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Belletristik
Buch Leseprobe Geteilte Seele, Manuel Magiera
Manuel Magiera

Geteilte Seele



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Manuel Magiera


Geteilte Seele


Am Ende des Weges


Klirrende Kälte lag über der Stadt. Es hatte vor einigen Tagen geschneit. Der Schnee auf den Straßen schimmerte nicht mehr ganz weiß, sondern wies verschiedene Schattierungen in Grau- und Brauntönen auf. Er war teilweise bereits getaut, so dass sich die Straßen und Wege nass und matschig präsentierten.


Ein dunkles Auto der gehobenen Klasse hielt auf dem Parkplatz vor dem Haupteingang des Zentralfriedhofs an.


Eine Frau stieg aus und passierte das Portal. Sie war schlank und sehr hochgewachsen. Tief atmete sie durch die Nase ein und blies ihren Atem in langgezogenen Nebelschwaden über den Mund wieder in die eisige Luft hinaus.


Auf dem Friedhof lag der Schnee noch so rein, wie die Natur ihn in Form der kleinen sechseckigen Kristalle vom Himmel hatte fallen lassen. Lediglich der Hauptweg war mäßig geräumt. Die Frau trug einen dunklen Pelzimitatmantel mit Kapuze, in der ihr Kopf tief verborgen der eisigen Kälte trotzte. Lange blondgelockte Haare umspielten ein dezent geschminktes, etwas herb wirkendes Gesicht. Die Beine steckten in schwarzen, bis zu den Knien hochgezogenen Lederstiefeln, deren Absätze kräftige Abdrücke im Schnee hinterließen. Sie hielt eine rote Rose in ihrer rechten Hand. Über ihrer linken Schulter hing die schwarze Lederhandtasche eines italienischen Luxusdesigners.


Der Friedhof war an diesem kalten Dienstagmorgen Ende Februar menschenleer. Die elegant gekleidete Frau schritt zielstrebig an der kleinen Kapelle vorbei nach Norden. Sie ging bis zum Ende des Ganges und bog rechts ab, um am zweitletzten Grab stehenzubleiben.


Carsten Maruhn, geboren am 10.11.1978, verstorben am 26.01.2010, stand in weißer Farbe in rostbraunen Marmor gemeißelt, auf dem Grabstein. Das Einzelgrab sah sehr gepflegt aus. Nur ein leichtes Zucken um die Mundwinkel verriet die Anspannung, unter der die Frau stand.


Laut begann sie mit dem Toten zu sprechen. „Lisa Maruhn gehört dort eigentlich hin“, sagte sie ärgerlich und spürte, wie ein brennender Schmerz ihr Herz durchbohrte. „Carsten gibt es nicht mehr, aber nun gut, deine Namensänderung war noch nicht erfolgt und daher musste der männliche Name auf den Grabstein. Ich mache mir große Vorwürfe, Lisa. Wenn ich damals bloß hier gewesen wäre! Ich hätte es verhindern können. Warum nur, Lisa? Wir hatten doch alles geplant! Ich wollte dich mitnehmen. Wir hätten beide ein neues Leben anfangen können!“


Ihr Kopf hob sich schmerzerfüllt und ihre Augen blickten wie mit einem verzweifelten, wütenden Aufschrei zum Himmel hinauf, als erwarte sie die Antwort von Gott selbst. Ihr unsägliches Leid musste sich, während sie am Grab der besten Freundin stand, entladen.


„Alles Gute, Lisa. Du bist jetzt vielleicht in einer besseren Welt. Niemand kann dir mehr wehtun!“


Tränen rannen über das markante Frauengesicht und zogen tiefe Furchen aus verwischtem schwarzem Mascara auf ihre kalten Wangen. Sie beugte ihre Knie und legte mit liebevollem Blick die Rose in die Mitte des Grabes.


„Es ist eisig, Lisa. Sie wird sich lange halten“, sagte sie leise. „Rote Rosen waren deine Lieblingsblumen, ich habe das nicht vergessen. Ich sehe alles noch wie heute vor mir, als wir einander das erste Mal begegneten.“


Ihre Gedanken wanderten langsam in die Vergangenheit zurück. Sie dachte an den Abend, der ihr Leben so radikal verändert hatte. Es war vor zwei Jahren gewesen. Ihr erster Besuch in der Selbsthilfegruppe stand bevor und sie wollte sich perfekt präsentieren.


Die Frau im Pelzmantel ließ ihrer Erinnerung freien Lauf.


 


 


Aus Jürgen wird Annette


 


Sie war zu dieser Zeit nur psychisch eine Frau gewesen und nannte sich Annette. Ihr Körper, den sie immer abgelehnt hatte, war noch der eines Mannes. In der Öffentlichkeit lebte sie als Rechtsanwalt Jürgen von Wichern in Köln.


Annette fühlte sich an dem Abend sehr unruhig. Werde ich auffallen? Wird man es mir ansehen? fragte sie sich ständig. Ob sich die Menschen auf der Straße zu mir umdrehen würden? Lachen würden? Vielleicht sich kichernd anstoßen: Guck mal die Alte, dort? Witzig, so eine Ulknudel, ein Paradiesvogel und es ist doch noch kein Karneval!


Sie war aufgeregt, wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Was hatte sie eine Angst davor, anderen Menschen das erste Mal als Frau gekleidet zu begegnen!


Antworten auf eventuelle Fragen nach ihrer Herkunft hatte sie gut durchdacht. Sie wollte sich als Jurastudentin an der Kölner Uni ausgeben.


Juristin war sie tatsächlich, nur hatte sie die Examen bereits lange bestanden. Aber natürlich musste sie vorsichtig sein. Niemand durfte etwas von ihrem bürgerlichen Leben erfahren.


Immer wieder blickte die Frau in den Spiegel. War der Rock zu gewagt? Hatte sie die Schminke richtig verteilt oder schien noch etwas Bartwuchs am Kinn durch?


Annette nahm ihre Handtasche und lief, nachdem sie die Wohnungstür abgeschlossen hatte, zum Fahrstuhl. Dort drückte sie auf den Knopf zur Tiefgarage. Hoffentlich musste sie niemandem von der Hausgemeinschaft begegnen, kam ihr in den Sinn. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, während sie sich ängstlich umschaute. Uff, als sie in ihrem Wagen saß, atmete sie aus. Das war geschafft. Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis ich mich in meiner neuen Rolle sicher bewegen kann, dachte sie, als sie auf die Straße fuhr.


An einer der unzähligen roten Ampeln hielt ein BMW auf der Spur neben ihr. Der bärtige Typ in dem Wagen grinste sie frech an. Verschämt blickte sie nach unten und würgte dabei den Motor ab. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis sie ihn wieder gestartet hatte.


Nach einer ihr endlos scheinenden Fahrt kam sie zu dem Lokal, in dem sich die Selbsthilfegruppe für Transsexuelle traf. Auf dem dunklen Parkplatz davor stieg gerade jemand aus dem Auto aus.


Eine Frau stöckelte auf hohen Absätzen über die nasse Straße. Bei einem weiteren Blick war die Person verschwunden. Annette parkte ihren Wagen ein Stück weiter, stieg ungelenk aus und war glücklich, dass sie ihre Schuhe für diesen Abend nicht ganz so hoch gewählt hatte. Es befand sich frisch verteilter Split auf dem Platz und sie sank tief darin ein.


Als sie sich umsah, entdeckte sie ein kleines Häufchen Elend. Die Frau von eben lag der Länge nach auf dem Bürgersteig. Die unscheinbare Kante am Rinnstein war ihr wohl zum Verhängnis geworden. Alles schien verrutscht. Der Rock, die Bluse, ihre Jacke und die Perücke.


Annette eilte zu ihr und musste dabei höllisch aufpassen, nicht denselben Fehler zu machen. „Entschuldigung. Brauchen Sie Hilfe?“ fragte sie vorsichtig. Lächerlich. Wie konnte sie in einer derartigen Situation nur eine so dämliche Frage stellen?


Irgendwie schafften sie es mit vereinter Kraft, dass die Unglückliche wieder auf die Beine kam. Sie sahen einander an. Nach einer Schrecksekunde lagen sie sich lachend in den Armen.


Beide wussten sofort, was sie waren. Zur selben Zeit spürte Annette tief in sich ein wohliges Gefühl von Erleichterung und Sicherheit. Sie fühlte eine tiefe Verbundenheit mit der anderen.


Die junge Frau, die sich als Lisa vorstellte, war schon öfter hier gewesen und kannte sich im Lokal gut aus. Zusammen schlichen sie sich zur Damentoilette.


Annette blieb dabei fast das Herz stehen. Sie japste nach Luft und konnte Lisa nur noch zu piepsen: „Aber wir können doch nicht hier rein? Oh Gott, wenn uns jemand sieht!“


Lisa, die genau wie Annette körperlich noch männlich war, schüttelte lachend den Kopf. „Nein, du brauchst hier keine Angst zu haben“, sagte sie. „Dies ist unser Reich. Jeder weiß Bescheid und niemand kümmert sich um uns. Meine neuen Nylons sind zerrissen. Haben mich ein Vermögen gekostet. Der Absatz ist auch wieder hin. Warum erfindet die Industrie für uns Frauen bloß solche Mordwerkzeuge? Irgendwie bin ich über die Sch… Kante gestolpert und lag plötzlich flach. Gut, dass du kamst! Du bist neu hier? Wie heißt du eigentlich?“


Lisa hatte endlich ihren Redeschwall unterbrochen. Typisch Frau! Reden ohne Punkt und Komma, dachte Annette. Leicht amüsiert, dabei völlig überrumpelt und verwirrt antwortete sie: „Ich bin Annette, Studentin der Jurisprudenz in Köln.“


„Der was?“ Huch! Lisas Augen wurden immer größer. Plötzlich lachte sie los. Annette hatte schon geglaubt,  sich mit Frauen auszukennen. Aber ein solch schrilles Gelächter, das in undefinierbarem Glucksen endete, war ihr noch nie untergekommen. Es wirkte, als nähere sich ihr Gegenüber dem Erstickungstod.


„Ich will Anwältin werden“, ergänzte sie ratlos.


„Ach so, eine Rechtsverdreherin. Warum sagst du das nicht gleich?“ Lisa schüttelte den Kopf, um im nächsten Augenblick wieder los zu prusten, während sie den gesamten Inhalt ihrer roten Lacklederhandtasche über dem Waschbecken auskippte. „Schick ist die, oder? Habe ich vor ein paar Tagen für zehn Euro bei meinem Stammkaufhaus ergattern können!“


Ihre langen knallrot lackierten Fingernägel stocherten in dem Sammelsurium an Schminkutensilien und Kleinteilen einen Augenblick lang suchend herum. Sie jauchzte vor Entzücken und griff nach einem abgewetzten Lippenstift, den sie mit gekonntem Schwung aus dem Handgelenk öffnete. Ihren linken kleinen Finger spreizte sie dabei soweit ab, dass es aussah, als würde er im nächsten Augenblick nach hinten abbrechen. Geschickt zog sie die helle rote Farbe auf ihren Lippen nach, schmatzte Ober- und Unterlippe zusammen und nickte befriedigt mit dem Kopf.


Annette staunte. Lisa füllte ihre Handtasche erneut. Nachdem ihre Siebensachen wieder in dem knallroten Beutel lagen, schob sie ihre neue Freundin lächelnd aus dem Klo.


Einen Moment später standen die beiden jungen Frauen im Gastraum. Lisa packte ihre Begleiterin sanft am Arm und zog sie bis zur hintersten Ecke zu einer Bank, wo sich zwei andere Frauen konzentriert mit der bunten Speisekarte beschäftigten.


„Hallo, ihr beiden Süßen, ich hatte gerade einen Unfall auf der Straße. Und wenn Annette hier nicht gewesen wäre, könntet ihr mich morgen früh wohl als Eisteddybärin vom Asphalt abkratzen“, begrüßte sie die beiden. „Also, das sind Arabella und Julchen. Ich kann erst mal eine heiße Schokolade vertragen. Wo bleibt überhaupt Ines?“


Puh! Annette hatte schon befürchtet, Lisa würde wieder kein Ende finden, doch die stoppte ihre Worte so plötzlich, wie sie mit dem wasserfallgleichen Redefluss angefangen hatte.


„Juliane“, stellte sich die rothaarige kräftige Dame im bunten blumengemusterten Chiffonkleid mit tiefem Bass vor. „Also, ich nehme eine Gulaschsuppe“, meinte ihre Nachbarin, deren Stimme sich ebenfalls sehr dunkel gefärbt anhörte. Sie hatte sich sorgfältig geschminkt, doch ihre Finger ließen einen derben Beruf im Bauhandwerk vermuten. Ihr schwarzer Rock und die dunkelrote Bluse standen ihr sehr gut, stellte Annette fest.


„Annette macht in Pudenz“, sagte Lisa erhaben.


„Ich studiere Jura und ich hoffe, ihr habt nichts dagegen, wenn ich mich zu euch setze.“ Annette lachte. „Es ist mein erstes Mal in der Gruppe. Ich bin so fürchterlich aufgeregt“, meinte sie anschließend verlegen.


„Das wird bestimmt nicht das letzte Mal sein, Kindchen. Hier macht sich fast jede erst in den Schlüpfer, aber das gibt sich, glaub mir.“ Arabella legte die Speisekarte zur Seite und sah Annette prüfend an. „Du bist also noch ganz am Anfang?“, fragte sie mehr oder weniger beiläufig. Eine wirklich wahrheitsgemäße Antwort erwartete Arabella sichtlich nicht.


