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Buch Leseprobe Kurzes Glück, Britta Schiemes
Britta Schiemes

Kurzes Glück



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Prolog


In diesem Buch möchte ich ein Zeichen setzen für Florian und für alle Kinder, die viel zu früh verstorben sind und versterben werden. Zu Anfang habe ich überlegt, ob ich das komplette Buch in Kleinbuchstaben schreibe als Zeichen derer, die viel zu früh von uns gehen mussten. Ich kam zu dem Ergebnis, dass diese Seelen unseren größten Respekt verdienen und werde deshalb auch Großbuchstaben verwenden. Durch Florians kurzes Leben habe ich sehr viel gelernt und eine neue Lebenseinstellung bekommen. Genau deshalb war sein kurzes und nicht immer sehr schönes Leben voller Sinn. Florian war ein ausgesprochen tapferes Kind. Er hat bis zu seinem Tod aufs Äußerste gekämpft und ist nicht nur einmal dem Tod entflohen. Doch nach 26 Wochen hatte sein kleiner Körper keine Kraft mehr. Es war nicht nur für ihn, sondern auch für mich und die ganze Familie das Beste. Ich wünsche es keinem Menschen, dass er so leiden muss. Viele glauben vielleicht an dieser Stelle, wie kann man nur so denken und das würde mir nie passieren. Ich kann Ihnen versichern, dass dies ein großer Irrtum ist! Es kann jeden von uns treffen, deshalb schreibe ich dieses Buch. Wenn ich durch das Buch nur einem einzigen Menschen helfen kann, ihm zeige, dass er nicht alleine ist, hat es seinen Sinn erfüllt. Auch soll es ein letztes Geschenk an Florian sein und meinem Dank an die Ärzte und Schwestern der Kinderklinik nochmals einen besonderen Ausdruck geben. Ich bin aufs Höchste bemüht, alles ungeschminkt und unverschönt niederzuschreiben. Auch werde ich versuchen meine Gefühle wieder zu erwecken, um sie dem Leser nahezubringen und zu gegebener Zeit ziehen zu lassen. Wenn ich auch weiß, dass dieser Weg sehr steinig und schmerzhaft werden wird, muss ich ihn gehen um frei zu sein. Was mich während des Weges erwartet, kann ich an dieser Stelle nicht sagen. Ich lade Sie ein diesen Weg mit mir gemeinsam zu gehen. Verfasst 1992


1. Kapitel


Es war der 23. Februar 1986, mein 23. Geburtstag. Ich fühlte, dass ich schwanger war, da war ich mir ganz sicher. Welches Geschenk hätte schöner und größer sein können? Natürlich keines! Es war das schönste Geschenk meines Lebens. Einen Tag später wusste ich es mit Gewissheit. Der Arzt bestätigte nach einer eingehenden Untersuchung und meiner Temperaturkurve mein Gefühl und gratulierte mir. Vielleicht ist noch zu erwähnen, dass ich zu diesem Zeitpunkt mit der morgendlichen Temperaturmessung feststellen sollte, ob ich überhaupt einen regelmäßigen Eisprung hatte. Meine Kurve sah völlig anders aus als die Abgebildete auf dem Vordruck. Mein größter Wunsch ging in Erfüllung. Ja, Florian war ein absolutes Wunschkind! Mein Mann baute gleich eine wunderschöne Wiege, wir ließen sie bemalen und ich nähte einen blau-weißen Himmel. Die Vorfreude war so unsagbar groß. Aber schon sehr bald hatte ich das Gefühl, dass irgendetwas nicht in Ordnung war. Ich wusste vom Gefühl her, dass es ein Junge wird. Auch sagte mir mein Bauchgefühl, dass er entweder behindert oder Tod auf die Welt kommen würde. Ich weiß nicht warum, aber ich war mir dessen sicher. Jeder hielt mich für verrückt, selbst mein Frauenarzt