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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Yasirahs Erbe, Bettina Lorenz
Bettina Lorenz

Yasirahs Erbe


Die Prophezeiung

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Semesteranfang Das immer lauter werdende Klingeln ihres Mobiltelefons riss Celina unsanft aus dem Schlaf, den sie doch eigentlich so dringend benötigte. Sie versuchte es einfach zu ignorieren und zog sich das Kissen über ihre Ohren, aber der nervige, schrille Lärm wollte einfach nicht weggehen. «Klingelton ändern», murmelte sie und nahm mit geschlossenen Augen und krächzender Stimme den Anruf entgegen. «Ja?» Die Person am anderen Ende der Leitung hätte Celina problemlos unter Tausenden erkannt, auch wenn sie selten so aufgebracht klang. Der morgendliche Störenfried war ihre beste Freundin Anne. «Celina Young, du hast schon wieder verschlafen», grollte sie vorwurfsvoll. «Ich bin echt beleidigt. Seit einer geschlagenen Stunde warte ich auf dich! So langsam stell ich mir die Frage, ob du mich heute überhaupt noch mit deiner Anwesenheit beehren möchtest?» Während Anne sich aufregte, war Celina immer noch schlaftrunken und orientierungslos. Krampfhaft versuchte sie herauszufinden, welcher Tag heute war, aber es wollte ihr einfach nicht einfallen. Auch Anne entging das nicht: «Hallo, aufgewacht?» Eine Pause entstand und Celina wurde schnell klar, dass irgendeine Reaktion von ihr erwartet wurde. Sie räusperte sich, aber die Antwort fiel ziemlich kleinlaut aus: «Sorry, hab verschlafen. Mir war nicht einmal klar, dass wir uns heute treffen wollten.» Das war definitiv nicht die passende Aussage gewesen, erkannte sie daran, dass Anne hörbar nach Luft schnappte und es dann erschreckend still wurde. Oh nein! Anne und Stille waren eine ganz gefährliche Kombination. Jetzt kann ich mich warm anziehen, dachte sie noch so bei sich und dann folgte das Donnerwetter auch schon auf dem Fuß: «Miss Young, wir waren zum gemütlichen Frühstück verabredet, aber du scheinst ja eindeutig Wichtigeres zu tun zu haben. Obwohl ich auch nicht so recht weiß, ob Schlaf so viel wichtiger ist, als Professor Thomsons Eindruck von dir, wenn du gleich am Anfang des Semesters zu spät zu seiner Vorlesung kommst. Du hast jetzt noch genau dreißig Minuten Zeit hier zu erscheinen oder mir einen wirklich überzeugenden Grund zu nennen, warum du nicht kommst. Sollte dir weder das Eine noch das Andere gelingen, werde ich dir unwiderruflich die Freundschaft kündigen!» Da war sie wieder: Anne die Dramaqueen! Natürlich übertrieb sie maßlos, aber die Standpauke schien tatsächlich zu helfen. Celinas Gehirn nahm langsam seinen Betrieb auf und das brachte sie auch in die Realität zurück. Ihr dämmerte, dass es bereits Montag sein musste und das bedeutete, dass das neue Semester genau heute anfing. Noch ein kurzer Blick auf den Wecker und sie wusste, dass sie wirklich viel zu spät dran war. Endlich auf dem Boden der Tatsachen angekommen, stieg ihr sofort das Blut in den Kopf und sie bekam Ohrensausen. Ruckartig setzte sie sich auf. Viel zu schnell, wie ihr Körper sofort signalisierte, als sich der ganze Raum um sie herum zu drehen begann, aber das war jetzt wirklich ihr geringstes Problem. «Mist! Wir treffen uns in fünfzehn Minuten vorm Hauptgebäude. Warte bitte auf mich, bis gleich», war alles was sie noch sagen konnte, bevor sie das Telefon auf den Nachtschrank pfefferte wurde und aus dem Bett sprang. Celina flitzte ins Bad, um es nach knapp fünf Minuten schon wieder zu verlassen. Wieder