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Buch Leseprobe Geschichten aus der Backskiste, Jochen Müller - Hgb: Jürgen Ruszkowski
Jochen Müller - Hgb: Jürgen Ruszkowski

Geschichten aus der Backskiste


Ein ehemaliger DSR-Seemann erinnert sich -

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MS HEINRICH HEINE – Kühlschiff /Banane Backskiste 42 Grenzpassage Zarrentin Die beiden folgenden Episoden habe ich bisher nie erzählt. Früher aus Angst, das Seefahrtsbuch zu verlieren, dann an Land hat man es verdrängt, und heute verdrehen besonders gerne meine Westberliner Arbeitskollegen geschichtliche Tatsachen. Anfang Herbst 1978 - auf dem Telegramm der Reederei stand: Nächster Einsatz auf MS HEINRICH HEINE, Werft Emden / BRD. Treffpunkt vorher im Flottenbereich, Überseehafen Rostock. Wir waren insgesamt vier Besatzungsmitglieder, welche auf dem Schiff ablösen sollten. So weit ich mich erinnere, gehörten zu dieser Gruppe: der I. Ingenieur, der Eisbär und mit mir eingeschlossen zwei Maschinenassistenten. Im Flottenbereich erhielten wir den Dienstauftrag, die entsprechenden Visa-Unterlagen und die Fahrkarten für die Reise nach Hamburg. Dort sollten wir umsteigen in den Zug nach Emden. Einige Stunden später trafen wir uns auf dem Rostocker Hauptbahnhof. Ich erkundigte mich am Fahrplan über die Abfahrt des Zuges nach Hamburg. Dabei stellte ich fest, dass die Fahrzeit von Rostock Hbf. nach Hamburg Hbf. drei Stunden betragen sollte. Ich rechnete mir aus, dass von den Kilometern her die Fahrzeit wenigstens um die Hälfte kürzer sein müsste. Während der Reise stellte sich mein Irrtum heraus. Der Zug hatte an der Grenzstation Zarrentin eine dreiviertel Stunde Aufenthalt. Als der Zug langsam in die Grenzstation einfuhr und ich aus dem Fenster sah, erschrak ich fürchterlich. Ich glaubte, in einem schlechten Science-Fiction-Film zu sein. Rechts und links standen haushohe Drahtzäune, dahinter Betonmauern. Dazwischen befanden sich in regelmäßigen Abständen zehn Meter hohe Wachtürme. Gespenstische Lichtkegel trafen unseren Waggon. Grenzsoldaten mit Hunden verfolgten die Einfahrt. Etwa zwei oder drei Kilometer fuhr der Zug in die Schleuse hinein, bis er endlich an einem kleinen Zollhäuschen anhielt. Was jetzt folgte, war 45 Minuten langes angespanntes Warten. Zuerst wurden von außen die Türen verschlossen! Die Passkontrolle kam durch den Zug. Mit zittrigen Händen zeigte ich mein kostbares Seefahrtsbuch. Etwas später folgte die Zollkontrolle. Wir mussten unser Abteil verlassen. Mit langen Metallspionen fühlten die Beamten die Zwischenräume hinter den Sitzbänken ab. Anschließend wurden wir nach unserm Gepäck befragt. Es blieb bei kleinen Stichproben, die Seesäcke brauchten wir nicht auspacken. Wieder eine Ewigkeit später kam eine Beamtin mit einem kleinen Bauchladen durch den Zug. Sie bot einen Geldwechsel an. Ich hörte eine westdeutsche Reisende mächtig schimpfen. Sie beschwerte sich, dass sie ja zum Tauschen gezwungen war und jetzt das übrige Geld nicht zurücktauschen konnte. Für mich ergab damals dieses Gespräch keinen Sinn. Ich wollte jedenfalls nichts tauschen. Für die Werftzeit in Emden hatte uns die Reederei Tagesgeld reserviert. Als der Zug endlich weiterfuhr, herrschte immer noch eisiges Schweigen