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Bücher Zeitzeugen
Buch Leseprobe Ostwind, Michaela Böckmann
Michaela Böckmann

Ostwind



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Mein Vater, zum damaligen Zeitpunkt Abteilungsleiter für Obst, Gemüse und Speisekartoffeln im Ministerium für Handel und Versorgung und mein Schwiegervater bei den bewaffneten Organen - gab es wohl für uns Kinder bei der Partnerschaftswahl einige Regeln zu beachten. So war es wichtig, „kaderpolitisch" einwandfrei zu sein. Wenn ich ehrlich bin, war mir das persönlich völlig gleichgültig und ich hätte für eine Liebe darauf keine Rücksicht genommen. Aber, wie der Zufall es wollte, wir waren es ja. Keine West-Verwandtschaft, na gut, keine, mit der wir persönlichen Kontakt pflegten. Die Welt war also grundsätzlich in Ordnung.


Es unterschieden sich aber die Familien in ihrer persönlichen Lebensweise in einigen Punkten ungemein. Dirks Vorfahren und Wurzeln, die in Mecklenburg-Vorpommern zu finden sind, väterlicherseits, hochgebildet und in entsprechenden Berufen tätig, verschrieben ihr Herz, aufgrund ihrer Kriegs- und Lebenserfahrungen, ohne Wenn und Aber, dem Sozialismus. Mütterlicherseits sah es da etwas anders aus. Politisch doch eher skeptisch, zurückhaltend und manchmal kritisch, hielt man immer persönlichen Kontakt zu denen, die sich irgendwann auf den Weg gemacht und nun im „Westen" wohnten. So gab es zwischen diesen beiden Parteien immer eine gewisse Disharmonie.


Dagegen waren die Wurzeln meiner Familie ausschließlich in Berlin zu finden und gehörten eher der Arbeiterklasse an. Mein Vater war bis dahin von ihnen wohl der Erste und einzige, der eine höhere Bildung genoss. Auch hier trennten sich die persönlichen Ansichten ungemein. Väterlicherseits fühlte man mit dem Herzen rot, mütterlicherseits gab es ein paar braune Punkte in der Vergangenheit, die man bitter bezahlte. Später hielt man sich auf dieser Seite bedeckt und sehr zurückhaltend. Zu meinem Vater, der damals Mitglied der SED* wurde, sagte meine Oma Hildchen: "Manfred, es gibt kein tausendjähriges Reich. Vergiss das nie. Alles hat einmal ein Ende, auch dieses System." Dass sie recht behalten würde, ahnte damals natürlich noch niemand. Durch ihren Tod im Jahre 1988 blieb meiner Oma diese Erfahrung, mit allen Folgen für die Familie, glücklicherweise erspart.


Auf beiden Seiten gab es durch den Mauerbau natürlich Trennungen und Schicksale. Ein Teil der Familie war, von einem Tag zum andern, nicht mehr erreichbar.


Dies wurde aber von beiden Seiten völlig unterschiedlich verarbeitet.


Oder mein Vater, der im Osten lebte, lernte und arbeitete, aber im Westen Fußb


Obwohl, wie ich bereits schrieb, in den Wurzeln und auch im Herzen rot, hielten wir uns nicht immer an die Maxime der Partei.


Das Westfernsehen zum Beispiel, das seit meiner frühesten Kindheit zu meinem Leben gehörte, war bei Dirk zu Hause absolut tabu. Natürlich schauten sie manchmal, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, mit der Mutti, aber das waren Ausnahmen. So musste ich ihm ganz sensibel, so dachte ich jedenfalls, beibringen, dass es bei uns etwas anders läuft. Es störte ihn aber nicht die Bohne. Im Gegenteil, von nun an saß man gemeinsam vor der Röhre und schaute den Fußball, hier und dort.


Mir fällt in diesem Zusammenhang eine, daraus resultierende, Geschichte ein. Mein Bruder Torsten, damals vielleicht vier oder fünf Jahre alt, antwortete auf die Frage, was er am Abend im Fernsehen gesehen hatte so, wie er es verstanden hatte: „Das weiß ich nicht mehr, übers Fernsehen darf man nämlich nicht sprechen". Ja, er nahm es eben mit der Wahrheit sehr genau und natürlich, eine peinliche Situation für meine Eltern. Genauso hätte er auch sagen können: „Na Westen." So war es aber wohl in vielen Familien, es gab zwei Wahrheiten, was uns Kinder manchmal wirklich in Schwulitäten brachte.


Dennoch war ich in der Lage, mein eigenes Weltbild zu entwickeln. Trotz der Beschallung aus dem Westen - von der Regierung gefürchtet und deshalb unerwünscht -, war ich von der Idee des Sozialismus von ganzem Herzen überzeugt und engagierte mich im Laufe der Jahre entsprechend. Ich konnte aber auch mit kritischen Stimmen umgehen, wenn ich die Beweggründe verstand, sorgten sie doch dafür, Fehlentwicklungen zu erkennen, zu korrigieren und bedeuteten für mich, Verbesserung und Weiterentwicklung.


Auf die Frage, wie er Freiheit definiert, antwortete mein Vater: "Schon Rosa Luxemburg sagte, Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden!" Auch wenn ich das zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz verstand, prägte mich diese Sicht später in entscheidender Weise.  


all spielte. Sehr begabt und vielleicht eine Karriere vor sich, musste er sich dann entscheiden.


Obwohl, wie ich bereits schrieb, in den Wurzeln und auch im Herzen rot, hielten wir uns nicht immer an die Maxime der Partei.


Das Westfernsehen zum Beispiel, das seit meiner frühesten Kindheit zu meinem Leben gehörte, war bei Dirk zu Hause absolut tabu. Natürlich schauten sie manchmal, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, mit der Mutti, aber das waren Ausnahmen. So musste ich ihm ganz sensibel, so dachte ich jedenfalls, beibringen, dass es bei uns etwas anders läuft. Es störte ihn aber nicht die Bohne. Im Gegenteil, von nun an saß man gemeinsam vor der Röhre und schaute den Fußball, hier und dort.


Mir fällt in diesem Zusammenhang eine, daraus resultierende, Geschichte ein. Mein Bruder Torsten, damals vielleicht vier oder fünf Jahre alt, antwortete auf die Frage, was er am Abend im Fernsehen gesehen hatte so, wie er es verstanden hatte: „Das weiß ich nicht mehr, übers Fernsehen darf man nämlich nicht sprechen". Ja, er nahm es eben mit der Wahrheit sehr genau und natürlich, eine peinliche Situation für meine Eltern. Genauso hätte er auch sagen können: „Na Westen." So war es aber wohl in vielen Familien, es gab zwei Wahrheiten, was uns Kinder manchmal wirklich in Schwulitäten brachte.


Dennoch war ich in der Lage, mein eigenes Weltbild zu entwickeln. Trotz der Beschallung aus dem Westen - von der Regierung gefürchtet und deshalb unerwünscht -, war ich von der Idee des Sozialismus von ganzem Herzen überzeugt und engagierte mich im Laufe der Jahre entsprechend. Ich konnte aber auch mit kritischen Stimmen umgehen, wenn ich die Beweggründe verstand, sorgten sie doch dafür, Fehlentwicklungen zu erkennen, zu korrigieren und bedeuteten für mich, Verbesserung und Weiterentwicklung.


Auf die Frage, wie er Freiheit definiert, antwortete mein Vater: "Schon Rosa Luxemburg sagte, Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden!" Auch wenn ich das zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz verstand, prägte mich diese Sicht später in entscheidender Weise.  


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