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Science Fiction
Buch Leseprobe TERRA - Verlust einer Unschuld, Joachim Hausen
Joachim Hausen

TERRA - Verlust einer Unschuld



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Planet: Erde.


Ort: Raumstation Super International Space Station, kurz SISS genannt.


Datum: 30. Oktober 2028.


Zeit: 07:41 Uhr Bordzeit.


Die Deutsche Olivia Hausner und der Italiener Mario Coletti verließen nach dem Frühstück die Kantine. Bedächtig setzten sie einen Fuß vor den anderen. Im Zuge der Aus- und Umbauphase der Station vor vier Jahren hatte man die Laufwege mit einem speziellen Klettgewebe ausgelegt. Die Gegenstücke klebten auf den Schuhsohlen der Besatzung.


Olivia schritt hinter ihrem Kollegen her. Sie kicherte.


»Was gibt es jetzt zu lachen?«, fragte Mario, ohne sich umzusehen, und strich durch das kurze schwarze Lockenhaar.


»Obwohl ich fast vier Wochen hier oben bin, finde ich es immer noch amüsant, wie du mit deinen roten Hosen ein Bein anhebst, es nach vorne führst und wieder aufsetzt. Erinnert mich an einen Storch, der über eine sumpfige Wiese stakt.«


»Ha, ha, sehr witzig.«


Sie unterhielten sich in der Bordsprache Englisch, das man vor zehn Jahren zur Weltsprache deklariert hatte.


Olivia und Mario betraten ihr Arbeitsmodul BIG EYES, das einem Doppelfernglas glich. Eine elf Meter lange und fünf Meter durchmessende Röhre, die zwei Teleskope verband, enthielt den Arbeitsraum, zwei Schlafkammern und eine Toilette. Je ein Instrument steckte in einer 18 Meter langen Röhre mit gleichem Durchmesser.


Die Deutsche band das schulterlange nachtschwarze Haar zu einem Pferdeschwanz, zog sich in ihren am Boden verankerten Sessel und schnallte sich an. Die 30-jährige Olivia Hausner, Doktor der Astronomie und Expertin für extraterrestrische Planeten, blickte auf ihren Hauptmonitor. Ihr Teleskop, das alle Wellenlängen von Infrarot bis Ultraviolett erfassen konnte, stellte das Wärmebild des zu untersuchenden Sonnensystems dar.


Colettis Aufgabe bestand unter anderem in der Aufspürung, Beobachtung und Registrierung von Asteroiden und Kometen, die der Erde gefährlich werden könnten, das heißt, eines der beiden Instrumente und drei Hochleistungscomputer verrichteten die Arbeit.


Olivia schielte nach rechts zu ihrem Kollegen, der das dunkle Bild seines Zentralmonitors anstarrte, als liefe dort ein spannender Film. »Unser Römer scheint die Schwärze des Alls anzubeten«, meinte sie. Schalk stand im Schwarzbraun ihrer Augen.


»Unsere hinreißend schöne Teutonenfrau mit italienischem Einschlag belieben heute ausgiebig zu scherzen«, entgegnete er und ließ die kohlenschwarzen Augen bewundernd auf ihrer beachtlichen Oberweite ruhen. Er spielte auf ihre olivfarbene Hauttönung an, die sie mit ihrer Haar- und Augenfarbe von ihrem Großvater geerbt hatte, der aus Süditalien stammte.


»Olivia, du weißt doch, dass der Computer alle ...«


Die Klänge eines Hochzeitsmarsches ließen ihn verstummen. »Jesus, Maria und Joseph!«, murmelte der 34-Jährige und bekreuzigte sich. »Hoffentlich ein noch unregistrierter Brocken, da könnte ich endlich zeigen, was in mir steckt.«


Er knetete die Finger und bearbeitete Sensotastatur und Trackball. Die Musik verstummte. Er drehte den Monitor ein wenig in Olivias Richtung.


Sie erkannte in der linken unteren Ecke eine blaue Kreisfläche, die symbolisierte Erde. Oben am rechten Bildrand sah sie einen hellen Fleck, den eine hellblaue Linie umschloss. Den Text daneben konnte sie nicht lesen.


Der Mann aus Rom klärte sie auf. »URO 8, das heißt, das achte unregistrierte Objekt seit Inbetriebnahme des Teleskops.« Er rieb die Hände und fuhr fort: »Gleich tauchen die von meinen elektronischen Kollegen errechneten Daten auf, bin echt gespannt.«


Olivia schnallte sich los, stellte die Füße fest auf und erhob sich. Sie reckte ihre 1,70 Meter und erntete erneut bewundernde Blicke. Mario streckte grinsend den rechten Daumen hoch. »Traumhintern.«


»Träum weiter, Römer.« Lächelnd schritt sie zum Sessel ihres Kollegen und hielt sich daran fest.


»Es geht los«, brummte der Römer. Er deutete auf den Bildschirm rechts. Auf dessen grünem Hintergrund bauten sich schwarze Zeilen auf. Er drehte sein Gesicht mit der klassischen Römernase Olivia zu und ließ tadellose weiße Zähne aufblitzen. »Ich lese vor«, beschied er ihr und wandte sich dem Monitor zu. »URO 8, Durchmesser zwischen 400 und 500 Meter. So, so, recht hohe Albedo, sehr ungewöhnlich. Masse noch nicht ermittelt. Geschwindigkeit 65.000 km/h. Kurs wird in ein paar Minuten auf dem Hauptschirm dargestellt. Entfernung – das gibt es jetzt aber nicht.« Er keuchte, starrte auf den Schirm und danach Olivia an. Er schüttelte den Kopf, wandte sich dem Monitor zu und tippte auf der Tastatur. Die Seite verschwand und baute sich erneut auf. Er betrachtete sie mit einem Gesichtsausdruck, als stehe dort sein Todesurteil. Kopfschüttelnd warf er offenkundig entrüstete Blicke auf die Astronomin. »Heilige Muttergottes!«, entfuhr es ihm. »Mein Computer spinnt oder das Teleskop liefert falsche Werte – oder aber«, verständnislos sah er die Kollegin an. »Oder aber, dieses URO 8 hebelt die physikalischen Gesetze aus.« Rote Flecken überzogen das hellbraune Gesicht mit dem Bartschatten.


»Ruhig Blut, Mario, keine Hektik, es gibt für alles eine logische Erklärung.« Olivia strich ihm durchs Lockenhaar und fuhr fort: »Vorgestern checkte unser Computerfreak deine und meine Anlage. Und was die Teleskope betrifft – mit mir kamen zwei Spezialisten hoch und überprüften sie.«


Sie sah dem zusammengesackten Italiener in die Augen und erklärte: »Ein Objekt, das mit derart läppischer Geschwindigkeit durch den Weltraum segelt, kann niemals die physikalischen Gesetzte aufheben. Wir warten, bis dein Computer über sämtliche Daten verfügt.«


Mario deutete auf den Schirm. »Aber die Entfernung, rund zwei Millionen Kilometer, das Ding erreicht uns in 32 Stunden. Solch einen Fall darf es nicht geben. Ein Objekt dieser Größe und mit einer Albedo von 0,52 fasst mein Teleskop in einer Entfernung von 500 Millionen Kilometer auf, daher ist die vorhin gemessene Entfernung ein Unding.« Er schüttelte sich und fuhr fort: »Es ist unmöglich


Er schien sich fürchterlich aufzuregen. Plötzlich zeigte er auf den Zentralmonitor. Er zappelte im Sessel herum. »Hier, sieh doch, der berechnete Kurs.« Zitternde Stimme.


Mit aufgerissenen Augen betrachtete Olivia die gestrichelte hellblaue Linie, die von dem hellen Fleck ausgehend, genau auf der symbolisch dargestellten Erde endete. Jetzt schüttelte sie sich. »URO 8 trifft die Erde«, stieß sie hervor. »Jedenfalls nach den Berechnungen deiner Computer. Bei seiner Größe und Geschwindigkeit wird dieses Objekt fürchterliche Schäden anrichten, insbesondere, wenn es in ein Meer stürzen sollte. Da wird sich ein gewaltiger Tsunami aufbauen.«


Sie zupfte ihren Kollegen am Ohr. »Auf geht’s, edler Römer, lass den Computer die Objektmasse ermitteln und vor allem den ungefähren Einschlagort.«


Mario straffte den Oberkörper, hieb auf die Arbeitsplatte und sagte mit gefestigter Stimme: »Falls die nächsten Berechnungen die gleichen Werte ergeben, muss ich den Kommandanten rufen und seine Genehmigung für die Abwehrmaßnahme einholen.«


Acht Minuten später stand ohne Wenn und Aber fest, dass URO 8 etwa 1.500 Kilometer südlich von Island in den Atlantik stürzen würde. Eine Katastrophe nie gekannten Ausmaßes bahnte sich an.


Mit fassungslos wirkenden Gesichtszügen starrten beide auf die Computerberechnungen, etwas sagen – sinnlos.


Mario informierte den Kommandanten, einen Russen namens Boris Suworow. Fünf Minuten später traf er mit seiner Stellvertreterin, der Chinesin Wang, und dem Brasilianer Carlos Mendez ein.


