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Buch Leseprobe Zeitlebens im Gedächtnis, Jürgen Ruszkowski
Jürgen Ruszkowski

Zeitlebens im Gedächtnis



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Am 3. März 1945 kam bei mir der Anruf vom Ortskommandanten an: „Ab 15 Uhr darf die Reichsstraße 111 in Richtung Gollnow nicht mehr benutzt werden.“ Es war ein Oberleutnant mit sieben Feldgendarmen, die den Treckverkehr regelten. Nun musste die Treckrichtung umgeleitet werden. Da bin ich sofort mit dem Oberleutnant hingegangen, und wir haben Stellen im Wald gesucht, wo die Trecks umwenden konnten; bis zum Dunkelwerden war das geschafft . Nun waren aber andere Gäste gekommen, nämlich unsere zurückflutenden Truppen. In Lüttig`s Villa befand sich das Generalquartier der Auffangtruppen. Sonntag, den 4. März, kamen und gingen die Truppen. Der diensttuende Hauptmann vom Ortskommandanten, welcher bei mir in Logis lag, kam in der Nacht zum 5. März, gegen 1 Uhr. Auf meine Frage, wie es stehe und wann wir Räumungsbefehl erhielten, sagte er: „Wir können keinen Räumungsbefehl erteilen, das ist Sache der Partei, aber ich kann Ihnen raten, bringen sie sofort die Evakuierten aus dem Dorf.“ Ich deutete ihm an, dass es Sache der N.S.V. sei und setzte mich mit Lehrer Ewald in Verbindung, Ewald lehnte ab, jetzt in der Nacht. Gegen Morgen rief er jedoch an, dass die Evakuierten nach Kantreck zu bringen seien, welches dann von mir sofort gemacht wurde. Die Evakuierten sind dann mit der Kleinbahn, vielleicht auch noch mit der Großbahn gegen 10 Uhr am 5. März den Russen entkommen. Morgens um 8 Uhr am 5. März waren Militär und Gendamerie plötzlich verschwunden, ohne uns auch nur irgendwie über die Lage aufgeklärt zu haben. Alles war jedoch von meiner Seite zum Treck vorbereitet. Gegen 11 Uhr kamen nun schon landeinwärts von Kantreck her die Trecks von Basenthin, Dischenhagen und Schwarzow (Harmstorf ist zu Hause geblieben). Nun fuhren wir auch von Hammer los in Richtung Pibbernow. Der Treckweg sollte über Stepenitz in Richtung Wollin gehen (siehe Karte von Wollin im Beitrag Krause). Bei Craseberg dwars (quer) durch den Wald, auf die Haff-Chaussee bis Altsarnow. Da hieß es plötzlich: „In Wollin sind schon die Brücken gesprengt.“ Wir drehten um und fuhren in Richtung Stepenitz in den Wald; es war jetzt bereits dunkel geworden. Im Wald fütterten wir erstmals. Nun konnten wir bereits auf der Stepenitzer Chaussee viele Lichter erkennen. Wir wollten erkunden, was es war. Meine Tochter Elsbeth, der alte Raddü und ich gingen hin, kamen aber nicht an die Chaussee, weil die Gestelle alle parallel mit derselben liefen. Wir mussten es aufgeben, um nicht im Walde den Treck zu verlieren. Wie sich später herausstellte, waren dies schon die vorrückenden Russen auf der Chaussee Pribbernow-Sabessow-Rißnow-Altsarnow. Zu unserem Glück hatten sie Feierabend gemacht. Als wir nun wieder zum Lager kamen, spannten wir sofort an und fuhren auf der Haff-Chaussee nach Stepenitz. Stepenitz war dunkel und wie ausgestorben. Ich stellte fest, dass noch ein Dampfer fahrbereit im Hafen lag, ging zum Treck und machte allen klar, dass dies die letzte Möglichkeit wäre, raus zu kommen. Wer rüber wolle, müsse sofort handeln. Dann habe ich die Kinder aus meinem Treck, eins nach dem anderen, auf dem Nacken auf den Dampfer gebracht. Es war schwer, jeder wollte rüber, und es stand alles voll. Auch mich wollte die Polizei nicht rauf lassen. Ich sagte, dass ich nicht mitfahre, sondern nur die Kinder und die jungen Frauen rüber bringen wolle. Als das fertig war und keiner mehr hinauf wollte, sind wir dann, es wurde jetzt langsam hell, über Hohenbrück Richtung Heimat gefahren. Der letzte Wagen von uns, Paul Möhring, (Willi Möhring war auch in Stepenitz