Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern


Kategorien
> Zeitzeugen > Karlheinz Franke - Diakon des Rauhen Hauses
Belletristik
Bücher Erotik
Esoterik Bücher
Fantasy Bücher
Kinderbücher
Krimis & Thriller
Kultur Bücher
Lyrikbücher
Magazine
Politik, Gesellschaftskritik
Ratgeberbücher
regionale Bücher
Reiseberichte
Bücher Satire
Science Fiction
Technikbücher
Tierbücher
Wirtschaftbücher
Bücher Zeitzeugen

Login
Login

Newsletter
Name
eMail

Bücher Zeitzeugen
Buch Leseprobe Karlheinz Franke - Diakon des Rauhen Hauses, Karlheinz Franke
Karlheinz Franke

Karlheinz Franke - Diakon des Rauhen Hauses


Autobiographie - Band 12 in der gelben Zeitzeugenbuchreihe von Jürgen Ruszkows

Bewertung:
(271)Gefällt mir
Kommentare ansehen und verfassen

Aufrufe:
3706
Dieses Buch jetzt kaufen bei:

oder bei:
Direktbezug bei Jürgen Ruszkowski, Nagelshof 25 (Hobökentwiete 44/32 )%2
Drucken Empfehlen
Vorwort des Verfassers
Biographie Karlheinz Franke
Frühe Kindheit
Küstrin
Köslin
Schulzeit
Gnesen
Flucht nach Wildau bei Berlin
Kriegsende 1945
Müllrose
Tischlerlehre
Go west
Bauernknecht
Rheinschiffer
Auf der Walz
Wieder sesshaft
Seefahrt
Hilfsarbeiter
Bergmann
Heimvolkshochschule Hermannsburg
Diakonenausbildung im Rauhen Haus in Hamburg
Brüderhof
Cuxhaven
Wieder im Rauhen Haus
Wohlfahrtspflegerexamen am 18. März 1958
Verlobung am 20. April 1958
Diakonenexamen am 2.3.1959
Heirat am 24.4.1959
Lehrlingsheim in Schwelm
Kindererholungsheim in Bad Rothenfelde
Marthastiftung in Rahlstedt
Altenheim in Boppard
Altenheim Wildeshausen
Sozialstation Amelinghausen
Diakonisches Werk Bremen

Namensregister Diakone und Theologen
Bezugshinweise Buchempfehlungen

Im Internet:
http://rauheshausbruder.klack.org/seite2.html
http://freenet-homepage.de/seamanstory/franke_see.htm

Leseprobe:
Nachts haben wir meistens im Keller oder im kurz zuvor erbauten Luftschutzstollen geschlafen, da in und um Berlin herum viele Bomben abgeworfen wurden.

Kriegsende 1945
Am 2. April hörten wir dann das Donnern der näherkommenden Kanonen und Panzer und gingen in den Stollen, 40 Meter tief unter der Erde. Bald darauf kam ein Trupp deutscher Soldaten durch den Stollen, und meine Tante sagte zu ihnen: „Macht, dass ihr wegkommt, die Russen sind schon da.“ Aber ein Soldat erwiderte: „Wir sind SS und keine Wehrmacht, wir kennen keine Angst.“ Kurz darauf kamen dann die Russen und trieben uns nach draußen. Da wurden alle Männer aussortiert. Mich wollten sie auch mitnehmen, aber meine Mutter schimpfte auf Polnisch mit ihnen, dass ich noch ein Kind sei, da ließen sie mich bei ihr.

