Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern


Kategorien
> Zeitzeugen > Schiffe, Häfen, Mädchen
Belletristik
Bücher Erotik
Esoterik Bücher
Fantasy Bücher
Kinderbücher
Krimis & Thriller
Kultur Bücher
Lyrikbücher
Magazine
Politik, Gesellschaftskritik
Ratgeberbücher
regionale Bücher
Reiseberichte
Bücher Satire
Science Fiction
Technikbücher
Tierbücher
Wirtschaftbücher
Bücher Zeitzeugen

Login
Login

Newsletter
Name
eMail

Bücher Zeitzeugen
Buch Leseprobe Schiffe, Häfen, Mädchen, Elsässer, Günter, Hgb: Jürgen Ruszkowski
Elsässer, Günter, Hgb: Jürgen Ruszkowski

Schiffe, Häfen, Mädchen


Band 30 in der gelben maritimen Buchreihe

Bewertung:
(333)Gefällt mir
Kommentare ansehen und verfassen

Aufrufe:
4707
Dieses Buch jetzt kaufen bei:

oder bei:
Direktbezug bei Jürgen Ruszkowski, Nagelshof 25 (Hobökentwiete 44/32 )%2
Drucken Empfehlen
Leseprobe:
An einem heißen Sommertag des Jahres 1956 kam ich als 19jähriger Bursche per Autostop in Hamburg an. In der Tasche hatte ich noch ungefähr fünf Mark und im Kopf den Gedanken, was mir die Zukunft wohl bringen würde. Für die erste Nacht in der Jugendherberge am Stintfang direkt über dem Hafen reichte mein Geld gerade noch.

Von der Terrasse der Herberge konnte man auf die Werften von Blohm & Voss, Schlieker, Stülken und die Deutsche Werft AG blicken. Rund um die Uhr dröhnten die Niethämmer, nachts leuchtete der Feuerschein der vielen Kokskessel zum Glühen der Nieten über die Elbe. Sprühende Funken von Schleif- und Schweißgeräten erzeugten ein Feuerwerk auf den Hellingen, nur unterbrochen von vorbeifahrenden Schiffen, Barkassen, Hafenfähren und Schleppern. Es war für mich, der ich aus einem kleinen Dorf im nördlichsten Bayern kam, eine überwältigende Kulisse, die ich staunend mit großen Augen ansah und sehr genoss...

... und stieg die Treppen hoch zur Heuerstelle im Hamburger Seemannshaus, das heute zum Hotel Hafen Hamburg gehört.

Das Heuerbüro, bezeichnet wurde es von den Seeleuten als Heuerstall, bestand aus einem großen saalähnlichen Raum, die Fensterfront lag auf der Hafenseite über den Landungsbrücken, so dass fast jedes ein– und auslaufende Schiff, die meisten unter deutscher Flagge, zu sehen war und von den wartenden Seeleute mit entsprechenden Kommentaren bewertet wurde.

An der Stirnseite befanden sich drei oder vier Klappen, die von Zeit zu Zeit aufgingen und aus denen die Vermittler, meistens ehemalige Seeleute, die zu vergebenden freien Stellen mit Schiffsnamen und Fahrtgebiet ausriefen.

In der Ecke eines Vorraums dröhnten aus der Musikbox die Lieder des damals neuen Stars Freddy Quinn. Die Hälfte der Anwesenden schlief zwischen vollen Aschenbechern über den Tischen hängend ihren Rausch der vergangenen Nacht aus oder versuchte, durch ständigen Nachschub an Bier und Schnaps den Alkoholpegel nicht zu sehr sinken zu lassen. Die ganzen Räumlichkeiten, verqualmt und mit den Gerüchen und der Ausstattung eines heruntergekommenen Wartesaals dritter Klasse, dienten ungefähr einem Drittel der Anwesenden als Wohnzimmer. Schlafen und essen konnten sie zu günstigen Preisen im selben Haus.

Die Reeperbahn und die noch mehr von den Seeleuten bevorzugten Bars der Seitenstraßen waren nur fünf Minuten entfernt. Wenn das Geld zu Ende ging oder eine Beziehung zu anstrengend wurde, war es ein Leichtes, auf einem Schiff anzuheuern und auf elegante Art schnell zu verschwinden.

Matrosen und sonstiges Personal für Deck, Brücke und Kombüse fanden schnell einen Job auf einem neuen Schiff, doch für die meisten der Älteren aus dem Maschinenbereich, die vor und während des Krieges noch als Trimmer oder Heizer auf Kohlendampfern tätig gewesen waren, bestand kaum Aussicht, in Kürze eine Stelle an Bord zu erhalten.

