, ihre dreizehn Jahre alte Schwester, war mit ihren blonden glatten Haaren und den langen Wimpern sehr hübsch und wickelte die Eltern nach allen Regeln der Kunst um den Finger. Maras großer Bruder Markus kam nur in den Semesterferien nach Hause. Markus war einundzwanzig und der Star der Familie, er studierte in Köln Betriebswirtschaftslehre.

 

Mara schloss die Tür auf, schmiss ihren Rucksack in die Ecke und setzte sich mit einem »Hallo, ich bin da!« an den Esstisch. Diana und die Mutter kamen mit dem Essen herein.

»Na, wie war´s in der Schule?«, kam die übliche Frage.

»Ging so«, nuschelte Mara zwischen zwei Bissen Pfannkuchen hindurch.

»Hast du viele Hausaufgaben? Ich bräuchte Hilfe im Garten!«

»Hausaufgaben mache ich morgen, aber du weißt doch, dass ich Freitags immer Reitstunde habe«, antwortete Mara genervt.

»Meine Güte, du immer mit deinen Pferden! Da braucht man dich einmal und du musst in diesen stinkenden Reitstall gehen«, schimpfte Ursula vor sich hin.

Ursulas Heiligtum war der Vorgarten mit den Tulpen und dem kleinen Gemüsebeet, das immer akkurat mit der Wasserwaage abgezogen und von Unkraut befreit sein musste. Ihre Hauptsorge war ansonsten: Was wohl die Nachbarn denken?!

Mara verdrehte die Augen und widmete sich ihrem Pfannkuchen.

»Wie sieht es denn bei dir aus Diana, kannst wenigstens du mir helfen?«, meinte sie an die jüngere Tochter gewandt.

»Ach Mama, ich bin heute mit Lisa verabredet. Wir wollen zusammen Klavier bei ihr üben«, sagte Diana mit einem gekonnten Augenaufschlag.

»Ach so Schatz, geht ihr nur üben«, meinte Ursula mit Stolz in der Stimme. Mara rollte erneut mit den Augen. Von wegen Klavier! Das Klavier hieß zurzeit Dirk, war fünfzehn Jahre alt und hatte ein Mofa. Meist sah man Dirk und Diana in irgendeiner Bushaltestelle knutschen. Aber Mara hielt den Mund, denn sie verriet ihre Schwester nicht, und die hielt dicht, wenn Mara öfters als das erlaubte eine Mal pro Woche in den Reitstall ging. Geschwisterliebe eben.

Nachdem das Geschirr endlich in der Geschirrspül­maschine war, zog Mara ihre Reitsachen an, schwang sich aufs Fahrrad und radelte zum ›Reiterhof Wiesengrund‹, der außerhalb der Stadt lag.

Ruhiges Schnauben und Stampfen empfing das Mädchen, als es den Stall mit den fünfzehn Holzboxen betrat, in denen zehn Schulpferde, sowie fünf Privatpferde standen.

Diese Zeit in der sie alleine war, bevor die Reitschüler um 15 Uhr einfielen und Unruhe verbreiteten, war Mara am liebsten. Sie ging als erstes zu ihrem Lieblingspferd Odin, einem braunen Island-Mixwallach mit wuscheliger schwarzer Mähne und streichelte ihm über die Nase. Im Gegensatz zu den anderen Mädchen, die eher die leichtrittigen Warm- und Vollblüter mochten, bevorzugte Mara den manchmal etwas sturen Odin. Zwar neigte er gelegentlich dazu zu buckeln, doch im Laufe der Zeit hatten sich die beiden arrangiert und kamen recht gut miteinander zurecht.

»Hallo Mara, du kannst Nero, Justus, Blacky und Stardust auf die Koppel bringe. Die gehen heute nicht in der Reitstunde mit. Außerdem die Privatpferde bis auf Ricarda und die drei Shetties«, erklärte Iris, die kleine drahtige Reitlehrerin.

»Ist okay«, sagte Mara und machte sich an die Arbeit.

