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Seemannsschicksale aus Emden und Ostfriesland


Band 18

von Hg. Jürgen Ruszkowski

zeitzeugen
ISBN13-Nummer:
9783000230141
Ausstattung:
kartoniert A5-Format 251 Seiten sw bebildert
Preis:
12 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Verlag:
Ruszkowski, Jürgen
Kontakt zum Autor oder Verlag:
JuergenRuszkowski@gmx.de
Leseprobe
Inhalt: Vorwort des Herausgebers Brügma, Horst „…man kann ja Land von Bord aus seh’n“ Buabeng, Albert Heimweh noch nach zehn Jahren Buhr, Richard de Reederei Frigga Buss, Arnold Schicksal der „URSULA SCHULTE" Buss, Hero auf Dampfer „HERMANN FRITZEN“ Detten, Adolf van Mit Schwarzbrot gegen Seekrankheit Eggers, Hermann † In wachfreien Stunden wurde „zugetörnt“ Eickholt, Hermanus, Kapitän, Revierfahrt auf dem Orinoco Elster, Johannes Vom Messbüdel zum Kapitän Feldkamp, Ferdinand Vom Schiffsjungen zum Seelotsen Frangulis, Dimitrios, Kapitän auf MS „NORTH DUCHESS“ Giesselmann, Arthur Reederei Fisser & van Doornum Gomez Rodriguez, Pedro Funkoffizier sattelt um Grünfeld, Klaas † Logger „RAVENSBERG AE 117" Harle, Eduard Vereisung Heiten, Hermann Schlepper-Kapitän Hübner, Friedrich Wilhelm Ganz allein im Atlantik Hülsebus, Jan Mit dem „Zugpferd“ nach Skandinavien Ilic, Srdajan Kapitän auf MS „TONCI TOPIC“ Laaten, Marten van Ratten verlassen das sinkende Schiff Lindloff, Adolf & Ludwig Kampmann 72 Tage Anreise Matsinos, Marios, Kapitän auf Bulkcarrier „NIKAS“ Mehlbreuer, Peter Blühender Schmuggel Morecroft, John Captain auf MS „VICTORIA PEAK“ Nörder, Gerd Rund um den Globus Omorczyk, Fred von Die Beine von Dolores Pollmann, Heinrich Reederei Schulte & Bruns Pupkes, Johann Mitten im Urwald gestrandet Richter, Ernst Schiffskoch auf großer Fahrt Schmidt, Karl-Heinz Rattendampfer Schmitz, Johannes Kleine Brötchen backen Schwäke, Karl Schreckensnachricht von der „PAMIR“ Spott, Walter Feuer am Kai Stöhr, Johann Feuerschiff „Borkumriff“ Struck, Heiner Lange Schleppreise nach Alaska Tellinghusen, Karl á † Arbeit auf Heringsloggern Treustedt, Gerhard Kranzniederlegung in Narvik Treustedt, Gerhard Unglück der „ROCKNES“ 1954 Wernicke, Michael Kapitän auf der „HEIDBERG“ Kapitän Simon: Piratenüberfall auf MS „CHRISTA“ Siemers, Reinhard: Untergang der „IRENE OLDENDORF“ Buse, Rolf Messejunge auf MS „Mary Nübel“ Tjardes, Udo † Erinnerungen eines Funkers Richter, Ernst Koch auf Schleppern – Lissabon Richter, Ernst Koch auf Schleppern – Sizilien Richter, Ernst Koch auf Schleppern – Arcachon Richter, Ernst Koch auf Schleppern – Israel Richter, Ernst Koch auf Schleppern – diverse Reisen Verzeichnis maritimer Fachwörter Verzeichnis erwähnter Orte Verzeichnis erwähnter Reedereien Verzeichnis erwähnter Schiffe Verzeichnis erwähnter Personen Leserreaktionen zu den „Seemannsschicksalen“ Weitere Leserreaktionen zu den „Seemannsschicksalen“ Buchempfehlungen Seemannsschicksale – Adressen Buchempfehlungen Zeitzeugen des Alltags insgesamt 251 Seiten Im Internet unter: http://freenet-homepage.de/seamanstory/band18.htm Leseprobe: Udo Tjardes berichtet: Passagiers-Essen (Die Rache des Chief-Stewards) Diese Geschichte ereignete sich 1969 an Bord des M/S „CAP ROCA“. Die Namen der Hauptakteure