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JahresZeiten


zwischen den Welten

von Vadim Palmov

zeitzeugen
ISBN13-Nummer:
9783837054354
Ausstattung:
Taschenbuch
Preis:
9.80 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Verlag:
NachRusslandReihe
Kontakt zum Autor oder Verlag:
redaktion@nachrussland.de
Klappentext

Der Mensch wird geprägt durch die Epoche in der er lebt, durch die Menschen die ihm begegnen und durch die Orte, an die es ihn verschlägt. Die Verknüpfung dieser Elemente und ihr Einfluss auf das menschliche Schicksal zeigt sich immer erst in der Zukunft.
In filigraner Sprache gelingt es dem Autor, die Fäden anhand seines eigenen Schicksals dem Leser näher zu bringen. Russische Sprache und Literatur des bekannten Petersburger Pianisten in ihrer besten Tradition.

Leseprobe

a, und auch jetzt, Moskau und Petersburg sind ein Land in einem Land – der Unterschied ist noch sehr, sehr groß.

Deshalb fiel sowjetische Provinzialität auch sofort ins Auge – einst unterschieden sich Hauptstadtmenschen vom Äußeren her von Provinzlern, nicht zuletzt in ihrer zwanglosen Art („Zwanglose Art – ist ein Pferdebegriff“ sagte Nathan Efimowitsch). Zur Peripherie gehörte alles, was nicht Moskau und Petersburg war.

Auch meine Heimatstadt Swerdlowsk – bevölkert von fast zwei Millionen Menschen – galt als Provinz.

Diese Auffassung trug zu einem bemerkenswerten zynischen System namens „Versorgungskategorie“ Nahrungsmittel und andere „Konsumgüter für die Volksversorgung“ bei.

Dank solcher „Humanität“ der Möglichkeit einer Verteilung des Nötigsten aus der zentralen Futterstelle, wurden Moskau und die Hauptstädte der sowjetischen Republiken unvergleichlich besser versorgt als beispielsweise Swerdlowsk, indem zu Beginn der 70er Jahre, bis zur 

berühmten Reform von Jelzin – Gaidar, die Bürger in den Geschäften kein Fleisch sahen.

Es wurde einfach aus der Lebensmittelration des Proletariats gestrichen.

Fleisch gab es in Swerdlowsk nicht mal in der Zeit der „Talone“ für Lebensmittel, die so elegante Bezeichnung sollte von der Assoziation mit den Lebensmittelkarten im zweiten Weltkrieg ablenken.

Die Schatulle öffnete sich einfach – zu den Städten „1. Versorgungskategorie“ gehörten die Städte mit Ausländern. Sie sollten die bedauerungswürdigen Zustände eines großen Teils der Bevölkerung unseres Landes nicht sehen.

Überhaupt, wenn Ausländer nach Swerdlowsk kamen, war das so etwas wie ein Wunder.

Soweit ich mich erinnern kann, war in der Breschnewzeit der Zugang für Gäste aus dem Ausland, außer in außerordentlichen Ausnahmen, einfach verboten.

Die Stadt stellte sich in Reih und Glied in die Schlangen, die Verkäufer schrieben die Reihenfolge der Nummern auf die Hände der Kunden, damit nicht betrogen wurde, und die – letzte Form der Tortur war das Stehen in der Schlange bei jedem Wetter (Schlangen gab es kilometerlang über eine Anzahl von Wohnvierteln hinweg) –  seufzten: „Macht nichts, Hauptsache kein Krieg ...!

So verbrachte Opa mit der Oma viele Stunden in der Schlange, anschließend nach der stundenlangen Qual des Stehens auf schwachen Beinen brachten sie die Ausbeute zu uns.

Damals waren sie schon gut in den 80ern.

Wirklich, das Gefühl eines nahenden Krieges und Angst vor der Möglichkeit eines gegenseitigen Atombombenschlages zwischen der UDSSR und Amerika war groß.

Dieses Gefühl war natürlich energisch durch die Propaganda angeheizt worden, nämlich die Unruhe des Bürgers in der Schlange einfach auf den Aspekt einer möglichen externen Bedrohung zu verlegen.

Neues Lager, neues bürokratisches Bett, keine schlauen Gebrauchsgegenstände für das erträgliche Leben, drei Betten – doppelstöckig, eines auf dem anderen und ein Einzelbett, auf der anderen Seite an der Wand stehend. Tisch und drei Stühle.

Vor dem Fenster eine katholische Kirche und alle 15 Minuten Glockenläuten. Das war unsere Unterkunft, in der uns drei Monate bevorstanden.

Es gab noch eine Halle, wo sich die Bewohner der Gruppenunterkunft zum Fernsehen versammelten sowie Toilette und Dusche.

Eine normale Bedingung für abgehärtete «Sowjets» mit Kommunalwohnungsvergangenheit.

Nicht schlechter und nicht besser als damals. Im Übrigen, nein …, die Petersburger Kommunalka wird mich niemals vergessen …