„Hast noch einen weiten Weg vor dir, je nachdem. Psychotherapie, Gutachter und wenn du endlich durch bist, die große OP. Dann ist alles weg und kommt nie mehr wieder. Überlege es dir gut. Es gibt Leute, die das heulende Elend überkommt, wenn sie feststellen, was einmal ab ist, bleibt ab. Nun, wie gefällt dir mein Oberteil? Hab ich als allererstes machen lassen. Untenrum ist noch alles da. Mal sehen, im Sommer vielleicht. Hab noch nicht den richtigen Operateur gefunden. Der Franzose ist zu teuer, den zahlt die Kasse nicht und die anderen, na ja… Es ist einfach zum Heulen. Wenn du Knete hast, kriegst du alles.“ Arabellas Augen hatten einen eigenartigen traurigen Glanz angenommen. Ihr fröhlicher Blick war tiefer Melancholie gewichen.


„Nicht alle halten dem Druck während des Geschlechtswechsels stand. Viele von uns sind mit der Situation überfordert und nicht wenige nehmen sich in dieser Zeit sogar das Leben. Es hängt viel von den Gutachtern ab. Nicht alle von denen behandeln uns gut. Für einige sind wir lediglich mysteriöse, wissenschaftliche Objekte, bizarr und unheimlich. Und natürlich mit einer großen Portion Perversion. Wer dann nicht wirklich selbstbewusst und stark ist, der geht unter. Ich kenne schon drei, die inzwischen durch eigene Hand auf dem Friedhof liegen“, erzählte Juliane, während sie ihre Freundin mit ängstlichem Blick zu mustern schien. „Arabella ist Gott sei Dank hart im Nehmen. Sie hat das Gutachterverfahren hinter sich. Nun kämpft sie nur noch mit der Krankenkasse. Als gesetzlich Versicherter hast du keine Wahl. Die schicken dich einfach irgendwo hin. Eigentlich kann man da auch gleich wie früher auf einen Seelenverkäufer steigen und nach Casablanca fahren“, setzte sie nach.


Annette schluckte. So hatte sie sich das erste Gruppentreffen nicht vorgestellt. Diese beiden transsexuellen Frauen waren natürlich Urgesteine, das merkte sie sofort. Aber wer waren sie wirklich? Lagen hinter der äußeren harten Fassade nicht sehr verletzliche Seelen? Jede hatte ihr eigenes Schicksal zu bewältigen und trotz scheinbarer Offenheit, blieben ihre Qualen im Verborgenen. Nur ein Mensch mit ausgeprägter Empathie konnte verstehen, was die Frauen durchmachten. Annette spürte eine tiefe Seelenverwandtschaft, die Gemeinsamkeiten zwischen ihnen ließen sich nicht übersehen. Dass der Stammtisch nur von Frauen besucht wurde, störte die junge Anwältin deshalb nicht. Im Gegenteil. Es gab so viel zu erfahren und zu besprechen. Hormonelle Behandlung, Begutachtung, Operationen und die Probleme mit dem Lebensumfeld waren eben verschieden. Die Männer trafen sich separat an einem anderen Ort. Und die Frauen brauchten sich nicht scheuen, offen ihre Gefühle zu zeigen. ‚Frau‘ blieb hier unter sich. Und das empfand Annette gut. Man würde sich vielleicht gegenseitig stören.


 


Ihre Ansprechpartnerin aus der E-Mail hieß Ines. Sie hatte ihr etwas zur Gruppe geschrieben. Heute wollten sie sich hier treffen.


Dieser Stammtisch bestand bereits seit gut acht Jahren. Damals gab es in der Stadt einen Gynäkologen, der Menschen mit abweichender Geschlechtsidentität behandelte. Dort trafen sich ein paar der Frauen mehr oder weniger zufällig während der Sprechstunden im Wartezimmer. Sie stellten rasch die Ähnlichkeiten in ihren Lebensschicksalen fest und verabredeten sich an einem neutralen Ort. Das Lokal sprach sich herum und schnell fanden die Treffen regelmäßig einmal im Monat statt.


Annette war sich jetzt gerade nicht sicher, ob sie das hier brauchte oder besser gesagt, überhaupt gebrauchen konnte. Zunächst einmal hatte sie gelogen. Natürlich studierte sie schon lange nicht mehr. Sie war seit vielen Jahren ein erfolgreicher, gut betuchter Anwalt in Köln mit einer eigenen Kanzlei und vorwiegend im Wirtschaftsrecht tätig.


Sie konnte ihre Neigungen, die sie seit frühester Kindheit in sich spürte, nicht offen leben, denn das hätte ihre Klienten, die allesamt aus der gehobenen Gesellschaftsschicht kamen, sofort auf ewig verschreckt. So war sie gezwungen, nur heimliche Schritte zu unternehmen, um ihrer wahren Identität auf die Spur zu kommen.


In Köln hieß Annette Jürgen von Wichern. Die Familie stammte aus Hamburg und die Eltern lebten dort im besten Stadtteil in einer großen Villa.


Der Vater, Friedrich von Wichern, hatte die beiden Söhne konservativ erzogen. Martin, der ältere Bruder, sollte die Reederei und die Konservenfabrik übernehmen und war bereits nach abgeschlossenem BWL Studium und einem einjährigen Aufenthalt in den USA in die elterliche Firma eingetreten.


Die Mutter, Magda, studierte im letzten Semester Medizin, als sie den reichen Kaufmannssohn kennenlernte. Ihre Eltern zeigten sich von ihrer Wahl begeistert. Die von Wicherns gehörten schließlich seit Jahrzehnten zu den alteingesessenen besten Familien der Stadt und stellten immer wieder Senatoren.


Magda von Wichern wurde die Mutter zweier Jungen und ging in dieser Rolle auf. Als Jürgen, der Jüngere, merkte, dass er anders war als die übrigen Männer, bekam er Angst vor dem strengen Vater und wählte die Universität in Köln für sein Jurastudium. So war es ein Leichtes, den Vater davon zu überzeugen, dass er dort in der Rheinmetropole die besten Chancen hatte, seine Anwaltskanzlei zu etablieren.


Eine Freundin gab es in Jürgens Leben nicht. Er versuchte sich einige Male mit mäßigem Erfolg in der Schwulenszene der Domstadt. Zwar verliebte er sich stets in Männer, erlebte sich aber in der Beziehung selbst nicht als solcher.


Während der Liebesakte erschien es ihm regelmäßig, als wäre er eine Frau. Es fühlte sich so real an, dass Jürgen bereits fürchtete, an einer geistigen Störung zu leiden.


Dann kam ihm der Zufall zu Hilfe. Eines Abends lernte er im Szenelokal einen jungen BWL-Studenten kennen. Nach einer Weile erzählte ihm dieser von seinem Geheimnis. Er hieß jetzt Tim und war Frau zu Mann transsexuell. Noch während des Studiums machte er von einem im Jahre 1980 eingeführten Gesetz Gebrauch und stellte beim Amtsgericht den Antrag auf Vornamen- und Personenstandänderung. Danach suchte er sich im Kölner Schwulen- und Lesben-Milieu eine Selbsthilfegruppe für Transsexuelle. Sein Studentenpsychologe von der Uni half ihm dabei, die erforderlichen medizinischen Gutachten zu bekommen und durch die Freunde aus der Gruppe wusste er sehr schnell, wer die knifflige Operation von Frau zu Mann vornehmen konnte.


Nachdem sich Tim dem medizinischen Dienst seiner Krankenkasse vorgestellt hatte, bekam er die Kostenzusage und fuhr zur Operation nach Frankreich. Sein Psychologe war eng mit dem Leiter der Kasse befreundet, welcher keine Schwierigkeiten darin sah, dem erfolgversprechenden Studenten im vorletzten BWL-Semester diese Operation zu genehmigen. Im Gegenteil. Der welterfahrene Mann verstand sofort, wie ernst es für Tim war und zeigte großes Verständnis für dessen Schicksal.


Jürgen von Wichern lud den neuen Freund zu sich ein und erfuhr auf diese Weise alles über seine eigenen Probleme. Nach den Gesprächen lag er noch lange im Bett wach.


 


                             2. Leseprobe


 


Familienbande


 


 


Jürgen musste seine ganze Kraft aufwenden, um am nächsten Tag den Aufgaben als Rechtsanwalt genügen zu können. Angst und die Sorge um seinen Vater lenkten seine Gedanken immer wieder in eine andere Richtung.


„Ihr Plädoyer, Herr von Wichern, bitte!“ Die Stimme der Richterin klang etwas gereizt. Sie kannte den bisher sehr erfolgreichen Anwalt so nicht. Bislang schaffte es der erfahrene Jurist stets, den Staatsanwalt und die anderen Anwesenden im Saal mit seiner unbekümmerten Portion an Mut, Skepsis und Selbstironie zu beeindrucken.


Heute wirkte er jedoch abwesend. Sie beschloss, ihn nach der Verhandlung darauf anzusprechen. Der Fall des Carlo Arides hatte Staub aufgewirbelt. Sie war geneigt, dem Staatsanwalt zu folgen und den Mann wegen Mordes an seiner Chefin und Geliebten zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe zu verurteilen. Und doch wies vieles am Hergang und an der Vorgeschichte Ungereimtheiten auf, die sie als erfahrene Strafrichterin nicht einfach unter den Teppich kehren konnte und wollte.


Jürgen von Wichern sah recht gut aus. Er war zudem reich und ein Charmeur. Schon einmal hatte er sie zum Essen eingeladen. Damals war sie neu in Köln gewesen und freute sich, dass ihr ein alteingesessener Kollege half, sich zurechtzufinden. Sie gingen danach häufiger aus und Charlotte von Hagen begann bereits mehr als reine Sympathie für den jungen Hamburger Freiherrn zu empfinden, der eigentlich mehr im Wirtschaftsrecht tätig war und aus Interesse öfter Fälle aus dem Strafrecht übernahm.


Doch sie musste sich um ihre kranke Mutter kümmern und ihr fehlte am Abend einfach die Zeit für Privates. Ihre zarte sich entwickelnde Freundschaft schlief etwas ein und setzte sich nur im kollegialen Bereich fort.


Jürgen hatte gute Chancen, für seinen Mandanten den heißersehnten Freispruch herauszuholen, das wusste er genau. So schreckte er auf und rief sich selbst zur Ordnung.


„Hohes Gericht, mein Mandant ist genauso schuldig, wie der berühmte Gärtner des Opfers. Auch der hätte Frau Kleemans umbringen können, denn er verfügte über einen Schlüssel zu deren Wohnung und zum Anwesen allgemein. Einzig sein Motiv bliebe hier wohl auf der Strecke. Aber darin unterscheidet sich der Gärtner auch nicht von meinem Mandanten. Herr Arides hat ein Alibi, das von vier unabhängigen Zeugen bestätigt wurde. Ein Motiv liegt im Verborgenen, wenn es eines gäbe. Warum sollte er seine Geliebte und Chefin töten? Seine Noch-Ehefrau wusste von dem Verhältnis und hatte lange vorher die Scheidung gegen meinen Mandanten eingereicht. Ob Frau Kleemans später Herrn Arides geheiratet hätte, stand weder für ihn noch für sie jemals zur Debatte. Und der Vorwurf, Firmengelder veruntreut zu haben, ist inzwischen haltlos geworden, wie wir von dem zufällig belauschten Gespräch zwischen Frau Kleemans, dem Angeklagten und dem Leiter der Baubehörde Herrn Gross durch die Zeugin Maiwald wissen. Hohes Gericht, es ist Ihre Aufgabe, Recht zu sprechen und Täter, die es erwiesenermaßen sind, zu einer verdienten Strafe zu verurteilen. Wenn aber auch nur der leiseste Zweifel an der Schuld des Angeklagten besteht, so ist dieser, in dubio pro reo, freizusprechen. Niemand darf von einem deutschen Gericht für eine Tat ins Gefängnis geschickt werden, die er möglicherweise nicht begangen hat oder, wie im Fall meines Mandanten, nicht begangen haben kann. Ich bitte, das bei Ihrem Urteilsspruch zu berücksichtigen und beantrage für meinen Mandanten Carlo Arides Freispruch.“


Selbstbewusst nickte Jürgen der Richterin Charlotte von Hagen zu. Er mochte die warmherzige gutaussehende Frau, die sich ihr Urteil immer lange überlegte und selten Fehler machte. Sie war sein Vorbild als Frau und Juristin.


Annette hatte sich bereits mehrfach dabei ertappt, dass sie sich beim Erwerb ihrer Kleidung an Charlotte orientierte. Auch ihren Stil, sich zu bewegen und zu gehen, versuchte sie erfolgreich zu kopieren.


„Das Gericht zieht sich zur Beratung zurück“, verkündete die scharfsinnige Juristin.


Es raschelte und wisperte, als die Richter sich erhoben und den Saal verließen.


Jürgen sah auf das Display seines plötzlich in der Jackentasche vibrierenden Handys. Lisa rief an. Lächelnd nahm er den Anruf entgegen. „Hallo, Lisa. Was verschafft mir die Ehre? Du suchst doch nicht etwa einen Freund zum Schuhe kaufen?“, lachte er ins Handy.


„Genau das hatte ich vor! Kannst du hellsehen? Ich hatte aber dabei mehr an eine Freundin gedacht. Was ist, ich habe gerade meine Bank überfallen und brauche eine Expertin in Sachen Mode.“


„Ich würde gerne, Lisa, aber ich muss morgen früh nach Hamburg fahren. Meine Mutter rief gestern an. Meinem Vater geht es nicht gut. Er ist schwer krank. Und ich wollte eigentlich ein paar Sachen packen und alles für eine Woche Abwesenheit regeln.“


„Himmel, das tut mir sehr leid, aber packen kannst du doch heute Abend. Darfst du denn schon als Frau nach Hause kommen? Wir gehen ins Einkaufszentrum, woanders kann ich mir eh keine Klamotten leisten, und trinken dort noch einen Kaffee. Dabei darfst du mir dein Herz ausschütten. Ich bin eine gute Zuhörerin. Es ist gerade mal ein Uhr mittags. Was denkst du?“


Lisa verlieh ihrer Stimme etwas Nachdruck. Sie war neugierig auf Annette und ihr Leben. An der Kleidung hatte Lisa bereits die Unterschiede bemerkt. Für eine Studentin besaß Annette reichlich Kohle. Es waren teure Designersachen dabei. Ihre Familie lebte wohl nicht gerade an der Armutsgrenze, da war sie sich sicher.


