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Bücher Zeitzeugen
Buch Leseprobe Flarrow, der Chief (3), Lothar Rüdiger
Lothar Rüdiger

Flarrow, der Chief (3)


Ein Schiffsingenieur erzählt

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Flarrow schaute der untergehenden Sonne zu. Der Fischerei-hafen lag verlassen, die Fischhallen leer, kein Leben; nichts war so wie damals im Sommer 1959, als sie mit dem modernen Sechstau-send-Korb-Motortrawler „J. HINR. WILHELMS“ der Hochseefische-rei Carl Kämpf, Bremerhaven, hier in Hamburg gelöscht hatten. Auf der zwölftägigen Heringsreise hatte er als Maschinen-Assistent tau-send Mark verdient. Weil Kapitän, Chief und Zweiter Steuermann erst in Cuxhaven einsteigen würden, bat ihn der Erste, der bis Cux-haven als Kapitän fuhr, um Unterstützung. Und so spielte Flarrow von Altona bis Cuxhaven den Zweiten Steuermann. Der Elblotse sah gnädig darüber hinweg, und die Mannschaft hatte ihren Spaß darüber, wie Flarrow auf der Brücke den Wachhabenden mimte. Vieles hatte sich seit damals geändert, Frischfisch wurde nicht mehr in Altona, sondern in Cuxhaven gelöscht, und die Kutterfische-rei lag in den letzten Zügen. Die Vollfroster löschten so nahe wie möglich an der Verarbeitungsindustrie, und das waren Bremerha-ven und Cuxhaven. Generell war das Problem der Überfischung spürbar geworden. Die am Nordmeer liegenden Länder hatten Ihre Hoheitsgrenzen auf zweihundert Seemeilen und mehr erweitert und damit die reichen Fischgründe in Besitz genommen. Das war eine einschneidende Änderung, vor allem für die Islandfischerei und be-deutete weniger Fischdampfer und leere Fischereihäfen. Die Verschiffung von Containern nahm zu, führte zu größeren Einheiten, aber auch zu schnellerem Umschlag und kürzeren Liege-zeiten. War das die Zukunft, Schwimmcontainer auf Reede lö-schen? War das Seefahrt wie bisher? Und würden unter diesen Bedingungen Stückgutschiffe wie die CAP-SAN-Klasse noch eine Zukunft haben? War es unter diesen Bedingungen noch interes-sant, zur See zu fahren? Das Typhon eines auslaufenden Frachters riss Flarrow aus seinen Gedanken. Er ging zurück, an den ebenfalls leer stehenden Fischauktionshallen von Altona und St. Pauli vorbei, dort wo in spä-teren Jahren einmal der Platz der Seefahrt, als Gedenkstätte für die auf See Gebliebenen gedacht, entstehen würde. Sein Ziel war das Fischerhaus von St. Pauli. Dort gab es gu-ten Fisch, und obwohl seine Zeit bei der Hochseefischerei schon lange vorbei war, das was er aus dieser Zeit mitgenommen hatte, trieb ihn immer wieder zurück zu den einschlägigen Häfen und Re-staurants. Er war gegen Mittag bei der Reederei eingetroffen, wo er er-fahren hatte, dass er auf CAP SAN ANTONIO einsteigen würde. Das Schiff wurde für heute Abend erwartet. Der Technische Direk-tor war ganz kurz angebunden: „Sie gehen auf die ANTONIO, nach zwei Jahren POLARSTERN ist diese Erholung erforderlich.“ Damit verschwand er und Flarrow ging zu Steinmetz & Hehl, seine Uniform zu ergänzen, weil doch auf der ANTONIO Passagiere gefahren wurden. Am Nachmittag, nachdem er erfahren hatte, dass sein Schiff erst gegen Mitternacht ankommen würde, nahm er ein Zimmer im ‚Alt Nürnberg’, einem kleinen gemütlichen Hotel in Bahn-hofsnähe. Dann fuhr er mit der Hochbahn zu den Landungsbrücken, und von dort war er schließlich zum Fischereihafen spaziert, um hier zu Abend zu essen. Sein Urlaub war gestern zu Ende gegangen. Zum ersten Mal hatte er ihn voll nehmen können, volle fünf Monate! Niemand hatte angerufen, gefragt ob er nicht früher einsteigen könnte. Was war los mit der Personallage, gab es auf einmal aus-reichend Leute? Und der Technische Direktor sagte ihm nach ei-nem so langen Urlaub, dass er ein Schiff zu seiner Erholung bräuch-te. Ein CAP-SAN-Schiff immerhin. Da blieben für Flarrow viele wichtige Fragen offen. Im Januar, als er noch im Urlaub war, lag der Schnee hoch, und Flarrow war viel auf Schneeschuhen in Kassels Umgebung un-terwegs. An Wochenenden traf er Bekannte aus seiner Studienzeit, wurde eingeladen und hörte, dass ein Mädchen aus diesem Be-kanntenkreis vor kurzem ihren Mann durch Herzinfarkt verloren hat-te. Nun traute sich niemand, die Witwe einzuladen oder Kontakt zu ihr aufzunehmen. Das wollte Flarrow nicht akzeptieren. „Gerade jetzt müsst Ihr doch helfen, der Frau beistehen und sie nicht alleine lassen.