konnte mich nicht ernst nehmen. Wie auch? Es gab keine Anhaltspunkte dafür, also wer sollte mir glauben? Ich vertraute meinen Gefühlen! Zu dieser Zeit stand ich kurz vor meiner Abschluss-prüfung zur Stenokontoristin. Ich absolvierte eine Umschulung. Nie hätte ich damit gerechnet, dass ich sofort schwanger werden würde. Ich hatte eher angenommen, dass es einige Monate dauern würde, bis sich mein Wunsch erfüllt. Durch die Schwangerschafts-übelkeit und die Kreislaufschwierigkeiten, die bei mir den ganzen Tag anhielten, fiel ich einige Zeit in der Schule aus. Ich musste viele Arbeiten nachschreiben, was vermutlich für mich während der Schwangerschaft zu stressig war. Meine Beschwerden wurden immer schlimmer und ich musste oft zum Arzt gehen. Wegen meines Zustandes untersagte er mir ausdrücklich, weiterhin an der Ausbildung mitzuwirken und an der Prüfung teilzunehmen. Er brachte zum Ausdruck, dass es sowohl für mich als auch für das Baby eine große Gefahr mit sich bringe, wenn ich seiner Aufforderung nicht Folge leiste. Schweren Herzens folgte ich den Anweisungen des Arztes. So kurz vor der Prüfung war es schon sehr enttäuschend gewesen, aber die Freude auf mein Kind siegte. Außerdem wäre ich um keinen Preis der Welt bereit gewesen meinem Kind zu schaden. Fast die ganze Schwangerschaft hindurch musste ich alle zwei Wochen zum Frauenarzt. Mein Blutdruck war zu hoch und ich hatte fast ausschließlich mit Übelkeit zu kämpfen. Es nahm kein Ende, so gut es mir am Anfang auch ging. Ich dachte schon, ich würde von den Begleiterscheinungen verschont bleiben. Welch ein Irrtum dies war! Dennoch genoss ich die Schwangerschaft. Ich habe alles ganz bewusst erlebt, so wie ich es mir immer gewünscht habe. Ich möchte die Zeit der Schwangerschaft und die Geburt niemals missen. Zu den Ultraschalluntersuchungen nahm ich meine Nichte Mirjam mit und bei der zweiten Untersuchung konnte der Arzt ihr auch endlich ihre Frage beantworten. Sie hatte schon bei der ersten gehofft von ihm zu hören, dass es ein „Mädchen“ wird. Leider musste sie erfahren, dass es ein Junge wird und ihre Enttäuschung war nicht zu übersehen. Schnell konnten wir sie aber davon überzeugen, dass das Geschlecht unwichtig sei, und dass im Vordergrund die Gesundheit des Babys stand. Trotz aller Freude war die Schwangerschaft sehr beschwerlich für mich. Die Übelkeit und die 27 kg die ich zugenommen hatte belasteten mich sehr. Zum Ende der Schwangerschaft hatte ich mit dem Laufen große Schwierigkeiten. Ungeachtet dessen musste ich vor der Geburt sehr viel gehen, damit die Wehen einsetzen. Vermutlich wehrte sich Florian mit aller Kraft gegen die Geburt. Da trotz aller Bemühungen keine Wehen einsetzten, musste ich am 5. November an einen Wehentropf. Dieser führte nach ca. 30 Minuten zum gewünschten Ziel. Mir oder besser gesagt uns standen nun 29 harte Stunden bevor. Ich wollte auch in dieser Zeit alles ganz bewusst erleben, aber ganz ohne Schmerzmittel bin ich dann doch nicht ausgekommen. So bekam ich für die Nacht ein Zäpfchen, dass ich wenigstens mal ein paar Minuten zur Ruhe komme. Die Wehen kamen Schlag auf Schlag. An Schlaf war für mich trotz Medikament nicht zu denken. Die längste Wehenpause lag bei zehn Minuten. Sobald ich merkte, dass es wieder los ging musste ich mein Bett verlassen, denn im Liegen waren die