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> Zeitzeugen > Junge, komm bald wieder
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Buch Leseprobe Junge, komm bald wieder, Günter George
Günter George

Junge, komm bald wieder


Band 35 in der gelben maritimen Buchreihe

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Nachdem das Kapitel Restaurant abgehakt war, begann ich meinen Vater zu bearbeiten, mir zu erlauben, endlich zur See fahren zu dürfen. Ich wollte unbedingt raus, wollte in die Welt. Die tollsten Sachen stellte ich mir vor. Innerhalb einer Woche hatte ich es geschafft. Bei der Seeberufsgenossenschaft wurde ich vorstellig und bekam innerhalb eines Tages meine Gesundheitskarte, und beim Seemannsamt wurde mir ein Seefahrtsbuch ausgestellt. Jetzt stand meiner ersten Anmusterung auf einem schönen Schiff nichts mehr im Wege. Ich war gerade mal 15 Jahre alt und fühlte mich erwachsen. Und wollte die Welt aus den Angeln heben. War ich normal? Vergessen waren Elternhaus, Freunde, Fußball und sogar Roswitha. Der Personalchef der Reederei schaute verblüfft über den breiten Tresen, der die Besucherzeile vom Bürotrakt trennte. Meine Größe von 1,52 Metern erlaubte es mir gerade, darüber hinweg zu sehen und meine Musterungspapiere vorzulegen. Ich hatte das Gefühl, als machten sich die Angestellten dieser Bananenreederei über mich lustig. Ziemlich bestimmt machte ich ihnen klar, dass ich möglichst bald auf einem ihrer weißen Bananendampfer anzuheuern gedenke. Und von jetzt ab ging alles rasend schnell. Mir wurde eröffnet, dass man in zwei Tagen MS „VEGESACK“ erwarte und auf diesem Schiff ein Messejunge gebraucht würde. Sofort nach Einlaufen des Schiffes könne ich anmustern. Ich war also ihr „Mann“. Schnell hatte ich den nächsten Bus genommen. Meine Eltern waren nicht gerade erfreut über das, was ich ihnen aufgeregt mitteilte. Denn dass ich so schnell vershangheit wurde, damit hatten sie wohl nicht gerechnet. Obwohl ich noch zwei Nächte zu Hause schlafen konnte, fing ich an zu packen. Meine Papiere legte ich griffbereit auf meinen Nachtschrank. Ich machte in der Nacht kein Auge zu. Ständig lag mir dieses Schiff vor Augen, das mich in zwei Tagen weit weg bringen würde. Ein wohltuendes Gefühl von Stolz und Selbstbewusstsein durchfloss meinen Körper. Zufriedenheit und auch etwas Unruhe fühlte ich gegenüber dem, was mich erwartete. Am nächsten Tag suchte ich meine Freunde auf, um ihnen von meinem Glück zu erzählen und mich zu verabschieden. Das Gefühl, wie sie mich beneideten, weil ich dem Erwachsenwerden näher rutschte als sie, machte mich schon ein wenig stolz. Morgen würde das weiße Schiff anlegen und nicht ohne mich hinausfahren. Nach einer schlaflosen Nacht packte ich am frühen Morgen die restlichen Sachen und stellte meinen Koffer und die Reisetasche bereit. Mein kleines Kofferradio legte ich oben drauf. Ständig zur Uhr sehend wartete ich, bis es endlich 11:00 Uhr war, denn dann wollte mein Vater mich zum Schiff fahren. Die Verabschiedung war kurz, denn der Erwartungsdruck war zu groß, als dass ich mir für tränenreiche Abschiedsszenen ausgiebig Zeit nehmen konnte. Da lag es nun, mein Schiff, weiß und schön. Am Bananenpier wurde die Ladung gelöscht. Förderbänder hatten sich in sein Inneres vergraben. * * * Meine erste Reise auf MS „VEGESACK“ Als mein Vater und ich die Gangway hinauf gingen, befiel mich ein wahnsinnig erhabenes Gefühl. Dieser 15 Jahre alte Pimpf war angekommen, hatte endlich erreicht, was er immer wollte. Mir wurde meine Kabine zugewiesen, und ich stellte kurz meine Sachen ab. Vater und ich verabschiedeten uns ohne viele Worte. Ich ging noch mit bis zur Gangway und sah meinen Vater in der Masse der