“ Das wollten die anderen aber nicht, da müsste die Betroffene schon alleine durch. Da Flarrow dagegen stimmte und die allgemeine Meinung störte, sagten sie ihm, dass er doch selbst hinfahren könne, wenn ihm das nicht gefiele, Zeit hätte er ja genug dafür. Das passierte dann auch, und ehe er sich’s ver-sah, war er in eine heiße Affäre verwickelt. Er glaubte, das große Glück gefunden zu haben. Die Witwe, zu einer so tief greifenden Liebe gar nicht fähig, genoss den Mann an ihrer Seite, der ihr jeden Wunsch erfüllte. Da sie hübsch war, war sie begehrt, und ein blin-der Flarrow konnte und wollte nicht begreifen, was da so alles ne-benbei passierte. Es war die typische Situation für das fahrende Volk der Handelsflotte. Lang entbehrte Zärtlichkeit und im Hochge-fühl, einen Menschen für sich gewonnen zu haben, veranlasste die Betroffenen, die vermeintliche Eroberung auf einen sehr hohen So-ckel zu stellen. Wenn dann das Urlaubsende nahte, der Ernst des Lebens begann und das Verhältnis sich bewähren sollte, war die Enttäuschung groß. Manche fielen dann tief, anderen ging es noch schlimmer. Flarrow war seiner Devise, keine feste Bindung einzugehen, solange er zur See fuhr, untreu geworden. Er hatte noch Glück, denn während er intensiv über einen Landjob nachdachte, fand er das Bett seiner Herzensdame besetzt, als er sie einmal überra-schend besuchte. In der Dorfkneipe wurde er dann aufgeklärt und hörte endlich zu. Alle, die ihm vorher zu dieser Frau gratuliert hat-ten, wussten jetzt zu berichten, was immer schon bekannt war. Er war tief verletzt und hatte daran noch lange zu kauen. Der Landjob war unter diesen Umständen auch kein Thema mehr, und das Ur-laubsende und die neue Aufgabe würden ihn ablenken. Im Fischerhaus bestellte er Rotbarsch und Bier, beobachtete den Verkehr auf der Elbe und ließ sich von einem Fremden ablen-ken, der sich an seinen Tisch setzte und plauderte. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass es Zeit wäre, wollte er zum Einlaufen am Pier sein. Mit der Hafenbarkasse kam er zum Schuppen fünfzig, wo er zunächst ganz alleine war. Später sammelten sich Leute, die sich auffallend gut kannten. Das waren Angehörige, die ihre Ehemän-ner, Freunde und Bekannten erwarteten. Sie kannten sich so gut, weil sie schon lange mit diesem Schiff verbunden waren. Es gab hier, wie auf der LORENZO auch, eine Stammbesatzung. Linien-fahrt war ja begehrt. Gegen Mitternacht machte die ANTONIO fest. Flarrow, der noch immer den Betriebsablauf von POLARSTERN im Kopf hatte, ging ohne nachzudenken an Bord und meldete sich bei seinem ihm unbekannten Kollegen. Der war von diesem Besuch überhaupt nicht erbaut: „Was wollen sie denn schon hier, mitten in der Nacht. Das hat doch alles Zeit bis morgen, oder können Sie es nicht erwar-ten wieder einzusteigen?“ - „Ich dachte nur“, stotterte Flarrow, un-terbrochen von einer keifenden Stimme aus dem Schlafraum der Kabine: „Mach’ endlich Feierabend, ich möchte meine Ruhe haben!“ Er hatte also auch noch seine Frau an Bord, die die Reise mitge-macht hatte. An diese Möglichkeit hatte Flarrow überhaupt nicht gedacht und ärgerte sich gewaltig über seine Dummheit. Er ent-schuldigte sich mehrmals und ging enttäuscht von Bord. Am nächsten Morgen gegen elf Uhr betrat er sein Schiff er-neut. Kein bekanntes Gesicht, dachte er, stieg hinauf zum Boots-deck und meldete sich bei seinem Kollegen, der an diesem Morgen sehr freundlich war, schon fast leutselig, was wiederum Flarrow ver-anlasste, ihm die kühle Schulter zu zeigen. Die Übergabe dauerte fünf Minuten. Flarrow fragte, was denn das Dieselaggregat auf Luke vier sollte und bekam eine auswei-chende Antwort. Sie hätten Schwierigkeiten mit der Stromversor-gung gehabt. Das Aggregat würde am Nachmittag abgeholt. Bei Flarrow hätten nun alle Glocken klingeln müssen, aber die verkorks-te Stimmung entlockte ihm nur ein arrogantes O. k. „Sie kennen ja diese Schiffe, es liegt nichts Besonderes an. Meine Sachen habe ich schon abholen lassen. - Also dann gute Reise!