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Rückblicke - Autobiographie


27 Jahre Himmelslotse im Seemannsheim Hamburg

von Juergen Ruszkowski

zeitzeugen
ISBN10-Nummer:
3980810569
ISBN13-Nummer:
9783980810562
Ausstattung:
kartoniert - sw bebildert - 273 Seiten
Preis:
12,00 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Verlag:
-kein Verlag-
Kontakt zum Autor oder Verlag:
JuergenRuszkowski@gmx.de
Leseprobe

Inhalt: Vorwort Karte von Stetttin mit Dammschen See Herkunft Kindheit Krieg Flucht Grevesmühlen in Mecklenburg Der Krieg ist aus Schulzeit in Grevesmühlen Mein Weg zur Kirche Dobbertiner Bruderschaft Kirchentag in Berlin 1951 Leitbilder Toitenwinkel Bei der Post in Schwerin Krankheit go west Stukenbrock Westerland Start im Rauhen Haus in Hamburg Die Anstaltshierarchie Auf dem Rüttelrost Das erste Jahr im Rauhen Haus Am Grundbergsee Alltag im Rauhen Haus Urlaub in Grevesmühlen Büro und Krankenstube Erziehungsdienst Unterricht im Rauhen Haus Hilfsdiakon Vorbereitung auf das Wohlfahrtspflegerexamen Fahrradtour mit Oskar Wollner nach Mecklenburg Jugendarbeit in St. Nikolai am Klosterstern Vorbereitung auf das Diakonenexamen Reflexion meiner Ausbildung - - - - Im Beruf als Diakon Dortmund Heirat Jugendfürsorger bei der Inneren Mission in Dortmund Geschäftsführer bei der Inneren Mission in Soest Auf Umwegen zurück nach Hamburg Wieder in Hamburg Himmelslotse bei der Seemannsmission Hotelmanager im Seemannsheim Hochkonjunktur in der Seefahrt Multikulturelle Gesellschaft Mit Hein Seemann auf Tuchfühlung Jubiläen Wer hätte das geahnt? Urlaubsreisen „Seemannsschicksale“ Feierabend Wicherns Wunsch - - - - - Ruhestand in Rissen Radtour in die Vergangenheit Zweite Radtour gen Osten Radtour Richtung Westen Kanadareise Eindrücke während einer zehntägigen Reise nach Sachsen Seglerreise auf SS „Fridtjof Nansen“ Fata Morgana Gran Canaria Bergwandern auf Mallorca Seniorenfreizeit im Schwarzwald Fazit Personen-Register Leserreaktionen zu den „Seemannsschicksalen“ Buchempfehlungen Zeitzeugen des Alltags Buchempfehlungen Seemannsschicksale – Adressen Seiten insgesamt: 272 Leseprobe: Mit Hein Seemann auf Tuchfühlung Meine anfänglichen Befürchtungen, dass ich mit den Seeleuten disziplinarisch laufend Ärger haben könnte, bestätigen sich nicht. Das soziale Bild des Seemannes der 1970er Jahre ist von dem der 90er sehr verschieden. Unter den Seeleuten gibt es damals viele angepasste, ehrenwerte und charakterlich wertvolle Männer, aber doch auch jene Typen, wie sie von der Gesellschaft als Klischee-Seemann gesehen werden: Abenteurer, Haudegen, trinkfeste Draufgänger. Alkoholmissbrauch spielt bei einigen schon eine tragische Rolle, wird aber sicher kaum dramatischer sein als in anderen Berufssparten, wie etwa auf dem Bau oder bei Journalisten. Bei einigen Alkoholikern muss ich über die Jahre den langsamen Abstieg in die Gosse beobachten, ohne ihn aufhalten zu können, so bei „Kugelblitz“, „Becksbierberni“ und Rudi Sch. aus Ostpreußen, der mir später öfter als Stadtstreicher begegnet. Für fast alle gilt der Liedrefrain: „Ein Kerl wie Samt und Seide, nur schade, dass er suff.“ Bei einigen gelingt es mir, sie bei eigener Einsicht ins „Trockendock“ zu vermitteln. Einige bleiben da-nach trocken, andere haben Rückfälle. Leider ist es ein typisches Symptom der Krankheit Alkoholismus, dass die Einsichtsfähigkeit eingenebelt wird. Ich erlebe im Seemannsheim bei einigen Männern mehrmals Diliriumanfälle. Am 11.10.1979 berichtet mir der Nachtpförtner Looschen: „Zitternd stand heute in der Nacht ein Verrückter vor mir, ich solle ihm schnell die Polizei rufen, denn in seinem Zimmer seien Hunderttausende Ratten. Ich antwortete ihm, das solle er mal selber machen, den Unsinn glaube mir sowieso keiner.“ Er rief dann tatsächlich noch Polizeibeamte, die mitspielten und nach den angeblich laufenden Ratten traten. Am nächsten Morgen, als ich ihn ansprach, sah der Mann, es war der 34jährige Karl P., immer noch Ratten, reagierte ansonsten aber normal. Plötzlich klopfte es in einem Zimmer im 2. Stock von außen ans Fenster. Karl P. klammerte sich von außen an das Fenster. Er war offenbar an der Fassade heruntergeklettert. Nur mit Mühe konnte er vor dem Absturz bewahrt werden. Der sofort herbeigerufene Rettungswagen brachte ihn ins Krankenhaus. Am 7.11.1979 hat der 43jährige Fischdampfermatrose Horst Bruno G., der erst seit wenigen Tagen bei uns wohnt, Halluzinationen. Er kommt aufgeregt und schweißüberströmt ins Büro: „Hausvater, oben in der Toilette sin-gen meine Nachbarn Arien.