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> Zeitzeugen > Aus dem Leben eines Oberamtsrates
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Buch Leseprobe Aus dem Leben eines Oberamtsrates, Winfried Brinkmeier
Winfried Brinkmeier

Aus dem Leben eines Oberamtsrates


Erinnerungen und Betrachtungen eines Beamten

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Mein Beruf lockt ...

Am 3. April 1967 begann ich meine Ausbildung als Regierungsinspektor-Anwärter beim Bundesverwaltungsamt (BVA) in Köln. Ich hatte mich dort beworben, an einem Auswahlverfahren teilgenommen und war zur Ausbildung angenommen worden. Das BVA wurde 1959 als obere Bundesbehörde gegründet. Es hat die Aufgabe, im Bundesbereich Verwaltungsaufgaben wahrzunehmen, von denen die Ministerien entlastet werden sollen. Ministerien sollen in erster Linie Gesetze vorbereiten und damit den politischen Willen des Parlamentes konkretisieren. Das BVA war damals noch im Hochhaus am Rudolfplatz untergebracht (jetzt ist darin ein Hotel). An diesem Tag wurden wir zwanzig Männlein und Weiblein zunächst zu Regierungsinspektoren-Anwärtern ernannt und als Beamte im Vorbereitungsdienst auf das Grundgesetz vereidigt. Dies war ein feierlicher Akt mit dem damaligen Präsidenten des BVA, Herrn Faude. Wir waren junge Leute, die gerade ihren Schulbesuch abgeschlossen hatten. Unter uns waren aber auch einige ältere Aufstiegsbeamte des mittleren Dienstes mit dabei. Diese waren nach der Bundeslaufbahnverordnung durch eine Auswahlprüfung zum Aufstieg zugelassen worden und machten die Ausbildung unter Fortzahlung ihrer bisherigen Dienstbezüge. Ihnen fiel wegen ihres Alters das Lernen schwerer als uns Jüngeren. Ich war in diesem Kreise der Jüngste.
Das Gute an der Berufsausbildung außerhalb der bisherigen Heimat war, dass ich endlich von zu Hause weg kam. Dies Zuhause war mir zu eng geworden, besonders in geistiger Hinsicht. Der jähzornige autoritäre Vater, dessen Meinungen ich damals durch die Bank widersprach, die dem Vater gegenüber unkritische Mutter - all das war mir über die Jahre meiner Jugend zu viel geworden. Ich wollte weg. Und es war gut, dass ich weg kam. Dies hat meiner Selbständigkeit und meiner persönlichen Entwicklung sehr gut getan.
Damit begann meine Ausbildung für den gehobenen Dienst in der allgemeinen und inneren Verwaltung des Bundes. Zunächst einmal fand diese Ausbildung für zwei Monate im BVA in Köln statt. Die Lage des BVA am Rudolfplatz war hervorragend. Mittags konnten wir in die Stadt gehen und erledigen, was wir zu erledigen hatten. Wir wurden mit den ersten Geheimnissen der Verwaltung vertraut gemacht.
Ein paar Wochen vorher hatte mein Vater noch eine Reise mit mir nach Köln gemacht. In väterlicher Sorge wollte er mir Köln ein wenig zeigen und was ich dort zu tun und zu lassen hätte. Bei diesem Rundgang landeten wir in einem Lokal unten am Rhein. Damals hausten dort noch die Damen des horizontalen Gewerbes. Was wir allerdings nicht wussten. Wir gingen in ein Lokal, um etwas zu trinken. Dann nahmen wir die hübschen Damen wahr, die dort in eindeutiger Pose saßen. Schnell bezahlte mein Vater, als er die Situation erfasste, und eilte mit mir nach draußen. So wurde ich schon damals unbeabsichtigt ins wahre Leben eingeführt.
Die ersten beiden Monate blieben wir in Köln. Ich suchte mir ein Zimmer und fand dies in der Nähe vom Chlodwigplatz, wo ich dann zur Untermiete wohnte. Während dieser Zeit verstarb der große alte Mann der deutschen Politik, Konrad Adenauer. Die Todesfeierlichkeiten am 25. April 1967 mit einer Messe im Kölner Dom wurden im Fernsehen übertragen, und ich sah mir dies bei meiner Vermieterin an. Viele Große der internationalen Politik waren anwesend: Der französische Präsident de Gaulle, ein Freund Konrad Adenauers, der amerikanische Präsident Lyndon B. Johnson, der britische Premierminister Wilson und viele andere waren zu den Begräbnisfeierlichkeiten gekommen. Mit einem Schiff wurde der Sarg von Konrad Adenauer auf dem Rhein von Köln nach Röhndorf gebracht, wo „der Alte" gelebt und sein Haus gehabt hatte. In Röhndorf wurde er begraben. Die ersten zwanzig Jahre meines Lebens kannte ich keinen anderen Bundeskanzler als Konrad Adenauer. Er war die herausragende politische Figur meiner Kindheit. Konrad Adenauer hat die Bundesrepublik Deutschland geprägt wie kein anderer deutscher Politiker. Seine Westpolitik habe ich zwar in jugendlichen Jahren eher kritisch verfolgt; er hätte mehr tun sollen für eine Annäherung an die Sowjetunion. Aber nach dem Zweiten Weltkrieg und dem systematisch geschürten Hass der Nazis vorher auf die Kommunisten konnte er das wohl nicht. Unvergessen ist seine Annäherung und Aussöhnung mit dem früheren Erzfeind Frankreich, seine Unterstützung der Israelis mit dem damaligen israelischen Ministerpräsidenten Ben Gurion. Ein großer Erfolg waren 1955 seine Gespräche mit den politischen Führern der Sowjetunion, die zur Freilassung vieler deutscher Kriegsgefangener aus den Lagern der Sowjetunion führten. Vor der entscheidenden Sitzung hatte er Ölsardinen gegessen. Weil er von den Wodka-Trinkgelagen der sowjetischen Politiker wusste und die mit Ölsardinen besser zu ertragen waren. Wie man hörte, hatte es geholfen. Konrad Adenauer war ein vorausschauender Mensch und Politiker. Die Menschen haben es Konrad Adenauer gedankt, dass er die vielen deutschen Kriegsgefangenen frei bekommen hatte. Schon in den 1920er Jahren hatte er als Oberbürgermeister von Köln dort den Grüngürtel anlegen lassen. Von dieser vorausschauenden Maßnahme profitieren die Kölner noch heute nach fast 100 Jahren. Adenauer hat Großes geleistet. Gleichzeitig gehörte er aber zu den alten Männern, die nicht abtreten können, wenn ihre Zeit vorbei ist. Dabei muss man auch bedenken, dass er erst mit 72 Jahren erstmals zum Bundeskanzler gewählt worden ist (mit einer Stimme Mehrheit und das war seine eigene!). Dies war schon eine enorme Leistung. Seine späteren Regierungsjahre empfanden wir Jugendlichen als verstaubt und muffig. Wir konnten uns mit ihm nicht identifizieren. Der Mann war für uns zu alt und eingefahren. Später kam Willy Brandt, den wir umjubelten. Doch Konrad Adenauer war mit seinem durchaus autoritären Gehabe nach der Nazizeit zunächst der richtige Mann zur richtigen Zeit. Er hat seine ganze Kraft für die Rehabilitierung Deutschlands eingesetzt, das nach 1945 zerstört am Boden lag. Ihm ist es zu verdanken, dass Deutschland in die große Völkerfamilie wieder aufgenommen wurde und wieder seinen Platz in der Welt gefunden hat.


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