“ Damit war Flarrow in Amt und Würden. Ein Steward kam mit frischer Wäsche und erklärte ihm, dass der Salon geschlossen wä-re. Für den Fall, dass er an Bord essen wollte, müsste er in der Of-fiziersmesse speisen. Der Kapitän sei nicht an Bord und der Funker käme erst am Nachmittag vorbei, dem könnte er dann sein See-fahrtbuch geben. Flarrow störte die mürrische, herablassende Art dieses Stewards. Das kannte er von der LORENZO etwas anders, und dabei war er inzwischen immerhin Chief! Durfte er sich das ge-fallen lassen? Abwarten, dachte er, erst einmal sehen, was hier los ist. Er begriff nicht, dass er für die CAP-SAN-Stewards ein unbe-schriebenes Blatt war, weil er mehr als drei Jahre nicht im Linien-dienst gefahren hatte. Als Fremder, ohne Namen gewissermaßen, wurde er natürlich entsprechend behandelt. Der Löschbetrieb lief und auch das Dieselaggregat auf Luke vier. Flarrow hatte beschlossen sich zunächst um gar nichts zu kümmern. Er räumte also seine Klamotten ein, sah sich um und kontrollierte einen kleinen Tresor, in dem die für den Maschinenbe-trieb wichtigen Dokumente lagen. Am Mittag ging er, nun in der üblichen Khakiuniform, in die O-Messe zum Essen. Sie war voll besetzt mit Schauerleuten, die sich nicht einmal nach ihm umdrehten. Das war neu und ungewöhnlich, und er konnte das, was er sah, kaum glauben. Das Schiff war sein zu Hause, er war hier kein Gast. Was aber wirklich wehtat, war die Respektlosigkeit, mit der die Offiziere hier ausgebootet wurden. Für ihn gab es hier keinen Platz. Er verließ die Messe und klopfte beim Zweiten Ingenieur an, doch die Kammer war abgeschlossen. Der Zweite war an Land, aber ein Dritter Ingenieur war Wachhabender, und der aß mit seiner Frau in seiner Kammer zu Mittag. Flarrow stellte sich vor, der Dritte sagte nur „Guten Tag“. Der Zweite wäre nach Hause gefahren, und einen Wachplan? - den gäbe es nicht. Das würden sie immer unter sich regeln. Ja, er hätte Bordwache bis morgen, eventuell bis übermorgen, falls der Zweite nicht rechtzeitig zurückkäme. Flarrow nickte nur enttäuscht und ging an Deck. Das waren ja völlig neue Verhältnisse, von den Umgangsformen gar nicht zu reden. In der Maschine hing ein Assistent am Pult der Ladekühlanla-ge herum. Er stellte sich wenigstens vor. Warum denn alle vier Diesel liefen und das Aggregat an Deck zusätzlich? Der Assistent zuckte die Achseln. Das wäre immer so, weil sonst der ganze La-den immer rausfliegen würde. Flarrow ging durch die Wohndecks zum Bootsdeck hinauf. Das Schiff war wie tot. Die Passagiere waren längst an Land, die Kombüse inzwischen geschlossen, die O-Messe abgeschlossen und von der Besatzung keiner zu sehen. Der Funker kam vorbei. Ein Erste-Klasse-Funker mit drei Streifen, eher sechzig als fünfzig Jahre alt, fragte nach dem See-fahrtbuch, wegen der morgigen Generalmusterung. Flarrow fragte zurück, wie man hier zu einer Tasse Kaffee kommen könne. Vom Steward sei nichts zu sehen, und die Pantry wäre abgeschlossen. „Im Moment ist das schlecht, denn der Hafensteward kommt erst gegen sechs an Bord. Sie haben aber doch einen Hauptschlüssel und können sich in der Pantry selber Kaffee kochen.“ - „Wenn das hier so üblich ist, o. k. Sagen Sie, was ist hier eigentlich los? Kaum jemand an Bord, selbst von den Offizieren sieht man keinen, obwohl doch gelöscht wird.“ - „Ja, wir liegen ja dieses Mal nur sehr kurz in Hamburg, nur bis Samstag, und da sind die Leute eben zu Hause. Außerdem will die Reederei ja, dass die Leute Freie Tage nehmen.“ Flarrow erzählte nun von den Schauerleuten in der O-Messe. „Ja, das hat sich so eingebürgert. Die meisten Leute der Besatzung würden während der Liegezeit in Hamburg gar nicht an Bord essen und sich lieber das Verpflegungsgeld auszahlen lassen. Die Leute fahren ja alle recht lange hier. Alles ‚CAP-SAN-Fahrer’, das ist ein Club für sich, verstehen Sie?“ - „Das kenne ich von der LORENZO aber ein bisschen anders.“ - „Wann waren Sie denn auf der LO-RENZO und als was?“ - „Als Zweiter 1964/65“ - „ Ja das waren noch andere Zeiten; da hat sich inzwischen viel geändert! Vor allem hat der Kostendruck zugenommen. Wir lassen oft Ladung liegen. We-gen der hohen Liegegebühren und so weiter. Die Besatzung hat sich natürlich auch verändert, das sind nicht mehr die Leute wie frü-her. Sie wurde übrigens reduziert, von fünfzig auf vierzig Mann. Na, Sie werden das ja noch alles kennen lernen.