Hafenarbeiter verschwinden. Mit einem Steward zusammen bewohnte ich eine etwas enge, aber gemütliche Kabine. Er bediente in der Mannschaftsmesse (Messe = Speiseraum) u. a. die Decks- und Maschinenbesatzung, sowie Bootsmann (Vorarbeiter der Decksbesatzung), Storekeeper (Lagerhalter in der Maschine) und den Zimmermann, die in einem abgeteilten Bereich ihre Mahlzeiten zu sich nahmen. Ich hatte einen pensionierten ehemaligen Steward zu unterstützen, der nur während der Hafenliegezeit an Bord war und den Salon (Speiseraum der Schiffsführung) und die Offiziersmesse betreute. Der Chefsteward erlaubte mir, abends noch einmal nach Hause zu fahren und die Nacht bei meinen Eltern zu verbringen, denn das Auslaufen der VEGESACK war erst für den nächsten Tag gegen 15:00 Uhr vorgesehen. Nein, ich blieb lieber an Bord, hatte ich doch mit zu Hause schon alles abgeschlossen. Ich richtete mich in meiner Kabine ein, bezog meine Koje und packte meine Sachen in die Schränke. Abends lief ich durchs Schiff und genoss die Aussicht vom oberen Deck aus auf meine Stadt, die ich jetzt für ca. acht Wochen nicht wieder sehen würde. Hier finden Sie im Buch ein Bild der VEGESACK von einem Crewmitglied gemalt Wir sollten morgen zuerst nach Southampton laufen und Traktoren übernehmen, die in Philadelphia gelöscht werden sollten. Von dort aus lag ein langer Seetörn vor uns, der in die Karibik, durch den Panamakanal und über den Äquator bis nach Guayaquil (Ecuador) ging. Die hier zu ladenden Bananen sollten je zur Hälfte für Göteborg und meine Heimatstadt bestimmt sein. Ich legte mich in meine Koje und schlief erst nach Stunden ein. Um Punkt sechs Uhr weckte mich die Deckswache laut und polternd. Nach dem Frühstück stellte mich der Chefsteward, dem ich zugeteilt war, dem Kapitän vor. Ein streng dreinblickender Mann musterte mich, und nach einer knappen Begrüßung und ein paar gut gemeinten Ratschlägen entließ er mich wieder und wandte sich wichtigeren Dingen zu. Der Chefsteward erlaubte mir zuzusehen, wie wir ablegten. Drei Schlepper drehten uns und zogen das Schiff vom Bananenpier langsam in die Kaiserschleuse, die, wie ich in der Schule gelernt hatte, schon 1897 erbaut worden war und immer noch tadellos funktionierte. Hier wurde die VEGESACK auf das Wasserstandsniveau der Weser abgesenkt. Das Schleusentor öffnete sich für mich als letzte Barriere in ein neues Leben. Die Weser lag nun vor uns, und nach einer leichten Drehung nach Steuerbord richtete das Schiff seinen Bug Richtung Norden. Mit drei lang gezogenen Huptönen aus dem Schiffshorn als letztem Gruß an die Heimat verabschiedeten wir uns von meiner Stadt. Ich stand an Deck, sah zurück, und meine Gedanken wirbelten durcheinander. Würden jetzt meine Freunde an mich denken? Wenn Roswitha mich jetzt sehen könnte, mich, der an Deck eines Kühlschiffes mit Fahrtrichtung weite Welt stand. Ein Gefühl von Stolz und Freiheit ergriff mich. Die Maschinen drehten schneller, wir verließen den Hafen genau am 7. September 1965 gegen 16:00 Uhr mit Kurs auf die Nordsee. Kurz nach dem Abendessen verließ uns der Lotse. Er wurde vom Tochterboot des Lotsenschiffes „KAPITÄN KÖNIG“ wohlbehalten aufgenommen. Ich sah dem kleinen Boot lange nach und dachte daran, dass der Lotse vielleicht am späten Abend wieder im Kreise seiner Familie sein würde, während ich…? Sollte das schon ein Anzeichen für das Aufkommen von Heimweh sein? Ein mulmiges Gefühl beschlich mich, als das Schiff im starken Wellengang der Nordsee zu schaukeln und zu schlingern begann. Ich wurde von einer Übelkeit gepackt, die bis dahin kein Mensch vor mir in dieser Härte je gespürt haben konnte. Der Brathering und die Bratkartoffeln vom Abendessen drehten sich abwechselnd im