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Wirtschaftbücher
Buch Leseprobe Geld arbeitet nicht, Hauke Fürstenwerth
Hauke Fürstenwerth

Geld arbeitet nicht



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Der Ausdruck “Geier Fonds” (englisch: vulture funds) war ursprünglich auf eine sehr spezielle Art von Investmentfonds gemünzt, für die sich in der deutschen Sprache der Begriff “Aasgeier Fonds” mit all seinen negativen Assoziationen anbietet. Als Aasgeier Fonds wurde der vom New Yorker Milliardär Paul Singer gegründete, sieben Milliarden Dollar schwere Fonds, Elliot Associates, bezeichnet, der weltweit wegen seiner fragwürdigen Geschäftsmethoden heftige Kritik hervorgerufen hat. vulture funds kaufen Industrienationen die Schuldtitel zu einem Bruchteil ihres Nennwertes ab, die diese gegenüber Entwicklungsländern haben. Von den Schuldnernationen fordern die neuen Gläubiger dann den vollen ursprünglichen Betrag plus Zinsen. Wer nicht zahlt, wird vor ein westliches Gericht gezerrt. Dabei zielen die Aasgeier auf vergleichsweise kleine Schuldscheine in der Hoffnung, mit einer Armada aus Anwälten den Schuldnern so zuzusetzen, dass sie irgendwann klein beigeben.



1996 hatte Singer’s Fonds, Elliot Associates Ltd., peruanische Schulden in Höhe von 20 Millionen Dollar für ein Zehntel ihres Wertes gekauft und Peru anschließend auf die Summe von 58 Millionen Dollar verklagt und damit gedroht, Peru in den Bankrott zu treiben. Singer drohte, die Verhandlungen Perus mit dem Internationalen Währungsfonds und der Weltbank zu blockieren, bis er auf Heller und Pfennig ausbezahlt worden war. Schließlich zahlte Peru die 58 Millionen Dollar, um überhaupt mit den Bretton-Woods-Institutionen in Verhandlungen über eine Umschuldung eintreten zu können.



Singer hält über Elliot Associates auch die Mehrheit an Kensington, einem weiteren Aasgeier Fonds. Für 1,2 Millionen Dollar hatte Kensington Schulden Kongo-Brazzaville aus den achtziger Jahren übernommen, die sich damals auf insgesamt zwölf Millionen Dollar beliefen. Dann klagte der Fonds in Großbritannien. 2005 verurteilte ein Londoner Richter Kongo-Brazzaville dazu, dem Fonds 57 Millionen Dollar zu zahlen. Kongo wehrte sich, indem die wichtigste Devisenquelle, der Erdölexport, über eine Tarnfirma auf den Jungfraueninseln abgewickelt und so dem Zugriff des Fonds entzogen wurde. Jetzt klagt Kensington in New York, weil durch die Zahlungsweigerung Verzugszinsen von 123 Millionen Dollar entstanden seien. Zusätzlich beansprucht er Schadenersatz, weil das afrikanische Land so korrupt sei. Aktueller Streitwert vor Gericht: 400 Millionen Dollar.



Rumänien hatte 1979 der sambischen Regierung Kredite über 15 Millionen Dollar für den Kauf rumänischer Traktoren gewährt. Als der Kredit in den neunziger Jahren getilgt werden sollte, konnte das total verarmte Sambia nicht zahlen. Die rumänische Regierung bot eine Reduzierung der Schulden auf drei Millionen Dollar an, wenn Sambia sofort zahle. Selbst diese Summe konnte Sambia nicht aufbringen. Der vom US-Amerikaner Michael Sheehan gegründete und im Steuerparadies Virgin Islands in der Karibik registrierte vulture funds, Donegal, (gemanagt von Sheehan’s Fondsverwaltungsgesellschaft Debt Advisory International), bemühte sich, die Kredite zu kaufen. Da die Übernahme der Schulden durch Dritte die Zustimmung Sambias erforderte, offerierte er dem sambischen Präsidenten einen Deal: Man werde der sambischen Regierung als Gegenleistung für die Einwilligung für ein “vom Präsidenten gewähltes Hilfsprojekt” eine Spende von zwei Millionen Dollar überweisen. Der Präsident willigte ein, und Donegal kaufte die Schulden 1999 für 3,28 Mio. Dollar. Sheehan, der sich selbst “Goldfinger” nennt, summierte Tilgung, Zins, Zinseszins und Verzugszinsen und verklagte Sambia im Februar 2007 vor einem Londoner Gericht auf Zahlung von 55 Millionen Dollar. Das Gericht wertete die Zahlung von zwei Mio. Dollar an Sambias Präsidenten als Bestechung und gestand dem Kläger deshalb nicht die volle Summe zu. Im April verurteilte das Gericht Sambia zur Zahlung von 20 Millionen Dollar an den Geier-Fonds. Donegal realisierte eine Rendite von mehreren hundert Prozent. Das Geld wird aus dem Schul- und Sozialbudget des Landes genommen. Ein Budget, das Sambia sich erst aufgrund vorangegangener Schuldenerlasse leisten kann.



