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> Zeitzeugen > Der steinige Weg zum Schiffsingenieur
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Bücher Zeitzeugen
Buch Leseprobe Der steinige Weg zum Schiffsingenieur, Gregor Schock
Gregor Schock

Der steinige Weg zum Schiffsingenieur



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Inhalt:

Vorwort des Herausgebers
Vorwort des Autors

Beginn als Reiniger
Aller Anfang ist schwer
Die erste Reise nach Brasilien im Dezember 1964
Erinnerungen an meine USA-Reisen
Die weitere Reise nach Brasilien
Äquatortaufe

Brasilien
Ankunft in Brasilien
Der zweite Tag in Vitória
Der zweite Landgang in Vitória

Karibik-Reisen
Die Reise in die USA
Durch die Karibik zum Orinoco
Ankunft in Puerto Ordaz
Die Reise nach Mobile-Alabama
Eine erneute Reise nach Puerto-0rdaz
Die Reise nach Philadelphia
Mit dem Fahrrad durch den Dschungel
Linienfahrt durch die Karibik
Erneute Reise nach Puerto Ordaz und zu den Caroni-Fällen
Wie ruiniert man die Gesundheit der Mannschaft?
Sonnenuntergang in Puerto Ordaz
Die Reise nach Europa

Zum Schmierer ungemustert
Ankunft in Rotterdam
Zurück in die Karibik
Ankunft am Orincco
Wild-West-Manieren in Mobile-Alabama
Abmusterung in Rotterdam

Namen aus der Crew SS „RIO MACAREO“
Seemännische Fachsprache


Leseprobe:

Die erste Reise nach Brasilien im Dezember 1964

Es begann im Büro der Reederei und Agentur SEETRANS am Steinhöft 5-7 in Hamburg. Im Vorraum zu den Büros befand sich eine mehr als mannshohe hölzerne Leichtbauwand, die in ihrem oberen Bereich mit Kathedralglasscheiben versehen war, so dass man nicht in die dahinter liegenden Büros schauen konnte. Wenn man den Raum betrat, roch es deutlich nach Büro, diesem unverkennbaren Geruch nach altem Papier und Tinte. Stets war ein leichtes Klappern von mechanischen Schreibmaschinen zu hören. Dieser dämmerige Vorraum machte auf mich den Eindruck des Eingesperrtseins, obwohl ich jederzeit die Tür zum Treppenhaus hätte öffnen können, um dem zu entgehen.

Aber ich wollte mich ja bewerben. So war das Halbdunkel und die Enge des Raumes nicht gerade dazu angetan, einem 21jährigen die Stimmung für ein Bewerbungsgespräch zu verbessern. Dennoch drückte ich den Klingelknopf, der neben einer Fensterklappe angebracht war. Deutlich war das Klingeln im gesamten Büro zu hören, und ber­eits nach relativ kurzer Zeit öffnete sich das kleine Fenster und ein großer Herr in mittleren Jahren stand mir gegenüber. Er musterte mich kritisch und fragte nach meinen Wünschen.

Ich stellte mich vor und erklärte, dass ich eine Anstellung als Assi, Schmierer oder Heizer suche. Sofort fragte er mich, wo ich zuletzt gefahren bzw. beschäftigt gewesen sei. Ich sagte, dass ich als Reiniger auf zwei schwedischen Autotransportern zwischen Bremerhaven und Kalifornien bzw. Bremerhaven - New-York gefahren sei. Nun interessierte er sich noch für meinen erlernten Beruf, und während er in meinem Seefahrtbuch blätterte, erklärte er, dass eine Anstellung als Assi (Maschinenassistent) nicht möglich sei, da alle Positionen auf lange Zeit besetzt wären. Eine Einstellung als Schmierer oder Hei­zer käme bei ihm wegen meiner zu kurzen Fahrzeit noch nicht in Frage, und deshalb könne er mir lediglich einen Job als Reiniger anbieten. Dabei könne es möglich sein, dass ich bei Eignung nach gewisser Zeit an Bord zum Schmierer oder Assi umgemustert werden könne.

Nun war es an mir, Fragen zu stellen. Mich interessierte natürlich die Höhe der Heuer. Da bei dieser Reederei alle Schiffe unter Liberiaflagge liefen und somit der deutsche Heuertarif nicht zum Tragen kommen konnte. Er erklärte mir, ich würde als Reiniger 155 US$ feste Heuer monatlich verdienen zuzüglich Überstunden, abzüglich der SBG-Beiträge, denn die Besatzungen waren trotz Liberiaflagge bei der Seeberufsgenossenschaft in Hamburg sozialversichert. Der Dollar werde zum festen Kurs von 4,20 DM verrechnet. Lohnsteuern wären in Deutschland nicht fällig, da ich mich mehr als neun Monate im Ausland aufhalten würde.

Das klang für die damalige Zeit recht gut, und ich sagte sofort zu. Nach meinem Ok wurde es sehr geschäftig. Die Tür neben dem Fensterchen, durch das wir uns unterhalten hatten, flog auf, und ich wurde in die Tiefe des Büros geleitet. Gegenüber einem Schreibtisch wurde mir Platz angeboten, und die ältere Dame, der ich nun gegenüber saß, bekam von meinem bisherigen Gesprächspartner eilig ohne Punkt und Komma erklärt, was mit mir zu geschehen habe. Das hörte sich etwa so an: „Herr Schock kommt auf unsere „RIO­ MACAREO“ im Hafen von Antwerpen mit Bahnticket - heute noch Vertrag als Reiniger machen und zu Dr. Sander.