“ Er fühlt sich von ihnen verfolgt und belästigt, schnappt sich, als wir zusammen oben nachsehen wollen, einen Schrubberstiel vor der Tür und schwenkt ihn drohend über seinem Kopf. Als ich ihn davon überzeugen kann, dass die Toilette leer ist, hört er die Stimmen nebenan. Mit Glück und Mühe gelingt es, ihn per Krankenwagen zur Behandlung ins Krankenhaus zu schaffen. Im Delirium wirft ein polnischer früherer Kapitän seinen „Sohn“ aus dem Fenster und ist danach todunglücklich. Er ist nicht davon zu überzeugen, dass es nicht sein Sohn, sondern nur die Kaffeemaschine war. Einige herausragende Ereignisse im Seemannsheim seien hier noch erwähnt: An einem Sonntagnachmittag Anfang der 1970er Jahre halte ich im Wohn-zimmer Mittagsschlaf. Ich hatte den Telefonkontakt herausgezogen. Plötzlich sehe ich blinkendes Blaulicht vor dem Fenster und auf der Straße sechs Peterwagen. Ich gehe sofort in die Eingangshalle. Das Haus ist voller Polizisten. Niemand darf hinaus und herein. Der „Mörder“ wird gesucht. Der Pförtner erklärt mir, da sei jemand mit klaffendem Bauch und heraushängenden Eingeweiden fast nackt und blutüberströmt von oben die Treppe heruntergekommen, habe vor der Pförtnerloge kurz verharrt und sei dann aus dem Hause auf die Straße gelaufen. Eine Passantin, die ihn sah, fiel in Ohnmacht. Das ist ein aufregender Sonntag im Seemannsheim. „Blutend wankte er zur Wache“ Unter dieser Überschrift meldet die Zeitung: „Ein blutüberströmter Mann wankte gestern Mittag in die Revierwache 13 an der Martin Luther-Straße. „Messer, Messer...“ stammelte er, dann brach er zusammen. Der nur mit einer Badehose bekleidete Verletzte wurde sofort ins Hafenkrankenhaus gebracht. Die Ärzte stellten eine 30 Zentimeter lange Schnittwunde am Bauch, Messerstiche an der Kehle und am linken Unterarm fest. - Die Ermittlungen der Mordkommission ergaben bis Redaktionsschluss, dass es sich bei dem Verletzten um den 34 Jahre alten Seemann Günther L. handelt. Er war gestern Nachmittag aus seinem Zimmer im Seemannsheim am Krayenkamp in der Neustadt getaumelt und trotz seiner Verletzungen noch bis zur Revierwache 13 gelaufen. „Wir sehen noch nicht klar“, sagte ein Beamter der Mordkommission. „Er kann sich die Verletzungen auch selbst beigebracht haben.“ Nach stundenlanger Spuren- und Tätersuche und Fahndung nach dem verreisten Zimmernachbarn stellt sich heraus: Der fast „Ermordete“ hatte sich selber vor dem Spiegel mit einer zerschlagenen Bierflasche den Bauch auf-geritzt. Man flickt ihn auf der Intensivstation des Hafenkrankenhauses wieder zurecht und bringt ihn durch. - Was es alles gibt?! In der Eingangshalle hängt ein von einem Seemann gestiftetes Segelschiffmodell. Nachdem es dort monatelang friedlich geschwebt hat, ist es eines Tages verschwunden. Einer der Seeleute hat eine Vermutung, wer der Dieb sei und wo er zu finden sein könnte. Zusammen klappern wir in der Ditmar Koel-Straße mehrere Kneipen ab. Tatsächlich ertappen wir den „Knaben“ in einer der Pinten, wie er gerade dabei ist, unser Schiffchen meistbietend an den Mann zu bringen. Er setzt ich nicht zur Wehr und trottet sogar an meiner Seite mit zur Polizeiwache. Das Schiffsmodell hängt danach wieder jahrelang in der Halle des Seemannsheimes, bis es eines Tages erneut und diesmal endgültig verschwunden ist. Ein weiteres, weitaus wertvolleres, das ein Seemann in monatelanger Kleinarbeit gebastelt hatte, wird sogar aus dem Speisesaal geklaut, der immer verschlossen ist, wenn der Küchenbetrieb ruht. Am 1.7.1984 wird nachts der Pförtner von dem im Haus wohnenden, am 31.1.53 in Bochum geborenen, Schiffskoch Wolfgang S. unter Todesandrohung beraubt. Die Presse meldet: „Ein Gangster setzte nachts dem Pförtner des Seemannsheimes Krayenkamp (Neustadt) ein Messer an den Hals, raubte 600 Mark. Entkommen.