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Buch Leseprobe Seemannsschicksal im 2. Weltkrieg, Kurt Krüger - Herausg: Jürgen Ruszkowski
Kurt Krüger - Herausg: Jürgen Ruszkowski

Seemannsschicksal im 2. Weltkrieg


Band 20 in der gelben maritimen Buchreihe

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Die Seefahrt

Überraschend kam dann der Bescheid: „Am 21.02.1941 haben Sie sich in der Schiffsjungenschule Stettin in Ziegenort einzufinden! Bett-, Schuhputzzeug und Kleiderbürste sind mitzubringen.“

Ich war so pünktlich, dass ich schon am Sonnabend, dem 19.02.41, da war. Das war ein großer Fehler. Sonntagmorgen um 6:00 Uhr raus. Wir waren zu zweit. Bootsmann Hespe, unser Ausbilder, nahm uns im Sinne des Wortes „an den Ohren“ in den Ausbildungskeller: Knoten lernen. Ich hatte davon bislang keine Ahnung. Aber nach sehr handlicher Unterweisung waren wir abends um 18:00 Uhr perfekt. Im Laufe des Montags kamen die anderen zwanzig Jungs (die Schlauen). Aber unser Hespe hat sie gleich rangenommen: „Hier sind zwei Hilfsausbilder, die zeigen euch alles, basta.“ Jetzt saßen wir da. Wehe, wir machten Fehler. Er spielte nur den Oberaufseher. Es war sehr hart. Pullen, jeden Tag mit den Booten draußen, die Kompassrose mussten wir im Schlaf, von vorn bis hinten in Strichen, aufsagen können. Nach vier Wochen härtester Ausbildung wurde ein Teil von uns auf Kümos, Königsberger und Stettiner Schiffe, verteilt. Eine Auslese von zehn Mann, die Besten, wie er sagte, kamen zur Signalschule nach Bremen, Buntentors Steinweg, Hoffmannstraße. Auch ich war dabei. Da wurden uns Winken, Morsen und Flaggensignale beigebracht. Habe es in meiner Seefahrtszeit nie gebraucht, konnte höchstens bei Geleitfahrten ich mitlesen.

Es war eine schöne Zeit. Am 20. April große Einladung in den Bremer Ratskeller zum Gala-Essen. Leider gab es eine Vorsuppe. Mein Gruppenleiter blickte mich böse an. Ich merkte nichts. Er wurde rot und röter. Nach Ende der Feier scheuchte der uns los wie ein Wilder, vom Rathaus bis zu Neustadt „im Trab und Deckung“ und solche Scherze. Dann die Erklärung: Ich hatte mich „bäuerisch“ verhalten, weil vom Löffel Suppe getropft war. Das hatte mein Vater bei meiner Erziehung wohl nicht so ernst genommen.

Auch diese Zeit ging dahin. Ostern bekam ich Urlaub, und ich durfte das erste Mal nach Hamburg zu meinem zur See gefahrenen Onkel reisen. Der gab mir noch etliche Verhaltensregeln aus seinen Erfahrungen in den Tagen des ersten Weltkriegs.

Dann war es soweit. Am 12.05.1941 lag sie vor mir im Hansa-Hafen an den Pfählen, die stolze „D TRAUTENFELS“ der DDG Hansa, 10.000 Tonnen. Wir wohnten unter der Back, Steuerbord, Vier-Mann-Kammer, ich bekam die Mittelkammer. Jetzt begann der Ernst des Lebens.

Das Schiff wurde gerade ausgerüstet. Ins Zwischendeck kamen Pritschen, große Treppen in die Räume, in Luke vier und fünf wurden Pferdeboxen eingerichtet. An Deck befanden sich lange Verschläge mit Latrinen und Rinnen sowie Unterstände für Feldküchen; die KMD hatte das Schiff übernommen.

