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Science Fiction
Buch Leseprobe Vollkommen, Patricia Rabs
Patricia Rabs

Vollkommen



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So nah vor dem riesigen Komplex zu stehen verursachte mir eine Gänsehaut. Ich versuchte dieses Gebäude zu verachten, weil ich kein Teil davon sein durfte, aber seine Schönheit brachte mich ungewollt dazu, es zu mögen. Hinter dem Zugang blieben wir stehen, uns immer noch an den Händen haltend. Wir sahen nach oben. Kein Haus in der Mitte oder am Rand besaß diese Höhe. Es gab einfach nichts Erhabeneres in der Stadt als das Labor. Wir gingen auf den Haupteingang zu und sahen uns grinsend an, als die Tür sich automatisch aufschob. Wärme schlug mir entgegen und drang durch meine Kleider. Für ein paar Sekunden war ich wie erstarrt und ließ dieses ungewohnte Gefühl, in einem Gebäude nicht zu frieren, auf mich wirken. Die Eingangshalle war voller Menschen, die versuchten sich zu orientieren. Überall hingen die Monitore, um Dinge bekannt zu geben. Der erste sagte uns ganz simpel Herzlich willkommen. Dann wechselte das Bild und ein neuer Schriftzug erschien. Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt im Labor 13 des Pharmagon. Zeitgleich als ich es las, ertönte aus dem Nichts eine warme Frauenstimme. »Herzlich willkommen im Labor Nummer 13«, sagte sie. »Seien Sie mit uns auf 119 Etagen Teil der Rekonstruktion. Bitte registrieren Sie sich an einem unserer Eingangsschalter«, bat sie weiter in ihrer langsamen, melodischen Stimme. »Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt.« Auf dem Monitor erschien ein neuer Schriftzug. Das Pharmagon steht für Vertrauen. »Was steht da?« »Das kannst du selbst lesen!«, zischte ich, doch in diesem Moment verschwand die Anzeige und ein Bild erschien. Das Pharmagon selbst. Wir starrten auf den Monitor, als hätten wir es noch nie in unserem Leben gesehen. Das Hauptgebäude war grau und glänzte in der Sonne, genau wie dieses. Vollkommen verspiegelt. Die beiden geschwungenen Flügel, die kleineren Teile des Gebäudes an den Seiten links und rechts, waren grün und rot. Wieder sprach die Stimme. »Innovation hat einen neuen Namen: Pharmagon.« Es wurde auf das Hauptgebäude gezoomt. »Auf 25000 Quadratmetern wird hier das Leben erhalten.« Nun zeigten sie abwechselnd den grünen und den roten Flügel. »Wir forschen für das Leben, die Gesundheit und die Schönheit. Wir entwickeln die Therapeutika, die Ihnen den Wohlstand und das Überleben sichern, welches die kalten Jahre versucht haben Ihnen zu nehmen. Wir geben Ihnen mehr zurück, als man Ihnen genommen hat. Sie sind ein Teil der Rekonstruktion.« Als der Beitrag vorbei war, wechselte das Bild wieder auf die Schrift. Herzlich willkommen. »Herzlich willkommen im Labor Nummer 13«, ertönte die Stimme abermals und wiederholte ihren gesamten Text. »Herzlich willkommen im Labor Nummer 13«, sagte übergangslos eine sehr menschliche Stimme hinter uns. Wir drehten uns gleichzeitig herum und ich sah in das Gesicht einer jungen und außergewöhnlich schönen Frau. Sie trug Make-up, hatte rote Lippen und schwarze Wimpern. Wie schon bei den Wachen am Eingang erinnerte ich mich erst jetzt an diese Frauen. Damals war ich sicher, niemals zuvor einen so schönen Menschen gesehen zu haben. Sie trug ihre leicht gewellten braunen Haare locker geflochten und der Zopf, der über ihre Schulter ragte und kurz darunter endete, war mit kleinen Spangen verziert. Ihr Haarband war grün. Ihre Uniform war eng und