einmal war sie froh darüber, nicht zu den Tussis zu gehören, die am Morgen eine Stunde vor dem Spiegel brauchten. Ein kurzer Blick aus dem Fenster reichte aus, um zu sehen, welche Kleidung für heute angebracht sein würde. Es schien ein schöner Tag zu werden. Also öffnete sie den Kleiderschrank und entschied sich für eine leichte schwarze Bluse und Blue Jeans. Wie einfallsreich, dachte sie genervt. Ihr langes, braunes Haar fiel ihr in Wellen über die Schultern und sie entschied sich, es heute ausnahmsweise einmal offen zu tragen. Es würde sie wahrscheinlich sowieso niemand beachten. Das Einzige, was sie an sich wirklich schön fand, waren ihre großen, mandelförmigen, grünen Augen. Da sie aber ehe niemanden nah genug an sich heranließ, um diese zu bemerken, würde sie damit auch keine Punkte machen. Ansonsten fand sie sich einfach nur durchschnittlich. Natürlich waren Anne und Marie da vollkommen anderer Meinung. Aber Celina konnte keinen der Vorzüge erkennen, die Andere in ihr sahen. Na klar, jetzt zerfließe ich auch noch vor Selbstmitleid. Genau der richtige Zeitpunkt, schallt sie sich und verzog ihr Gesicht zu einer Grimasse. Mit einem letzten missbilligenden Blick auf den Spiegel verließ sie ihr Zimmer. Gerade einmal zehn Minuten nach dem unangenehmen Weckruf ging sie aus dem Haus und stieg in ihren roten Honda Civic. Sie warf ihren Rucksack achtlos auf den Beifahrersitz, startete den Motor und fuhr los. Auf den Straßen war kaum Verkehr. Das war aber nicht weiter verwunderlich, da Celina in einer Kleinstadt lebte. Fort Kain lag im Bundesstaat Michigan und hatte gerade einmal sagenhafte fünftausend Einwohner. In diesem Ort gab es wirklich nicht viel zu sehen, aber wenigstens befand sich in der Nähe eine Universität. An dieser studierte die neunzehnjährige Celina seit nunmehr fast zwei Jahren Biologie. Zwar hatte sie sich nach dem Schulabschluss für mehrere Universitäten beworben, aber am Ende war ihre Wahl doch auf die ortsansässige Greenwald University am Lake Michigan gefallen. Ihre Tante Marie war entsetzt gewesen! Sie hatte sich so gefreut, als Zusagen von mehreren der sogenannten „Eliteuniversitäten“ gekommen waren. Aber Celina hatte einfach aus dem Bauch heraus anders entschieden. Sie war durchaus zufrieden damit, weiterhin in Fort Kain zu leben, da sie kein Interesse daran hatte, in eine dieser total versnobten Großstädte zu leben. Sie liebte es, einfach aus dem Haus zu gehen und die Natur um sich herum zu haben. Wenn man Glück hatte, begegnete einem unterwegs manchmal nicht eine Menschenseele und man konnte einfach nur die Ruhe genießen. Außerdem versetzte es die junge Studentin in die durchaus komfortable Lage, weiterhin zu Hause wohnen bleiben zu können und somit musste sie sich auch keine Sorgen machen, dass ihre egozentrische, künstlerisch so talentierte, verrückte Tante vereinsamen würde. Marie war immerhin die Letzte aus Celinas Familie, die ihr geblieben war. Celinas Vater starb kurz nach ihrer Geburt bei einem Autounfall mit Fahrerflucht. Der Täter konnte nie gefasst werden und als ob das alleine nicht schon schlimm genug wäre, hatte ihre Mutter vor sechzehn Jahren entschieden, dass es ganz toll wäre, sich auch noch aus dem Staub zu machen. Eines Nachts hatte sie vor Tante Maries Tür gestanden und ihr kleines Mädchen in deren Obhut gegeben, bevor sie einfach spurlos verschwand. In einer Kleinstadt, wie dieser hatte es für einen Riesenskandal gesorgt. Marie hatte Celina damals, trotz ihres jungen Alters, mit offenen Armen empfangen und ihr