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> Zeitzeugen > Die Goldesel-Töchter
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Buch Leseprobe Die Goldesel-Töchter, Heide Marie Zimmer
Heide Marie Zimmer

Die Goldesel-Töchter


Starke Frauen

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Die Geschichte, die ich Ihnen nun erzählen will, ist meine Geschichte. Sie mag Ihnen unglaubwürdig erscheinen, Sie vielleicht schockieren, Ihnen die Tränen in die Augen treiben oder Sie abstoßen. Sie mögen denken, das alles kann nicht oder zumindest nicht so passiert sein. Dass Sie so denken mögen, ist Ihr gutes Recht. Vielleicht müssen Sie gerade so denken, da Sie nicht selbst betroffen sind, dieses oder Ähnliches nicht selbst erlebt haben. Vielleicht denken Sie, die erzählt das einfach so locker und ohne Regung. Das kann nicht der Wahrheit entsprechen. Aber bedenken Sie bitte, dass, was Ihnen als Einbildung, als Fantasie erscheinen mag, war für mich keine Ausnahme, sondern Alltäglichkeit. Ich bin oft auf Menschen getroffen, auch Polizisten, Staatsanwälte, Therapeuten, die mich nicht ernst nahmen oder nehmen wollten. Trotzdem ist es passiert. Selbst wenn meine Erlebnisse inzwischen mehrere Jahrzehnte zurückliegen, habe ich kaum etwas davon vergessen. Jedem Zweifler sei gesagt: wenn ich etwas nicht kenne, noch nie davon gehört habe, heißt das nicht, dass es nicht existiert. Das, was ich erlebt habe, müssen Millionen von Kindern ebenfalls so oder so ähnlich erleben, jeden Tag, jede Stunde, auch heute noch, weltweit. Mädchen und Jungen zu beschaffen, ist kinderleicht, wenn man über die nötigen Verbindungen verfügt. Es gibt in Osteuropa Dörfer, in denen es kaum noch Kinder gibt. Wo sind die alle geblieben? Wegschauen ist Täterschutz. Die Stadt, in der ich lebe, hat etwa dreißigtausend Einwohner. Wir haben zwei Kirchen, eine evangelische und eine katholische. Wir haben ein paar kleinere Gruppen, die evangelikalisch oder sonst wie angehaucht sind. Es gibt einen Markplatz, eine kleine Fußgängerzone mit Optiker, Eisdiele, Boutique, Geschenkeladen, Restaurants, Kneipen und Juwelier, einen Park mit See, ein paar große Firmen und viele kleine. Es gibt einen Elektrofachmarkt draußen vor der Stadt, ein paar Lebensmitteldiscounter, zwei Kaufhäuser und Billigläden für Klamotten und Schuhe. Auch die Tankstellen, Autohäuser, Banken, Versicherungsagenturen und den Motorradhändler möchte ich nicht unerwähnt lassen. Die Stadt ist unterteilt in Viertel für Arme, für die Mittelschicht und die Oberschicht. Während sich die Armen um den Bahnhof scharren, hat sich die Mittelschicht vom Stadtzentrum aus den Berg hinaufgearbeitet. Ganz oben wohnen die Reichen und noch darüber residiert unser Zeitungsverleger mit seinem Clan. Nein, nein, er ist nicht gleichzeitig unser Bürgermeister. Er zieht lieber die Fäden im Verborgenen. Der Bürgermeister kommt aus der unteren Mittelschicht. Das ist besser so. Solche Leute kann man beeindrucken und lenken. Auch die Vereine möchte ich nicht vergessen. Wir haben einen Schützenverein, einen gemischten Chor, einen Lesekreis und einige Selbsthilfegruppen für Suchtkranke, Diabetiker und Menschen, die an Multiple Sklerose erkrankt sind. Obendrein gibt es einen Tennis-, einen Golf-, einen Schwimm- und einen Sportverein. Einige Bürger haben sich zum Nordic-Walking, zum Billard, Skat oder Kegeln zusammengeschlossen. Seit ein paar Jahren gibt es sogar ein paar Triathleten. Allerdings ist der bekannteste Verein von allen der Fußball-Club. Er hat die Kreisliga lange hinter sich gelassen und mischt nun eine Klasse höher mit. Die Menschen in unserer Stadt haben natürlich alle Licht und Schatten erlebt. Am Bahnhof freut sich Frau Meier über den Aufstieg ihres Sohnes und erzählt freudig in der Nachbarschaft herum, dass der nun bei der Sparkasse arbeitet und sich ein Haus weiter oben kaufen will. Die Freude der Nachbarinnen ist leider nur gespielt. Sie freuen sich nicht mit ihr. Sie lächeln und sind neidisch. Frau Müller aus der unteren Mittelebene