dunkelblau. Mit Ausnahme der Hose. Sie war weit und hatte eine Falte in der Mitte jedes Beins. Ihre Schuhe hatten Absätze, die bei jedem Schritt ein Geräusch machten. Verlegen ertappte ich mich dabei, wie ich sie von oben bis unten ansah. Sie sah nun mit ihrem strahlend weißen Zähnen von mir zu Lucas. Wir mussten armselig wirken. Noch nie zuvor hatte ich diesen Gedanken gehabt. Wie wir hier vor ihr standen – zwei dumme Kinder in abgetragenen Sachen. Ganz unwillkürlich warf ich Lucas aus dem Augenwinkel einen Blick zu. Ob ihm bewusst war, dass es Frauen gab, die so aussahen? In diesem Moment wünschte ich mir nichts mehr, als dass er mich auch einmal mit diesem Blick ansah. Wie etwas, das es nicht geben konnte. Ich sah, wie sich die Augen der Frau auf unsere Pässe richteten, die wir ordnungsgemäß an die Mäntel gesteckt hatten. »Sie sind Erstspender?«, fragte sie Lucas und zeigte wieder ihr Lächeln. »Wenn Sie wünschen, helfe ich Ihnen bei der Registrierung.« »Danke«, murmelte er. Als sie vorausging, folgten wir. Ich bemerkte wohl, dass er meinen Blick mied. Aber ich tat es ja selbst. Ich sah überall hin, nur nicht in sein Gesicht. Die Dame brachte uns an einen der unzähligen Schalter. Gerade als wir ihn erreichten, wurde die Frau fertig, die sich vor uns anmeldete und wir waren an der Reihe. »Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt«, sagte die freundliche Stimme neben uns fast zeitgleich mit der sich immer wiederholenden Ansage aus den Lautsprechern. Wir lächelten beide eher schwächlich. »Herzlich willkommen im Labor 13«, begrüßte uns die Frau hinter ihrem Schalter. »Bitte sprechen Sie Ihren Namen deutlich in das Mikrofon.« Nachdem Lucas seinen Namen eingesprochen hatte, erschien auf einer Anzeige vor uns sein gesamter Status seit der Registrierung kurz nach seinem fünfzehnten Geburtstag. Ich war bestürzt, als ich sah, welche Zahl an Medikamenten er seitdem genommen hatte. Vier Mal war das Präparat gewechselt worden und zum Schluss nahm er vier Tabletten täglich ein. Mit ›Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt‹ und einem herzlichen Blick entließ sie uns mit der Anweisung, mit Aufzug Nummer 2 in die vierundachtzigste Etage zu fahren. Wir fanden den Aufzug, dem wir zugewiesen worden waren, natürlich nicht. Wieder war es eine Frau, die uns freundlich ihre Hilfe anbot und uns schließlich dorthin brachte. Außer uns nutzten ihn noch vier andere Leute, die allesamt vor uns ausstiegen. Das Tempo des Aufzugs war beängstigend. Die Zahlen der Anzeige wechselten in rasender Geschwindigkeit und ich war mir sicher, dass Lucas sie so schnell nicht einmal identifizieren konnte. Vom dreißigsten bis zum vierundachtzigsten Stock waren wir allein und trotzdem sprachen wir kein Wort miteinander. Aber ich sah ein, dass die Euphorie, die er noch spürte, als wir auf dem Vorplatz gestanden hatten, nun verschwunden war. Ich konnte nicht behaupten, ihn mit all seinen Gedanken zu kennen, doch ich wusste, dass er still wurde, wenn er sich unwohl fühlte. Ich nahm wieder seine Hand und lächelte ihm aufmunternd zu. Er erwiderte es zwar, doch es verschwand schon in der Sekunde darauf, als die gleiche Stimme wie in der Eingangshalle verkündete: Erstspender – Blutgruppe A. Automatisch ließ ich seine Hand wieder los und er atmete tief ein, als der Aufzug zum Stehen kam. Ich konnte mein eigenes rasendes Herz kaum ertragen und ich wusste nicht, warum ich so reagierte. Das alles betraf schließlich nicht mich. Ich sollte einfach nur Beistand sein. »Du hast Blutgruppe A?