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Buch Leseprobe Von Klütenewern und Kanalsteurern, Heinz Rehn
Heinz Rehn

Von Klütenewern und Kanalsteurern


Geschichten und Gedichte von der Seefahrt

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Leseprobe 1: ...Heller Himmel, blaues Wasser, hohe Wolken, Sonnenschein und ein eisiger Ost-Nord-Ostwind umgaben die HEINRICH BLOCK, als sie nachmittags Travemünde passierte, um nach Wismar zu verholen. Nachmittags um 4 Uhr bis abends 8 Uhr sollte Karl Meiners seine erste Wache zusammen mit Fritz und Ewald Pohl gehen, der nun das Schiff als Kapitän fuhr. Fritz stand am Ruder, Karl sah ihm beim Steuern zu. Fritz bemühte sich, ihm das Steuern zu erklären, wann er das Ruder legen und wann Gegenruder nötig, um das Schiff auf Kurs zu halten. Nach einer Weile fragte Ewald Pohl: „Na Korl, hest nu begrepen, wo sük een Schipp stüert ward?“ Karl nickte, ein wenig unsicher, ein wenig verlegen. Der Kapitän sah Karl Meiners scharf an und sagte: „Na, dat süht dor nich na ut.“ Dann erklärte er, die runde Scheibe im Kompass sei die Rose, die die Himmelsrichtungen anzeige. Vorne, der schwarze Strich am Kompassgehäuse aber sei der Steuerstrich. Nun müsse er sich bemühen, die Gradzahl, des zu steuernden Kurses möglichst mit dem Steuerstrich in einer Linie zu halten. „Kiek, Fritz stüert nu 55°, kannst sehn, dat liggt hier an. Bi’t Stüern musst ümmer an denken, dat sik dat Schipp um de Kompassroos dreiht. Kummst mol vun Kurs, musst dat Roor na den Kurs, also na de Gradtall to dreih'n, de du stüern schallst. Aver ümmer een beten sutje un mit Geföhl, sonst speelt dat Schipp verrückt. Hest dat verstohn?“ Karl Meiners nickte pflichtschuldig. Doch da waren auf einmal zu viele Begriffe auf ihn eingestürmt: Kurs, Steuerstrich und Kompassrose, Ruder und Gegenruder. All diese Dinge sogleich zu ordnen, jedes Drehen des Ruders und seine Folgen sofort zu erfassen, war mehr, als man von einem Jungen, der zum erstenmal ein Schiff steuern sollte, verlangen konnte. „Good“ sagte der Alte, „denn stell di an’t Roor un wies, wat du kannst. - Du Fritz, stellst di neben em un passt op.“ „55°“, sagte Fritz. „55°“, wiederholte Karl Meiners und stellte sich hinter das Ruder. Dass die Kurse und jede andere Order auf der Brücke wiederholt werden müssen, hatte Fritz ihm einige Tage vorher beim Messingputzen im Ruderhaus erzählt. Karl Meiners mühte sich, den Kurs zu steuern. Fritz passte auf und griff auch mal mit in die Speichen, wenn das Schiff vom stärker werdenden Wind und dem zunehmenden Seegang von Kurs gedrängt wurde. Ewald Pohl stand mit dem Rücken zum Fenster und beobachtete Karl Meiners mit dunklen lauernden Blicken, die den Jungen verunsicherten. Mit jeder Meile, die sie Travemünde achteraus ließen, wurde der Abstand zur Küste an Backbord größer. Die Wellenberge wurden höher, das Ballastschiff begann zu schlingern. Fritz sah auf die Uhr. „So, ik mutt daal in de Maschien un afsmeer'n.“ - „Is good“, sagte der Alte. Fritz ging. Das Schiff schlingerte heftiger, Spritzwasser sprühte vom Wind zerstäubt über Deck und Luken. Karl Meiners starrte auf den Kompass, in seiner Kehle würgte es, er musste aufstoßen. Ihm wurde übel. Eine größere Welle hob den Bug, saugte und drückte; die HEINRICH BLOCK luvte an. Karl Meiners legte Gegenruder. Als das Schiff zurück drehte, reagierte er nicht sofort und kam zu spät mit dem Ruder auf, das Schiff drehte über die Kurslinie hinweg. Da schrie der Alte ihn wütend an: „Nu pass doch op, du Idiot! Sühts doch, dat dat Schipp na Stüerbord dreiht, legg dat Roor gegen. Karl Meiners wurde nerös; in seinem Magen rumorte es. Angst blockierte sein Denken, und er legte das Ruder den falschen Weg. Da sprang der Alte hinzu, stieß Karl Meiners mit dem Körper zur Seite, griff selbst in die Speichen, brachte das Schiff auf Kurs und schnaubte: „Idiot, nu pass op, sonst ...