Der Italiener erläuterte die gewonnenen Erkenntnisse. Der Unterkiefer des Russen klappte herab. Die anderen Neuankömmlinge stierten den Hauptmonitor an. Mario hob eine Hand und sagte abschließend: »Eine Sache stört mich. Das Objekt tauchte urplötzlich in dieser relativ geringen Entfernung auf, als hätte ein Magier ein Kaninchen aus seinem Zylinder gezaubert, und das bereitet mir Kopfschmerzen.«


Der Kommandant stöhnte und winkte ab. »Nehmen Sie eine Tablette. Mit diesem Geheimnis können Sie sich später herumschlagen. Wir müssen jedenfalls sofort handeln.« Er schnaubte. »Keine Zeit mehr, die Zentrale zu verständigen und ihre Genehmigung einzuholen.«


Er stieß einen Zeigefinger in Marios Richtung und fuhr fort: »Coletti, Sie machen schleunigst die AR klar, meinen schriftlichen Befehl erhalten Sie später. Berechnen Sie zunächst, ob die Abdrängungsrakete ihre Aufgabe überhaupt erfüllen kann. Leider verfügen wir nur über eine, die zweite Rakete bringt man erst in sechs Wochen hoch.«


Die AR ruhte an einem Ende der Station in Halterungen. Ihre Arbeitsweise bestand darin, die vorderen zwei Drittel auf dem abzudrängenden Objekt abzusetzen. In diesem Teil lagen drei Triebwerke, die ihre Energie aus Festtreibstoff bezogen. Berechnungen zeigten, dass der Triebwerksschub genügte, einen bis zu 400 Meter durchmessenden Steinbrocken minimal von seinem Kurs abzudrängen, abzubremsen oder zu beschleunigen. Eine Erfolgsaussicht bestand allerdings nur, falls das Objekt einen gewissen Mindestabstand noch nicht unterschritten hatte.


Der Italiener ließ den Computer arbeiten. Minuten später präsentierte der Monitor den angespannt Wartenden das Ergebnis.


»Bei allen Heiligen und Teufeln!«, fluchte Mario. »Das Scheißding durchmisst 500 Meter und ist bereits zu nahe, keine Chance, es erfolgreich abzudrängen, obwohl die Masse weniger beträgt, als ich aus seiner Größe erwartete.« Er wischte Schweißperlen von der Stirn. Olivia stöhnte. Wang schlug eine Hand vor den Mund. Mendez und der Russe fluchten in ihren Muttersprachen.


»Was unternehmen wir jetzt?« Angst schwang in Olivias Stimme.


Der Kommandant schüttelte sich. Er straffte die Schultern. »Nichts«, knurrte er. »Ich informiere den Sicherheitsberater des Präsidenten.«


Er stach mit einem Finger nach Coletti. »Wann sagten Sie, erreicht der Scheißbrocken die Erde?«


Mario stöhnte. Die Gesichtsfarbe glich einer Gipswand. »In 32 Stunden. Unmöglich, die Millionen Menschen in Europa und Amerika aus den gefährdeten Gebieten zu evakuieren.«


»Das bedeutet das Aus für unsere Zivilisation«, murmelte Carlos Mendez mit belegter Stimme.


Schweigend starrten sich alle an, es gab auch nichts mehr zu sagen. Mit Tränen in den Augen drehte Olivia ihren Kopf zum Bildschirm. Der Kommandant gab sich einen Ruck. »Ich verständige direkt den Präsidenten, nützt ...«


»Halt! Halt – seht doch – der Hauptmonitor … der Kurs …«, stammelte die Astronomin. Ihre Stimme wollte sich überschlagen. »Der Kurs … das Objekt hat seinen Kurs geändert – unfassbar.«


Die übrigen Besatzungsmitglieder starrten mit einem Gesichtsausdruck wie Kinder, denen man ihr Spielzeug weggenommen hatte, auf besagten Schirm. Die gestrichelte Linie führte nun rechts an der Symbolerde vorbei, zwar nur knapp, aber immerhin.


Mario riss die Augen auf und studierte die aktualisierten Daten. Er schlug ein Kreuz. »Großer Gott, das gibt es doch gar nicht, ein Wunder«, stieß er hervor. »Tatsächlich, URO 8 wird die Erde im Abstand von rund 20.000 Kilometern passieren. Einfach unglaublich, wahrhaftig ein Wunder.«


Die restliche Crew sah sich entgeistert an.


»Sind Sie sicher, Coletti?«, knurrte der Kommandant. »Überprüfen Sie nochmals die Daten, ich gebe Ihnen fünf Minuten.«


Vor sich hin murmelnd befasste sich der Italiener mit den Berechnungen. Er schüttelte den Kopf. Er stöhnte.


»Was ist los?«, erklang die helle Stimme der Chinesin.


Der Kommandant stieß den Atem aus. »Genau. Stimmen diese Daten oder nicht?«


Mario wandte sich um, bekreuzigte sich erneut und sagte mit ratlos wirkendem Blick: »Ich verstehe überhaupt nichts mehr, Rätsel über Rätsel. Die Berechnungen stimmen, aber ...« Er schüttelte den Kopf.


»Was soll das heißen – aber?«, stieß Suworow hervor.


Mario nickte. »Die Kursänderung sieht jeder auf dem Schirm, doch URO 8 bewegt sich jetzt mit 70.000 km/h, das heißt, 5.000 mehr als vorhin. Äußerst rätselhaft.«


Er blickte in verständnislose Gesichter und fuhr fort: »Eine Sache bereitet mir jedoch gewaltige Kopfschmerzen …«


Der Kommandant unterbrach ihn. »Sie und Ihre Kopfschmerzen, ich verpasse Ihnen nachher ein ganzes Röhrchen Tabletten – und jetzt klären Sie uns auf.«


Der Italiener wischte Schweiß von der Stirn und fuhr fort: »Vor der Kursänderung erhöhte sich die Albedo von URO 8 schlagartig auf 0,92, heller als frischer Schnee im Sonnenschein. Vor 31 Sekunden nahm unser Rätselobjekt wieder die vorherige Albedo an, das verstehe, wer will, ich jedenfalls nicht.«


Ratlosigkeit ringsum.


Mario schaute Olivia an, die wie versteinert dastand. Ihr verklärter Blick schien am Ende der Galaxis zu ruhen.


»He, Teutonenfrau, näherst du dich einem Herzinfarkt?«, rief er. In seiner Stimme schwang Besorgnis.


Die Deutsche atmete hörbar aus. Die Augen strahlten. Sie lächelte. »Glücklicherweise nicht«, meinte sie. »Und vor allen Dingen nicht wegen deines Rätselratens. Im Gegenteil, mein Herz hüpft vor Freude, denn ich glaube, des Rätsels Lösung zu kennen.«


Der Kommandant schüttelte den Kopf und brummte: »Hört mal zu Leute, wir befinden uns hier nicht in einer Quizsendung im Fernsehen – raus mit der Sprache Hausner, was glauben Sie, zu wissen?«


Mit roten Flecken im Gesicht erklärte sie: »Mit etwas weniger Panik im Herzen und etwas mehr Logik gelangt jeder zu meinen Erkenntnissen. Unmissverständliche Anzeichen – meine ich jedenfalls.« Sie deutete auf den Hauptmonitor und fuhr mit selbstbewusst wirkender Stimme fort: »Bei URO 8 handelt es sich nicht um einen Asteroiden – ganz im Gegenteil. Dieses Objekt erfüllt einen Menschheitstraum. Ich bin mir absolut sicher, dass uns ein außerirdisches Raumschiff besuchen will.«


Überraschung. Aufregung. Unverständnis.


Der Russe zog ein Gesicht, als stehe die Rückkehr Stalins bevor. Er schüttelte sich und knurrte: »Wie gelangten Sie zu dieser abstrusen Annahme? Sie sollten uns schleunigst eine Erklärung liefern, sonst muss ich Sie wegen Weltraumkoller suspendieren.«


Glockenhelles Lachen erfüllte den Raum. Olivia strahlte und erläuterte mit fester Stimme: »Den ersten Hinweis lieferte mir das plötzliche Auftauchen des Objekts in praktisch unmittelbarer Nähe der Erdbahn. Keine Fehlfunktion des Teleskops, keine falschen Berechnungen der Computer. Das Raumschiff stammt eindeutig nicht aus unserem Sonnensystem. Die Erbauer des Schiffs beherrschen den Überlichtflug, wie auch immer, nur so lässt sich das schlagartige Auftauchen des Objekts erklären.«


Die Expertin für extraterrestrische Planeten sah sich Zustimmung heischend um. Sie blickte Mario an, dessen Gesichtsausdruck die Vermutung aufkommen ließ, dass ihm gerade die Muttergottes und sämtliche Engel erscheinen.


Die Chinesin schlug eine Hand vor den Mund und stammelte Worte in ihrer Muttersprache. Carlos Mendez vermittelte den Eindruck, als habe die brasilianische Fußballelf das entscheidende Qualifikationsspiel zur WM 2030 haushoch verloren.


Olivia führte ihre Beweisaufnahme fort: »Sicherheit verschaffte mir die Tatsache, dass unser Rätselobjekt Kurs und Geschwindigkeit unvermutet änderte. Das erschien mir völlig unlogisch, denn in weitem Umkreis befindet sich keine Masse, die ein derartiges Verhalten veranlassen kann. Die Beobachtungssysteme des fremden Schiffs erkannten, dass die Bewohner des Planeten Erde die Anfänge der bemannten Raumfahrt beherrschen. Der Schiffscomputer oder die Besatzung schlussfolgerte daher, dass wir in der Lage sind, uns unliebsame Objekte auf Kollisionskurs vom Hals zu schaffen. Um Abwehrmaßnahmen unsererseits zu entgehen, änderte man den Kurs. Gleichzeitig wollte man uns wissen lassen, dass sich ein Raumschiff der Erde nähert.«


Zögerliches Verstehen in der Gesichtsmimik der übrigen Besatzungsmitglieder. Der Kommandant hob eine Hand.