Magen um und rauschten kurz darauf in das Klobecken. Die Ohren sausten, der Kopf dröhnte, und mein Magen drehte immer wieder sein Inneres nach außen. Jeder Schluck Wasser, den ich in mich kippte, jeder Brocken Zwieback kam schmerzvoll wieder ans Tageslicht. Mich interessierten weder die Begegnungen mit anderen Schiffen noch die Geschichten, die mir mein Kollege erzählen wollte. In meiner Koje liegend litt ich die größten Höllenqualen. Es gab kein Mittel gegen diese schwere Seekrankheit. Irgendwann nach Stunden des Wachliegens übermannte mich die Müdigkeit, und ich fiel mit der Hoffnung auf Genesung am nächsten Morgen in einen kurzen, aber tiefen Schlaf. Doch weit gefehlt, mir ging es nach dem Aufstehen schlechter als zuvor. Das Wetter im englischen Kanal traf uns mit seiner vollen Härte. Einer der ersten Herbststürme warf das unbeladene Schiff wie eine Nussschale hin und her. Und ich steckte mitten drin. Wie gerne säße ich jetzt in meiner Schulbank bei einer der schwersten Mathearbeiten. Meine Lehrer wären meine besten Freunde, und besonders Frau Lösser würde ich für die gemeinste Schikane regelrecht umarmen. Und ich würde nach der Schule gerne bis zum Umfallen zu Hause arbeiten. Nur nicht mehr hier auf diesem Schiff sein. Ich pfiff auf das Erwachsensein! Gerne würde ich jetzt meinen kleinen Bruder im Kinderwagen spazieren fahren. Bei allen, denen ich jemals einen Streich gespielt hatte, entschuldigte ich mich flehend. Ich betete, der liebe Gott möge mich aus dieser Hölle befreien. Wie sollte ich den Rest des Tages hinter mich bringen, denn erst für die Nacht war das Einlaufen in Southampton vorgesehen. Den Kollegen machten das schlechte Wetter und der Seegang nichts mehr aus. Sie trieben zudem noch Späße mit mir, indem sie mir rieten, ein kräftiges Stück fetten Speck an einem Bindfaden runter zu schlucken und wieder hoch zu ziehen. Allein die Vorstellung hierüber versetzte meinen Magen erneut in das Bedürfnis, sich nach außen zu kehren. Andere schworen darauf, bei Seekrankheit ein Bier auf ex zu trinken. Doch all diese gut gemeinten Ratschläge blieben ohne heilende Wirkung. Mir war weiterhin speiübel, und das Heimweh zerfraß mein Herz. Sofort nach Feierabend legte ich mich in die Koje. Mein geschwächter Körper fiel in einen tiefen traumlosen Schlaf. Ich hatte nicht mitbekommen, dass wir am frühen Morgen in Southampton eingelaufen waren. Auf dem Weg zur Toilette wankte ich noch ein wenig, doch diese extreme Übelkeit schien jetzt fast wie weggewischt zu sein. Nach einer ausgiebigen Dusche ging ich an Deck, atmete die Hafenluft und tankte neuen Lebensmut. Als wäre ich in einen anderen Körper geschlüpft, so extrem besser ging es mir jetzt. Ein dickes Leberwurstbrot und eine Muck (große Tasse) mit starkem Kaffee brachten mich zurück auf die Siegerstraße. Seekrankheit und Heimweh waren besiegt und fast vergessen. Und nun sah ich erstmals das englische Festland. Schon die ersten Eindrücke vom Hafen ließen darauf schließen, dass es sich nicht lohnen würde, diese Stadt Southampton näher kennen zu lernen. Ich verzichtete auch allein schon aus Zeitgründen auf einen Landgang, denn wir sollten am späten Abend schon wieder auslaufen. Mein Arbeitstag gestaltete sich ziemlich abwechslungsreich. Der Chefsteward war o. k. Er hatte ziemlich viel mit dem Verkauf von Waren zu tun, welche die Besatzung dreimal pro Woche in einem kleinen Store unter Deck kaufen konnte. Dazu zählten u. a. Zahnpasta, Schnaps, Zigaretten, Unterwäsche oder Schokolade. Alle Getränke, wie Cola, Limonade oder Bier wurden rund um die Uhr in Kühlschränken angeboten, wovon es auf jedem Deck einen gab. Man kaufte bargeldlos ein, auf gegenseitiges Vertrauen sozusagen. Hatte ich