“ Der Täter wird gefasst und mit Urteil vom 23.11.1984 mit 5 Jahren und 6 Monaten Haft belegt. Zweimal schlägt unser Sohn Jörg während unserer Abwesenheit Einbrecher in die Flucht, die es auf unsere Wohnung abgesehen haben. Es kommt dann aber doch noch zu einem vollendeten Wohnungseinbruch. Nachts bricht ein Hausbewohner unsere Wohnungstür auf und raubt einen Teil der Sachen, Schmuck, Kleidung etc. aus. Der Täter, der unter unserem eigenen Dach wohnt, leistet ganze Arbeit. Kurze Zeit später bricht er auch in die Küche ein. Anhand seines Fußabdrucks kann ich ihn identifizieren. Das Tatwerkzeug, einen Kuhfuß, kann ich in seinem Schrank sicherstellen. Am 31.3.1980 notiere ich: „Peter H., ehemaliger Fürsorgezögling in Frei-statt, wohnt seit Jahren immer wieder im Seemannsheim. Er soll zu Alkohol noch Valium schlucken. Wenn er seine Saufphasen hat, bekommt er funkelnd glasige Augen und muss sich produzieren: Er näht sich Knöpfe auf die nackte Haut, steckt sich Rasierklingen durchs Ohrläppchen und behauptet, er habe einige Jahre Zuchthaus hinter sich, nachdem er seine Frau umgebracht habe.“ 23.3.1982: Peter hat eine neue Masche: „Ich verkaufe eine Niere, um an Geld zu kommen.“ Einige Tage später: „...geht aber leider nicht, weil ich zu sehr durch Alkohol geschädigt bin.“ Am 23.4.1983 gegen 23 Uhr hallt ein Schuss durchs Haus - und gleich danach noch drei Schüsse, ein Hilfeschrei und laute Stimmen. Ich laufe durch den Keller-gang zum Haupttreppenhaus: Vor dem Duscheneingang liegt ein Seemann: Bernd Krüger. Er stöhnt und bewegt sich kaum. In der Eingangshalle höre ich von den dort zusammenlaufenden Seeleuten, Peter H. habe geschossen und sei flüchtig. Sofort verständige ich Polizei und Rettungswagen, die kurz darauf eintreffen. Mehrere Peterwagen sperren die Straße ab. Wiederbelebungsversuche, künstliche Beatmung. Der Notarzt trifft ein. Alle Anstrengungen sind umsonst. Bernd Krüger ist tot. Die Kripo kommt, später die Mordkommission. Das Haus ist abgesperrt. Niemand darf hinaus. Vor dem Hause, hinter dem Seemannsheim im Nachbarhof, überall Blaulicht. Vernehmungen und Spurensicherung dauern bis 3 Uhr in der Nacht. Morgens wird bekannt: Peter wurde in der Nacht festgenommen. BILD berichtet unter der Schlagzeile: „Amok im Seemannsheim: Viermal feuerte der Mörder auf sein Opfer“ und „‚Buddelschiff-Seemann’ sagte der Große - da erschoss ihn der Kleine.“ Im „Hamburger Abendblatt“ berichtet Robert Boeckmann in der Ausgabe vom 26.3.1982 unter der Überschrift: „Den Schützen schnell gefasst. - die Pistole hatte er noch in der Tasche“ „Ein Großaufgebot von Kripo und Schutzleuten füllte die Eingangshalle des Deutschen Seemannsheimes am Krayenkamp (Neustadt), vernahm mitten in der Nacht Zeugen und sicherte die Spuren eines Verbrechens: Der 28jährige Seemann Bernd K. war, wie berichtet, in dem Heim mit drei Schüssen getötet worden. Die Kripo war noch mit Vernehmungen am Tatort beschäftigt, da klingelte um Mitternacht beim Pförtner das Telefon - an anderen Ende der Leitung fragte die Stimme des Täters: „Ist das Schwein schon tot?“ - An den Glastüren des Eingangs waren der nur 160 Zentimeter große Peter H. (39) und sein späteres Opfer Bernd K. zwei Stunden zuvor heftig aneinander geraten. „Sie schrien sich laut an“, berichten die Seeleute, die Zeugen des anschließenden Verbrechens wurden: Peter H., der erst seit vier Wochen im Seemannsheim am Michel wohnte, lief plötzlich in sein Zimmer 313 im dritten Stock und holte seine 7,65-mm-Walther PPK, eine bei der Kripo gebräuchliche Dienstwaffe. - Heimbewohner Reinhard Kowalke (43) zum Abendblatt: „Dann kam er die Treppen heruntergestürzt, lief ins Freie, gab dort einen Schuss ab und kam wieder herein. Wir waren wie gelähmt, als der Peter viermal auf Bernd abdrückte!“ - Der 28jährige ehemalige Schiffsoffizier Bernd K., der seit vorigem Jahr im Heim am Krayenkamp lebte, wurde von drei Kugeln aus zwei Metern Entfernung getroffen. Ein Schuss traf ihn ins Herz. Das Opfer konnte sich aber noch in einen Kellerraum schleppen, wo er vor dem Duschraum tot zusammenbrach. Der Schütze war inzwischen geflüchtet. - Kurze Zeit später lief eine Großfahndung der Polizei an. Zivilbeamte mit Hunden klapperten umliegende Lokale ab, Peterwagen streiften durch die Neustadt. Kurz nach drei Uhr entdeckten die Beamten von „Peter 15/1“ (Davidwache) auf dem Schaarmarkt (Neustadt) einen kleinen Mann auf einem Fahrrad, auf den die Beschreibung genau passte. Die drei Beamten sprangen aus ihrem Streifenwagen, liefen auf den Mann zu und überwältigten ihn, bevor er sich zur Wehr setzen konnte. In einer Jackentasche von Peter H. fanden die Polizisten die durchgeladene und entsicherte Waffe. - Belanglose Streitigkeiten und Hänseleien sollen nach den bisherigen Ermittlungen der Mordkommission zu der tödlichen Auseinandersetzung im Seemannsheim geführt und Peter H. soll außerdem unter Tabletten- und Alkoholeinfluss gestanden haben.