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> Lyrik > Landschaft dreifach.
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Lyrikbücher
Buch Leseprobe Landschaft dreifach., Heide Rieck & Manfred Wotke
Heide Rieck & Manfred Wotke

Landschaft dreifach.


Lyrik und Lithographie. Mit einem Nachwort vo

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Hugo Ernst Käufer (Nachwort)


G l e i c h k l a n g W o r t u n d B i l d.


Zu den späten Gedichten von Heide Rieck und den frühen Zeichnungen von Manfred Wotke


 


Wer diesen bibliophil gestalteten Band aufschlägt, ist sichtlich überrascht von dem subtilen Miteinander der Zeichnungen und Texte.


Da sind zunächst die zweiundfünfzig Gedichte von Heide Rieck, die in den letzten dreizehn Jahren als Spätwerk entstanden sind, äußerst verdichtete Wortgebilde, sprachlich knapp komponierte Sequenzen. Einige Schlüsselverse erleichtern den Zugang: „sie ging / an seiner seite / ein liedlein summend / jahrlang / ein“ oder „und irgendwann / nahm ihr gesicht / kein gesicht mehr / an / bis nichts mehr war / als / zeit“. Verse, die formal und inhaltlich stimmig sind, in denen kein Wort zuviel steht, eine melodienhafte Struktur in sich tragen, sich dem Volkslied nähern. Und dennoch: diese Lyrikerin lebt mitten unter uns in unserer Zeit, in der politische, geschichtliche und menschliche Verwerfungen oft den Ton angeben.


Diese Gedichte sind in dem ersten Teil unter dem Titel „Das andere Gesicht“ versammelt, sie werfen einen Blick zurück in eine schlimme Vergangenheit. In dem Gedicht „vor dem großen grab“ heißt es: „vera / verschleppt aus leningrad an die ruhr / legt ihre hand in meine / / stiefel in rußland / rote spuren im schnee / deutsche stiefel schwarze erde unter den sohlen / / staub nun in unseren händen.“


Bildhafte Erinnerungen, geprägt von den Begegnungen mit ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern, um die sich Heide Rieck engagiert in ihrer Heimatstadt Bochum kümmerte. Die Offenlegung eines Tabus, das bis in die Gegenwart reicht.


In dem von Heide Rieck initiierten, 2005 erschienenen Buch „Doch seht wir leben – Vom inneren Widerstand – Zwangsarbeit 1939 – 1945“ sind diese menschenunwürdigen Schicksale nachzulesen. Im ersten Teil des Bandes steht auch das unmittelbar ansprechende Gedicht „manès“, das dem am 9. November 1996 verstorbenen Lebenspartner Manfred Wotke gewidmet ist: „flamme derrière la nuit obscure / flamme hinter schwarzem glas / / malst / messerscharf / / traurigkeit / / schwebend / durch den raum“. In „Orte“, dem zweiten Teil des Bandes, stehen stimmungsvolle Reisegedichte, die das besondere Faible der Lyrikerin für Landschaftsbeschreibungen nachweisen. Ägypten, Italien, Rußland, Polen, Mexiko u. a. heißen die Länder. Mit ganz wenigen Worten gelingen ihr überraschende Momentaufnahmen, die lange im Gedächtnis haften bleiben. Zum Beispiel: „in anatolien / hörte ich deine flöte / pan / im goldenen wind / enthauste ödnis / in der tiefe / schwarzgolden der schatz“. Die mit dem Sprachfundes sparsam umgehende Diktion vermittelt einen eigenen unverwechselbaren Ton.


„schwebend“ heißt die 1962 entstandene Lithographie von Manfred Wotke, die den 17-teiligen Bilderzyklus eröffnet. Begrüßenswert ist, dass sich die in diesem Band dargebotene Auswahl auf das Frühwerk Wotkes beschränkt. Obwohl der Künstler auch auf den Gebieten der Malerei und Plastik tätig war und hier durchaus hervorragende, eigenständige Werke geschaffen hat, so ist er doch vor allem ein Zeichner gewesen. Nicht von ungefähr hat ihm der Westfälische Kunstverein 1966 den Grafikpreis „Jung Westfalen“ verliehen. „Rahmenbild“, „wachsend“, „dreifach“ sind weitere Zeichnungen benannt, um noch einige bemerkenswerte Beispiele zu erwähnen. Mit subtilen Strichen dargestellte Innen-Landschaften, die reales Geschehen nicht ausschließen.