im Abteil. Erst als wir die Häuser von Hamburg sahen, fiel uns ein Stein vom Herzen. Gern spricht man heute davon, dass wir im Osten eingesperrt waren. Mag sein. Doch denkt man genauer darüber nach, wer damals von allen so richtig eingesperrt lebte, gibt es nur ei-ne Antwort: - die Westberliner! Backskiste 43 Verbotener Landgang Jeder kennt sicher noch die geliebten Zoll- und Hafenbelehrungen. Vor Einlaufen eines Hafens der BRD wurden uns dabei besondere Verhaltensregeln nahe gebracht. Bestimmte Dinge waren streng verboten, so die Einkehr in den westdeutschen Seemannsclub, der Kontakt zu Werft- oder Hafenarbeitern und letztendlich der private Besuch an Land. Wir lagen mit MS HEINRICH HEINE drei Wochen in der Werft vor Emden. Die Kombüse war geschlossen. Es gab von der Reederei 26,- DM Tagesgeld für Selbstverpflegung. Um sparsam mit dem kostbaren Geld umzugehen, besorgten wir uns etwas Brot, Butter, abgepackte Wurst und Käse. Zum Mittagessen kochten wir uns meistens Brühe mit Ei. Es gab sowie nur den Wasserkocher als einzige Kochmöglichkeit. Ein Maschinenassistent sprach mich eines Tages unter vorgehaltener Hand an, ob ich zum Abendessen mit an Land kommen wolle. Als ich zustimmte, bat er mich jedoch dringlichst, darüber den Mund zu halten. Er würde mich dann von meiner Kammer abholen. Als es dunkel wurde, schlichen wir uns von Bord. Mein Mitstreiter führte mich kreuz und quer durch Emden. Irgendwann machte er vor einem schmucken Einfamilienhaus halt. Wir wurden bereits erwartet und freundlich eingelassen. Der Hausherr, ein kräftiger großer Werftarbeiter, führte uns in die Wohnküche. Wir nahmen in der Sitzecke Platz, und die nette Hausfrau tafelte sogleich warmes Abendessen auf. Dazu gab es friesisches Bier. Es begann eine nette Unterhaltung über Land und Leute von beiden Seiten Deutschlands. Man fragte uns Löcher in den Bauch. In der Emdener Tageszeitung war ein großes Bild vom Dock mit unserem Schiff abgebildet. Auf dem weißen Rumpf sah man deutlich die Aufschrift „DSR-REEFER-SERVICE“. Wir erzählten von unserer Heimat und der DSR-Seefahrt. Gelegentlich benutzten die Westdeutschen seltsame Begriffe, wie „Ostzone“ oder „Interzonenzug“. Wir, in den 60er Jahren aufgewachsen, konnten damit wenig anfangen. Wir erklärten unseren Gastgebern, wir Seeleute interessierten uns nicht für Politik. Dabei spielte es keine Rolle, dass wir aus der DDR kamen. Für uns bedeutete die Seefahrt Weltoffenheit und grenzenlose Liebe zum Beruf. Es war dabei völlig egal, ob unser Schiff in Kuba, Brasilien, Hamburg oder Murmansk lag. Wir beurteilten die Häfen danach, was es dort zu Kaufen gab. Der westdeutsche Werftarbeiter versuchte hartnäckig, uns von irgendeinem Gegenteil zu überzeugen. Seine Frau wies ihn mehrfach zurecht, dass er nicht so viel von Politik reden solle. Als der gute Mann auch zu später Stunde immer und immer wieder damit anfing, mussten wir alle herzhaft lachen. Weit nach 23:00 Uhr verließen wir die fröhliche Runde und schlichen uns heimwärts. Damit es niemandem auffiel, mussten wir pünktlich um 24:00 Uhr zurück an Bord sein. Kein Wort sprachen wir über unseren verboten Landgang. Zu groß war die Gefahr, sein Seefahrtsbuch für immer zu verlieren.

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