mit seiner Familie hinüber gegangen) hatte zwei Wagen hinter sich und konnte mit uns nicht mitkommen. Er fiel jetzt den auf der Chaussee vorrückenden Russen in die Hände. Sein zweiter Wagen wurde von einem Panzer überfahren. Wir anderen waren vorher bei Schöneiche landeinwärts vor den Russen weggekommen. Als wir morgens am 6. März in Hohenbrück ankamen, machten wir auf der Mühle Rast. Da kamen zwei Frauen, die sagten: „Hammer ist seit gestern Mittag von den Russen besetzt!” Nun war bei unseren polnischen Arbeitern kein Halten mehr. Sie spannten an, und im Trapp gings Richtung Hammer. Wir hatten die Macht über sie verloren. Auf dem halben Weg bekam ich den Treck zum Stehen und redete auf die Polen ein. Einer nach dem anderen sagte: „Opa ich gehe mal an die Chaussee und will mal sehen, was los ist.“ Sie hauten ab und kamen nicht wieder. Nun glaubte ich, sie würden uns verraten, aber das haben sie nicht getan. Wir blieben nun im Wald in einer Tannenschonung am Gubenbach. Nächsten Morgen (7. März) ging ich mit Tramp zusammen nach Hohenbrück. Da waren zwei russische Posten, die uns alles abnahmen und dann sagten: damoi - nach Haus! Nun ließen sie uns wieder in den Wald gehen. Dann wollte ich das erste Mal sehen, wie es in Hammer aussah. Wir gingen mit vier Mann auf Erkundung, wurden aber an der Chaussee gleich von Russen empfangen, die uns aber weiter gehen ließen bis zum Forstgut. Dort lag das russische Generalkommando. Als wir unser Anliegen vorbrachten, ob wir wieder ins Dorf einziehen könnten, sagte ein Oberleutnant: „Nein, hier zuviel Militär, in ein anderes Dorf.“ Wir hatten auch erkannt, dass er recht hatte, denn so weit man sehen konnte, war weiter nichts als Militär. Der Russe war über Rothenfier – Kantreck in Hammer auf die Chaussee gekommen, hatte sich gesammelt und dann den Angriff vorgetragen. Wir mussten nun versuchen, wieder in den Wald zu kommen, mussten von den Russen gedrängt, immer wieder zur Erde und die mit dem Ruf: „Uhri“ mit dem Bajonett auf uns. Ich war der Letzte, alles hatten sie uns abgenommen; noch im Walde wurde ich meine Stiefel los. Es war ein gutmütiger Kerl. Als er die Stiefel angezogen hatte, meinte er: „Gut, gut ich laufen nach Berlin, du laufen nach Moskau!“ Dann fing er an zu tanzen. Ich machte, dass ich im Wald verschwand. Die folgende Nacht (auf den 8.03.) blieben wir noch in unserem Versteck. Nächsten Morgen wollten wir nun mit dem Treck nach Hohenbrück, denn ich hatte Angst, wenn uns der Russe im Dunkeln im Wald antraf, dass er mit dem MG dazwischen hielte. Bei der Försterei Elsenau erwischte uns eine russische Offizierspatrouille, und mit Gebrüll, mit vorgehaltener MP riefen sie: „Volkssturm, Uhr, Ringe.“ Alles wollten sie haben! Es ging noch verhältnismäßig ehrlich zu. Die Russen sagten, wir sollten uns in Hohenbrück einquartieren. Auf der Försterei waren schon welche von Amalienhof. Ein Teil von uns blieb auch da. Ich und der Arbeiter Otto Schmeling, dazu gegen 25 Frauen und Kinder, mussten weiterfahren nach dem Dorf Hohenbrück. Wie wir hinfuhren, schoss der Russe mit Brandmunition die Häuser beim Gasthof in Brand. Da wussten wir, was los war. Wir fuhren auf den Hof des Ortsbauernführers. In der Küche waren 10 Russen, die frühstückten. Ich wurde eingeladen, machten Ei und Zucker zusammen. Dann aber ging es los, ein Sturm auf unsere Wagen. Hier wurden wir erleichtert. Die Nacht war fürchterlich. Frauen und Mädchen wurden vergewaltigt. Ich hatte in einer Stube wie tot geschlafen. Als ich noch im Bett lag, kamen die Frauen und meinten, dass wir hier unmöglich bleiben könnten. Als ich nun raus kam, bekam ich einen Stoß in den Rücken und ab mit mir in die Speisekammer. Der Russe, ein blutjunger Kerl, hatte ein 40 cm langes Schlachtermesser und fing an, auf