Obwohl es kaum noch Kohledampfer gab, wollten die Heizer nur ungern auf einem Schiff mit Ölfeuerung anheuern und schon gar nicht auf einem neueren Schiff mit Dieselmotor. Sie konnten zwar die Kohle in die Kessel schaufeln und die Schlacke herausholen, hatten aber selbst mit der aus heutiger Sicht einfachen Technik der Ölfeuerung wenig im Sinn.

Ihre Gespräche drehten sich dann auch hauptsächlich um die so gute alte Zeit vor, während und auch nach dem Krieg, mit teilweise noch hölzernen Schiffen, aber immer eisernen Seeleuten.

Gute Themen waren auch, welcher Koch das schlechteste Essen kochte und welche Reederei am meisten an der vorgeschriebenen Verpflegungsgeldpauschale sparte oder wer wann und wie trotz Alkoholismus und ansteckender Krankheiten die Gesundheitsuntersuchung beim Amtsarzt überstand.

Dieses Milieu aus einer Mischung von großer weiter Welt, fahrenden, gesunkenen oder verschrotteten Schiffen, Alkoholikern und sonstigen gescheiterten Männern und unschuldigen Landeiern, wie ich selbst eines war, war faszinierend. Das Rumhängen auf der Heuerstelle und die Gespräche mit den Seeleuten hatten nur ein Ergebnis: Es gab nur schlechte Reedereien, noch schlimmere Kapitäne und Schiffe mit fürchterlichen Fahrtgebieten. Trotzdem stand für mich fest: Das ist meine Welt!

* * *

Das erste Schiff M.S. „QUARTETT“ 6.8.1956 – 22.1.1957

Nach einer Woche hatte ich alles zusammen, der erste Schritt in ein neues, hoffentlich spannendes Leben konnte beginnen. Die Klappe am Heuerbüro öffnete sich, ein prüfender Blick in die Runde. Alle schauten auf. „Ein Maschinenjunge für M.S. QUARTETT wird gesucht - Reisegebiet Ecuador.“ Da sich niemand meldete und ich dicht an der Klappe stand, fragte ich vorsichtig: „Kann ich die Stelle haben?“ Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, welche Aufgaben ein Maschinenjunge zu bewältigen hatte, noch war mir richtig klar, wo genau Ecuador lag.

Niemand fragte nach einer Schulausbildung oder abgeschlossenen Lehre, so erfuhr ich auch nicht, dass ich mit meiner Vorbildung auch als Ing.- Assi oder Schmierer zu einer sehr viel höheren Heuer hätte anmustern können.

Da meine Papiere für gut befunden wurden, bekam ich einen Zettel mit dem Liegeplatz des Schiffes sowie die Anweisung, unbedingt noch am gleichen Tag an Bord zu erscheinen, da das Schiff am anderen Morgen in aller Frühe auslaufen sollte.

Nun interessierte mich erst mal, wie das Schiff aussah, mit dem ich meine erste Reise unternehmen wollte.

Zur damaligen Zeit konnte man in mehreren Kiosken an den Landungsbrücken und am Baumwall Fotos von fast allen Schiffen, die unter deutscher Flagge fuhren, sowie eine kurze Beschreibung der Reederei und des Fahrtgebietes erwerben...

Die meisten Schiffe jener Zeit waren stinkende, rauchende Dampfer, mit Öl oder noch mit Kohle befeuert und auf Grund ihres Alters und der nahenden Verschrottung wegen ungepflegt und verrostet. Sie erreichten mit guter Strömung und Rückenwind eine Spitzengeschwindigkeit von 10 bis 12 Knoten.

Die QUARTETT war ein knappes Jahr alt, schneeweiß und 18 Knoten schnell, vom Foto und der Beschreibung her ein Traum von einem Schiff...

* * *

Dampfer "Reinbek" 03.10.1958 bis 06.07.1960

Ab Mitte September, der bezahlte Urlaub war lange vorbei, mein gespartes Geld ging langsam zur Neige, wuchs in mir von Tag zu Tag die Sehnsucht nach der Seefahrt und neuen Abenteuern.

Mein Herz schlug ganz klar für die alten, meistens vor dem Krieg gebauten, langsam aussterbenden Dampfschiffe und die sie betreibenden Tramp-Reedereien, auch wenn der Ruf dieser Gesellschaften nicht immer der beste war. Die Schiffe hatten im Verhältnis zu den Neubauten wenig oder gar keinen Komfort, dafür waren die Maschinengeräusche an Bord sehr gering, die Kapitäne und Offiziere nicht so arrogant, die Kameradschaft an Bord größer und die Fahrtgebiete und Frachten wechselten ständig.