Schmerzen nicht zu ertragen. Bei den geringsten Anzeichen einer Wehe stützte ich mich auf die Fensterbank, so konnte ich den Schmerz besser aushalten. Zum Glück stand mein Bett direkt am Fenster und ich konnte mir den langen Weg ersparen. Es war die angenehmste Haltung. In der Badewanne, auf der Toilette oder mit einer Rückenmassage konnte ich die Wehen nicht ertragen. Ich konnte die Frauen, die im Wasser entbinden, nicht verstehen. Jedoch ist mir heute schon bewusst, dass jeder diese Situation anders empfindet. Mein Mann ist abends nach Hause gefahren. Die Hebamme erklärte ihm, dass es in dieser Nacht bestimmt nicht zur Geburt käme und es sinnlos wär, ebenfalls die Nacht in der Klinik zu verbringen. Außerdem könnte sie immer noch anrufen, wenn es losgehen würde. Ich war darüber nicht böse, doch meine ich aus heutiger Sicht, ein Mann sollte seine Frau in dieser Situation niemals allein lassen! Morgens war ich völlig erschöpft, ich hatte keine Kraft mehr und fühlte mich bis aufs Letzte ausgelaugt. Schon in den frühen Morgenstunden wurde ich von meinem Frauenarzt untersucht, denn ich hatte eine leichte Blutung. Er meinte ich würde im Laufe des Tages spontan entbinden. Ich war so froh dass es mein Gynäkologe war, ihm vertraute ich. Wie gut, dass er in dem Krankenhaus Belegarzt war. Obwohl ich vor der Untersuchung völlig entkräftet war und glaubte nicht mehr zu können, bekam ich durch diese gute Nachricht so viel Energie, dass ich das Gefühl hatte, die letzten Stunden hätten es nie gegeben. Es war ca. 8.00 Uhr und ich freute mich so sehr auf mein Baby. Als ich aus dem Untersuchungszimmer kam, lief mir mein Mann schon entgegen. Ich erzählte ihm von der positiven Neuigkeit. Auch er freute sich sehr darüber, denn er ist in solchen Fällen eher ein ängstlicher Typ. Ich sprühte nur so vor Optimismus und meine Euphorie ließ mich die Wehen um vieles leichter ertragen. In der Schwangerschaftsgymnastik sagte die Hebamme, dass wir bei jeder Wehe denken sollen, „diese Wehe bringt mir mein Kind näher, bald werde ich mein Baby im Arm halten.“ Und weil dies mein größter Wunsch war, sagte ich mir diesen Satz immer vor. Auch, dass es sein muss und die Schmerzen ein Teil der Geburt seien. Wer ein Kind will, muss auch bereit sein, alles anzunehmen was dazu gehört. Am späten Nachmittag öffnete sich der Muttermund nicht mehr weiter. Er blieb bei sechs cm stehen und so beschloss die Hebamme den Arzt zu informieren, da ein Kaiserschnitt nun unerlässlich wäre. Meine Kraft war zu diesem Zeitpunkt auch wieder auf dem Nullpunkt angelangt. Jeglicher Optimismus war aus meinen Gedanken gewichen. All meine Illusionen von einer natürlichen Geburt wurden nun aus mir verbannt. Die Hebamme machte mich für die Operation bereit und legte mir einen Antiwehentropf an. Der allerdings zeigte in keinster Weise seine Wirkung. Nach ca. einer Stunde schob die Schwester mich in den von mir so gefürchteten Operationssaal. Seit meiner Kindheit bin ich nicht mehr operiert worden und es machte mir wahnsinnige Angst. Mein Mann wartete vor dem OP-Raum auf uns, denn damals durfte niemand mit hinein gehen. Es wurden fast ausschließlich Vollnarkosen gemacht. Mein ganzer Körper zitterte und ich war mit den Nerven ziemlich am Ende, so sehr fürchtete ich mich vor der Narkose. Eine OP-Schwester versuchte mich zu