“ Bei der Gerichtsverhandlung muss ich als Zeuge aussagen. Am 21.3.1983 bekomme ich einen Brief von Peter H. aus dem Knast: „Lieber Herr Ruszkowski! Hiermit möchte ich in schriftlicher Form um Verzeihung bitten für die Schande, die ich durch mein Verbrechen über Ihr Haus gebracht habe. Als ich Sie im Gerichtssaal persönlich darum bat, musste ich leider abbrechen, sonst hätte ich dort wahrscheinlich losgeheult. Sicherlich verstehen Sie mich, wie mir da zumute war...“ Am 19.3.1985 schwitze ich Blut und Wasser, weil die Krankenwagenbesatzung einen bei einer Messerstecherei schwer verletzten Afrikaner nicht transportieren will und der Notarzt ewig auf sich warten lässt. Dem Afrikaner war mit einem Messer in den Rücken gestochen worden. Kurz vor-her hatte ich die Memoiren des Chirurgen Sauerbruch gelesen und wusste, was bei Verletzung des unter Unterdruck stehenden Brustkorbs passieren kann. Die Presse meldet tags darauf: „Bei einem Streit im Deutschen Seemannsheim am Krayenkamp (Neustadt) ist der 33 Jahre alte Assad A. aus Ghana verletzt worden. Der Ghanaer hatte mit einem anderen Seemann Billard gespielt, plötzlich gerieten sich die beiden in die Haare. Assad A. er-hielt einen Messerstich in den Rücken und brach lebensgefährlich verletzt zusammen. Der Täter flüchtete. Nach den Ermittlungen der Mordkommission handelt es sich bei dem Täter um den 30 Jahre alten Brasilianer Salomao Brum aus Rio de Janeiro...“ Der Verletzte wird dann doch noch ins Krankenhaus geschafft. Man bringt ihn durch und einige Wochen später spielt er wieder bei uns Billard. Am Morgen des 11.12.1985 kommt um 5.45 Uhr der Seemann Wolfgang M. von draußen ins Seemannsheim zurück und bittet den Pförtner Reblitz, ihn um 8.30 Uhr zu wecken. Der entgegnet: „Ich kann es zwar für meine Ablösung notieren, aber nicht fest versprechen, weil ich dann nicht mehr im Dienst bin.“ M.: „Dann will ich mein Geld zurück haben.“ Pförtner: „Mieten darf ich nicht zurückzahlen. Das geht nur im Büro.“ M.: „Dann will ich den Chef sprechen!“ Pförtner: „Den kann ich so früh nicht wecken.“ Mit einem Schimpf-Wortschwall schlägt M. die Pfortenscheibe aus Sicherheitsglas in Sprünge. - Am selben Morgen wird in unserer Dienstwohnung das Küchenfenster eingeworfen. Am 20.12.1986 kommt der Ex-Seemann und frühere Heimbewohner Wil-fried H. ins Büro, baut sich provozierend auf, beschimpft mich und droht: „Dir hau ich noch mal die Scheiben ein, auch wenn du jetzt Jalousien da-vor hast, das schwör’ ich dir!“ Am 9.4.1987 fordere ich morgens um 7.45 Uhr den 29jährigen Gast Jürgen K. auf, sein Zimmer zu räumen und auszuziehen. Er steht auf der Fensterbank, springt plötzlich von oben auf mich herab und schlägt mir im Springen mit der Faust ins Gesicht. Von der Wucht des Sturzes falle ich zu Bo-den. K. schlägt weiter auf mich ein und lässt erst von mir ab, als Mitarbeiter mir zur Hilfe kommen. Mit blutender Wunde an der linken Augen-braue, einem Bluterguss um das linke Auge und Prellungen an Oberlippe und Arm komme ich davon. K. war schon vorher durch anormales Verhalten aufgefallen und hatte im Hause erzählt, er sei in psychiatrischer Behandlung gewesen. Auch soll er Barbiturate (Marihuana) geraucht haben. K. flüchtet nach dem Vorfall und wird nicht mehr gesehen. Wolfgang V., genannt „Ketten-Franz“, wollte mit aller Gewalt reich wer-den. Sein Handel mit aus den Philippinen importierten Muschelketten und anderem Modeschmuck florierte nur wenige Monate, obwohl es für ihn das Geschäft des Lebens zu werden versprach. Auf mein Zureden hin hatte er ein kleines nautisches Patent erworben und fuhr nun stolz auf ausgeflaggten Schiffen auf der Brücke als zweiter Offizier: „Welch ein erhabenes Gefühl, jetzt von der Brücke aus zuzusehen, wie die anderen den Rost schrubben!