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Buch Leseprobe Heimatlos, Hans-Erich Kirsch
Hans-Erich Kirsch

Heimatlos



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Vorwort Friederich Zorn war kein böser Mensch. Doch war er erbost, so schwer erbost, dass Teile seiner schriftlichen Aufzeichnungen zunächst pathologisch wirken, auf pathologischen Hass hindeuten. Dies ist in gewisser Weise auch richtig. In ihm brodelte ein angestauter krankhafter Hass. Dieser war darin begründet, dass er in einem sozialpsychologisch kranken Milieu aufgewachsen war und bis heute darin leben musste. In diesem nur auf Leistung fixierten Umfeld, in dem der menschliche Wert an sich fast keine Rolle spielte, erkrankte seine hochsensible Seele schwer an einem fast tödlichen Mangel an Liebe. Auch aufgrund seiner hohen Begabung war er in der Lage, die kranke Gesellschaft um ihn herum als solche zu erkennen und sie symptomatisch und ursächlich zu analysieren. Dieses hohe Maß an Verstehen ließ ihn fast erstarren vor Schreck und Angst. Daraus resultierte, dass er schon in jungen Jahren erwerbsunfähig berentet werden musste. Von diesem Zeitpunkt an schloss sich der Teufelskreis immer fester und enger und wurde nahezu undurchbrechbar. Er erlebte die Hölle auf Erden. Denn infolge seiner Erwerbsunfähigkeit widerfuhr ihm von Seiten der Leute immer unerbittlichere, gnaden-, erbarmungs-, mitleidlosere Ablehnung, Kälte, Härte, Abstempelung, Verachtung und Verurteilung. Er wurde nicht von allen, aber von den meisten entweder wie Luft oder wie Dreck behandelt. Manche betrachteten ihn als lebensunwertes Leben, gleichsam wie ein Häufchen Exkremente. Dies sagte man ihm sogar ins Gesicht, vor allem in den Kneipen seines Heimattals. Friederich Zorn befand sich tatsächlich über Jahrzehnte in einer Extremsituation. So möge man seine stellenweise extrem harten und kalten Äußerungen zu verstehen und zu vergeben versuchen. Er schrieb anfangs vor allem selbsttherapeutisch, formulierte sich seinen Hass und seine Negativität von der Seele. Auf diese Art befreite er sich schließlich davon. Hätte er nicht geschrieben, wäre er möglicherweise Amok gelaufen oder hätte sich selbst das Leben genommen. So hatte Friederich Zorn mit seiner Schriftstellerei zu guter Letzt einen guten, einen positiven Weg zur Selbstverwirklichung im Beruf gewählt. Er wurde zu einem erfolgreichen Schriftsteller. Vorbemerkung Friederich Zorn war ein hochbegabter und hochtalentierter Schriftsteller und ein Individualist, der sich keiner Institution anschloss, weil in Institutionen Wahrheiten zu Dogmen erstarren. Wie zu allen Zeiten und an allen Orten nicht erkannte und verkannte Hochbegabte ein Problem für ihr Umfeld darstellen, so war dies auch im Verhältnis seines sozialen Milieus zu ihm der Fall. Seine Hochbegabung und somit seine Andersartigkeit wurde verkannt als Anomalie, als Irr- und Schwachsinn oder sogar als sexuelle Perversion und Abartigkeit krimineller Art. Man schämte sich seinetwegen und betrachtete ihn als Gefährdung und als Gefahr für den Status und das Ansehen der ländlichen Dorfidylle. Sein Geistlicht wurde verkannt als geistige Umnachtung oder als Schwachsinn, weil es so hell war, dass es die Augen blendete und daher die Sicht verdunkelte. Und so hätte man ihn am liebsten als geistig Umnachteten oder als Schwachsinnigen aussortiert und ausgesondert und abgeschoben in ein Heim für psychisch oder geistig Behinderte. Seine Situation und Lage in seiner Umgebung waren extrem. Deshalb verhielt er sich betrunken in der Öffentlichkeit auch extrem und wurde dementsprechend wiederum umso drastischer verkannt, indem man aufgrund seines Verhaltens seine hohe Begabung, seine Intellektualität als Irr- und Schwachsinn interpretierte, also die wirklichen Verhältnisse umkehrte, die Tatsachen auf den Kopf stellte. Um seine extreme Lage darzustellen, verglich er sich mit einem Außerplanetarischen am Arsch der irdischen Welt oder mit einem Grizzly unter Erdhörnchen. Er war erkrankt an seinem kranken Milieu, das ihn abstempelte als Faulenzer, Irren, Schwulen, Pädophilen, Gemeingefährlichen, Säufer, Asozialen und Idioten. Dies heißt, um es zu wiederholen, dass von seinen Mitmenschen die Tatsachen umgekehrt und auf den Kopf gestellt wurden. Um deutlich zu machen, dass alle diese negativen Stempel falsch und verkehrt waren, negierte er sie, indem er sich als den „Herrn Niemand und Nichts“ bezeichnete. Seine aussichts- und hoffnungslose Extrem- und Ausnahmesituation brachte er unter anderem in den folgenden Niederschriften zum Ausdruck: Seelenlos und ohnmächtig Der intelligenteste Satz, der je formuliert wurde, stammt von Sokrates: „Ich weiß nur, dass ich nichts weiß“. Die für mich interessanteste und wichtigste Frage lautet: Wer bin ich im tiefsten Sinn? Meine Antwort auf meine zentrale Frage nach meiner Identität heißt: Alles, was ich je zu sein glaubte, bin ich nicht. Auf der Suche nach mir selbst muss ich auch