„Also gut, du Quälgeist. Du gibst ja doch keine Ruhe. Aber ich muss noch das Urteil abwarten. Wir treffen uns gegen vier Uhr vor dem Dom. Kannst du nach Köln kommen?“


„Süße, hörst du mich nicht schon fliegen? Ich eile. Bis nachher! He, was für ein Urteil? Du bist mir eine Erklärung schuldig und ich dir eine heiße Schokolade wegen der Hilfe gestern. Bis nachher!“


Annette wollte noch etwas antworten, aber da summte das Handy bereits. Aufgelegt. Typisch Lisa, dachte sie gleich. Ich sollte Lisa einweihen. Sie ist vom Leben wahrscheinlich nicht gerade verwöhnt worden und hat sich trotzdem eine so liebenswürdige und gleichzeitig unbekümmerte Art erhalten!


Annettes Helfersyndrom ging zum Angriff über. In diesem Moment kehrte Charlotte von Hagen zurück. Augenblicklich wurde es ruhig im Gerichtssaal. Es war nur Stühlerücken zu hören, als sich Angeklagter, Staatsanwaltschaft und das Publikum von ihren Sitzen erhoben.


„Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil: Der Angeklagte Carlo Arides wird freigesprochen. Er ist für die erlittene Untersuchungshaft aus der Staatskasse zu entschädigen, die auch seine notwendigen Auslagen und die Kosten übernimmt. Setzen Sie sich bitte, meine Damen und Herren. Es ist kein Freispruch erster Klasse, auch wenn es sich zunächst so anhört. Aber ich muss Recht sprechen und wenn nur der Hauch einer Möglichkeit vorhanden ist, dass bei dem Angeklagten Unschuld im Raume steht, muss ich das in meiner Entscheidung berücksichtigen. Herr Arides, es ist gut möglich, dass heute ein Mörder als freier Mann nach Hause geht, aber ebenso gut können Sie tatsächlich unschuldig sein. Ich erwarte, dass die Staatsanwaltschaft weiter in der Sache ermitteln lässt. Gegen das Urteil kann binnen einer Woche Rechtsmittel eingelegt werden. Aber das ist sicher nur für den Herrn Staatsanwalt interessant. Die Verhandlung ist geschlossen.“


 Charlotte sah auffordernd zu Jürgen. Nachdem dieser die Hand seines dankbaren Mandanten geschüttelt hatte, der mit Nachdruck leise noch einmal seine Unschuld betonte, trat Jürgen auf die Richterin zu. Sie brauchte nichts zu sagen. Jürgen ergriff gleich das Wort.


„Ich war etwas unkonzentriert heute, es tut mir sehr leid. Meine Mutter rief gestern an. Mein Vater hat Lungenkrebs. Ich will morgen früh zur Familie nach Hamburg fahren.“


Charlottes Blick verriet Verständnis und Erstaunen für so viel Offenheit. Sie legte mitfühlend ihre Hand auf Jürgens Arm. „Oh, Jürgen. Das tut mir aber Leid für dich. Ich wusste gleich, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Du benimmst dich sonst nie so fahrig. Wenn ich dir helfen kann, auch mit dem Verlegen von Verhandlungen, sage mir bitte Bescheid. Wenn du reden willst, du weißt, wo ich wohne. Ich bin immer für dich da, sowie mein Weinkeller. Meine Mutter starb im letzten Jahr, ebenfalls an Krebs, wie du weißt, und ich werde dir deine herzliche Anteilnahme damals niemals vergessen.“


„Danke, Charlotte. Ich komme vielleicht darauf zurück. Nun will ich erst einmal packen und die nächste Woche bei meiner Familie verbringen. Vater und ich, das hieß oft Feuer und Wasser, wobei man nie genau sagen konnte, wer von uns beiden das Feuer und wer das Wasser war. Es ist der Lebenslauf, dem wir uns alle beugen müssen. Gott allein lenkt unsere Geschicke. Er lässt uns nur die Wahl der Richtung. Bei Arides, Charlotte, du bist Juristin wie ich. Wir müssen uns strikt an das Gesetz halten. Ich hoffe, der Staatsanwalt bleibt am Ball. Du hattest Recht. Es sind beide Richtungen möglich. Auch ich muss das bei meinen Mandanten in Erwägung ziehen. Wir wissen nicht, wie es wirklich war und was sich in der Nacht zugetragen hat.“


„Mach dir da keine Gedanken, Jürgen. Wenn er es doch gewesen ist, findet es der Staatsanwalt heraus. Man kann jeden Fall neu aufrollen und der Freispruch von heute besagt gar nichts. Über Arides Kopf wird auch weiterhin ‚Lebenslänglich’ schweben. Ich muss los. Du hast meine Nummer. Alles Gute, Jürgen!“


Charlotte sah ihr Gegenüber freundlich an. Jürgen war anders als die Männer, die ihr sonst den Hof machten. Er hatte ihr erzählt, wie sehr er in seiner Kindheit unter dem strengen Vater leiden musste. Sie war Frauen nicht gänzlich abgeneigt und hegte inzwischen den Verdacht, dass bei Jürgen die Neigung zum eigenen Geschlecht vorhanden sein könnte. Trotzdem schien da noch etwas anderes zu sein.


Seine Art war weder die eines männlichen noch eines weiblich empfindenden homosexuellen Mannes. Er strahlte so viel Weiblichkeit aus, dass es ihr manchmal erschien, als würde sie zu einer guten Freundin statt einem Mann sprechen.


Komisch, dachte sie, er ist charmant und nett. Eigentlich müsste ich mich um ihn bemühen. Er wäre sicher der geborene Ehemann und doch spüre ich nicht das geringste Verlangen, ihn heiraten zu wollen. Er ist ein toller Freund, der mir oft wie eine meiner besten Freundinnen vorkommt.


Transsexualität? schoss es ihr durch den Kopf. Das könnte möglicherweise dahinter stecken! Dass ich daran noch nicht gedacht habe! Lächelnd zog sie ihre Richterrobe aus und hängte sie in den Schrank. Eine derartige Problematik gab es in der klaren gut strukturierten und sachlichen Welt der Juristen nicht gerade häufig. Aber es könnte interessant werden, wenn jemand aus dieser Gesellschaftsschicht einen Geschlechtswechsel umsetzte.


Sie schmunzelte.


Aus ihrer Zeit als Amtsrichterin in Frankfurt waren ihr einige Fälle bekannt, in denen sie der Vornamen- und Personenstandänderung nach dem Transsexuellen-Gesetz zustimmen musste. Sie ertappte sich stets dabei, mehr Mitgefühl für die Antragsteller zu empfinden. Ganz gleich, ob Mann zu Frau oder Frau zu Mann. Dieses Problem stellte die Patienten vor höchste Herausforderungen.


Die Geschlechtsidentität schien für einen Menschen lebensnotwendig zu sein. Jeder musste wissen, wer oder was er war. Und sie kannte keinen Fall, bei dem jemand das Geschlecht wechselte, um eine Straftat zu vertuschen.  Es gab öfter Gesichtskorrekturen, die heimlich zum Beispiel nach Banküberfällen durchgeführt wurden. Mit einem Bart, einer Perücke oder einer neuen Lebensgestaltung konnte man bereits einiges bewirken. Doch es gab bisher keinen männlichen Bankräuber, der sich einfach „umoperieren″ ließ, nur um einer Strafverfolgung zu entgehen. Was reichlich dämlich wäre, da es bei dem Prozess Gutachter und Richter mit einbezieht. Das könnte man nicht vertuschen, so sehr, wie man dort sein Leben offen legen muss.


Witziger Gedanke, Charlotte musste über sich selbst lachen. Sie kannte das schwierige und langwierige Gutachterverfahren und die zusätzlich damit verbundenen Voraussetzungen für die Bestimmungen des §8 TSG.


Der Gesetzgeber hatte sich damals sehr schwer getan. Das Gesetz wurde 1980 verabschiedet und wies ihrer Meinung nach noch eine ganze Menge Lücken und Fehler auf. Nur gut, dass das Bundesverfassungsgericht dies endlich erkannt hatte. Man konnte niemand zwingen, seine Ehe zu scheiden, mit all den Folgen, die so etwas sogar für kinderlose Paare hatte! Und viele der Antragsteller waren verheiratet und Eltern. Vor allem, seitdem das Gesetz die gleichgeschlechtliche Partnerschaft erlaubte, musste die Pflicht zur Ehescheidung aufgehoben werden.


Es blieb trotzdem ein schwerer und dornenreicher Weg, gerade für Männer, die als Frauen leben wollten, so dass Charlotte nicht nur regelmäßig selbst den Hut vor den Antragstellerinnen zog, sondern sie in jeder Weise gerne unterstützen wollte.


Eine ihrer Freundinnen lebte in Stuttgart und war selbst betroffen. Sie hatte deshalb Jura studiert. Mit ihrer Hilfe konnten die notwendigen höchstrichterlichen Urteile vor Bundessozialgericht und Bundesgerichtshof erstritten werden. Das war dringend notwendig geworden, damit endlich die Krankenkassen, gesetzlich wie privat, zur Kostenübernahme aller medizinischen Maßnahmen verpflichtet wurden, sofern es der Patient wollte.


Ich werde Jürgen mal auf den Zahn fühlen, dachte sie. Wenn Jürgen transsexuell ist, würde er mit seiner Geschichte ein Vorbild und Vorreiter für die gesellschaftliche Akzeptanz und den Umgang mit der Problematik sein. Sollte er als Frau den Wiedereinstieg in seinen Beruf schaffen, könnte man vielleicht verhindern, dass etliche Mann zu Frau Transsexuelle nach ihrem Outing in die Arbeitslosigkeit und in Hartz IV abglitten.


Die streitbare Richterin machte sich zufrieden zur Tiefgarage auf. Gesellschaftliches Engagement und das Beheben von Missständen nahmen einen großen Platz in ihrem Leben ein.


 


Die Glocke der Kölner Domuhr schlug vier. Lisa hatte sich die Wartezeit mit einem Bummel durch die angrenzenden Geschäfte versüßt. Sie stand etwas unschlüssig auf dem Platz vor dem Eingang zum Dom und hielt nach ihrer neuen Freundin Annette Ausschau.


Ein sehr gutaussehender junger Mann im dunkelblauen Anzug, einer markanten, dezent gemusterten Krawatte und darüber mit einem grauen etwas unpassenden Anorak bekleidet, stand auf der gegenüberliegenden Seite neben dem Zeitungskiosk und sah Lisa freundlich bewundernd an.


Ihr Herz hüpfte plötzlich. Noch nie hatte sie mit einem Mann geflirtet und nun zog sie auf Anhieb alle Register weiblicher Raffinesse. Sie drehte sich diskret zur Seite und schaute in die andere Richtung. Zappeln lassen hieß das Zauberwort, an das sie sich aus den vielen Erzählungen ihrer verstorbenen Großmutter erinnerte. Sie bemerkte deshalb nicht mehr, wie sich der Unbekannte in Bewegung setzte und langsam über den Platz zu ihr hinüberschritt.


Sie drehte sich wieder um und zwei Augenpaare trafen unmittelbar aufeinander. Für einen Moment hatte es den Anschein, als erblickte sie sich selbst, spiegelte in ihrem Gegenüber den mystischen und irrationalen Teil ihrer eigenen Seele.


Das ist er, der Richtige. Der oder keiner, schoss es durch Lisas Gehirn. Dabei mussten wohl einige ihrer Synapsen an den falschen Enden Anschluss gesucht haben, denn im nächsten Augenblick fand sich selbst Lisa im Gewirr ihrer Gehirnströme nicht mehr zurecht.


Ungläubig starrte sie den jungen Mann an, den sie vor einer Zehntelsekunde noch, ohne zu zögern, in den Dom vor den nächstbesten Priester gezogen und geheiratet hätte.


Sie hatte ihn am Abend zuvor in Frauenkleidern erlebt und schluckte überrascht:  „A, A, Annette? Das ist doch nicht wahr. Du Schuft, du dumme Kuh! Du machst mich ja unmöglich. Ich blicke überhaupt nicht mehr durch. Und was ist das für ein Aufzug? Du siehst nicht wie ‘n kleiner armer Student aus, sondern eher wie so ein protzreicher Obermacker aus dem Paten!“ Lisa schluckte und blieb in ihrer Ungläubigkeit gefangen.


„Lisa, bitte, mach nicht so einen Aufstand. Wenn hier jemand einen anderen unmöglich macht, dann bist du es. Schrei doch nicht so herum! Es müssen ja nicht alle Leute sehen, wer und was wir sind. Es können auch Mandanten von mir hier herumlaufen! Komm, lass uns in die kleine Gaststätte dort drüben gehen. Ich erzähle dir alles und dann kaufen wir ein paar schöne Schuhe für dich. Tu einfach so, als wenn du meine Freundin wärst.“


Ach, nein! Als wenn ich das nicht befürchtet hätte, dachte Jürgen unangenehm berührt. Er schob die immer noch erstarrte arme Lisa quer über den Platz in das Café, neben dem er vorhin gewartet hatte. Einen Moment später half er ihr, ganz Kavalier, aus dem Mantel und führte sie in den ruhigen Nebenraum an einen abseits gelegenen Tisch in der Ecke.


„Für die Dame eine heiße Schokolade mit Sahne, einen Kaffee für mich und dazu zwei Stücke von Ihrer hervorragenden Käse-Sahne-Mandarinen-Torte, bitte“, bestellte er in ebenso selbstverständlicher männlicher Weise. „Gerne, Herr von Wichern“, antwortete die junge Kellnerin und warf Lisa einen abschätzenden und leicht eifersüchtigen Blick zu.