Die Fremdarbeiter verließen ihr Lager und plünderten den Ort Wildau völlig aus. Dann zogen sie in ihre Heimatländer. Auch an Direktor Stamm, den die Russen mitgenommen hatten, meinten sie Rache nehmen zu müssen, und zündeten die Direktorenvilla an, die bis auf die Kellermauern niederbrannte. Dadurch verloren wir auch noch die letzten Kleidungsstücke und das Geschirr, das uns Tante Martha aus Berlin gebracht hatte. Tante Hilda aus Berlin hatte selber nichts mehr, da sie ausgebombt war und mit ihrer Familie in einer notdürftig reparierten Ruine lebte. Die zweite Plünderungswelle brach durch die russischen Nachschubsoldaten mit ihren kleinen Panjewagen über uns herein. Da wurde ich auch noch meine Stiefel los und musste ein freundliches Gesicht dazu machen. Den Pelzmantel ließ man mir, weil der Mai schon sehr warm war. Er hat mir in dem kommenden Winter als Zudecke nachts gute Dienste geleistet. Wir wurden durch den Bürgermeister bei einem älteren Ehepaar untergebracht, das uns ein Zimmer abgeben und in seiner Küche kochen lassen musste. Wasser und Strom gab es nicht. Zur Verrichtung unserer Notdurft mussten wir in die Büsche der Dahmewiesen gehen. Onkel Fritz und Tante Trudchen hatten es noch am besten getroffen, sie wohnten allein in einer Gartenlaube. Hier tagte dann auch regelmäßig der Familienrat, zog Bilanz und plante die weitere Zukunft. Onkel Fritz hatte noch mit erfrorenen Füßen flüchten und sich bis Wildau durchschlagen können. Onkel Alfred war mit Pferd und einer Kutsche von Gnesen bis Frankfurt/Oder und die letzten 100 km zu Fuß nach Wildau gekommen. In den letzten Kriegstagen war er noch nach Hannover eingezogen worden und galt seitdem als vermisst. Onkel Rudi galt schon längere Zeit nach Kämpfen mit Partisanen in Jugoslawien als vermisst. Onkel Hermann war in amerikanischer, mein Vater in Sibirien in russischer Gefangenschaft. In Wildau kursierte das Gerücht, der Bürgermeister sollte zum sowjetischen Ortskommandanten gesagt haben, er solle doch die vielen Schwarzmeerdeutschen wieder nach Russland zurückschicken, besser auch gleich alle Flüchtlinge in die Sowjetunion bringen, da er sie nicht ernähren könne. Daraufhin haben wir eine zweirädrige Karre organisiert, unser Gepäck darauf geladen und sind die 50 km nach Berlin gezogen. Unterwegs brach ein Rad, und jeder musste bei der Hitze seinen Rucksack selber tragen. So standen wir unverhofft bei Tante Martha in Wilmersdorf vor der Tür. Glücklicherweise war ihre Nachbarin verreist, und wir konnten deren Wohnung mitbenutzen, da sie den Schlüssel bei Tante Martha abgegeben hatte. In Berlin gab es für uns keine Zuzugsgenehmigung und keine Lebensmittelkarten, und nun musste jeder seinen eigenen Weg gehen. Tante Anni beschloss, mit ihren beiden Kindern in den Westen zu gehen, ebenfalls Tante Else und Frau Schiewe, die im Laden zusammengearbeitet hatten. Onkel Fritz und Onkel Hermann übernahmen jeder eine 20 Morgen große Siedlerstelle des aufgeteilten Gutes in Klotzen bei Rathenow, wo sie im Schloss wohnen konnten. Tante Irma und meine Mutter beschlossen, nach Frankfurt/Oder zu ziehen, wo sie hofften, bei Verwandten unterzukommen. Wir fuhren die 80 km in zwei Tagen und einer Nacht auf einem Güterzug, der mit demontierten Maschinen in Richtung Sowjetunion rollte und wurden unterwegs ständig von plündernden Polen und Russen belästigt, die meine Mutter mit polnischen Schimpfwörtern verscheuchte. In Hohenwalde gab es keine Möglichkeit für uns, da das Elternhaus meines Vaters schon bis unters Dach voll belegt war.

Müllrose
Im Juli 1945 kamen wir in Müllrose an, einer märkischen Kleinstadt südlich von Frankfurt von etwa 2.000 Einwohnern. Bei einer Schwester meines Vater, die zwei kleine Kinder hatte, fanden wir eine Unterkunft. So wohnten wir mit acht Personen in zwei Zimmern und Küche.

Der Ort war bei Kriegsende von Zivilisten geräumt und Hauptkampflinie gewesen. Die Brücke über den Oder-Spree-Kanal war gesprengt, und die Russen hatten eine hölzerne Notbrücke erbaut. Die Stadt selbst war nicht zerstört, nur durch Plünderungen schwer in Mitleidenschaft gezogen. Es gab kein Vieh und keine Lebensmittel für die allmählich zurückflutende Bevölkerung. Glücklicherweise wuchs in den Gärten schon etwas Gemüse, und aus den umliegenden Wäldern sammelten wir Blaubeeren und Pilze, die meine Tante Anni dann bei den Bauern gegen Getreide eintauschte. Das Korn haben wir in der Kaffeemühle zu Schrot für eine Suppe gemahlen. Die Stadt lag an der Reichsstraße von Frankfurt/Oder nach Beeskow und wimmelte von durchziehenden Menschen. Meistens waren es entlassene deutsche Kriegsgefangene, die zu Fuß nach Hause wollten, aber auch Flüchtlinge, die glaubten, wieder in ihre Heimat jenseits der Oder zurückkehren zu können. Tante Anni schaute immer auf die Straße, ob nicht ihr Mann unter dem zerlumpten Volk wäre, das mühsam über die Hauptstraße humpelte. Eines Tages brachte sie einen Schmied aus Ostpreußen mit, der völlig entkräftet war. Unsere Hausvermieterin, Frau Dornemann, genehmigte dann, dass Gustav Snoek und ich in die leerstehende Gesellenstube auf dem Hof einziehen durften. Dafür mussten wir beiden Männer den ganzen Tag Holz sägen und spalten. Weil das Holz so schön roch, beschloss ich, Tischler zu werden, wie mein Vater und Großvater es auch waren.

Da ich mit 15 Jahren schon zur arbeitsfähigen Bevölkerung gehörte, wurde ich als Gänsejunge beim russischen Stadtkommandanten beschäftigt. Da bekam ich wenigstens Essen. Auf der Weide hüteten andere Jungen die Pferde, und wir sind dann ohne Sattel und Zaumzeug umhergeritten. Eines Tages klaute ich aus der Pferdefutterkiste etwas Kleie, um sie meiner Mutter und meinem Bruder mit nach Hause zu nehmen. Dabei hat mich ein deutscher Volksgenosse beobachtet und es gleich dem russischen Posten gemeldet. Der hat mich dann für einige Stunden in den Keller gesperrt, und damit war meine Karriere als Gänsehirt beendet. Inzwischen hatten wir nach vielen Gängen zum Rathaus auch eine Aufenthaltsgenehmigung und Lebensmittelmarken bekommen.

Für den Inhalt dieser Seite ist der jeweilige Inserent verantwortlich! Missbrauch melden



© 2008 - 2020 suchbuch.de - Leseproben online kostenlos!


ExecutionTime: 3 secs