«, flüsterte ich, kurz bevor die Tür sich öffnete. »Das wusste ich gar nicht.« »Ich auch nicht«, sagte er genauso stimmlos und schmunzelte leicht. »Herzlich willkommen auf der Etage vierundachtzig«, begrüßte uns eine Frau, kaum dass wir ausgestiegen waren. »Ich werde Sie heute betreuen. Wenn ich Ihre Pässe kontrollieren dürfte.« Sie richtete ein kleines Gerät auf Lucas’ Brust und sofort piepste es. Das Gleiche tat sie mit mir. Als sie mich daraufhin ansprach, war ich einen Augenblick lang völlig überfordert. Meine rechte Hand krallte sich fest in meine linke Armbeuge, wie ich es oft tat, wenn ich nervös wurde. »Miss Evans, möchten Sie bei der Spende anwesend sein oder ziehen Sie es vor in einem unserer Warteräume zu verweilen?« Während sie unentwegt lächelte, warf ich Lucas einen unsicheren Blick zu. »Ich weiß nicht, soll ich mitkommen?« »Ich denke schon, oder?« Seine Antwort war nicht viel aussagekräftiger als meine Frage. Beklommen sah er mich an. Ich wandte mich wieder der Frau zu, deren Miene sich nie zu verändern schien. »Ich möchte mitgehen.« Ich sagte es und mit jedem Wort war ich mir sicherer, dass ich log. Ich wollte bei ihm sein, aber ich wollte nicht mehr von diesem Labor sehen! Ihr Lächeln wurde noch etwas breiter als sie nickte. Ich weiß nicht warum, doch plötzlich kam mir diese Freundlichkeit unsagbar aufgesetzt vor. Der gleiche Gesichtsausdruck, den ich vor wenigen Minuten in der Eingangshalle noch faszinierend fand, fiel mir jetzt auf die Nerven. Machte mir sogar Angst. »Wenn ich Sie bitten dürfte, mir zu folgen«, floskelte sie und ging voraus. Alles war weiß und grau. Doch es wirkte nicht trostlos wie draußen in der Mitte. Hier war nichts abgenutzt, schmutzig oder alt. Auf unserem Weg durch die Flure, dessen Böden das einzig Dunkle waren, fiel mir auf, dass es keine Ecken gab. Wirklich alles schien abgerundet. Wir durchquerten eine Glastür, die einen Piepton von sich gab, als die Frau vor uns sie durch Berühren des Scanners öffnete. Wir traten auf den nächsten Flur. Erst jetzt sahen wir wieder andere Menschen, denn wir stoppten an der Rezeption gegenüber einem Wartebereich. Hier saßen sieben Leute in unserem Alter. Alle begleitet von einem Elternteil. Es bedeutete meinem Verständnis nach, dass jeder von ihnen aus der Mitte stammte. Niemand, der am Rand lebte, konnte sich leisten, einen Tag nicht zu arbeiten. Nur so hatten die Familien überhaupt eine Chance. In der Mitte war das anders. Hier arbeitete meist nur der Mann. Zumal es ohnehin nur wenig Arbeit für Frauen gab. Unsere Betreuerin gab der neuen Frau ihr kleines Gerät und faltete – nicht ohne uns aufmunternd zuzulächeln – die Hände vor dem Bauch. »Herzlich willkommen auf der Etage vierundachtzig«, sang sie im gewohnten Klang. »Wir werden Sie nun auf Ihre Spende vorbereiten. Sollten Sie sich zu irgendeinem Zeitpunkt unwohl fühlen, wenden Sie oder Ihre Begleitperson sich bitte an einen der überwachenden Ärzte.« Wir nickten unsicher. »Ansonsten wünsche ich Ihnen einen angenehmen ...