beruhigen, leider ohne Ergebnis. Erst als mein Arzt zu mir kam und beruhigend auf mich einredete, konnte ich mich etwas entspannen. Meine Wehen waren immer noch genauso stark wie vorher, was keiner verstehen konnte. Als der Narkosearzt meine Hand nahm, sah er den Grund. Meine Vene war ganz entzündet und verstopft und die Flüssigkeit hatte sich in meiner Hand unter der Haut angesammelt. Es musste eine neue Nadel gelegt werden und dann ging alles ganz schnell. Nach wenigen Augenschlägen war ich eingeschlafen und bekam vom Jetzt und Hier nichts mehr mit. Am 6. November 1986 erfüllte sich mein sehnlichster Wunsch - mein Kind wurde geboren! Wenn auch durch Kaiserschnitt und mit elf Tagen Verspätung, erblickte Florian um 19:26 Uhr das Licht der Welt. Ich wurde vom Narkosearzt mit den Worten „Sie haben einen Jungen“ geweckt. Aber das wusste ich ja schon längst! Ich war so benommen, begriff auch gar nicht was los war und schlief sofort wieder ein. Erst als ich vom OP-Tisch ins Bett gehievt wurde, kam ich zu mir. Diese Aktion war das Schlimmste an dem Kaiserschnitt. Ich hatte dabei höllische Schmerzen, so sehr, dass ich ganz wach wurde. Dann erst wurden mir die Worte des Arztes bewusst. Ich hatte es hinter mir und ich bin tatsächlich wieder aufgewacht. Eine Schwester schob mein Bett auf die Wachsta-tion, wo ich einen ganzen Raum für mich alleine hatte. Ich war bei vollem Bewusstsein und musste warten. Langsam wurde ich ungeduldig, ich wollte Florian endlich bei mir haben. Nach einiger Zeit kam mein Mann und sagte, dass die Säuglingsschwester mir Florian bald bringen würde. Auch erzählte er mir, dass er schon Fotos von Florian gemacht habe, und dass der Kleine sehr müde sei. Kein Wunder dachte ich, er hat ja dieselben Anstrengungen aushalten müssen wie ich. Der Arme, wenn ich gekonnt hätte wäre ihm die lange Prozedur erspart geblieben. Die Schwester meinte er sei gesund, sein Apgar war gut - 09 / 09 / 10 - Punkte hatte er erreicht. Beim Apgar-Test werden z. B. verschiedene Funktionen und Nabelschnur-Aterienblut untersucht. Danach werden Punkte gegeben, wobei 10 die höchste und beste Punktzahl ist. Florian wurde durch Sectio wegen Geburtsstillstand im Beckeneingang entbunden. Er war 55 cm groß und 4.480 g schwer. Es ging mir sehr gut, die Narkose hatte ich gut vertragen, keinerlei Übel- oder Müdigkeit waren zu spüren. Ich war überglücklich, dass sich meine Gefühle von der Behinderung oder Totgeburt nicht bestätigt hatten. Erst um 21.30 Uhr brachte mir die Schwester mein Baby. Florian sah genauso aus wie ich mir mein Kind vorgestellt hatte. Nur war er sehr dick. Florian war voller Wasser, genau wie ich. Erst nach einer Woche war das Wasser aus seinem kleinen Körper abgebaut. Er war so süß, seine dunklen Haare und die zarte Haut war kein bisschen verschrumpelt. Ich genoss es in vollen Zügen, endlich meinen Florian bei mir zu haben und ihn beobachten zu können. Er roch so gut nach Baby und er fühlte sich so wunderbar an. Seine Augen standen leicht schräg, so dass man meinen konnte, es wäre irgendetwas Asiatisches im Blut. Florian hatte eine kleine Stirn und wunderschöne blaue Augen, die in der Farbe auch so blieben. Ich war so stolz und am liebsten hätte ich die ganze Welt umarmt vor lauter Glück. So wie jede Mutter glaubte auch ich, mein Kind sei das schönste der Welt. In