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> Zeitzeugen > Sara, das Wiesel
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Buch Leseprobe Sara, das Wiesel, Elisabeth Margaretha Gräfin von Schöngau
Elisabeth Margaretha Gräfin von Schöngau

Sara, das Wiesel


Starke Frauen

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Mein Handy klingelte mal wieder zu völlig unpassender Zeit. Ich entschuldigte mich bei meinem Gegenüber und nahm das Gespräch entgegen. Eine, mir vollkommen unbekannte, Frauenstimme krähte mir entgegen. „Hallo, Brixi! Ich bin´ s!“ Im Schnellverfahren glich ich die Stimme mit meinen im Gehirn gespeicherten Daten ab, ohne ein zufriedenstellendes Ergebnis zu generieren. Nur wirklich enge Freundinnen nennen mich Brixi. Diese Stimme konnte ich keiner engen Freundin zuordnen. „Tut mir Leid. Hilf mir mal bitte. Wer bist du?“ „Was, du kennst mich nicht mehr? Wir haben doch vor drei Wochen kräftig einen zusammen gehoben.“ „Wo soll das gewesen sein? Mir fällt es im Moment nicht ein.“ „Na, bei Traudel bei ihrer Wohnungseinweihungsfeier. Kannst du dich nicht an mich erinnern? Na ja, wir hatten aber auch ganz schön einen im Tee.“ „Tut mir Leid. Ich bin gerade in einem Kundengespräch. Sag mir bitte deinen Namen. Ich komme nicht drauf.“ „Ich bin die Marion, die kleine Blonde im grünen Minikleid. Du hast mich doch mehrfach angeschmachtet. Weißt du das nicht mehr?“ „Du, ich bin im Gespräch. Was kann ich für dich tun?“ Ich hatte noch immer kein Gesicht zu der Stimme gefunden, geschweige denn ein grünes Minikleid. „Du hast mir an dem Abend erzählt, dass du gern außergewöhnliche Geschichten hörst. Ich denke, ich habe da eine für dich. So was ist dir bestimmt noch nicht untergekommen. Kannst du vorbeikommen?“ „Wohin denn bitte?“ „Na, nach Hannover. Wohin wohl sonst?“ „Du, tut mir noch mal Leid, aber ich bin gerade in Bern.“ „In Bern? Was machst du denn in der Schweiz?“ „Einer unserer Kunden aus Dortmund möchte sich ein, na, sagen wir mal, etwas umfangreicheres Ferienhaus hier kaufen. Wir besichtigen es gerade und wollen gleich die Finanzierung besprechen. Also, bitte, fasse dich kurz.“ „Also, ich arbeite, eigentlich müsstest du das wissen, als Krankenschwester in Hannover. Ich habe gestern eine alte Frau auf meine Station bekommen und die hat mir eine tolle Story erzählt. Die musst du dir unbedingt anhören.“ „Das kann dauern. Im Moment bin ich viel unterwegs. Worum geht es denn?“ „Die Frau ist von der Gestapo verschleppt worden. Mehr verrate ich dir jetzt aber nicht. Komm, so schnell du kannst. Ich weiß nicht, wie lange die noch macht.“ „Okay. Ich werde kommen. Jetzt muss ich aber wirklich Schluss machen. Der Mann scharrt schon mit den Hufen. Also, tschüss!“ Da ich noch drei weitere Kunden in der Schweiz betreuen musste, vergaß ich den Anruf schnell. Erst auf dem Flughafen in Basel kehrte das Gespräch mit Marion in mein Gedächtnis zurück, als ich auf der Anzeigetafel den Städtenamen „Hannover“ las. Ich musste zwar jetzt erst einmal nach Dortmund zurück, nahm mir aber vor, gleich am nächsten Tag nach Hannover weiterzufliegen. Da ich nach dem Verhandlungsmarathon in der Schweiz ein paar Tage freinehmen wollte, passte das ganz gut. So erreichte ich erst eine Woche nach dem Telefonat die Klinik und fragte mich nach Marion durch. Sie hatte gottseidank gerade Dienst und kam mir freudig entgegen. Jetzt, da ich ihr Gesicht sah und ihren kurzen Kittel – ich wusste gar nicht, dass eine solche Schwesterntracht heute noch üblich ist – erkannte ich sie wieder. Sie umarmte mich, wie eine alte Freundin, und zog mich ins Schwesternzimmer. „Na, das wird auch höchste Zeit. Die Alte hat ganz schön abgebaut. Komm gleich mit. Lass uns keine Zeit verschwenden.