“ , dann übergab er Karl das Ruder. Karl Meiners kämpfte gegen die Seekrankheit. Der Alte stand mit dem Rücken zum Fenster und sah ihm zu. Das Würgen in Karl Meiners Kehle drückte stärker, er musste aufstoßen, aufsteigende Hitze trieb ihm den Schweiß auf die Stirn. Er schluckte mehrmals trocken, um den quälenden Druck im Hals zu lindern und war doch machtlos den Reaktionen des Körpers ausgesetzt, der sich gegen die ungewohnten Bewegungen des Schiffes auf seine Art wehrte. „Wat nu“, griente der Alte, „kriggst du nu al dat Kotzen?“ Karl Meiners konnte nichts sagen. Jeden Moment mussten die halbverdauten Speisen aus ihm herausbrechen. Er sah sich hilflos um. Wenn Fritz nur käme... Da stieß Ewald Pohl ihn abermals zur Seite, ergriff das Ruder und schrie: „Rut mit di, du Swien, aver flink, oder wullt du uns hier dat Roorhuus vullspiegen!“ Karl Meiners eilte aus dem Ruderhaus, hangelte sich die Steigeleiter vom Roof herunter an Deck. Das Achterschiff hob sich, fiel in ein Wellental, warf sich auf die Seite und krängte nach Steuerbord. Noch hielt er sich krampfhaft an der Steigeleiter fest. Im nächsten Moment kam ihm dieVerschanzung entgegen. Er griff danach, lehnte sich darüber, und schon brach es aus ihm heraus. Etwas später stürzte auch Werner aus seiner Kombüse, um Rasmus zu opfern. Was die Jungen von sich gaben, das trug der Wind achteraus. Dort kreischten die Möwen und stürzten sich auf jeden Brocken. Nach dem Erbrechen fühlte Karl Meiners sich etwas wohler. Travemünde und die Küste strahlten im Sonnenschein. Eine Wolke schob sich vor die Sonne, der Schatten glitt über das Wasser auf das Schiff zu, das gerade von einer Welle gehoben wurde, um gleich darauf in ein Wellental zu rutschen. Und wieder musste er spucken. Der Alte schaute von oben aus dem Ruderhaus auf die Jungen herab und fragte hämisch: „Na, wo geiht? Passt man op, wenn de brune Ring kummt, de mööt jümm wedder daalschlucken, denn dat is de Mors.“ Es wurde dunkel, es wurde Nacht. Ein eisiger Wind heulte, die See trug weiße Köpfe. Werner war nach vorne ins Logis gegangen und hatte sich in die Koje gelegt. Karl Meiners aber stand noch immer achtern beim Kombüsenschott über den Schandeckel gebeugt, die Brust auf die gekreuzten Arme gelegt. Er fror erbärmlich. Nach seinem Empfinden mussten sich seine Därme schon vielmals verknotet haben. Der Magen war leer. Das ständige Würgen und Aufstoßen rieb in der Kehle, sie war rau und tat ihm weh. Um Mitternacht kam Fritz auf Wache. Bevor er sich die Steigeleiter am Roof hochhangelte, um in das Ruderhaus zu gehen, sprach er ihm gut zu: „Nu komm, Korl, goh un legg di to Koje“. Aber nein er wollte nicht. Danach kam Frank, der nun abgelöst war und Freiwache hatte: „Nu komm mit, leggt di hen un slaap. Morgen ward een langen Dag.