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Politik, Gesellschaftskritik
Buch Leseprobe Corona Helau!, Stefan Burek
Stefan Burek

Corona Helau!


Deutschland in der Corona-Krise

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Leseprobe aus \\\"Deutschland in der Corona-Krise: Corona Helau!\\\" (Juni 2020):


 


Während Wissenschaftler dennoch über die zweite Nachkommastelle von R-Werten sinnierten, die Medien Stunden und Stunden Statements von denen transportierten, deren Prognosen jedes Mal falsch waren und Politiker sich in der Verkomplizierung der Krise ergingen und auf Kosten der Transparenz und der Allgemeinheit parteipolitische Scharmützel austrugen, war die ganze Wahrheit in ihrer beinahe unerträglichen Einfachheit für jeden ersichtlich. Wie dem auch sei – die beschlossenen Maßnahmen zur Eindämmung von COVID-19 wirkten. Und damit war auch auf einen Blick klar, wie wir es geschafft hatten, von einer Handvoll Infektionsfälle weit in den sechsstelligen Bereich hinein zu stolpern. Es war die Tatenlosigkeit des Krisenmanagements der ersten Phase, in dem wochenlang lang keine dieser Maßnahmen umgesetzt, schlimmer noch: Von solchen Maßnahmen regelmäßig abgeraten und aktiv gegen diese Maßnahmen entschieden wurde. Wir können sehen, dass die Kontrolle des Ausbreitungsgeschehens von nichts mehr abhängt, als von der konsequenten Beachtung dieser einfachen Vorkehrungen im Zusammenspiel. Nichts davon setzte unser Gesundheitsministerium um, rein gar nichts. So effektiv der Einsatz dieser Maßnahmen sich zeigte, so effektiv war auch das grob fahrlässige Versäumnis, sie nicht zu beschließen. Diese Fehlentscheidungen brachten – und das ist anhand des Verlaufes zweifelsfrei nachvollziehbar – ein Ausbreitungsgeschehen in Gang, das den Lockdown in dieser Form überhaupt erst erforderlich machte.

Nun werden einige einwenden, das hätte doch niemand ahnen können, schließlich sei diese Situation doch etwas vollkommen Neues gewesen. Um das unmissverständlich klarzustellen: Solche Einwände sind glatt gelogen. Als die Krise nach dem Karneval Fahrt aufnahm, wurde von vielen Seiten angeraten, Großveranstaltungen sofort zu unterbinden, ebenfalls wurde die Frage von Schutzmasken öffentlich diskutiert. Nicht genug, dass zunächst nichts davon umgesetzt wurde, nein, unser Bundesgesundheitsminister, das RKI und weitere, insbesondere vom Bundesgesundheitsministerium vorgestellte Experten lehnten diese Maßnahmen ganz konkret ab, zogen sie ins Lächerliche und rieten aktiv der Bevölkerung von diesen Vorsichtsmaßnahmen ab. Dem Bürger wurde konkret geraten, die wichtigsten Sicherheitsvorkehrungen nicht zu treffen. Sie finden diese Darstellung übertrieben? Hier ein paar ganz konkrete Beispiele.

Betrachten wir dazu eine unter anderem auf dem Facebook-Profil von Jens Spahn verbreitete Videobotschaft des Bundesministeriums für Gesundheit vom 03. März. Zu Wort kommt Frau Prof. Dr. Petra Gastmeier, Direktorin am Institut für Hygiene und Umweltmedizin an der Charité in Berlin zum Thema: „Wie kann ich mich vor dem Coronavirus schützen?“ In dieser Position sollte man eine zuverlässige Expertise zum Thema Schutzmasken bzw. Mund-Nasen-Schutz abgeben können, sollte man meinen. Und so lautet auch eine der eingeblendeten Fragen: „Brauche ich jetzt einen Mundschutz?“ Zitat aus der Videobotschaft: „Einen Mundschutz zu tragen macht nur Sinn für die Mitarbeiter im Gesundheitswesen, weil die haben ja den engen Kontakt zu den Patienten und müssen sich schützen und es macht auch Sinn, dass ein Patient, der selbst erkrankt ist, eine Maske trägt, wenn er zum Beispiel vom Ort A zum Ort B laufen muss. Es macht keinen Sinn für nicht infizierte Patienten oder Personen in der Bevölkerung, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Da hat sich keinerlei Vorteil in Studien für gezeigt.“