“ Eines Tages im Februar 1979 höre ich in den Rundfunknachrichten, die amerikanische Küstenwache habe den größten Haschisch-Schmuggel aller Zeiten auffliegen lassen. Das „Hamburger Abendblatt“ berichtet am 19.2.1979 unter der Überschrift: Unter Deck lagen 20 Tonnen „Stoff“ US-Küstenwache entdeckte Schmugglerschiff: Der 38jährige Hamburger Wolfgang V. sowie der ebenfalls aus der Hansestadt stammende 53 Jahre alte Christen C. und der aus Bremen stammende Kapitän Heinrich H. sitzen seit dem Wochenende in einem New Yorker Gefängnis. Sie müssen sich im Zusammenhang mit dem größten Rauschgiftfang der amerikanischen Geschichte verantworten. - Die drei Deutschen hatten mit dem 483-BRT-Frachter „OLAUG“ 20 Tonnen Haschisch im Wert von 40 Millionen Dollar in die Vereinigten Staaten schmuggeln wollen. Der Frachter war von einem Piloten der Küstenwacht entdeckt und als verdächtig eingestuft worden. Beam-te der Küstenwacht und des Zolls stoppten das Schiff, um die Laderäume zu durchsuchen. - Sie entdeckten rasch das Rauschgift, das die Schmuggler in Lastwagenschläuche gefüllt hatten. Über den prall gefüllten Schläuchen lagen leere Säcke. Es wird vermutet, dass der wahrscheinlich unter liberianischer Flagge fahrende Frachter das Haschisch im Hafen von Larnika auf Zypern geladen hat. Nach Mitteilung der New Yorker Staatsanwaltschaft soll das Schiff einem Deutschen gehören, dessen Name jedoch nicht genannt wurde. Auf dem Frachter befanden sich auch fünf Amerikaner, die ebenfalls in Haft genommen wurden. Wolfgang V. wird zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Ich schicke ihm auf seinen Wunsch von seinem bei uns lagernden restlichen Verwahrgeld regelmäßig den „Spiegel“ in den Knast. Später wird er nach Deutschland ausgeliefert und sitzt in Bremen ein, wo ich ihn einmal besuche. Er wird vorzeitig entlassen. Holger B. ist 42 Jahre alt, als er im Seemannsheim aus dem Leben scheidet. Er hatte es in Kindheit und Jugend schwer mit seinem Vater gehabt. Mit seiner Mutter stand er sich gut, aber diese hatte auch unter dem autoritären Wesen des Vaters zu leiden. So ging er früh aus dem Hause und als Motorenwärter zur Seefahrt. Bei Reisen nach Asien lernte er die fernöstliche Lebensauffassung schätzen und schwärmte für indische und thailändische Kulturen. Er meinte auch, dass ihm Haschisch neue Welten erschließen könne. Mit einigen Freunden zusammen inhalierte er regelmäßig diese für seine Begriffe harmlose Droge. - Seit 1972 war er bei seinen Hamburg-Aufenthalten immer wieder im Seemannsheim am Krayenkamp abgestiegen und dort wegen seines umgänglichen Wesens sehr gerne gesehen. Eines Tages erzählt er mir, er habe Halluzinationen gehabt, „wie damals in Asien“: Mitten in der Hamburger Innenstadt auf der Mönckebergstraße sei ihm ein Dinosaurier begegnet. Auch habe er eine Erscheinung seiner Mutter erlebt. Am darauffolgenden Tage alarmieren mich Seeleute, ein Mann hänge im vierten Stock draußen am Fenster. Es bietet sich mir, als ich die Treppen hinaufeile, ein bedrohliches Bild: Holger B. hängt 20 Meter hoch draußen am Hause, klammert sich mit den Händen am Fenster fest und steht mit einem Bein auf dem Dachvorsprung. Er blickt mit vor Angst und Entsetzen verzerrtem Gesicht wild um sich und zuckt nervös, wenn man sich ihm nähert. Es erscheint mir nicht geraten, zu dicht an ihn heranzugehen und völlig unmöglich, mit ihm ein Gespräch zu beginnen. Die bereits von Nachbarn informierte Feuerwehr ist bereits zu hören und trifft wenige Minuten später mit einem ganzen Löschzug am Hause ein. Doch bevor noch ein Sprungtuch gespannt werden kann, springt Holger, nachdem sich ihm ein Feuerwehrmann offenbar zu dicht genähert hatte, ab und stürzt in die Garagenauffahrt. Sofortige Wiederbelebungsversuche mit künstlicher Beatmung, Sauerstoffzufuhr und allen Bemühungen des kurze Zeit später eintreffenden Notarztes bleiben leider erfolglos. Der Vorfall sorgt für große Aufregung und Betroffenheit unter den Gästen des Seemannsheimes. - Neun Tage später wird Holger in Begleitung einiger seiner Freunde auf dem Seemannsfriedhof in Ohlsdorf zur letzten Ruhe gebettet. Am 20. November 1987 kommt Hartmut E. (26 J.), wohnhaft im vierten Stock unter dem Dach, von einer Zechtour von St. Pauli ins Seemannsheim zurück. Dort hatte er bereits einem Kollegen, mit dem er sich über den zwei Wochen vorher erfolgten tragischen Fenstersturz des Holger B. unterhalten hatte, angekündigt, er werde in dieser Nacht noch eine Aktion aus Protest gegen die Arbeitslosigkeit unter Seeleuten starten. Im Seemanns-heim angekommen, erzählt er dem Pförtner, er wolle nun aufs Dach klettern und herabspringen. Der hält das für einen schlechten Scherz, muss sich aber kurz darauf von Hartmuts Zimmerkollegen berichten lassen, dieser sei tatsächlich