hier sagen, dass ich über mich selbst im Grunde nur weiß, dass ich letzten Endes nichts von mir weiß. Ich bin also schon ziemlich weit auf der Reise ins Nirvana, denn ich habe erkannt, dass ich nichts und niemand bin, d. h. das gesamte Ego-Bewusstsein ist pure Illusion. Ich bin der Herr Niemand und Nichts. Der Dalei Lama hätte über mich zu sagen: „Der Mann ist weit fortgeschritten auf dem Weg zur Erleuchtung“. Ich zünde mir eine Zigarette an, und das weibliche Nichts und Niemand, das seit 20 Jahren an meiner Seite lebt, schimpft mit unserem bellenden vierbeinigen Nichts und Niemand. Danach höre ich nur den Klang der Stille und der Stille hinter der Stille und schließlich den Wind, der ums Haus pfeift. Wer, was und wie ich bin, ist und bleibt mir ein Geheimnis und ein Rätsel. Seelenlos bin ich ohnmächtig dem Nichts ausgeliefert. Erich Fromm bestätigt es. Ich bin geborener Linkshänder. Ich bin ein Kind mit träumerischer Phantasie gewesen. Ich bin ein romantisches Kind gewesen. Ich bin ein gerechtes Kind gewesen, das Recht hintat, wo es hin gehörte, ohne danach zu fragen, ob ich mir damit Vorteile verschaffte oder Nachteile einhandelte. Ich bin ein religiöses Kind gewesen mit einer Neigung zum Geistlichen, Mystischen und Spirituellen, dem das Überweltliche, das Transzendente, aber auch das Natürliche mehr bedeutete als das Weltliche und das Materielle. Schon als ich noch ein Kind war, war mein Denken, Fühlen und Wollen anders als das der meisten Menschen. Ich dachte, fühlte und wünschte schon als Kind anders in dem betreffenden Sinn. Als Jugendlicher setzte sich meine Veranlagung, im obigen Sinn anders zu sein, fort. Ich war nicht haben-, sondern seinorientiert. Auch legte ich viel Wert auf Gefühle. Doch war ich auch begabt und talentiert und wurde eben deshalb von vielen nicht oder falsch verstanden. Als junger Mann verliebte ich mich in die jungen Frauen. Anders als den meisten, war mir Sex von zweitrangiger Bedeutung. Die Liebesgefühle waren mir wichtiger. Als ich erwachsen werden, also festgelegt werden sollte auf eine Rolle, weigerte ich mich, mich fixieren zu lassen. Ich weigerte mich, meine Gefühle, meine Seele ermorden zu lassen, um mir einen Charakterpanzer, eine Erwachsenenrolle und eine Habenmentalität aufzwingen zu lassen. Denn ich wäre seelisch daran erstickt. Ich war ein denkender Mensch, der sich für Philosophie, Theologie, Soziologie und Psychologie interessierte. Ich war ein Wahrheitssucher, der sich nicht auf die europäische Kultur festlegen lassen wollte, sondern in allen Kulturen suchte und forschte. Ich hatte auch keinen typisch männlichen Geist, d. h. ich interessierte mich nicht für Autos, Technik und Handwerk. Doch war ich auch ein guter Mathematiker, ein so guter, dass ich mathematisch nicht nur logisch und rational dachte, sondern auch intuitiv und unter Einbeziehung des Tiefenbewusstseins. Schließlich fand ich in den Büchern der Hare Krishna-Bewegung meinen Lebenssinn. Dies aber war für meine Familie und Umgebung eine untragbare Zumutung, eine Belastung, eine Katastrophe. Das Fass lief über. Ich wurde ausgestoßen, aussortiert. An meinem 21. Geburtstag, im Januar 1978, sollte ich zum ersten Mal zwangsnormiert werden. Man kasernierte mich sechs Wochen in der Normierungsanstalt M. ein. Die zweite Normierung wurde im Januar/Februar 1986 angeordnet, die dritte im Januar 1995 und die vierte im Oktober 2006. Denn ich war nie so, wie ich sein sollte. Das Sein war mir immer wichtiger als das Haben. Nie wäre ich damit zufrieden gewesen, so zu sein, wie ich sein sollte. Dem Status Quo in einer am Haben orientierten Gesellschaft zu dienen, widersprach meinem Denken und meinem Wesen. Seitdem sich vier Normierungsversuche als vergeblich erwiesen haben, gehöre ich nirgends mehr hin, nirgends mehr dazu. Seitdem bin ich abgestempelt und ausgestoßen. Die „anale Gesellschaft“, in der man Dreck für Gold und Gold für Dreck hält, hat mich verstoßen. Es ist viel weniger ein individuelles, persönliches, sondern viel mehr ein sozialpsychologisches und zivilisatorisches Problem, mein Leiden des Abgestempelt- und Verstoßenseins. Unsere Gesellschaft braucht und will die seinorientierten Menschen nicht. Sie züchtet Habenorientierte. Käme Jesus Christus wieder, der sagte: „Ihr könnt nicht zwei Herren dienen. Entweder dient ihr Gott oder dem Mammon“, er würde auf moderne Art gekreuzigt werden. Die, welche sich als Christen bezeichnen, würden ihn hinrichten. Kapital, das Macht ist, würde den Sohn aus dem Sein beseitigen. Erich Fromm bestätigt es. Aus der katholischen Kirche bin ich schon vor Jahren ausgetreten. Lieber schmore ich bis in alle Ewigkeit in der siebten Hölle als ich wieder einer christlichen Konfession beitrete. Denn die, welche sich Christen nennen, sind gegen das Sein und für das Haben. Nicht Gott dienen die Christen, sondern dem Mammon. Ich wiederhole: Erich Fromm bestätigt es.


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