Einige Tage später hieß es: „Leinen los“. Meine erste Seereise begann mit dem Ziel Stettin, Hakenterasse. Am Kai lagen riesige Haufen Heu und Stroh. Das Laden ging gleich los. Geschütze, Fahrzeuge, Pferde, dann die Soldaten, in Sommeruniformen gekleidet. Man sagte uns: „Die haben Erlaubnis, durch Russland zu marschieren, um die Engländer aus dem Iran zu vertreiben. Die Toilettenreihen waren nur an Backbord (von Land abgewandte Seite). So sind wir dann am 25.05.1941 ausgelaufen - Bestimmungshafen Vaasa in Finnland. Die Fahrt verlief ruhig, bis zu den Aaland-Inseln. Die waren ja seit 1939 von den Russen besetzt. In Sichtweite der Geschütze haben wir die Inseln passiert. Kein Soldat durfte an Deck. Für die Russen sollte unser Schiff als ein ganz gewöhnlicher Tramper erscheinen. Von den russischen Posten ausgiebig beäugt, zogen wir unsere Bahn. Es war am späten Nachmittag, nicht mehr ganz so hell, als wir die Inseln passierten. In Vaasa wurden wir dann von den Menschen freudig begrüßt, und sie sagten: „Oh, jetzt geht es den Russen endlich an den Kragen“, was wir aber nicht glaubten.

Wir hatten eine sehr schöne Zeit, vor allem gefielen uns die finnischen Frauen, die Schauermannsarbeiten gemacht haben - eine herrliche Sommerzeit. Nur die Mücken haben uns bald gefressen.

Anschließend ging die Reise rüber nach Lulea in Schweden, um Erz zu laden. Dort war Frieden, und es gab alles zu kaufen. Wir erhielten täglich für 10 RM Devisen; für meine 25 RM Heuer reichte es für 2½ Tage, aber länger waren wir auch nicht da. Ich kaufte mir eine Agfa Box für 15 Kronen, Filme und Schokolade satt. In den schwedischen Hoheitsgewässern ging es zurück nach Stettin. Das Erz wurde gelöscht und anschließend gleich wieder Truppen geladen - wie bei der ersten Reise. Wieder war unser Bestimmungshafen Vaasa. Wir haben uns sehr auf die nächste schöne Hafenzeit gefreut. In der Nacht zum 22.06.1941 sollten wir die Aalands passieren. Um 20:00 Uhr Alarm: Alle Lichter löschen (wir fuhren ja sonst immer unter voller Beleuchtung). Was war los? Kurs Gegenkurs - volle Kraft voraus und ab! Es begann der Krieg mit Russland. Das war ein Schlag für uns. Als es hell wurde, hatten wir genügend Abstand von den russischen Geschützen. In schneller Fahrt ging es weiter.

Wir haben dann Oslo angelaufen. Hier gingen die Truppen an Land. Nach Tagen Laden der Truppenteile nach Bergen, danach in Ballast nach Narvik, um Erz zu laden. Etliche Zeit brauchten wir im Geleit für die Reise nach Emden. Hier wurde unser Schiff umgebaut: Flakstände – Vierling - auf der Back, achtern eine Zwei-Zentimeter- und je in den Nocken eine Kanone, zwei Fesselballone an den Masten, vier Raketenwerfer. Es kamen 32 Flaksoldaten an Bord. Die Bewaffnung änderte sich von Zeit zu Zeit, und es gab Zeiten, in denen wir ohne Waffen fuhren. Die MES-Anlage wurde verstärkt: „Spargel“ mit Geräuschboje gegen Geräuschminen. So waren wir voll ausgerüstet. Nach längerer Liegezeit ging es nach Stettin. Eine ganze Gebirgsjägereinheit mit Mulis, zerlegbaren Geschützen und voller Ausrüstung kam an Bord. Mit 1.500 Mann ging es nach Kirkenes. Es wurde eine ganz ruhige Fahrt nach Kristiansand bei schönem, sonnigem Wetter. Da staunten wir, was für Ehren uns zugedacht wurden. Wir waren nur mit zwei Dampfern, hatten aber eine aufwendige Begleitung: Artillerieschulschiff „BREMSE“ (hatte ganz neue 10,5 an Bord), vier große Vorpostenboote und am Tage zwei Flugzeuge. So fühlten wir uns sozusagen „in Abrahams Schoß“ geborgen. Es ging auch alles glatt. Etliche Male gab es U-Boot-Alarm mit Wasserbombenabwürfen, etliche Fliegeralarme, aber ohne Angriff. Es war ein richtig stolzes Gefühl, dass uns keiner etwas anhaben konnte, wenn unsere Jäger im Tiefflug an uns vorbei jagten, in einer großen Kurve am Horizont wendeten und wieder zurücksausten. So ging es immer bis in die Abenddämmerung, die ja in dieser Zeit spät begann. Dann flogen sie wieder nach Hause.