aus dem schrägen Dachfenster aufs Dach hinausgeklettert und sitze nun auf dem vorspringenden Sims zur Straßenseite hin, mit den Beinen nach unten baumelnd. Der Nachtpförtner weckt mich sofort und ich alarmiere erst die Polizei, besonders darum bittend, ohne Blaulicht und Martinshorn anzurücken und überzeuge mich dann selber von der Lage. Da es mir nicht möglich ist, Hartmut zu bewegen, wieder ins Zimmer zurückzukommen, rufe ich mit Hilfe der inzwischen eingetroffenen Polizeibeamten die Feuerwehr, die ebenfalls ohne akustisches Aufsehen heranrückt und außer Sichtweite des „lebensmüden“ Hartmut in Stellung geht. In Kürze sind die Straßen um das Seemannsheim voller Polizei- und Feuerwehrfahrzeuge. Das Sprungtuch wird lautlos, aber zügig in aller Perfektion aufgespannt. Zunächst verhandeln wir mit dem auf dem Dach sitzen-den Hartmut vom Fenster seines Zimmers aus. Er verlangt nach einem Reporter der BILD-Zeitung. Inzwischen ist ein Feuerwehrmann aus dem Fenster aufs Dach hinausgestiegen, hatte sich aber vorher seines Schutzhelmes und seiner Uniformjacke entledigt und sich als Zeitungsreporter ausgegeben. Man hat auch den katholischen Polizeipastor herbeigerufen, der in ähnlichen Situationen schon öfter einschlägige Fähigkeiten bewiesen hatte. Der Pfarrer, der „BILD-Reporter“-Feuerwehrmann, zwei Freunde des Hartmut und ich versuchen abwechselnd mit allen Mitteln der Über-redungskunst, mit Ablenkungsmanövern, Annäherungsversuchen und allerlei Lock- und Überzeugungskünsten vier Stunden lang, Hartmut zum Abbrechen seiner „Protestaktion“ zu bewegen. In seinem stark alkoholisierten Zustand redet er, mit den Armen gestikulierend und auf dem Dachsims sitzend von der Not Tausender arbeitsloser Seeleute, weist pathetisch auf den nahen Michel, spricht vom bevorstehenden nahen trostlosen Weihnachtsfest und droht immer wieder, er werde abspringen. Inzwischen hat die Feuerwehr eine Leiter ausgefahren, deren oberes Ende nahe seinem Standort ist. Sobald ein Feuerwehrmann aber Anstalten macht, sich ihm über die Leiter oder aus dem Fenster zu nähern, rückt er weiter und unter ihm ebenso die vor Kälte mit den Füßen stampfenden etwa zehn Männer mit dem Sprungtuch. Eine zweite Leiter wird inzwischen von der anderen Seite her hochgefahren. Mit Megaphon fordert die Polizei Hartmut von unten her zu Ruhe und Besonnenheit auf. Der sitzt weiterhin im Strahl der Feuerwehr-Scheinwerfer und lässt sich weder von den Männern auf den Leitern, noch von denen an den Fenstern beeinflussen. Nachdem er dann nach vier Stunden von den beiden Leitern in die Enge getrieben, von Kälte und Regen ermüdet und mit der Versicherung beruhigt ist, er brauche weder für die Kosten des Feuerwehreinsatzes zahlen, noch werde er des Hauses verwiesen werden, lässt er sich endlich näherkommen und willigt ein, sich durch das Dachfenster nach innen ziehen zu lassen. Dort weicht dann sein Widerstand vollends. Er wird nach einer Stärkung mit einem Becher Kaffee vom Krankenwagen in ärztliche Behandlung gebracht. Das Drama hatte um 0.30 Uhr begonnen und endet gegen 4.30 Uhr. Ali Naseer Ahmed hatte nach schwerer Erkrankung in Hamburg von Bord der unter Panama-Flagge fahrenden „Rickmers Nanjing“ gehen müssen. Er lag nun schon einige Monate mit einem Nierenleiden in einem Hamburger Krankenhaus. Es steht jetzt fest, dass das Leiden des 35jährigen Mannes unheilbar ist und er lebenslänglich auf die Dialyse, die künstliche Nierenwäsche, angewiesen sein wird. Die ausländerrechtliche Situation ist für ihn sehr ungünstig: Er hat, da er auf Sozialhilfe angewiesen ist, kein Blei-berecht und keinerlei Chance, es je zu bekommen. Nur auf Grund der Lebensgefahr wurde sein „vorübergehendes“ Bleiben „geduldet“. Somit ist es auch so gut wie ausgeschlossen, ihn auf die Liste der Transplantations-Empfänger zu bringen. Dieses ist eine typische Situation für alle ausländischen Seeleute, die nicht aus dem EG-Bereich stammen. Er ist auf den Malediven zu Hause, einer unter Ferntouristen bekannten Inselgruppe im Indischen Ozean. Aber auf keiner seiner Heimatinseln gibt es ein Krankenhaus mit Dialysegeräten. An Bord war er in einer maledivischen Crew zusammen mit Landsleuten gefahren und hatte sich in seiner Muttersprache unterhalten können. Hier in Hamburg in der Fremde ist er sprachlos. Er versteht nur wenige Worte englisch. Deutsch kann er gar nicht. Die