“ Sie sprang auf und ergriff meine Hand. In einem irren Tempo – heute weiß ich, dass dieses Tempo für Krankenschwestern ganz normal ist – rannten wir über den Flur. Ohne anzuklopfen, öffnete sie eine Zimmertür und schob mich hinein. Drinnen lag eine sehr betagte Frau in einem Bett. Das Kopfteil war etwas hochgestellt worden und schmale Gitter hatte man an den Seiten befestigt. In ihrem Arm steckte eine Kanüle, die mit einem Beutel verbunden war, der über ihr an einem galgenähnlichen Stativ hing. An ihrem Bett hing ein Beutel, in dem sich eine gelblichbraune Flüssigkeit gesammelt hatte. „Das ist Frau Wiesel.“ Ich trat näher heran. „Frau Wiesel! Können Sie mich hören?“ Marion hatte die Alte angeschrien und die hob schwerfällig ihren Kopf und drehte ihn uns zu. „Frau Wiesel! Das ist die Gräfin, von der ich Ihnen erzählt habe. Die möchte Ihre Geschichte hören.“ „Mit Gräfinnen habe ich nichts zu schaffen. Sagen Sie ihr, Sie soll gehen.“ „Aber, Frau Wiesel! Diese Gräfin ist anders. Nicht alle Gräfinnen sind böse.“ Die Alte hob erneut ihren Kopf und musterte erst Marion und dann mich. „Sie wollen meine Geschichte hören? Wieso wollen Sie das?“ „Ich bin vielleicht einfach eine neugierige Frau.“ „Fräulein Marion! Ist die Frau in Ordnung?“ „Ja, Frau Wiesel. Die ist wirklich nett.“ „Na gut, wenn Sie das sagen, Fräulein Marion, dann werde ich mal eine Ausnahme machen.“ Über das Gesicht der Alten huschte ein Lächeln. Irgendwie hatte ich das Gefühl, sie würde mich abscannen, durchbohren und sich über das, was sie erkannt hatte, amüsieren. Irgendwie war mir unwohl in der Nähe dieser Frau. Obwohl sie todkrank und völlig runzlig in ihrem Bett lag, meinte ich eine gewisse Gefährlichkeit zu verspüren. Diese Frau mochte alt und krank sein, unterkriegen ließ die sich bestimmt nicht. „Gräfin! Komm morgen früh wieder. Ich will jetzt schlafen. Morgen früh um sechs werde ich anfangen, dir meine Geschichte zu erzählen, klar?“ Sie schob mir ihre rechte Hand entgegen und ich ergriff diese Hand. Der Druck dieser Hand trieb mir die Tränen in die Augen. Wie war es möglich, dass eine so alte und gebrechliche Frau eine derartige Kraft entwickeln konnte. Genauso plötzlich, wie sie zugepackt hatte, ließ sie mich wieder los. „Guck nicht so erschrocken, Gräfin. Ich werde dich noch mit ganz anderen Sachen aus der Fassung bringen. Und nun geh. Denk dran: morgen früh um sechs. Und sei pünktlich. Ich mag Langschläferinnen nicht besonders, klar?“ Marion und ich verließen das Zimmer. Sie winkte uns kurz nach und ließ sich wieder in ihre Kissen fallen. Im Eiltempo ging es zum Schwesternzimmer zurück. „Na, was habe ich dir gesagt? Die Frau ist ein Hammer, nicht wahr? Wenn die dir ihre Story erzählt, fällst du nicht nur einmal vom Stuhl. Sei pünktlich. Ich würde mich nicht mit der anlegen. Irgendwie hat die was Gefährliches an sich.“ Ich verabschiedete mich von Marion, suchte mir ein Hotel und ließ mir im Restaurant ein kleines Mittagessen servieren. Während ich an meinen Ministeak kaute, dache ich über die Begegnung nach. Der unglaubliche Händedruck kam mir mehrmals ins Bewusstsein zurück. Und wieso wollte sie schon am Vormittag schlafen? Ich rätselte eine Weile daran herum, gab schließlich auf und zog mich zu einem kleinen Mittagsschlaf auf mein Zimmer zurück. Am Nachmittag machte ich einen ausgiebigen Stadtbummel, trank ein Glas Rotwein zum Abendessen und legte mich früh ins Bett. Ich wollte den Termin um Himmelswillen nicht verpassen. Um fünf Minuten vor sechs betrat ich das Zimmer von Frau Wiesel. Sie schien schon eine Weile hellwach zu sein, stemmte sich etwas hoch und warf einen kurzen Blick auf ihre Armbanduhr, die auf dem Nachtschrank lag. „Pünktlich, wie die Fabrikarbeiterinnen. Respekt, Respekt.“ „Guten Morgen, Frau Wiesel.“ „Lass das Frau Wiesel mal lieber weg. Ich bin die Sara, klar?“ „Guten Morgen, Sara.“ „Ja, so gefällt mir das besser. Nun steh nicht so doof da rum. Hol dir einen Stuhl und setz dich an mein Bett. Ich brenne schon darauf, dir meine Geschichte zu erzählen. Willst du die überhaupt hören oder willst du der feschen Kleinen nur einen Gefallen tun, um mir die Zeit zu vertreiben?