“ Aber Karl Meiners winkte ab. Ihm war so übel. Wie sollte er bei dem ständigen Brechreiz die Treppe in das stickige Logis hinunter kommen und den Weg in die Koje schaffen? Da wollte er doch lieber an der frischen Luft bleiben. Und doch, obwohl er ausgekühlt und erschöpft war und kaum noch einen Willen hatte, bewunderte er die Kraft der Wellen, die an der Bordwand entlang rauschten, erfreute sich an dem Mond und den Sternen, die immer wieder hinter den Wolken Versteck spielten und bestaunte die Kronen tragende See und das Schraubenwasser, das achteraus blinkte und glitzerte, als würden tausend und aber tausend silberner Flocken in der See herumgewirbelt. Alle diese Bilder sog er in sich auf, wie die Sonne den frischen Tau am Morgen auf den Wiesen. So stand er an die Reling gestützt, erlebte die Fülle der Bilder um ihn herum, die einander glichen und doch niemals gleich waren. Er staunte, genoss den Anblick der nächtlichen See und würgte im nächsten Moment, als sei die letzte Stunde nah. Dann wieder hämmerte es in ihm: „Dat is de See, de romantische See, de Welt, vun de du dröömt hest.“ Nachts um drei Uhr dümpelte die HEINRICH BLOCK auf der Timmendorfer Reede. Karl Meiners stand noch immer an der Reling und wusste nicht, ob er leben oder sterben sollte. „Nu aver rasch to Koje mit di!“ schimpfte der Steuermann, als er von der Back zurückkam, wo er mit Frank den Anker geworfen hatte. Steif und durchgefroren, flau und ausgemergelt wankte Karl Meiners schließlich nach vorne. Im Logis war es kalt, eiskalt. Werner schnarchte in seiner Koje und Frank zog sich gerade die Decke über den Kopf. Nur Fritz, der immer hungrig war, saß noch an der Back und schmierte sich ein Stück Brot. Die kalte Margarine aber ließ sich nicht schneiden und schon gar nicht schmieren. Sie brach vom Stück und zerkrümelte beim Versuch, sie auf das Brot zu streichen. Fritz streute Zucker darüber und schimpfte: „Schiet Margarine! De billigste, de dat to köpen gifft. Is se kold, kannst se nich op Brot strieken, in de Snuut aver kleevt se di as taage Wagensmeer an de Tähn, dat se meetsto nich mehr uteenanner kriggst. Schmitts se aver inne hitte Pann, denn sprütt se as Water op een glöhnige Herdplatt. Hauptsaak billig! Aver mit uns Seelüüd köönt se dat je maken. Wi schüllt wohl freten, wenn wi Hunger hebbt. Du schullst man ok een beten eeten, dat ward di good doon.“ Doch Karl Meiners mochte nichts essen. Sein Hals war rau und trocken, noch immer quälte ihn ein hartes Aufstoßen, das wie Sandpapier in der Kehle scheuerte. Er zog sich aus und hüpfte in die Koje. Obwohl er immer noch erbärmlich fror, schlief er umgehend ein. Als Fritz das Licht ausknipste, hörte er es nicht mehr. Drei Stunden später weckte Werner mit einem zünftigen: „Reise, Reise!“ Zum Frückstück gab es, wie immer eine von Michpulver gekochte Griessuppe, die nach Wasser schmeckte. Auf Karl Meiners’ Proviantteller lag nur noch ein Stück Margarine. Er beschmierte ein Stück Brot damit und strich die Vierfruchtmarmelade darüber, die es im Kriege auf doppelten Marken gegeben hatte. Sie war die billigste, die der Schiffhändler zu bieten hatte. Der Alte hatte gleich einen ganzen Blecheimer voll davon gekauft. Es war Sonnabend, erst abends gab es frischen Proviant. Punkt acht Uhr war: ‚Törn to’! Die HEINRICH BLOCK lag noch auf Reede und wartete auf den Lotsen. So wurde erst einmal alles vorbereitet, damit das Schiff nach dem Vertäuen an der Pier sofort mit dem Laden beginnen konnte. Die beiden Ladebäume mussten mit Handwinden hochgedreht, die schweren Persenninge auf den Luken zusammengerollt und beiseite gelegt werden. Danach wurde Anker klar zum Hieven gemacht. Das Ankerspill aber hatte keinen eigenen Motor. Eine schwere Kuppellar-Kette, die die Winde der Luke 1 mit dem Spill verband, wurde aufgelegt und mit einer Talje tight geholt. Das alles war harte Arbeit für einen Jungen von sechzehn Jahren, der in der