einem Steinpott anzustreichen; dann kam er ran, eine Hand am Hals, in der anderen das erhobene Schlachtermesse. „Uhr her“ sagte er. Ich erklärte ihm, die Uhr hätte schon ein Kamerad. Er ging zurück, zog den Revolver und legte an. Ich nahm meine Hände, so wie ich es als Kind gelernt hatte. Der Russe ließ den Revolver sacken und ging raus. Die Pferde hatten sie uns bis auf 6 genommen. Nun wurde angespannt, und wir fuhren durch die Russen hindurch aus dem Dorf. Auf jedem Gehöft lagen Russen, die machten Zielübungen auf uns, aber sie schossen immer drüber weg. Es ging alles gut. Wir fuhren wieder in den Wald, auf unsere alte Stelle. Hier haben wir dann etwa 10 Tage ausgehalten. Es war kälter geworden, Schneetreiben, die Pferde hatten Kropf, die Kinder Husten, die Spannung war fürchterlich. Des nachts die Schießereien, die Kämpfe, das Fahren der Panzer, das Leuchten von Scheinwerfern und die Brände rundherum. Aus der Traum! Als wir nun auf die Chaussee kamen, fuhr gerade der russische Kommandant von Hammer vorbei; er winkte, dass wir kommen sollten. Nun ging das Fragen los, er suchte den Müller Marquardt. Nach Hammer durften wir nicht reinfahren, aber zu Karls, meines Sohnes Siedlung in Lüttmannshagen ließ er uns hin. Wir kamen auch gut an, die Frauen und Kinder gingen immer voran. In Lüttmannshagen waren keine Einwohner mehr, nur Versprengte. Tagsüber besuchten uns die Russen, auch kamen jetzt polnische Soldaten. Hier nahmen die Russen meine letzten Pferde und ließen ein paar alte Zigeuner dafür stehen. Am Mittwoch vor Ostern ( 28.03.) kamen die Polen und befahlen: „In 20 Minuten fertig!“ Der Offizier der Bande vergewaltigte erst noch eine junge Frau und dann gings weg mit uns. In Hammer wurden alle Deutschen gesammelt. Der Pole hatte nun schon von unserer Heimat Besitz genommen. Am Mittag gings weiter nach Pribbernow, wo übernachtet wurde. Am Morgen weiter in Richtung Gülzow; es war ein langer Sammelzug. In diesem Zug war auch Frau von Köller-Kantreck, auf dem Wagen eines Siedlers von Matthiashof; von Köller war bereits von den Russen erschossen worden. Es war schon dunkel, als wir in Klemmen ankamen. Hier verließen uns die Polen, und wir waren wieder in den Händen der Russen. Die Russen holten sich jetzt alle Männer von den Wagen, und sie wurden verhaftet. Meine Frau gab dem russischen Posten eine goldene Uhrkette. Wir hielten gerade an dem Weg nach Drewitz, benutzten dann den Moment und fuhren nach Drewitz. Hier war eine Beise (Base?) von Schminz von den Russen als Bürgermeister eingesetzt. Wir kamen gut unter, aber am nächsten Morgen war der Teufel los. Ich war bei den Pferden in der Scheune, ein russischer Hauptmann und zwei Mann, ganz wild, holten uns raus. Alle mussten auf der Straße antreten. Dann wurde Otto Schmeling und ich rausgenommen, auf den anderen Hof geführt, so dass uns alle sehen konnten und beide vor dem Dunghaufen aufgestellt. Der Hauptmann zog den Revolver; ich glaubte, nun sei es aus. In dem Moment kam meine Frau, fasste ihn an dem Arm und sagte: „Warum denn totschießen?“ Er nahm den linken Arm und haute sie vor die Brust, so dass sie rundum kugelte. Er wollte wieder anlegen, da war sie wieder da und fasste ihn am Arm. Nun ließ er den Revolver sacken und sagte: „Du deutsche Frau?“ Sie sagte: „Ja.“ Er sagte: „Mitkommen!“ Er ging mit ihr auf den Scheunengiebel und da krachten zwei Schüsse. Ich glaubte, dass er sie erschossen hätte, bei uns stand der Posten. Aber da kam meine Frau auch schon in Begleitung des anderen Postens und zeigte auf mich. Musste dann vor meinem Treckwagen spannen und auf den Hof fahren und alles wurde untersucht; doch es ging gut. Schmeling wurde mitgenommen, aber zu Ostern war er wieder da...

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