die schönste Kindheit gegeben, die man sich nur vorstellen konnte. Sie wurde geliebt, hatte alles was sie brauchte und konnte sich eigentlich nicht beklagen. Das war wahrscheinlich auch der einzige Grund, der sie daran hinderte ihre Mutter abgrundtief zu hassen. Obwohl sie natürlich während ihrer Pubertät auch eine solche Hass-Phase hinter sich gebracht hatte. Zu diesem Zeitpunkt war es ihr so schwergefallen, andere Mütter mit ihren Töchtern zu sehen. Sie unternahmen Frauendinge, redeten über Jungs und verstanden sich einfach. Natürlich stritten sie sich auch, aber nicht einmal das hatte Celina von ihrer Mutter gehabt. Es hatte einfach nur wehgetan und sie war so unendlich wütend über ihren Verrat gewesen. Erst als Celina reif genug war, erkannte sie, dass ihre Tante genau diesen Part einer Mutter zu hundert Prozent zu erfüllen versuchte und sie sehr darunter litt, dass ihre kleine Nichte das anscheinend nicht so sah. Von Schuldgefühlen getrieben, beschloss sie mit der Vergangenheit abzuschließen. Sie entschied sich, nie wieder ein Wort darüber zu verlieren und seitdem ging es ihr auch wieder gut. Schluss. Aus. Ende der Geschichte! Ein weiterer Grund der Celina zum Bleiben bewegte, war ihre beste Freundin Anne. Eigentlich fiel es ihr im Allgemeinen schwer Freundschaften zu schließen. Es lag auf gar keinen Fall daran, dass sie irgendwie abstoßend auf die Leute wirkte, aber Celina kapselte sich gerne von den Anderen ab und hing ihren Gedanken nach. Nur Anne hatte es geschafft, ihren inneren Schutzwall zu durchbrechen und deshalb genoss sie seit frühster Kindheit ihr uneingeschränktes Vertrauen. Anne war die einzige Person, der ihre soziale Inkompetenz einfach nichts auszumachen schien und so sollte es doch auch sein. Oder? Und da stand sie auch schon. Mit hochrotem Kopf wartend und nervös auf die Uhr starrend. Reumütig schlich Celina auf Anne zu und flüsterte ein leises Sorry in ihre Richtung. Sie rechnete schon mit einem ellenlangen Vortrag über ihre neuerdings immer wiederkehrende, für sie ach so untypische Unpünktlichkeit. Aber es kam nichts! Während die Beiden schweigend nebeneinander herliefen, merkte Celina aber sofort, dass das Donnerwetter noch nicht ganz überstanden war und Anne angestrengt nachdachte. Ihre Freundin hatte die nette Eigenart, sich beim Grübeln die ganze Zeit auf der Unterlippe herumzukauen. Ein eindeutiges Zeichen dafür, dass sie etwas mitzuteilen hatte und nur nicht wusste, wie sie anfangen sollte. Noch ein Grund mehr sie zu mögen: sie verstellte sich nie und man wusste immer, woran man bei ihr war. Als Celina das Warten zu lang wurde, unterbrach sie ihre Gedanken: «Nun sag schon. Haben wir ein Problem?» Anne blieb stehen und musterte sie eindringlich. Celina sah ihren Blick und wusste sofort, dass ihr nicht gefallen würde, was sie zu sagen hatte. Ihre normale Reaktion darauf folgte auf den Fuß. Sie blockte ab und sah Anne durchdringend an. Wag es ja nicht, dachte sie und hasste sich im gleichen Augenblick dafür, dass sie manchmal so anstrengend sein konnte. Es würde ihr ganz recht geschehen, wenn Anne sie jetzt in aller Öffentlichkeit zur Schnecke machen würde und man merkte auch, dass diese einen ganz kleinen Augenblick tatsächlich darüber nachdachte. Doch dann schüttelte sie kaum merklich den Kopf und ihr Blick wurde merklich weicher. Sie fragte mit sanfter Stimme: «Hattest du schon wieder diesen merkwürdigen Traum?» Celina wusste, dass sie die Antwort bereits kannte, aber sie nickte trotzdem zur Bestätigung. Ihr wurde schon schlecht, wenn