Ärzte im Krankenhaus hatten mühsam einen der drei in Deutschland lebenden Malediven als Dolmetscher aufgetrieben, der ab und zu engagiert wurde, um die Diagnose besser erstellen und ihm die für ihn wichtigen Verhaltensregeln vermitteln zu können. Er hat zu Hause Frau und Kinder. Aber es bleibt keine Alternative: Die Rückkehr in die Heimat zur Familie würde den sicheren Tod bedeuten, also muss er in Hamburg bleiben, muss auf Rechnung der Sozialhilfe irgendwo versorgt werden. Wir sind bereit, ihn bei uns im Seemannsheim aufzunehmen, für ihn eine spezielle kaliumarme Diät zu kochen. Nahrungsaufnahme und Gewichtskontrolle unterliegen einer strengen Reglementierung: pro Tag darf er nicht mehr als 1/2 Liter Flüssigkeit zu sich nehmen. Zu Kontakten zu anderen Kollegen im Seemannsheim ist er wegen seiner Sprachlosigkeit nicht in der Lage. Der Kollege Borowski kümmert sich als Sozialarbeiter der Seemannsmission um viele seiner Alltagsprobleme. Wenn mal ein Schiff mit Landsleuten in Hamburg liegt, wird ein Besuch vermittelt. Vom Seemannsheim aus soll er einen Deutschkursus für Ausländer an der Volkshochschule besuchen und bereitet sich bereits intensiv durch Lernen der wichtigsten Vokabeln und Redewendungen darauf vor. Ein Zivildienstleistender hilft ihm bei Behördengängen und den nötigsten Einkäufen. Dreimal wöchentlich bringt ihn ein Taxi zur Dialyse ins Krankenhaus. Trotz aller medizinischer und sozialer Bemühung muss er nach drei Monaten im Seemannsheim eines Tages schnell per Notarztwagen ins Krankenhaus geschafft werden. Dort verstirbt er an seinem Leiden. Er wird auf dem Öjendorfer Friedhof nach muslimischen Riten mit Blickrichtung auf Mekka beigesetzt. Kollege Borowski begleitet ihn auf seinem letzten Weg. Die tragischsten menschlichen Schicksale, die mir während meiner 27jährigen Seemannsheim-Praxis begegneten, sind die von Geisteskranken. Diese entsetzlichen und furchterregenden Krankheiten können bei Menschen aller Rassen und Kulturen ausbrechen. Jahrelang hatte der aus Österreich stammende Deckschreiner Andreas G. während seiner Hamburg-Aufenthalte friedfertig im Seemannsheim ge-wohnt. Anfang Februar 1979 zieht er erneut ins Seemannsheim ein und berichtete mir, er sei geisteskrank. Man habe ihn, von Brasilien kommend, in Frankfurt/M. aus dem Flugzeug geholt und in die Psychiatrie gesperrt. Er machte bei seinem Einzug noch einen ganz vernünftigen Eindruck. Vier Tage später kommt er am Abend mit irrem Blick und einem aggressiven Ton auf mich zu: „Ich brauche gleich 100,- DM. Geben Sie mir das Geld sofort, sonst passiert was! - Ihre Frau muss mir heute noch einen Kuchen backen. - Die „Wappen von Hamburg“ wird heute Nacht untergehen.“ Mit Mühe und Not gelingt es mir, ihn wieder aus dem Büro zu drängen. Als ich gerade die Polizei anrufen will, klirrt es und G. kommt durch die zerschlagene Bürotürscheibe auf mich zugestürzt. Ich kann ihn mir nur mit Hilfe eines Stuhles vom Leibe halten, bis zwei Seeleute von draußen zur Hilfe kommen und kurz darauf die Polizei eintrifft. Man bringt Andreas in das Psychiatrische Krankenhaus, wo er zwei Tage später wieder entläuft. Mehrfach werfen psychisch gestörte Heimbewohner das Inventar (Stühle, Tische, Fernseher, Spiegel) ihres Zimmers durch das offene oder geschlossene Fenster. Mitten in der Nacht klirrt und kracht es, und die Trümmer landen im Hof oder auf der Straße, auf vor dem Hause geparkten Autos. Ein unter Schizophrenie leidender Gast reißt einmal sämtliche Steckdosen und Lampen aus Wand und Decke, verklebt die Elektroanschlüsse, türmt alle Möbel vor der Zimmertür übereinander und schließt sich ein. Als sei-ne Kollegen, die mit ihm den Raum teilen, ins Zimmer wollen, muss die Tür unter Polizeischutz aufgebrochen werden. Der Kranke sitzt einge-schüchtert auf der Bettkante und äußert seine Angst vor „der Elektrizität“. Meistens zeigen solche psychisch gestörten Menschen leider keinerlei Krankheitsbewusstsein oder Einsicht in ihr unnormales Verhalten. Es gelingt selten, sie davon zu überzeugen, dass sie fachärztliche Hilfe brauchen. Amtsärzte und Polizei greifen immer erst ein, wenn schon etwas passiert ist, wenn die Kranken sich selbst ernsthaft gefährden, oder anderen erheblichen Schaden zugefügt haben. Es geschieht an einem Sommertag im August 1991: Von meinem Büro aus vernehme ich im Seemannsheim unnatürlich schrille Schreie