“ Damit ging der Funker und Flarrow begann zu begreifen. Die-se Schiffe hatten an Prestige verloren. Sie waren aber bei der Be-satzung beliebt. Linienfahrt und Planbarkeit machten das Leben angenehm; alles hatte sich eingespielt, es gab offenbar gute Bezie-hungen zur Personalabteilung, denn man stieg nach dem Urlaub wieder auf demselben Schiff ein. Man war ja bei der Reederei be-kannt, während das bei den Leuten, die draußen fuhren, so nicht der Fall war. Hatten sie ihn abgeschoben? Das konnte doch nicht sein, schließlich waren die CAP-SAN-Schiffe ein Höhepunkt in der Ent-wicklung der Stückgutfrachter mit einer komplizierten Ladekühlanla-ge. Sie beförderten wertvolle Fracht, mit der Geld verdient wurde. Da brauchte man auch gute Leute. Auf das Leben im Salon war er gespannt, darauf freute er sich. Das Schiff war für ihn keine Herausforderung wie POLARSTERN, denn die erforderliche Erfahrung hatte er bereits auf der LORENZO gewonnen, und inzwischen dürften die Probleme von damals besei-tigt sein, wenn da nicht das Aggregat auf Luke vier wäre. Es war später Nachmittag geworden, Flarrows Laune hatte sich nicht gebessert, und so kam er zu dem Schluss, den Abend an Land zu verbringen. Hier an Bord vermisste ihn sowieso keiner. Abendessen in der Bavaria. Mit Glück bekam er einen Fensterplatz und konnte den Schiffsverkehr gut beobachten. Danach in die Spätvorstellung ins Bali-Kino. Als er an Bord zurückkehrte, stellte er fest, dass das Dieselaggregat von Luke vier verschwunden war. Der Wachmann an der Gangway fragte: „Sind Sie neu bei der Reederei? Ich kenne Sie ja gar nicht. Und ich kenne alle CAP-SAN-Chiefs.“ - „Was die CAP-SAN-Chiefs betrifft, bin ich neu, ant-wortete Flarrow und ging nach oben zu seiner Kabine. Gegen sechs Uhr begann der Lösch- und Ladebetrieb auf al-len Luken. Der zweite Offizier rannte mit einem Offizieranwärter an Deck herum. In der O-Messe war gegen sieben Uhr noch nicht viel los. Flarrow frühstückte allein. Dann kam ein Anruf, der ihn zur Reederei rief. Der Leiter der NTA klärte ihn auf, dass wegen der Personallage ein Dritter Ingeni-eur auf der ANTONIO fuhr, der nur ein C3-Patent besaß. Deshalb müsste der Leitende Ingenieur das Maschinentagebuch für die Acht-Zwölf-Wache abzeichnen. Er bräuchte keine Wache zu gehen, es genügte, wenn er das Maschinentagebuch abzeichnen würde. Da-mit wäre den gesetzlichen Bestimmungen Genüge getan. Aber die Wache würde dann ja von einem Wachhabenden oh-ne ausreichendes Patent gegangen, und die Unterschrift täuschte einen Sachverhalt vor, der nicht gegeben war, meinte Flarrow. Die Frage nach der Rechtslage wurde ausweichend beantwortet, als Chief hätte er sowieso die Gesamtverantwortung. Flarrow fragte nach der Heuer des C3-Mannes. Er bekam die Heuer eines Dritten Ingenieurs. Es wäre ja egal, welches Patent man hätte, der Tarif würde für die Dienstgrade gelten. Es ging eben nicht anders, die richtigen Leute wären einfach zu knapp. „Wir könnten natürlich auch nur drei Ingenieure fahren, dann müssten die Leitenden Inge-nieure allerdings Wache gehen.“ Der Anfang zum Personalabbau ist also gemacht, dachte Flarrow und äußerte, dass er damit nicht einverstanden sei. Das wäre egal, es gäbe keinen anderen Weg. Damit war das Gespräch beendet. Zurück an Bord, begegnete er dem Zweiten Ingenieur. Den kannte er von der HILDEGARD. Was er sah, konnte er kaum glau-ben. Dieser Mann, der völlig unfähig war, dem er eine ausgespro-chen schlechte Beurteilung gegeben hatte, lief hier, immer noch Schmierpäckchen, als aktiver Zweiter auf einem CAP- SAN-Schiff herum. In diesem Moment ging das Licht aus, und der Zweite ging nach unten. Flarrow blieb ihm auf den Fersen, aber als sie die Zy-linderstation erreichten, brannte das Licht wieder. Offenbar war man hier an Bord an solche Ausfälle gewöhnt. Der Zweite verlor darüber kein Wort. Tief enttäuscht setzte Flarrow sich an seinen Schreibtisch und überlegte. Was war eigentlich los mit der Reederei, was dachten sich diese Leute? Wozu verlangten sie Beurteilungen der gesamten Maschinencrew und zwar ausdrücklich alle drei Monate, wenn diese überhaupt nicht berücksichtigt wurden. Wieso kam dieser Zweite Ingenieur mit einem solchen Zeugnis, wie er es abgegeben hatte, auf ein CAP-SAN-Schiff? Das Licht ging abermals aus, dieses Mal dauerte es etwas länger, bis es wieder brannte, und Flarrow notierte die Uhrzeit. Was ihn wunderte war, dass es keinen Protest vom Ladungsoffizier oder den Schauerleuten gab. Nachdem in neunzig Minuten viermal die gesamte Stromversorgung kurzzeitig unterbrochen worden war und keinerlei Protest erfolgte, rief er den Zweiten zu sich. „In neunzig Minuten haben wir viermal Black Out gehabt, was haben Sie dage-gen unternommen, woran liegt das?