Nacht nur drei Stunden geschlafen hatte und nach einem Frühstück, das keinen Hund ernährte. Um neun Uhr kam das Lotsenboot längsseits, und der Lotse stieg an Bord. Sogleich wurde der Anker gehievt und das Schiff an den Kai verholt. Während der Fahrt von der Reede in den Hafen von Wismar wurden die hölzernen Lukendeckel von den Luken herunter genommen und an Deck gestapelt. Danach blieb bis zum Festmachen noch eine kleine Verschnaufpause. Karl Meiners sah sich um. An Steuerbord dröhnten die Niethämmer einer großen Werft. Einige Arbeiter standen auf der Mole und riefen den Jungs an Bord ein freudiges „Hummel, Hummel“ zu. Karl winkte zurück und rief: „Mors! Mors!“ Sofort schrie der Alte von der Brücke: „Hool dien Klapp, du Idiot!“ Karl duckte sich unwillkürlich. Was ärgerte den Alten? Warum schimpfte er ihn einen Idioten? Er begriff es nicht, war sich keines Vergehens bewusst, und doch stieg ein Schuldgefühl in ihm auf. Knapp war die HEINRICH BLOCK an der Pier vertäut, begann das Laden. Das Kali stürzte durch die Schütten in den Raum und verhüllte das Schiff im Nu in eine weißgraue wallende Wolke. Der feine Staub drang durch Ritzen und Fugen, legte sich auf Tische und Stühle und kroch in Spinde und Schubladen. Das Atmen fiel schwer. Mittags, beim Essen meinte Frank. „Dat Laden geiht good vöran. Mit Glück sünd wi Klock dree ferdig. Fein, denn ward dat Utlopen vunobend nich so laat.“ Karl Meiners sah Frank an, als hätte er gerade ein unglaubliches Märchen gehört und fragte dumm: „Ja, loopt wi denn vunobend al wedder ut?“ Fritz lachte und Frank höhnte: „Natürlich, wat hest du denn dacht?“ Nun, was hatte er gedacht? Eigentlich nichts. Den ganzen Morgen hatte nur vom Feierabend geträumt. Nicht mal Abendbrot wollte er essen, sondern sich gleich waschen, ausziehen und in die Koje legen. Er war doch so flau und so müde und wollte nur noch schlafen, schlafen und schlafen. Nun aber sollte er abends wieder auf See sein, und nach einer fast schlaflosen Nacht und einem langen Arbeitstag die Abendwache von acht bis zwölf gehen. Und dann würde die Schaukelei, aufs Neue beginnen. Er würde wieder an der Reling stehen und mit dem Wenigen, was er im Magen hatte, die Fische und die Möwen füttern. „Aver wi mööt doch ok mol slapen!“ sagte er sichtlich durcheinander. Frank griente: „Slapen, nu laat di nich utlachen. Wenn dat Schipp aflaad is un de Papiere an Bord sünd, denn loopt wi ut. Un wenn di dat nich passt, musst wedder an Land gohn, torügg na den Buern, dor kannst jede Nacht slapen. Hier aver geiht dat rund.“ Karl sah betroffen vor sich hin und löffelte lustlos seine Suppe. Er hatte Hunger und keinen Appetit. Der Kalistaub biss in der rauen Kehle, jedes Schlucken schmerzte. Mutlos blickte er auf seinen Teller. „Kopf hoch!“ tröstete Fritz, „dor musst du hendörch. Ik heff ok dree Maand spegen, jede Reis op frisch. Dat duert sien Tiet, bit di de Seebeen wassen doot. Den Seemann ward nix schenkt.“ Nach dem Laden war das Schiff bis hoch in die Mastspitzen weiß vom Kalistaub. Beim Seeklarmachen bewegte Karl sich fast mechanisch wie ein Roboter. Mit jedem Lukendeckel und mit Allem was man anpackte und bewegte, wurde beißender Kalistaub aufgewirbelt. Er brannte in den Augen, biss in der Nase, legte sich bitter auf die Zunge, kratzte im Hals und machte das Atmen zur Qual. Karl Meiners hätte sich an Deck werfen und liegenbleiben können. So müde, so kaputt war er. Nach dem Ablegen, als die Fender verstaut und die Drähte aufgerollt waren, meinte der Steuermann: „So, dat weer dat. Deckwaschen bruukt wi vundaag nich, dat maakt Rasmus naher.