der Schwangerschaft hatte ich wie schon gesagt 27 kg zugenommen. Mein Arzt schimpfte immer, ich solle nicht so viel essen. Dabei ernährte ich mich ausschließlich von Obst, Salat und Fisch. Zu Hause schimpfte dann mein Mann, ich sollte mehr essen. Jedem sollte ich es recht machen und dies belastete zusätzlich nach der Gewichtszunahme massiv. Mein Wunsch war nur, dass ich mich gesund ernährte, um meinem Baby alles zu geben, was es in der Schwangerschaft braucht. Liebe und Gesundheit sind so enorm wichtig für das Ungeborene. Ich trank keinen Alkohol und rauchte nicht. Mein ganzes Leben richtete ich nach meinem Wunschkind, ich wollte nur das Beste für uns beide. Nachdem die Schwester mir mein Kind gebracht hatte, blieb Florian eine Stunde bei mir, dann holte die Kinderschwester Florian wieder und brachte ihn ins Kinderzimmer. Wie ich diese Stunde genossen habe. Nie zuvor hatte ich so ein intensives Gefühl verspürt, als in dem Moment, in welchem Florian in meinem Arm lag. Die ganze Nacht dachte ich nur an ihn und ich konnte es kaum abwarten Florian wiederzusehen. Vor lauter Aufregung konnte ich nicht schlafen, ich sehnte mir den Morgen herbei. Als es endlich soweit war, musste ich noch bis zum späten Vormittag warten, bis ich endlich auf die Station durfte. Es war kein Bett in einem Privatzimmer frei gewesen. Nun war ich nicht nur ungeduldig, sondern auch sauer. Den ersten halben Tag lag ich dann in einem Dreibettzimmer. Dort wollte ich allerdings nicht bleiben, da keine Toilette in dem Zimmer war. Auch brachte man mir dort Florian nicht. Ich hatte kein Verständnis dafür, dass ich aus Platzmangel auf mein geliebtes Kind warten musste. Warum man mir dort mein Kind nicht bringen wollte, weiß ich bis heute nicht. Mittags wurde endlich Langeweile und Wut durch die Verlegung in ein anderes Zimmer abgelöst. Kurz nachdem ich im Zimmer war, kam eine Krankenschwester und brachte mir Florian. Ich war völlig aufgeregt und irgendwie konnte ich mein Glück immer noch nicht fassen. Auch wenn ich Florian nicht richtig in meine Arme nehmen konnte, versuchte ich es so gut es ging. Ich drehte ihn so, dass ich ihn ansehen konnte. Ich hatte das Gefühl, ihm gefielen diese Momente genauso wie mir. Auch glaube ich, wir genossen diese Situationen gleichermaßen. Meine Liebe für ihn war unermesslich groß! Der erste Besuch kam. Mein Mann und ich waren so stolz meiner Schwiegermutter ihren Enkel vorstellen zu dürfen. Sie suchte gleich nach Ähnlichkeiten. Uns als Eltern kam dieser Gedanke gar nicht, wir fanden ihn einfach nur süß und waren glücklich. Doch nach kurzer Zeit holte die Säuglingsschwester Florian wieder. Er müsse abgesaugt werden, da er immer noch Wasser in den Lungen hatte. Plötzlich kam der Kinderarzt an mein Bett und teilte uns mit, dass Florian ins Kinderkrankenhaus verlegt werden muss, er hätte Anpassungsschwierigkeiten. Mein Gefühl, dass mit Florian etwas nicht stimmen könnte, kam sofort zurück. Ich hatte solche Angst Florian zu verlieren - Panik breitete sich in mir aus! Sollte mein Gefühl doch Recht behalten? Man versuchte mich zu beruhigen und meinte die lange Geburt hätte ihn ziemlich mitgenommen. Ich verstand nicht, warum die Krankenschwester nicht gesagt hatte, dass der Kinderarzt käme und das Absaugen vorschob. Mein Mann wäre dann doch mitgegangen. Anscheinend wollte