“ - „Deshalb hatten wir ja das Dieselaggregat auf Luke vier, aber das ist jetzt nicht mehr da. Da ist es kein Wunder, dass wir Black Out haben, wenn auf allen Luken gelöscht und geladen wird. Die Belastung der Diesel ist eben zu hoch.“ - „Mich wundert nur, dass das von Deck so hingenommen wird. Es kommen keine Beschwerden?“ - „Die sind doch daran ge-wöhnt.“ - „Woran liegt das, was ist die Ursache?“ - „Das war schon immer so; das sagen alle, auch die, die vor mir hier an Bord waren.“ - „So, dass war also schon immer so? Und warum wird das nicht geändert? Ich möchte in einer Stunde wissen, was da los ist. Also, tun Sie etwas, aber bisschen plötzlich! Wenn das nicht geklärt wird, bleibt das Schiff hier liegen.“ Der Zweite machte wortlos kehrt und verschwand in Richtung Maschine. Flarrow kochte vor Wut, er hatte endlich begriffen, wa-rum er ‚zur Erholung’ auf dieses Schiff geschickt worden war, er soll-te in Ordnung bringen, was hier faul war. Hätte man ihm das ins Gesicht gesagt, hätte er sich über die Aufgabe gefreut, aber so fühl-te er sich ausgenutzt. Der Kapitän erschien. Er machte einen ziemlich gestressten Eindruck und verkündete: „Zwanzig Uhr seeklar“. Kein Gespräch, keine Fragen nach dem Woher und Wohin, nur eine kurze aber be-stimmte Mitteilung. Flarrow machte sich keine Gedanken mehr. Er wartete auf den Zweiten, der pünktlich erschien und eine Brennstoffpumpenre-gulierstange zeigte, die völlig ausgeschlagen war. Das war wohl die Hauptursache, und interessant war dabei, wie schnell er das gefun-den hatte. „Sie haben einen Diesel abgestellt? Wie geht das denn?“ - „Wir haben die Ladekühlanlage außer Betrieb genommen.“ Da sie nur Gefrierfleisch an Bord hatten, konnte man das machen. „Was ist mit Ersatzteilen?“ Ersatz dafür gäbe es an Bord nicht, stell-te der für die Hilfsdiesel zuständige Dritte nach längerem Suchen fest. Flarrow rief die Inspektion an, die versprach sich zu küm-mern. Am Abend liefen sie nach Bremen aus, wo die restliche Kühl-ladung gelöscht wurde. In Antwerpen wurde wieder auf allen Luken geladen. Black Outs gab es aber nicht, weil die Ladekühlanlage nicht lief und alle vier Diesel in Betrieb waren. Die Ersatzteile waren kurzfristig nicht lieferbar, die Reederei würde sie per Luftpost nach Santos oder Rio schicken. Deshalb musste Flarrow nun eine Entscheidung treffen. War die Maschinen-anlage ausreichend sicher, um über den Atlantik zu gehen oder nicht? Was passierte, wenn sie im Revier einen Black Out bekom-men würden, vielleicht gerade bei Ruder in Hartlage. Dann würden sie sofort auf dem Trockenen sitzen und das bei voll beladenem Schiff. Als er vom Dritten die Wartungsbücher für die Hilfsdiesel an-forderte, erfuhr er, dass es da keine gäbe. Irgendwer hätte die bei einem Streit weggeworfen. Das beschleunigte seinen Denkprozess, und er ging zum Kapitän und meldete die Maschine unklar. Sie würden auf jeden Fall über Nacht liegen bleiben. Der Kapitän, ein Mann der alten Schule, bekam fast einen Tobsuchtanfall. Der Technische Direktor in Hamburg versprach Hilfe, er würde die erfor-derlichen Aufträge für das, was Flarrow verlangte, sofort erteilen. „Drehen Sie nur nicht durch!“ - „Das sagen Sie mir? Davon kann doch gar keine Rede sein. Wir kriegen das schon hin, wenn Sie mir die erforderlichen Leute schicken.