Olivia ließ ihn nicht zu Wort kommen. »Lassen Sie mich ausreden, danach können wir diskutieren. Den letzten und entscheidenden Hinweis lieferte das abrupte Ansteigen und Absinken der Albedo. Das bedeutet unmissverständlich, dass die Insassen oder die Computer die Triebwerke starteten und nach vollzogener Kursänderung abschalteten. Das Leuchten der Energieentfaltung ließ die Albedo in die Höhe schnellen.«


Olivia hob eine Hand. Sie blickte allen in die Augen und deklarierte mit Pathos in der Stimme: »Mit der Ankunft dieses Raumschiffes erleidet die Menschheit den Verlust ihrer Unschuld – einen minimalen Verlust, im Verhältnis zu dem gigantischen Gewinn, den sie im Gegenzug einstreichen wird.« Märchenglanz in den Augen. Sie lächelte wie selig.


Stille senkte sich wie eine zähe Masse in den Raum.


Mario schluckte und flüsterte: »Teutonenfrau, wunderbar formuliert, ein wahrhaft geschichtsträchtiger Satz.«


Der Russe starrte ein Loch in die Decke. Diskussionen brandeten auf. Niemand kam zu schlüssigen Ergebnissen. Nur der Römer schwenkte sofort auf Olivias Argumentationen ein.


Nach ein paar Minuten hob der Kommandant eine Hand und bat um Ruhe. »Das Diskutieren bringt uns nicht weiter«, meinte er. »Wir klären zunächst die Restbesatzung auf.« Er drehte sich um und verließ den Raum. Die übrigen Besatzungsmitglieder stelzten hinterher.


In der Zentrale saßen die Japanerin Machiko Kanzaki, der Amerikaner Bob Wood und der Inder Akbar Khan vor ihren Bildschirmen. Mario setzte sich vor den Hauptcomputer. Er ließ Bild und Daten auf dem 40-Zoll-Monitor erscheinen. Er studierte die aktualisierten Berechnungen und sagte zum Kommandanten: »Jetzt sehe ich klar, die Kursänderung unseres Objekts bewirkte auch, dass es der Flugbahn der Erde entgegen strebt. Behält es die Geschwindigkeit bei, trifft es bereits in 23 Stunden ein.«


Die drei Unwissenden sahen sich verständnislos an. Der Kommandant stellte sich in die Raummitte und hielt sich an einer Halteschlaufe fest, von denen mehrere von der Decke baumelten. »Ich rekapituliere jetzt unsere Erkenntnisse. Danach beantworten Hausner und Coletti Fragen.«


Er deutete auf den Zentralmonitor, auf dem der helle Fleck eine Kugelform angenommen hatte. Er erläuterte die Ereignisse der letzten Stunde.


Schweigen lastete im Raum, nur unterbrochen vom Summen der Klimaanlage. Bob Wood strich sich durch das blonde Stoppelhaar, grinste und sprach Olivia an: »Meine liebe Miss Hausner, ich hoffe nur, dass Sie nicht zu viele Science Fiction-Romane lasen, denn das bisher Gesagte erinnert mich an einen, der Ähnliches schildert.«


Lachen.


Der Kommandant verbat sich unpassende Äußerungen. Olivia und Mario beantworteten zahlreiche Fragen.


Schließlich ordnete Suworow an: »Wir befassen uns jetzt mit unserer normalen Arbeit. Nach dem Mittagessen erörtern wir gemeinsam in der Kantine die weitere Vorgehensweise. Jeder soll sich bis dahin Gedanken darüber machen.«


 


Nach dem Essen entbrannten heftige Diskussionen. Der Amerikaner und die Japanerin schlugen vor, die Zentrale zu verständigen. Die restliche Crew sprach sich dagegen aus.


Nach einer halben Stunde fällte der Kommandant die Entscheidung und begründete sie: »Zum jetzigen Zeitpunkt halte ich es verfrüht, die Zentrale zu informieren. Außerdem bin ich der Meinung, diese überhaupt nicht einzuweihen. Dort gibt es undichte Stellen, die Sache wird ihren Weg in die Presse finden und unsachlich ausgeschlachtet werden. Stellen Sie sich die Schlagzeilen vor: Aliens im Anflug auf die Erde. Das könnte zu einer Massenpanik ausarten. Wir wissen ja nicht einmal, ob sich überhaupt Lebewesen an Bord des Raumschiffs befinden. Es könnte sich um ein robotgesteuertes Schiff handeln. Ich schlage vor, morgen gegen acht Uhr eine endgültige Entscheidung zu fällen. Zu diesem Zeitpunkt steht das Raumschiff in unmittelbarer Nähe, falls es Kurs und Geschwindigkeit beibehält. Eventuell sollten wir warten, ob es oder die Besatzung bei uns anklopft. Hausner, Coletti und ich sehen es als einen Besucher an, und Besucher stürzen nicht mit der Tür ins Haus. Wir vertreten die Meinung, erst danach eine Meldung abzusetzen, und zwar direkt an den Sicherheitsberater des Präsidenten. Nur so können wir sicher sein, dass keine Informationen verfrüht den Medien zu Ohren kommen.«


 


Anfang 2017 hatten die Regierungen von zwei Dritteln der Staaten beschlossen, eine Weltregierung einzuführen. Eine Expertenkommission hatte sich zusammengesetzt und alles dazu Erforderliche geplant und in die Wege geleitet.


Am 2. Januar 2020 hatten die gewählten Senatoren und Abgeordneten der ersten Weltregierung ihre Arbeit in Brasilia aufgenommen. In einem weltumspannenden Auswahlverfahren hatte man sich auf diese Stadt als Welthauptstadt geeinigt. Dem Staatenzusammenschluss, dem zunächst 100 Länder angehörten, hatte man offiziell den Namen Weltunion gegeben. Drei Monate später hatte die Regierung Gewinne aus Devisenspekulationen mit einer 40-prozentigen Steuer belegt, Verluste durfte man nicht absetzen.


Im Verlauf von zwei Jahren hatten sich die restlichen Staaten der weltumspannenden Union angeschlossen.


Am 1. Mai 2023 hatte man begonnen, eine Weltwährung einzuführen, den Globo, dessen Wert 0,85 Euro entsprach. Zunächst führten die Verantwortlichen diese Währung in den Industriestaaten ein. 16 Monate später folgten weitere 30 Unionsstaaten.


Kurz darauf hatte die Weltregierung eine bedeutende Entscheidung gefällt, in dem sie Spekulationen mit Energie und Nahrungsmitteln verboten hatte.


Inzwischen gab es auf der Erde nur noch den Globo als Währung.


 


 


2


 


Am nächsten Morgen saß die Besatzung gegen 07:30 Uhr in der Zentrale. Jeder bestaunte auf dem Großmonitor das ehemalige URO 8. Es bestand überhaupt kein Zweifel mehr, dass sich ihnen kein Asteroid, sondern ein außerirdisches Raumschiff näherte.


Kopfschüttelnd meinte Carlos Mendez: »Schaut euch das Ding an. Die helle Lackierung oder Beschichtung ist etwas fleckig. Es ist kugelrund, eindeutig ein von intelligenten Lebewesen erbautes Gebilde. Eine Kugel ist sinnvoll, denn im Verhältnis zu ihrer Oberfläche besitzt sie den größten Rauminhalt, man spart also Material.«


Zustimmung.


Mario überprüfte die aktualisierten Daten und ließ den Computer einige Berechnungen ausführen. »Interessant«, murmelte er. »Sehr interessant und aufschlussreich.«


»Lassen Sie uns auch an Ihren Erkenntnissen teilhaben, Coletti?«, brummte der Kommandant.


Mario drehte sich um. »Im Verlauf der Nacht änderte das Schiff Kurs und Geschwindigkeit. Es nähert sich mit 52.000 km/h, und zwar von vorne und rechts oben in einem Winkel von 20 Grad. Die Entfernung beträgt rund 310.000 Kilometer. Die Berechnungen besagen, dass es zweifelsfrei einen Annäherungskurs fliegt.«


»Genau«, meinte Olivia. »Damit bestätigt sich meine Vermutung, dass es sich bei diesem Objekt nicht um ein robotgesteuertes Schiff handelt. In diesem Fall hätte es sich in größtmöglicher Entfernung von der Erde gehalten, um nicht entdeckt zu werden und Beobachtungssonden ausgesandt. Jetzt wissen wir mit Sicherheit, dass sich intelligente Lebewesen an Bord befinden, die der Erde und damit uns Menschen einen Besuch abstatten wollen.«


Zustimmendes Gemurmel.


»Ich sehe das ebenso«, meinte Suworow. »Ende der Spekulationen und Zweifel.« Er wandte sich dem Inder zu. »Mister Khan, stellen Sie mir eine verschlüsselte Verbindung mit Code Rot zum Sicherheitsberater des Präsidenten her.«


Ein paar Minuten später schildert der Kommandant dem Berater, einem Australier namens Rod Mitchell, die bisherigen Erkenntnisse. Eine Zeit lang drang nur Rauschen und Knistern aus den Lautsprechern.


Mitchell legte in seiner bekannt rasanten Art los: »Mister Suworow, ich vergattere Sie und die Besatzung zur absoluten Geheimhaltung des Projekts Entdeckung, wie diese mit der höchsten Geheimhaltungsstufe belegte Angelegenheit ab sofort heißt. Sie erwähnen gegenüber niemandem auch nur ein Wort. Anfragende Personen und/oder Institutionen verweisen Sie an mich. Über den weiteren Fortgang des Projekts berichten Sie ausschließlich mir. Ich werde den Präsidenten informieren. Haben Sie mich klar und deutlich verstanden?«


Der Kommandant verdrehte die Augen. »Unmissverständlich, Mister Mitchell. Sie können sich auf uns verlassen.«


»Danke, Mister Suworow.« Khan beendete die Verbindung.