Diese damals für mich ältere Dame von ca. 55 Jahren war sehr freundlich und redete mit mir in ruhigem und mütterlichem Tonfall. Sie stellte nun einige Fragen, während sie auf der Schreibmaschine schrieb. Dann faltete sie ein Papier zusammen und steckte es in einen Briefumschlag, vergewisserte sich, dass ich meine Impfkarte nicht vergessen hatte und beschrieb mir den Weg zu Dr. Sander. Während meiner Untersuchung könne sie dann alle weiteren Papiere vorbereiten.

Wie bei einem Arzt üblich, musste ich im Wartezimmer Geduld beweisen, obwohl ich wusste, dass ich noch am selben Tag nach Antwerpen fahren sollte. Es war bereits kurz vor Mittag, als ich endlich vorgelassen wurde. Der Arzt war durch das kurze Anschreiben der Reederei, das ich mitgebracht hatte, informiert, welchen Teil der Erde ich befahren sollte und impfte mich kurz und schmerzlos ge­gen dies und das. Daraufhin musste ich einen Sehtest absolvieren, ferner den Mund öffnen, um den Zustand der Zähne preiszugeben. Auch das Körpergewicht und die Größe wurden ermittelt. Dann folgten noch einige Fragen zu eventuellen Erkrankungen. Als ich ihm eine vor einigen Jahren durchgeführte Knieoperation auf lateinisch benannte, schaute er mich mit kritisch fragender Miene an. Er blätterte in seinen Papieren und bemängelte, dass ich bei einer Körpergröße von 1,87 Metern nur 78 kg wiege, das sei erheblich zu wenig. Um es genau zu sagen, ich habe Untergewicht. Bei einer Körpergröße von 1,87 Metern müsse ich 87 kg wiegen, erläuterte er mir. Das sei eine allgemein bekannte Regel.

Nun konnte ich nicht umhin, ihn zu fragen, ob er schon einmal etwas von der kretschmerschen Typenlehre gehört habe. Er stutzte wieder, schaute mich kritisch und fragend über seine Brille an und sagte dann: „Haben sie studiert?" - Ich verneinte und erklärte, dass ich mich bei allen Problemstellungen des Lebens professionell mit deren Lösung befasse.

Er wollte offenbar nicht weiter auf diese Problematik eingehen, denn er stand nun auf, drückte mir die Papiere in die Hand und verabschiedete mich. Umgehend trat ich den Rückweg zur Reederei an...

... Gedanken gingen mir durch den Kopf, auf meinem Rückweg zur Reederei, einem Fußmarsch von etwa zehn Minuten. Dort waren alle weiteren Papiere inzwischen fertig, und nachdem ich den Heuervertrag unterschrieben hatte; bekam ich noch etwas Zehrgeld für die Reise nach Antwerpen. Auch die Daten der Abfahrt und Umsteigepunkte mit der Bahn waren genauestens vermerkt. Die Fahrkarte musste ich in einem in der Nähe befindlichen Reisebüro abholen.

Herr Lurensee, das hatte ich inzwischen mitbekommen, war der große Herr, mit dem ich mein erstes Gespräch geführt hatte, drückte mir freundlich die Hand und wünschte mir eine gute Reise. Auch die Dame an der Schreibmaschine verabschiedete sich freund­lich von mir, so dass man automatisch das Gefühl bekam, ab jetzt zur Reederei zu gehören.

Um 9 Uhr morgens war ich bei der Reederei erschienen, nun war es etwa 13 Uhr, und mein Leben hatte sich radikal verändert. Ich stand zwar im Fahrstuhl des Hauses 5-7 am Steinhöft in Hamburg, war aber emotional nicht mehr dort. In meiner Phantasie fuhr ich die Strecke mit dem Zug und verließ den Bahnhof in Antwerpen, bestieg das Taxi Richtung Schiff, ging an Bord und dampfte in die Ferne. Dann erschienen Bilder aus amerikanischen Städten in meiner Erinnerung, die ich aber verdrängen musste, denn es sollte ja nach Brasilien und nicht in die USA gehen. Den Namen der Hafenstadt hatte man mir im Büro zwar genannt, ich hatte ihn aber sogleich wieder vergessen, und nun war es sinnlos darüber nachzugrübeln. Der Name war zu fremdartig.

Meine letzten Erledigungen in Hamburg machte ich sozusagen schwebend, mehr im Unterbewusstsein. In Gedanken war ich schon lange nicht mehr dort...

Ankunft in Brasilien

Wie jeden Tag, so hingen wir mit unseren Putzeimern auch am Tag der Ankunft in Brasilien in irgendwelchen Maschinenabteilungen herum und wuschen Farbe. Plötzlich veränderte sich das Heulen der Dampfturbine, besser gesagt, das Heulen des Untersetzungsgetriebes, das die hohe Turbinendrehzahl auf 93 Umdrehungen pro Minute reduzierte, um damit den Propeller anzutreiben. Dieses gleichmäßige Heulen nahm dermaßen ab, dass wir es förmlich vermissten, nachdem wir es fast 14 Tage Tag und Nacht gehört hatten. Flink wie die Wiesel schlichen wir hinter den Kesseln nach oben zum Rudermaschinenraum und von dort über den Backbordbetriebsgang an Deck. Als wir in der frischen Luft angekommen waren, atmeten Enno und ich erst einmal kräftig durch, denn im Maschinenraum herrschte eine bestialische Hitze, und selbst an Deck war es ausgesprochen warm. Wir waren seit Tagen bei der Arbeit schweißgebadet. Nachdem wir den Äquator überfahren hatten, war es jeden Tag wärmer geworden, denn auf der Südhalbkugel war Sommerzeit.