„Nun, dann fang an. Mach mir Vorwürfe, wie es Frauen doch immer so gerne tun!“, wurde die erstaunte Lisa, der ihre weibliche Rolle immer mehr zu Bewusstsein kam, geneckt. Und sie lernte schnell. Das Spiel begann ihr Spaß zu machen.


„Aha, du heißt also von Wichern. Adlig, ich hätte es mir denken können. Und nun versuchst du, die arme kleine bürgerliche Lisa zu verführen. Am Ende lässt du mich auch noch mit einem unehelichen Kind sitzen, hört man ja immer wieder von euch hochwohlgeborenen Herren. Was für ein von und zu bist du denn?“


„Wir sind Freiherren, aber auf den Titel legt selbst mein Vater keinen großen Wert und meine Mutter, im Gegensatz zu ihrer Familie, schon überhaupt nicht. Ich muss morgen nach Hamburg fahren. Mein Vater hat Krebs und meine Mutter braucht mich.“


Entgegen seiner Vorsätze begann Jürgen seiner Begleiterin nach und nach leise alle seine Geheimnisse zu erzählen. Er lächelte. „Du bist tatsächlich eine gute Zuhörerin. Möchtest du noch einen Kakao? Ich kann einen zweiten Kaffee vertragen!“ „Gerne, mir ging es ja ähnlich. Ich stand immer hinter meinem Bruder und mein Vater zog ihn mir vor, weil Dirk in seinen Augen ein richtiger Junge war. Ich mochte mich nicht prügeln und für Fußball hatte ich nie etwas übrig. Es berührt mich sehr, wie du mit deinem Bruder trotz der Bevorzugung durch deinen Vater so gut ausgekommen bist.“


Lisa hatte häufig mit dem Kopf genickt, wenn Jürgen von seiner Kindheit und dem Zwiespalt sprach, in dem er wegen seines strengen Vaters steckte. Es erschien ihr in dem Moment, als erlebe sie dieselben Ungerechtigkeiten in ihrer eigenen Familie.


Sie wurde auch stets unterdrückt, nur musste sie sich anders als Jürgen allzu oft gegen die vulgären und asozialen Verhaltensweisen ihres Vaters und des älteren Bruders zur Wehr setzen. Sie kam aus einfachsten ärmsten Verhältnissen und erfuhr plötzlich, dass man sich als Kind inmitten von viel Geld und Reichtum ebenso einsam fühlen konnte.


Jürgen rief die Kellnerin herbei. Als sie an den Tisch kam, bestellte er erneut Kaffee und heiße Schokolade. „Möchtest du noch etwas essen?“, fragte er Lisa. „Der Erdbeerkuchen ist sehr lecker“, beeilte sich die blonde Bedienung zu sagen. Sie kannte Jürgen als Kunden in ihrem Café gut und mochte seine stets freundliche und wertschätzende Art. Und sie wusste, dass der Anwalt nie mit Trinkgeld geizte. Lisa nickte. „Ich nehme dann auch noch ein Stück“, sagte Jürgen und dachte kurz nach. Als die Serviererin gegangen war, erzählte er weiter. „Weißt du, Martin und ich, wir sahen einander nie als Rivalen an. Wir kannten keine materiellen Probleme und unsere Mutter liebte uns beide gleich. Und selbst Vater machte bei Geschenken keine Unterschiede. Wenn Martin ein Buch oder ein Spielzeug bekam, so erhielt auch ich etwas. Vater nahm uns gemeinsam in die Firma mit. Wir durften mit ihm die Schiffe besichtigen und er ließ uns auf der Brücke Kapitän und Steuermann spielen, wenn er Kunden dort herumführte. Ich glaube, Vater liebte mich auch, aber ich war halt anders als Martin. Ruhiger, weicher, sensibler. Wenn Martin vom Rad fiel, stand der sofort wieder auf und fuhr weiter. Ich hingegen brauchte eine Weile, um mich von dem Schrecken zu erholen und wenn ich mir wehgetan hatte, rief ich nach meiner Mutter. Vater legte mein Verhalten als Schwäche aus. Das passte nicht zu dem Bild, das er von dem Nachfahren einer erfolgreichen Seefahrer-und Kaufmannsfamilie hatte. Er wollte sich vor Mitarbeitern, Kunden und vor allem vor den Nachbarn nie eine Blöße geben. Skandale duldete er nicht. Jeder wurde auf seinen Platz gestellt und Männer hatten ganze Kerle zu sein. Schwäche im Geschäftsleben oder gar als Seemann auf hoher See zu zeigen wäre schlecht ausgegangen. Der einzige Ort, an dem Martin und ich miteinander wetteiferten, war der Segelverein. Ich konnte sehr gut mit meinem Boot umgehen und schlug ihn bei vereinseigenen Regatten oft. Martin lachte immer darüber und meinte, das wäre ausgleichende Gerechtigkeit. Vater zeigte in diesen Momenten etwas Wohlwollen und ich schöpfte neue Kraft und Hoffnung, doch noch in seinen Augen zu bestehen.“ Jürgen war glücklich, endlich einen Menschen gefunden zu haben, mit dem er seine tiefsten innersten Gefühle, seine Träume, seine Gedanken und seine geheimsten Wünsche teilen durfte. Er sah Lisa an und sie blickte in seine Augen. Zwei verwandte Seelen umschlangen einander. Zwei Herzen schlugen im Gleichtakt, um zu einer einzigen tiefgründigen Wahrheit zu verschmelzen. Drei Stunden vergingen in der kleinen Gaststätte wie im Flug. Mehrmals brachte die Kellnerin, welche Lisa nach dem kurzen anfänglichen Anfall von Eifersucht tief in ihr Herz geschlossen hatte, heiße Schokolade für sie und Kaffee sowie Mineralwasser für ihn. Zweimal bestellten die beiden Liebenden, so erschienen sie ihr, noch Torte. Als Lisa die traurige Geschichte von Trapper hörte, schossen ihr Tränen in die Augen. Jürgen lächelte und nahm ihre Hand.


„Eigentlich war es besser für ihn. Er liebte das Springen. Seine neue Besitzerin war eine Klassenkameradin. Sie hieß Susanne und wurde später Profispringreiterin. Ich war ja erst zehn Jahre alt und in diesem Alter muss man für das erste Reitabzeichen noch springen. Für Trapper war es gut, in die richtigen Hände zu kommen, die ihn fordern und fördern konnten. Aber als kleiner Junge sieht man so etwas nicht. Ich durfte ihn immer besuchen und schaute oft zu, wenn Suse mit ihm arbeitete. Sie gewann viele Springprüfungen mit ihm.“ Lisa beruhigte sich. Gemeinsam sahen sie auf die Uhr. „Die Schuhe kann ich mit dir kaufen, wenn du wiederkommst. Du solltest nach Hause fahren, packen und dich ausruhen. Es wird sicher einiges in der nächsten Zeit auf dich zukommen. Ich nenne dich im Anzug Jürgen. Das passt besser. Wenn du mich mal von meiner Firma abholst, bin ich Carsten. Du wirst dich wundern, wie ich als einfacher Lagerarbeiter aussehe“, meinte die junge Frau etwas sarkastisch. „Du gefällst mir so viel besser. Und wir gehen gleich nebenan Schuhe kaufen. Zahlen, bitte!“, rief Jürgen der Kellnerin zu. Einen Moment später trat sie an den Tisch. „Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Aufenthalt bei uns. Das macht 25,60 Euro.“ Jürgen nahm dreißig Euro aus seiner Brieftasche. „Stimmt so, ja, es war sehr nett und ich hoffe, wir dürfen wieder kommen“, lächelte er gewinnend. Die Serviererin lächelte zurück. „Vielen Dank und einen schönen Abend wünsche ich Ihnen beiden“, erklärte sie und steckte zufrieden das hohe Trinkgeld ein.


Einen Moment später legte Jürgen glücklich den Arm um Lisa und führte sie in sein Lieblingsschuhgeschäft.  Üblicherweise kaufte er hier lediglich Männerschuhe. Nachdem er den Ladenbesitzer begrüßt hatte, spazierten die zwei schnurstracks in die Damenabteilung.


Annette war aufgeregt und fühlte leichten Neid aufkommen, als sie Lisa so selbstverständlich die Damenschuhe aller Größen und Absatzhöhen begutachten sah. Lisa lächelte verlegen. „Schatz, die sind wunderschön, aber auch wunderschön zu teuer für mich. Ich glaube, wir sollten jetzt ins billigere Kaufhaus wechseln“, raunte sie Jürgen leise zu.


Nichts da. Die Gelegenheit werden wir uns nicht entgehen lassen, dachte dieser bei sich. „Es gibt keine Schuhe, die schöner sind als du, mein Liebling. Für mich sind sie wahrhaftig nicht zu teuer. Schau mal, die hier würden fein zu deinem blauen Rock passen, den du gestern Abend getragen hast. Und diese roten Pumps, sind die nicht traumhaft? Fast bereue ich es ein Mann zu sein, oder was sagen Sie dazu, Herr Cordes?“ Gekonnt zwinkerte Jürgen dem Inhaber zu, der den kleinen Wink sofort verstand.


„Gnädige Frau können ganz beruhigt sein. Ihr Begleiter ist seit Jahren Stammkunde bei mir, aber, hoffentlich darf ich das jetzt sagen, in der Damenabteilung begrüße ich ihn heute das erste Mal. Seien Sie unbesorgt und suchen Sie sich in aller Ruhe das Passende aus. Regina, meine Verkäuferin, wird Sie beraten. Kommen Sie, Herr von Wichern, ich habe noch einen hervorragenden Wein hinten im Büro. Dann stören wir die Damen nicht.“ „Gerne“, antwortete Freiherr Jürgen von Wichern alias Studentin Annette und nahm Lisa kurz in den Arm, damit er ihr ins Ohr flüstern konnte. „Sechs Paar kaufst du mindestens, der Preis spielt keine Rolle und denke daran, dass wir annähernd die gleiche Schuhgröße haben. Beste Freundinnen sollten sich stets ihre Klamotten gegenseitig ausleihen. Übrigens, im ersten Stock gibt es noch eine wundervolle Abteilung mit Damenkonfektion und Dessous der Spitzenklasse. Lass dir Zeit. Bernd Cordes macht erst um zehn Uhr zu und für mich lässt er bis Mitternacht auf, wenn es sein muss. Er schuldet mir noch einige kleine Gefallen und ich wollte schon immer in seiner herrlichen Damenabteilung einkaufen. Heute erfüllt sich ein Traum von mir. Träume mit und vergiss dein bisheriges Leben“, hauchte er der verdutzten Lisa, die sich inzwischen als Prinzessin fühlte, leise zu.


„Gerne, William, mein Prinzgemahl, es wird alles so geschehen, wie du es wünschst“, antwortete diese und schwebte Regina in nie gekannter Glückseligkeit entgegen.


Es wurden natürlich nicht nur sechs, sondern sechzehn Paar Schuhe und Diverses an Haute Couture wechselte ebenfalls an diesem Abend den Besitzer. Im Büro fand nach zwei Flaschen besten Burgunders der teuren Marke ein angeregtes Männergespräch statt, in dessen Verlauf Bernd Cordes seinen Stammkunden mehr als einmal zu seiner Damenwahl beglückwünschte.


Um Mitternacht war Lisa fertig. Regina hatte alle Sachen eingepackt. Gemeinsam trugen sie die vielen Tüten zu Jürgens Auto. Dieser küsste seine Begleiterin, drückte ihr den Autoschlüssel des Stuttgarter S-Klasse Fahrzeugs in die Hand und nahm selig angeheitert auf dem Beifahrersitz Platz.


Wow! dachte Lisa und fuhr geschickt zu ihrem eigenen Wagen. Es war ein elf Jahre alter, verrosteter VW Polo, der vor Scham rot angelaufen wäre, könnte er sprechen. So klein wirkte er neben dem Mercedes.


Lisa warf einen Blick auf Jürgens Adresse. Nobel, nobel! Na gut, schauen wir uns mal an, wie die Freifrau in spe eingerichtet ist, dachte sie. Schnell waren sich Lisa und die S-Klasse auf der Stadtautobahn einig geworden. Es schien ihr, als sei sie nie etwas anderes gefahren. Sie verschwendete keinen Gedanken mehr an ihre alte Rostlaube.


Es wurde der schönste Abend ihres Lebens. Jürgens Dreizimmerwohnung befand sich in einem erst drei Jahre alten Apartmenthaus in einem ruhig gelegenen Vorort Kölns.


Lisa brachte einige Tüten aus dem Auto in den Aufzug und starrte einen Moment später auf schneeweiß gestrichene Wände, an denen Bilder hingen, von denen sie annahm, dass eines wohl ihr ganzes Jahreseinkommen in Anspruch nehmen würde. Sie schwebte über Marmorfußboden, blickte auf eine cremefarbene offene Einbauküche und fragte sich, ob Annette die vielen Geräte dort überhaupt schon einmal gebraucht hatte.


Geschafft. Jürgen hatte derweil fast allein die unzähligen Tüten ins Schlafzimmer getragen und riss sich im Nullkommanichts die Männerkleidung vom Leib. Er begann nach der Haute Couture zu suchen.


Schnell fühlte sich Lisa in seiner Wohnung heimisch, nahm die Tüten und legte deren Inhalt sorgfältig aufs Französische Bett. „Wo willst du die Sachen hinhängen?“, fragte sie stirnrunzelnd. „Ich sehe hier keinen Kleiderschrank.“


Wie niedlich! Annette lachte auf. „Hinter dir, Süße. Die linke Tür enthält meine Herrenkleidung und die rechte Tür ist Annette vorbehalten.“ Lisa stand eine Sekunde später staunend das erste Mal in einem begehbaren Kleiderschrank und bekam den Mund nicht mehr zu. „Zieh dich an, mein Schatz und dann hilf mir beim Schminken. Wir machen uns jetzt eine herrliche Mädelsnacht. Da ist genug Sekt im Kühlschrank. Wo sind die goldenen High Heels?“


Annette sprach nun wie Lisa ohne Punkt und Komma. Sie verharrte im weißen Spitzenhemdchen vor dem Bett und zog augenblicklich die Schuhtüte hervor, auf die sie sich den ganzen Abend gefreut hatte. Auf hohen Hacken stolzierte sie in die Küche, nahm eine Flasche Krimsekt heraus und stellte diese in die Spüle. Noch etwas unsicher stöckelte sie über die ausgelegten Perserteppiche ins Wohnzimmer. Aus der Glasvitrine holte sie zwei Sektgläser hervor, denen man ihren zweistelligen Preis ansah.