Als eine Stunde später die ersten Reitschüler eintrafen, hatte sie bereits die Hälfte der Boxen ausgemistet. In einer Stunde würde sie mit Reiten an der Reihe sein.

Als Mara am Reitplatz ankam, lief Iris auf sie zu und meinte seufzend: »Ich glaube, du musst heute wieder Odin nehmen, der hat Jasmin drei mal abgesetzt!«

Mara freute sich.

Dass die anderen nicht begreifen, dass ich Odin sowieso am liebsten reite, dachte sie sich und ging auf das Pferd zu. Eine ziemlich dreckige und verheulte Jasmin hielt ihn am Zügel.

»So ein Mistgaul«, schimpfte Jasmin und humpelte hinaus.

»Hast schon Recht, die eingebildete Kuh hätte ich auch runtergebuckelt«, flüsterte Mara dem Pferd ins Ohr.


Die Mädchen waren heute zu viert in der Reitstunde. Schritt, Trab, Galopp und etwas Stangenarbeit waren angesagt. Beim ersten Galopp versuchte Odin zu buckeln, ein Klaps mit der Gerte belehrte ihn jedoch eines Besseren. Dann lief er wie am Schnürchen.

»Zügel lang, Pferde loben und aufmarschieren«, kam nach einer dreiviertel Stunde das erlösende Kommando. Alle waren ganz schön ins Schwitzen gekommen.

»Wird Odin noch gebraucht, oder kann ich ihn auf die Koppel bringen?«, fragte Mara, als sie abgestiegen war.

»Na ja, lass ihn auf die Koppel, die anderen wollen ihn sowieso nicht reiten«, meinte Iris mit einem Blick zu den nächsten vier Mädchen, die am Rand des Reitplatzes warteten und verursachte damit ein allgemeines Aufatmen.

Mara führte Odin vom Platz und fragte ihre beste Freundin Julia, die unter den Wartenden war: »Kommst du nachher noch runter zur Koppel?«

»Klar, wenn ich dann noch laufen kann, ich habe heute den Sepp«, erzählte Julia mit gequältem Gesichts­ausdruck.

Sepp hieß eigentlich Septino, ein großes Bayerisches Warmblut. Der Wallach war extrem faul und musste deshalb ständig angetrieben werden, was meist zu einem heftigen Muskelkater führte.

»Da lobe ich mir doch meinen Isi«, grinste Mara.

»Na ja, ich will ja eine Reitstunde und keine Flugstunde«, konterte Julia. »Also bis dann.«

Mara sattelte Odin ab, putzte über die verschwitzten Stellen und führte ihn dann am Reitplatz vorbei, wo die anderen Mädchen schon schwitzten.

»… verdammt, Karin, jetzt treib halt die Ricarda endlich mal an, die läuft ja wie ein Kamel«, brüllte Iris gerade.


Mara musste grinsen, es war ein offenes Geheimnis, dass Iris Karin nicht ausstehen konnte. Karin war ziemlich eingebildet, ihr Vater hatte viel Geld und Karin kümmerte sich kaum um ihr Pferd, das sie zum fünfzehnten Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Deshalb war Iris mit ihr meistens noch strenger, als mit den anderen Mädchen. Als der Reitplatz hinter der nächsten Hecke verschwunden war, schwang sich Mara nur mit Strick und Halfter auf Odins blanken Rücken. Zum Glück sieht Iris das nicht, sonst gäb`s einen riesen Anschiss, dachte Mara.

Aber bei ihren heimlichen kleinen Ausritten hatte Odin noch nie irgendwelchen Blödsinn gemacht, auch er schien das zu genießen.

Nach ein paar hundert Metern waren sie an der Koppel am Bach angekommen und Mara entließ Odin mit einem Klaps auf die Kruppe zu den anderen Pferden.

Dann legte sie sich ins Gras und träumte in der warmen Septembersonne vor sich hin, bis Julia mit einem Seufzer neben sie ins Gras plumpste.

