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Leseproben online - Schmökern in Büchern


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> Tierbücher > Schiffschwein Spekje
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Tierbücher
Buch Leseprobe Schiffschwein Spekje, Rega Kerner
Rega Kerner

Schiffschwein Spekje



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Was soll das arme Schwein auf einem Schiff?
Fern von Wiese, Erde, Artgenossen, verdammt zu glattem Stahldeck, kreischendem Motorlärm und Dieselgestank. Das ist doch kein Leben für so ein Tier!
Aber was, wenn es das einzige Leben wäre, das du ihm anbieten kannst?

Stell dir vor, du könntest das Schwein fragen, was es will.

Erkläre ihm bitte, dass es nur zwei Alternativen gibt: Entweder im Alter von zarten drei Monaten als Spanferkel an einem Spieß zu drehen oder auf einem fiesen Tankschiff, bei ein paar Verrückten, so alt und zäh zu werden, wie es kann…

Was würdest du wählen, wenn du ein Schwein wärst?
Zumal es dir ja jederzeit freistünde, über Bord zu springen.
Falls du doch lieber sterben möchtest.

Ich kroch in einen Stall und stellte diese Frage in den Raum.
Das Klauentier antwortete mit rheinwasserklarem Blick und zerwühlte unser Leben.

Mein Frieden scheiterte einst auf Erden und zog mit mir aufs Wasser. Hier ging es uns gut. Wenn Binnenschiffe, im Sonnenuntergang oder arbeitslos, eng aneinander geschmiegt auf Hafenwellen ruhen und Schlaflieder glucksen, kommt man traditionell ins Gespräch mit den temporären Nachbarn.
Das beginnt meistens mit der Weckerfrage:
„Wann fahrt ihr morgen weg?”, brüllte ich den Standardsatz von unserem langsam beidrehenden Bug aus, das Tau in der Hand, dem bereits liegenden Schiff zu. Dort raffte sich ein Schatten hinter Steuerhausfenstern auf, trat vor die Tür und hielt vier Finger hoch.
„Dacht ichs mir doch.”, fluchte mein Kapitän Ben durch die Sprechanlage: „Frag mal, ob fünf oder sechs nicht früh genug ist.” Mit der ganzen Hand und einem Daumen, Bettelgeste und Trauermine versuchte ich, den Frühaufsteher zu erweichen, natürlich schüttelte der seine Haare samt Schiffermütze und bestand auf die vier Finger. Einem sadistischen Naturgesetz folgend wollten die Innenliegenden grundsätzlich viel eher ablegen als mein Mann. Zur Versöhnung oder weil ich nur eine Frau bin, half der Gnadenlose mir, unsere Tampen an seinem Schiff festzumachen: „Soll ich bei euch anklopfen oder stellt ihr selbst den Wecker?”
„Klopfen. Falls du verschläfst, dürfen wir das auch.”

Je nach Sympathie wurden die Themen, nach der Weckerfrage, technischer oder privater Natur, beziehungsweise beendet. Im besten Fall versackte man den Abend miteinander auf einem der anwesenden Schiffe. Gerade weil diese Tradition schwindet, pflegten Ben und ich sie gerne.

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… fünf Kapitel weiter...




Ferkel in Kisten



Für den Einzug des Schweinchens musste sämtlicher Alkohol umziehen. Unsere Deckskisten waren mit einem Holzlattenrost ausgelegt, der an einen Stallspaltenboden erinnerte. Vielleicht gab es vor fast fünfzig Jahren einen Propheten auf der Bauwerft des Schiffes, der sich dachte, das könnte nicht schaden, falls hier mal ein Ferkel einziehen sollte. In jener Deckskiste, die bisher die Bierkästen für eine ganze Reise aufnahm und kurzzeitig sein gefrorenes Geschwister beherbergte, sollte es wohnen. In einer tragbaren Plastikkiste mit Löchern, welche bisher die Schnapsflaschensammlung zusammengefasst hatte, sollte es an Bord getragen werden. Die letzte Stunde vor der Schleuse verbrachte ich also mit Flaschen- und Bierkistenschlepperei. Außerdem stellte ich alle Schiffsgerümpelbereiche auf den Kopf, vergleichbar mit Kellern oder Dachböden, um eine Abdeckung zu finden, damit das Ferkel beim Tragen nicht aus der deckellosen Schnapskiste springen könnte. Ich entschied mich für ein schweres Metallfußabtretergitter, plus Kabelbinder zum Sichern.