“ CAP SAN ANTONIO blieb also liegen und wartete auf die Spezialisten. Flarrow dachte zurück an den Tag, als er bei der Hamburg-Süd anfing. Er kam aus dem Seemannsheim, für ein Hotel langte seine Barschaft nicht, und sah wie das Flaggschiff der Reederei, die CAP SAN AUGUSTIN, auslief. Auf so einem Schiff einmal als Chief fahren! Nun hatte er ein CAP-SAN-Schiff, aber was war hier an Bord los? Was war aus diesen Schiffen und der Besatzung gewor-den? Gegen Mitternacht erschienen ein Monteur der Firma DEUTZ, ein Ingenieur von AEG mit zwei Elektrikern und ein Spezialist der Firma WOODWARD, die die Regler für die Hilfsdiesel geliefert hatte. An allen Dieselmotoren und Generatoren wurden nun die Einstel-lungen geprüft. Der Monteur der Firma Deutz schüttelte den Kopf über den Zustand der Hilfsdiesel: „An den Brennstoffpumpen müs-sen Sie aber eine Menge tun“, sagte er zu Flarrow. Er hatte eine Regulierzahnstange mitgebracht, die der Zweite unter Aufsicht so-fort einbauen musste. Die Elektriker monierten die völlig falsche Einstellung der Generatoren und korrigierten sie, was einige Zeit in Anspruch nahm. Leider waren die Werte, die bei der Indienststel-lung dokumentiert worden waren, nicht mehr aufzutreiben. Mit der Dokumentation war es auf der ANTONIO also nicht weit her. Die Woodwardregler arbeiteten einwandfrei. Gegen sechs Uhr morgens war dann alles klar, nur auslaufen konnten sie nicht, da die Schelde bei Ebbe nicht genug Wasser führ-te. Diese Zwangspause war Flarrow sehr willkommen. Er ging auf das Bootsdeck und schlief auf einer Bank ein, wo ihn ein Steward später weckte. Gegen Mittag sollte es losgehen. Das sagte der Alte beim Frühstück. Die Passagiere, die in Hamburg, Bremen und Antwer-pen an Bord gekommen waren, fragten natürlich nach dem Grund der Verspätung und wurden beruhigt. Die Passagiere, die Flarrow auf der Bank schlafend angetroffen aber nicht geweckt hatten, be-dauerten ihn ein wenig. Die Maschinencrew war erstaunt über einen Chief, der beim Auslaufen in der Maschine anwesend war, obwohl er schon die ganze Nacht vorher im Maschinenraum gearbeitet hatte. Das konn-te ja heiter werden mit so einem Workaholic, dachten einige, und damit hatten sie nicht unrecht. Im Kanal gab es Nebel. Der Kapitän verlangte Manöverbe-trieb, mit Stopps müsste gerechnet werden, und deshalb fuhren sie fünf Stunden mit Dieselöl. Das hatte Flarrow noch nie erlebt. Als es Tag wurde, hatten sie die enge Stelle bei Dover hinter sich. Die Sicht wurde besser, weshalb sie auf volle Drehzahl und Schweröl-betrieb gehen konnten. Flarrow gab dem Zweiten Bescheid und verließ den Maschinenraum. Er war gerade unter der Dusche, als die Hauptmaschine nicht mehr rund lief. Im Maschinenraum erfuhr er, dass eine Brennstoffpumpe fest saß. Der Zweite hatte die Brennstofftemperatur nicht langsam hochgefahren, sondern sofort auf das heiße Schweröl umgeschaltet und damit die Brennstoffpumpe thermisch überlastet. „Haben Sie das hier an Bord bisher immer so gemacht? Auf HILDEGARD konn-ten Sie das doch lernen, da haben wir doch extra einen Vorwärmer eingebaut?“ - „Ja, das ist hier so üblich.“ - „Und dabei ist nie etwas passiert?“ - „Manchmal schon, es waren aber immer die Brennstoff-pumpen, die versagt haben.“ - „In Zukunft schalten Sie erst auf Schweröl um, wenn die Temperaturen stimmen. Haben Sie das verstanden?“ Der Zweite nickte nur, und Flarrow ging nach oben. Er würde in Zukunft eben dabei sein müssen, wenn sein Zweiter auf Schweröl umstellen musste. Im weiteren Verlauf der Reise trieb Flarrow die Leute an und verlangte Überstunden, vor allem von denen, die eine Überstunden-pauschale bezogen. Das waren die Ingenieure und die Assistenten. Dem Zweiten überließ er keine Entscheidung, der bekam gesagt was zu tun und lassen war. Als sie in Santos eintrafen, hatten sie an zwei Hilfsdieseln die Grundüberholung durchgeführt. Aber das war nicht ohne Samstags- und Sonntagarbeit gegangen, was Pro-teste der Assistenten ausgelöst hatte, die Flarrow aber nicht störten. Ihm war klar, dass sie dem bequemen Leben hier an Bord nach-weinten und keine Vorstellung mehr davon hatten, was bei gutem Willen alles möglich war. Der Hilfsdieseldritte mit dem C3-Patent fiel nicht nur durch mangelnde Fähigkeiten immer wieder auf, sondern auch, weil er keinen Einsatz zeigte, kaum mit anpackte. Er wurde auch von den Assistenten nicht ernst genommen. Flarrow machte ihm das klar, verlangte mehr Leistung von ihm und gab ihm kleinere Arbeiten, die er auf der Wache nebenbei erledigen sollte. Als er auf der Abend-wache das Ventilspiel eines noch nicht überholten Hilfsdiesels mes-sen sollte, rief er Flarrow an und verkündete, dass der Diesel jetzt laufen würde und er nun mit dem Messen beginnen könnte. Flarrow stürzte in die Maschine und fragte, was das denn sollte und warum er nicht das tat, was ihm aufgetragen war. Die Antwort war ein Ach-selzucken und ein