»Puh, bin ich fertig, und dann mussten wir auch noch Stangentraben. Ich bin echt am Ende!«

Mara grinste. Sepp hasste Stangentraben, da war er noch fauler als sonst. Die Mädchen saßen im Gras und redeten über die Schule. Julia war ein Jahr jünger als Mara und ging ebenfalls in die Realschule, war aber erst in der neunten Klasse. Julia war etwa so groß wie Mara. Sie hatte halblange, bräunliche Haare und viele lustige Sommersprossen auf der Nase.

Die Freundinnen lästerten über Mitschüler und Lehrer, bis Iris kam und meinte: »Ihr seid ja immer noch da, dann könnt ihr gleich helfen, die Privatpferde rein zu tun. Die anderen können über Nacht draußen bleiben.«


Also schnappte sich jeder einen Strick und sie führten die Pferde in den Stall. Als Mara auf die Stalluhr blickte, rief sie erschrocken: »Oh Shit, schon halb sieben. Ich sollte um sechs zu Hause sein!« Dann spurtete sie los.

»Kommst du morgen zum Ponyführen?«, rief Iris ihr hinterher.

»Ja, ja, ich komm bestimmt bis um drei«, schrie Mara über die Schulter.

Verdammt, jetzt musste sie wirklich in die Pedale treten. In Rekordzeit von zwanzig Minuten kam Mara heftig keuchend zu Hause an und stürmte mit einem »T`schuldigung« ins Haus.

Ihre Familie saß am Abendbrottisch, die Mutter hatte den wohlbekannten, leicht verbissenen Blick aufgesetzt, und auch Walter hatte die Stirn gerunzelt und blickte demonstrativ auf die Uhr.

»Meine Güte, kannst du dich denn nicht einmal an die Zeit halten? Kaum bist du bei den Pferden, vergisst du alles um dich herum. Was soll nur aus dir werden?«, jammerte die Mutter.

Auch Walter meinte ernst: »Wenn du dich später im Berufsleben auch so verhältst, wirst du nie Erfolg haben.«

Aha, also wieder das leidige Thema ›Berufswahl‹.

Mara ergriff die Flucht, schnitt hinter der Tür eine Grimasse und rief über die Schulter: »Ich geh schnell duschen!«

Im Esszimmer hörte sie die Eltern undeutlich weiterreden. Wahrscheinlich diskutierten sie mal wieder über Maras Unfähigkeit, sich für einen Beruf zu entscheiden. Aber was sollte sie denn machen? Das einzige, das sie sich noch vorstellen könnte, wäre Pferdewirtin gewesen. Doch das würden die Eltern ihr nie erlauben. Das war kein ›ordentlicher Beruf‹. Mara stieg seufzend unter die Dusche.

Beim Abendessen ging es natürlich wieder um den Schulabschluss, dass Mara sich endlich entscheiden müsse, was sie nach der Schule machen wolle und so weiter. Diana saß in der Ecke und grinste.

Ja, ja, die hat es einfach, dachte Mara. Mit dreizehn Jahren verlangt noch keiner von einem, sich zu entscheiden.

Der Beginn der Nachrichten erlöste Mara vom Gerede ihrer Eltern. Sie zog sich in ihr Zimmer zurück und las in ihrem Buch über Kanada weiter.

Da müsste man leben, dachte sie seufzend. Riesige Wälder, Seen, weites Land und dort auf einer Ranch arbeiten, das wär`s!

Kurz nach 22 Uhr kam Diana in ihr Zimmer und fragte: »Du, ich brauche morgen ein Alibi. Kannst du sagen, wir gehen zusammen ins Kino? Mama und Papa lassen mich mit Dirk nicht alleine weg.«

»Trifft sich gut, ich wollte morgen sowieso um drei Uhr in den Stall, dann haben wir beide Zeit bis um sechs«, grinste Mara.

Sie klatschten die Hände zusammen und der Pakt war besiegelt. Mara las noch ein bisschen, dann machte sie das Licht aus und schlief bald ein. In ihren Träumen galoppierte sie auf Odin durch kanadische Wälder.


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