“ Als der Lotse in Timmendorf von Bord ging, heulte eine steife östliche Brise in den Masten. Fritz und Karl hatten sich gewaschen und zu Abend gegessen. Um acht Uhr zogen sie auf Wache. Das Mondlicht erhellte mal als Streulicht, mal als heller Schein die Nacht. Das Schiff dampfte noch im Schutze der Insel Poel im ruhigen Wasser. Als Karl ins Ruderhaus kam und sich unsicher umsah, blaffte der Alte: „Nu kiek nich lang, stell di an’t Roor un stüer. Un ik seggt di: „Pass op! Sonst ..." Zum Steuern eines Schiffes braucht der Seemann eine ruhige Hand und das nötige Gefühl für ein Schiff. Dieses Gefühl aber wächst nicht über Nacht. Zudem können Schiffe störrisch sein, die vom Wind, von den Wellen oder von einer Strömung vom Kurs gedrängt werden. „300°“, sagte Frank. Karl Meiners wiederholte und stellte sich ans Ruder. Auf dem Kompass lag keine Lupe, der Steuerstrich war schlecht zu sehen. Ewald Pohl stand mit dem Rücken zum Fenster. Karl Meiners fühlte seine lauernden Blicke auf sich gerichtet. Sie machten ihn nervös, doch er mühte sich redlich. Lief ihm jedoch das Schiff vom Kurs, reagierte er ängstlich und übereilt. So blieb es nicht aus, dass Fritz, der neben ihm stand, immer wieder eingreifen musste, um ein zu starkes Gieren des Schiffes zu verhindern. Der Alte in seiner Ecke schüttelte mehrere Male den Kopf, gelegentlich aber fauchte er auch: „Idiot!“ Idiot, das war sein Lieblingswort. Langsam kam die HEINRICH BLOCK von der schützenden Insel frei. Spritzwasser sprühte über die Back. Das Schiff begann zu arbeiten, die ersten Brecher kippten über die Verschanzung und spülten über die Luken. Bald schon stampfte und schlingerte die HEINRICH BLOCK. Karl Meiners Magen zog sich zusammen, ihm wurde wieder übel. Das Stück Brot und die paar Kartoffel, die er am Abend ohne Appetit gegessen, drückten und versuchten den Körper im Rückwärtsgang wieder zu verlassen. Die Hand vor dem Mund bedeutete er Fritz, dass er steuern möge, lief aus dem Ruderhaus, hangelte sich die Steigleiter am Roof herunter, lehnte sich auf den Schandeckel und fütterte die Fische. Als er danach wieder ins Ruderhaus wollte, versperrte ihm der Alte den Zutritt und fauchte: „Rut mit di! Dor in de Luvsiet stellst di hen un kickst ut! Sonst kotzt du uns noch dat Rohrhuus vull.“ Karl Meiners begriff nicht gleich und sah fragend zum Alten herauf. Da zog er ihm die Tür vor der Nase zu, grinste durch das Fenster, schüttelte den Kopf, fächerte mit den Handflächen und zeigte mit dem Daumen in die Nock. Als Karl nicht sogleich ging, riss er die Tür noch einmal einen Spalt auf und blaffte gehässig: „Nix hier, scheer di in de Nock un lüft di ut, dat deit di good.“ In der Nock pfiff ein eisiger Wind. Wie der Steuermann vorausgesagt hatte, spülte Rasmus nun das Deck. Mit jedem Stampfen jumpten Brecher mit Urgewalt auf die Back, andere stürzten sich beim Schlingern über das Schanzkleid, rauschten über die Luken, schwappten im Gangbord und drängten dann hellschäumend durch die Wasserpforten und Speigats wieder in die See. Zugleich trug der Wind das Spritzwasser bis hoch in die Masten und über das Achterschiff hinweg. Karl Meiners aber schlug der windgepeitschte Wasserstaub eiskalt ins Gesicht, als wären es lauter kleine spitze Steine. Mütze und Jacke wurden feucht und nass. Seine Lodenjoppe trotzte dem Wetter gerade leidlich und wärmte ihn nur bedingt. Er fror erbärmlich. „Worum?“ fragte sich Karl Meiners mehrmals hilflos. „Wat heff ik doon, worum mutt ik hier buten stohn?