Überhaupt darf man an dieser Stelle die Frage aufwerfen, weshalb beim Thema Schutzmasken immer wieder erklärt wurde, deren Wirksamkeit sei nicht erwiesen. Wir sprechen hier wohlgemerkt nicht von der Mondlandung, sondern von einem Hilfsmittel, das Ärzte und medizinisches Personal seit über hundert Jahren verwenden. Gravitationswellen haben wir also durch eine Längenänderung von einem Tausendstel Protonenradius nachgewiesen, aber die Wirkung eines Tuchs vor dem Mund ist nach wie vor ungeklärt. Wir müssen anerkennen, dass wir über Schwarze Löcher scheinbar mehr wissen als über einen Mundschutz für 99 Cent. Es stellt sich die Frage, was wir in den letzten 17 Jahren seit SARS eigentlich getrieben haben. Einige Wochen später erreicht uns die Nachricht, Professor Yuen Kwok-yung aus Hongkong habe die Wirksamkeit von Masken durch einen Versuch mit Hamstern nachgewiesen. Nun, wir hamstern stattdessen Toilettenpapier, so hat eben jeder unterschiedliche Prioritäten.
(Deutschland in der Coronakrise: Corona Helau!, S. 65 - 68)


 


Vielleicht kennen Sie auch Menschen, die viel beginnen, aber irgendwie nichts zu Ende bringen – mit entsprechenden Ergebnissen. Genauso verhielt sich unsere Politik während dieser Phase. Wir waren kurz, so kurz davor, die Krise auf ein Niveau zu regulieren, auf dem wir nahezu gefahrlos den allergrößten Teil der Einschränkungen hätten aufheben können. Aus purer Ungeduld und Lockdown-Überdrüssigkeit wurde auf Lockerungen gedrängt, die dafür sorgten, dass das Restrisiko permanent auf einem kritischen Niveau stagnierte. Wenn es in Ihrer Küche brennt, würde ich Ihnen empfehlen, das Feuer zu löschen. Nicht, es nur einzudämmen, bis davon keine akute Gefahr für Leib und Leben mehr ausgeht, nein, es richtig zu löschen. Andernfalls wird in einer halben Stunde wieder der Rauchmelder Alarm schlagen und Sie müssen nachbessern. So frisst sich der Brand zuverlässig von einem Raum zum nächsten während Sie permanent in Alarmbereitschaft bleiben müssen. So brennen Sie Ihre Wohnung sozusagen auf Raten ab. Exakt diese Vorgehensweise bevorzugen jedoch etliche unserer Politiker, Virologen und Teile der Wirtschaft. Das beinhaltet das Risiko, den gesamten Lockdown und die damit verbundenen Kosten und Einschränkungen ad absurdum zu führen – dann wäre alles völlig umsonst gewesen.


(Deutschland in der Coronakrise: Corona Helau!, S. 84/85)


 