Lisa hatte sich inzwischen vom ersten Schock erholt. Sie zog sich ein rotes Negligee aus Satin mit einem passenden Unterteil dazu an. Ihre Brust zierte ein farblich abgestimmter Büstenhalter. Rote Pumps komplettierten ihr Outfit.


Sie stolzierte zur Küchenzeile, setze sich auf einen der vier gepolsterten Barhocker und nahm schmunzelnd ihr Glas mit dem perlenden Inhalt in Empfang. „Auf uns und eine wunderschöne, lebenslange Freundschaft“, meinte Annette glücklich und prostete Lisa zu, die nickte.


„Ja, auf uns. Ich kann es noch gar nicht glauben. Das kommt mir alles wie in einem Traum vor. Gestern war ich noch allein und bettelarm, heute stehe ich mit meiner besten Freundin im puren Luxus. Danke Annette, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.“


Die beiden sahen sich liebevoll an. Lisa beugte sich über den Tresen und küsste Annette auf die Wange. Sie stellte ihr Glas ab. „Komm, lass uns die anderen Sachen anprobieren und alles in deinen Kleiderschrank hängen. Auf jeden Fall hast du hier Platz genug für Klamotten ohne Ende“, lachte sie.


Annette folgte ihr ins Schlafzimmer, wo augenblicklich ein Modemarathon begann. Irgendwann in den folgenden Stunden hingen die meisten Kleider tatsächlich im begehbaren rechten Kleiderschrank und die Tüten wanderten sorgfältig zusammengefaltet in ein Fach unter die Spüle. Aus einer Flasche Sekt waren mittlerweile drei geworden und die beiden Frauen hatten sich kichernd auf die Couch zurückgezogen.


Der Alkohol zeigte seine Wirkung. Lisa spürte Druck auf ihrer Blase. Huch! Warum schwankte das Hochhaus so, es gab doch gar keinen Sturm? Lisa stieß auf und wankte nach der Toilette wieder zur sicheren Couch. Autofahren konnte sie schon lange nicht mehr. Irgendwie schien es selbstverständlich zu sein, dass sie bei Annette blieb.


Die beiden hatten sich aneinander gekuschelt, blickten angeheitert durch das Panoramafenster in einen glitzernden Sternenhimmel und beobachteten, wie im Hintergrund der Dom in hellem Licht angestrahlt über die schlafende Stadt wachte.


Annette legte zärtlich ihren Arm um Lisa. Beiden sah man ihr biologisches Geschlecht nicht mehr an. Sie hatten sich sorgfältig im Gesicht rasiert und dezent geschminkt. Wobei Lisas Lidschatten, passend zu ihren grünen Augen ausgewählt, etwas dicker aufgetragen war. Sie liebte starke Farben und rot war ihre Lieblingsfarbe. Wann immer sie etwas Geld über hatte, kaufte sie sich einen Strauß roter Rosen. Ihre Lippen strahlten auch in Karmin und glänzten durch sorgfältig darüber verteiltes Lipgloss.


„Sehe ich gut aus, oder ist es zu stark?“, fragte sie ängstlich. Annette betrachtete das Püppchen in ihrem Arm nachdenklich. „Eigentlich wollte ich dich gerade nach dem Preis fragen, du kleine Bordsteinschwalbe!“, erwiderte sie mit ironischem Unterton. Lisa stutzte einen Moment ungläubig. „Du hast gefragt, Engelchen. Und dann bekommt man eben eine Antwort. Aber nein, du siehst super aus. Jeder Mann wäre jetzt scharf auf dich“, ergänzte Annette, hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn und flüsterte leise: „Und ich auch.“


Lisa schmunzelte. „Du bist aber kein richtiger Mann, ebenso wenig wie ich. Hast du dir schon einmal Gedanken darüber gemacht, wie das bei transsexuellen Frauen wie uns mit dem Sex gehen soll?“


Annette hatte sich oft darüber Gedanken gemacht und diverse Varianten im Kopf durchgespielt. Sie kannte ihre Rolle, solange sie Männerkleidung trug, war charmant und zuvorkommend, wenn sie mit Frauen zusammentraf.


Aber sie traute sich nicht, ihnen Avancen zu machen. Irgendwie hatte sie den Eindruck „verkehrt“ zu sein. Mit Männern klappte es nicht. Sie hatte einige wenige homosexuelle Freunde gehabt, die ihr aber unmissverständlich zu verstehen gegeben hatten, dass sie sie nicht als gleichartig ansehen konnten.


Sie erzählte Lisa alles, und Lisa hörte zu. Die fühlte sich mehr zu Frauen hingezogen, aber solange sie als Mann angesehen wurde, klappte nichts.


„Ich glaube, ich bin lesbisch“, meinte sie kichernd. „Dann haben wir etwas gemeinsam. Wir brauchen schnell mehr Busen und untenrum irgendein Teil, dass wie eine Muschi aussieht“, entgegnete Annette, nahm Lisa fester in den Arm und küsste sie zärtlich auf den Mund.


Die Freundin ließ es geschehen, legte ihre Hände um Annettes Nacken und lehnte sich in die Kissen zurück. Ihre Münder verschmolzen und ließen sie vor Erregung zittern. Weibliche Kleidung und Schminke machten sie auch äußerlich zu Frauen. Sie genossen ihre gegenseitigen Streicheleinheiten und fielen dabei in ein Meer aus Glückseligkeit. Raum und Zeit verschwanden. Unendlichkeit breitete sich über ihnen am von Sternen übersäten Himmel aus. Das Feuerwerk fand nur imaginär in ihren Köpfen statt, aber es brannte lichterloh und seine Farben brachten das Universum zum Strahlen. Nur Gott selbst konnte so viel Leuchten in zwei Herzen bringen.


 


 


 


 


3. Leseprobe

 


Aha! Magdas Gesichtsnerven zuckten. Spannung lag in der Luft. Sie war in der Tat neugierig geworden. So hatte ihr jüngster Sohn noch nie zu ihr gesprochen. Sie ahnte als Mutter schon lange instinktiv, dass Jürgen ein besonderes Geheimnis hütete und nahm ihn stets vor dem strengen Vater in Schutz. Magda war dazu erzogen worden, sich in die hanseatische Reserviertheit ihrer Stellung einzufügen. Trotzdem zeigte sie erheblich mehr an Gefühl und Anteilnahme als andere Frauen der gehobenen Hamburger Gesellschaft.


Würde ihr Jüngster ihr vielleicht heute endlich seine Homosexualität gestehen? Jürgen war charmant Frauen gegenüber, aber er machte keinerlei Anstalten, sich in bestimmter Hinsicht wie ein Mann zu benehmen. Etwas stimmte da nicht. Sie setzte sich erwartungsvoll auf.


„Mach es nicht so spannend, Schatz. Ich habe Medizin studiert und mein zweites Staatsexamen summa cum laude bestanden. Wir sind allein. Niemand ist hier und kann uns hören. Ich werde deinem Vater mit Sicherheit nicht verraten, dass sein jüngster Sohn Männer liebt!“


Jürgen lächelte. Seine Mutter konnte sehr direkt sein. Aber dieses eine Mal hatte er die Hosen an. „Gut, Mutter. Das solltest du ihm besser nicht unter die Nase reiben. Es kommt nämlich noch schlimmer. Ich liebe vielleicht auch Männer. Das hast du richtig erkannt und ich fürchte, Vater glaubt es ebenfalls. Doch das wäre bei mir völlig normal, denn ich bin eine Frau!“


Magda starrte ihn an. Sie bekam einen Hustenanfall. Einen Moment später hatte sie sich wieder in der Gewalt. Sie sollte ihren Jürgen besser kennen. Mit Kleinigkeiten gab er sich nicht ab. Da war er durch und durch Stamm der Familie von Wichern. Er hatte noch eines drauf gesetzt und es geschafft, dass selbst seine Mutter, die so leicht nichts mehr im Leben erschüttern konnte, verblüfft zu ihm hinüberblickte.


In ihrem Kopf ratterte es. Jürgen war also transsexuell. Und sie, das musste man leider so sagen, eine sehr schlechte Mutter gewesen. Wie Schuppen fiel es ihr augenblicklich von den Augen. Sie hätte das, gerade als Ärztin, eigentlich merken müssen. Vielleicht wäre ihrem jüngsten Sohn vieles erspart geblieben. Wie lange hatte der arme Junge mit den zweifelhaften Gefühlen und in dieser Zerrissenheit zubringen müssen, bis er endlich Gewissheit hatte? „Jürgen“, sagte sie und sprach aus, was sie gerade dachte. „Ich bin eine fürchterliche Mutter. Es tut mir unendlich leid für dich! Ich hätte es in Erwägung ziehen müssen. Seit wann weißt du es?“


Jürgen trank seinen Tee und legte der Mutter beruhigend die Hand auf den Arm. Er war froh, ihr endlich sein Geheimnis gebeichtet zu haben. Zu lange trug er das Problem schon mit sich herum.


„Dass ich irgendwie anders war, habe ich schon als Kind gemerkt. Ich konnte nie mit Martin mithalten. Vater wird es auch gespürt haben und benahm sich deshalb so fordernd mir gegenüber. Er war stets nur darin bestrebt, einen ganzen Kerl aus mir zu machen. Was das in meiner Seele zusätzlich anrichtete, konnte er sicher nicht ahnen, sonst hätte er sich gewiss anders verhalten. Wie dem auch sei. Die Ursachen dafür sind noch lange nicht erforscht, aber da sage ich dir als Ärztin nichts Besonderes. Niemand ist schuld daran. Vor kurzem bekam ich die Gelegenheit mit einem Freund zu sprechen, der bereits alle medizinischen Behandlungen hatte durchführen lassen. Er studierte noch BWL im letzten Semester und war Frau zu Mann transsexuell. Als ich das Meiste über die Problematik wusste, flog ich erst einmal nach Kroatien und machte Urlaub. Dann begann ich mich Schritt für Schritt weiter vor zu tasten. Erst fuhr ich nach Dortmund, um möglichst unerkannt einkaufen gehen zu können und danach suchte ich mir eine Selbsthilfegruppe. Wir trafen uns in einer Duisburger Kneipe. Die Abende dort finden alle drei Wochen statt.“


Jürgen erzählte seiner Mutter von Lisa, von den anderen Frauen und seinen Gefühlen. Er ließ nichts aus. Auch den Wunsch, sich in Duisburg eine kleine Wohnung zu kaufen, erwähnte er. Magda atmete tief ein und nahm ihrerseits nun seine Hand. „Ich will alles in meiner Macht stehende tun, damit du glücklich wirst. Die Idee mit der Wohnung ist gut. Als Anlageobjekt kannst du sie immer wieder verkaufen oder vermieten und sie wird dir gute Dienste leisten, dich als Frau zu erproben. Du musst nun deinen eigenen individuellen Weg finden. Es gibt inzwischen die Möglichkeit, nach der medizinischen Geschlechtsangleichung den Vornamen und den Personenstand ändern zu lassen. Aber das weißt du ja als Anwalt sicher besser als ich. Die Operationen machen heute schon viele Ärzte hier in Deutschland sehr gut. Ich will dir gerne helfen und mit dir den passenden Operateur für dich suchen. Auch die Hormonbehandlung mit Östrogenpräparaten ist inzwischen Standard. Sie stellt zwar Risiken dar, aber gut, was ist in diesem Leben nicht mit einem Risiko behaftet. Wichtig ist, dass du es in deinem Tempo machst und dir so viel an Zeit nimmst, wie du benötigst. Ich habe gehört, dass viele, wenn sie erst einmal ihr erstes Comingout erfolgreich hinter sich gebracht haben, kaum noch zu halten sind. Es ist wohl wie ein Befreiungsschlag für die Seele. Ein Leben lang im falschen Geschlecht erzogen worden zu sein, ist so ungefähr das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann. Man wird gar nicht richtig Mensch dabei. Wir können uns noch freuen, dass du auf einer so hohen Ebene funktionierst und dein Abitur und das Studium überhaupt bewältigen konntest. Es klingt dumm, ich weiß, aber es ist so. Ich habe während meiner Studienzeit bei Professor Moritz von Liebentau im Seminar gearbeitet und dort Transsexuelle kennengelernt. Der Professor leitete die Nervenklinik und kannte sich mit der Problematik besonders gut aus. Er behandelte viele Betroffene. Damals gab es noch keine Gesetze und diese armen Menschen waren einer gnadenlosen Hetzjagd durch die Gesellschaft ausgesetzt. Er hat mir ein so fundiertes Grundwissen beigebracht, dass ich mich dir gegenüber wirklich schäme. Ich hätte das bemerken müssen. Dafür gibt es keine Entschuldigung.“


„Mutter, nun mach mal bitte eine Pause. Du bist nicht schuld und vielleicht hättest du etwas erkennen können, aber zeige mir eine Familie in unserem Bekanntenkreis, die daran denken würde! Da kommt so gut wie niemand drauf. Ich habe einen Film im Fernsehen gesehen. Hier in Hamburg gibt es inzwischen Ärzte, die schon Jugendliche und Kinder behandeln. Bei denen werden frühzeitig die pubertären biologischen Merkmale unterdrückt, so dass die gegengeschlechtliche Hormongabe ab einem gewissen Alter erfolgen kann. Ich bin jetzt über Vierzig. So etwas gab es zu meiner Zeit noch nicht. Ich will aber den ganzen Weg gehen und mich operieren lassen. Das bin ich meiner Seele schuldig. Doch ich muss mir überlegen, wie ich mein Outing in der Kanzlei bewältige. Es ist in Köln schon schwer genug, als normale Frau im Wirtschaftsrecht Fuß zu fassen. Aber als transsexuelle Frau, die die Klienten vorher nur als Mann kannten, das sehe ich als völlig unmöglich an.“ Jürgen seufzte auf.