sie nur daran dachte: Nacht für Nacht derselbe nervenaufreibende Alptraum… Celina lief in absoluter Finsternis und versuchte irgendeinen Orientierungspunkt zu finden, aber ihr kam nichts bekannt vor und sie wurde langsam müde. Nach gefühlten Stunden des ziellosen Umherirrens in der Dunkelheit kam dann auch noch dieser schreckliche Nebel dazu und plötzlich hatte sie das Gefühl, nicht mehr allein zu sein. Die Müdigkeit wurde sofort von Angst abgelöst, als ihr klar wurde, dass sie besser um ihr Leben rennen sollte. Erst nach einer Weile lichtete sich der Nebel wieder. Celina wusste, dass sie unter gar keinen Umständen stehen bleiben sollte, aber sie war mittlerweile so erschöpft, dass es ihr kaum möglich war, auch nur einen weiteren Schritt zu machen. Obwohl sie genau spürte, dass sie immer noch verfolgt wurde, war sie gezwungen, stehen zu bleiben. Als sie sich langsam umdrehte und schon mit dem Schlimmsten rechnete, war das, was ihre Panik ausgelöst hatte, schon verschwunden. Sie versuchte ruhig durchzuatmen, aber jeder Atemzug versetzte ihr einen Stich und sie schaffte es einfach nicht, ihre Nerven wieder zu beruhigen. Nur deshalb wusste sie auch, dass es noch nicht vorbei war. Das Bedürfnis sich schnellstmöglich in Sicherheit zu bringen, drängte sich ihr immer weiter auf. Wieder sah sie sich um, aber die Gegend um sie herum, war ihr vollkommen fremd und schien verlassen zu sein. In einiger Entfernung war ein Hügel und endlich regte sich ein kleiner Funken Hoffnung in ihr. Vielleicht war es möglich, von dort aus herauszufinden, wo ich bin, denkt sie und geht einfach weiter. Der Weg ist zwar steil, aber mit jedem Schritt, den sie ging, fühlte sie sich sicherer. Endlich oben angekommen, bewunderte sie die Schönheit des Anblicks, der sich ihr bot. Direkt vor ihren Augen erstreckte sich, soweit das Auge reichte, ein Wald und obwohl sie ihn noch nie zuvor gesehen hatte, hatte sie das merkwürdige Gefühl, endlich angekommen zu sein. Nach einer viel zu langen Reise hatte sie den einzigen Ort erreicht, der ihr Schutz und Zuflucht zu verheißen schien. Celina konnte ihr Glück kaum fassen. Langsam schloss sie die Augen und atmete ganz tief durch. Aber das war ein Fehler! Sobald sie sie wieder öffnete, war der Wald verschwunden und sie war erneut in Dunkelheit und Nebel gehüllt. Unter Tränen brach sie zusammen und blieb regungslos liegen. Was auch immer sie verfolgt hatte, war urplötzlich wieder da. Abermals fühlte sie die Panik, aber dieses Mal schaffte sie es einfach nicht, weiter zu rennen. Ihr Verstand versuchte sie zur Flucht zu zwingen, aber sie hatte einfach keine Kraft mehr. Ihre letzte Hoffnung hatte sich einfach in Luft aufgelöst und nichts auf der Welt würde sie jetzt noch retten können. Sie war verloren und ergab sich endgültig in ihr Schicksal. Langsam schlich sich die alles umgreifende Dunkelheit in ihr Herz. Verzweiflung, Kälte, Tod… Bevor Ihr Ende kam, erwachte sie schweißgebadet, weinend und hoffnungslos verloren. Nach diesen Alpträumen konnte sie meist erst nach Stunden wieder einschlafen und am nächsten Morgen wachte sie auf und fühlte sich, wie gerädert. So war es auch an diesem Morgen gewesen. Kein Wunder also, dass sie so langsam durchdrehte. Es war echt zum Verzweifeln! Celina und Anne hatten schon an die tausend Mal darüber gesprochen, weil Anne der Meinung war, dass jeder wiederkehrende Traum irgendeine Bedeutung haben musste. Celina konnte sich aber nicht vorstellen, was man ihr damit sagen wollte, außer vielleicht, dass es langsam Zeit