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Buch Leseprobe Jeden Morgen dasselbe Theater, Tana Schanzara
Tana Schanzara

Jeden Morgen dasselbe Theater


Erinnerungen, Geschichten, Lieder.

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(S 13 f.) Also neulich ist mir wieder was passiert: Wir drehten fürs Fernsehen in Berlin im Café Keese, diesem Etablissement, in dem die Damen die Herren ansprechen, Ball paradox, mit Tischtelefon und allen Schikanen. Ich trug ein verwegenes Tiger-Cape, einen riesigen Hut, Ohrringe und enorme Wimpern, aufgezäumt wie eine aus New York. Nach der Arbeit schüttelte mir jemand die Hand und sagte in einem Ton, als würde er mich gut kennen: »Bleiben Sie so, wie Sie sind. Auf Wiedersehen, Frau Huber!« Ich musste ihn dann nicht nur mit meinem Namen enttäuschen, sondern auch damit, das ich diese Frau Huber gar nicht kannte - was sich inzwischen geändert hat. Ein wenig später, in Dortmund, hielt mich ein älteres Ehepaar auf der Straße an, und der Herr fragte: »Sagen Sie, Sie sind nicht zufällig die Tochter von Hans Schanzara? « - »Na, ein Zufall war ich nicht, wenn ich meinen Eltern glauben soll.« Er war entzückt, hatte er doch meinen Vater verehrt und ihn vor sechzig Jahren des öfteren im Theater gesehen. Seine Frau hakte nach: »Haben Sie denn nicht auch mal gesungen, in den Siebzigern, im Radio - Vatter, aufstehn!?« Als ich auch das bejahte, war sie nicht minder begeistert. Sich angeregt erinnernd, gingen die beiden weiter.


Verwechselt zu werden ist kein Weltuntergang, erkannt zu werden ist schön. Und wenn sich jemand an meine Eltern erinnert, habe ich sogar viele Gründe, stolz zu sein. Aber oft ist es nur ein Etikett, das wiedererkannt wird, eine Rolle, in der man dem einen oder anderen Menschen gefallen hat, oder ein Lied, das zu einer bestimmten Zeit ein Gassenhauer war. Spätestens seit dem Vatter bin ich nun mal die »Duse vom Pott«, die Leute variieren höchstens noch mit der »Perle von der Emscher« oder der »Bardot vom Ruhrgebiet« - das aber nicht wegen der Schönheit, sondern weil ich nur Gemüse esse. Und warum auch nicht? So ist das nun mal, und es ist ein gutes Etikett. Wäre ja noch schöner, wenn die Leute genau wüssten, wer man ist, wo man das doch selber oft nicht weiß …


 


(S. 16 ff. ) Mein Vater Hans Schanzara wurde 1897 in Karlsruhe geboren, war Sänger und Komponist und lebte in Radolfzell am Bodensee, bis er nach Münster engagiert wurde. Meine Mutter Gertrud kam in Kreuzlingen auf die Welt, auch sie war Sängerin und blieb lange am Bodensee - aber auf der anderen Seite, am Gehrenberg oberhalb von Meersburg -, bis sie nach Münster engagiert wurde. Da beide aus dem Süden kamen und nun im Norden sangen, lernten sie sich kennen, verliebten sich und heirateten. Ich habe noch ein Foto vor Augen, das es leider nicht mehr gibt: meine Eltern als Papageno und Papagena in Mozarts Zauberflöte, sie ganz klein, er ganz groß, beide in wunderschönen Federkleidern. Dann dauerte es natürlich nicht mehr lange, bis ich dabei rauskam. Aber kurz zuvor zogen die beiden noch ein Stück weiter nach Norden, nach Kiel. Dort, in der Düppelstraße, hat meine Mutter 56 Stunden lang geschrieen. Sie wollte nicht ins Krankenhaus, also wurde das Ganze zu Hause abgewickelt. 56 Stunden … Die Nachbarn zogen ins Hotel, bis mich schließlich der Doktor Koräuber mit der Zange holte. Lieber Himmel, ich muss ein ziemlicher Brummer gewesen sein. Jedenfalls haben diese mühsamen Stunden ihre Spuren hinterlassen: Nie hatte ich den Wunsch, selber ein Kind zu bekommen.


Eigentlich heiße ich Konstanze, wegen Mozarts Frau. Onkel Ernst, der Bruder meiner Mutter und damals Korrepetitor einer Münchner Tanzschule, schlug als Abkürzung »Tani« vor, ein Schwarm von ihm, eine Balletttänzerin, trug diesen Namen. Er hatte sich allerdings verhört, seine Angebetete hieß in Wirklichkeit Pami. Später erfuhr mein Vater von einer rumänischen Sängerin, dass Tani als legitime Ableitung von Konstanze gilt. So ging dann doch noch alles in Ordnung, bis später am Theater Tana daraus wurde.


In Wirklichkeit heißen wir Schwanzara, was auch ganz schön ist, denn das tschechische Tschwanzara bedeutet »Spaßmacher«. Das »w« strich mein Vater, weil er es leid war, andauernd »Schwänzchen« genannt zu werden. Mit diesem fehlenden Buchstaben habe ich bis heute immer wieder großes Vergnügen gehabt: Nachdem ich meinen Pass gefälscht, Parfüm darübergeträufelt und das »w« weggekratzt hatte, hielten russische Grenzer mich zwei Tage fest. Ein anderes Mal in Paris stand ich deshalb sogar unter Spionageverdacht - nichts als Scherereien mit dem Wisch. Aber das macht nichts, ich werde schließlich viel mehr Jahre, als ich mit »Schanzara« gelebt habe, mit »Schwanzara« tot sein, da es so auf meinem Stein stehen wird. Es kommt eben alles wieder ins Lot.