Gesichtsausdruck, der nur mit Hilflosigkeit be-zeichnet werden konnte. Flarrow explodierte: „Wo haben Sie denn ihr Patent gemacht? In der Kneipe zum Blauen Frosch vielleicht? Sie fahren hier als Dritter und haben null Ahnung! Angelscheinbesit-zer nennt man so etwas. Wenn das so weiter geht, können sie von Buenos Aires aus nach Hause fliegen, glauben Sie mir, ich kann Ih-re Wache auch selbst gehen, dazu brauche ich solche Pfeifen wie Sie nicht. Ich verbiete Ihnen ab sofort, während der Wache neben-bei zu arbeiten. Sie gehen nur Ihre Wache und überwachen den Betrieb. Die zu erledigenden Arbeiten machen Sie zukünftig außer-halb der Wache. Sie bekommen ja ihre Überstunden bezahlt, wenn auch nur pauschal. Eine weitere solche Glanzleistung wie die eben, und ich schicke Sie nach Hause, merken Sie sich das!“ Damit ließ er den Dritten stehen. Was passiert war, hatte natürlich verschiedene Ursachen. Während der C3-Lehrgang an einer Fachschule als Weiterbildung anerkannt und gefördert wurde, zählte ein C5-Lehrgang an einer Staatlichen Ingenieurschule als Studium, welches von Fördermaß-nahmen, wie sie bei C3 und C4 möglich waren, nicht betroffen war. Bei gleichen Eingangsvoraussetzungen konnten die Teilnehmer ei-nes C3-Lehrgangs mit einer monatlichen Förderung von bis zu tau-send D-Mark rechnen. Der Hauptmaschinendritte, der einen C5-Abschluss hatte und nun mit C4 sein Patent ausfuhr, bekam als Dritter Ingenieur die glei-che Heuer wie der C3-Mann, der das Ventilspiel eines Dieselmotors nicht zu messen verstand. „Bei tausend Mark im Monat haben die Schüler ja Probleme, die Fördermittel zu verbraten. Da freuen sich die Kneipen, kein Wunder, dass sie nichts lernen.“ So pflegte Flar-row diesen Zustand zu bezeichnen. Es war natürlich nicht so, dass ein C3-Mann grundsätzlich unfähig wäre, auf einem CAP-SAN-Schiff Wache zu gehen. Diesem Dritten, der die Hilfsdieselstation hatte, fehlte jedoch nicht nur praktisches Können, sondern auch theoretisches Wissen. Er hatte keine Unterlagen für seine Station vorgefunden, folglich wurden die Instandhaltungsarbeiten, die in seinen Bereich fielen, nicht dokumentiert. Schlimmer war nur, dass der oder die Chiefs das nicht gemerkt hatten. Old Paddelfoot von der LORENZO ließ grüßen. Flarrow nutzte die Überfahrt auch zu einem gründlichen Check des gesamten Maschinenbetriebes und entdeckte eine Menge Din-ge, die völlig vernachlässigt waren, Versäumnisse hinsichtlich der erforderlichen Instandhaltung vor allem. Die Kolben der Hauptma-schine hatten alle mehr Betriebsstunden, als von MAN empfohlen. Man hatte lange nichts getan, und nun wurde es hohe Zeit. Alle neun Kolben waren demnächst fällig. „Da werden wir in Santos zwei Kolben ziehen“, sagte Flarrow dem Hauptmaschinendritten. „Bereiten Sie sich schon mal darauf vor, prüfen Sie das Werkzeug und reden Sie mit dem Storekeeper, damit wir nach dem Festma-chen gleich loslegen können.“ Abwechslung auf der Überfahrt nach Santos boten natürlich die Passagiere. Zum Abendessen erschienen die Offiziere in voller Uniform. Der Kapitän gab bekannt, ob weiß oder blau oder weiß-blau zu tragen war und holte Flarrow immer zum Abendessen ab. Die Offiziere saßen alle am Kapitänstisch. Den Vorschlag des Schiffsarztes, der ebenfalls neu an Bord gekommen war, die Offizie-re an die Tische mit den Passagieren zu verteilen, lehnte der Kapi-tän rundweg ab. Offen blieb allerdings, ob er das nicht wollte, weil er dann auch Passagiere an seinem Tisch hätte oder ob er seine Offiziere unter Kontrolle haben wollte und ihnen ein entsprechendes Verhalten den Passagieren gegenüber nicht zutraute. Er war ein Kapitän der alten Schule und führte das Schiff entsprechend diktato-risch. Dem Schiffsarzt, mit dem sich Flarrow gut verstand, gefiel das gar nicht. „Er traut niemandem, ist im Dauerstress, hat große Angst, dass etwas schief läuft und versteckt das Ganze hinter sei-nen vier Streifen. Er hat auch Angst vor Ihnen, Chief. Ihr Verhalten erschreckt ihn irgendwie, wahrscheinlich sind Sie ihm zu selbststän-dig. Im Kanal holte er sich ein paar Pillen, weil er Tag und Nacht auf der Brücke war, obwohl der Erste Offizier meint, dass das so gar nicht erforderlich gewesen wäre.“ - „Soll ich vielleicht einmal mit ihm unter vier Augen reden?