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> Zeitzeugen > Eine Generation verabschiedet sich
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Buch Leseprobe Eine Generation verabschiedet sich, Jürgen Klosa
Jürgen Klosa

Eine Generation verabschiedet sich



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Drei Geschichten von 108:

Bedingungslose Hingabe
Über seine „Feuertaufe“ der Hingabe schreibt Pater Hans Weßling:
Warum hat Gott mich in seinen Dienst gerufen? Es gab doch viele, die würdiger waren als ich. Ich kann mir nur eine Antwort auf diese Frage geben. Er wollte zeigen, dass es nicht auf das Material ankommt, sondern auf ihn, den Künstler, der aus Steinen Kinder Abrahams machen kann.

Immer deutlicher vernahm ich seinen Ruf: „Komm, folge mir!“ Im Noviziat hatte ich ihm entwischen wollen. Er hat mich nicht losgelassen. Im Gegenteil, immer näher zog er mich an sich. Im Sturm des Krieges läuterte er mich wie Gold im Feuerofen. Bedingungslos habe ich mich ihm ergeben. Der Tag, an dem das geschah, war der 17. März 1944, in dem kleinen Dorf Appyscha, nördlich von Pleskau. Über Nacht waren wir hierhin verlegt worden. Unsere Geschütze hatten wir bei Dunkelheit in Stellung gebracht. An jedem dieser Geschütze blieben zwei Mann auf Wache stehen. Die anderen lagen todmüde auf dem Boden eines Kellers in einem benachbarten Haus.

Noch ehe der Morgen graute, überfiel uns ein mörderisches Feuer. Das Gedröhne der Bomben und Granaten war so gewaltig, dass man weder Abschuss noch Einschlag unterscheiden konnte. Die Luft im Keller war voller Brandstaub. Wir drohten zu ersticken. Alles drängte zu einer Kellerluke. Mein erster Gedanke: "Hier kommst du nicht mehr raus!" Aber wirklich, nur für den Bruchteil einer Sekunde dachte ich so. Dann war es wieder da, dieses befreiende Wort „Du wirst dein Ziel erreichen!“ Jetzt war ich gewiss, der Herr verlässt mich nicht.

Über uns brannte das Haus. Wir eilten hinaus zu unseren Geschützen. Um uns das Grauen! Bomben, Granaten und die Stalinorgel. Das schlimmste Trommelfeuer meines Lebens hatte begonnen.
Plötzlich setzte Ruhe ein, unheimliche Ruhe. Ich schaute auf meine Taschenuhr, meinte es müsste Mittag sein. Acht Uhr morgens war es. Dann wagte ich, den Kopf über den Rand meines Loches zu heben. Ich schreckte zurück! Ein russischer Panzer fuhr unmittelbar an unseren Geschützen vorbei. Warum nur einer? Wir sollten es bald wissen. Der Panzer kam um zu erkunden. Er drehte zurück auf die russische Stellung zu. Im Niemandsland versackte er in einem zugefrorenen Bombentrichter. Doch die Besatzung konnte noch zu den russischen Gräben laufen.

Minuten später setzte wieder mörderisches Feuer ein. In Appyscha tobte die Hölle. Rund um unsere Stellung prasselte die Stalinorgel nieder. Und dann die Sekunde des Grauens. Die letzte Granate dieses ersten erneuten Feuerüberfalls schlug am Rande meines Loches ein. Ich höre es heute noch und werde es nie im Leben vergessen, mit welchem Luftdruck sie auf mich zusauste, wie es mich erdrückte. Mein Karabiner, der oben auflag, fiel mir zerfetzt in den Rücken. Ich kauerte am Boden, kratze mit den Fingernägeln den angefrorenen Boden an und rief laut: Deus in adjutorium meum intende! Domine ad adjuvandum me festina! (Oh Gott, komm mir zu Hilfe! Herr eile mir zu helfen!) Nichts, gar nichts hatte ich abbekommen. Ich betastete mich. Dann kam es aus innerstem Herzen heraus: „Herr, hier bin ich! Ich will Priester werden, ein heiliger Priester!“ Im Nachbarloch mein Kamerad Hans Linz. Er konnte es nicht verlassen. Rundum noch tödliches Gewitter.

So wie es etwas stiller wurde, wagten wir beide zaghafte Blicke über den Rand unserer Löcher. Seine fragenden Augen verrieten mir alles. Unfassbar für ihn, dass mir nichts geschehen war.

Zwei Tage hielt dieses mörderische Feuer an. Zum Glück war es in den Nächten ruhiger. Als wir am 19. März in der Morgenfrühe aus Appyscha abgezogen wurden, war ich ein anderer. Restlos hatte ich mich dem Herrn übergeben.

Wasser als Friedensstifter
Für die, die im Krieg unter extremen Bedingungen leben bzw. kämpfen mussten, ist es aus heutiger Sicht unverständlich, wie sie trotz vieler Verwundungen überlebten. Erich Ohle ist einer, der oftmals verletzt wurde. Erst erlitt er einen Oberarmdurchschuss, bekam eine Verletzung am Unterschenkel, erhielt zahlreiche Granatsplitterverletzungen am Oberkörper, wurde am Handgelenk getroffen, hatte Splitter im Wirbelsäulenbereich zu verkraften und trug Verletzungen am linken Oberschenkel davon. Er bekam das Verwundetenabzeichen in Gold. Sein Körper zeigt noch nach 60 Jahren zahlreiche Narben, die ihn sein Leben lang an die Zeit in Russland erinnerten.