Ein diensthabender, kooperativer Schleusenmeister teilte uns die Kammer neben dem Stall zu. Wir legten an und gingen mit Schnapskiste, Gitter sowie überschüssigem Adrenalin bewaffnet an Land. Von Herbi, der schon auf uns wartete, bekam ich einen Stroh- und einen Heuballen. Davon rupfte ich etwas Material, um Schnaps- sowie Bierkiste wohnlicher einzurichten. Den großen Rest von beidem lagerte ich im Hohlraum unter dem Steuerhaus, als Reserve. Liegend, damit man die Hütte bei Bedarf noch absenken könnte. Ob dieser Ort als Strohlager so geeignet war, ist sicher streitwürdig, da sich hier auch der Notausgang vom Maschinenraum befand. Im Falles eines Motorbrandes sicher nicht optimal. Es war aber das einzige, was uns einfiel, wo genug Platz war, herumfliegende Halme nicht extrem störten und vor allem keiner reinguckte. Brennbare Materialien sind auf Tankern nicht gern gesehen, egal wo. Außerdem war der Notausgang sowieso nur für das Gesetz. Wäre ein Brand so schlimm, dass der Hauptausgang nicht mehr passierbar wäre, käme man da erst recht nicht hin. Von uns wäre sowieso keiner da. Abweichend von all den offiziellen Bestimmungen, was man im Falles eines Feuers im oder rund um den Maschinenraum versuchen soll, gab es eine ganz klare, interne Betriebsanweisung: „Eine Bratpfanne dürft ihr noch eben versuchen zu löschen, aber wenn es im Maschinenraum brennt, keine Heldentaten, sondern sofort abhauen. Falls es keine Landverbindung gibt, ins Wasser springen und wegschwimmen. Natürlich unter Berücksichtigung von Wind und Strömung.“ Die getrockneten Halme waren, von geschlossenem Stahl umgeben, realistisch gesehen also keine Gefährdung. Stattdessen hatten wir damit eine spürbare Geräuschisolierung für den Steuerstand.

Nach dem Streu- und Knabbermaterial bekam ich von Herbi eine theoretische Einführung inklusive Kostproben seiner sonstigen Ernährungsvorstellungen. Muttersaumilch konnte er natürlich nicht mitgeben, es blieb nur zu hoffen, dass unser Kleines sich, von einem Tag auf den anderen, an festes Essen gewöhnt. Immerhin hatte er die Ferkel schon mal an Grashalmen knabbern sehen. Seine Vorschläge waren eine Mischung von Hundefutter, Nudeln, Gebäck und Speiseresten. Das erschien mir in dem Moment schon nicht wirklich ausgewogen, aber mangels besserer Informationen nahm ich die angebotenen Hundefutterdosen und ein paar Kekse mit. Als alle Vorgespräche beendet waren, bewachte mein Mann die Schnapskiste mit einer Zigarette, Herbi verschwand im Stall und ich stand etwas planlos auf der Wiese herum. Eine Weile hörte ich nichts außer Ferkelquieken und wartete, dass der Schleusenmeister mit einem Exemplar im Arm wieder herauskäme. Stattdessen ertönte eine irritierende Aufforderung:

„Na, komm mal hier rein und such dir eins aus. Rosa ist ausgesperrt, keine Angst.“
Ich krabbelte durch den langen, engen Schweinetunnel zum Schlafstall. Die Ferkel rasten wild durch- und übereinander, dicht an dem Gitter bleibend, das den zweiten Eingang verschloss. Draußen, auf der anderen Seite der Stäbe, konnte ich die rasende Rosa rennen sehen und schnaufen hören. Ein kleines Stoßgebet, dass Herbi die Absperrung gut gesichert hatte. Meine Augen gewöhnten sich an das Dämmerlicht hier drinnen, im Gewusel versuchte ich Unterschiede zwischen den Ferkeln zu erkennen. Es gab zwei braungestreifte, zwei gefleckte und ein rosafarbenes. Such dir mal eins aus... Die Tragweite der Entscheidung übermannte mich. Auf einmal war ich es, die Tod oder Leben bestimmte. Zu sagen, dieses eine darf leben, hieß gleichzeitig, die anderen vier zum Sterben zu verurteilen. Ich konnte es nicht. Lass den Zufall entscheiden. Plötzlich klebte eins der gefleckten Ferkel nicht mehr wie die anderen sklavisch am Gitter zur Mama. Es kam mir auf fast einen Meter nahe, ohne schreien, seine Augen fixierten meine. Es war nur ein kurzer Moment des gegenseitigen Anstarrens. Mir war, als blicke das Tierbaby in meine tiefste Seele. Wissend und zugleich fragend: „Bist du Gott?“
Ich krabbelte den Gang wieder raus und sagte: „Nimm das, welches du zuerst fangen kannst. Ist mir egal. Nur, falls mehrere gleich schnell zu greifen sind, dann ein geflecktes. Und wenn es zwischen beiden gescheckten geht, dann das mit den größeren Flecken.“ Diese Halbwahl schien dem Schleusenmeister nicht genug durchdacht: „Willst du nicht lieber ein Mädchen? Die Schecken sind beide Jungs.“ Was ahnte ich denn über die Unterschiede von Schweinegeschlechtern: „Egal, egal, egal. Das erste, das du erwischst.“ Herbi nickte und schlüpfte wieder in den Stall. Ich sollte den Krabbeltunnel sichern. Da hockte ich beengt, lauschte dem panischen Quiekkonzert und sah Herbis Silhouette scherenschnittscharf um sich herumgreifen. Das rosa Ferkel entwischte ihm in den Gang: „Halt es auf!“ schrie der Schweinefänger. Nicht einfach, in Hockhaltung so ein glattes Zappelwesen zu greifen. Meine beiden Hände umklammerten die vorbeidrängende Schweinehüfte im letzten Moment. Aus dem Augenwinkel erahnte ich, dass Herbi gleichzeitig ein anderes gefasst hatte. Ein geflecktes? Der nachprüfende Blick zu ihm reichte, mich so abzulenken, dass mein eigener Fang sich loswinden und ins offene Gelände entkommen konnte. In derselben Sekunde strampelte sich auch der Schecke wieder frei aus Schleusenmeisterarmen, plumpste unsanft auf den Boden, rappelte sich hoch, raste blind vor Angst auf mich zu und sprang mir direkt in die Arme. Ich hab dich. Und lass dich nie mehr los. Du hast mich vorhin angeschaut und bist jetzt gesprungen. Du willst das Schiffsleben, das wir dir anbieten.

Ein paar Minuten später war ich mir nicht mehr so sicher. Mit wild strampelndem Ferkel unterm Arm, auf den Knien durch den Gang krabbelnd, den Schweinekopf dicht am Ohr, wusste ich ein für alle Mal, was mit markerschütternden Ferkelschreien gemeint ist. Alle beruhigenden Worte gingen in dem Höllenlärm unter. Es schrie, solang ich es trug. Es schrie, als ich es in die Schnapskiste steckte. Es schrie und raste, weil Ben das Gitter drüberlegte. Das hätten wir lieber weggelassen. Die süße Nase stieß sich blutig daran, wieder und wieder. Es schrie und tobte, während wir sein Gefängnis an Bord trugen. Es schrie und bebte, um nicht aus der kleinen Kiste in die große Kiste gehoben zu werden. Ich tat es trotzdem. Erst als der schwere Stahldeckel der Deckskiste verdunkelnd zu ging, wurde es still. Das Schreien stoppte, aber das Zittern hörte nicht mehr auf. So kam das Schwein in seine erste und zweite Kiste. Die nicht die letzten sein sollten.


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