“ Gut, er hatte Wache, die musste er gehen, dagegen war nichts zu sagen. Aber er war doch auch schon seit morgens um acht Uhr auf den Beinen. Bald sechzehn Stunden - zwei Arbeitstage. Und er war seekrank, elendig seekrank, aber dafür konnte man ihn doch nicht strafen. Wenn er doch wenigstens im vom Wetter geschützten Ruderhaus stehen könnte, wo ihm der Wind nicht so eisig im Gesicht schnitt. Karl Meiners drehte sich um. Das Gesicht des Alten leuchtete im Mondlicht hinter der Scheibe und verzog sich zu einem hämischen Grinsen. Schikane, gemeine Schikane! Dann endlich, nach drei Stunden, die er frierend in der Nock gestanden, tickte Fritz ihm auf die Schulter und sagte: „Kumm mit, wi hebbt Freewach!“ In Leeseite des achteren Deckshauses hielt Fritz Karl zurück: „Tööv!“ Mehrere grobe Seen schlugen über Deck und Luken. Gischt sprühte. Der Sturm heulte. Das Schiff schüttelte sich und richtete sich langsam auf. Die nächste Welle trug es in die Höhe, das Deck lief trocken. „Nu kumm!“ rief Fritz und rannte über das Deck nach vorne in das Logis. Karl sprang hinter ihm her. Kaum hatte er das Schott der Kappe hinter sich verriegelt, da rauschte auch schon der nächste Brecher lärmend und polternd über die Back. Im Logis war es klamm und kalt. Fritz aß noch ein Stück Brot. Karl Meiners zog sich eilig aus. Ein elendens Würgen quälte in seiner Kehle. Eine Hand vor den Mund haltend, eilte er die Treppe hinauf und wartete. Als sich das Vorschiff hob, öffnete er die Tür und spuckte an Deck - die grüne Galle. Im nächsten Augenblick jumpte er die Treppe hinunter, sprang in die Koje, rollte sich zusammen und zog sich die Decke über den Kopf. Die Ankerketten röhrten in den Klüsen. Keine fünf Minuten später schlief er fest und traumlos. Doch schon nach 3½ Stunden rasselte die Klingel: „Kumm hoch, Korl Meiners, opstohn, hest Wach!“ Draußen heulte der Sturm in gleicher Stärke, die HEINRICH BLOCK stampfte und schlingerte heftig. Wasser rauschte über die Back, das Deck und die Luken. Kaum hatte Karl Meiners den Kopf gehoben, schon wurde er erneut von einem Brechreiz geplagt. Kaum aus der Koje, flitzte er auch schon die Treppe hoch und stieß das Schott auf. Sprühwasser wehte ihm ins Gesicht. Und wieder spuckte er nur grüne Galle. Rasmus spülte sie weg. „Hier nimm!“, sagte Fritz als er sich angezogen hatte und drückte ihm einen dicken Kanten trockenes Brot in die Hand. Karl Meiners sah ihn fragend an. Was sollte er mit dem Brot? Sein Magen war verkrampft und wehrte sich gegen jegliche Zufuhr neuer Speise. Nein, er konnte nichts essen. Doch Fritz beharrte: „Steek dat inne Tasch. Du musst wat eeten, musst ümmer wedder versöken, een beten wat in’t Liv to holen, sonst warst du nich seefast. Breek di ümmer wedder een lütt Stück dorvun af un eet dat op Wach, dat hölpt.“ Karl tat wie ihm geheißen. Zwischen zwei sich über das Schiff stürzende Brecher sprangen die Jungen nach achtern. Fritz ging in das Ruderhaus, Karl hinter ihm her. Als er die Tür hinter sich zuziehen wollte, stieß Ewald Pohl ihn zurück und schnarrte: „Wat wullt du hier? Rut mit di in de Nock to’n utlüften!“ Und wieder musste er vier lange Stunden in feuchten Klamotten im eisigen Wind draußen in der Nock stehen. Ihm war übel. Sprühwasser schlug ihm ins Gesicht. Von Zeit zu Zeit brach er einen kleinen Brocken von dem Brotknust in seiner Tasche ab und steckte ihn in den Mund. Nach langen Kauen würgte er das Brot hinunter und spuckte es sogleich auch wieder aus. Er wollte doch seefest werden...