Eine Stunde später brach Hektik aus.


»Seht euch das an«, rief Mario aufgeregt. »Das Schiff, es dreht.«


Mit aufgerissenen Augen beobachtete die Crew das Raumschiff. Olivia deutete auf den rechten Teil der Kugel. »Im letzten Drittel erkennt man einen umlaufenden Wulst mit Triebwerken, auf dessen höchster Erhebung zähle ich zehn Antriebsstrahlen, vermutlich Steuerdüsen.« Sie zeigte auf die vordere Schiffsrundung. »Da sieht man auch zehn Feuerlanzen, deren von hier nicht sichtbaren Düsen in entgegengesetzte Richtung feuern.«


Mit angespannt wirkenden Gesichtszügen, als liefen die entscheidenden Szenen eines Krimis ab, verfolgten alle die Schiffsdrehung. Die Energiespeere erloschen. Drei Minuten später flammte der Monitor hell auf, der Computer regelte die Helligkeit herunter. Die Menschen bestaunten grell blauweiß leuchtende Energielohen, die jetzt aus dem Wulst jagten. »Die Jungs warfen die Haupttriebwerke an«, kommentierte der Brasilianer und fuhr durchs dichte schwarze Haar.


Nach einer knappen Stunde erloschen die Energiespeere. Mario verlas die aktuellen Daten: »Geschwindigkeit 40.000, Entfernung 140.000. Annäherung erfolgt relativ rasch.«


Eine Viertelstunde später flammte der Bildschirm erneut auf. »Es bremst nochmals ab«, sagte Mario.


Nach dem Ende des Bremsvorgangs studierte der Italiener die Daten. Er sah zur Uhr. Grinsend wandte er sich um und warf verschmitzte Blicke auf seine Kollegen. »Wenn ich nicht irre, dürfte das Schiff gegen zwölf Uhr mit angepasster Geschwindigkeit neben uns herfliegen. Die Aliens kommen pünktlich zum Mittagessen, leider können wir ihnen nichts Besonderes anbieten, das gibt Minuspunkte für uns und die Menschheit.«


Lachen füllte die Zentrale.


Die Besatzungsmitglieder unterhielten sich aufgeregt. Sie äußerten Vermutungen über Ziele und Aussehen der Außerirdischen.


»Es dreht erneut«, rief die kleine Machiko Kanzaki mit ihrer Kinderstimme.


Alle starrten auf den Schirm. Nach vollendeter Drehung gab Mario die aktuellen Daten bekannt. »Entfernung 8.000, fast vor unserer Haustür. Sie tasten sich behutsam heran.«


Carlos Mendez nickte. »Das Raumschiff fliegt jetzt mit seinem Nordpol voraus, wie ich diese Schiffsseite nennen will, und über und hinter uns.«


Olivia starrte auf den Schirm. Sie wandte sich an Mario. »Betrachte mal das vordere Viertel, dort befinden sich in gleichmäßigem Abstand zwei kleine Kugeln. Kann dein Computer deren Durchmesser ermitteln?«


Der Römer bearbeitete Tastatur und Trackball. »Die Dinger durchmessen 80 Meter und ruhen mittig 20 Meter in einer Vertiefung des Rumpfes.«


Er vergrößerte den Bildausschnitt. Ein Wulst mit Öffnungen umlief das herausragende Kugelteil. Aus dem Äquator ragten, gleichmäßig verteilt, fünf Streben. »Was könnte das sein?«, murmelte er.


Carlos Mendez, ein erfahrener Shuttlepilot, trat vor. Er musterte die vergrößerte Kugel. Sein Gesicht hellte sich auf. »Ich hab’s«, rief er. »Donnerwetter, clevere Aliens. Ich vermute, dass sich auf der von uns abgewandten Seite, weitere zwei dieser Kugeln hocken.« Er deutete darauf und erklärte: »Es handelt sich um Fähren. Das Riesenschiff kann wegen seiner enormen Masse nicht auf einem Planeten landen und erst recht nicht von dort starten. Die Jungs benutzen die Kugelfähren zum Material- und Personentransport. Der Wulst enthält acht Triebwerke. Die Streben stellen die ausfahrbaren Landebeine dar. Das Mitführen der Fähren außerhalb spart viel Platz innerhalb des Schiffsrumpfs, eine intelligente Lösung.«


Erregtes Murmeln.


Nochmaliges Feuern der Schiffstriebwerke. Mario las die Ergebnisse, blickte zur Uhr und gab bekannt: »Die Aliens holen auf. Entfernung 2.000 Kilometer.«


Die ängstlich wirkende Stimme der Chinesin erklang. »Hoffentlich rammt es uns nicht, das wäre unser Ende.«


Olivia ließ ein kehliges Lachen ertönen. »Das glaube ich nicht, Wang. Die Jungs verstehen ihr Handwerk.«


Bob Wood lachte ebenfalls und meinte: »Ich glaube eher, dass sie genau wie wir vor ihren Monitoren sitzen und die Arbeit ihrer, sicher hoch entwickelten, Computer beobachten und nur im Notfall eingreifen.«


Zustimmung.


Die Steuerdüsen des Raumschiffes feuerten noch ein paar Mal. Eine Viertelstunde nach der letzten Kurskorrektur sah sich Mario die Daten an. Er blickte auf. Er lachte. »Ich glaube, die Aliens stehen auf ihrer gewünschten Position. Ihr Schiff steht 500 Kilometer über uns und fliegt exakt mit unserer Geschwindigkeit.« Er sah zur Uhr und fuhr fort: »12:13 Uhr, die Jungs wollen pünktlich ihr Mittagessen. Jemand sollte aus der Musikdatenbank eine Willkommensmelodie abspielen, vielleicht hören sie uns ab.«


Das Lachen der Crew klang bedrückt. Jedem schien klar, dass bald der bedeutungsvollste Augenblick in der Geschichte der Menschheit bevorstand: das Zusammentreffen von außerirdischen Intelligenzwesen mit den acht Mitgliedern der Raumstation, die hier und jetzt die menschliche Rasse repräsentierten.


»Ich könnte ein paar Funksequenzen auf verschiedenen Frequenzen senden«, schlug Akbar Khan vor.


Der Kommandant schüttelte den Kopf. »Nichts da«, beschied er dem Inder. »Die Aliens besuchen uns, daher sollen die den ersten Schritt tun und bei uns anklopfen, wie es sich für anständige Leute gehört.«


Bob Wood grinste und meinte: »Vielleicht handelt es sich ja um unanständige Leute und ...« Abrupt verstummte er und riss Mund und Augen auf.


 


Die Lautsprecher erwachten zum Leben.


 


Über ein Jahr zuvor.


Dämonenhaft glomm ein rotes Auge in tiefster Schwärze. Es lauerte allerdings kein Zyklop aus der irdischen Sagenwelt in einer finsteren Höhle auf unvorsichtige Wanderer, oh nein, ein echter roter Riese verschleuderte seine Energie in die unermesslichen Weiten des Weltalls. Die gigantische Sonne überschüttete ihre vier verbliebenen Planeten mit brutaler Hitze und tödlicher Strahlung.


Unvermittelt tauchte in 800 Millionen Kilometer Entfernung ein von intelligenten Wesen gefertigtes Produkt auf. Ein Staubkorn im Vergleich zu der Riesensonne, ein Gigant im Vergleich zu einem Menschen.


Eine perfekte Kugel von 500 Metern Durchmesser schwebte bewegungslos im All. Das mattschwarze Raumschiff hatte den mysteriösen Überraum verlassen.


Übergangslos erschienen 16 blauweiße Energielanzen aus dem 70 Meter dicken Wulst, der die Kugel im unteren Drittel umlief. Das Schiff setzte sich behäbig in Bewegung. Es musste zunächst die Trägheit seiner enormen Masse überwinden. Kilometerweit stachen die jetzt grell weißen Plasmaspeere der Triebwerke in die Schwärze des Alls. Immer schneller jagte das Raumschiff dahin. Die Nordpolkuppel zeigte auf einen unscheinbaren Stern.


Die Energielohen erloschen. Die schwarze Kugel strebte mit der gewünschten Geschwindigkeit dem rund neun Lichtjahre entfernten Sonnensystem AG 137/87 entgegen.


 


 


2


 


Bedrohlich wirkendes Knacken, Knistern und Poltern durchliefen den 500 Meter durchmessenden TT 6, einen Truppentransporter. Ein heftiger Ruck. Die Andruckabsorber, kurz AA genannt, jammerten. Das Dämpfungssystem in den Sockeln der im Brückenboden verankerten acht Life-Kontursessel fing die restlichen horizontal wirkenden Kräfte auf. Ein paar Wasserflaschen flogen durch die kreisrunde Kommandobrücke. Die charakteristischen Geräusche und Vibrationen, die einen Überlichtflug begleiteten, erstarben.


Eine Kinderstimme drang aus der Konsole des ChefComp, des Hauptcomputers: »Sicherheitsautomatik warf TT 6 in den Normalraum zurück. Fehlfunktion Überlichttriebwerk. Ausfall Überlichtfunk.«


Jetzt musste die Besatzung die unerfreuliche Sache in die Hand nehmen, die Schäden lokalisieren und überprüfen, ob man sie mit Bordmitteln beheben konnte, falls nicht – na dann, Mahlzeit.