wurden geringfügig geändert. Die CAP ROCA war ein Ende der fünfziger Jahre gebauter Stückgut-Frachter von 6.500 BRT. Sie war ein im wahrsten Sinne des Wortes schönes Schiff, ca. 160 Meter lang, 17 Meter breit, drei Ladeluken vorne, die Aufbauten mit Brücke, Messen, Salons, Passagiers-Kammern und allen anderen Einrichtungen mittschiffs; dann achtern noch mal zwei Luken und ganz achtern kleinere Aufbauten mit weiteren Mannschafts-Quartieren. Die Besatzung bestand aus etwa 35 Mann; außerdem gab es sehr komfortable Einzel- und Doppelkabinen für maximal zehn Passagiere. Dieses schneeweiße Frachtschiff mit rotem „Hamburg-Süd“-Schornstein-Top war im Pazifik-Liniendienst eingesetzt, d.h. es machte den Törn US-Ostküste (ca. 4-5 Häfen) - Panama-Kanal - Südpazifik (einige Südsee-Häfen wie Tahiti, Neu-Kaledonien) - Australien - Neuseeland und zurück. Eine Rundreise dauerte ca. vier Monate. Zwei weitere „Cap“-Schwesterschiffe bedienten die in etwa gleiche Route; drei andere, etwas kleinere „Cap“-Dampfer waren nur im Pazifik eingesetzt und bedienten die US-Westküste. In Seefahrer-Kreisen bezeichnete man die Cap-Flotte all-gemein als die „Weißen Schwäne des Pazifik“! Da diese Schiffe nie ihren Heimathafen Hamburg anliefen, erfolgten die Urlaubs-Ablösungen immer per Flug, meist in den USA. Normalerweise betrug die Fahrtzeit damals mindestens drei Reisen, d. h., wenn man „im Pazifik“ anmusterte, wusste man, dass man Europa bzw. die Heimat erst frühestens nach über einem Jahr wiedersehen würde! Aber so war die Seefahrt damals eben; die seinerzeit wirklich langen Liegezeiten in allen Häfen entschädigten fast für alles! Der „Held“ dieser Story ist unser damaliger 1. Steward (Chief-Stew) Andreas Faller, genannt „Andy“. Anfang April 1969 flogen wir mit ca. 15 Crew-Ablösern von Hamburg via Frankfurt/Main über den „großen Teich“ nach New York und stiegen dort auf der CAP ROCA ein; Andy war auch dabei! Er war ein richtig „ausgetragenes Bürschchen“, waschechter Bayer (Münchner Buam) und hatte seinen Kellner-Beruf in einem der besten Münchener Hotels von der Pike auf gelernt. Vor seiner Fahrtzeit hatte er es dort schon zum Chef-Kellner gebracht! Andy war vorher schon als 2. Steward auf den „heiligen Kühen“ der Hamburg-Süd, den „Cap-San“-Schiffen, im Linien-Dienst Europa-Südamerika eingesetzt; er fuhr - wie er sagte - „nur mal zur See, um die Welt kennen zu lernen“. Fachlich war unser Andy also wirklich ein As; das muss ich so betonen, es hängt wesentlich mit dieser Geschichte zusammen. Ich selber war der Funk-Offz./Verwalter und war außer für den Funkdienst als Zahlmeister verantwortlich für den Papierkrieg in den Häfen, für die Heuerabrechnung, den Proviant und die Kantine. Von New York ging es nun „southbound“ Richtung Neuseeland/Australien; an der US-Ostküste nahmen wir noch ein paar Häfen mit und von Charles-ton/South-Carolina nahmen wir dann Kurs auf den Panama-Kanal. Inzwischen waren in den US-Häfen auch insgesamt sieben zahlende Passagiere mit Bestimmungsort Auckland / Neuseeland bzw. Sydney / Australien eingeschifft worden; dank Andy mangelte es ihnen an nichts. Er war als Chief-Steward zuständig für das Wohlergehen der Passagiere und bediente zu den Mahlzeiten im sogenannten „Salon“. Im Salon speisten die „Drei Eisheiligen“ (Kapitän: 4 goldene Streifen, Ltd. Ingenieur: 3 ½ Streifen und 1.Offizier: 3 Streifen) sowie natürlich die Passagiere. Bei den Passagieren handelte es sich um zwei ältere amerikanische Ehepaare, eine alte Dame mit Tochter aus Neuseeland und einen Australier. Die übrigen Offz./Ing.