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Endstation Tokyo - maritimer Band 9


In Japan achtern raus gesegelt

von Gessmann, Rainer Hg: Ruszkowski, Jürgen

zeitzeugen
ISBN10-Nummer:
3980810593
ISBN13-Nummer:
9783980810593
Ausstattung:
kartoniert, s/w-Bilder, 151 Seiten
Preis:
12 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Verlag:
Ruszkowski, Jürgen, 22559 Hamburg
Kontakt zum Autor oder Verlag:
JuergenRuszkowski@gmx.de
Leseprobe
Achteraus in Nagoya-Port Logischerweise ist ein geplanter Absprung, so ein Shipjump, im letzten Hafen, möglichst am letzten Tag vor der Ausreise optimal. Für uns jedoch war Muroran ganz im Norden Japans ein völlig unbekanntes Revier, weshalb wir uns für Nagoya entschieden. Außerdem hatte ich in Nagoya eine kleine Hafenbekanntschaft, deren Quartier konnten wir als Unterschlupf für die ersten Nächte gut gebrauchen. Die Löschzeit der METHAN im Hafen von Nagoya war auf drei Tage angesetzt. Wir terminierten daraufhin unser Getaway vom Schiff auf die letzte Nacht. Es war der 11. August 1968. Wir holten vom Funkoffizier den letzten maximalen Vorschuss in japanischen Yen ab. Gleichzeitig besorgte Johann mit flinker Hand unsere dort deponierten Seefahrtbücher. Mit gepackten Seesäcken in unserer Kammer warteten wir am Abend auf die Gunst der Stunde. Kurz vor Mitternacht – der Schiffsnachtwächter war beim Kaffeetrinken in der Mannschaftsmesse – schleuderten wir unsere Seesäcke auf die Pier und schlichen bei sternklarer Sommernacht die Gangway hinab von Bord. Nicht wissend, was dieses gewagte Unternehmen für uns mit sich bringen würde, durchquerten wir vorsichtig die Hafenanlagen. Für mich wurde dieses gewollte und abrupte Ende meiner Seefahrt die wichtigste und riskanteste Entscheidung meines Lebens. Nur 48 Tage hatte ich auf meinem sechsten und letzten Schiff der deutschen Handelsmarine verbracht. Diese kürzeste Fahrzeit brachte auch das Ende meiner Seemannskarriere. Unser Landgangsausweis (Shorepass) hatte eine Woche Gültigkeit. Dies bedeutete, wir waren theoretisch bis zum 11. August 1968 legal in Japan. Der Shorepass legalisiert den Aufenthalt während der Liegezeit des Schiffes im Hafen an Stelle des Reisepasses mit Visum. Uns war bewusst, dass ein normal einreisender Japan-Tourist einen Einreisevermerk in seinen Pass eingestempelt bekam. Dieser Vermerk im Pass berechtigte deutsche Bundesbürger damals zu einer maximalen Aufenthaltsdauer in Japan von 180 Tagen. In unserer Situation jedoch war es unmöglich, diesen begehrten Stempelabdruck zu erhalten. Wir hatten nach einem Ausweg gesucht, um die nach dem 11. August 1968 eintretende Illegalität abzufedern. Noch vor unserem Abgang von Bord hatten wir das Büro der Hafenimmigration aufgesucht und nach vieler rhetorischer Laberei ein Immigrationssiegel mit Datum in unsere Pässe eingestempelt bekommen. Uns war schon klar, dass dieser einfach aussehende Stempelabdruck nicht das richtige Einreise- und Aufenthaltsdauer-Permit ersetzen konnte, aber nach dem Motto, ein echter Stempel im Pass ist besser als eine blanke Seite, fühlten wir uns etwas wohler. Dieser nichtssagende Stempelabdruck des „Immigration Inspektor, Nagoya Port“ mit mir zwei unverständlichen japanischen Schriftzeichen darunter sollte mir gut zwei Jahre später einmal unbezahlbare Dienste erweisen. Aber bis dahin waren noch unwiederholbare 27 Monate abenteuerlichen Lebens in diesem einzigartigen Japan zu überstehen. Untertauchen und vor allem weg von der Straße, war das Gebot der Stunde und äußerst wichtig für die ersten Tage, denn inzwischen musste sich unser Fernbleiben in der Hafengegend herumgesprochen haben. Mit Polizei-Escord, eventuell in Handschellen, noch vor Auslaufen der METHAN aus dem letzten japanischen Hafen wieder an Bord zurückgebracht zu werden, wäre äußerst peinlich für uns geworden und musste unbedingt vermieden werden. Meine