»Verdammte Scheiße«, knurrte der Ortungsoffizier, auch Ort-Off genannt. »Hoffentlich nichts Dramatisches.«


»Ruhig Blut«, grollte der Kommandant, ein Schwarmführer 3. Klasse – entspricht einem Major – der mittig auf der Kommandobrücke in einem mit echtem Leder bezogenen Kontursessel thronte. Er bellte los: »Navigator, stellen Sie unsere Position fest. T-Off, Sie hängen sich vor die ÜL-Konsole und überprüfen die Statusmeldungen.«


Der Schwarmführer glitt aus dem Sessel. Er stellte sich hinter seinen Technikoffizier, der vor der Überlichtkonsole Platz nahm. Der T-Off legte zwei Schalter um und quälte die Sensotastatur. Auf Raumschiffen bediente man Computer und Bildschirme aus Sicherheitsgründen immer noch mit Tastatur, Trackball, Tasten und Schaltern.


Auf vier der acht Flachbildschirme liefen die Statusanzeigen durch, bisher nur grün unterlegte. Ab und zu blitzte eine gelbe Zeile auf. Zweimal leuchtete es rosafarben. Der Kommandant grunzte, offenbar zufrieden. Minuten später beendete der Computer die Überprüfungen. Neben den zwei rosa Meldungen standen fünf gelbe auf einem Monitor. Mit freudig wirkendem Schnauben und Prusten kommentierten die beiden Offiziere das Ergebnis.


»Den Heldengöttern sei Dank«, meinte der Kommandant. »Checken Sie den ÜL-Funk. Anschließend marschieren Sie in die Technikerquartiere, scheuchen die Kerle auf und lassen den Reparaturaufwand feststellen. Danach erstatten Sie mir Bericht. Noch Fragen, Kolonnenführer 1. Klasse?«


«Nein, Herr Kommandant. Ich klemme mich sofort dahinter.«


Fünf Minuten später rief der T-Off: »ÜL-Funk nur drei gelbe Meldungen. Ich mache jetzt den Technikern Dampf.« Der Offizier rauschte von der Brücke.


Gelbe Meldungen bedeuteten leichte bis mittlere, rosa Meldungen schwere Defekte, alle jedoch mit Bordmitteln zu beheben. Die Schäden von rot unterlegten Anzeigen konnte nur ein Werkstattschiff oder eine Werft reparieren.


Zischend teilte sich die Hartstahltür der Brücke. Der einzige Passagier des Raumschiffs betrat den Raum. Das Ehrwürdige Clanmitglied gehörte, wie alle acht Offiziere an Bord des TT 6, der Art der Reptilien an, intelligenten Reptilienabkömmlingen, Roptare genannt.


Einem Menschen hätte der Anblick eines solchen Reptils schlaflose Nächte bereitet.


Der Ankömmling maß exakt zwei Meter, mit breitem, ovalem Brustkorb, kräftigen Armen und Oberschenkeln und relativ dünnen Unterschenkeln. Die 37 Zentimeter langen Füße steckten in halbhohen schwarzen Stiefeln. Die Riesenhände endeten in kurzen und plumpen Fingern. Der Echsenkopf, länglich und an den Seiten etwas flach gedrückt, besaß eine 30 Zentimeter lange abgestumpfte Schnauze, hinten 18 und vorne 14 Zentimeter breit. Auf der breitesten Stelle des Schädels konnte man von faltiger Haut umgebene Ohröffnungen erkennen. Die ovalen Augen standen leicht seitlich. Die eng gefügten Schuppen des Roptar schimmerten flaschengrün. Nur wenige braune Farbtöne hatten sich dazwischen breitgemacht, das deutete auf ein mittleres Alter dieses Exemplars hin. Bei wechselndem Lichteinfall changierte die Oberfläche der Schuppen, hellte sich auf und verdunkelte sich, imitierte so Licht und Schatten. Das ergab in den Dschungeln, in denen der Ursprung der Roptare lag, eine hervorragende Tarnung ab.


Das Clanmitglied grunzte und öffnete die vier schwarzen Metallverschlüsse seiner kurzen, ärmel- und kragenlosen Jacke, die goldfarben leuchtete. An einem mattschwarzen Gürtel hing rechts ein Etui mit seinem VidCom und daneben eine kurzläufige Betäubungspistole. Links ragte der schwarze Griff eines Messers aus einer schwarz-goldenen Scheide.


Die drei Offiziere nahmen Habtachtstellung ein. Ihre dienstfreien Kameraden schliefen.


»Weitermachen«, knurrte das Mitglied des Ehrwürdigen Clans der Roptare und heftete die giftgelben Augen mit den senkrechten Pupillenschlitzen auf den Kommandanten. »Was ist vorgefallen, Schwarmführer?« Tiefe Tonlage, gutturale Laute, gepresst klingende keuchende und kollernde Stimme, für einen Menschen schwer zu verstehen.


Der Angesprochene erstattete Bericht.


Das Clanmitglied winkte ab. »Die Heldengötter beschützten uns. Wie lange dauern die Reparaturen?«


Bevor der Schwarmführer antworten konnte, meldete sich der T-Off über BordCom. »Herr Kommandant, die Kerle reparieren in den nächsten sechs Stunden den ÜL-Funk. Der Ausbau der defekten Teile des Triebwerks läuft. Die Ingenieure wollen alle Arbeiten, einschließlich der Überprüfungen, in rund 28 Stunden abschließen. Ende.«


»Hervorragend. Weitermachen. Ende und Aus.«


Der Kommandant wandte sich dem Navigator zu. »Wo bleibt Ihre Positionsmeldung?«


»Kommt sofort«, kollerte dieser. Er zeigte auf dem Zentralmonitor seiner Konsole auf den Ball einer Sonne. »Ein Roter Riese, rund 808 Millionen Kilometer entfernt. Die Systembezeichnung lautet AG 137/98. Wir befinden uns also noch im 137. Außengau der Union. Die Sicherheitsautomatik warf uns 71 Stunden nach Eintritt in den Überraum zurück. Wir stehen 28,143 Lichtjahre über und 12,311 links unseres Kurses, aber 42,439 LJ näher an unserem Ziel.«


Das Clanmitglied unterbrach ihn. »Sehr erfreulich, wir ersparen uns drei Tage Überlichtflug – machen Sie weiter.«


»Jawohl, Ehrwürdiger. Einsame Gegend hier. Im Umkreis von zwölf LJ gibt es nur diese Riesensonne und drei unbelebte Systeme. In einem davon fördert man auf dem dritten Planeten Rohstoffe. Es handelt sich um AG 137/87, ungefähr neun Lichtjahre entfernt. Wir sind in der glücklichen Lage, die Schäden beheben zu können, andernfalls müssten wir kläglich verhungern.«


 


Nach Einführung des Überlichtantriebs vor rund 1.400 Jahren durch Wissenschaftler der Galaktischen Union verschwanden bisher 152 Raumschiffe spurlos während des Überlichtfluges. Nur sieben dieser Schiffe hatte man Jahre nach dem Verschwinden zufällig entdeckt. Die Untersuchungen ergaben, dass sowohl Überlichtantrieb als auch Überlichtfunk irreparable Schäden aufwiesen. Die Ursachen dafür hatte man nie gefunden. Das Sensationelle lag aber in der Tatsache, dass man die Schiffe bis zu 200 Lichtjahre von ihrem ursprünglichen Kurs entfernt aufgefunden hatte.


 


Der Kommandant nickte. Er befahl: »Steuermann. Gehen Sie auf Geschwindigkeit 60 (60.000 km/h) und steuern Sie Heimatkurs.«


Das Ehrwürdige Clanmitglied prustete wie ein irdisches Nilpferd, entblößte ein furchterregendes Gebiss und fixierte mit den lidlosen Augen den Kommandanten.


»Sie finden mich in meiner Kabine.«


»Sehr wohl, Ehrwürdiger.«


Bevor dieser das Vorhaben in die Tat umsetzen konnte, erwachten die Lautsprecher. Eine herrisch klingende Männerstimme füllte die Brücke. »Truppentransporter 6. Hier Unionsschiff EXPLORER. Meine Automatik warf mich vor sechs Tagen in den Normalraum. Meine Überlichtkomponenten weisen irreparable Schäden auf. Den Notruf über Normalfunk setzte ich bereits ab. Ich stehe in Entfernung 740 von Ihnen und bewege mich mit Geschwindigkeit 30 auf Sie zu. Ich gebe Ihnen die genaue Standardzeit, meine Position und meinen Kurs Richtung AG 137/87 in Relation zu dem Roten Riesen AG 137/98.«


Die Stimme leierte den Zahlensalat herunter, den der Nachrichtencomputer, kurz NachComp genannt, wie alle ein- und ausgehenden Meldungen, speicherte. Sie sprach weiter: »Sie schicken die Daten sofort an das Hohe Oberkommando der Raumflotte. Die Antwort des HOK übermitteln Sie mir umgehend. Ende meiner Nachricht. Bestätigen Sie mir den Empfang. Ende und Aus.«


Die Lautsprecher verstummten.


Völlig regungslos, wie es ihrer Art entsprach, hatten die vier Roptare der Stimme gelauscht und mit den leblos wirkenden Augen die Nachrichtenkonsole fixiert. Die Reptilien verfügten weder über eine Gesichtsmimik noch eine Körpersprache, sodass ein Außenstehender nichts von ihrem Gefühlsleben, falls sie überhaupt welches besaßen, mitbekam. Ein Mensch hätte den Eindruck gewonnen, Wachsfiguren in einem Horrorkabinett zu beobachten.