-Grade sowie Anwärter hatten ihre Offiziers-Messe; Bootsmann, Koch, Chief-Steward, Storekeeper, Schlüsselmatrose ihre Unteroffiziers-Messe und der arbeitende Rest seine Mannschafts-Messe. So waren damals die Bräuche in der „Bord-Hierarchie“. Unser 1. Offizier, Herr Scholz, - ein „älterer Herr von Anfang 30“ - spielt die zweite Hauptrolle in dieser wahren Geschichte. Er war als „Chief-Mate“ der unmittelbare Vorgesetzte der gesamten Decks-Crew (einschl. Bootsmann) und genehmigte (oder strich) für die „Fett-Gang“ (Koch/Bäcker/Stewards) die Überstunden etc. Er hatte ziemliche Minderwertigkeitskomplexe, welche er durch eine nach außen hin zur Schau getragene erhebliche Arroganz zu vertuschen suchte. Ich selber hatte ja mein eigenes Ressort; mein einziger Vorgesetzter war der Kapitän. Der „Alte“ war übrigens ein sehr umgänglicher Mensch (Ende 50); er ließ mir völlig freie Hand und war froh, wenn man ihm „seine Ruhe“ ließ. Mit dem „Ersten“ hatte ich also dienstlich kaum etwas zu tun, deshalb kam ich mit ihm auch einigermaßen gut zurecht. Andy und ich waren inzwischen (auch bedingt durch die vielen gemeinsamen Landgänge und unsere gute Zusammenarbeit wg. Kantinen-Store etc) gute „Macker“ geworden. In Cristobal am Panama-Kanal nahmen wir nun noch vollen „Bunker“ (Brennstoff), ein 8-stündiger deftiger Landgang kam auch noch dabei raus; und dann ging's nach der Kanal-Passage ab Balboa auf der Pazifik-Seite nun auf die ca. 24-tägige Südreise bound Neuseeland; ca. 8.000 Seemeilen „Stiller Ozean“ lagen vor uns. Die normale Bord-Routine stellte sich nun ein; man ging seine vorgeschriebenen Seewachen, der „Dampfer“ rollte ganz sanft in der pazifischen Dünung, die allgemeine Stimmung war gut. Wir waren eine rein deutsche Besatzung, d. h., in irgendeiner Kammer war abends „Party“ angesagt; und Andy verwöhnte „seine Passagiere“ nach besten Kräften so gut, wie es auf einem Frachter eben möglich war. Normalerweise besuchte Andy mich nach seinem Feierabend so gegen 19:00 Uhr zu einem kleinen „Klönschnack“ bzw. einem kleinen „Scotch vom Feinsten“ in der Funkbude bzw. angegliederten Kammer; ich musste abends meist noch die letzte zweistündige international vorgeschriebene Hörwache absolvieren, und man gönnte sich ja sonst nichts! Eines Abends zur gewohnten Zeit kam Andy in einem vollkommen außergewöhnlichen Zustand zu mir auf Kammer; schneeweißes todernstes Gesicht und „geladen“ bis über die Ohren. So hatte ich Andy noch nie erlebt. Er war total sauer und stinkig, stand kurz vorm „Platzen“ und war offensichtlich froh, in mir jemanden zu haben, bei dem er seine Probleme loswerden konnte. Ich beruhigte ihn erstmal ein wenig, und dann legte er los: „Udo, stell' Dir das bloß mal vor, dieses dumme Schwein von Chief-Mate macht mich beim Abendessen vor dem Alten und den Passagieren im Salon wegen eines angeblichen