« Aufenthalt, beendete ich in Gedanken den Satz und hätte am liebsten den Kopf geschüttelt. Wir wurden den Gang heruntergeführt und hinter einer weiteren Glastür erwartete uns etwas, mit dem wir wohl beide nicht gerechnet hatten. Wir kannten es vom riesigen Bildschirm auf dem Marktplatz in der Mitte. Es gab Festtage oder Bekanntmachungen, die auf dem großen Platz stattfanden. Wir erfuhren davon meist einige Tage vorher. Es war immer etwas Besonderes, wenn das Pharmagon Neuigkeiten bekanntgab. Wenn so ein Tag kam, konnten wir sie hören. Ich hatte aber nicht erwartet, dass dies auch hier geschehen würde. Kaum hatten wir die Tür passiert, drangen die Töne in unsere Ohren. Es war sehr leise, langsame Musik – aber es war Musik. Ich hatte seit Monaten keine mehr gehört und diese glich auch nicht jener, die wir vom Bildschirm kannten. Diese war wunderschön. Ich kannte die verschiedenen Instrumente nicht gut genug, um sie zu unterscheiden, aber was immer diese Musik hervorbrachte, klang unglaublich schön. Ich sah, dass selbst Lucas einen Moment vergaß, wo wir waren. Er sah mich an und schüttelte leicht den Kopf. Ich grinste. Es hatte etwas sehr Beruhigendes, diese Musik zu hören. Und ganz plötzlich war es vorbei. Ich hörte keine Musik mehr und ich glaubte, nicht mehr atmen zu können! Ein Geruch stach in meine Nase, der augenblicklich eine bleierne Übelkeit auslöste. Ohne dass ich sagen konnte, was es war oder warum ich so darauf reagierte, fand ich ihn so vertraut widerlich, dass ich glaubte, mich übergeben zu müssen. Sofort setzte ein Reflex ein, der mir sagte, ich müsse weitergehen, ohne dass jemand mir anmerkte, was ich empfand. Und ich tat es. Ich setzte weiter einen Fuß vor den anderen, bis wir einen Raum betraten, indem ein Mann in weißem Kittel auf uns wartete. Er saß hinter seinem Schreibtisch und stand auf, als wir eintraten. Ich versuchte, mich wieder auf die Musik zu konzentrieren. Die Frau, die uns die ganze Zeit begleitete, blieb neben der Tür stehen. Sie nahm die gleiche Wartepose ein, wie schon an der Rezeption. Wie jede dieser Frauen in diesem Gebäude. Der Mann war älter als diese Frau und hatte blondes Haar. Seine Augen waren blau und er war sehr groß. Älter als jeder, den ich kannte, kam es mir in den Sinn, während ich krampfhaft versuchte, nur kurze Atemzüge zu machen, damit ich nicht zu viel des Geruchs aufsog. Ich traute mich nicht den Mund zu öffnen, aus Angst, ich könnte den Geschmack auf der Zunge spüren. »Hallo«, sagte der Mann lapidar, aber freundlich. Er reichte zuerst mir und dann Lucas die Hand. »Ich bin Dr. Gragson und werde dich betreuen, wenn du auf dieser Etage zur Spende eingeteilt wirst.« Lucas nickte schwach. Dr. Gragson bat uns vor seinem Schreibtisch Platz zu nehmen, während er sich selbst wieder dahinter setzte. »So«, begann er, als er auf seinen Bildschirm sah, der uns allerdings verborgen blieb. »Du bist siebzehn Jahre alt, Blutgruppe A und heute zum ersten Mal bei uns, richtig?« »Richtig«, antwortete Lucas bemüht selbstsicher. »Lucas Callahan«, murmelte der Arzt und beachtete uns eine Weile nicht. »Da hab ich es. Okay.« Er lächelte und wandte sich wieder Lucas zu. »Wenn du so weit bist, können wir ohne weiteres anfangen.« Er stand auf. Ich warf Lucas einen aufmunternden Blick zu. Als wir ebenfalls aufstanden, hörte ich, wie er tief Luft holte. Wir folgten diesem Arzt, der wiederum der Dame im Hosenanzug hinterherging. Und dann öffnete sich die Tür zu einem großen Raum. Zum ersten Mal sah ich, was es bedeutete, im Labor zu sein. Mit offenem Mund starrte ich auf die Maschinen, während sich die Finger meiner rechten Hand in die Haut der linken krallten, bis der Schmerz mich in die Realität zurückholte. Kapitel 5 Ich sah in seinen Augen, dass Lucas so wenig wie ich erwartet hatte, was wir sahen. Der Anblick war so beängstigend, dass er mir die Luft zum Atmen nahm. In meinem ganzen Leben hatte ich nicht solche Maschinen gesehen. Ich hatte nicht die geringste Vorstellung davon