An Deck erwartete uns nicht nur die brasilianische Sommerhitze, sondern auch ein fremdartiger Geruch. Das waren besondere Sinneseindrücke, kein wirklicher Geruch oder eben nicht der Geruch allein. Nein ich würde sagen, es war beides, Sinneseindrücke, die unerklärlich über die Nase wahrgenommen wurden und Gerüche, die ohne Zweifel über die Nase wahrgenommen wurden. Wenn ich nun von Sinneseindrücken spreche, so meine ich einen eventuell über undefinierbare, fast nicht wahrnehmbare Gerüche empfangenen Eindruck, der im gesamten Europa nicht vorkommt. Dieser Eindruck ist so intensiv, dass man ihn schon deshalb leicht beschreiben können müsste. Es ist dennoch unmöglich, eines ist jedoch möglich, die Wirkung ist gut zu beschreiben. Ob auch andere Menschen ähnliche Wirkungen wahrnehmen, kann ich nicht sagen, denn ich war 1965 noch so jung, dass ich niemanden danach fragen wollte, da ich befürchtete, mich lächerlich zu machen. Die Wirkung war geradezu ungeheuerlich. Ich denke allerdings, dass auch diese schwüle Wärme dabei eine verstärkende Rolle spielte. Der Kopf war intensiv damit befasst, dieses Phänomen wahrzunehmen. Das Herz wurde erheblich größer und kräftiger, im Bauch tobten Schmetterlinge und in den Lenden entstand ein Gefühl, wie es sich norma­lerweise nur vor einer Kopulation einstellt. Mit einem Wort, auf eine unerklärliche Weise kam das gesamte Gefühlsleben, sowohl psychisch als auch physisch in Wallung. Der gesamte Körper meldete sich. Ich hatte das erste Mal in meinem Leben den sicheren Eindruck, einen Körper zu haben, er wurde mir hier erst richtig bewusst. Ich war vom Verstand her verwundert, dass mich dieses intensive Erleben nicht erschrak. Mein Körper signalisierte „das ist normal", oder „das ist hier normal“. Diese Wirkung ist mit den in Europa üblichen Begriffen wie „Frühlingsgefühle" nur sehr dünn und wage zu beschreiben, denn es ist erheblich intensiver. Es kann auch sein, dass in dieser Jahreszeit, Anfang Januar, in die­sen Breiten Brasiliens ein bestimmter Pollenflug diese Reaktion unterstützt oder intensiviert. Die deutlich wahrnehmbaren Gerüche waren dagegen genau zu definieren und hatten mit Sicherheit nichts mit diesen extremen Sinneseindrücken zu tun. Es handelte sich dabei um die Gerüche von Holzkoh­lenfeuern und Essengerüchen, mit Pflanzen und Blütendüften gemischt. Diese undefinierbaren Sinneseindrücke konnten nicht allein aus einer übertriebenen Erwartungshaltung auf die künftigen Erlebnisse in Brasilien resultieren. Denn eine hohe Erwartungshaltung hatten wir alle seit Auslaufe aus Antwerpen.

Ich schaute zu Enno rüber der neben mir an der Verschanzung stand. Er hielt angestrengt Ausschau nach dem, was da auf uns zukam. Unser Schiff trieb langsam auf zwei große runde Felsen zu, die mich an Abbildungen des Zuckerhuts von Rio erinnerten. Sie waren nur nicht so hoch. Ein kleines Boot hatte gerade knatternd von unserer Steuerbordseite abgelegt. Kurze Zeit später stieg der Lotse an Deck. Er war die Strickleiter heraufgeklettert, wo ihn zwei Matrosen empfingen und zur Brücke begleiteten. Zwei andere Besatzungsmitglieder holten die Strickleiter an Deck. Zu meinem Erstaunen war sie nur sehr kurz, sie konnte gar nicht bis zu dem kleinen Boot herunterreichen. Später stellte ich fest, dass eine pressluftbetriebene Seilwinde den Lotsen mit der gesamten Leiter an der Bordwand hochgezogen hatte.

Da der Lotse inzwischen die Brücke erreicht hatte, nahm das Schiff wieder mehr Fahrt auf, und wir näherten uns langsam den beiden runden und absolut glatten Felsen. Neben und hinter diesen markanten Felsen bauten sich andere Felsformationen auf, die teilweise dicht mit Bäumen und Buschwerk bewachsen waren. Jetzt waren auch einige Häuser in den Berghängen zu erkennen, aber von einer Stadt war noch nichts zu sehen.

Als wir endlich zwischen den beiden großen nackten Felsen hindurch glitten, wurde nach und nach der Blick auf die Stadt frei. Es wurden einige Hochhäuser und Straßenzüge sichtbar. Die enge Durchfahrt zwischen den Felsen erweiterte sich bald zu einer kleinen Bucht.