wurde, sich einen echt guten Psychiater zu besorgen, bevor die ganze Sache noch eskalieren würde. Sie war es einfach nur leid, darüber zu sprechen. Es reichte ihr vollkommen, dass sie diesen ganzen Mist schon in der Nacht über sich ergehen lassen musste und deshalb hatte sie nur wenig Lust auch noch ihre Tage mit dem Thema zu vergeuden. Aber Anne wollte einfach nicht nachgeben: «Ich war jetzt sechs Wochen nicht da und bin eigentlich davon ausgegangen, dass das nur ein stressbedingtes Symptom war. Obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass dir die Prüfung überhaupt irgendwelche Probleme bereitet haben. Du hättest sie wahrscheinlich sogar im absoluten Delirium noch mit Bestnote bestanden. Wie lange soll das den jetzt noch so weiter gehen?» Hilflos zuckte Celina mit den Schultern. Wie gesagt: Sie war das Thema einfach nur leid! Dementsprechend sackte ihre Laune auch immer mehr in den Keller und sie wollte sich einfach nur noch verkriechen. Anne sah ihr sofort an, in welch düstere Richtung ihre Gedanken abschweiften und doch sprach sie einfach weiter: «Dein Innerstes will dir bestimmt sagen, dass du lieber als Eremit im Wald leben solltest, damit du von der ganzen bösen Außenwelt abgeschieden bist und dich nicht mehr mit mir rumärgern musst.» Ihr Ton war jetzt neckend und als Celina ihre Freundin verständnislos ansah, sah sie das breite Grinsen in Annes Gesicht, das ihr schon des Öfteren den Tag gerettet hatte. So auch dieses Mal. «Du…» ein Schwall nicht gerade damenhafter Schimpftiraden wollte Celina gerade über die Lippen kommen, als ihr Blick auf die Uhr am Hauptgebäude fiel und sie erschrak. «Verdammt, wir müssen uns echt ranhalten…», rief sie und rannte schon los. Anne folgte ihr lachend. Die Tür zum Vorlesungssaal stand immer noch sperrangelweit offen. Kein gutes Zeichen! Als sie den Saal betraten, wäre Celina am liebsten rückwärts wieder rausgegangen. Sie hasste Menschenmassen. Zu eng, zu laut und sie hatte jetzt schon das Gefühl, dass im Raum nicht annähernd genug Sauerstoff für all die Leute sein konnte. Automatisch fiel ihr das Atmen schwerer. Nur Anne war es zu verdanken, dass sie überhaupt noch einen Sitzplatz ergatterten. Celina hätte die zwei freien Plätze in der Mitte sicher nicht gesehen, weil sie mittlerweile auf Tunnelblick umgestellt hatte. Aber Anne zog sie an der Hand mit sich und ließ mit absoluter Selbstverständlichkeit erst einmal zehn ihrer Kommilitonen aufstehen, um sich an ihnen vorbei zu drängeln. Sie hatten sich kaum hingesetzt und ihre Sachen aus den Taschen gekramt, als auch schon Professor Thomson den Raum betrat. Dieser Mann war einfach absolut faszinierend. Kein anderer Professor an ihrer Uni strahlte gleichzeitig so viel Autorität aus und hatte dabei ein so freundliches und einnehmendes Wesen, wie dieser nette, ältere Herr. Sobald er zu sprechen begann wurde es sofort mucksmäuschenstill: «Ich begrüße Sie recht herzlich zu einem neuen ereignisreichen Semester. Es erfreut mein altes Herz, dass Sie mich, trotz des schönen Wetters, so zahlreich mit Ihrer Anwesenheit beehren.» Ein Lachen ging durch den Saal. Tatsächlich war es an einem Sommertag, wie diesem, nicht unüblich, dass viele Studenten es mit ihren Pflichten nicht so genau nahmen und lieber das schöne Wetter nutzten um an den See zu fahren. Aber am Anfang des Semesters war das Interesse der Meisten doch noch gesteigert und ließ erst im Laufe der Wochen nach. Einige von ihnen waren sicher noch der Illusion verfallen, dass sie es dieses Semester besser machen würden