Es gab für mich einige Auswahl für die verschiedenen Aufgabenbereiche und Dienstgrade: Heizer, Schmierer, Ingenieur-Assistent oder sogar an Deck als Leichtmatrose. Ich entschied mich, wie auf der DITMAR KOEL wieder als Ölheizer zu fahren. Ein Schiff war schnell gefunden, und schon am nächsten Tag stand ich an Bord der „REINBEK“.

Der Dampfer gehörte einer der ältesten Hamburger Reedereien, Knöhr & Burchard Nfl., mit einer über einhundertjährigen Geschichte. Unter den Seeleuten hatte sie den Spitznamen „knapp und billig“, die Schornsteinmarke sollte dazu passend angeblich eine Frikadelle darstellen. Der schlechte Ruf der Reederei bezog sich wahrscheinlich auf längst vergangene Tage. Der Zustand der Schiffe, die meisten noch vor dem Krieg gebaut, war ihrem Alter entsprechend, aber gut gepflegt, die Qualität des Essens hing stark vom jeweiligen Koch ab, wurde jedoch von der Reederei kaum beeinflusst

Die REINBEK war das fünfte Schiff in der langen Geschichte der Gesellschaft, das diesen Namen trug.

Die Geschichte dieses Dampfers war mir bei der Anmusterung nicht bekannt, es wäre aber für mich kein Grund gewesen, bei Kenntnis der schrecklichen Vergangenheit nicht an Bord zu gehen. Auf diesem, mit 2.815 BRT kleinem Schiff, starben bei einer der größten Tragödien der Seefahrtsgeschichte am 3. Mai 1945 in der Lübecker Bucht ungefähr 2.800 Menschen! Erwähnung in den Geschichtsbüchern fand das Schiff später nur im Zusammenhang mit noch mehr Toten auf der „CAP ARCONA“. Sehr bekannt ist diese Geschichte nicht, vermutlich, weil es sich bei den Toten fast ausschließlich um KZ-Häftlinge handelte und die Überlebenden dieser Schreckensnacht kaum darüber sprechen wollten.

Zu meiner Zeit fuhren auf dem Schiff noch vier Besatzungsmitglieder, die dieses Drama miterlebt hatten, der Kapitän, der Chief, der Koch und der Bootsmann, jedoch redeten auch diese nur selten und nur im kleinen Kreis über die damaligen Vorgänge.

Das Schiff wurde während des Krieges gebaut und war dann unter dem Namen „THIELBEK“ hauptsächlich als Frachter im Ostseeraum im Einsatz. Kurz vor Ende des Krieges im April 1945 wurde die THIELBEK mit den Frachtern „ATHEN“ und dem Schnelldampfer „DEUTSCHLAND“ sowie dem Luxusdampfer CAP ARCONA in die Lübecker Bucht vor Neustadt beordert, um KZ-Häftlinge aufzunehmen. Die Nazis hatten die KZ-Insassen aus dem KZ Neuengamme in Hamburg nach Schleswig Holstein getrieben und wollten die Schiffe zur Vertuschung ihrer schlimmen Taten mit ihrer lebenden Fracht in der Ostsee versenken. In den Laderäumen der THIELBEK ohne Toiletten, Schlafmöglichkeiten, Trinkwasser und Verpflegung wurden mehr als 2.800 Häftlinge eingeschlossen und von SS-Leuten bewacht. Nachdem die unfreiwilligen Passagiere an Bord waren, stellte man fest, dass es zu wenig Heizöl an Bord gab, so dass es nicht möglich war, mit dem Schiff die Bucht zu verlassen. So blieb als einzige Möglichkeit für die Schiffsführung, weiter zu ankern und abzuwarten, was noch an Schlimmem kommen sollte.

Die Thielbek hatte von allen Schiffen den geringsten Tiefgang und lag deshalb dicht unter Land, was beim ersten Anflug der englischen Jagdbomber am 3. Mai 1945 von den Bewachern und der restlichen noch an Bord befindlichen Besatzung genutzt wurde, um das Schiff zu verlassen und die kurze Strecke zum rettenden Ufer mit Booten zu bewältigen. An Bord befanden sich danach nur noch die Häftlinge, zum größten Teil unter Deck bei vollkommener Dunkelheit eingeschlossen und so kaum in der Lage zu fliehen. Einigen wenigen Häftlingen gelang es, im Bombenhagel an Deck zu gelangen, sie gerieten dort jedoch sofort unter Beschuss, aus der Luft von den Engländern und von Land von ihren Bewachern. Das Anfang Mai noch sehr kalte Ostseewasser bedeutete ebenfalls für die stark geschwächten Menschen mit ziemlicher Sicherheit den Tod. Die wenigen, die es trotz allem noch schwimmend bis zum Ufer schafften, wurden an Land von SS und Volkssturm unter Feuer genommen und erschossen.