“ „Nein, ich bin wirklich interessiert. Marion hat mich auf Ihre Geschichte hingewiesen. Jetzt kann es losgehen.“ „Ihr Zwei würdet ein schickes Pärchen abgeben, du und die Marion. Meinst du nicht auch?“ „Keine Ahnung. So gut kenne ich sie nun auch wieder nicht.“ „Ach, dann hast du nichts gegen Frauenliebe?“ „Nein, warum sollte ich. Jede soll doch so glücklich werden, wie sie will.“ „Na, gut, dann will ich mal loslegen.“ Die Geschichte von Sara, dem Wiesel: Dass alle Juden reich sind, dass alle Juden die Thora lesen, dass alle Juden auf Schweinefleisch verzichten, ist ein Gerücht. Wir waren weder reich, noch lasen wir in der Thora, noch verzichteten wir auf Schweinefleisch. Das wäre auch gar nicht gegangen, weil wir dann nämlich locker und schnell verhungert wären. Koscheres Essen? Wir hatten wahrlich andere Sorgen. Mein Vater trug keine Ringellöckchen und hatte in seinem Leben vielleicht ein oder zweimal eine Synagoge betreten, und dass auch nur, weil er es gemusst hatte. Freiwillig wäre er niemals da hineingegangen. Sein Gott hieß nicht Jahwe. Sein Gott hieß Überleben, Durchkommen. Sicherlich hätte er im ersten Weltkrieg Karriere machen können, hätte Seilschaften geknüpft und wäre ein Jude geworden, wie er im Buche steht. Er hätte Geld verleihen oder Handel treiben können. Leider kam es nicht dazu, da er gleich zu Anfang der Auseinandersetzungen von einer Kugel getroffen wurde und erst ins Lazarett kam und dann auf der Straße landete. Sein linkes Bein war zertrümmert worden. Daraus resultierte, dass er seinen Beruf als Tischler nicht mehr ausüben konnte. Seine Wunde eiterte oft und er litt unter starken Schmerzen. Wenn meine Mutter nicht gewesen wäre, wären wir verhungert. Sie versorgte emsig und klaglos ihre Lieben, in dem sie nähte, kochte und buk und das nicht nur für ihre Familie. Im Sommer 1925 kam ich zur Welt. Eigentlich war ich nicht mehr geplant gewesen. Meine Eltern hatten bereits fünf Kinder und auch ohne mich genug Schwierigkeiten, alle über Wasser zu halten. Erzogen wurde ich von meiner zweitältesten Schwester, da die Älteste stets mit meiner Mutter auf Tour war, um zu kochen, zu bügeln oder irgendwo sauberzumachen. Mein Vater schnitzte derweil Figuren, baute Autos oder Eisenbahnen aus Holz, um diese als Spielzeug zu verkaufen. Dadurch konnten wir zu acht in drei Zimmern wohnen, hatten sogar ein Klo auf dem Flur des Mehrfamilienhauses und besaßen immerhin vier Betten. Natürlich gab es reichere Leute, als uns, aber auch viele, die noch ärmer waren, als wir, die mit zehn Personen in einem Zimmer hausen mussten und nicht jeden Tag eine warme Mahlzeit auf dem Tisch hatten. In unserem Viertel zählte ich uns zur Mittelschicht. Wer mit auf Fischfang gehen konnte oder in einer der Fischfabriken Arbeit gefunden hatte, war gut dran. Auch Handwerker, Beamte, Soldaten, Polzisten und Händler hatten ihr Auskommen. Alle anderen fielen durch das Raster und vegetierten mehr oder weniger vor sich hin. Als ich fünf Jahre alt geworden war, hörte ich zum ersten Mal das Wort „Scheißjude“. Ich konnte damit nichts anfangen und fragte meine Mutter danach. „Ach, das meinen die nicht so. Kümmere dich nicht darum.“ Ich hatte bisher gar nicht gewusst, dass ich Jüdin war, da ich keinen Unterschied zwischen mir und den anderen Kindern erkennen konnte. Wieso waren Juden plötzlich Scheißjuden? Im Laufe des Jahres wurde ein Junge, mit dem ich eigentlich gern spielte, immer häufiger so angesprochen. Manchmal schlug er zu, manchmal lief er heulend nach Hause. Ich verstand das alles nicht. Er sah nicht anders aus, als die anderen Jungen. Er roch nicht anders und er spielte meist fairer, als die meisten anderen Kinder, die hin und wieder versuchten, uns zu beschubsen.


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