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> Belletristik > TANGATA WHENUA Inferno der Herzen
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Belletristik
Buch Leseprobe TANGATA WHENUA Inferno der Herzen, Christel Siemen
Christel Siemen

TANGATA WHENUA Inferno der Herzen


Neuseealdroman

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Er stand rußgeschwärzt auf der morschen Veranda des herrschaftlichen Farmhauses. Der verkohlte Boden knackte unter seinen bloßen Füßen. Von der Decke des ehemals feudalen Verandavorbaus tropfte es unaufhörlich. „Pitsch, platsch“, klatschten die Tropfen auf seine feuchten Haare. Er rührte sich nicht von der Stelle. Seine Augen stierten regungslos geradeaus. Im Mondschein glänzte seine Haut bronzefarben. Die Nacht roch nach Tod, drückend und stickig. Es war Hochsommer in Wellington im südlichen Zipfel der Nordinsel Neuseelands. Die Luft verströmte den Geruch von verkohltem Holz und vermischte sich mit der feuchten Luft zu einem modrigen Gestank. Irgendwo verendete eine Kuh. Jämmerlich hallte ihr Klagerufen durch die stille Nacht. Im Gegensatz dazu strahlte der Mond hell am Himmel und kämpfte mit den ersten Sonnenstrahlen, die von Osten den neuen Tag begrüßten. Hätte der Mann auf der Veranda seinen Kopf gehoben, wäre sein Blick auf die nahe Bucht gefallen. Über dem Wasser bot sich gerade ein grandioses Schauspiel der aufgehenden Sonne. Der immer praller werdende Lichtball schillerte in orange- und tiefroten Glitzertiraden und schien geradewegs aus den Tiefen des Meeres aufzusteigen. Es wurde zunehmend heller und heller und die Nacht nahm Abschied, um für den neuen Tag Platz zu machen. Sonst hatte eine junge Frau jeden Morgen bei Sonnenaufgang das Schlafzimmerfenster geöffnet, und sich wohlig im Morgenlicht die Arme gereckt und gestreckt, um den neuen Tag genussvoll mit einigen tiefen Atemzügen zu begrüßen. Doch heute Morgen öffnete hier niemand das Fenster. Vor zwei Stunden war der Leichenwagen mit seiner Frau und der kleinen, gerade mal zwei Jahre alten Tochter Stella davongefahren. Niemals würde er sie wieder sehen, ihre fröhlichen Stimmen vernehmen oder ihnen übers Haar streichen können, was er so gern getan hatte. Das alles nur, weil er sein Pferd gesattelt hatte, um nach einem anstrengenden Tag abzuschalten und dem ganzen Stress zu entfliehen. Sie hatten sich beim Abendbrot mal wieder gestritten. Schon seit Jahren verstanden sie sich nicht mehr so gut wie am Anfang ihrer Beziehung. Wäre Stella nicht gewesen, wer weiß, ob sie noch zusammengeblieben wären. Dieses Mal ging es um eine Kleinigkeit, um die Mary ihren Mann bat. „Würdest Du bitte endlich die Nachttischlampe von Stella reparieren. Ständig gibt es einen Kurzschluss, wenn ich sie einschalte. Wie oft habe ich Dich schon darum gebeten!“, nörgelte sie, weil sich Marc seit einiger Zeit im Haus um rein gar nichts mehr kümmerte. „Musst Du mir derzeit immer mit solchen unwichtigen Dingen kommen? Du weißt genau, dass ich dafür überhaupt keine Zeit habe, seitdem zwei meiner Männer krank geworden sind. Nimm gefälligst eine andere Lampe!“, hatte er gereizt geantwortet. Er war so was von überarbeitet, dass ihn die Bitte seiner Frau nervte. „Immer nur die Farm, um uns kümmerst du dich gar nicht mehr!“, beschwerte sich Mary bitterlich. Ein Wort gab das andere, und der Streit drohte zu eskalieren. Wütend schnappte sich Marc seinen Hut und lief laut schnaubend zur Tür hinaus. „Ach, lasst mich doch alle in Ruhe! Ich brauche frische Luft.“ Weg war er. Er sattelte sein Pferd und ritt davon, um sich abzureagieren. Sollten sie doch alle mal einen Abend ohne ihn auskommen. Er hatte die „Schnauze voll.