und bei anderen wirkten einfach die eher bescheidenen Ergebnisse der letzten Prüfungen nach. Während Professor Thomson sich kurz mit ein paar Studenten aus der ersten Reihe unterhielt, schweifte Celinas Blick gedankenverloren über die Bankreihen. Sie suchte nichts bestimmtes, aber irgendwie hatte sie immer den Zwang ihre Umgebung genau zu mustern. Es gab ihr mehr Sicherheit, auch wenn es eigentlich albern war. Ganz plötzlich blieb ihr Blick an einem Jungen hängen, der in der letzten Reihe saß. Er hatte die dunkelsten Augen, die sie je gesehen hatte und dunkelbraunes Haar, dass er versucht hatte irgendwie in Form zu bringen. Beim Versuch war es allerdings auch geblieben. Trotzdem sah er wahnsinnig gut aus. Das war aber nicht der Grund gewesen, warum er ihre Aufmerksamkeit erregt hatte. Es war die Art gewesen, wie er da saß. Er sah irgendwie unnahbar aus. Das wurde noch dadurch bestärkt, dass sein Banknachbar, trotz der schmalen Sitzplätze, weit möglichst Abstand zu ihm hielt und irgendwie nervös wirkte. Es fehlte nicht viel und er würde auf dem Schoß des Mädchens landen, das direkt neben ihm saß. Merkwürdig. Er sieht nicht so, als ob von ihm eine Gefahr ausgehen könnte, dachte Celina bei sich und genau in diesem Moment trafen sich ihre Blicke. Er starrte sie regelrecht an und sie hatte das ungute Gefühl, dass er direkt in ihr Innerstes schauen würde. Sie riss sich los und drehte sich um, so schnell ich nur konnte. Oh Gott, sie war sicher feuerrot und ihr wurde richtig warm. Hastig sah sie zu Anne, aber ihr Blick war nach vorn gerichtet. Sie konzentrierte sich auf die Vorlesung und Celina versuchte es ihr gleich zu tun. Es wurden Literaturlisten und der Ablaufplan für das neue Semester erläutert und während Celina zwanghaft damit beschäftigt war, aufmerksam zuzuhören, hatte sie immer noch das Gefühl, dass sein Blick auf ihr ruhte. Mit aller Macht widerstand sie dem Verlangen sich abermals umzudrehen, um sich zu vergewissern, dass er sie immer noch anstarrte. Reiß dich zusammen, ermahnte sie sich selbst zur Ordnung und versuchte, sich nicht weiter ablenken zu lassen. Professor Thompson klärte gerade einige organisatorische Dinge ab. «Des Weiteren möchte ich Sie darauf hinweisen, dass die Teilnehmerlisten für die Wochenendexkursion vor meinem Büro aushängen. Die Teilnehmerzahl ist auf zwanzig Personen begrenzt und ich bitte um das Verständnis aller Studierenden, die dieses Mal nicht dabei sein können. Meine Sekretärin wird noch mehrere Folgetermine herausgeben, so dass am Ende hoffentlich alle die Möglichkeit hatten, ihren Schein zu bekommen. Ich wünsche Ihnen noch einen durch und durch erfolgreichen Tag und bedanke mich für Ihre wohltuende Aufmerksamkeit.» Mit diesen Worten packte er seine Sachen und verließ unter dem begeisterten Klopfen seiner Studenten den Saal. Als Celina sich umdrehte, war der Junge verschwunden. «Was guckst du denn da? Los komm schon! Wir wollen gleich mal nachsehen, ob wir zu den wenigen Glücklichen gehören, die gleich beim ersten Mal mit auf die Exkursion gehen», sagte Anne und riss sie aus ihren Gedanken. Bevor sie auch nur ein Wort sagen konnte, wurde sie schon wieder aus dem Saal gezogen. Das Büro von Professor Thomson lag im zweiten Stock des Hauptgebäudes. Als sie in den Gang kamen, waren sie aber leider nicht die einzigen Neugierigen. Etwa die fünfzig Studenten drängten sich um das schwarze Brett, um zu sehen, ob ihr Name irgendwo auf der Liste stand. Celina war froh, dass Anne nicht vorhatte, hier zu warten, bis sich der ganze