Doch nicht nur Kampf und Verletzung sind ihm in Erinnerung geblieben, sondern auch Erlebnisse mit einer menschlichen Seite.

Es war in der Gegend des Assowschen Meeres im Sommer des Jahres 1942. Gemeinsam mit seinen Kameraden litt auch Erich Ohle sehr unter der großen Hitze. Es gab wenig zu trinken und man suchte dringend nach Wasser. Per Fernglas entdeckten sie, wie Russen einen bestimmten Weg gingen und mit Wasser zurückkamen. Sie waren also in der glücklichen Lage, das auf ihrer Seite eine Quelle war.

Die Deutschen wollten auch Wasser haben und sandten einen Spähtrupp los. Der hatte Glück und fand in einem Kilometer Entfernung eine Quelle. Diese wollte man auch nutzen, aber die Russen sollten nichts merkten. Immer wenn kein Russe in der Nähe war, schickten sie die eigenen Leute zur Quelle.

Einmal gab es aber doch eine Begegnung. Beide Parteien behielten die Nerven und blieben friedlich. Und das aus heutiger Sicht Unglaubliche passierte: Man verabredete ein Zeichen, dass nicht geschossen würde, wenn es um Wasser ging. Wer eine Flasche hochhielt, sollte unbehelligt die Quelle benutzen können. Als ein Klima des Vertrauens geschaffen war, haben auch einige Deutsche und Russen zusammen an der Wasserstelle eine Zigarette geraucht und sich unterhalten. Das ging eine Zeit so lange gut, bis die Russen wieder klare Angriffsbefehle bekamen. Als es soweit war, kündigten sie mit einem Lautsprecher ihren Angriff mit der Stalinorgel an. „Kameraden geht in Deckung, gleich geht es los!“ hörten die erstaunten deutschen Gegner.

Da bei der Roten Armee auch übergelaufene Antifaschisten aus Deutschland kämpften, gab es von daher keine Sprachprobleme. Sich zu achten, wenn es um den Durst ging, war eine Sache, das rücksichtslose „Draufhalten“ von Kanonen und Geschützen anscheinend eine andere.
Für Erich Ohle war es dennoch ein Wunder, dass Wasser im sprichwörtlichen Sinne Frieden stiften konnte. Diese Begebenheit dokumentierte auch, dass Befehle „von Oben“ den Krieg führen und die Menschen „von Unten“ trotzdem ganz eigene Wege finden konnten.

Schwein gehabt!
Im Krieg hatte alles seine Gesetze. Der Vormarsch war etwas anderes als der Rückzug. Bei Letzterem musste man schnell und beweglich sein und konnte keinen Ballast gebrauchen. Erich Staub, der den Rückzug in Jugoslawien mitmachte, erinnert sich noch an eine Situation, die ihm besonders nahe ging.

Kurz bevor der Aufbruch losging, suchte er mit anderen Kameraden ein Verpflegungsdepot auf. Seine Gasmaske hatte er aus dem dazugehörenden Behälter entfernt, so dass er darin Platz für Lebensmittel hatte. Zwei Wursthälften passten gut hinein, die würde er sich später schmecken lassen.

Es dauerte nicht lange, bis sich die Partisanen bemerkbar machten. Sie nutzten die allgemeine Hektik aus und beschossen die Deutschen. Erich Staub erlebte diesen Überfall als er gerade Pause machte. Eben noch sinnierte er über den Unsinn des Krieges nach und nun war er wieder mittendrin. Plötzlich machte es „Peng“ und er spürte eine Erschütterung am Körper. Blinderschrocken dachte der junge Soldat, dass er getroffen sei. Er wusste, dass man im ersten Moment nichts spürte und erst durch warmes, herunterlaufendes Blut wusste, wo es einen erwischt hatte. Er fing an wie wild an sich herumzutasten und wollte es genauer wissen. Immer noch war kein Schmerz zu spüren, was er als sehr seltsam empfand.

Erich Staub zog sich aus der Schusslinie zurück und suchte eine schützende Stellung auf. Ging es hier mit rechten Dingen zu? Langsam zog er sich aus, um ganz sicher zu gehen. Er hatte doch die Kugel gespürt und sollte nun nicht verletzt sein? Wo seine Hände auch tasteten, er fand keinen Einschuss, kein Blut, keine Verletzung. Das Glück war ihm also hold gewesen. Aber auf welche Weise, blieb ihm zu diesem Zeitpunkt ein Rätsel.

Etwas später beschloss Erich Staub, etwas zu essen. Er erinnerte sich an seine Wurst und wollte sie auspacken. Aber was war das? Der Gasmaskenbehälter hatte einen Einschuss, und die Wurst war auch nicht mehr so wie sie war. Eine Kugel hatte sie zerfetzt und war darin stecken geblieben. Nun ging ihm ein Licht auf und er erkannte, dass dieser Fehlschuss nicht ungenauer hätte sein dürfen. Er aß seinen „erschossenen“ Proviant auf und war über die glückliche Fügung sehr dankbar.

Anmerkung: Neben 108 Geschichten ist dieses Buch auch mit über 400 Bildern aus den Privatalben der ehemaligen Soldaten ausgestattet, d.h. das Buch ist eine Komposition aus Geschichten und Bildern.


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