Fehlers beim Service an; er wollte wohl witzig sein und meinte in seiner bekannt arroganten Art, ich hätte meinen Beruf wohl in einer „Fischbratküche auf dem Kiez“ gelernt - gerade diese Pfeife hat's nötig; der A... weiß doch nicht mal, wie man Messer und Gabel richtig hält..., aber das zahl' ich ihm heim, das wird er noch bereuen! Du hast doch ein gutes Verhältnis zum Alten, bitte schlag' ihm doch mal vor, dass wir am Wochenende für unsere Passagiere ein spezielles „Äquator-Essen“ veranstalten könnten, im Salon, mit diversen Gängen, Speisekarten etc. und allen Schikanen. Der Scholz bekommt sein Fett, aber auf meine Art!“ ... Nachdem ich Andy zugesichert hatte, dass ich mich beim Kapitän für seinen Vorschlag einsetzen würde, wurde er langsam wieder er selbst. Am nächsten Morgen - beim obligatorischen „Coffee-Time“ ca. 10:00 Uhr auf der Brücke - sprach ich den Alten so „ganz nebenbei“ auf ein „Äquator-Essen für unsere Passagiere“ an; unsere Fahrgäste seien doch alles liebe Menschen, sie hätten doch mal eine schöne Abwechslung verdient; für je-den gäbe es eine hübsche Speisekarte als Souvenir; außerdem kämen un-sere in irgendwelchen Backskisten versteckten „Schätze“ wie altes Porzellangeschirr, Silberbestecke und schwere Tischdecken mal wieder zur Geltung..., nicht zu vergessen die Werbung für die Reederei, Mundpropaganda etc. pp.; ich machte unserem Kapitän Andys Idee so richtig schön schmackhaft! Nachmittags war der Alte schon Feuer und Flamme für das „Passagiers-Diner“; er hielt es nun für eine ganz hervorragende Sache und gab mir offiziell Order, zusammen mit dem Koch und dem Chief-Steward das „Fest-Essen im Salon“ zu organisieren. Unseren wirklich ausgezeichneten Koch Bruno konnte ich dann auch für die Idee begeistern; er fühlte sich richtig gefordert, außerdem sollten dabei für ihn und den Bäcker etliche Überstunden 'rausspringen. In den nächsten drei Tagen hatten Andy, Bruno und ich also allerhand zu tun; abends war regelmäßig „Meeting“ bei mir; das Menü musste zusammengestellt, die Speisekarten individuell für jeden Passagier entworfen, geschrieben und bemalt werden usw. usw. Im Rahmen unserer für ein Frachtschiff beschränkten Möglichkeiten ließen wir uns schon eine ganze Menge einfallen. Andy war nun so richtig in seinem Element und zog alle Register seiner langjährigen Hotel-Erfahrung. Das „Fünf-Gänge-Menü“ wurde so „komponiert“, dass möglichst alle im Salon zur Verfügung stehenden Utensilien (div. Gläser, edles Besteck und Geschirr etc.) eingesetzt werden konnten. Die Menü-Karten waren in Englisch abgefasst und eindrucksvoll mit vielen französischen Ausdrücken gespickt, die Übersetzung kostete einiges an Gehirnschmalz. So ganz genau bekomme ich das Festmahl nicht mehr zusammen, dafür ist die Geschichte zu lange her, meiner Erinnerung nach lief es aber in etwa wie folgt ab: 1.) Vorspeisen - Shrimp-Cocktail - diversen gekochten Ei-Hälften mit Sardellen, Oliven etc. - frische Brötchen und Toast - diverse Salate - Leber-Pastete; 2.) Klare Fleischbrühe mit „Bällchen-Einlage“; 3.) Hauptgang - „Steak-Surprise“ - Folien-Kartoffel mit Sauer-Rahm - ge-mischtes Gemüse; wahlweise Schollen-Filet - gebratene Kroketten - Reis - gemischter