Dann aber, in der Nähe von Trondheim, an einem sonnigen Mittag, passierte es. Ein Jäger flog im Tiefflug an uns vorbei, zog vor uns steil in den Himmel, ein Looping, und mit heulendem Motor stürzte er in die See. Ich dachte, mir bleibt das Herz stehen. Ich war als Ausguck auf der Back, ca. 300 Meter vor uns eine Explosionen, Granaten schossen aus dem Wasser - das war ein Schock. Flagge auf Halbmast, es war sehr traurig. So ging es weiter, und wir hofften nur, es wird trotz dieses schlechten Omens weiterhin gut gehen.

In der Nacht vom 6. auf den 7. September 1941: Es war stockfinster und muss gegen 23:00 Uhr gewesen sein. Ganz kurz voraus ein gewaltiges Aufblitzen, es wurde taghell, die Luft war voller gurgelnder Geräusche, weit hinter uns heftige Explosionen. Auf einmal war die Hölle los. Es war vor dem Eingang zum Porsanger-Fjord. Die BREMSE hatte sofort losgefeuert. Es hörte sich an wie das Bellen eines kleinen Kläffers gegen eine Bulldogge. Die Vorpostenboote haben gleich genebelt, wir fuhren hart Steuerbord. Unser Glück war, dass wir zu dicht dran waren. So ist der ganze Segen weit hinter uns in den Bach gegangen. Dann hörten wir, dass es die englischen Kreuzer „NIGERIA“ und „AURORA“ waren. Unsere Begleiter haben sich tapfer geschlagen und auch etliche feindliche Schiffe beschädigt. Aber im Morgengrauen des 7. September hat der Kreuzer NIGERIA die BREMSE gerammt und unter Wasser gedrückt. Über die Verluste haben wir nichts erfahren, aber ich glaube, die gesamte Besatzung von 160 Mann ist umgekommen.

Wir liefen so tief in den Fjord hinein, wie es möglich war. Unsere größte Befürchtung war, dass die Engländer uns verfolgen könnten. Zwei Tage später haben wir in Hambukt an einer kleinen Holzpier angelegt, die für die Postdampfer bestimmt war. Jetzt begann das Löschen der Truppen und des Materials, was sich sehr schwierig gestaltete. Die Pier reichte nicht mal für eine „Halbe Länge“. So mussten wir dauernd hin und her verholen. Nach etlichen Tagen war alles an Land - was heißt Land? An den Felsen klebten nur sogenannte Eselspfade. So hatten wir die Schlange der ausgeladenen Soldaten noch lange im Gesichtsfeld. Bei uns herrschte immer höchste Alarmstufe, alles klar zur Selbstversenkung.