die Schwester allein mit dem Arzt reden! Hatte sie uns etwas zu verheimlichen? Mein Misstrauen wuchs und ich wollte mich nicht beruhigen lassen. Weiter erklärte man uns, dass viele Kinder auch bei normalen Geburten des Öfteren Schwierigkeiten mit der Atmung haben. Ich war völlig überfordert und meine Angst wurde dadurch in keinster Weise gedämpft. Zwei Tage nach der Entbindung kam der Kinderarzt noch einmal zu mir und meinte meine Angst sei völlig unbegründet, denn schon in zwei Wochen wäre Florian bei uns zu Hause. Weitere Tage voller Angst und Ungewissheit vergingen. Mir fehlte das Vertrauen zu dem Arzt. Mein Mann war in jener Zeit nervlich auch sehr angegriffen, was das Zunehmen meiner Ängste nicht schmälerte. Im Gegenteil, ich steigerte mich förmlich in meine Situation, was mich noch stärker verunsicherte. Warum kam der Arzt in seiner Freizeit zu mir (er betonte dies besonders, weil er sauer war, dass ich mich nicht normal verhalten konnte) und warum war mein Mann nervlich so am Ende? Wussten sie mehr als ich? Ständig glaubte ich, man würde mir etwas verschweigen oder mich sogar belügen. Ich vermutete, dass sie mich nur verschonen wollten, damit ich mich von dem Kaiserschnitt erhole. Ich wollte es genau wissen und fragte deshalb wiederholt meinen Gynäkologen, ob ich nicht in die Kinderklinik fahren dürfe. Da der Arzt meinte, ich müsste erst ganz gerade laufen können, biss ich die Zähne zusammen und arbeitete hart an meiner Genesung. An einer Stelle der Naht tat es sehr weh, vermutlich weil ein Faden zu stramm gezogen worden war. Am 10. November war mein Ziel erreicht und ich konnte aufrecht gehen. Florian war jetzt knappe vier Tage alt und ich durfte zu ihm. Endlich konnte ich mich selbst von seinem Zustand überzeugen und nachsehen, ob es ihm auch wirklich gut geht. Mein Kreislauf spielte noch nicht ganz mit und so brauchte ich auf halbem Weg in der Kinderklinik einen Stuhl, um mich zwischendurch auszuruhen. Doch ich wollte so schnell wie möglich auf die Säuglingsstation, darum ging ich nach wenigen Minuten weiter. Er war so süß. Ich kann das Gefühl kaum beschreiben. Er lebte! Eine meiner größten Ängste war es, ihn zu verlieren. Er lag im Brutkasten und ich durfte ihn nicht auf den Arm nehmen. Es tat mir sehr weh, weil ich ihn doch noch nie richtig an mich drücken konnte. Als ich ihn durch die winzige Öffnung des Brutkastens streichelte, wurde ich spürbar ruhiger. Der Professor kam und erlaubte den Brutkasten kurz zu öffnen, damit wir Florian fotografieren konnten. Kurz vorher hatten wir die Oberschwester gefragt, ob wir ein paar Bilder machen dürfen, aber sie hat es uns verboten. So war es wie Öl, dass mir die Kehle runterlief, als der Professor das Verbot aufhob. Nicht wegen der Schwester, sondern einfach, weil wir Florian nun doch bildlich festhalten durften. Doch Florian weinte nur, der Glaskasten gab ihm anscheinend die nötige Sicherheit, so dass er das Öffnen nicht wollte. Solange ich bei meinem Kind war, war ich sehr ausgeglichen. Doch musste ich zurück in die Entbindungsklinik, beschlich mich sofort wieder diese Unruhe. „Oh, wie ich dieses Kind liebte und auch heute noch liebe!“ Durchleben sie in den nächsten Kapiteln mit mir zusammen Florians kurzes Leben, meine Ängste und mein Glück!


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