Der Kommandant erwachte aus seiner Starre. Er schien empört. »Was war denn das für ein schwachsinniger Hohlkopf?«, grollte er. »Der Saftsack glaubt wohl, dass wir verblödet sind und nicht wissen, was in einem solchen Fall zu unternehmen ist.«


Das Clanmitglied hob eine der Riesenhände. »Regen Sie sich nicht auf, Schwarmführer. Es sprach eben kein Mensch zu uns. Ich werde Ihnen nachher ein paar Erklärungen liefern.«


Die Offiziere starrten den Ehrwürdigen an, als sei dieser verblödet. Er glitt in der unnachahmlichen Art eines Reptils zum NachComp und ließ sich in den Kontursitz fallen, der daraufhin schauerliche Geräusche von sich gab. »Scheißsessel!«


Der Kommandant stellte sich dahinter. Die übrigen Offiziere liefen geschmeidig hin und her.


Roptare saßen nicht gern, das lag in ihrer Anatomie begründet. Der Reptilienschwanz hatte sich im Laufe ihrer Evolution zu einem 30 Zentimeter kurzen und armdicken Stumpf zurückgebildet. Dieser rudimentäre Schwanz stand schräg nach oben gerichtet von der unteren Rückenpartie ab. Das machte das Sitzen naturgemäß nicht einfach. Die Reptilien benötigten spezielle Sitzmöbel, in deren Rückenlehnen in Höhe des Stumpfes eine Aussparung vorhanden sein musste. Am liebsten jedoch standen die Roptare oder liefen hin und her, so wie diese beiden Offiziere jetzt.


Das Mitglied des Ehrwürdigen Clans drückte mit einem Zeigefinger eine Taste, legte einen Schalter um und sagte mit seiner grollenden Stimme: »Unionsschiff EXPLORER. Hier spricht der Kommandant TT 6, RATR-S3-3598.« Er nannte dessen Dienstnummer. Kein Mensch konnte die Namen der Roptare aussprechen und verstehen. »Ich bestätige den Empfang Ihrer Nachricht. Die Sicherheitsautomatik warf TT 6 vor einer Stunde aus dem Überraum. Die Schäden an den Überlichtkomponenten können wir mit Bordmitteln beheben. Die Reparatur des ÜL-Funks beansprucht rund 50 Stunden. Danach werde ich Ihre Meldung dem HOK übermitteln und dessen Antwort Ihnen unverzüglich mitteilen. Ende und Aus.«


Der plumpe Zeigefinger brachte den Schalter in seine Ausgangsstellung. Das Clanmitglied erhob sich, vom Sessel fröhlich quietschend registriert.


Die Lautsprecher legten los. »TT 6. Hier Unionsschiff EXPLORER. Ich habe Ihre Meldung erhalten und akzeptiert. Steuern Sie einen Annäherungskurs und fliegen Sie parallel zu mir, bis die Nachricht des HOK eintrifft. Sie können mit einer Belohnung rechnen. Ende und Aus.«


Die Offiziere prusteten. Das Clanmitglied grunzte. Es wandte sich dem Kommandanten zu. »Schwarmführer, Sie hörten es. Legen Sie TT 6 in 150 Kilometer Entfernung neben diesen Kahn. Ich will das Manöver in sieben Stunden abgeschlossen sehen.«


»Sehr wohl, Ehrwürdiger.«


Der Ehrwürdige keckerte. Die Schuppen der Arme richteten sich knisternd auf. Er schnaubte laut und irgendwie merkwürdig und legte die beeindruckenden Reißzähne frei, ein Zeichen, dass er einen Kampf annahm. Er lehnte sich gegen den erhöht angebrachten Kommandantensitz. Mit dem typisch starren Reptilienblick sah er reihum die drei Offiziere an. »Sie fragen sich, was meine Vorgehensweise bedeutet«, sagte er. »Erstens. Wir benachrichtigen keineswegs das HOK. Zweitens. Wir gehen nachher an Bord des Schiffes und sehen uns dort um. Es fliegt ohne Besatzung. Es handelt sich um ein Robotschiff.«


Die Offiziere kollerten, grunzten und keckerten, ob vor Überraschung oder Freude, konnte man nicht erkennen.


Das Clanmitglied forderte herrisch Ruhe und fuhr fort: »Sie wissen, dass die Computer problemlos jedes Raumschiff, auch ohne Besatzung, von A nach B fliegen können. Die Problematik liegt in den Wartungs- und Reparaturarbeiten während des Fluges, dazu braucht man ausgebildetes Personal. Wissenschaftler und Ingenieure der hässlichen Herrenmenschen begannen vor etwa 13 Jahren mit der Konstruktion und dem Bau dieses Robotschiffs. Der entscheidende Punkt lag in der Entwicklung eines Wartungs- und Reparaturcomputers, kurz WaRComp genannt, und der Herstellung verschieden gestalteter Wartungs- und Reparaturroboter, die man WaRRob nennt. Vor über zwei Jahren schickten die Herrenmenschen das geheimnisumwitterte Schiff auf eine Erkundungsmission. Sie sollte in eine Region in unserem Spiralarm führen, die rund 3000 Lichtjahre von den Grenzen der Union entfernt liegt. Sinn und Zweck dieser Mission kenne ich allerdings nicht.«


Der Kommandant hob eine Hand, doch das Clanmitglied winkte ab. »Woher ich das alles weiß, braucht Sie nicht zu interessieren, nur so viel an dieser Stelle: Der Ehrwürdige Geheimdienst unseres Ehrwürdigen Clans verfügt über einen Informanten im HOK der Raumflotte, einen Herrenmenschen selbstverständlich.«


 


Die erwähnten Herrenmenschen, wie sich diese Rasse selbst bezeichnete, hatten vor über 1300 Jahren die Galaktische Union gegründet. Deren Heimatplanet EERDUR lag im geografischen Zentrum der Union und bildete mit einem zweiten bewohnten Planeten und zwei unbelebten Systemen den sogenannten Innersten Zentralgau. Um diesen gruppierten sich sechs Zentralgaue, umgeben von 46 Innengauen. 139 Außengaue vervollständigten das Gebilde, das grob die Form einer Kugel von ungefähr 1600 Lichtjahren Durchmesser besaß. Größe und Form der einzelnen Gaue variierten stark, da in jedem Gau ein bewohnter Planet liegen musste, von denen 30 eine Urbevölkerung aufwiesen.


Die Menschenrassen dieser Planeten standen zum Zeitpunkt ihrer Entdeckung auf einem weitaus niedrigeren Zivilisationsniveau als die Herrenmenschen, die diese Tatsache skrupellos ausgenutzt und die bedauernswerten Eingeborenen unterdrückt und ausgebeutet hatten.


Der erste Planet, den die Herrenmenschen besiedelten, stand nur elf Lichtmonate von EERDUR entfernt und besaß eine Urbevölkerung. Diese Menschen befanden sich damals auf einer Entwicklungsstufe, die der in Mitteleuropa nach dem Niedergang des Römischen Reiches ähnelte. Die Herrenmenschen nannten den Planeten EERDUR 2, der später mit EERDUR die Keimzelle der Galaktischen Union bilden sollte, und beuteten die Einheimischen gnadenlos aus.


In den Anfangsjahren der Besiedlung des Nachbarplaneten bezeichnete irgendjemand in irgendeiner Nachricht die Eingeborenen als Untermenschen. Die Verantwortlichen definierten die Menschen flugs als eigene Art, die nichts mit der Hohen Rasse der Herrenmenschen gemeinsam hatte. Diese heuchlerische Maßnahme sollte ihr Gewissen beruhigen.


Mit dieser Bezeichnung belegte man später jede neu entdeckte Menschenrasse.


 


Das Clanmitglied wandte sich an den Kommandanten. »Schwarmführer, ich gehe in meine Kabine und befasse mich mit dem Robotschiff. Danach erläutere ich Ihnen meine Vorgehensweise.« Es rauschte von der Brücke.


In der Kabine schnappte es sein ultraflaches MediPad und ließ das Dokument des Schiffes auf dem kristallklaren 3-D-Display erscheinen. Es enthielt sämtliche Unterlagen, die der Geheimdienst bisher über das Schiff gesammelt hatte.


Das Mitglied des Ehrwürdigen Clans der Roptare war der Chef des Geheimdienstes, diese Tatsache musste natürlich geheim bleiben.


Mit starrem Blick las der Geheimdienstchef das Dokument.


Er grunzte, stand er auf, streckte sich und bleckte eigenartig das Raubtiergebiss. Geschmeidig lief er in dem 20 Quadratmeter messenden Raum auf und ab. Er schien in seinem Reptiliengehirn verschiedene Gedanken kreisen zu lassen.


Die Kabine gehörte ehemals dem Kommandanten des Schiffes. Vor vier Jahren hatte das HOK TT 6 ausgemustert und zu einem günstigen Preis dem Ehrwürdigen Clan verkauft, der den Transporter generalüberholen ließ.


Das Clanmitglied prustete, kollerte und blähte die beiden Nasenöffnungen auf der vorderen Oberseite der stumpfen Schnauze. Der Roptar warf einen Blick zur Uhr, nickte und rief über BordCom die Brücke. Der Schädel des Kommandanten erschien auf dem Acht-Zoll-Monitor. »Ehrwürdiger?«


»Schicken Sie die Ingenieure von EESRA 4 in meine Kabine.«


»Sehr wohl, Ehrwürdiger.«


 


 


3


 


Sieben Tage vor den geschilderten Ereignissen.


TT 6 flog im Auftrag des Ehrwürdigen Clans von RAATOR, dem Heimatplaneten der Roptare, nach EESRA 4. Gegen 6:40 Uhr Ortszeit dockte das schreiend rosa lackierte Kugelraumschiff im orbitalen Zivilraumhafen an.