Es war ein herrliches schönes Herbstwetter, aber uns war gar nicht gut zu Mute. So lagen wir hier fast drei Wochen. Ab und zu erreichte uns die Nachricht: „Wieder ein Postdampfer an der Küste versenkt“. So hieß es nur hoffen und warten. Ende September, abends 18:00 Uhr, es war noch hell, schoben sich plötzlich drei Zerstörer um den Felsen. Alarm, Alarm, die Spannung war bald unerträglich. Der 1. Ingenieur hatte den Finger am Zündknopf. Als die Brücken zum Vorschein kamen, gab es Erleichterung. Erkennungssignale hoch! Es waren ganz neue deutsche Zerstörer der Narvik-Klasse, die von der Kanalküste kamen. Jetzt nahm diese uns unter ihre Fittiche, und es ging gleich ab nach Narvik, um Erz zu laden.

Es wurde eine Fahrt ohne Hindernisse bis Emden, hat aber etwas lange gedauert. Nach dem Löschen sind wir in Ballast nach Stettin gefahren. Dort haben wir einige Zeit in Frauendorf vor Order gelegen. Dann folgte eine volle Ladung mit Gebirgsjägern mit Bestimmungshafen Kirkenes. Mitte November ging es los. Wir sind mit großem Geleit von ca. zehn Schiffen durch den Kleinen Belt gelaufen. Dann am 21. November 1941 in stockfinsterer Nacht: Es gab einen ungeheuren Schlag an Backbord. Ich sauste aus der Koje, das Licht blieb zum Glück an. Der Dampfer hatte erst Schlagseite Steuerbord, dann Bakbord. Ein Gewimmel von Soldaten. Ich schlug mich durch zum Bootsdeck. Da sah ich einen riesigen Schatten. Ein gewaltiger Steven steckt in unserer Luke IV. Ironie des Schicksals: Es war unser Kompaniedampfer „BÄRENFELS“, auch voller Truppen. Das Geleit war von Hamburg durch den Großen Belt und oberhalb Kopenhagen gekommen. Da schoss ein Geleit durch das andere. BÄRENFELS voll zurück und ab, jeder Aufenthalt war ja gefährlich.

Bei uns floss und brodelte das Wasser in den Raum, ein Leck von 1,5 x 7 m. Die Soldaten waren kopflos, es sollen sogar etliche von Bord gesprungen sein. Aber bei uns herrschte eiserne Disziplin. Erste Anordnung: „Klar bei Lecksegel“. Es dauerte nur kurze Zeit, da ging ein Lumpensammler (ein leer fahrendes Schiff mit sämtlichen Retternetzen an Bord) längsseits. Außenbords Kletternetze. Das klappte dann so gut, dass in ganz kurzer Zeit kein Landser mehr an Bord war. Nur die Betreuer der Pferde blieben auf ihren Posten. Die armen Viecher gebärdeten sich wie wild. Wir gingen dann daran, den Dampfer zu retten. Bis zum Zwischendeck war das Schiff abgesackt. Die Schotten zum Maschinenraum und zur Luke V vibrierten wie Espenlaub und drohten bei jeder Welle zu brechen. Alle Mann in die Räume, außer uns unter Achtzehnjährigen, wir mussten den ganzen Splitterschutz vom Peildeck und Vorkante Brücke und über Skylight abreißen, alle Balken und Bretter runter geben, damit wurden die Schotten abgestützt. Unsere Pumpen liefen auf vollen Touren, schafften aber nichts. Das Schiff schwebte. Die Lecksegeldrähte unter dem Schiff durchgezogen, eine gefettete Persenning hatten wir als Lecksegel immer bereit, um das Schiff damit abzufangen. Dann setzte Kapitän Fröhlich den Dampfer bei Hundestedt auf flaches Wasser. So lagen wir bis zum Zwischendeck im Wasser. Die Schotten haben gehalten. Anderntags kamen Bergungsschlepper aus Kopenhagen, haben gepumpt und uns nach Kopenhagen geschleppt. Ein großes Aufatmen! Die Werft setzte uns einen mit Eisen verstärkten Holzkasten über das Leck. So sind wir Anfang Dezember nach Hamburg gelaufen.