Auf den vier Schiffen starben so zwischen 7.000 bis 8.000 Gefangene, viele im Bombenhagel, die meisten jedoch beim Sinken der Schiffe durch Ertrinken, während die Bewacher und Schiffsbesatzungen sich fast alle rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten.

Am nächsten Tag marschierten britische Truppen in Neustadt ein, die SS-Leute waren wie vom Erdboden verschwunden, die ehemaligen Besatzungsmitglieder, die mit den ganzen Gräueltaten nichts zu tun hatten, kamen kurz in ein Gefangenenlager, um später bei der Bergung der vielen in der Bucht treibenden Leichen eingesetzt zu werden.

Erst 1950 begann die Bergung der THIELBEK und Verschrottung der anderen drei Schiffe. Die nicht all zu schwer beschädigte THIELBEK wurde als einziges der versenkten Schiffe nach der Hebung in die nahe Werft geschleppt und für neue Aufgaben instand gesetzt. Bei der Bergung und der späteren Reparatur bei der Lübecker Maschinenbau Gesellschaft waren der Kapitän, der Chief und einige andere Besatzungsmitglieder, die sich bis dahin mehr schlecht als recht an Land durchgeschlagen hatten, denn die Seefahrt war für Deutsche noch verboten, im Einsatz.

Die bei der Bergung noch gefundenen Leichenteile, vollständige Körper waren kaum noch vorhanden, wurden auf verschiedenen Friedhöfen von Neustadt und Umgebung in aller Stille beigesetzt.

Bei diesen Arbeiten fanden sich im fast heilen Rumpf der THIELBEK jedoch auch tonnenweise große und fette Aale, die sowohl von den Arbeitern als auch von extra dafür abgestellten Fischern eingesammelt wurden und zum Verkauf auf dem Hamburger Fischmarkt landeten, angeblich gab es niemals danach wieder so große Mengen und so preiswerte Fische auf dem Markt.

So konnte das Schiff mit alter Maschinen- und Kesselanlage, aber unter seinem neuen Namen REINBEK am 19.Juli 1950 wieder in See stechen.

Am 3. Oktober 1958 ging ich auf der Hamburger Stülckenwerft an Bord, um meinen Dienst als Heizer anzutreten. Der Dampfer lag im Schwimmdock und sollte für die geplanten längeren Reisen fit gemacht werden, so konnte ich meinen Wohn- und Arbeitsplatz für die nächsten Monate in aller Ruhe vom Dockboden aus besichtigen, was mich jedoch irritierte, war der Blick zum Schornstein, denn im nicht gerade hellen Licht der Dockbeleuchtung war zu erkennen, dass der Schornstein in den HAPAG-Farben gestrichen war. Ein Werftarbeiter bestätigte mir aber, dass es sich um die REINBEK und damit um das richtige Schiff handelte. So ging ich die steile eiserne Treppe im Dock nach oben und über eine Brücke an Bord.

Wie bei einem Werftaufenthalt üblich, war keine funktionierende Heizung an Bord. Überall lagen Kabel und Schläuche, und die Niethämmer dröhnten. Der Gang über Deck war nur im Zick-Zack zwischen Farbeimern, irgendwelchen Maschinenteilen und den dazugehörigen Arbeitern möglich.

Ich bekam von vom 2. Ing., der gerade Wache hatte, meinen Kammerschlüssel und den Hinweis, dass ich an Bord schlafen könne, für die Verpflegung müsse ich aber selbst sorgen, dafür brauche ich erst in zwei Tagen morgens zum Dienst erscheinen. Die Koffer abstellen, ein frisches Hemd anziehen, und ab ging es, zu Fuß durch den alten Elbtunnel Richtung St. Pauli, wo ich kein Problem hatte, meine Zeit gut zu verbringen.

Nach zwei Tagen betrat ich zum ersten Mal den Maschinen- und Kesselraum und traf auf die neuen Kollegen.

Das Schiff hatte ein sehr bewegtes Leben hinter sich. Die Kessel und Pumpen waren zwar genau so alt wie der Rumpf, aber in einem guten und zugleich letzten Stand der Technik für Dampfschiffe. Die Hauptmaschine war rundum offen, doch hatten die Lager bereits Zentralschmierung, so dass sie nicht mehr halbstündig von Hand abgeschmiert werden mussten.