Durst, nahm ich aus dem Kühlschrank das betreffende Getränk, füllte einen kleinen Zettel aus und warf diesen in einen daneben hängenden Kasten. Alle so entstandenen Kosten wurden mir am Ende der Reise von meiner Heuer abgezogen. Ich war u. a. dafür zuständig, vor den Mahlzeiten die Tische im Salon und in der Offiziersmesse mit Geschirr und Besteck einzudecken. Diese Essensbereiche waren nur durch ein Arrangement aus Gummibäumen und Zwergpalmen voneinander getrennt. Nach den Mahlzeiten musste ich das Geschirr von Hand abspülen, eine Geschirrspülmaschine gab es nicht. Ferner sollte ich die Kabinen der Schiffsführung täglich aufräumen. Es waren die Räume vom Kapitän, vom 1. Offizier, die des Funkers und des 1. Ingenieurs. Außerdem ging ich dem Chefsteward bei seinen Verkäufen zur Hand. Den oberen Flur und die Toiletten auf dem Oberdeck hatte ich sauber zu halten. Zeit für Pausen gab es wenig. Jede Minute war mit Arbeit ausgefüllt, und wenn eine erledigt war, bekam ich postwendend den nächsten Auftrag. Da ich noch keine 16 Jahre alt war, durfte ich weder rauchen, noch bekam ich legal Alkohol zu kaufen. Meine Arbeitszeit begann morgens um 6 Uhr und ging bis abends 19:00 Uhr. Von 13:00 Uhr bis 15:00 Uhr war Mittagspause. Das Jugendschutzgesetz wurde in punkto Arbeitszeit gerne übersehen, was mich nicht stören konnte, da ich von seiner Existenz nichts wusste. Ich nahm alles hin, eine andere Möglichkeit bot sich mir auch nicht, und nebenbei hieß es ja immer: Was dich nicht umbringt…! Ich hatte mich schnell an alle Reglements und Vorschriften gewöhnt. Auch das lustige Pfeifen eines Liedes habe ich unterlassen, seitdem mich der Kapitän darüber aufgeklärt hatte, dass man damit den Wind herbeirufen würde. Es herrschte an Bord ein ziemlich grober, aber herzlicher Ton, insgesamt gab es jedoch selten Streit oder heftige Reibereien. Die Verpflegung war ausgesprochen gut. Beispielweise gab es donnerstags (dieser Tag galt als Seemannssonntag) und am regulären Sonntag zum Frühstück „Eier nach Wunsch“, das hieß, Eier, wie man sie am liebsten mochte, gebraten, als Spiegelei mit Speck, gekocht, als Omelette mit Pilzen, Zwiebeln, Speck oder mexikanisch mit scharfem Paprika oder Chili. Außerdem konnte man zusätzlich Aufschnitt, Käse, Marmelade, Brot, Brötchen, Milch und Cornflakes haben. Als Mittagessen gab es ein volles Gericht mit Vorsuppe, Fleisch, Gemüse und Kartoffeln sowie einen leckeren Nachtisch. Samstags gab es Eintopf und am Abend dann etwas Besonderes, wie Steak o. ä. Zum Kaffee wurde ein leckerer Blechkuchen serviert, und zum Abendessen gab es täglich Brot, Aufschnitt und Käse und zusätzlich immer noch ein warmes Gericht, wie z. B. Hühnerfrikassee mit Reis oder Ungarisches Gulasch mit Nudeln. Die Besatzung konnte essen, essen, essen. In dieser Beziehung sollte eigentlich kein Neid oder Missgunst aufkommen. Komischerweise hatten wir trotzdem so doofe Typen an Bord, die an der einwandfreien Verpflegung ständig etwas auszusetzen hatten. Na ja, zu Hause den Kitt von den Fenstern fressen, aber hier ein großes Maul haben. Als wir Southampton verließen, ging der Bootsmann durchs Schiff und empfahl, alles, was nicht niet- und nagelfest war, gut zu verlaschen und zu sichern, denn der Wetterdienst hatte für das Seegebiet, auf das wir Kurs hielten, Orkanwarnung vorhergesagt. Mir ging bei diesen Aussichten der Hintern auf Grundeis, denn ich dachte dabei nur an meinen Magen, der sich ja grad erst erholt hatte und wieder normal arbeitete. Sollte ich wieder nur für die Fullbrass (Mülleimer) gegessen haben? Schon am Nachmittag begann der Sturm zu wüten. Der Himmel zog sich zu, und es bildeten sich Schaumkronen auf den Wellenspitzen, was laut Anmerkung unseres