Unangenehm auffällig an der gesamten Lockdown- und Lockerungsphase ist bis heute, dass die Definition des Risikos weniger mit der Realität als viel mehr mit der staatlichen Deutungshoheit zu tun hat. Gleiche Fragestellungen unterliegen unterschiedlichen Reglementierungen. Viele Menschen waren trotz Lockdowns arbeitsrechtlich zur Arbeit verpflichtet, während ihnen gleichzeitig jedoch privat strikte Kontaktbeschränkungen auferlegt waren. Der Löwenanteil der Prävention wurde zur Privatangelegenheit des Bürgers erklärt. Im Privatbereich wurde verboten, wozu Sie bei der Arbeit verpflichtet wurden. Wenn Sie also in der Firma gezwungen waren, zu viert auf engem Raum miteinander zu arbeiten, dann durften Sie dies nicht verweigern – andernfalls drohte die Kündigung, und jedes Arbeitsgericht der Republik würde dies bestätigen. Wenn Sie jedoch vor der Firma mit Ihren drei Kollegen noch ein Schwätzchen hielten, dann musste jeder von Ihnen dafür bis zu 250 Euro Bußgeld berappen. Das Argument: „Aber wir haben die letzten acht Stunden doch sowieso so nah beieinander gestanden“, interessiert da niemanden. Allerdings werden mit demselben Argument die Grundschulen wieder geöffnet, weil es sich um „homogene Gruppen“ handelt, die immer in derselben Zusammensetzung bleiben. Es ist übrigens ein zweifelhaftes Argument, da ja jedes einzelne Mitglied dieser Gruppe fortwährend Kontakte außerhalb dieser Gruppe unterhält. Und während Sie nicht einmal als Einzelperson ein Hotelzimmer beziehen durften, wurde dem thailändischen König mit derselben Begründung gestattet, mit seinem Hofstaat ein ganzes Hotel zu beziehen. „L\\\'état c\\\'est moi“, soll einst der französische „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. gesagt haben, zu Deutsch: „Der Staat bin ich.“ Und so ähnlich verhält es sich mit der Interpretation der Gefahrenlage: Heute erlaubt, morgen verboten, übermorgen Pflicht – „Was gefährlich ist, entscheiden wir“, so könnte man sagen. Dass eine solche Vorgehensweise das Verständnis, die Moral und die Disziplin der Bevölkerung zunichte machen kann, sollte jedem klar sein. Dass dann Aussagen aufkommen wie: „Malochen darfst Du, aber sonst darfst Du nix“ - wen wundert´s. Und letztlich, so seltsam es vielleicht klingen mag: Mit jeder Lockerung wächst die Gefahr von Verstößen. Entweder werden diese in der Gemengelage gar nicht mehr erkannt, eventuell sogar stillschweigend geduldet, oder die Sicherheitskräfte bekommen alle Hände voll zu tun – und zwar mit einer immer uneinsichtigeren Bevölkerung. Denn wenn Feiern mit 50 Personen erlaubt sind, was spricht dann gegen 70, so lautet schon heute bei vielen die Logik. Sollte eine erneute Verschärfung der Kontaktbeschränkungen notwendig werden, können wir vermutlich auch nicht mehr auf die Disziplin der ersten Welle vertrauen. Die Gefahr, dass viele Menschen dann nicht mehr für Argumente offen sind, sondern sich auf Pauschalaussagen zurückziehen wie: „Dieses Hick-Hack führt doch zu nichts, die wissen doch selbst nicht, was richtig ist“, wird dann möglicherweise zunehmen.


(Deutschland in der Coronakrise: Corona Helau!, S. 95/96)


 