Die hier angeführten Beispiele sind keine Einzelfälle. Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds vom Herbst 2006 haben diverse Aasgeierfonds gegen elf Länder insgesamt 44 Prozesse angestrengt, von denen bislang 26 zu ihren Gunsten entschieden wurden. Der gesamte Streitwert in diesen Prozessen beläuft sich auf 1,9 Milliarden Dollar.



“Aasgeier Fonds spielen ein perverses Spiel, das jenseits jeder moralischen Vorstellungskraft stattfindet, und deshalb gehören sie verboten.” sagte Gordon Brown, der derzeitige britische Premierminister bereits 2002. Die Aktivitäten dieser Fonds waren beim Treffen der G8-Finanzminister in Potsdam ebenso auf der Tagesordnung wie beim Gipfeltreffen der Regierungschefs in Heiligendamm. Das britische Unterhaus verurteilte das “moralisch abstoßende” Verhalten der Geier, der Pariser Club der wichtigsten Gläubigerstaaten distanzierte sich offiziell von “Trittbrettfahrern der Schuldenerlasse”. Konkrete Beschlüsse sind bisher nicht gefasst worden. Die Regierungen der Industrienationen fördern das “perverse Spiel” der Aasgeier Fonds nach Kräften. Nur weil sie bereit sind, ihre Forderungen an die Geier zu verkaufen, können diese die Rechtssysteme der Geberländer missbrauchen und die aufgekauften Forderungen eintreiben. Wenn die G-8 Staaten es mit einem Schuldenerlass für verarmte Entwicklungsländer wirklich ernst meinen, sollten sie darauf verzichten, sich über den Verkauf ihrer Forderungen an den perversen Geschäften der vulture funds zu beteiligen.



Die Manager von Aasgeier Fonds sind politisch sehr gut vernetzt. Paul Singer ist größter Financier des letzten Wahlkampfs von Präsident George Bush gewesen. Für die Präsidentschaftswahl 2008 unterstützt er den ehemaligen New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani und hat für diesen bereits 15 Millionen Dollar Wahlkampspenden eingeworben. Debt Advisory International zahlt allein in Washington pro Jahr knapp 300.000 Dollar für Lobbytätigkeiten an eine PR-Firma. Von der Politik haben Geier Fonds nichts zu befürchten.



Auf dem G8-Entschuldungsgipfel in Köln 1999 haben sich die Weltbank, der Internationale Währungsfonds und viele Staatschefs dazu verpflichtet, hoch verschuldeten Entwicklungsländern milliardenschwere Verbindlichkeiten zu erlassen. Ein Verbot von Forderungsverkäufen an Aasgeier Fonds wurde nicht beschlossen. 40 Milliarden Dollar hatten im Juni 2005 die Geberländer und die Bretton-Woods-Institutionen 18 hoch verschuldeten Ländern, darunter 14 afrikanischen, erlassen, weil diese Länder ohnehin nicht zahlen konnten. Seither sprudeln die Darlehen für genau diese Länder wie nie zuvor und liegen nach Angaben der amerikanischen Carnegie-Mellon-Uni­versität mittlerweile um 50 Prozent über den ursprünglichen Kreditvolumina. Die von den Industrienationen von Schulden befreiten Staaten sind längst wieder zu eifrigen Darlehensnehmern geworden. Die Weltbank gewährt ihnen immer neue Kredite, die keinen anderen Zweck haben, als alte Kredite zu tilgen. - Die Gabentische für Aasgeier Fonds werden reichlich gedeckt.

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