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> Zeitzeugen > Ich sagte Ja zu meinem Leben
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Buch Leseprobe Ich sagte Ja zu meinem Leben, Anselma Gündert
Anselma Gündert

Ich sagte Ja zu meinem Leben



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Als ich noch ein kleines Kind war, ist unsere Mutter mit meiner Schwester und mir oft weite Strecken zu Fuß gegangen. Für eine Fahrt mit der Straßenbahn war kein Geld da. (Für die meisten anderen Dinge des Lebens auch nicht.) Hatten wir eine entfernter wohnende Tante besucht, kam zwangsläufig der ermüdende Heimweg. Bevor wir anfingen zu quengeln, erzählte Mutter von früher. So weiß ich Begebenheiten aus ihrer Kindheit. Inzwischen bin ich 77 Jahre alt und blicke auf ein ereignisreiches Leben zurück.Mein älterer Enkel Jan bat mich in seinen Ferien zuweilen vor dem Schlafengehen: „Oma, erzählst du mir von früher?" Ich denke, das sollte ich ausführlich tun. Mir ist schon lange Zeit sehr deutlich klar, dass ich Bindeglied zwischen Vergangenheit und Zukunft bin. Ohne mein Erinnern würde die Vergangenheit für die nachfolgende Familie unbekannt bleiben oder vergessen werden.Durch meine sehr unruhige Kindheit bestehen meine Erinnerungen daran oft nur aus kurzen Episoden. Meine Gedanken können keinen Halt finden; denn bis zu meinem 10. Lebensjahr waren wir bereits dreißig mal umgezogen. Meine Eltern haben es nicht zum Vergnügen getan, sondern sie hatten immer wieder Mietschulden und verloren so oft schon nach kurzer Zeit ihre Unterkunft.Ich bin am 30. Dezember 1923 - einem Sonntag - mittags 13 Uhr als Anselma Erika Hertha Lange auf diese Welt gekommen.Als echte Hamburgerin wurde ich in der Klinik Finkenau (bekannte Hamburger Frauenklinik) geboren. Der Andrang zum Jahreswechsel muss groß gewesen sein; denn meine Mutter lag die langen quälenden Stunden mit anderen Gebärenden auf dem Flur, nur durch so genannte „spanische Wände" von ihnen getrennt. Eine Schwester schnauzte entnervt: „Brüllen Sie nicht so! Wir sind hier nicht bei Hagenbeck!" - Mein Vater hielt nicht durch und ließ meine Mutter auf die 1. Klasse legen. (Wofür todsicher kein Geld da war.) Später wurde er auf der Straße von der Polizei angehalten, weil er über dem Arm die Kleidung meiner Mutter nach Haus trug. „Nach Haus" war damals ein Zimmer in der Hasselbrookstraße 52, das meine Eltern zur Untermiete bewohnten.Um unsere familiäre Lage zu verstehen, muss ich ganz kurz die allgemeine Lage erwähnen. Meine Geburt fand 5 Jahre nach dem Ende des 1. Weltkriegs (1914-1918) statt. Die Siegermächte hatten Deutschland so geschröpft, dass die Volkswirtschaft völlig zusammengebrochen war, ebenso die Währung. Anfang November 1923 wurden für 1 Dollar 4,2 Billionen Mark gezahlt. Mutter erzählte später, dass jemand, der durch Arbeit Geld bekam, es sofort für Lebensmittel ausgeben musste. Einige Stunden später hätte man nichts mehr dafür bekommen. So schnell raste die Inflation. Alle Ersparnisse waren wertlos geworden. In der Familie konnte niemand mehr helfen. Am 15. November 1923, dem 24. Geburtstag meiner Mutter, hatte die Inflation ihr Ende. Von dem Tag an galt die Rentenmark, wobei 1 Rentenmark 1 Billion Mark wert war. - - -Ich war für beide Familien das erste Enkelkind. Als solches wird man ohnehin als ein Engelchen, das gerade vom Himmel gekommen ist, angesehen. Da ich außerdem große seelenvolle Augen hatte, wurde ich „Seelchen" genannt. (Woran ich natürlich keine Erinnerung habe!) Meinen Namen Anselma erhielt ich von meiner Mutter. Sie hatte ihn als junges Mädchen im Harz gehört, und er gefiel ihr so gut. Die Betonung lag auf An- - -, worauf sie Wert legte. Wann aus dem Namen die Abkürzung „Amsel" wurde, weiß ich nicht. -Meine Mutter war bis einige Monate vor meiner Geburt als Kontoristin tätig. Sie wurde am 15. November 1899 in Hamburg als zweites von sieben Kindern geboren mit Namen SophieAuguste Hertha Reuter. Sie besuchte die Volksschule einschließlich der Selekta (Begabtenklasse), anschließend gut 1 Jahr die Handelsschule. Sie wurde eingestellt von der Firma Michaelis & Co, Papiergroßhandlung in der Admiralitätsstraße in Hamburg.Dort blieb sie bis August 1923. Von der Vielfalt dieser Papiergroßhandlung, von der Schönheitder Papierarten hat sie bis zum Lebensende erzählt. Sie muss sich dort sehr wohl gefühlt haben. - Diese Verbundenheit übertrug sich etwas auf mich. Wenn ich heute in Hamburg-Rissen aus meinem Küchenfenster blicke und sehe den grünen Laster mit der Aufschrift „Michaelis & Co" (inzwischen Wedel) vorbeifahren, denke ich an Mutters junge Jahre.In dieser Firma lernte sie meinen Vater kennen. - Er wurde als Walter Berthold Hans Heinrich Lange am 3. Juli 1899 in Altona als drittes von sieben Kindern geboren. Die Familie siedelte nach Lübeck über.

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