Über Weihnachten hatte die ganze Crew Urlaub, außer einem Offizier, einem Matrosen und uns zwei Jungmännern. Der Matrose hatte etliche Flaschen „Aquavit“ an Bord, dafür haben wir in Norwegen Fische (Heringe) getauscht. Jetzt saß er mit der Ware da. Am Heiligabend hat er uns zur großen Feier eingeladen. Am zweiten Feiertag nachmittags bin ich splitternackt aufgewacht, vor Kälte bibbernd, denn auch die Bullaugen waren offen. Das hat mir das Leben gerettet. Der Matrose war ein Gastwirtssohn, der wusste, wie man mit Schnapsleichen umgeht. Er hat aber die ganze Zeit Blut und Wasser geschwitzt. Die „Moral von der Geschicht“: Ich habe bis heute keinen Tropfen Aquavit mehr getrunken, ich kann ihn nicht mal mehr riechen.

In Hamburg haben wir keinen Werftplatz bekommen. So ging es am 10. Januar 1942 nach Stettin. Mit Eisbrecher-Hilfe haben wir uns durchgeboxt. Am 5. März 1942 waren wir wieder einsatzfähig. Es ging nach Hamburg, um schweres Gerät zu laden: Transportwagen, 16 Achsen, Fieseler Storch, usw. nach Bergen. Wir sind das erste Mal außen herum gefahren. Auf Höhe der dänischen Grenze, es war ein sonniger Sonntag, an Backbord, lief der Dampfer „EIDER“ mit uns. Ich stand an der Reling und beobachtete die ruhige See und die friedliche Formation. Da machte die EIDER einen Satz aus dem Wasser, eine Wassersäule an Backbord, dann kam erst der Knall. Was weiter geschah, weiß ich nicht. Das Geleit im Zickzack voraus.

Wir sind gut in Bergen angekommen, haben dann laufend Versetzfahrten gemacht, Bergen-Tromsø, Bergen-Alta. Bergen war sozusagen unser Einsatzhafen, lagen auch auf Order in den Fjorden, eine ganze Zeit im Hardanger-Fjord bei Alvik, da gibt es unheimlich viele Kirschen. Das ging so bis Juni - eine richtig erholsame Seefahrt.

Eines Tages kam die Order: „Oslo in Ballast“, dann Geheim-Order Ostsee. Wo landen wir? Danzig! Es war bis jetzt ein richtiges Vergnügen zur See zu fahren. Das verging mir aber mit einem Schlag. Es wurden Züge an den Kai geschoben, mit Stacheldraht vergitterten Luken und verschlossenen Türen. Es sprangen Soldaten aus den Begleitwaggons, MG’s wurden aufgestellt, Bewacher an den Wagen patrouillierten. Aus den Luken wurde auf die Köpfe der Soldaten uriniert. Was ist da bloß los? Etliche Offiziere kamen an Bord, wir mussten alle antreten und erhielten eine Aufklärung: „Das ist das Bewährungs-Batallion 500, alles „Feiglinge und Verräter“, die seien so gefährlich. Wir dürften nicht mit ihnen sprechen, ihnen nichts geben, usw. Der Führer hat befohlen, dass diese Leute sich bewähren sollen und nicht auf dem Rücken „tapferer Soldaten im Lager schmarotzen“. So etwa war der Sinn der Ansprache! Dann gingen die Schiebetüren auf, eine graue Masse quoll heraus - Uniformen ohne Hoheitsabzeichen. Ihnen wurde gesagt, wenn eine Sabotage passiere, würden die Luken fest verschlossen und es komme niemand mehr heraus. Die Matratzen hatte man vorher schon alle raus genommen, nur auf den rohen Holzpritschen mussten die Leute liegen. Dann ging es unter strenger Bewachung an Bord gleich in die Luken. Bis auf einen kleinen Schlitz wurden sie verschlossen. Die Horror-Reise begann. Zweimal am Tag für eine halbe Stunde durften die Männer gruppenweise an Deck Essen empfangen und zur Toilette. Ein paar Leute durften arbeiten, wir haben mit ihnen zusammen Rost geklopft. Sie waren sehr hungrig, und so haben wir ihnen heimlich unter der Hand etliches zugesteckt. Ganz schlimm war es in der Nacht. Wenn wir auf Wache gingen, musste man an allen Ecken Parole sagen.