Der wunderbare Planet, Zentrum des 137. Außengaues der Galaktischen Union, fungierte zugleich als Stützpunkt der für neun Außengaue zuständigen 21. Raumflotte. Dank des warmen Klimas und der herrlichen Landschaften lebte es sich sehr angenehm hier. Heutzutage, 205 Jahre nach seiner Entdeckung, beherbergte der Planet 86 Millionen der elitären Herrenmenschen, die fünfthöchste Bevölkerungszahl eines Planeten in der Union.


Die Eingeborenen von EESRA 4 hatten sich zum Zeitpunkt der Entdeckung auf einem Niveau befunden, das dem der Bronzezeit auf der Erde entsprach. Leichtes Spiel also für die Eroberer. Man versklavte die sogenannten Untermenschen, wie alle auf früher entdeckten Planeten. Zurzeit schwankte die Zahl der Eingeborenen um die 53 Millionen, mehr ließen die neuen Herren nicht zu. Dazu kamen noch die 14 Millionen Untermenschen, die man nach und nach von anderen Planeten hierher verschleppt hatte. Man benötigte sie aufgrund ihrer unterschiedlichen Fähigkeiten, welche die Eingeborenen nicht aufwiesen.


Diese Menschen mussten Arbeiten verrichten, die den Herrenmenschen zu primitiv erschienen oder die sie nicht ausführen wollten. Die Verschleppten lebten in ihren gewohnten Familienverbänden und vermehrten sich auch. Die Anzahl ihrer Kinder blieb aber auf zwei beschränkt, was Zwangssterilisationen sicherstellten. Menschen, die 60 Jahre überschritten, tötete man gnadenlos, ebenso schwer Erkrankte und Verletzte. Das teilte man den Angehörigen allerdings nicht mit. Ausgaben für medizinische Versorgung fielen daher kaum an. Altersvorsorge und Rentenzahlungen für Untermenschen gab es überhaupt keine. Das senkte erheblich die Kosten.


Die Anzahl der hierher Verschleppten sollte die vorgenannte Zahl nicht überschreiten. Genügten die oben erwähnten Maßnahmen nicht, brachte man Familienmitglieder auf andere Planeten. Das hatten die Menschen nicht immer klaglos hingenommen. In der Vergangenheit hatte es mehrmals Aufruhr und auch Aufstände gegeben, doch Roptare hatten diese jedes Mal brutal und blutig niedergeschlagen.


Auf diese Art und Weise behielten die Herrenmenschen ihre Untertanen stets im Griff.


 


Der Geheimdienstchef bestieg eine der beiden Bordfähren, setzte sich in einen der 24 Kontursessel im Passagierabteil und legte den Hosenträgergurt an. In der Pilotenkanzel saßen zwei seiner Artgenossen. Eine Cockpittür gab es nicht, Roptare hassten Türen.


Die Fährentür verriegelte sich. Leistungsstarke Pumpen saugten die Luft der Schleusenkammer ab. Das zweigeteilte Schleusentor schwang zur Seite. Ein mit Diamantpunkten übersätes schwarzes Samttuch erschien auf den Bildschirmen an den Wänden neben den Sitzreihen.


Das magneto-energetische Katapult schleuderte die Fähre vehement in die gähnende Leere. Die AA stöhnten. Das Fluggerät stürzte zur Oberfläche des Planeten hinab. Beim Eintritt in die Atmosphäre schalteten sich die energetischen Hitzeschilde, die EHS, ein, trotzdem stieg die Temperatur deutlich an, von der Klimaanlage mit gesteigertem Fauchen quittiert.


Die 47 Meter lange Bordfähre glich einem Dreieck. Das 27 Meter breite Heck maß 20 in der Höhe. Nach vorne verjüngte sich das Fluggerät auf neun, bei sechs Meter Höhe. Zwölf Meter hinter dem abgerundeten Bug wuchsen aus den Flanken schmale, dreieckige Flügel. In dichter Atmosphäre verbreiterten sie sich auf das Doppelte.


Die Fähre ruckte hin und her. Sie begann in einer lang gezogenen Schleife den Endanflug. Die Fläche des Raumhafens erschien auf den Monitoren. Ein Jaulen klang auf. Stark abbremsend senkte sie sich waagrecht ihrem Landeplatz entgegen. Von Knirschen, Quietschen und einem Ruck begleitet, setzten die Landekufen auf. Winselnd beendeten die Absorber ihre Arbeit. Der Triebwerkslärm erstarb. Die Anschnallgurte lösten sich selbsttätig. Zischend glitt die Außentür auf.


Der Roptar stand um 9:40 Uhr seinem Verhandlungspartner, einem Herrenmenschen im Range eines Stabskapitäns 1. Klasse (Oberst), gegenüber. In Gegenwart eines Herrenmenschen durften Roptare sich nicht setzen, was diese allerdings nicht störte.


Der Offizier mit Namen Heer veen Zeedor stellte einen typischen Vertreter seiner Rasse dar. Der weißhäutige Mann maß 2,14 Meter und besaß einen gertenschlanken, geradezu mageren, Körper. Im schmalen Gesicht zeichneten sich deutlich die Gesichtsknochen ab. Den lang gezogenen Schädel bedeckte halblanges Haar, glatt und weiß.


Unter jeder Schulter seiner knielangen weißen Jacke funkelten drei goldene Kometen, die den militärischen Rang dokumentierten. Er leitete in der Militärdienststelle Fremdrassige Beschäftigte die Personalabteilung für Untermenschen, die der Militärbehörde gehörten. Daneben besaßen Unions- und Gaubehörden ebenfalls solche Menschen. Die Behörden beschäftigten selbst einen Teil von ihnen. Die Mehrheit stellten sie jedoch Unternehmen und Privatpersonen als Leiharbeiter zur Verfügung.


Die Arbeitgeber mussten monatlich eine Leihgebühr bezahlen. Die Behörden nahmen selbst die Entlohnung der Arbeitnehmer vor, dabei lag der Betrag, den sie den Arbeitgebern berechneten, deutlich über dem, den jeder Einzelne ausbezahlt bekam. Die Differenz floss in die Kassen der jeweiligen Behörde. Ein lukratives Geschäft.


Der Geheimdienstchef hatte sich sechs Wochen zuvor, dank seiner vielfältigen Beziehungen, die Namen von zwei fähigen Computeringenieuren besorgt. Vor dem Reiseantritt hatte er per ÜL-Mail Heer veen Zeedor wissen lassen, dass der Ehrwürdige Clan bereit sei, monatlich 400 Eedu mehr an Leihgebühr zu zahlen (ein Eedu entsprach 0,92 EURO). Da hatte er bei den geldgeilen Herrenmenschen offene Türen eingerannt. Aus seinem Geheimfonds hatte er dem Offizier 2.000 Eedu zukommen lassen, sozusagen ein kleines Dankeschön für dessen Bemühungen.


Die Verhandlungen verliefen zügig. Nach Zahlung von 3.000 Eedu Bearbeitungsgebühr signierten Mensch und Reptil mit ihren elektronischen Unterschriften das Vertragswerk. Der Geheimdienstchef hatte neben den beiden Ingenieuren noch vier Computertechniker, die von DAARIOS 3 stammten, unter den acht Monaten laufenden Vertrag genommen. Den Arbeitgebern, die diese Menschen zurzeit beschäftigten, musste der Ehrwürdige Clan eine Ablösesumme in Höhe zweier Monatslöhne zahlen.


Kurz vor zwölf verließ das Clanmitglied das zweistöckige Gebäude auf dem militärischen Teil des Raumhafens. Es mietete einen Gleiter, der zehn Personen transportieren konnte, und schwebte in die Innenstadt. Es verputzte in einem Lokal, in dem nur Roptare verkehrten, zwei Kilo Fleisch und 200 Gramm Beeren. Später schlenderte es durch einen dschungelähnlichen Park der Hauptstadt Eesrasa.


Am nächsten Tag der Geheimdienstchef die beiden Ingenieure um zehn Uhr vor ihrer Wohnung ab. In einer der prächtigen Gartenanlagen besprachen sie sich. Er veranstaltete mit seinen Neuerwerbungen eine Einkaufstour.


Die Computeranlagen des Ehrwürdigen Clans, der Revier- und der Hauptstadtverwaltung, der Natur- und Jagdbehörde und des Geheimdienstes mussten erneuert werden, ebenso die Betriebssysteme und umfangreiche Teile der Software.


Um 17:15 Uhr beglich der Roptar die happige Rechnung. »Die Waren stehen, wie gewünscht, Morgen um zehn Uhr in der Frachthalle des zivilen Raumhafens bereit«, krächzte der Geschäftsinhaber, ein älterer Herrenmensch mit gelb verfärbten Haaren und fahlgrauen Augen.


Früh am nächsten Tag kaufte der Geheimdienstchef in einem Laden, den nur Roptare aufsuchten, 110 Flaschen Wasser, die jeweils 1,8 Liter fassten. Für die menschlichen Mitarbeiter erwarb er Fruchtsäfte in einem anderen Geschäft.


Er preschte mit seiner Mannschaft über die achtspurige Umgehungsstraße Richtung Raumhafen. Nach zwölf Minuten Fahrt plärrten die Lautsprecher der ComAnlage los: »ESR-M-00313, Sie überschritten die zugelassene Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h um 28 km/h. Das ist ein strafbares Vergehen gemäß Straßenverkehrsgesetz Paragraf 19, Absatz zwei. Es wird mit einer Geldstrafe in Höhe von 350 geahndet. Der Betrag wird sofort von Ihrem Konto abgebucht. Den Beleg dazu finden Sie in ihrem nächsten Bankauszug. Bitte halten Sie sich in Zukunft an die Gesetze. Ich wünsche Ihnen eine angenehme Fahrt und einen erfolgreichen Tag. Ende und Aus.«


Der Computer der automatischen Verkehrsüberwachung hatte sich blitzartig über die Mietgleiterfirma die Daten des Clanmitglieds besorgt.