„Na meine Herren, schon Feierabend?" Der Chefingenieur war neben uns getreten. Wir beeilten uns zu dementieren und wollten schon die Flucht Richtung Maschinenraum antreten, als er noch hinzufügte: „Ja, da kommt eine interessante Stadt auf euch zu!" Nun eilten wir aber zurück in den Maschinenraum. Dort schwitzten die beiden Heizer vor ihren Kesseln. Bei Manöverfahrt wurden alle Positionen doppelt besetzt. Auch am Fahrstand waren zwei Ingenieure und zwei Maschinenassistenten mit der Bedienung der Anlage befasst. Aber auch hier lief der Schweiß in Strömen.

Nach einer knappen Stunde Farbewaschen konnten wir offiziell nach oben zum Mittagessen. Wir eilten zuerst an Deck, denn es interessierte uns brennend, wo das Schiff inzwischen angelegt hatte. Wir lagen an einem steilen Felshang, und neben dem Schiff gab es eine auf Schienen laufende industrielle Krananlage. Der gesamte Bereich war über und über mit rotbraunem Erzstaub übergossen. Man konnte erkennen, dass die Anlage schon ein erhebliches Alter hatte. Eine Grundreinigung wurde hier wohl kaum je vorgenommen. Es lohnte sich wohl nicht. Man hielt gerade einmal die Geleise und Gehwege einigermaßen frei. An den angrenzenden Hängen waren kleine bunte Häuser zu sehen. Nach wenigen hundert Metern machte der Hang einen Bogen und gab ein wenig die Sicht auf eine Schlucht frei. Auch dort und hinter der Schlucht war eine Vielzahl kleiner Häuser in den Hang gebaut, dazwischen standen Bäume und Büsche.

Auf der anderen Seite des Schiffes lag die ruhige Wasserfläche der Bucht und an ihrem anderen Ufer die Stadt Vitória. Auch hier war nicht viel Platz, so dass weite Bereiche der Stadt in den dahinter liegenden Felshang gebaut waren. Über die Bucht patrolierten einige kleinere Boote. Die Mehrzahl von ihnen wurden mit Rudern von Hand bewegt. Einige etwas größere Fischerboote kamen offensichtlich von See zurück. Es waren fast alles Segelboote mit Hilfsmotoren. Da in den wärmeren Ländern, aber besonders in den Tropen, abends ein Land-Seewind und morgens ein See-Landwind herrscht, fahren die Fischer mit Segelbooten abends auf die See hinaus und kommen morgens zurück. Dieses Naturphänomen entsteht im Küstenbereich dadurch, dass sich das Land am Morgen durch die Sonneneinstrahlung schneller aufheizt als die See. Demzufolge entstehen über dem Land entsprechende Aufwinde und diese aufstrebenden Luftmassen ergänzen sich, beziehungsweise schleppen Luftmassen von der offenen See hinter sich her. Diese Luftbewegung über dem Wasser nutzen Segler seit Jahrtausenden für ihre Heimkehr. Während der beginnenden Nacht kehrt sich alles um, und das Land kühlt schneller ab als die Wasseroberfläche. Somit entstehen über den Küstengewässern die Aufwinde, und der dabei entstehende Land-Seewind ermöglichte es den Seglern kostengünstig den Hafen zu verlassen.

Die offene See konnten wir von unserem Liegeplatz kaum noch sehen. Nur einen kleinen Ausschnitt zwischen den beiden nackten Felsen, durch die wir gefahren waren. Der Rest wurde durch die Küstenfelsformation versperrt. Es war ein interessantes Panorama was sich uns da bot. Außer unse­rem Erztanker lagen auf dieser Seite der Bucht keine anderen Schiffe, aber auf der anderen Seite lagen zwei Frachter. An einem konnte man die norwegische Flagge erkennen. Wir beneideten die Besatzungen dieser Frachter, denn sie konnten zu Fuß in die Stadt gehen. Vom Bootsmann hatte ich erfahren, dass wir nur mit den Ruderbooten auf die andere Seite gelangen konnten. Unser Kapitän hätte auch mit einem unserer motorisierten Rettungsboote einen Fährverkehr für unsere Leute einrichten können, aber er wollte die einheimischen Ruderbootsmänner nicht arbeitslos machen. Damit waren alle einverstanden, außer Icke, der meckerte leise vor sich hin.

Unsere Mittagspause lief uns förmlich davon. Nun wurde es höchste Zeit, in die Messe zu gehen. Der Steward war schon richtiggehend böse, denn er kam mit seiner Planung durcheinander, wenn alle im letzten Moment zum Essen kamen.

Die Mannschaft, die im Tagesdienst eingesetzt war, musste noch bis 17 Uhr die üblichen Arbeiten verrichten. Das schmeckte uns gar nicht so gut...

... Mir wurde wieder deutlich bewusst, welchen Einfluss dieses Klima in diesem Bereich Brasiliens auf meine Potenz hatte. Es musste etwas mit dem Pollenflug oder den tropischen Düften der Pflanzen oder mit der warmen feuchten Luft in Verbindung mit dem Pollenflug zu tun haben. Wie gesagt, in Europa hatte ich dergleichen noch nicht erlebt. Auch im Klimabereich der Schiffsräume war nichts von diesen Dingen zu spüren. Ich hatte festgestellt, dass der erste Ingenieur, Herr Richerts, die Ansaugluftfilter unserer Klimaanlage am Schornsteindeck mit einem Wassernebel belegt hatte, um zu verhindern, dass Erzstaub in die Wohnräume gelangen konnte. Dieser Umstand mag dazu geführt haben, dass Pollen oder Blütendüfte ebenfalls neutralisiert wurden und somit im Wohnbereich keine so intensiveren Frühlingsgefühle aufkamen. Aber wenige Schritte an Deck genügten, um die Gefühle zu reaktivieren. Auch die Bootsfahrt wirkte fast wie eine Droge oder eben so, wie ich mir die Wirkung einer Droge vorstellte.