So ging es tagelang. Es war zum Glück eine ruhige Reise, was die Feindbelästigungen betrifft. Wir erreichten unbehelligt Vadsö, wo wir unsere Horrorreise beendeten. Das Löschen ging auch glatt, und danach durch unsere Crew ein Aufatmen.

Dann pendelten wir zwischen Tromsö, Badö, Trontheim und Bergen. Ende August 1942 wurde in Narvik Erz geladen, schlichen uns nach Emden, alles verlief bestens. Eines Tages kam unser Kapitän blass wie der Tod von Land, er hatte das Los dazu gezogen: Ein Kapitän Ausrüstung und Proviant, der andere Munition. Wir waren für die Munition vorgesehen! Den Namen des zweiten Schiffes weiß ich nicht mehr, es könnte ,,ALDEBARAN“ geheißen haben. Alle verheirateten Leute mussten Testamente machen, alle Wertgegenstände wurden deponiert. Na, es war ein Gefühl wie Weihnachten ohne Christkind. Dann rollten die Waggons an: Granaten von 2 - 42 cm, Raketen, Bomben, was es nur an Teufelszeug gab - alles in allem 10.000 Tonnen. Die Granaten wurden lose wie Ziegelsteine Schicht auf Schicht gestapelt, dazwischen etwas Stroh, die nächste Lage bis unter Deck. Zuletzt kamen Leute mit festen Säcken auf dem Rücken, in denen die Zünder waren, alle in kleinen Kästchen, die mittschiffs im Brückendeck gelagert wurden. Bei diesen tagelangen Ladearbeiten hatten wir auch fast täglich Fliegerangriffe. Die wurden aber immer mit wahnsinnigem Flakfeuer abgewehrt.

Dann ging es los. Das einzig Gute war die Fahrt durch den Nord-Ostsee-Kanal. Es war das erste Mal, dass wir in einem Rutsch in 10 Stunden hindurch rauschten, sonst hatte man zwei- bis dreimal Weichen. Unter sehr starkem Geleit schlichen wir dann von einem Fjord in den anderen, und alle Meldungen von Feindbewegungen wurden ernst genommen. Lieber krochen wir durch die Inselwelt, als die Nase zu weit raus zu stecken. Aber dann bei Bodø war das Versteckspiel zu Ende - dort ist freie See. Und schon waren sie da: sechs englische Flugzeuge im massierten Angriff. Aber die richtige Traute hatten die zum Glück nicht; sie überflogen uns immer von dwars her. So ging ständig eine Bombe an Backbord, die nächste an Steuerbord in die See, die an unseren Seiten kochte. Auf uns wurden 15 Bomben geworfen. Die müssen genau gewusst haben, dass wir die schwimmende Bombe waren, denn auf unseren Nachbarn warfen sie nur eine, und die traf. Es war dort wenig Schaden entstanden, aber ein Toter, der Koch, war zu beklagen. So waren wir mit dem Schrecken davongekommen. Unser Deck war übersät mit 2-cm-Hülsen von unserer Flak. Dann tauchten wir wieder in die Schärenwelt, und die weitere Fahrt verlief ziemlich ruhig. Es gab etliche Alarme, aber sie blieben ohne Folgen. Dann eine stockdunkle Nacht bei Vardø. Man meldete russische Torpedo-Schnellboote. Sie griffen an, und es krachte auch einige Male an den Felsen, aber bei uns gab es keine Verluste. Wir erreichten Kirkenes.