Hafen-Geisha wusste über unsere Situation Bescheid und sicherte uns für eine begrenzte Zeit Unterschlupf zu. Wir teilten uns ihr winzig kleines Zimmerappartement mit Kochnische als Vorraum und Tatamiraum (Tatami = etwa 5 cm dicke und 90 x 180 cm große Binsenhalmmatte) als Wohnschlafplatz. In der Nacht schlief Johann im Bundeswehr-Schlafsack auf dem Küchenboden und ich auf den japanischen Tatamis mit meiner Geisha im Arm. Nur eine dünne Papiertür trennte zwei verschiedene Schlafklassen, trotzdem gerecht, denn es war schließlich meine Geisha. Allerdings konnte dies kein Dauerzustand bleiben, denn die Geisha musste Geld verdienen, und wir wollten Japan entdecken. Noch waren unsere bescheidenen Bargeldreserven intakt, so dass wir uns entschlossen, mit der Japan National Railways (JNR) zu reisen. Hier zeigte sich Japan von der besten Seite. Die Bahnhöfe waren picobello sauber, die Züge pünktlich und das Bahnpersonal korrekt gekleidet und auskunftsfreudig. Seit 1964 fährt der schnelle Blitzzug Shinkansen auf der Rennstrecke Tokyo-Osaka im Fünfminutentakt bis zum heutigen Tag unfallfrei. Auch Schmierereien auf den Bahnsteigen sowie die Besudelung und grobwillige Beschädigung der Zugeinrichtungen, in Deutschland inzwischen normal oder sogar als „Kunst“ bezeichnet, sind bis heute in Japan kein Thema. Auf halbem Wege zwischen Nagoya und Tokyo liegt linker Hand majestätisch schön der Fuji-san. Es war Hochsommer und somit Saison für Fujiyama-Bergsteiger. Eine Legende sagt bei erfolgreicher Besteigung des heiligen Berges eine siebenfache Wiederkehr nach Japan voraus. In unserer Japaneuphorie konnten wir eine solch positive Voraussage natürlich nicht ignorieren und beschlossen kurzfristig den Aufstieg zum Fuji-Berg. In Shizuoka-City stiegen wir aus dem Zug und deponierten unsere Habseligkeiten in einem Schließfach des Bahnhofs. Wir durchstreiften zunächst die nächtliche Szene der Stadt und ließen uns von den spendierfreudigen Japanern zum Sake (Reiswein) einladen. Wir übernachteten in billigen Ryokans (Hotels) und auch immer wieder mal, um Geld zu sparen, auf einer Parkbank. Mit verschiedenen Bussen ging es zum Fuße des Fujiyamas bis zur 5. Station, die zugleich Endstation war. Hier befindet sich der Sammelpunkt aller Fuji-Aufsteiger. Hunderte von Japanern, alle perfekt ausgestattet mit Bergschuhen, Marschgepäck, Stock und Seppelhut, standen diszipliniert zum Aufstieg bereit, dazwischen Johann und ich mit nur leichter Sommerbekleidung und Sandalen an den Füßen. Nach kurzer Orientierung reihten wir uns in die endlose Schlange von Japanern und Japanerinnen ein und marschierten der nächsten Etappe entgegen. Nach dreistündigem anstrengendem und stupidem Gänsemarsch bergauf setzte bei uns Hunger und Durst ein. Unser kleiner Proviantvorrat war jedoch unzureichend und sehr rasch aufgebraucht, aber hilfreiche mitsteigende Japaner ließen uns nicht verhungern. Nach einer kurzen kalten Nacht in einer Hütte an der neunten und letzten Etappe hetzte das Rudel im Morgengrauen dem Gipfel entgegen. Der Höhepunkt für die japanischen Aufsteiger ist es, den Sonnenaufgang von der Spitze des Berges aus zu erleben und mit mehreren „Banzai“ (lang lebe Japan) -Rufen zu begrüßen. Diese Banzai-Rufe zum Sonnenaufgang sind das Hauptmotiv der ganzen Kraxelei dieser Pilger-Wallfahrt für die „echten“ Japaner. Meine Gedanken schweiften zurück zu dem Augenblick, als ich von Bord aus zum ersten Mal von See her den Fuji-san erblickt hatte, aus einer anderen Perspektive und unter anderen Umständen. Ein fröstelndes Gefühl ging durch mich hindurch. Mit der Erkenntnis, als Nichtjapaner ersteige man den Fuji nur einmal, gelangten wir über den staubigen und geradlinigen Abfahrtstrail wieder bei der Bushaltestelle an. Für die nächste Zeit war unser Appetit auf Natur und Kult gestillt, und wir fixierten uns auf unser Endziel Tokyo.