Salat - dazu natürlich etliche Saucen von „höllisch-scharf“ bis mild; Wein / Getränke nach Wahl; 4.) Dessert - Vanille-Eis mit heißen Himbeeren bzw. Sahne-Pudding mit Schoko-Soße; 5.) „Absacker“ Mocca/Kaffee - Kekse - Cognac. Als für den Proviant verantwortlicher „Speckschneider“ hatte ich natürlich bei dieser Fress-Arie (an welcher persönlich teilzunehmen ich leider wegen fehlender Goldstreifen „nicht die Ehre“ hatte) einiges in der Kombüse als „Vorkoster“ zu tun. Dort gab's viel Spaß, mir läuft beim Erzählen noch das Wasser im Mund zusammen. Nun, es war Sonnabend irgendwo im Süd-Pazifik und der große Abend für Andy war endlich angebrochen. Spätnachmittags zeigte mir Andy noch den „aufgebackten“ (d. h. eingedeckten) Salon. Es war ein überwältigender An-blick: Auf den drei großen im Karree angeordneten Esstischen lagen schwere weiße Damast-Decken, die Anrichte bog sich fast unter dem feinen Geschirr, um die einzelnen Gedecke waren reichlich Silber-Bestecke aller Art angeordnet, Kerzen und polierte Gläser aller Sorten gaben ein festliches Aussehen. Unser Chief-Steward konnte ehrlich stolz auf sein Werk sein! Um 19:00 Uhr war dann der Beginn der Party! Da ich ja selber nicht an diesem ereignisreichen Essen teilnahm, kann ich den Verlauf dieses Abends nur vom „Hörensagen“ schildern. Andy hat mir seinen „Rache-Feldzug“ gegen Chief-Mate Scholz natürlich anschließend brühwarm erzählt; aber außerdem haben mir der Kapitän und der 1. Ingenieur im nachhinein ebenfalls bestätigt, dass der Abend so abgelaufen wäre und sie beide selten im Leben so einen Spaß gehabt hätten. Schadenfreude spielte dabei sicher die größte Rolle! Es ging also los. Andy war ganz in weiß gekleidet, ein Messe-Steward aus der Offz.-Messe (auch gelernter Kellner) assistierte beim Service. Die „Drei Eisheiligen“ begaben sich in den Salon, natürlich in „schlicht goldener Uni-form mit blauen Streifen“; die lieben Passagiere in ihrem besten „Zwirn“ wurden von Andy mit launiger bayrisch-englischer Konversation auf ihre Plätze bugsiert; das „große Fressen“ konnte beginnen! Andy schenkte erstmal diverse Weine ein, dann servierte er gekonnt die erste Vorspeise (Shrimp-Cocktail) und wünschte „guten Appetit“ in Deutsch, Englisch und Französisch. Er sprach leise und sehr höflich mit allen anwesenden Gästen, in dieser Form sprach er dann auch seinen „Intimfeind“ an. „Herr Scholz, ich sehe schon, Sie kommen mit dem Besteck für das „Hors d'oeuvre“ nicht so ganz klar, aber das ist doch wirklich kein Problem, die Bestecke sind so angeordnet, dass man fast nichts falsch machen kann..., na ja, woher sollen Sie es auch wissen, Moment, ich zeige Ihnen, wie es geht!“ Alles grinste verschämt, der „Erste“ versuchte, Andys Belehrungen mit einem gequälten Scherz zu übertünchen, aber er hatte bereits rote Ohren! Es ging weiter. Bei der Suppe teilte Andy unserem Chief-Mate leise (aber immer höflich) mit, dass er doch den richtigen, dafür vorgesehenen Löffel nehmen solle. Alle Anwesenden machten natürlich Fehler bei der Besteckwahl, aber das wurde von Andy souverän übersehen. Andy machte ganz gekonnt den Chief-Mate zum Tollpatsch! Der arme Herr Scholz hatte inzwischen die Farbe einer überreifen Tomate