Unser Bestimmungshafen war Petsamo. Das hat man aber abgebogen. Wir waren zu groß, um die Passage zwischen der Fischerhalbinsel zu wagen. Die Enge war mit russischen Geschützen in Felshöhlen bespickt. So entschloss man sich, unsere Ladung in Kirkenes auf Leichter zu verfrachten. Es ging los: Hinter einer Insel vor Anker und an Backbord und Steuerbord Leichter längsseits. Kaum war es Nacht, war der erste russische Aufklärer da, warf Leuchtbomben, und alles war taghell. Wir die Anker sofort auf und mit dem ganzen Pulk hinter die nächste Insel. Etwa 20 Minuten später waren die Bomber da und legten einen Eiersegen auf unseren alten Platz. So standen wir immer die ganze Zeit klar bei Anker. Drei- bis viermal die Nacht ging es so, aber am Tage war es ziemlich ruhig, da es sehr viel Flak rund herum auf den Bergen gab. So ging es Nacht für Nacht. Wir waren so fertig, dass wir nur noch zu unserer Wachzeit aufgestanden sind. Es ging immer um die Frage: „Wie oft waren die Bomber schon da?" Anker rauf, und die Bombardierungen haben wir gar nicht mehr mitbekommen. So ging es fast 30 Tage lang. Etwa 120 Angriffe hatten wir in der Zeit, aber es ist uns nichts passiert. Dieser „Hafen“ war ja zum Glück ein unübersichtliches Inselmeer.

Es war für uns ein großer Feiertag, als die letzte Granate über Bord gehievt worden war. Wir sind dann unbehelligt nach Narvik zum Erzladen gekommen. Im Schleichgang dampften wir anschließend der Heimat zu, Bestimmungshafen war Rotterdam. Am 1.12.1942 war ein schlimmes Wetter mit Orkanstärke. Wir erreichten die Reede von Cuxhaven. Eine unübersehbare Menge Schiffe lag da vor Anker. Wir gingen auch vor Anker und dümpelten vor uns hin. Da rauschte ein finnischer Dampfer mit hoher Holzladung auf uns zu. Die Backbord-Reling wurde abrasiert, unsere Ankerkette brach. Wir rutschten frei und warfen den anderen Anker. Mit aller Schnelligkeit, die das Wetter zuließ, haben wir den Reserve-Anker eingeschäkelt. Kaum fertig, brach der zweite Anker. Jetzt gab es Order, Hamburg anzulaufen. Dort bekamen wir auf der Werft zwei neue Anker und neue Ketten, die Reling wurde etwas gerichtet, und nach fünf Tagen ging es wieder raus.

An Bord konnte man mit der leiblichen Versorgung zufrieden sein. Gekochtes Essen gab es reichlich und gut. Nur die Feinheiten, wie Weißbrot und Obst, waren für uns Mangelware. Obst und Weißbrot gab es meistens nur für Mittschiffs. Das hatten wir aber schnell spitz. Wir nahmen immer für Monate Proviant an Bord, alles per Hand über die Gangway, dabei die tollsten Sachen: Pfirsich, Ananas, Mirabellen in Dosen. Einer stolperte, die Dosen fielen an Deck, ein Fußtritt und die Dosen landeten unter den Steemplanken. Abends das große Sammeln, im Nu war ein Eimer voll. Die Hansa-Dampfer hatten über dem Logis riesige Windhutzen (Ventilator), damit niemand einsteigen konnte, waren versetzte Steege angebracht. Ein Sack, ein Tampen und der Fahrstuhl war fertig. So haben wir unsere Kostbarkeiten auf und ab gefiert. Hat über eineinhalb Jahre niemand etwas gemerkt. Auf dem nächsten Schiff in Frankreich und Spanien hatten wir in punkto Versorgung ein Schlaraffenland, keine Klagen und Beanstandungen.

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