Als ich zwei Jahre alt war, bekam mein Vater ein Engagement in Dortmund. Er fuhr voraus, um eine Wohnung zu suchen, und als Mutter und ich nachkamen, holte er uns vom Bahnhof ab und trug eine neue Melone. Die besitze ich noch heute, sie liegt in meinem Schrank, und wenn ich Brecht singe, hole ich sie hervor. Wir stiegen in ein riesiges Taxi mit einem karierten Band drum herum, ich saß unten drin auf einem Schemelchen. So fuhren wir in unsere neue Wohnung im Pott. Ich fühlte mich sofort zu Hause


 


(S. 5 f.) So kam ich im Sommer 1953 nach Gelsenkirchen. Beim ersten Zusammentreffen der neuen Ensemblemitglieder waren alle gut gelaunt und voller Tatendrang. Gleich zu Beginn sprach mich so ein schwerer Typ an: »Aaach, Sie sind auch von hier weg, is ja wunderbar, dann können wir ja hiesig sprechen!« So lernten wir uns kennen, Jürgen von Manger und ich. Von da an war wirklich der Bär los!


Jürgen erzählte gerne von seiner Wirtin, die Thrombose hatte und ständig um den Tisch herumhumpelte. Wir waren fasziniert von seinen Geschichten, sponnen sie weiter, erfanden neue, die wir uns gegenseitig vorspielten - etwa die Gerichtsverhandlung über einen Angeklagten, der seine Schwiegermutter umgebracht, durchgesägt, in einen Koffer verfrachtet und im Kanal versenkt hatte. Alexander Hegarth war der Richter, Jürgen der Angeklagte: »Ich möchte durch ein schönet Leben … also dat allet wiedergutmachen.« Wir schrien vor Lachen. Das wurde zu einem kleinen Problem, wenn wir im Hans-Sachs- Haus oben in der Garderobe saßen, während unten auder Bühne ein Trauerspiel lief. Wir waren so laut, dass uns das Publikum hören konnte und sich fragte, was denn daran so lustig sei!


Alexander Hegarth, Jürgen und ich waren gute Freunde. Alexander wurde später ein Fernsehstar, er lebt schon lange nicht mehr. Sonntags fuhren wir oft mit der Straßenbahn zum Wandern. In zehn Minuten war man im Grünen, konnte Wälder und Seen genießen, Schloß Kemnade oder Burg Blankenstein. Bulle, wie wir Jürgen nannten, hatte immer einen imaginären Liliputaner dabei, mit dem wir uns unterhielten. »Kläusken«, Jürgen guckte unter den Sitz, »hasse auch deine Mütze auf, nich datte dich erkälten tust?« Und wenn jemand fragte: »Haben Sie einen Hund bei sich?«, antwortete Jürgen: »Nee, einen Liliputaner! Komm doch ma vor da, Kläusken, und sach dem Herrn guten Tach!« Bei unseren Spaziergängen nahmen wir Kläusken bei der Hand, beugten uns zu ihm hinunter und schimpften mit ihm. Die Leute blieben stehen und schauten uns seltsam an.


 


(S. 57) Als ich zum Termin nach Bochum erschien, fiel mir als erstes eine Nebensache auf, die aber viel aussagt über ein Theater. Der Meißner in Gelsenkirchen hatte stets ein Meer von Menschen um sich herum. Wenn er durch die Türen rauschte, waren mindestens fünf Leute um ihn, die sie ihm aufhielten, damit er hindurchströmen konnte wie der Kaiser von China. Wollte man irgend etwas von ihm, musste man einen Zettel ausfüllen und im Büro abgeben, nach vierzehn Tagen oder drei Wochen bekam man eine Antwort mit einem Termin, wann man zu einem Gespräch kommen könne. So war ich es gewohnt. In Bochum saß in der Portiersloge ein netter älterer Mann, der mich freundlich fragte, ob er mir helfen könne. Das war Mohrchen, ein früherer Bademeister. Ich sagte: »Ich möchte zu Herrn Schalla.« - »Ja, da müssen Sie die Treppe rauf, gleich die erste Tür links.« In diesem Moment dachte ich: Das ist es! Hier gehöre ich hin.


(S. 78) Es funkte gleich zwischen uns, und Schalla lud mich ein, bei ihm zu gastieren. Meine Chance kam Silvester 1954 in Die Heiratsvermittlerin von Thornton Wilder, das zehn Jahre später als Musical Hello Dolly! populär werden sollte. Es war gerade in den USA uraufgeführt worden, hierzulande aber noch relativ unbekannt. Ursula von Reibnitz hatte die Hauptrolle, Liesel Alex sollte im letzten Akt eine Farbige spielen. Das wollte sie auf keinen Fall, also entgegnete Schalla: „Gut, holen wir einen Gast.“ Ich dachte mir gleich ein paar Gags aus. Zum Beispiel musste ich Kuchen rühren und gleichzeitig weinen; also versuchte ich, die Tränen mit der Zunge zu erwischen, aber sie fielen doch in den Kuchen - Szenenapplaus. 1956 wurde ich fest übernommen. Ach, war ich glücklich!


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