“ - „Das wird er kaum akzeptieren, lassen Sie das lieber so wie es ist.“ Der Doktor machte sich also Sorgen um die Gesundheit des Kapitäns; später versuchte er ihn zu einer Untersuchung zu bewegen. Leider ohne Erfolg. Am nächsten Abend sprach der Kapitän über Probleme der modernen Seefahrt, vor allem von denen der Maschine. Die vielzy-lindrigen Dieselmotoren mit hoher Drehzahl, die jetzt auf den neuen Containerschiffen eingesetzt wären, würden die Ingenieure überfor-dern, weil sie nicht zuverlässig wären. Und die Automatik würde die Sache auch komplizierter statt einfacher machen. Flarrow grinste über solche Äußerungen, die auf dem Hörensagen basierten, sagte aber nichts dazu, obwohl die Offiziere am Tisch ihn alle ansahen und gespannt auf eine Antwort warteten, weil der doch auch ein ‚Au-tomatik-Chief’ war, wie man wusste. „Lassen Sie gefälligst das Grinsen“, kam es vom Kapitän, und Flarrow grinste nun nur noch in sich hinein und beschäftigte sich mit seinem Dessert. Von da an, kühlte sich aber die Beziehung zwischen Chief und Kapitän weiter ab. Da der Erste Offizier nicht mit dem Zweiten Ingenieur verkehrte, was Flarrow noch verstehen konnte, war auch das Verhältnis Deck / Maschine nicht besonders herzlich. Auch Flarrow verspürte keine besondere Neigung, den Zweiten zu besuchen oder ihn zu sich zu rufen. Das Schmierpäckchen und seine schmutzige Kammer luden einfach nicht dazu ein. Zusätzlich machte der Erste immer deutlich, dass er der Kapi-tänsstellvertreter sei, er blickte grundsätzlich auf den Zweiten Inge-nieur herab, der sich nicht wehren konnte. Das ließ wiederum Flar-row nicht kalt, denn der strebte ein eher freundschaftliches Verhält-nis an, was mit dem Ersten nicht zu machen war. Teamgeist, wie auf POLARSTERN, war die Zukunft, nichts anderes. Aber das hat-ten die meisten Mitglieder des Clubs der ‚CAP-SAN-Fahrer’ noch nicht begriffen. Zwei Kolben in Santos ziehen, dass sprach sich schnell herum und löste Proteste aus. In Santos sagte die Maschinencrew, be-sonders die Assistenten, dies wäre ihr Heimathafen, Kolben könnten auch in anderen Häfen gezogen werden. Der Zweite meldete das Flarrow und meinte, dass man deshalb das Kolbenziehen in Santos vergessen könnte. Natürlich verhielt er sich völlig passiv und tat nichts, die Leute umzustimmen. „Heimathafen Santos? Na, dann kommen Sie doch bitte einmal mit“, sagte Flarrow und führte seine Leute an Land und zum Heck der ANTONIO. „Lesen Sie doch bitte einmal was da steht, was heißt das denn unter dem Schiffsnamen?“ Eisiges Schweigen der Leute. „Sagen Sie mir bitte, was das heißt“, wiederholte Flarrow, und ein Assistent antwortete halblaut „Heimat-hafen Hamburg“. „Aber wir haben doch unsere Freundinnen hier an Land, die warten doch auf uns“, kam es so oder ähnlich von den an-deren. Flarrow verwies darauf, dass sie ein Schiff zu betreiben hät-ten und nicht wegen der Freundinnen nach Santos gekommen wä-ren. Da verfielen sie auf die Idee, Freie Tage zu nehmen. Die Ree-derei würde ja großen Wert darauf legen, dass Freie Tage genom-men würden. Flarrow hätte sich auf die Situation der Hauptmaschi-ne berufen können, sagte aber stattdessen: „Nehmen Sie Freie Ta-ge, regeln Sie das mit dem Zweiten.“ Sie zogen stolz ab, weil Sie sich durchgesetzt hatten. Der Chief hatte nachgegeben müssen, das war doch was. In Santos wurde nun ganz normal von acht bis siebzehn Uhr gearbeitet. Wegen der genommenen Freien Tage war kaum je-mand auf der Tageswache. Deshalb wurden nur kleinere Arbeiten erledigt, die aber auch wichtig waren. Als er einmal die Nachtwache kontrollierte, stellte er fest, dass der Wachgänger auf einer Bank im Maschinenraum schlief. Der wusste, dass er nachts nicht kontrol-liert wurde und war entsprechend erstaunt, nicht etwa erschrocken! Es war natürlich schwer, nachts wach zu bleiben, besonders in San-tos, wo die Damen aus der Hamburg-Bar, die auch tagsüber geöff-net hatte, besonders anspruchsvoll waren. Flarrow weckte den Mann, unterhielt sich mit ihm, stellte fest, dass er nicht betrunken war und ging schließlich wieder nach oben, nachdem er den Assis-tenten gründlich verwarnt hatte. Ein Eintrag ins Maschinentagebuch wegen Wachvergehen konnte man sich schenken. Darüber würde hier sowieso jeder müde lächeln.


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