Während des heutigen Tages hatte die Schiffsleitung eine Mitteilung am schwarzen Brett angebracht, mit dem Wortlaut: „Das Tragen von kurzen Hosen ist in Brasilien für erwachsene Männer bei Strafe verboten.“ Wahrscheinlich war irgendeines unserer Besatzungsmitglieder in kurzen Hosen an Land gegangen und hatte Probleme mit der Polizei bekommen. Obwohl ich niemals mit kurzen Hosen an Land gegan­gen wäre, hätte ich eine derartige Prüderie in Brasilien nicht vermutet. Mit anderen Worten: Ich war höchst verwundert.

Die Fahrt mit dem Boot und die anschließende Taxifahrt verliefen genau wie am Vortag. Jedoch bei der Ankunft am Schankerhill tobte dort bereits das Leben. Viele junge Frauen gingen hin und her oder unterhielten sich mit jungen Brasilianern oder mit den ausländischen Seeleuten. Am vergangenen Abend müssen wir zu dieser Stunde schon reichlich betrunken gewesen sein, denn wir hatten das so deutlich nicht in Erinnerung. Wir stiegen aus dem Taxi und schlenderten an der kleinen Wellblechhütte mit der Eiskiste vorbei. Die Eiskiste war bereits wieder besetzt. Der Inhaber der Hütte hatte so viel zu tun, dass er uns nicht bemerkte. Als wir die Treppe hochstiegen, wurden wir immer wieder von jungen Frauen angesprochen. Sie nannten uns „Patricio“ oder „Amerikano“. Wir lehnten freundlich, aber bestimmt ab, bis wir endlich die Bar erreichten, die Volker bereits gut kannte.

Die sentimentalen Klänge der brasilianischen Musik erfüllten den Raum. Ich war angenehm überrascht, dass die Musikanlage sehr gedämpft geregelt war und nicht, wie in Europa üblich, volle Pulle. Man mag die Brasilianer mögen oder auch nicht, aber von Musik verstehen sie was. Diese Musik geht unter die Haut, auch wenn man kein Wort Portugiesisch versteht. Es ist sogar so verrückt, dass man sich nach einiger Zeit einbildet jedes Wort zu verstehen, so überzeugend sind die Kompositionen. Wenn man keinen Alkohol getrunken hat, weiß man natürlich, dass man die Worte nicht versteht, aber den Sinn, den der Komponist herüberbri­ngen will, hat man voll erfasst und dermaßen verinnerlicht, dass man glaubt, die Sprache auch zu verstehen. Es ist sicher eine große Gnade, sich musikalisch so ausdrücken zu können, dass das gesprochene - oder besser, das gesungene - Wort nur noch ein weiteres Instrument im Orchester der Gefühle und Emotionen ist.

Die Bar war im Grunde ein Tanzlokal mit Barbetrieb. Ringsherum an den Wänden standen Tische mit Stühlen, und an einer Seite des Raumes befand sich ein langer Bar-Tresen. Einige der Tische waren besetzt. Auch an der Bar saßen einige Leute. Der Betrieb hatte hier offensichtlich noch nicht so richtig begonnen. Auf der Tanzfläche in der Mitte des Raumes tanzten drei oder vier Frauen. Manchmal waren es auch sechs oder acht. Die Frauen hatten nämlich die Angewohnheit, beim Betreten des Raumes auf dem Weg zur Bar oder zu einem Tisch den Raum tanzend zu durchqueren. Das fand ich sehr interessant und belebend für die Atmosphäre des Etablissements. Die meisten Frauen waren sehr luftig gekleidet. Jede trug etwas Anderes, manche einen bunten Hosenanzug, manche ein kurzes Röckchen mit Bluse und andere eine kurze, sehr stramm sitzende Hose mit tief ausgeschnittener Bluse. Bei der Garderobe waren alle Farben außer schwarz vertre­ten. Die Beleuchtung der Räumlichkeiten war dezent bis halbdunkel, die Ausstattung an Mobiliar sehr einfach bis spartanisch. Der Fußboden mit großen Steinplatten ausgelegt, machte einen pflegeleichten Ein­druck. Aufgrund der dämmrigen Beleuchtung konnte man die Gäste nur aus nächster Nähe genauer erkennen. Dennoch war es möglich, die Vielfalt der Rassen zu unterscheiden, der die Frauen angehörten. Einige waren schwarz, andere braun bis mittelbraun, Weiße gab es nur wenige.

Wir hatten uns einen Tisch ausgesucht, nachdem wir uns das berühmte „Bramer-Shop“ bestellt hatten. Von diesem Platz aus konnten wir alles genau beobachten. Ich überlegte, ob wohl gerade Karneval stattgefunden haben könnte. Da ich nicht einmal genau sagen konnte, wann in Europa Karneval gefeiert wurde, kam ich hierbei auch nicht weiter. Die Idee mit dem Karneval kam mir, weil der gesamte Raum mit Girlanden, hauptsächlich unter der Decke, ausgeschmückt war. An einer Wand hinter uns prangte in großen bunten Lettern „Felix Natal“. Ich beschloss an Bord zu fragen, was das bedeuten könne.