Trubel gelegt hatte. Stattdessen entschieden sie, in die Cafeteria zu gehen und später noch einmal wieder zu kommen. Während des Essens schwärmte Anne von ihrer Italienreise, die sie während der Semesterferien mit ihren Eltern unternommen hatte. Voller Begeisterung berichtete sie von Venedig, Verona und all den anderen tollen Städten, die sie während ihres Aufenthalts dort besucht hatte und ganz besonders schwärmte sie von den italienischen Jungs. Typisch Anne! Celina wollte sie gerade damit aufziehen, als Anne auch schon dazu über, ihr zu erklären, welche Dinge man dort unbedingt gesehen haben musste und was man auch getrost verpassen konnte. Celina war noch nie aus den USA, geschweige denn aus Michigan, rausgekommen und das würde sich sicher auch in absehbarer Zeit nicht ändern. Natürlich hätte sie ihre beste Freundin darauf hinweisen können, aber sie wollte ihr die Laune nicht verderben. Also ließ sie Annes Begeisterung geduldig über sich ergehen und gab sich damit zufrieden, sich ihre Portion Nudeln auch noch einzuverleiben, da Anne eh so viel schnatterte, dass sie nicht wirklich zum Essen kam. Gegen halb eins schlenderten sie erneut gemütlich zu Professor Thompsons Büro. Dieses Mal hatten sie mehr Glück. Sie waren ganz allein. Wie Celina bereits erwartet hatte, standen ihre Namen natürlich auf der Liste, weil sie sich ja auch als erste für die Exkursion eingetragen hatten. Als sie ein leises verächtliches Schnauben hinter sich vernahm, schrak sie zusammen. Wieder hatte sie dieses merkwürdige warme Gefühl. Als sie sich umdrehte, sah sie in dieselben mysteriösen dunklen Augen und erstarrte. Sie verstand nicht, warum sie so auf diesen Jungen reagierte. Irgendetwas hatte er an sich, dem sie sich einfach nicht entziehen konnte. Ein Blick in seine Augen und sofort hatte Celina das Gefühl, dass sie ihn schon seit Ewigkeiten kannte, obwohl sie ihn heute definitiv zum ersten Mal gesehen hatte. Als er ihren Blick erwiderte, wurde sie abermals rot. Schnell riss sie sich von seinem Anblick los und wollte gerade die Flucht ergreifen, als sie ihn leise vor sich hin fluchen hörte: Echt, immer dasselbe. Da kommt man an eine neue Uni und kann sich gleich erst einmal darum kümmern, überhaupt noch in irgendeinen Kurs reinzukommen. Ich hab es so satt. Warum geb ich mir die ganze Sache überhaupt noch? Irgendwann muss es doch auch mal reichen. Vielleicht hat Cyrus doch recht und ich werde langsam zu alt dafür… Bevor er weiter fluchen konnte, drehte sie sich zu ihm um und sah ihn an. Er stand mit dem Rücken zu ihr und sie hätte sicher einfach weiter gehen können, aber leider tat sie das nicht. Ich geh ihm lieber mit meinem Helfersyndrom auf die Nerven, fluchte sie und bereute jetzt schon, was sie gleich sagen würde. Noch bevor sie sich zügeln konnte, waren die Worte auch schon heraus: «Reg dich nicht auf. So alt bist du ja nun auch noch nicht. Sprich einfach mit Professor Thomson und erklär ihm deine Situation. Er lässt eigentlich immer mit sich reden und vielleicht fällt ja noch jemand aus. Dann kannst du bestimmt nachrücken.» Ganz langsam drehte er sich um. Erst jetzt sah sie, dass seine Augen nicht einfach nur dunkel waren, sie waren tatsächlich nahezu schwarz. So etwas hatte sie noch nie gesehen und sein Blick ließ ihr fast den Atem stocken. Er hielt genau die richtige Balance zwischen Erstaunen und leichter Belustigung, sodass sie sich nicht allzu lächerlich vorkam und wieder hatte sie das Gefühl, dass er genau in sie hinein sah. Bevor die Situation zur Peinlichkeit des Tages