angenommen, aber wegen der illustren Gesellschaft konnte er nicht so reagieren, wie er es seinem Naturell nach eigentlich wollte. Es lag wohl auch ein bisschen daran, dass Scholz beim Alten und Chief nicht so ganz gute Karten hatte, dass Andy ihn so niedermachen konnte; die Geschichte setzte sich wenigstens den ganzen Abend in dieser Weise fort! Bei jedem folgenden Gang bekam der gute Scholz sein Fett weg, es waren gekonnt platzierte Kleinigkeiten, die sich im Laufe des Abends aber summierten. Der Kapitän und der Ltd. Ing. amüsierten sich königlich; die Passagiere bekamen die ganze „Chose“ wohl gar nicht richtig mit, hatten aber auch ihren Spaß! Sie kamen sich inzwischen garantiert wie in einem europäischen Fünf-Sterne-Restaurant vor; Andy hatte für jeden einen kleinen Scherz parat und gab allen (außer natürlich Herrn Scholz) das Gefühl, an diesem Abend ein kleiner König zu sein. Sein Messe-Steward flitzte auf Andys kleinstes Wimpernzucken und legte nach, bzw. servierte neue Drinks usw. Es war schon eine firstclass professionelle Angelegenheit; nur unser „Chief-Mate“ war im falschen Lokal und beim letzten Cognac / Mocca total am Boden zerstört. Auf diesen Augenblick hin hatte Andy seine ganze Energie verwendet! Als der Kapitän den gelungenen Abend für beendet erklärte, sich noch mal bei den Passagieren bedankte und jedem freistellte, noch ein - zwei Nightcups (Drinks) auf Kosten der Reederei zu nehmen, fragte Andy unseren Chief-Mate mit unschuldigem Augenaufschlag noch, ob seine „Ausbildung als Kiezkellner in der Fischbratküche“ denn wohl gut genug für ihn gewesen sei! Er bekam keine Antwort; ich weiß nur, dass Herr Scholz sich niemals wie-der mit Andy in irgendeiner Art und Weise angelegt hat. Dieser Abend war gelungen, unser Chief-Mate hatte seine Lektion gelernt! Die ganze Art und Weise dieses Rache-Feldzuges unseres Chief-Stewards hat mich persönlich unwahrscheinlich beeindruckt; das hatte echt Stil! Mit Andy bin ich seinerzeit mehr als ein Jahr auf der CAP ROCA gefahren; wir hatten noch viele gemeinsame unvergessliche Erlebnisse, von denen eventuell noch an anderer Stelle zu berichten sein wird. Er fuhr dann nicht mehr lange zur See, sondern fing in seinem alten Beruf in dem Top-Hotel Münchens wieder an. Ab und zu telefonieren wir mal und lachen über die alten Zeiten. Seit über 20 Jahren ist Andy dort der „Maitre d'Hotel“, vielleicht treffen wir uns ja mal im Rentenalter.
Klappentext
Seemannsschicksale aus Emden und Ostfriesland auf Fischkuttern, Dampfern und Motorschiffen aus dem 20. Jahrhunderts werden in diesem Band 18 der Zeitzeugen-Buchreihe „Seemannsschicksale“ vorgestellt. Woher stammen die Männer? Wie kamen sie zur Seefahrt? Was erlebten sie an Bord und auf ihren Reisen? Diese Seeleute und ihre Zeit der Seefahrt sollten nicht in Vergessenheit geraten. Viele der in diesem Band abgedruckten Texte wurden bereits um 1996/97 in der Emder Zeitung veröffentlicht und durch Vermittlung der „Freunde der Seefahrt“ in Emden von Jürgen Ruszkowski als Buch gestaltet. Der Herausgeber dieser Buchreihe leitete 27 Jahre lang das große Seemannsheim in Hamburg neben dem „Michel“ am Krayenkamp und begegnete dort Tausenden Seeleuten.
Rezension