Plötzlich riss mich ein „Wirbelwind“ aus meinen Gedanken. Es war eine zierliche schwarze Grazie. Sie hatte meine Hand ergriffen und versuchte mich von meinem Stuhl hochzuziehen, wahrscheinlich wollte sie mit mir zur Tanzfläche. Ich gab nicht nach und zerrte sie nun meinerseits auf den Stuhl neben mir. Lachend setzte sie sich hin, ließ aber meine Hand nicht los und redete unablässig auf mich ein. Ich zeigte mit der freien Hand auf die Bierflasche und dann auf sie. Sie schüttelte energisch den Kopf und sprang wiederum auf, um an meiner Hand zu ziehen. Nach einer Weile gab sie es auf und schwebte dahin. Volker grinste und nahm einen Schluck aus seinem Bierglas. Ich beobachtete den kleinen Wirbelwind. Sie war von unserem Tisch mit rhythmischen Tanzschritten über die Tanzfläche geschwebt, dort machte sie einen Schwenk seitwärts und steuerte auf den Tisch anderer Europäer, wahrscheinlich Norweger, zu. Auch an diesem Tisch suchte sie sich einen Mann aus, dessen Hand sie ergriff, um ihn zur Tanzfläche zu zerren. Aber es wurde ebenfalls nichts. Nun sprang ein Tischnachbar auf, nahm sie bei der Hand und tänzelte mit ihr über die Tanzfläche. Es war ein kleiner blonder junger Mann, der einigermaßen tanzen konnte. Ich selbst konnte und wollte nicht tanzen. Es wäre mir unangene­hm gewesen bei meiner Körpergröße, wie ein Gigolo herumzuhüpfen. Frauen haben dafür aber kein Verständnis und zwar weltweit. Bis heute bin ich der Meinung, dass nicht der gute Tänzer den Mann ausmacht, sondern eine ganze Menge anderer Qualitäten. Der kleine Wirbelwind hatte seinen Tänzer gut im Griff. Sie war doppelt so schnell denn manchmal umrundete sie ihn mit flinken Schritten, dann aber ergriff sie erneut eine seiner Hände und ging wie­der auf sein Tempo ein.

Meine Betrachtungen wurden jäh unterbrochen, denn nun hatten sich gleich zwei Brasilianerinnen auf uns gestürzt. Eine stand vor Volker, die andere vor mir. Beide redeten auf uns ein, und wir konnten nur staunend hinschauen. Die vor mir stehende Frau war relativ groß und dunkelhaarig. Sie war fast weiß, aber eben nicht ganz. Auch sie hatte etwas in ihren Gesichtszügen, das auf einen farbigen Vorfahren schließen ließ. Sie war älter als der schwarze Wirbelwind. Ich schätzte sie auf mein Alter. Ihre braune Haut schimmerte bei jeder Bewegung, und ihre Augen hat­ten ein verlockendes Leuchten. Schlagartig kam mir die Idee, dass sie mich eventuell am Vorabend in meinem betrunkenen Zustand bereits gesehen hatte, denn ihr Blick hatte so etwas Wissendes und fast Siegessicheres. Jetzt ergriff auch sie meine Hand, um mich von meinem Sitz hochzuziehen. Umgehend erwiderte ich die Zugbewegung, und sie landete auf meinem Schoß. Dabei legte sie mir sofort einen ihrer Arme um den Hals und summte die Melodie, die gerade den Lautsprechern entströmte. Diese Berührung mit ihrer kühlen seidenweichen Haut und dieser rasante Übergang von ihrer wilden Ansprache in diese besinnliche und intime Position erregten mich ganz erheblich. Sie sah mich an, nachdem sie vorher summend durch den Raum geschaut hatte, lächelte und sagte: „Wamosch, pasa Casa!“ An ihrem Blick konnte ich erkennen, dass sie meine Erregung bemerkt hatte. Sie setzte sich nun auf einen Stuhl neben mich, behielt mich im Auge und wiederholte: „Wamosch.“ Ich hatte kein Wort verstanden, konnte mir aber denken, was sie meinte. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass ich ihr rettungslos ver­fallen war. Was würde der Bootsmann dazu sagen? Ich war gleich der zweiten Frau erlegen und nicht mehr bereit, Widerstand zu leisten. Alle guten Ratschläge erschienen mir weltfremd. Diese Gefühle, die diese Frau bei mir ausgelöst hatte, gab es „so“ nicht in unserer ja so zivilisie­rten Welt von Europa oder Nordamerika. Ohne ein Wort der Verständigung waren wir uns einig. Es war eine fast unbeschreibliche intime Nähe in wenigen Minuten entstanden. Ich war sicher, dass diese Gefühle echt waren, sowohl bei mir als auch bei ihr. Seit dieser Zeit weiß ich, dass es Strahlungen geben muss, die von Menschen ausgehen und die andere empfangen können. Man spricht ja auch von „Ausstrahlung“, die von einem Menschen ausgeht. Selbst wenn das noch nicht wissenschaftlich belegt ist und deshalb auch nicht messbar ist, so ist diese Strahlung mit Sicherheit vorhanden. Die Intensi­tät dieser Strahlung ist bestimmt je nach der Situation, in der man sich gerade befindet, mehr oder weniger stark, aber sie ist immer vor­handen. Zwischen dieser Brasilianerin und mir bestand an diesem Abend ein ungeheuer starker wechselseitiger Strahlungsaustausch. Wir wussten beide, dass wir uns mit Worten nicht verständigen konnten, und so verlegten wir uns instinktiv auf Augenkontakt, kleine Berührungen und Strahlungsverstärkung. Später habe ich noch oft über diesen sprachlosen Kontakt nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass die Möglichkeiten der sprachlichen Verständigung dieses intensive Gefühl für einander zum größten Teil zerstört hätte. Der instinktive Strahlungsaustausch war ehrlicher, unmissverständlicher und präziser, als es je gesprochene Worte hätten ausdrücken können. Wir waren eins, bereits vor der Vereinigung.