ausarteten konnte, sprach der Junge zum Glück weiter: «Du hast sicher Recht. Ich werde mal zu ihm gehen und ihm ins Gewissen reden. Übrigens mein Name ist Aaron.» Seine Stimme klang so sanft. Celina hätte ihm einfach ewig zuhören können. Sie brauchte einen Moment bis ihr klar wurde, dass er darauf wartete, dass sie sich auch vorstellte. «Celina», stotterte sie leise. Sie musste unbedingt gehen, bevor sie sich noch mehr blamierte. «Okay, wir müssen dann mal weiter. Man sieht sich», murmelte sie und ging schnell davon. Dabei konnte sie sich nur glücklich schätzen, dass ihre Beine sie in diesem Moment nicht im Stich ließen und sie stolperte. Immer noch spürte sie seinen Blick auf sich ruhen und war nur froh, dass Anne schweigend neben ihr lief und sich erst einmal jeden dummen Kommentar verkniff. Das hielt sie genau so lange durch, wie es dauerte, um die nächste Ecke zu biegen. «Was war das denn», fragte sie total entgeistert. Celina lehnte sich gegen die Wand, bevor sie antwortete: «Ich weiß nicht, was du meinst» Zu spät wurde ihr klar, dass ihre Stimme leicht gereizt klang. Jetzt bloß nicht zu ihr hinsehen, sonst weiß sie sofort Bescheid und hört nicht mehr auf, dachte sie genervt bei sich. Krampfhaft versuchte sie ihren eigenen Rat zu befolgen und starrte den hässlichen grauen Linoleumboden an. Aber das nützte ihr natürlich gar nichts. «Ich rede von deinem Abgang gerade eben und außerdem hast du ihn einfach so angesprochen, dass passt doch gar nicht zu dir», fuhr sie unbeirrt fort. «Ich hab ihm nur geantwortet. Das macht man so, wenn man schon einmal etwas von Anstand gehört hat.» Toll jetzt kling ich auch noch schnippisch. Fantastisch! «Ich hab gar nicht gehört, dass er was gesagt hat», sagte Anne nachdenklich. Celina wurde ganz komisch, aber sie hoffte einfach, dass Anne die Sache auf sich beruhen ließ. Natürlich lag das einfach nicht im Rahmen des Möglichen. Wieder fing sie an: «Naja, vielleicht hab ich nur nicht richtig zugehört. Kann schon sein. Trotzdem würde ich gern mal wissen, seit wann du überhaupt mit Jungs sprichst. Wer bist du und was hast du mit meiner schüchternen Freundin gemacht? Versteh mich bitte nicht falsch. Ich hab mir schon langsam Sorgen um dich gemacht und…» Barsch fiel sie ihr ins Wort: «Keine Ahnung, was heute mit mir los ist. Ich wollte einfach nur hilfsbereit sein. Das hab ich jetzt davon. Würdest du bitte aufhören, mich zu verhören? Lass uns einfach kein Wort mehr darüber verlieren. Okay?» Anne versuchte ein dickes Grinsen zu verbergen und folgte ihr schweigend. Naja, sie versuchte es zumindest. Mal abgesehen von ihrem nervigen Glucksen. Dieser Zustand hielt genau so lange an, bis sie das Gebäude verlassen hatten. Nächste Runde… «Ich kann dich ja verstehen. Der Typ hatte zwar etwas Gefährliches an sich, aber irgendwie war der schon heiß. Vielleicht könnte der endlich mal deinen Ansprüchen genügen», feixte sie. «Noch einmal zum Mitschreiben, nur für dich: ich bin NICHT zu anspruchsvoll. Mir ist einfach noch keine Junge begegnet, der mich wirklich interessiert hat und nur weil ich mit Aaron, oder wie der heißt, gesprochen habe, bedeutet das noch lange nicht, dass ich mich ihm gleich an den Hals werfe, wie gewisse andere Personen das tun würden.» Sie streckte Anne die Zunge raus und stolzierte davon. Diese lachte laut hinter ihr und auch sie konnte sich ein Grinsen nicht ganz verkneifen. Anne konnte einen echt auf die Palme bringen, aber Celina liebte sie, wie eine Schwester.


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