Die meisten Schiffe dieser Größe wurden zu jener Zeit nur noch mit Dieselmotoren gebaut, die größeren und schnelleren Neubauten, meistens im Linienverkehr im Einsatz, sowie die von Neubau zu Neubau immer größeren Tanker waren mit Dampfturbine und Hochdruckkesseln ausgerüstet.

Die REINBEK schwamm nun wieder in ihrem Element, die neue Besatzung war fast vollständig an Bord und begann mit dem Aufräumen und Reinigen des durch den Werftaufenthalt verursachten Chaos.

An einem für die HAPAG-Schiffe reservierten Liegeplatz konnte die Übernahme der Fracht beginnen. Vor und hinter uns lagen die größeren, überwiegend neuen HAPAG-Frachter, so dass die übliche Frotzelei mit deren Besatzungen wieder los ging, wobei die gegenseitige Verachtung und auch das Unverständnis, warum man gerade auf diesem Schiff anheuere, offen ausgesprochen wurde.

Nachdem aber unser voraussichtlicher Fahrplan für die erste Reise bekannt wurde, hätte von unserer Besatzung niemand freiwillig das Schiff wieder verlassen. Es sollte von Hamburg über Amsterdam und Antwerpen in die Karibik gehen und da fast nur in die kleinen Häfen, die von den größeren Schiffen nicht angefahren wurden, sei es, dass das Fahrwasser zu flach war oder es einfach nicht genügend Ladung für die teilweise sehr kleinen Inseln gab. Der Atlantik zeigte sich von seiner besten Seite, so dass wir genau nach Fahrplan unseren ersten Zielhafen St. Juan in Porto Rico erreichten.

Von dort ging es im Tagesrythmus über St. Martin, Antigua, Guadeloupe, St. Lucia, St. Vincent, St. George, St. Thomas, Barbados, Port of Spain in Trinidad und noch einige andere kleine Häfen nach Fortaleza in Brasilien, zur damaligen Zeit eine kleine verschlafene Stadt mit ein paar Fischern und einer kleinen Pier für ein Schiff unserer Größe.

Wo heute auf den Karibikinseln Traumhotels stehen und große teure Yachten in den Häfen schaukeln, war damals die Ankunft unseres alten Dampfers das größte Ereignis, welches im Laufe eines Monats stattfand und die Bevölkerung zum Gucken auf die Hafenpromenade trieb, während unser Schiff einige hundert Meter entfernt in der Bucht ankerte.

Mit dem Fernglas konnten wir von Bord aus die Ziele unserer Träume, nämlich die vielen schönen Mädchen in allen Farbschattierungen und auch einige der bunt beleuchteten Bars sehen, doch waren diese für uns meistens unerreichbar. afür gab es verschiedene Gründe. So lagen wir in einigen Häfen nur ein paar Stunden und das noch während der Zeit, als gerade der Wachdienst anstand, da die Seewache bei den kurzen Liegezeiten im vierstündigen Wechsel durchgehend fortgeführt wurde. Oft waren die Piers auch nur für kleine Motorboote oder Segelyachten mit geringem Tiefgang geeignet.

Unser Schiff fuhr meistens in der Nacht, so dass wir fast an jedem Morgen in einer anderen Bucht eines anderen Landes ankerten.

Lagen wir für einige Tage und Nächte am Kai, so bedeutete das nicht automatisch, dass Liebe, Lust und Laster garantiert waren. Die Inseln gehörten zu den Kolonien ganz verschiedener Staaten, während die meisten der Bewohner den gleichen Ursprung und somit die gleiche Hautfarbe von milchkaffeebraun bis fast schwarz hatten. Je nach Meinung der Kolonialherren waren aber der Lebenswandel und die Gesetze, welche die Sitte und Moral betrafen, sehr unterschiedlich. Auf Porto Rico war zwar, wie überall in der USA, fast alles, was Spaß macht, eingeschränkt oder verboten, doch zu sehr hohen Preisen ohne Probleme jederzeit leicht möglich.

Da der ungefähre Fahrplan unseres Schiffs bekannt war, ersparten sich viele den Landgang in der Landeshauptstadt San Juan, denn die guten Inseln sollten ja noch kommen.

Nach einer kurzen Fahrt erreichten wir die Dominikanische Republik mit der nach ihrem Diktator benannten Hauptstadt Ciudad Trujillo, die 1961 nach einer Revolution wieder ihren alten Namen Santo Domingo erhielt...

Für den Inhalt dieser Seite ist der jeweilige Inserent verantwortlich! Missbrauch melden



© 2008 - 2020 suchbuch.de - Leseproben online kostenlos!


ExecutionTime: 4 secs