“ Nach dem Abendbrot brachte seine Frau Mary stets das Kind zu Bett. Stella konnte abends schlecht einschlafen. Deshalb legte sich seine Frau immer neben das Mädchen und blieb so lange im Schlafzimmer, bis die Kleine fest schlief. Marc sah schon von Weitem das Farmhaus in lodernden Flammen stehen, als er von seinem Ausritt zurückkam. „Los, Archie!“ Er gab seinem Pferd die Sporen und ritt, was das Zeug hielt, auf das Farmgelände zu. Das Haus und der direkt angrenzende Melkstall brannten lichterloh. Nestelnd zog er schnell sein Handy aus der Jeans und tippte blind die Nummer der ortsansässigen Feuerwehr. „Marc Bradley hier, Bradleyfarm, es brennt! Kommen Sie schnell!“ Als er vor dem Haupthaus gehetzt aus dem Sattel sprang, waren die angestellten Landarbeiter bereits dabei, mit Feuerlöschern der Situation Herr zu werden. Das sonst so treue Pferd scheute auf und rannte aus Angst vor dem Feuer davon. Marc schrie auf. „Wo sind Mary und Stella?“ Die Männer zuckten ihre Schultern und arbeiteten hektisch weiter. „Verdammt noch mal! Irgendjemand muss sie doch gesehen haben?“ „Wir sind selbst gerade erst von der Südweide zurückgekommen, als wir den Brand bemerkt haben“, sagte Jeff. „Mary wollte Stella ins Bett bringen! Sie müssen noch im Haus sein!“ Marc zögerte keine Sekunde und rannte auf die Haustür zu. „Aauu…!“ Ein höllischer Schmerz durchzuckte seine rechte Hand. Die metallene Türklinke war viel zu heiß. Mit aller Kraft trat er mit seinen Füßen auf die stabile Holztür ein. Mehrmals holte er mit voller Wucht aus, bis das Holz splitternd nachgab und die Tür aufsprang. Beißender Qualm stieg ihm entgegen. Er konnte kaum etwas sehen. Hier drinnen war es stockdunkel. Schützend hielt er sich seinen Arm vor die tränenden Augen und tastete sich durch den dunklen Flur, Richtung Treppe. Laut zerbarsten die Fenster unter der starken Hitze. Die Glasscherben splitterten in alle Richtungen. Überall im Haus loderten mittlerweile die Flammen meterhoch. Plötzlich krachte ein Balken donnernd mit einem gewaltigen Krach direkt vor ihm auf den Boden. Er kam nicht weiter. Jeff, der hastig hinter ihm hergeeilt war, hielt eine nasse Jacke schützend über seinem Kopf. „Mensch, Marc, raus hier, da kommst du nicht durch!“, keuchte er mit vorgehaltener Hand. „Ich muss zu meiner Frau!“ Hustend wollte er weiter. Doch Jeff, ein Zweimeter-Mann von gewaltiger Statur, packte sich den etwas leichteren Marc und zog ihn mit aller ihm zur Verfügung stehenden Kraft aus dem Flammenmeer. Der verzweifelte Mann wehrte sich mit Händen und Füßen. Zwei weitere Männer kamen am Eingang Jeff zur Hilfe; sonst wäre es fraglich gewesen, ob die beiden dieser Hölle hätten entrinnen können. Tief keuchend und laut hustend verharrten sie einige Sekunden vor dem Gebäude. Die frische Luft in die Lungen einzuatmen, tat höllisch weh. Genau in diesem Moment traf mit lautem Sirenengeheul die Feuerwehr ein. „Schnell, eine Leiter, dort oben an das Fenster! Meine Frau und meine Tochter müssen sich noch im Schlafzimmer befinden!“, krächzte Marc und befreite sich energisch aus Jeffs Klammergriff. Ungeduldig versuchte er dem Feuerwehrmann, den Schlauch aus den Händen zu reißen. Der Schweiß rann ihm aus allen Poren. Aus seinem Arm tropfte Blut, und der Kopf drohte ihm zu bersten. Doch davon bemerkte er nichts. Sein einziger Gedanke galt seiner Familie, die er retten wollte. In Windeseile wurde der Leiterwagen an das Fenster gefahren. Die Einsatzkräfte rollten bereits die Schläuche aus. „Wasser Marsch!