Bootsmannes auf kräftig schlechtes Wetter hindeutete. Doch mein Inneres verhielt sich ganz normal, und ich verspürte nicht die kleinste Übelkeit. Ich war jetzt seefest! Das Abendessen wurde von der Küchenbesatzung auf das Minimum reduziert, denn bei den Bewegungen, die das Schiff jetzt vollführte, war an die Einhaltung des Speiseplanes nicht mehr zu denken. Trotz der Schlechtwetterklappen, die an den Tischseiten hochgestellt wurden und der nassen Decken auf den Tischplatten, hielt sich auf den Backs (Tische) weder Tasse noch Teller. Alles drohte herunter zu rutschen. Bild vom Sturm auf dem Atlantik Auch an Schlaf war in der Nacht kaum zu denken. Der Wind schleuderte die hochspritzenden Wassermassen gegen unser Fenster. Meine Koje stand längs zur Fahrtrichtung, und da wir kräftig See von backbord bekamen, schleuderte ich im Bett hin und her wie ein windgeschüttelter Apfelbaum. Mein Kollege wusste jedoch eine Lösung. Die Matratze meiner Koje wurde halb aufrecht gestellt und die Schwimmweste darunter geschoben, so lag ich zwischen Wand und halber Matratze eingekeilt. In dieser unbeweglichen Lage machte mein Körper alle Roll- und Schlingerbewegung des Schiffes mit. Als es am nächsten Morgen hell wurde, wütete der Atlantik, als hätte ein Riesenquirl ihn aufgerührt. Mächtige Wellenberge türmten sich vor dem Bug auf und ließen das Schiff auf und ab tanzen. Die Maschinen machten kaum noch Fahrt. Im Buch Bild: Manntaue an Deck Damit man unbeschadet und mit festem Halt über Deck gehen konnte, hatten die Matrosen Manntaue gespannt, denn sie hatten die Ladung in den Luken zu kontrollieren, die nur über das Deck zu erreichen waren. Unser tägliches Leben an Bord ging trotz der schlechten Witterung ganz normal weiter. Das Maschinenpersonal wartete die technischen Anlagen, und in der Kombüse wurde zwar reduziert, doch weiterhin gekocht, als sei es ein Tag wie jeder andere. Und draußen wütete die See. Angst spürte ich gar nicht so richtig, denn man gewöhnte sich relativ schnell an die Bewegungen des Schiffes, nur eine gewisse Unruhe durchfloss mich trotzdem. In Gesprächen meiner Kollegen hörte ich oft das Wort Äquatortaufe, worüber ich mir aber vorerst noch keine Gedanken machte. Später lernte ich das volle Ausmaß dieser Tradition schmerzhaft kennen. Jetzt hielten wir schon drei Tage dieses schlechte Wetter aus. Man merkte stündlich, wie die Stimmung an Bord schlechter wurde. Und gegen Abend, kurz vor dem Essen, rannte die Decksbesatzung wie wild durch das Schiff. Was war passiert? Eines der beiden Rettungsboote, das an Steuerbordseite, hatte sich am hinteren Teil fast losgerissen. Es hing schaukelnd und klappernd in den Davits. Die Matrosen trugen wasserdichte Kleidung sowie Schwimmwesten, und das gesamte Mitteldeck wurde mit starken Scheinwerfern ausgeleuchtet. Man versuchte das Rettungsboot mit Stahlseilen gegen weiteres Abreißen zu sichern. Erst nach einer knappen Stunde war es geschafft. Wir versorgten die Decksleute anschließend mit heißen Getränken, und der Erste Offizier lobte sie ausgiebig, was sonst gar nicht seine Art war. Am nächsten Tag wurde das Boot soweit hergerichtet, dass es bei einem eventuellen Seenotfall problemlos abgefiert werden konnte. Das schlechte Wetter hielt noch drei weitere Tage an. Erst kurz vor Philadelphia ließ sich die Sonne blicken. Es war ein Segen, wieder völlig normal durch die Gänge laufen zu können, ohne Meter für Meter nur mit Hilfe der Handläufe vorwärts zu kommen. Alle an Bord fühlten sich besser. Von einer Stunde auf die andere stieg die Stimmung. Es lag auch an der Gewissheit, in Kürze wieder an Land gehen zu können. Die Erwartung, etwas anderes als nur Wasser um sich herum zu sehen, ließ die gute