Klappentext
Die abenteuerliche Karriere eines deutschen Seemannes: Mit 15 Jahren fing er 1964 in Hamburg als Schiffsjunge an. Nach vier Jahren Seefahrt von Europa aus nach Nordamerika, in die Karibik und nach Ostasien segelte er mit 19 als Matrose bei einem geplanten Shipjump in Nagoya-Port in Japan achtern raus und lebte jahrelang ohne Aufenthaltsgenehmigung illegal im Land der aufgehenden Sonne. Mit Kellner- und Film-Nebenrollen-Jobs schlug er sich durch, bis er seinen Aufenthaltsstatus legalisieren und sich mit einer eigenen Firma in Japan selbständig machen konnte. „Einige glückliche Umstände, verbunden mit gutem Stehvermögen und schneller Anpassung im aufstrebenden Japan, lenkte meine Karriere stets in die erfolgreiche Richtung... Nie lebte ich über meine Verhältnisse, außerdem versuchte ich trotz meiner ‚glücklichen Hand’ nie gierig zu werden. Diesen Eigenschaften, gepaart mit meinem konsequenten Charakter, verdanke ich, dass das oft zitierte ‚wie gewonnen, so zerronnen’ nicht eingetreten ist... So blieb ich im Grunde immer der einfache und dankbare Seemann“
Rezension
Hier einige der interessantesten Leserbriefauszüge: * ...wenn man darin liest, erkennt man dich schon Meilen voraus. Reinhard (Harry) Berger, Meerbusch * Ich konnte es fast gar nicht glauben, was für ein abenteuerliches Leben Sie hinter sich haben. „Donnerwetter“ möchte man als Berliner sagen, und Köstlichkeiten haben Sie erlebt und genossen...!! Dieter Brämer, Berlin/Tokyo * ...habe es bereits gelesen. Empfinde Hochachtung und Bewunderung, was Sie aus Ihrem Leben gemacht haben. Josef Brümmer. Stuttgart * Das Schönste in deinen Texten ist für mich aber diese große Freude am Leben, überhaupt deine positive realistische Einstellung dazu. Gudrun Eberle, Wildberg * „Klasse“ – dein Buch. Natürlich habe ich sofort an Gorch Fock gedacht, auf dessen Spuren du irgendwie gewandelt bist. Jens Uwe Fuhrmann, München * Habe dein äußerst spannendes und ehrliches Buch bis zum Schluss durchgelesen. Beeindruckend! Du hast ja in deinem Leben außerordentlich viel Glück gehabt und außerdem immer zum richtigen Zeitpunkt die richtige Entscheidung getroffen. Rolf Otto Jesser, Legos/Portugal * Dein Buch habe ich im Sofortdurchgang gelesen. Vieles war, als würde ich die Zeit Revue passieren lassen. Hanns Nägerl, (Johann, the Sailorman), Sulzbach-Rosenberg * ...Ich kenne aber noch viele Geschichten, die nicht im Buch stehen, aber Sie heißen ja nicht Dieter Bohlen! Hans-Dieter Kloos, Rödermark * Du bist nicht zum Nulltarif gereist. Und das Wichtigste, du bist nicht gierig geworden. Das ist das Geheimnis, wenn man ein Liebling der Götter ist, denn diese können bekanntlich auch neidisch werden. Elisabeth Schwarz, München * Diesmal hast du mich wieder einmal voll überrascht!!! Mir gefällt, dass du dich auch im Buch deiner klaren und kraftvollen Sprache bedienst! Großes Kompliment! Schade, dass du nicht alles schreiben konntest! Das würde es noch mehr interessant machen! Knut W. Netz, Manila/Philippines * ...Dass alle deine Geschichten, die deine Kumpel kennen, darin keine Aufnahme finden konnten, und ich meine jetzt nicht, dass es dadurch viel zu dick geworden wäre, ist klar. Aber zumindest andeutungsweise und zwischen den Zeilen ahnt man oft, was gemeint ist. Klaus Stiebeling, Wuppertal Habe das Buch "Endstation Tokyo" schon fertig gelesen. Da stimmt tatsächlich alles. Ich war ja zur gleichen Zeit in Japan und sogar in den selben Häfen wie Muroran, Yokohama, Nagoya, Osaka, Kitakyushu und drüben in Pusan/Korea. Wäre kein Wunder, wenn mir Rainer mal über den Weg gelaufen wäre. Habe Band 9 verschlungen: Das können Sie auch gerne dem Autor ausrichten! Ein sehr angenehmer und flüssiger Schreibstil bei einer wirklich interessanten Geschichte. An der einen oder anderen Stelle hätte er auch mehr ins Detail gehen können, aber diese Anmerkung soll nicht das Ganze schmälern!" Dirk D.