„Ich ehrlich gesagt auch, mein Schatz. Wenn du den Weg gehen willst, wirst du deine Kanzlei in Köln als Mann aufgeben müssen. Aber du hast ja bereits eine nette, gut ausgebildete Nachfolgerin. Ich würde da gar nichts sagen. Jürgen, wenn Papa nicht mehr ist, will ich ins Stadtpalais ziehen. Die Villa bekommt Martin mit seiner Rasselbande. Das Palais ist selbst für mich noch zu groß. Du könntest zu Anfang dort eine Hälfte mit bewohnen, dich langsam an dein neues Leben als Frau gewöhnen und mit deiner alten Mutter shoppen gehen. Wir tratschen dann bei Kaffee und Kuchen im Alster Café, wie es Frauen gerne tun. Mein Professor ist inzwischen verstorben und auch sein Nachfolger in der Nervenklinik ist pensioniert. Ich kenne aber den Vater eines der jüngeren Ärzte dort gut. Wolfgang Reichert war ein Kommilitone. Sein Sohn Gernot ist, wie ich meine, in der Klinik tätig. Er wird uns sicher behilflich sein, wenn ich ihn darum bitte. Wenn du alles hinter dir hast, operiert bist und dich gesund und stark genug fühlst, könntest du hier in Hamburg eine neue Kanzlei aufmachen. Eventuell auch für uns arbeiten. Martin sollte dir einen Posten als Firmenanwalt anbieten. Jürgen, ich möchte dich in meiner Nähe haben. Bitte schlage mir meinen Wunsch nicht ab!“


Uff! Jürgen fühlte unsagbare Erleichterung in sich aufsteigen. Wie oft hatte er sich das Gespräch vorgestellt und mit wie viel Angst war er nachts eingeschlafen! Und nun öffnete ihm seine Mutter nicht nur die Tür, sondern auch ihr Herz.


Natürlich lag einiges an Eigennutz dahinter. Er kannte Magda. Sie war zwar ein herzensguter Mensch, dem keinerlei Strenge lag, aber hinsichtlich Pragmatismus und klugem, materiellem Sachverstand konnte sie ihrem Mann mindestens das Wasser reichen.


Bewegt stand er auf und fiel seiner Mutter um den Hals. „Danke, Mama, ich werde dir das nie vergessen. Aber in der Firma wird mich Martin als Frau sicher nicht einstellen. Wir müssen alles tun, um das Ansehen des Betriebes und der Reederei nicht zu beschädigen.“


„Das lass mal getrost meine Sorge sein. Dein Bruder macht genau wie du, was ich will. Du brauchst erst einmal ein Konzept für deine Lebensgestaltung und danach kannst du in Ruhe alle Schritte einleiten. Wenn die Wohnung in Duisburg vorhanden ist, komme ich dich besuchen und dann möchte ich von meiner Tochter vom Bahnhof abgeholt werden. Wie darf ich dich denn in Zukunft nennen?“


„Annette, und wenn du möchtest, nehme ich den Namen Christin noch dazu.“ Magda blickte gerührt. „Liebling, du weißt gar nicht, was für eine Freude du mir damit machst! Ich wollte dir diese Namen geben, wenn du ein Mädchen geworden wärst. So hieß meine beste Freundin im Internat. Annette von Wiedemann stammte aus Masuren. Ihre Eltern besaßen dort ein Gut und mussten nach dem Krieg alles zurücklassen. Ich kam 1952 mit zehn Jahren nach Norddeutschland ins Mädchenpensionat. Annette und ich teilten das Zimmer miteinander und wurden die besten Freundinnen.“


Sie streichelte zärtlich über Annettes Gesicht. Ein leichter Bartwuchs verriet ihr, dass es noch einige Zeit brauchen würde, bis sie ihre heißersehnte Tochter bekam. Das kriegen wir mit Epilation alles hin, dachte sie hoffnungsvoll.


Das Klopfen an der Tür erregte ihre Aufmerksamkeit. „Gnädige Frau, der Senator ist soeben aufgewacht. Er verlangt nach Ihnen.“ Eine junge Krankenschwester kam herein und sah Jürgen mit Erstaunen und Bewunderung an.


„Danke, Birgit. Darf ich Ihnen meine To…, meinen Sohn vorstellen?″ Magda erschrak und verbesserte sich rasch. Jürgen war sofort aufgestanden und streckte der gutaussehenden Schwester die Hand entgegen. „Ich freue mich“, sagte er und blickte Birgit Hamann warmherzig in die Augen. „Mein Vater kann sich glücklich schätzen, von zwei so netten Damen betreut und gepflegt zu werden.“


„Danke, Sie machen mich ganz verlegen. Ich hoffe, Sie können etwas in Hamburg bleiben und in den nächsten Tagen vielleicht ein besseres Wetter genießen.“ „Das sind wir hier oben gewohnt. Die Nordfriesen sagen, es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur unpassende Kleidung dazu.“ Birgit lachte herzhaft auf.


Als die Hausangestellte erschien, um den Tisch abzuräumen, erhob sich Magda langsam von ihrem Sessel. „Dann wollen wir Vater nicht warten lassen. Komm, mein Schatz“, meinte sie und hakte sich unter Jürgens Arm ein.


Birgit blickte den beiden mit merkwürdigen Gefühlen nach. Der junge Freiherr hatte etwas Geheimnisvolles an sich. Er schien ein anderer zu sein, als er vorgab, oder sein wollte beziehungsweise sollte. Die Art und Weise, wie er sprach, sich ihr vorstellte, ihre Hand hielt, faszinierte und betörte sie gleichermaßen.


Sie schalt sich. Nichts mit den Herrschaften anfangen. Das geht niemals gut. Die leben in einer anderen Welt als du, dachte sie und sah verträumt in den riesigen Garten hinaus. Es war ein herrliches Anwesen und das Geld erschien ihr ziemlich ungerecht verteilt zu sein. Einige wenige konnten sich so etwas leisten und sie und ihre Kolleginnen im Krankenhaus durften an ein derartiges Leben nicht einmal im Schlaf denken. Ich sollte mal wieder Lotto spielen, kam ihr dabei in den Sinn.


Jürgen stellte lachend die Gläser auf den kleinen Terrassentisch und schenkte seinem Vater und sich ein Glas ein. Dann nahm er eine der teuren Havanna Zigarren in die Hand, kniff gekonnt die Spitze ab und zündete sie für den Vater an.


„Sie schmecken gar nicht so schlecht. Eigentlich sollte ich mir auch eine nehmen. So schimpft Mutter nicht mit dir allein. Vielleicht verbietet sie mir danach das Haus“, meinte er und reichte Friedrich das Schnapsglas. „Prost, Vater, werde bald wieder gesund.“


„Ich weiß, dass ich schwer krank bin, Junge. Aber ich mag diese Wehleidstour nicht und die Heulerei schon gar nicht. Auf meiner Beerdigung sollte getanzt werden. Ich war bei jedem Ball dabei und deine Mutter schwebte wie eine Elfe an meiner Seite. War mal ´ne passable kleine Maus. Na ja, wir werden alle älter. Ich möchte, dass du dich um sie kümmerst, wenn ich nicht mehr da bin. Martin hat mit der Firma genug zu tun. Du bist wie Mutter. Ihr werdet euch gut verstehen. Eigentlich könntest du dir hier eine Kanzlei einrichten und Martin in der Firma unterstützen.“


Jürgen schluckte. Solche Worte hatte er noch nie aus dem Mund des Vaters gehört. Es war das erste Mal, dass der alte Mann Gefühle zeigte. Sein Herz krampfte sich zusammen. Er wusste, dass er Abschied nehmen musste. Ein derartiges Verhalten konnte der Vater nur zeigen, wenn ihm bereits der Tod vor Augen stand.


Jürgen dachte an seine Kindheit und die Angst, die er stets vor dem strengen Mann verspürte. Sollte er sich so geirrt haben? War Friedrich nicht so hartherzig, wie es ihm als kleiner Junge immer vorgekommen war? Steckte nicht vielleicht eine empfindliche Seele in ihm, die sich unter der rauen Schale verbarg und mit einem harten Panzer umgeben war?


Friedrich paffte genüsslich an seiner Zigarre. Er sah fast liebevoll zu seinem jüngsten Sohn hinüber. Die Familienähnlichkeit zu Magda war nicht wegzuleugnen und die Augen, die hatte er wirklich von ihm. Vielleicht hatte er in Jürgen auch immer nur sich selbst gesehen, vor allem den Teil, den er nicht gerne sehen wollte.


Friedrich war nicht so hart, wie er sich gerne gab. Er verbarg seine weichen Gefühle, um sich nach außen keine Blöße geben zu müssen. Als Fabrikantensohn und Reeder trug er nach dem frühen Tod seines Vaters bereits mit fünfundzwanzig Jahren eine große Verantwortung für den Familienbetrieb, den er weiter ausbaute.


Die von Wicherns hatten alte Tradition in Hamburg. Seine Mutter Constanze war frühzeitig Witwe geworden und lange nicht so stark und selbstständig gewesen, wie seine eigene Frau Magda. Friedrich hatte es nicht leicht gehabt, das Imperium zu erhalten, aber es war ihm mit eiserner Disziplin und Willenskraft gelungen. Er konnte stolz auf sich und sein Lebenswerk sein.


Seine Söhne würden seinen Weg weiter gehen. Martin hatte mit dem kleinen Julian bereits für die nächste Generation und den Erhalt der Familie im Mannesstamm gesorgt. Und Jürgen würde sich gut um Magda kümmern. Wenn es der Herr also so wollte, könnte er getrost seine Zeit beenden, wie es ihm vorbestimmt war. Ein erfülltes Leben lag hinter ihm.


Erneut klopfte es an der Schlafzimmertür des Senators. Ein hochgewachsener kräftiger Mann ging zielstrebig auf ihn und dessen jüngsten Sohn zu. „Guten Tag, Vater. Jürgen, ist das eine schöne Überraschung!“


Martin von Wichern nahm seinen Bruder hocherfreut in die Arme. „Ich komme wohl genau richtig. Habt ihr noch ein Glas für mich?“ „Sicher“, lachte Jürgen und schenkte seinem Bruder einen Moment später ein.


„Vorsicht, wenn Mama kommt. Sie wird uns fürchterlich ausschimpfen“, meinte der lächelnd. „Prost, Vater. Mutter rief vorhin an und erzählte, dass unser Jüngster da ist. Was macht Köln?“


„Alles in Butter, und Renate mit den Kindern?“ „Julian ist ein Lausejunge. Er steht uns in nichts nach und die Kleine wächst und gedeiht. Wie lange kannst du bleiben, Jürgen?“


„Ich habe mir eine Woche Urlaub genehmigt und würde meine Nichte und meinen Neffen auch gerne mal wiedersehen. Vielleicht können wir etwas zusammen unternehmen?“ Martin nickte zufrieden mit dem Kopf.


„Was ist denn hier los, das geht doch nicht. Nein, Herr Senator, also, die Zigarre!“ Birgit Hamann wollte nur das Bett aufschütteln und sah stirnrunzelnd der Männerrunde zu. „Nun lassen Sie uns, Birgit. Ich habe meine Söhne so selten zusammen im Haus und solange die Zigarre schmeckt, lebe ich noch!“


„Entschuldigung, Herr von Wichern. Ich meine ja auch bloß. Soll ich später noch einmal wiederkommen?“ „Nein, nein, machen Sie ruhig, aber sagen Sie meiner Frau nichts“, nickte ihr Friedrich zu.


 


Am Abend telefonierte Jürgen mit Lisa. Er erzählte ihr von seinem Comingout und der positiven Reaktion seiner Mutter. Auch über das Gespräch hinsichtlich seines geplanten Geschlechtswechsels berichtete er und stellte Lisa ebenfalls die Hilfe der Hamburger Gutachter in Aussicht. Sie hörte leise zu und wünschte ihm eine gute Zeit bei seiner Familie.


Danach rief er Frau Hausmann und Veronika Walther an. Alles lief gut in der Kanzlei, so brach er gegen acht Uhr abends noch einmal zu Fuß zu einem kleinen Spaziergang auf.


Die Woche verging wie im Flug. Mit Magda führte er wichtige Gespräche und bat sie, sich mit ihrem ehemaligen Kommilitonen in Verbindung zu setzen. Er würde zu Weihnachten wiederkommen und möglicherweise könnte man zu Beginn des neuen Jahres bereits einen Vorstellungstermin bei dessen Sohn verabreden und einiges an Modalitäten klären.


Jürgen fühlte wie Annette und war guter Dinge. Allerdings durfte der Vater nichts erfahren und der Gedanke an die schwere Krankheit des alten Mannes lastete schmerzhaft auf seiner Seele.


Komisch, dachte er, vor ein paar Wochen bin ich das erste Mal nach Dortmund zum Einkaufen gefahren und nun hatte ich bereits mein zweites Comingout. Mit Lisa fand ich auf Anhieb eine liebe Freundin und Weggefährtin.  Die Selbsthilfegruppe wird mich auf meinem Weg bestärken. Aber ich will mir trotzdem viel Zeit lassen. Jetzt ist erst einmal Vater wichtig und alles Weitere wird sich finden.