In seinem graphischen Frühwerk hat sich Manfred Wotke vor allem mit der Welt der Technik auseinandergesetzt. In einem von ihm verfassten kleinen Manifest stehen die Sätze: „Einfühlen in die mechanische Sprache … Metamorphosen. Schwungräder werden zu sich drehenden Sonnen. Präzis funktionierende Apparaturen werden zu organischen Wesen … Keine athletischen Übungen zum Schaffen der Form. Keine Kunst von der Stange. Kein Spiel mit dem Zufall. Keine Inspiration. Keine Stimmungen. Kein heiliges Feuer.“ Ich bin dem Freund noch heute dankbar, dass er die Zeichnungen zu meinem Gedichtzyklus „Terschelling“ in dem 1967 erschienenen Band „Spuren und Linien“ beigesteuert hat. Terschelling, überhaupt Nordholland, Landschaften, die ihm nahe standen.


Aus Gesprächen mit Manfred Wotke weiß ich, dass der Holocaust der Nazis und das schnelle Vergessen der Schuld im Wirtschaftswunderland der Nachkriegszeit ihn unentwegt bis zu seinem Tod beschäftigt haben. Sein Wunsch, nach seinem Ableben und der Einäscherung in einem Urnengrab auf dem Jüdisch-christlichen Friedhof an der Bochumer Wasserstraße beigesetzt zu werden, wurde ihm erfüllt. Die von ihm in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts geschaffene Plastik „Feuervogel“ behütet die Ruhestätte. Ein bisher Unentdeckter, der uns noch heute viel zu sagen hat.


Zu bedauern ist, dass die Anerkennung des hervorragenden Werkes von Manfred Wotke in der Öffentlichkeit immer noch aussteht. Vielleicht kann dieser Band mit seinen stimmungsvollen und ereignisvollen Lithographien dazu beitragen, sich künftig auf ihn einzulassen. Er hat es verdient!


 


am fenster


duft


von raschelndem laub


 


ein zauber


streichelt hell die haut


lässt im leuchtend farbenrausch


mein herz ertrinken


 


lächeln


diese pappelblätter


winkend aus dem filigran


 


wenn ich das einmal


auch so könnte


 


unter dem sand


 


schlafen


die wasser


 


wehe sie steigen


 


erschauern


die ausgedörrten neuronen


 


in den flimmern


des uralten lebensflusses


 


Aber die Liebenden nimmt die erschöpfte Natur


in sich zurück, ...


Sollen nicht endlich uns diese ältesten Schmerzen


fruchtbar werden? Ist es nicht Zeit, daß wir liebend


uns vom Geliebten befrein und es bebend bestehn: ...


Rainer Maria Rilke


 


übermut


 


des fremden mannes der nichts mehr zu verlieren hatte


so sagte er


nichts mehr zu verlieren


drum mir so nah


tief vertraut


es kann schon morgen sein


sagte er


morgen oder in zwei jahren


wir standen im palazzo papadopolis vor leda und der schwan


biennale 2007


vibrierend der rand des federkleids in den schenkeln


einer kühlen dame


barst das kleid


zerbrach das federkleid und langsam


sank


der schwanenhals


er stirbt


sagte der fremde mann


wir traten in den raum mit den hohen fenstern


das licht des morgens fiel auf den kanal


die steine im haus gegenüber glühten


verlieben wir uns sagte der mann


er stand am fenster


frisch der lufthauch und die kleine weiße karte die


er mir reichte wirbelte hinab


 


…aber dieLiebenden nimmt die erschöpfte Natur


in sich zurück wie der Pfeil die Sehne besteht,


um gesammelt im Absprung mehr zu sein als er selbst;


denn Bleiben ist nirgends.


 


 


 


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