Da ich den Namen dieser Frau vergessen habe, will ich sie hier Maria nennen. Damit tue ich ihr nicht Unrecht, denn jede zweite Fr­au in Brasilien heißt mit ihrem ersten oder zweiten Vornamen ohnedies Maria. Maria legte ihre Hand ganz sanft auf meinen Oberschenkel und schaute lächelnd an mir herunter. Dann fragte sie leise: „Wamosch?“ Aus dieser Frage und ihrem Lächeln ging hervor, dass sie genau wusste, warum ich nicht sofort aufgestanden war, nachdem sie meinen Schoß verlassen hatte. Sie hatte sich nur von meinem Schoß erhoben, um möglichst bald das Tanzlokal verlassen zu können. Nun stand ich schnell auf, denn jede Berührung von ihr intensivierte die Menge der Schmetterlinge in meinem Bauch und erzeugte gleichzeitig einen leichten Schwindel in meinem Kopf. Erstaunt blieb sie vor mir stehen und legte ihre Hände auf meine Schultern, dabei flüsterte sie etwas, was ich natürlich nicht verstand. Auf meinen fragenden Blick reagierte sie, indem sie eine ihrer Hände auf meinen Kopf legte. Nun hatte ich verstanden, sie war über meine Größe erstaunt, denn 1,87 Meter Körpergröße war in Brasilien eine Seltenheit. Sie selbst war aber auch nicht klein. Mit etwa 1,68 Metern überragte sie die meisten Männer in Brasilien.

Wir hakten uns an den Armen ein und verließen das Lokal. Ich winkte Volker noch einmal freundlich zu, denn ich hatte ihn die gesamte Zeit vergessen, so fasziniert war ich von dieser Frau. Er saß jetzt allein an dem Tisch, denn seine Bewerberin hatte sich vor geraumer Zeit bereits entfernt. Ich war sicher, er würde auch eine nette Frau finden. Inzwischen gab es in dem Lokal mehr Frauen als Männer.

Auf der Treppe zur Straße wurde es durch den Publikumsverkehr so eng, dass ich ihr den Arm auf die Schulter legte. Sofort tobten die Schmetterlinge wie wild, und der kleine Fußmarsch wurde zu einem Traumwandel.

An der Straße neben der Wellblechhütte mit der Eiskiste standen mehrere VW-Taxen. Maria öffnete die Beifahrertür einer Taxe, und wir stiegen nacheinander auf den Rücksitz. Maria hatte dem Fahrer bereits beim Einsteigen etwas gesagt, wahrscheinlich unser Fahrziel, denn er startete sofort. Überraschend für mich ging die Fahrt in die Dunkelheit hinaus, weiter von der Stadt weg ins Umland hinein. Es war mir egal, ich vertraute Maria vollkommen. Ich verschwendete nicht einmal einen Gedanken an irgendwelche Gefahren oder einen eventuellen Hinterhalt. Wir saßen eng umschlungen auf dem Rücksitz, sahen uns tief in die Augen und küssten uns unentwegt.

Nachdem wir uns einige Kilometer von unserem Treffpunkt entfernt hatten, bemerkte ich, dass es gar nicht so dunkel war, wie es in der Nähe der beleuchteten Häuser zu sein schien. Wir hatten einen wolkenlosen Himmel, übersät mit Millionen von Sternen. Maria verströmte einen dezenten Duft von einem mir unbekannten Parfüm. Verwundert stellte ich fest, dass sie überhaupt nicht schwitzte. Ihre Haut war kühl, trotz der großen Wärme, die besonders in diesem klapprigen VW-Käfer auf uns einwirkte. Bei mir selbst prüfte ich die Hauttemperatur durch Handauflegen und stellte fest, dass sie sich fiebrig warm anfühlte, wobei ich auch kaum schwitzte. Maria lächelte, denn sie hatte meine Tests mitbekommen. Ihr Blick schien zu sagen: „Ja, siehst du, so ist das, wenn man hier nicht geboren ist."

Wir hatten inzwischen einen großen Bogen gefahren, denn ich konnte nun aus dem linken Seitenfenster die weit entfernten Lichter der Stadt sehen. Davor lag die Bucht. Wir waren also inzwischen auf die andere Seite der Bucht gelangt. Es war dies also die Seite, auf der unser Schiff lag. Ich konnte es aber nicht sehen. Das Taxi kraxelte bereits einige Zeit mit heulendem Motor auf engen Schotterstraßen die Berge hinauf. Die Straßenbreite und die engen Kurven ließen es sicher nicht zu, sie mit einem größeren Fahrzeug, als mit einem VW-Käfer zu befahren. Gegenverkehr hatten wir schon lange nicht mehr gehabt. Es begegneten uns überhaupt keine anderen Fahrzeuge.