“ Schwarze Rauchwolken drangen aus den Fenstern. Das Glas war bereits überall zerborsten. Eine wahnsinnige Hitze ließ die Menschen zurückweichen. Ein Feuerwehrmann in Schutzkleidung kletterte wagemutig über den Balkon, nachdem von zwei Seiten die Stichflammen von der Wasserzufuhr der Feuerwehr zurückgedrängt worden waren. Während mehrere Neugierige und Farmmitarbeiter den Atem anhielten, verschwand der wagemutige Feuerwehrmann im Inneren des Obergeschosses. Marc flippte fast aus. Ungeduldig lief er unten an der Leiter hin und her. Immer wieder wollte er selbst hinaufklettern. Doch die Männer bewahrten ihn davor, sich nochmals in das Flammeninferno zu begeben. Ihm kam es wie eine Ewigkeit vor, bis der Feuerwehrmann endlich wieder am Fenster auftauchte. Gott sei Dank! Auf seinen Armen trug er einen kleinen Kinderkörper. Rasch wurde ihm dieser auf der Leiter von seinem Kollegen abgenommen. Dann verschwand er wieder im Dunkeln. Augenblicke später folgte er mit der leblosen Gestalt einer Frau. Marc nahm dem Mann rasch das kleine Bündel ab und legte es vorsichtig ins nasse Gras. „Schnell! Sie atmet noch!“ Behutsam beugte er sich zu seiner kleinen Tochter hinab und versuchte mit Mund-zu-Mund-Beatmung das Leben des Kleinkindes zu retten. „Stella, komm meine Süße, halte durch!“ Sekunden, Minuten, keiner konnte sagen, wie viel Zeit verstrichen war, plötzlich war der Notarzt zur Stelle und übernahm Marcs verzweifeltes Bemühen um das kleine Menschenleben. „Bitte treten Sie zur Seite, ich löse Sie ab!“ Der Arzt versorgte den kleinen Körper mit einer Sauerstoffmaske und begann mit der Herz-Lungen-Massage. Immer wieder fühlte er den Puls. Nach bangen Minuten drehte er sich um und schüttelte stumm den Kopf. „Es tut mir leid. Sie hat es leider nicht geschafft.“ Schnell richtete er sich auf und beugte sich nun zu dem Frauenkörper, den man neben dem Kind ins Gras gelegt hatte. Er hielt seinen Finger an den Hals, um den Puls zu fühlen und versuchte mit seinem Stethoskop etwaige Lebenszeichen festzustellen. „Nein! Nein!“ Marc schrie auf. „Das kann nicht sein! Bitte Doc, tun Sie doch etwas! Pumpen Sie!“ Aufschluchzend warf er sich auf die leblose Gestalt seiner Frau. „Mary, wach auf!“ Dann rannte er wieder zu seiner Tochter, nahm den leblosen kleinen Kinderkörper in seine Arme und wiegte ihn hin und her. „Stella, du brauchst jetzt nicht zu schlafen, mach die Augen auf!“ Voller Verzweiflung sank er in die Knie. Ein schrecklicher Laut entrann seiner Brust. Er schrie wie ein wildes Tier. „Das kann nicht sein, das darf nicht sein!“ Jeff zog ihn hoch. Weinend klammerte sich Marc an den großen Mann. Vor lauter Verzweifelung bemerkte er gar nicht, wie tief sich seine Finger in die Oberarme seines Mitarbeiters gruben. Jeff musste die Zähne zusammenbeißen. Doch er ließ ihn gewähren. „Diese verfluchte Lampe, Schuld ist bestimmt die Lampe, die ich nicht repariert habe. „Hätte ich das blöde Ding nur nachgesehen, dann würden die beiden noch leben. Aber ich musste ja ausreiten. Ich habe sie im Stich gelassen! Ich bin schuld! Ich bin schuld! Ich bringe nur Unglück!“ Er schrie und tobte. Keiner konnte ihn beruhigen. Die Menschen dort waren selbst geschockt und fassungslos. Der Doktor fackelte nicht lange, zog eine Beruhigungsspritze auf und versenkte sie in Marcs Arm. Mit Mühe und Not schaffte Jeff es, ihn auf eine nahe Bank zu ziehen. „Setz dich!“, befahl er scharf. Dann wandte Jeff sich an den Arzt. „Doc, sie bleiben bei ihm, ich muss zum Kuhstall. In der Wartebox standen heute Abend noch fünf Kühe, die wir heute Nacht nicht auf die Weide treiben konnten.“ Am Stall bot sich ihm ein verheerendes, trostloses Bild aus Flammen und Qualm. Das freistehende Gebäude war bis auf die Grundmauern zusammengefallen. Obwohl die Feuerwehr auch hier die Flammen von mehreren Seiten in Schach hielt, war nichts mehr zu retten. Vergeblich. Es war alles verloren.


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