 


Leseprobe 2: Nebelfahrt Der Nebel wallt durch die Nacht. Vor einer guten halben Stunde ist das Schiff aus der Holtenauer Schleuse ausgelaufen. Die Weiche Schwartenbek ist passiert, die Maschine dröhnt, das Radar surrt. Der Kapitän steht draußen in der Brückennock. Das Streulicht elektrischer Lichtquellen bricht sich in kleine und kleinste Wassertropfen, ein Glitzern und Flimmern, vom Vorschiff sieht er nichts. Von Minute zu Minute huscht nahezu gespenstisch querab eine Böschungslampe vorbei. Gerade in Sicht gekommen, wird sie schon wieder achteraus vom Nebel verschluckt. Der Lotse auf der Brücke starrt auf das Radarbild. Ein Lichtschein kreist darauf rundum, er zeichnet die Kanalböschungen in der Neuwittenbeker Kurve als helle Konturen und den Kurs des Schiffes als gleißenden Strich. Sein Gesicht, vom Radar beleuchtet, scheint geisterhaft und fahl. Der Steurer hinter dem Ruder beobachtet den Kompass, dessen Licht auch sein Gesicht schemenhaft erhellt. Im Kartenhaus schlägt die Uhr dreimal zwei Doppelschläge - sechs Glas, 3 Uhr nachts. Der Kapitän kommt in das Ruderhaus. Er fühlt sich degradiert und in die Ecke gestellt. Er kann nichts tun, muss sich auf den Lotsen am Radar und auf den Steurer am Ruder seines Schiffes verlassen, deren Sprache er meist nicht einmal versteht. Auf der Brücke ist es ruhig. Von Zeit zu Zeit blickt der Steurer auf und sucht nach den sich gegenüberstehenden Lampen auf der Böschung. Gleiten sie im gleichen Winkel von der Mitschiffslinie durch die Fenster, weiß er, dass das Schiff in der Mitte des Kanals fährt und lässt es langsam mit Übung und Gefühl weiter durch die Kurve drehen - von Lampe zu Lampe um 4½ Grad. Wo es nötig wird, hilft der Lotse mit einer Kursangabe, einer Aufforderung, schneller zu drehen, einem „Stütz mit!“ oder „Recht so!“. Sie kennen und verstehen sich, kein unnötiges Gerede, kein Wort zuviel. Die Maschine läuft ‚Ganz langsam’. Ein Konvoi von mehreren Fahrzeugen kommt gegen an. Das Echo des ersten Schiffes schiebt sich als heller Lichtfleck in das Radarbild. Noch fünf Kabel Abstand, eine halbe Meile, gut 900 m. „Recht so“, sagt der Lotse, „nicht mehr nach Backbord.“ „Recht so“, wiederholt der Steurer. Die Kompassrose steht, das Schiff läuft geradeaus. Nun kommt es darauf an, die beiden gut 100 Meter langen und 16 m breiten Schiffe, von denen jedes einen Tiefgang von sechs Metern hat, auf einer Kanalsohle von gerade 44 Metern aneinander vorbei zu manövrieren. Als die Lampen auf der Böschung durch die Winkel der Fenster huschen, genügt dem Mann am Ruder ein Hinsehen, und er weiß, dass er gut auf seiner Seite fährt. Weiter zur Kante darf er nicht, sonst käme das Heck des Schiffes der Böschung zu nahe, es würde sich festsaugen, das Schiff würde nicht mehr auf das Ruder reagieren und quer in den Kanal drehen. Das aber könnte gerade in diesem Moment böse Folgen haben. Der Schein einer Topplampe quält sich eben frei an Backbord durch den Nebel. Eine Bugwelle rauscht und schlägt gegen die Bordwand. Zugleich beißt sich das Licht einer roten Seitenlampe verschwommen durch die trübgraue Tropfenwand. Dann drängen sich die Schiffe auch schon Bordwand an Bordwand aneinander vorbei und ziehen sich gleich nach dem Passieren gegenseitig in die Mitte des Kanals zurück. Der Lotse greift zur Kaffeetasse, trinkt einen Schluck, und schon schiebt sich das Echo des nächsten Schiffes in das Bild. Die Manöver wiederholen sich. Nach gut drei Stunden Fahrt wird der Lotse in Nübbel von seinem Brunsbüttler Kollegen abgelöst. Die Steurer hingegen wechseln einander während der Reise ab und bleiben bis Brunsbüttel an Bord. Für sie wird es wohl wieder Nacht werden, bis sie mit einem anderen Schiff zurück nach Holtenau kommen und nach Hause gehen können. Als der Lotse von Bord geht, graut schon der neue Tag. Mit etwas Glück kann er die Beine noch ein wenig hochlegen. An Schlaf ist nicht so schnell zu denken. Es dauert seine Zeit, bis die Nerven nach so einer Nebelfahrt zur Ruhe kommen. Ständig auf das flimmernde Radar zu stieren und sich dabei konzentrieren zu müssen, das strengt an. Hat er aber Pech, steht er in der nächsten Stunde schon wieder auf der Brücke eines anderen Schiffes - zurück nach Holtenau.


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