Magda drückte ihren Sohn und künftige Tochter länger als sonst, bevor das Auto die Auffahrt verließ. Für sie hatte der Besuch neue Erkenntnisse gebracht. Sie beschloss, Wolfgang Reichert am nächsten Tag anzurufen und mit ihm über die besondere Situation zu sprechen. Fehler durften in dieser wichtigen Angelegenheit keine passieren, das war ihr nur zu klar.


Ein paar Tage später saß sie zusammen mit diesem in dessen Haus beim Tee. Magda erzählte von Jürgen, der nun in Erwägung gezogen hatte, im gefühlten Geschlecht als Frau weiter zu leben. Der ehemalige praktische Arzt versprach sofort, seinem Sohn von der geplanten Geschlechtsangleichung zu erzählen. „Natürlich müssen bei der Begutachtung sehr intensive Gespräche mit der Patientin geführt werden“, meinte er. Eine Geschlechtsangleichung war, wenn die Operation erst stattgefunden hatte, unumkehrbar.


Magda fuhr nach dem Gespräch zufrieden nach Hause. Annette würde bei den Hamburger Ärzten gut aufgehoben sein. Nach dem netten Nachmittag überlegte sie nicht lange, sondern besuchte am nächsten Tag die Firma. Sie wurde von allen Mitarbeitern dort verehrt und die junge Sekretärin überschlug sich fast, als Magda unangemeldet im Vorzimmer ihres Sohnes stand. Martin staunte nicht schlecht, nachdem ihn seine Mitarbeiterin über den hohen Besuch informierte.


Einen Moment später betrat Magda von Wichern das Chefbüro, welches früher ihr Mann ausfüllte und in dem nun ihr ältester Sohn als dessen Nachfolger die Firmengeschäfte leitete. Magdas Gehirn arbeitete fieberhaft. Ganz ruhig bleiben, dachte sie. Sie wusste, dass Friedrich aus Martin den perfekten Firmenchef gemacht hatte. Er war ausschließlich von Friedrich erzogen und frühzeitig mit seinen künftigen Pflichten vertraut gemacht worden.


Trotzdem hatte Magda ein sehr gutes Verhältnis zu Martin aufbauen können, wenngleich sie ihn nicht immer durchschaute. Sie hatte sich ihren Besuch sorgfältig überlegt. Es ging um die Familie und das Erbe. Beide Brüder würden ihren Teil bekommen. Und Jürgens lebensverändernder Schritt sollte mit Wissen und Billigung der ganzen Familie vollzogen werden.


Magda lehnte sich in ihrem Sessel zurück, ließ ihren Blick durch das Zimmer wandern und genoss erst einmal die Aussicht über den Hamburger Hafen. Herrlich. Nun, denn!


„Ach, Martin. Hier oben habe ich als junge Frau oft bei deinem Vater gesessen und wir haben den vielen Schiffen zugeschaut. Wie lange bin ich nicht mehr hier gewesen! Es ist so wunderschön. Du hast aber gar nichts verändert! Junge Leute haben doch eigentlich eigene Vorstellungen und Geschmäcker?“


Martin lachte und stellte der Mutter die Tasse Kaffee selbst auf den Tisch neben ihren Sessel, welche seine Sekretärin gerade hereingebracht hatte. „Ich freue mich sehr, dass du wieder einmal hier bist, Mutter. Ja, dies war Vaters Refugium und du kennst ihn. Er ist erzkonservativ und hasst Veränderungen. Ich habe bisher nicht gewagt, die Möbel auszutauschen, obgleich mir der Schreibtisch schon ziemlich wuchtig erscheint und ich mir andere Materialien hier im Büro vorstellen kann. Aber, nun raus mit der Sprache. Du hast etwas auf dem Herzen, Mutter, das sehe ich dir an der Nasenspitze an. Wenn du so mit der Stirn runzelst, liegt etwas in der Luft. Was immer es ist, ich werde es dir niemals abschlagen. Du bist meine Mutter und somit gleichberechtigt mit Vater das Familienoberhaupt.“


Magda atmete tief ein. „Martin, was wir jetzt besprechen, soll Vater nicht mehr erfahren. Er liebt seine Söhne, so wie sie sind. Aber Jürgen war schon als Kind anders als du.“


„Da sagst du mir nichts Neues, Mutter, doch was ist daran so wichtig? Ich liebe Jürgen, wir sind Brüder!“


Magda lächelte. „Bitte unterbrich mich nicht mehr. Nein, das seid ihr eben nicht. Martin, Vater ist sehr konservativ und er hat dich in die Nachfolge der Firma erzogen. Ich glaube trotzdem, dass du in der Lage bist, über den Tellerrand hinaus zu sehen. Jürgen ist aber nicht homosexuell, wie Vater immer befürchtete. Inzwischen hat sich in dieser Hinsicht gottlob die gesellschaftliche Meinung geändert, und Homosexuelle haben sich einen Platz in der Politik erkämpft. Vater hat nie etwas gesagt, wenn er mit dem Bürgermeister unserer Stadt zusammen getroffen war und das geschah sehr oft. Selbst er konnte sich der Situation anpassen. Martin, Jürgen liebt dich ebenfalls, aber es gibt ein großes Problem. Er ist nur äußerlich ein Mann. Jürgens Seele ist weiblich und er muss sein gefühltes Geschlecht leben. Man nennt das transsexuell und es gibt diese Störung in beiden Richtungen, also von Mann zu Frau und von Frau zu Mann. Ich möchte nach Vaters Tod in unser Stadtpalais ziehen und dir und den Kindern die Villa überschreiben. Jürgen soll seinen Geschlechtswechsel bei mir vornehmen und wird nach erfolgter Vornamen- und Personenstandänderung und den notwendigen medizinischen Behandlungen sein Leben als Frau weiterführen. Mir ist bewusst, dass vielleicht einige Leute in der Gesellschaft, in unserem Bekanntenkreis und auch in der Firma irritiert sein könnten. Wir werden mit negativen Reaktionen rechnen müssen. Trotzdem seid ihr Geschwister und Jürgen gehört hierher nach Hamburg, als was auch immer. Ich wollte dich nicht im Unklaren lassen. Es könnte Nachteile in der Firma mit sich bringen, obgleich ich hoffe, dass die Leute hier bereits so tolerant und aufgeklärt sind, dass nichts dergleichen geschieht. Transsexualität ist weder ansteckend noch gefährlich für andere. Ja, jetzt ist es raus.“


4. Leseprobe


Lisa


 


„Nun spann uns nicht länger auf die Folter, Lisa. Was gibt es so Wichtiges?“, fragte Juliane interessiert, denn Lisa hatte den Frauen gleich beim Hereinkommen ins Lokal große Neuigkeiten angekündigt.


Lächelnd stellte ihr der Wirt des „Lustigen Musikanten“ eine heiße Schokolade auf den Tisch. Natürlich wusste er, dass die Damen aus der Selbsthilfegruppe nicht als solche geboren worden waren. Robert Weiner hatte keine Probleme damit. Es war ihm egal, ob jemand lieber als Mann oder als Frau leben wollte oder nur das gleiche Geschlecht liebte. Hauptsache, er erwies sich als anständiger Mensch und bezahlte seine Zeche.


Einige dieser Frauen hatten es besonders schwer. Bei Arabella und Juliane konnte man die männliche Vergangenheit nicht nur anhand des äußeren Erscheinungsbildes erkennen, sondern auch unschwer hören. Arabella war Maurer von Beruf und das hinterließ zusätzliche Spuren. Bei Lisa schien alles etwas anders zu sein. Sie hatte im Laufe ihrer transsexuellen Entwicklung sehr viel Modegeschmack hinzugewonnen und konnte sich zudem hervorragend schminken.


„Ich hatte gestern meinen ersten Gutachtertermin bei Loran“, platzte sie ohne Umschweife heraus. „Er war sogar sehr nett zu mir. Ich soll ihm einen Lebenslauf mitbringen und dann wird er mir das Gutachten schnell schreiben.“


Die Frauen horchten sofort auf. Ines schüttelte irritiert den Kopf. „Weiß Annette davon?“, fragte sie. „Nein“, erklärte Lisa. „Ich habe das ganz allein gemacht. Ich will mal eigene Entscheidungen treffen und der Antrag beim Gericht war schon längst überfällig.“


„Es ist natürlich gut und richtig, dass du selbst aktiv bist. Aber du weißt, wie gefährlich Loran für uns werden kann. Wenn du merkst, dass du irgendetwas nicht packst, ruf mich bitte sofort an! Ich möchte nicht noch eine von euch auf dem Friedhof begraben müssen.“ Ines hatte ihre Worte sorgfältig gewählt. Einerseits musste Lisa den nächsten Schritt in ihrer eigenen Zeit selbst gehen. Doch sich ausgerechnet in puncto Selbstvertrauen und Selbstsicherheit bei Loran auszuprobieren, das war nicht gerade nach Ines‘ Geschmack. Lisa besaß ein sehr liebes Herz, aber sie zeigte im selben Atemzug eine erhebliche Naivität. Die sollte ihr in keiner Weise zum Verhängnis werden.


„Wie viele Sitzungen hat er bei dir angesetzt?“, fragte Arabella mit ihrer markanten tiefen Stimme.


„Er hat sich noch nicht dazu geäußert. Er meinte, erst müsse er meinen Lebenslauf lesen und wissen, was ich beruflich mache. Das wird noch schlimm werden. Ich kann mich da nicht outen. Wenn ich Hartz IV beantragen muss, schreibt er mir vielleicht das Gutachten nicht“, seufzte Lisa.


„Warum nimmst du Annettes Angebot nicht an? Sie will die Begutachtung in Hamburg vornehmen lassen und sich dort eventuell in der Nähe ihrer Mutter eine neue Kanzlei einrichten. Ihre Familie hat Geld und sie sagte doch, dass sie dir einen Job besorgen kann. Im Augenblick hat natürlich ihr Vater Vorrang, aber es ist ja abzusehen, wann der stirbt. Warte noch, Lisa.“


Ines überkam auf einmal ein merkwürdiges Gefühl, welches sie als undefinierbare dunkle Angst einordnete. Sie fühlte sich verpflichtet, Lisa vor dem drohenden Unheil zu bewahren, das sie wie eine Vorahnung beschlich und ihr die Kehle abschnürte.


Aber Lisa schüttelte fest entschlossen den Kopf. „Annette hat schon so viel für mich getan und ich freue mich, sie zur Freundin haben zu dürfen. Als zweiten Gutachter nehme ich den Hamburger und ich werde wohl auch mit ihr umsiedeln. Es tut mir nur so leid für meine Mutter. Sie hat es nicht leicht mit meinem Vater und meinem Bruder. Beide trinken mehr als gut für sie ist und Vater hat sie schon öfter geschlagen. Ich möchte gerne in ihrer Nähe bleiben. Aber wenn ich erst offiziell als Frau lebe, wird ihr mein Vater wohl den Umgang mit mir verbieten und mein feiner Herr Bruder will mich sogar verprügeln, wenn ich mich zu Hause in einem Kleid zeigen sollte.“


Lisas Stimme klang traurig. Jedoch spürte sie etwas in Richtung Stolz in sich und wollte Annette, die so viel Gutes für sie tat, nicht mit ihren Problemen belasten. Schon gar nicht im Augenblick. Dem Senator ging es sehr schlecht. Annette hatte nun andere Sorgen.


Nach und nach gesellten sich noch drei weitere Frauen zur Gruppe und die Gesprächsthemen wechselten. Lisa beschloss, am nächsten Tag nach der Arbeit ihre Mutter zu besuchen. Sie würde ihr fehlen und sie wollte sie ganz behutsam auf den neuen Lebensweg und den geplanten Umzug nach Hamburg vorbereiten.


 


Anna Maruhn blickte ihren Sohn sehr ängstlich an, als sie ihm eine Tasse Kaffee in der alten schäbigen Küche ihrer kleinen Wohnung einschenkte. Die Fünfundfünfzigjährige sah älter aus, als sie tatsächlich war. Das Leben hatte bei ihr deutlich seine Spuren hinterlassen.


Ihr Mann zeigte bereits erhebliche Anzeichen von Alkoholismus und fand deshalb seit Jahren keinen neuen Arbeitsplatz. Das Geld reichte weder vorne noch hinten. Heinz Maruhn setzte die Stütze vom Arbeitsamt gleich in Schnaps um. Wenn er sich über etwas ärgerte, wurde er seiner Frau gegenüber handgreiflich. Mehrfach musste sich Anna wegen aufgeplatzter Lippen, Augenbrauen und letztens sogar wegen eines Unterarmbruchs in ärztliche Behandlung begeben.


Ihr ältester Sohn Dirk stand dem Vater in nichts nach. Er legte zwar nicht Hand an die eigene Mutter, aber er schlug regelmäßig seine Frau und die beiden elf und vierzehn Jahre alten Söhne, insbesondere dann, wenn er wieder einmal betrunken heimkam. Die Frau lebte deswegen seit kurzer Zeit getrennt von Dirk, welcher wieder bei den Eltern schlief.


Carsten, der Jüngste, war anders. Mit ihm konnte sie sich aussprechen. Er zeigte Verständnis für sie, doch seine weiche Art wirkte auf Bruder und Vater wie ein rotes Tuch.


„Sie werden bald kommen. Dortmund spielt gegen die Bayern und das werden sie nachher sehen wollen. Du solltest nach dem Kaffee gehen, damit es keinen Streit gibt“, sagte sie rasch.


Lisa legte der Mutter liebevoll die Hand auf den Arm. „Mama, ich muss dir etwas erzählen. Behalte es bitte für dich. Wenn Dirk und Papa irgendetwas von meinen Plänen erfahren, könnte es zur Katastrophe kommen. Mama, ich werde mein Geschlecht wechseln und als Frau leben. Eine Freundin ist Anwältin und zieht nach Hamburg. Ich will sie begleiten und mir dort als Frau einen Job suchen. Es tut mir nur so leid, dass ich dann nicht mehr für dich da sein kann. Wenn ich alles erledigt habe und genug Geld verdiene, kannst du mich immer besuchen kommen und vielleicht“, sie schluckte und machte eine Pause „trennst du dich ja doch eines Tages von Papa. Keine Frau muss sich von ihrem Mann so behandeln lassen. Mama, du hast etwas Besseres verdient!“


Annas Augen weiteten sich bei Lisas Worten und nahmen den Ausdruck tiefsten Entsetzens an. Natürlich kannte sie Carstens Problem. Aber solange er seine Neigungen nur heimlich auslebte, konnte ihm nichts geschehen.