hat sich jetzt ein Abo bei der Kosmetikerin gekauft. Stolz sitzt sie nun neben Frau Bürgermeister. Diese ist gar nicht erfreut darüber. Wie kann es sein, dass sich jetzt auch schon der Pöbel solch teure Abos leisten kann? Mann oder Frau ist gern unter sich. Aufsteiger oder Möchtegernaufsteiger werden nicht gern gesehen. Im Rathaus wird mal wieder darüber debattiert, ob die neuen Straßenlampen gerade oder in bogenform bestellt werden sollen. Gestern wurde zum sechzigsten Mal über die Form der Pflastersteine auf dem Marktplatz beraten. Der Zeitungsverleger hat zu einem kleinen Imbiss geladen. Er und sein Clan sind natürlich vollzählig anwesend, wenn der Bauunternehmer, der Inhaber des größten Autohauses, der Bankdirektor, der Bürgermeister, der Stadtkämmerer, der Kaufhausbesitzer und der Chefarzt des Krankenhauses den Weg zu ihm nach oben angetreten haben. Absagen gibt es so gut wie nie, wenn der Zeitungsverleger einlädt. Wer hat schon Lust, es sich mit diesem Mann zu verderben? Er hat schließlich die Macht, jeden durch seine Zeitung zum Helden zu machen oder eben zum Verlierer. Er weiß, dass das, was er schreibt oder schreiben lässt, von der Bevölkerung geglaubt wird. Ein solcher Mann würde niemals lügen. Dass in seinem Verlag auch Pornos gedruckt werden, weiß ja keiner. Heute stehen verschiedene Themen auf der Tagesordnung. Natürlich wird offiziell niemals von einer Tagesordnung gesprochen. Man trifft sich halt zum kleinen Imbiss. Hier wird im Grunde genommen die gesamte Stadtpolitik gemacht – parteiübergreifend, parteiunabhängig, am Wähler, am Bürger vorbei. Hier geht es nicht um Bogenlampen oder Pflastersteine. Hier geht es um Subventionen in Millionenhöhe, um öffentliche Aufträge oder darum, wie man öffentliche Ausschreibungen umgehen kann. Wer mitspielt, hat ausgesorgt. Wer nicht mitspielt, ist draußen, kann vor sich hin krebsen oder auswandern. Von Vorteil ist dabei, dass der Zeitungsverleger zufällig auch der Schützenpräsident ist. Mitglieder seines Clans stellen seit Jahren den Schützenkönig. Der Bauunternehmer steht dem Fußball-Club vor und der Bankdirektor dem Sportverein. Der Chefarzt lenkt die Geschicke des Tennis-Vereins und der Besitzer des Kaufhauses die des Golf-Clubs. So hat man sich im Laufe der Jahrzehnte eine Machtposition erarbeitet, die kaum zu kippen ist. Man kennt sich. Man versteht sich. Man zieht Vorteile für sich oder die anderen dieses illustren Kreises. Man ist unter sich und wähnt sich Gott sehr nahe, wenn nicht sogar auf einer Stufe mit ihm. Man fühlt sich unangreifbar. Man weiß, dass man sich verlassen kann, dass man einem uneinnehmbaren Bollwerk angehört. Moralische Bedenken kommen nicht auf, müssen nicht mehr aufkommen. Wo wir sind, ist vorne. Woher ich das alles weiß? Ich war dabei, mehrmals, immer wieder, allein oder gemeinsam mit meinen Schwestern und anderen Mädchen. Wo diese Stadt liegt, wie sie heißt, wollen Sie wissen? Gehen Sie zum Ortseingang ihrer Stadt, ihres Dorfes und schauen Sie auf das Ortsschild. Das, was hier passiert, passiert auch bei Ihnen, in ihrer Stadt jeden Tag aufs Neue. Vielleicht wird in ihrer Stadt nicht über Pflastersteine diskutiert, sondern über den kurzen Rock der Nachbarin, den Saufabend mit Freunden, an dem die schöne Nicole wieder mal alle Männer angemacht hat, oder den Autohändler, der die Kunden hinters Licht führt. Vielleicht wird sich über den ungepflegten Garten von Herrn Huber echauffiert oder das böse Wetter an den Pranger gestellt. Aber glauben Sie mir, es ist überall gleich. Über Nichtigkeiten wird offen gestritten. Das wahre Leben findet hinter geschlossenen Gardinen statt. Von diesem wahren Leben möchte ich Ihnen jetzt berichten. Aber, fallen Sie bitte nicht in Ohnmacht. Das wahre Leben, das ich erlebt habe, hat nichts mit einer heilen Welt zu tun, die Sie sich vielleicht wünschen oder zurechtdenken oder herbeireden wollen. Das wahre Leben ist grausam, unglaubwürdig, abstrakt, nie richtig zu fassen und trotzdem real.


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