Laune aufkommen. Wir erreichten den Hafen frühmorgens. Ich sah zum ersten Mal die USA. Bevor einer von uns den Fuß auf amerikanischen Boden setzen konnte, kam die Emigration an Bord. Zwei dicke Uniformierte saßen in der Offiziersmesse und hatten unsere Seefahrtsbücher vor sich liegen. Jedes Besatzungsmitglied musste sich ihnen zeigen und so seine Identität belegen. Wir nannten es Gesichtskontrolle. Am frühen Nachmittag bekam ich frei, so hatte ich Gelegenheit zu einem ausgiebigen Landgang, denn das Auslaufen war erst für den nächsten Mittag vorgesehen. Ich zog mich adrett an, nahm meine Landgangspapiere, ging die Gangway hinunter und betrat erstmalig den Boden der Vereinigten Staaten von Amerika. Stan Laurel und Oliver Hardy, Roy Rogers und Fuzzy, alle meine Kinohelden aus Kindertagen haben in diesem Land gelebt. Der Spielzeugcolt, den mein Bruder mir von einer Seereise mitgebracht hatte und der mich zum Sheriff gemacht hatte, war seinerzeit hier gekauft worden. Zu all den vergangenen Dingen und Erlebnissen hatte ich eine starke Beziehung aufgebaut und fühlte mich in diesem Augenblick mit ihnen sehr verbunden. Eigentlich unglaublich, doch es war Wirklichkeit, dass ich mich hier in Amerika befand. Wenn mich jetzt meine Kumpel sehen könnten, die auf der Wiese beim Kicken waren oder vielleicht gerade in diesem Augeblick an mich dachten oder über mich sprachen. Wie dankbar war ich jetzt meinen Eltern, die mir ermöglicht hatten, dies alles erleben zu dürfen. Keinen Gedanken verschwendete ich mehr an Seekrankheit und Heimweh. Alles erschien wie nie da gewesen. Nachdem ich mich einige Meter vom Schiff entfernt hatte, rief mich der Schiffsjunge, der sich anbot, mich zu begleiten. Ich hatte nichts dagegen, denn es war schon seine zweite Reise, und daher traute ich ihm zu, sich schon ein wenig auszukennen. Seine erste Reise war nach New York gegangen, und wer dort zurechtkommt, findet auch hier in Philadelphia den richtigen Weg. Der Tag war echt schön. Mit einem Bus fuhren wir in die Innenstadt. Trotz meiner Defizite im Schulenglisch konnte ich mich einigermaßen verständigen. Der Rest wurde mit Händen und Füßen übersetzt. Wir unternahmen einen Streifzug durch Germantown, das vor vielen Jahren von deutschen Auswanderern gegründet worden war. Es befremdete uns sehr, die Amerikaner deutscher Herkunft sprechen zu hören. Ein Gemisch aus Deutsch und gebrochenem amerikanischem Englisch wurde uns in einem großen Festzelt, in dem so etwas wie ein „Dorffest“ stattfand, entgegengeschleudert. Man bewirtete uns sehr freundschaftlich, nachdem sie bemerkt hatten, dass wir deutsche Seeleute waren. Kurz bevor wir das Fest verließen, bat mich ein älterer Herr, sich meine Adresse, Schiffsnamen usw. notieren zu dürfen. Er wollte uns, wenn das Schiff wieder einmal Philadelphia anlaufen sollte, für eine ausgiebige Besichtigungstour abholen. Wir sollten ihm im Gegenzug deutsches Brot mitbringen, natürlich gegen Bezahlung. In den Gesprächen klang immer wieder die Sehnsucht nach gutem deutschem Brot heraus. Man hatte es hier angeblich bislang nicht geschafft, die Fertigung des Sauerteiges mit den dazu gehörigen Naturstoffen so hinzubekommen, wie es in der alten Heimat Brauch war. Wahrscheinlich waren die Zusammensetzung der Hefe oder des Mehles, die technischen Ausstattungen der Bäckereien oder die mangelnden Kenntnisse der Bäcker die möglichen Ursachen für den nicht gelungenen Brotteig. Leider bin ich in meiner Fahrenszeit nicht wieder nach Philadelphia gekommen, doch habe ich eine ähnliche Bekanntschaft über das Thema deutsches Brot in New York geschlossen. Von Philadelphia aus schrieb ich erstmals nach Hause. Meine Eltern hatten bestimmt schon auf ein