Hin und wieder sah man gelblich-braunes Licht aus irgendwelchen Hütten oder Häusern wabern, an denen wir vorbei kamen. Ich war der Meinung, hier sei die Welt zu Ende. Dann aber fiel mir ein, dass es am Tag doch sicher anders aussehen würde. Ich hoffte nun, am Ende unserer Fahrt nicht der gesamten Familie von Maria vorgestellt zu werden. Das würde meine gute Stimmung bestimmt sehr trüben, denn ich wollte nur Maria und nicht eine Großfamilie. Sogleich sollte ich feststellen, dass Maria mit meinen Ideen und Wünschen ungefragt synchron ging. Mit einem letzten großen Holpersprung hatte der VW einen Erdhügel vor einem kleinen Häuschen über­fahren und war zum Stehen gekommen.

Maria sprach mit dem Fahrer, und als ich meine Geldbörse hervorzog, stieß sie meine Hand mit der Geldbörse schnell und bestimmt wieder zurück. Stattdessen hatte sie plötzlich einige zerfranste Scheine der Landeswährung in der Hand und gab sie dem Fahrer. Ganz offensichtlich wollte sie nicht, dass ich das Taxi bezahle. Der Fahrer hätte von mir erheblich mehr verlangt, und das wusste Maria.

Wir stiegen aus. Es war für mich wie eine Befreiung, diesen engen Blechkäfig zu verlassen. Ich reckte mich und schaute in den sternenklaren Himmel. Da sich die Augen durch die lange Taxifahrt optimal an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte ich jetzt jeden Stern mit bloßem Auge erkennen. Zumindest hatte ich den Eindruck, jeden Stern zu erkennen, denn diesen klaren wolkenlosen Himmel hatte man in Nor­ddeutschland sehr selten. Außerdem sind für derartige Beobachtungen die Lichter einer Großstadt, wie Hamburg, sehr hinderlich. Hier hatte ich den Eindruck, diesen Sternen erheblich näher zu sein. Das hatte mit meiner Verliebtheit in Bezug auf Maria nichts zu tun. Wann nahm man sich schon einmal die Zeit, in den Nachthimmel zu schauen.

Maria legte mir ihren Arm um die Hüften und schmiegte sich eng an mich, während auch sie in den Himmel schaute. Dann sahen wir uns an, und ich küsste sie, wobei sie sich auf die Zehenspitzen stellte. Eigentlich wollte ich gar nicht damit aufhören, aber Frauen denken manchmal praktischer. Sie ließ mich los und zog mich über den Schotterweg vom Haus fort. Mit Erstaunen erkannte ich nun dicht neben dem Schotterweg einen steilen Abhang und weit unten die Bucht. Maria zeigte mit der Hand auf den gegenüber liegenden Hügel und mit einer Drehbewegung ihrer Hand zeigte sie mir, dass hinter dem Hügel etwas war, das sie „Barko“ nannte. Sie wiederholte diese Handbewegung, zeigte auf mich und sagte wieder „Barko“. Nun hatte ich verstanden. Sie hatte mir begreiflich machen wollen, dass hinter diesem Hügel, sozusagen um die Ecke herum, mein Schiff lag. Gegenüber auf der anderen Seite der Bucht lag deutlich sichtbar die Stadt Vitória. Daraus konnte ich nun schließen, dass ich mich hoch oben in der Schlucht befand, deren Eingang man von unserem Schiff aus sehen konnte. Weiterhin war damit klar geworden, dass sie genau wusste, von welchem Schiff ich kam, wie auch immer sie das erfahren haben mag. Wir ließen dieses Panorama noch etwas auf uns wirken, dann drehte sich Maria um und flüsterte: „Wamosch“.

Wir gingen Hand in Hand auf das Haus zu. Maria stieg einige Holzstufen hoch und öffnete die Haustür. Sie trat leise und vorsichtig ein, während sie mich an der Hand hinter sich her zog. Nun flüsterte sie sehr intensiv etwas in ihrer Sprache, und gleichzeitig erkannte ich ein riesiges Moskitonetz, das nicht weit von der Tür über ein Bett gespannt war. Es bildete sozusagen ein hohes Zelt über dem Bett. Auch hier, ähnlich wie bei dem Taxifahrer, steckte sie einige Geldscheine unter dem Moskitonetz hindurch. Erst jetzt erkannte ich, dass auf dem Bett eine ältere Frau lag, denn die Be­leuchtung entsprach etwa einer 5- oder 10-Watt-Birne. Dieser Vorgang hatte sich offenbar schon erledigt, denn Maria zog mich nun, sanft und leise einherschreitend, durch den Raum hinter sich her in den nächsten Raum, der dahinter lag. In diesem stockdunklen Raum nestelte sie sehr lange herum, bis sie den Lichtschalter gefunden hatte. Die Beleuchtung war wesentlich heller nun etwa 20 Watt. Der Raum schien genau so groß zu sein wie der erste, und das repräsentative Mobiliar bestand aus einem Ehebett und zwei Stühlen an jeder Seite des Bettes.

Maria tänzelte durch den Raum, hielt vor dem Bett, machte einige schlangenartige Bewegungen, und ihre schöne bunte Hose und die weiße Bluse flogen auf den Stuhl...

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