Doch wo Chancen sind, ist das Risiko meist nicht weit. Wenn wir aus dem – gemessen an den gemachten Fehlern – bislang noch recht glücklichen Verlauf die falschen Schlüsse ziehen, die Situation unterschätzen und die Zügel schleifen lassen, dann droht uns tatsächlich eine zweite Infektionswelle oder zumindest eine ganze Menge von größeren, wenn auch möglicherweise regional begrenzten Ausbrüchen von COVID-19. Vollkommen vermeiden lassen werden diese sich ohnehin nicht, aber Anzahl und Tragweite können wir maßgeblich beeinflussen. Wir müssen enorm darauf achten, dass wir den Verlauf der Pandemie in Deutschland nicht fehlinterpretieren. Oft höre ich Sätze wie : „Das war doch alles völlig überzogen! Schauen Sie doch, es ist doch gar nichts passiert! Der einzige Schaden ist der durch die Beschränkungen!“ Viele Menschen denken so und nehmen mittlerweile die Vorsichtsmaßnahmen als unverhältnismäßig wahr. Und es besteht die Gefahr, dass aus dieser vollkommen falschen Wahrnehmung Risiken erwachsen, die eine weitere Infektionswelle über unser Land bringen. Eine „Jetzt-erst-recht-Partykultur“, wie sie mancherorts auflodert, ist absolut der perfekte Weg, um eine solche Katastrophe auszulösen. Große Sorgen bereitet mir die Zahl derer, die von Fakten vollkommen unbeirrt und mit tiefer Überzeugung nach wie vor daran glauben, es handele sich um eine Erkrankung, deren Tragweite nicht größer sei als die einer Grippewelle. Aus diesem Verständnis heraus boykottieren etliche Menschen jegliche Vorsichtsmaßnahmen, zeigen sich aggressiv gegenüber Mahnungen zur Vorsicht und gehen bewusst und provokativ besonders hohe Risiken ein. Schon eine geringe Zahl dieser mutwilligen, potentiellen Super-Spreader kann das Fass bereits wieder zum Überlaufen bringen und uns in ein Szenario katapultieren, wie wir es in Italien gesehen haben. Und mit jeder Lockerung, die wir umsetzen, wächst diese Gefahr. Um es mit den Worten des französischen Schriftstellers Charles Baudelaire auszudrücken: „Die schönste List des Teufels ist es, uns zu überzeugen, dass es ihn nicht gibt.“ Sowohl die gesundheitlichen als auch die wirtschaftlichen Schäden einer möglichen zweiten Welle könnten die der ersten bei weitem in den Schatten stellen. Wenn wir nun aus unserem Mauseloch kriechen, dürfen wir nicht vergessen, dass die Katze nach wie vor herumschleicht. Die komplette erste Welle ging von mutmaßlich einer Handvoll Infektionsfällen aus. Es gibt keinen vernünftigen Grund zu der Annahme, dass bei einer permanent vierstelligen Anzahl aktiver Infektionsfälle und nach wie vor nur sehr geringer Immunität in der Bevölkerung ein geringeres Risiko bestünde als zu Beginn des ersten großen Ausbruchs, auch wenn die empfundene Wahrnehmung eine andere sein mag. Im Gegenteil, die Ausgangslage ist verglichen mit der Lage vor Beginn der ersten Infektionswelle wesentlich brisanter. Jede Fahrlässigkeit kann weitreichende Konsequenzen nach sich ziehen, insbesondere, wenn sie uns kollektiv unterläuft. Deshalb ist Wachsamkeit das oberste Gebot. Nicht eine Wachsamkeit, wie sie uns unsere Politik in der ersten Phase dieser Pandemie vorlebte, nicht diese Form von passiver Moderation und fahrlässiger Trägheit. Wenn wir nun glauben, sommerliche Temperaturen allein würden unsere Probleme lösen, dann sieht es schlecht aus für uns. Wenn wir nach Brasilien, Indien oder Saudi-Arabien schauen, dann erkennen wir auf den ersten Blick, dass nicht die Temperaturen vorrangig das Infektionsgeschehen steuern – es sind und bleiben die Anzahl unserer Kontakte und die konsequente Befolgung der Vorsichts- und Hygienemaßnahmen. Auch 32 Grad Celsius helfen nicht dort, wo viele Menschen zu nah auf engem Raum sind. Wenn wir das beherzigen, wird jeder warme Tag eine Hilfe sein. Wenn nicht, erwartet uns alles andere als eine sonnige Zeit. Wer auf Virologen hört, die auf eine Durchseuchung setzen und deshalb die Vorsichtsmaßnahmen für entbehrlich halten, der riskiert viel für sich und für andere. Wir wären der sprichwörtliche Esel auf dem Glatteis. Denn die Gefahr von Zuständen, wie wir sie aus Italien oder Spanien gesehen haben, ist noch längst nicht vom Tisch. Vergessen wir nicht, dass wir auch gegenüber China ziemlich sicher waren, so schlimm könne es bei uns nicht kommen. Wenn wir aber genug Dummheit auf einen Haufen stapeln bis dieser umkippt, ist vieles möglich. Mit jeder weiteren Lockerung in Richtung Normalität bauen wir am Traumschloss der Illusion, die Krise sei überstanden. Dabei müssen wir uns permanent vor Augen führen, dass zumeist nicht ein weggefallenes Risiko der Grund für eine weitere Lockerung ist, sondern lediglich die Angst vor den wirtschaftlichen Konsequenzen, die ohne die Lockerung eintreten würden oder einfach der Wunsch nach der Rückkehr zur Normalität.


(Deutschland in der Coronakrise: Corona Helau!, S. 139 - 141)


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