Lebenszeichen von mir gewartet. Von hier aus nahm die VEGESACK Kurs auf die Florida-Straße. Wir fuhren die Ostküste der USA hinunter in die Karibik. Von Tag zu Tag wurde es wärmer. Wir fuhren zwar außer Sichtweite der Küste, aber dennoch so nah, um mit meinem kleinen Transistorradio die tollsten amerikanischen Sender zu empfangen. Ich lag abends in der Koje, hatte den kleinen Clip im Ohr und lauschte den aktuellen Hits, wie Hang on Sloopy, Help me Rhonda oder You’ve got your troubles. Die Stationen aus North- und South-Carolina sowie aus Georgia versorgten mich mit den schönsten Songs aus dieser Zeit. Dabei dachte ich oft an meine Kumpel zu Hause, die auf den amerikanischen Sender AFN, der in Weddewarden lag, angewiesen waren, um derart aktuelle Hits hören zu können. Ich genoss das schöne Wetter und die Vorfreude auf die vor uns liegenden Häfen. Dank eines spanischen Matrosen, der als Gastarbeiter schon längere Zeit auf der VEGESACK fuhr, lernte ich ein wenig Spanisch, was mir half, mich in Mittelamerika unter Zuhilfenahme von Händen und Füßen verständigen zu können. Noch ein paar Tage, und dann sollten wir durch den Panamakanal fahren. Ein unbeschreiblicher Gedanke, durch ein Land zu fahren, das den Weg zwischen Atlantik und Pazifik öffnet. In der Schule hatte ich von den gigantischen Anstrengungen gehört, die beim Bau dieser künstlichen Wasserstraße aufgebracht werden mussten. Ich war gespannt. Obwohl mich die Arbeit ziemlich schlauchte, bereute ich es bis dahin nicht, diesen Weg eingeschlagen zu haben. Wie auch, denn damals dachte ich keinesfalls an irgendwelche Ängste um einen festen Arbeitsplatz und berufliche Sicherheit. Dank der körperlichen Beanspruchung hatte ich weder Einschlaf- noch Durchschlafprobleme. Ob auf der Stoßbank (gepolsterte Liegebank in der Kabine), oder an Deck im Liegestuhl in der Sonne, jeden Tag ratzte ich auch in der Mittagspause meine zwei Stündchen. Der oft 12- bis 14stündige Arbeitstag forderte seinen Tribut. Meine Arbeit erledigte ich gewissenhaft und sorgfältig und gab somit der Führung keinen Grund zur Kritik. Doch langsam kam in mir ein kleines Neidgefühl gegenüber der Küchenbesatzung auf, denn ich strebte trotz der momentanen Zufriedenheit mit meinem Job in der Pantry eine Verwendung in der Kombüse an. Ich hatte mich auch schon beim Chefkoch dafür stark gemacht, mich bei meinen Bemühungen irgendwann freundlichst zu unterstützen. Als wir Key West (Florida) passierten und weiter südlich fuhren, flogen Aufklärer der US Air Force mehrmals über unser Schiff hinweg. Sie fotografierten die VEGESACK aus allen Richtungen, um unsere Identität und ggf. verdächtige Decksladungen festzustellen. Die Kuba-Krise war noch nicht lange her und zog immer noch ihre Kreise. Und ich dachte dabei an John F. Kennedy. Besonders die Amerikaner, in mancher Hinsicht als übervorsichtig bekannt, vielleicht sogar aus Angst, prüften alles und waren in jede Richtung überaus vorsichtig. Gerade in Philadelphia, das jetzt schon ein paar Seetage hinter uns lag, war die Kontrolle durch die amerikanischen Behörden besonders intensiv gewesen. Nicht nur die schon angesprochene Gesichtskontrolle wurde ausgiebig durchgeführt, auch mussten alle Shop-Artikel, die aus dem Ostblock stammten, versiegelt und verschlossen werden, damit auf diese während der Hafenliegezeit kein Zugriff erfolgen konnte. Der Koch wurde angewiesen, Lebensmittel aus Israel und aus arabischer Herkunft unter Verschluss zu halten, sie durften in dieser Zeit nicht verarbeitet werden. Ansonsten erlebte ich die Schönheit der Karibischen See. Wir fuhren an malerischen Inseln vorbei und aalten uns mittags in der warmen Sonne.

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