von der Straße Krayenkamp her. Als ich aus dem Fenster sehe, erblicke ich einen splitternackten Afrikaner, den seit Jahren im Hause bekannten und nie unangenehm aufgefallenen 36jährigen Maschinenwart A. aus Burkina Faso (Obervolta), der einem halben Dutzend seiner Landsleute, die ihn einfangen und ihm eine Hose anziehen wollen, erheblichen Widerstand entgegen-bringt. Mit Mühe nur gelingt es ihnen, den zappelnden Mann in die Eingangshalle des Seemannsheimes zu tragen und festzuhalten. Ich tippe so-fort auf Geisteskrankheit und rufe umgehend telefonisch Polizei und Krankenwagen herbei. Man schnallt den Kranken auf eine Bahre und bringt ihn ins Hafenkrankenhaus. Der weitere tragische Verlauf ist dann nur noch in Radiomeldungen und Zeitungsschlagzeilen zu verfolgen: „Er flüchtete aus dem Hafenkrankenhaus. Amoklauf auf der Reeperbahn. Nackter Afrikaner stach wahllos Passanten nieder. 10jährige in Lebensgefahr.“ Das „Hamburger Abendblatt“ berichtet: Ein Amokläufer hat am Sonntag im Hamburger Stadtteil St. Pauli sieben Gäste des Restaurants „Pfeffermühle“ und sich selbst mit einem Messer zum Teil schwer verletzt. Ein zehn Jahre altes Mädchen, ein 15jähriger Junge und er selbst schweben noch in Lebensgefahr. Nach Angaben der Polizei war der 36jährige Schwarzafrikaner am Sonntagmorgen ins Hafenkrankenhaus eingeliefert worden. Gegen 14 Uhr hatte er eine Krankenschwester niedergeschlagen und war dann nackt auf die Straße geflüchtet. Dort war alles ganz schnell gegangen. Wenige Minuten zuvor hatte Ilona H, ihre zehnjährige Tochter Magdalene noch im Arm gehalten. Dann kam A. aus dem Lokal am Millerntorplatz und stürzte mit einem 20 Zentimeter langen Messer auf die Mutter und ihre Tochter zu. Er stieß die Klinge zweimal in den Brustkorb des Mädchens und verletzte ihre Lunge. Ilona H., die 35 Jahre alte Mutter des Mädchens, schrie auf. Sie konnte die Stiche nicht abwehren: Der Amokläufer stach auch auf sie ein. Magdalene brach zusammen und blieb liegen, bis der Notarzt kam. Auch der 15 Jahre alte Schüler Ren‚ Ch. wurde lebensgefährlich durch Stiche verletzt. „Ich schrie den Mann an, er solle das Messer fallen lassen. Doch der Schwarze ist durchgedreht und hat auf nichts reagiert. Auf der Straße stieß er sich sechsmal das Messer in den Bauch und stürzte zu Boden.“ Polizeimeister Hartmut Junge, der als erster am Tatort Reeperbahn eintraf, kann nur stockend erzählen, was wenige Augenblicke zuvor passiert ist. Wir mussten ihn mit fünf Mann festhalten, damit er sich nicht selbst hinrichtet. Erst danach haben wir die anderen Verletzten gesehen“, so der Polizist. Gebannt sahen einige Gäste, die eben noch ruhig im Schatten der Sonnenschirme Eis löffelten oder Kaffee tranken, zu. Oder sie liefen weg, wie Peter Wnuck. Der 30jährige: „Du glaubst gar nicht, wie du in solch einer Situation rennst. Mich hat er zum Glück nicht getroffen.“ Je fünf Rettungs- und fünf Notarztwagen rasten zum Einsatzort. Sie versorgten die acht Verletzten, sechs von ihnen mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden. - Die Eindrücke, die sich bei den Augenzeugen eingeprägt haben, werden so schnell nicht auszulöschen sein. A. wird unter starker Polizeibewachung auf der Intensivstation des Hafenkrankenhauses wieder körperlich gesund gepflegt. Wegen seines psychischen Leidens muss er anschließend in ein geschlossenes Haus des Psychiatrischen Krankenhauses Ochsenzoll eingewiesen werden. Über ein Jahr später verfügt die Große Strafkammer beim Landgericht Hamburg seine unbefristete Unterbringung in der Psychiatrie...

Klappentext

Zeitgeschichte im persönlichen Erleben. Rückblicke eines evangelischen Diakons: Kriegskind - Weg zur Kirche und Jugend im Nachkriegs-Mecklenburg - Fünf Jahre harte Schule im Rauhen Haus in Hamburg: Vom Werden eines Diakons - Fürsorger bei jungen Bergleuten, Stahlwerkern und Bierbrauern in Dortmund - Geschäftsführer bei der Inneren Mission im malerischen Soest in Westfalen. 27 Jahre als „Himmelslotse“ mit Sealords aus allen Kontinenten unter einem Dach im Seemannsheim in der Weltstadt Hamburg im Schatten des Michels. Die letzten großen Tage deutscher Seemannschaft und ihr langsamer Niedergang engagiert vor Ort miterlebt in unaufdringlicher christlich-diakonischer Präsens inmitten harter Lebenswirklichkeit „christlicher Seefahrt“. Rückblicke und Reflexionen im Ruhestand.

Rezension