„Kind, du weißt nicht, was du da sagst! Bitte trink aus und geh, damit sie dich hier nicht finden. Carsten, Junge, daran darfst du nicht einmal denken! Sie werden dich töten. Ein Mann, der eine Frau sein will, das wird Vater nie zulassen und Dirk erst recht nicht. Bitte passe auf dich auf.“


Anna nahm die leere Kaffeetasse und spülte sie schnell unter dem laufenden Wasserhahn ab, gleich so, als wolle sie die Spuren von Carstens Besuch rasch verwischen und vor allem die letzten Worte ihres Sohnes ungesagt machen. Lisa stand auf und nahm sie fest in ihre Arme. „Pass auch du auf dich auf, Mama.“ Dann ging sie zur Tür.


Ihre Mutter sah ihr aus dem Küchenfenster lange nach. „Der Herrgott möge dich beschützen, mein liebes Kind“, schluchzte die verhärmte Frau leise. Eine unheilvolle Vorahnung ließ sie erzittern. Tief in ihrem Herzen wusste sie, dass Transsexualität nichts Verwerfliches war und sich die gesellschaftliche Meinung inzwischen in dieser Hinsicht rapide geändert hatte.


In Deutschland gab es mehrere homosexuelle Bürgermeister und selbst der Außenminister bekannte sich zu seiner Ausrichtung. Aber diese Menschen hatten nichts mit ihrem Mann und ihrem Sohn gemeinsam. Deren Leben spielte sich in der Kneipe am Stammtisch ab. Toleranz und Achtung vor den anderen gehörten nicht in ihr Vokabular. Und Transsexualität in der eigenen Familie, das würden sie nie und nimmer hinnehmen.


 


„Wie geht es deinem Vater?“, fragte Lisa, als Annette sie am Abend anrief. „Er hustet viel und bekommt sehr schlecht Luft. Wir rechnen täglich mit dem Schlimmsten. Er hat eine Patientenverfügung aufgesetzt und bestimmt, dass man ihn zu Hause sterben lassen soll. So können wir ihn nicht ins Krankenhaus bringen, wo er bessere Hilfe hätte. Wir sind uns in den letzten Tagen sehr viel näher gekommen“, meinte Annette mit leiser Stimme. „Und was machst du?“


„Ich muss dir etwas gestehen. Ich war bei Loran und hatte meine erste Sitzung bei ihm. Am nächsten Montag soll ich gegen sechs Uhr abends wieder hin“, erwiderte Lisa. Sie hatte ein schlechtes Gewissen. Schließlich war Annette ihre beste Freundin und wollte ihr helfen. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten.


„Ach, Mädchen, kann man dich nicht einmal fünf Minuten allein lassen, ohne dass du Unfug anstellst? Wir hatten doch abgesprochen, dass wir unseren Weg hier in Hamburg gehen! Der Doktor weiß bereits Bescheid und ist einverstanden.“


Lisa wusste, dass Annette Recht hatte und wollte nicht trotzig werden. Und doch bäumte sich etwas in ihr auf. Sie empfand die gutgemeinte Hilfe als Bevormundung, obwohl sie Annettes Argumente teilte.


„Nun fang du nicht auch noch an. Ines hat schon deswegen auf mir herumgehackt!“, schimpfte Lisa.


„Ich hacke nicht auf dir herum. Und Ines tut das auch nicht. Wir wollen dich nur vor Schaden bewahren. Loran ist ein Fiesling und man weiß nie, was er sich noch ausdenkt. Pass bitte auf, Lisa. Hast du ihm auch von uns erzählt?“


„Nein, natürlich nicht. Er wollte nur etwas über meine Kindheit und meine Familie wissen. Das musste ich ihm ja sagen. Er verhielt sich sehr verständnisvoll, als ich ihm erklärte, wie gemein Dirk und Vater zu mir sind und er wollte sich sogar für mich einsetzen.“


Am anderen Ende der Leitung war es ruhig geworden. „Okay Süße, ich werde in zwei bis drei Wochen wieder zu Hause sein. Dann reden wir weiter. Vielleicht ist doch alles nicht so schlimm, wie wir bisher dachten. Halte die Stellung und grüße die anderen herzlich von mir.“


Lisa atmete erleichtert auf. Eine hässliche Auseinandersetzung mit Annette war das Letzte, was sie sich wünschte. „Danke, das werde ich. Alles Gute für deinen Papa“, hauchte sie in den Hörer.


 


Oh je! Jürgen, schüttelte sich mit einer schlimmen Vorahnung. Er hatte bisher noch nichts Positives über Dr. Klaus Loran gehört und konnte sich einen derartigen Sinneswandel bei ihm nur schwer vorstellen. Jürgen fürchtete, dass Loran etwas im Schilde führte, und hatte Angst.


Dem Vater ging es schlecht. Nach Meinung der Ärzte dürfte er nur noch wenige Wochen zu leben haben. Jürgen und die Mutter trösteten sich gegenseitig und er wollte Hamburg nicht mehr verlassen.


Um sich etwas abzulenken, begab er sich zusammen mit Magda auf den Speicher. Auf Bitten der Mutter begann er dort aufzuräumen. So verbrachte er viele Stunden zwischen den alten Sachen seiner Vorfahren. Langsam konnte sich der Dachboden wieder sehen lassen. In einer großen alten Holztruhe fand Jürgen diverse Waffen, die einst seinem Großvater gehört hatten.


Dieser kämpfte als Oberstleutnant der Infanterie in der Wehrmacht und war die letzten Kriegsmonate an der Narwa Front in Estland stationiert gewesen. Jürgen besaß aus seinen jungen Jahren im Schützenverein noch einen Waffenschein, obwohl er die Gewehre längst alle verkauft hatte.


Staunend nahm er das Sturmgewehr seines Großvaters in die Hand. Wie hatte der es nur geschafft, es nach Hamburg zu bringen? Die Alliierten überprüften damals die heimkehrenden Soldaten äußerst gründlich, so dass es ihm nur in einer Nacht- und Nebelaktion gelungen sein konnte, die Waffen vor deren Zugriff zu verstecken. 


Während Jürgen die schwere Holzkiste weiter auspackte, kam eine Pistole zum Vorschein. Und es war nicht einfach irgendeine! Jürgen sah plötzlich eine echte Tokarew TT30 in seiner Hand liegen.


Aus den Erzählungen des Großvaters in seiner Kindheit kannte er die Geschichte dieser russischen Pistole, die ein gewisser Tokarew in Russland erfunden hatte und von der es nur knapp 1000 Stück gab. Später wurde die Waffe, mit der die Soldaten der Roten Armee kämpften, verbessert und hieß Tokarew TT33. Einem ehemaligen Kommilitonen gehörte ein Waffengeschäft in Dortmund. Der würde vermutlich ein Vermögen für dieses Schmuckstück von Pistole zahlen.


Jürgen beschloss, niemandem etwas von dem Fund zu erzählen. Er hob die Waffe samt Holster und den dazugehörigen Patronen auf und steckte sie im Auto vorsichtig in eine Damenhandtasche, die unter dem Beifahrersitz lag, bevor er mit den Aufräumarbeiten fortfuhr. Er wollte sie mit nach Dortmund nehmen und dem Bekannten bei nächster Gelegenheit zeigen.


 


Lisa schminkte sich besonders sorgfältig und verließ um halb sechs Uhr das Haus. Sie brauchte mit der S-Bahn nur eine Viertelstunde zur Praxis und wollte rechtzeitig zu ihrem zweiten Termin bei Dr. Loran eintreffen. Die Sprechstundenhilfe nickte wohlwollend mit dem Kopf, als sich Lisa anmeldete. Einen Moment später trat sie in das Arbeitszimmer des Mediziners und erstarrte.


Bitte, nein! In der kleinen Sitzgruppe am Fenster saßen ihr Vater und ihr Bruder Dirk. Der Vater musste getrunken haben. Seine Nase wies eine starke Rötung auf und seine Augen blickten glasig aus dem aufgeschwemmten Gesicht.


Die Stirn ihres Bruders legte sich in starke Runzeln. Auch er machte einen alkoholisierten Eindruck und sah Lisa unverwandt und böse an. Dr. Klaus Loran lächelte hämisch. Er ahnte, was in den beiden Männern in diesem Moment vor sich ging.


„Kommen Sie, Herr Maruhn, setzen Sie sich zu ihrer Familie. Ich habe Ihren Herrn Vater und Ihren Bruder eingeladen, damit sie sich ein Bild von Ihnen machen können. Kommen Sie nur, hier beißt niemand!“


Schüchtern und voller Angst schritt Lisa auf den ihr angebotenen Platz zu. Sie setzte sich und stellte ihre Beine, wie es Frauen im Rock tun, neben sich zusammen. „Ich bin etwas überrascht“, schluckte sie. „Meine Familie hatte ich hier noch nicht erwartet. Das sollte doch erst später geschehen, wie Sie selbst sagten. Sonst hätte ich dem Gespräch heute nie zugestimmt.“


Dr. Lorans Augen leuchteten spöttisch. „Da haben wir uns missverstanden. Ich mache das immer so. Es ist wichtig, dass Eltern und Geschwister wissen, wie der Sohn in der weiblichen Geschlechtsrolle aussieht und ankommt. Sie sehen ja perfekt aus oder was meinen Sie, meine Herren? Er kann eigentlich sofort als Travestiekünstler auftreten, so nennt man doch die Männer in Frauenkleidern. Wirklich, Herr Maruhn. Ich bin sehr beeindruckt. Ihre ganze Haltung kommt richtig weiblich rüber.″


Dirk Maruhn sah seinen Vater naserümpfend an. „Müssen wir uns das antun? Komm Vater, ich würde sagen, wir gehen!“ Er stand auf und reichte seinem Vater die Hand, damit dieser sich aus dem Sessel hochziehen konnte.


Heinz Maruhn ließ sich das Angebot seines Sohnes nicht entgehen und ergriff dessen Arm. Er blickte mit angewidertem Gesichtsausdruck auf Lisa und lallte nur noch: „Eine Schande ist das, eine große Schande.“ Dann spuckte er aus und verließ vor dem verblüfften Gutachter das Sprechzimmer.


Lisa war blass geworden. Auch sie erhob sich und sah Loran entsetzt an. „Wie konnten Sie nur! Und ich habe Ihnen vertraut!“ Mit Tränen in den Augen lief sie völlig verzweifelt hinaus.


Was für ein gemeiner Kerl! Draußen war niemand mehr zu sehen. Lisa atmete tief durch. Es war Ende Januar und die Straßen schimmerten vereist. Schnee lag auf den Seitenstreifen.


Fröstelnd zog Lisa ihre Jacke näher an sich. Statt auf der Hauptstraße zu bleiben, wählte sie eine Abkürzung zur S-Bahnhaltestelle. Sie ging langsam den einsamen Weg entlang, der auf der linken Seite an einem Wäldchen vorbeiführte. Ein teilweise eingerissener Schutzzaun trennte den Trampelpfad zu ihrer Rechten von den Bahngleisen. Lisa registrierte die herumliegenden Äste vor ihren Füßen nicht. Schluchzend wanderte sie weiter neben den Gleisen her. Als ihre verweinten Augen aufblickten, sah sie in ein vor Zorn gerötetes Gesicht. „Du alte dreckige Tucke! Du schwule Sau! Hast du keine Ehre im Leib, so herumzulaufen! Du bringst deinen Vater noch ins Grab, aber das werde ich verhindern“, schrie der Mann und schlug Lisa so heftig mit der Faust ins Gesicht, dass sie den Halt verlor und sofort hintenüber kippte.


Dabei stolperte sie auf die Bahngleise und fiel hin. Der Angriff war ohne Vorwarnung gekommen. Der Schlag hatte sie mit voller Wucht getroffen. Mit beiden Händen versuchte sie sich im Gleisbett abzustützen. Ihre Beine wurden schwer. Sie taumelte und langsam schob sich ihr Körper hoch. Das Gesicht war tränenüberströmt. Es war ihr nicht möglich, etwas zu sehen. Durch die aufgeplatzten Lippen floss Blut  in den Mund. Sie schmeckte es.  Lisa wusste, wer der Angreifer war. Ihr Herz schrie seinen Namen. Warum tat er ihr das an? Sie dachte an ihre Mutter und wollte in letzter Verzweiflung kämpfen. Der zweite Faustschlag, um einiges härter als der erste, traf sie an der Schläfe. Sie stürzte auf das Gleis. Lisa nahm nicht mehr wahr, wie lange sie auf den kalten Schwellen gelegen hatte. Ein helles Licht kam auf die junge Frau zu und gab dabei ohrenbetäubende Schreie von sich.


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 5.Leseprobe


 


Sie sah auf das frische Grab. „Ich werde dafür sorgen, dass dein sinnloser Tod nicht ungesühnt bleibt, Lisa.“  Anna wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und ließ sich dankbar zum Auto bringen. Eine halbe Stunde später kamen die beiden in der Wohnung der Maruhns an. Wie von Anna vermutet, war niemand zu Hause. Annette half ihr, die wichtigsten Sachen und Kleidung zusammenzusuchen. Sie ließ die Türen ihres Wagens unverschlossen und trug immer wieder Taschen hinunter. Rasch lief sie nach oben und sammelte erneut Kleidungsstücke auf, die Anna aufs Bett legte. Den angetrunkenen Mann, der sich an ihrem Wagen zu schaffen machte, bemerkte sie nicht.


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