»Hirnverbrannte Arschlöcher!«, grollte der Bestrafte und verringerte das Tempo. Die sechs Menschen im hinteren Teil des Fahrzeugs grinsten sich an.


Der Roptar lieferte den Gleiter ab. Alle eilten in die Frachthalle. Nach Zahlung von 60 Eedu transportierte ein Frachtgleiter die gelieferten Einkäufe zur Bordfähre, die 170 Tonnen Fracht aufnehmen konnte.


Eine Großfähre des TT 6 stieg mit 5.300 Tonnen Stückgut auf. Zwei Privatunternehmen von RAATOR hatten diese Waren bestellt, deren Frachtkosten die Transportkosten des Geheimdienstchefs dreifach abdeckten.


Reptil und Menschen legten die 1.000 Meter bis zur Fähre zu Fuß zurück.


Drei Stunden später begann die Reise des TT 6, die ihn unerwartet in die bereits geschilderte Situation führte.


 


 


4


 


Die Kabinentür brummte. Das Clanmitglied blickte aufs Türdisplay. Draußen standen seine beiden Ingenieure und dahinter ein Kämpfer 2. Klasse (Obergefreiter). Ein grollendes Kommando ließ die Tür zischend in der Wand verschwinden. Die sogenannten Untermenschen betraten die Kabine. Sie fixierten das Reptil.


Der 26-jährige Fassar maß 1,74 Meter, besaß einen kräftigen Körperbau und muskulöse Arme und Beine. Im offenen Gesicht mit dem eckigen Kinn und der hellbraunen Hautfarbe strahlten wassergrüne Augen. Das pechschwarze Haar trug er modisch kurz.


Sein Landsmann und Freund Erdok, schlanker, fünf Zentimeter kleiner und ein Jahr jünger, hinterließ mit dem runden Gesicht und der Stupsnase einen lustigen Eindruck. Die lockige dunkelbraune Haarpracht berührte seine Ohren.


»Setzt euch«, knurrte der Geheimdienstchef und deutete auf einen Kontursessel und einen gepolsterten Stuhl.


Die Freunde hasteten zu den angebotenen Sitzmöbeln. Sie nahmen Platz und sahen sich rasch in der Kabine um, als suchten sie einen Fluchtweg.


Die Nähe des Roptar bereitete ihnen Unbehagen. In den Tiefen ihrer Rasseerinnerungen regten sich Urängste: die kreatürliche Angst des Menschen vor dem großen Raubtier, dem gefährlichen Reptil. Die gleichen Ängste empfanden die Angehörigen aller Menschenrassen.


Außerdem hatten die beiden Männer in ihrer Kindheit Schreckliches erlebt. Vor rund 14 Jahren überfielen Roptare im Auftrag der Herrenmenschen ihr Heimatdorf auf dem paradiesischen Planeten TARSIS, betäubten die Einwohner und verschleppten Kinder und junge Erwachsene nach EESRA 4.


Das Ehrwürdige Clanmitglied verharrte drei Meter vor den Menschen und starrte sie mit den giftgelben Augen an. »Ich habe eine besondere Aufgabe für euch«, grollte es. »Eine Aufgabe, die euch sicherlich Spaß bereiten wird, denn damit könnt ihr den Herrenmenschen ordentlich eins auswischen.«


Der Geheimdienstchef schilderte den lauschenden Tarsianern die Ereignisse der letzten Stunden und die Geheimnisse des schwarzen Schiffs.


Die Menschen sahen sich mit verblüfft wirkenden Mienen an. Nachdem sie ihre offensichtliche Überraschung überwunden hatten, meinte Fassar: »Ich hörte ein paar Mal etwas über die EXPLORER. Nachforschungen im PlanetNet führten jedoch zu keinem Ergebnis.«


»Kein Wunder«, grollte der Roptar. »Alles, was dieses Schiff betrifft, war und ist geheim. Ich, der Kommandant und ihr dringen nachher in das Raumschiff ein. Dort sollt ihr versuchen, die Daten des Missionscomputers auszulesen und auf mobile Speicher zu übertragen. Den WaRComp und die WaRRob will ich ebenfalls in meinen Besitz bringen.«


Fassungsloses Mienenspiel der Freunde. Erdok krächzte: »Eine reizvolle Aufgabe, keine Frage, allerdings auch eine, die total in die Hose gehen könnte.«


Sie tauschten Blicke aus. Von ihrer Kindheit an eng befreundet, hatte sich ihre Freundschaft in den letzten Jahren derart intensiviert, sodass sie sich auch ohne Worte verständigen konnten.


Sensoren im Gehirn des Reptils hatten Gesichtsmimik und Körpersprache der Ingenieure genau registriert, eine Spezialität der Roptare. Sie lasen die Menschen jedweder Rasse wie ein Buch. Doch den Gedankenaustausch der Freunde über ihre Augen konnte der Roptar nicht interpretieren, was ihn etwas zu irritieren schien.


Fassar räusperte sich. »Ihr Plan klingt großartig, Ehrwürdiger. Falls er gelingt, wäre dies sowohl für Roptare als auch für Menschen von Vorteil. Sie bräuchten zukünftig auf Ihren Raumschiffen keine menschlichen Techniker mehr.«


Er erwähnte eine Tatsache, welche die Reptilien zu ihrem Leidwesen akzeptieren mussten. Was Farb- und Scharfsehen angingen, reichte der Augensinn der Roptare nicht an den des Menschen heran, andererseits reagierten sie ungemein sensibel auf Bewegungen, selbst winzigste Bewegungen entgingen ihnen nicht. Ein Erbe ihrer räuberischen Vorfahren.


Die leicht seitlich versetzten Augen der Reptilien standen weiter auseinander als bei Menschen. Diese Anordnung wirkte sich nachteilig auf das Scharfsehen im Nahbereich aus und bewirkte, dass ein Roptar in diesem Bereich keine diffizilen Arbeiten erledigten konnte. Um einen kleinen Gegenstand aus der Nähe scharf sehen zu können, drehte das Reptil daher den Kopf wie ein Vogel.


Roptare verfügten jedoch über einen größeren Blickwinkel nach hinten als ein Mensch, eine nützliche Fähigkeit bei der Jagd in Wäldern und Savannen; in der jetzigen technisierten Welt allerdings kaum von Vorteil. Dazu kam, dass eine feste und dicke Haut ihre kurzen und plumpen Finger bedeckte, in denen weit weniger Nerven endeten als bei Menschen. Das Haupthindernis – keine komplizierten technischen Arbeiten durchführen zu können – lag jedoch in der andersgearteten Intelligenz begründet. Roptare konnten keine Produkte, wie zum Beispiel Raumschiffe, Waffensysteme und elektronische Geräte, entwerfen, bauen und reparieren; sie benutzen bereitete ihnen keinerlei Probleme.


»Wahr gesprochen, Ingenieur«, knurrte das Reptil.


Erneut Blickaustausch der Tarsianer. Fassar gab sich einen Ruck. Mit rauer Stimme sagte er: »Mir schoss ein grauenhaftes Szenarium durch den Kopf. Es ist gleichgültig, ob wir Ihre gestellten Aufgaben erledigen oder ob direkt nach RAATOR fliegen, nie und nimmer können Sie zulassen, dass wir in die Welt der Herrenmenschen zurückkehren. Sie wissen ebenso wie wir, was uns dort erwartet. Nach der Rückkehr verpasst man uns die Wahrheitsdroge, üblich nach solchen Einsätzen. Welche Folgen sich daraus für Sie ergeben, weiß ich nicht, wir aber marschieren geradewegs in die Auflösungskammer. Scheußliche Aussicht. Egal, was wir tun oder lassen – Sie werden uns nach Beendigung unserer Arbeiten beseitigen und den Herrenmenschen etwas über einen bedauerlichen Unfall berichten und Schadenersatz leisten. Was also können Sie uns jetzt noch anbieten, Ehrwürdiger?« Er blickte mit bedrückter Miene Erdok an. Dieser nickte.


»Hervorragend kombiniert, Ingenieur«, grollte der Roptar. »Ich befasste mich eingehend mit der Problematik. Ich fand für beide Seiten eine befriedigende Lösung – hoffe ich jedenfalls. Ich weiß, dass ihr – wie alle Untermenschen – in mir ein hässliches und schreckliches Reptil seht. Ich bin aber auch ein Mitglied des Ehrwürdigen Clans der Roptare und um dies zu erreichen, braucht es Intelligenz, Cleverness und unkonventionelles Denken. Ich unterbreite daher ein Angebot. Ihr erklärt euch bereit, meinen Plan zu meiner Zufriedenheit auszuführen. In diesem Fall gebe ich euch ein verbindliches Versprechen.« Er fixierte die Tarsianer, schnaubte und fuhr fort: »Ich verspreche im Namen der Heldengötter, meiner Ahnen und im Namen des Ehrwürdigen Clans, dass ich euch nach Ablauf des Vertrages persönlich nach TARSIS bringen und in der Nähe eures Heimatdorfes absetzen werde. Die Untermenschen wissen nichts über uns. Ich streiche daher eine Eigenschaft unseres Charakters heraus: Gibt ein Roptar ein Versprechen ab, gleichgültig wem gegenüber, so wird er dieses unter allen Umständen einhalten, das versichere ich bei meinen Ahnen und den unbefruchteten Eiern meiner Mutter.«


 


Die Freunde sahen sich an, wirkten sprachlos.


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