gehabt, dass ein Mensch fähig war, etwas dieser Art zu erschaffen. Es war nicht beeindruckend – es war bedrohlich und innerlich schrie ich. Eine Stimme in mir schrie, als hinge ihr Leben davon ab, dass sie nicht in die Nähe dieser Maschinen ging. Weil es so wehtat. Der Schmerz der Nadeln, wenn sie das Blut aus dem Körper saugten, bis man das Bewusstsein verlor ... Ich wollte nicht, dass Lucas diesen Schmerz spürte. In diesem Moment hätte ich alles dafür gegeben, ihn an die Hand zu nehmen, mich umzudrehen und mit ihm zusammen das Labor zu verlassen. Um ihn direkt in die Arme der Beamten zu treiben, und ihn zu jemandem zu machen, der die Spende verweigerte. Ihn und seine Familie, die alle dazugehörten. Vor uns ahnte weder der Arzt noch die Frau irgendetwas von meinen Gedanken oder bemerkte unsere entsetzten Gesichter. Sie gingen unbeirrt weiter, geradewegs auf eine der Maschinen zu. Insgesamt gab es etwa fünfzehn oder zwanzig von ihnen in diesem Raum. Jeder Platz bestand aus einem geschwungenen Stuhl, direkt neben dieser monströsen Maschine. Die Apparaturen umgaben den kompletten Kopfteil, als wollten sie den Behandlungsstuhl umarmen. Erst als wir näher kamen, konnte ich erkennen, dass es nicht eines, sondern mehrere verschiedene Geräte waren. Einige Stühle waren belegt. Ich erkannte, dass das Gerät auf der linken Seite ein Monitor war. Doch es war die andere Seite, die mich die Schreie hören ließ. Ich betrachtete einen der Plätze, auf denen ein Mädchen lag. Es war Zufall, dass ich sehen konnte, was vor sich ging, denn bei den anderen waren die Vorhänge zugezogen worden. Hier stand jedoch ein Arzt und bediente eine der Maschinen. Neben dem Mädchen saß ein weiteres auf einem Hocker. Vielleicht ihre Freundin oder Schwester. Der Stuhl der Spenderin war nach hinten gelegt worden und ihre Beine ragten weiter in die Höhe, als der Rest ihres Körpers. Ihre Augen waren geschlossen. Während der Monitor ihre Herzfrequenz anzeigte, wurde ihr das Blut über einen dünnen Schlauch aus dem Körper geleitet und in der Maschine aufgefangen. Wir erreichten den Platz, der Lucas zugeteilt wurde. Jede dieser Kabinen war an den Seiten durch grüne Vorhänge geschützt und ich fühlte mich furchtbar eingesperrt, als wir dort eintraten. Obwohl die Eingangsseite offenblieb, hatte ich das starke Gefühl, mich in einem Käfig zu befinden. »Wenn Sie sich bitte setzen würden«, bat mich die Frau freundlich und deutete in die linke Ecke. Ich warf Lucas einen, wie ich hoffte, aufmunternden Blick zu, doch ich ahnte, dass darin nichts als Angst lag. Ich ging zu meinem Platz – nachdem die Frau uns die Mäntel abgenommen hatte – setzte mich und klemmte meine Hände zwischen die Beine. Die Frau blieb in ihrer gewohnten Haltung am Fußende des Stuhls stehen. »So«, setzte der Arzt in seinem weißen Kittel an. Bis dahin war er damit beschäftigt gewesen, irgendetwas an der rechten Seite einzustellen. »Dann setz dich bitte und mach den linken Arm frei.« Zwei Minuten später war er vorbereitet. Ab dem Moment, wo ich mich gesetzt hatte, war ich ganz ruhig geworden. Äußerlich. Man stach die Nadel in seinen Arm und fixierte sie mit Pflastern. Ich lauschte den Schreien in meinem Kopf, atmete aber weiter völlig ruhig und beobachtete, wie in Lucas’ rechte Hand eine weitere Nadel eingeführt wurde. Vielleicht tat es gar nicht weh. Er kniff nur ganz kurz die Augen zusammen, jedes Mal, wenn seine Haut durchstochen wurde. Zwischen meinen Schenkeln riss ich die Haut von meinen Fingern. Verzweifelt versuchten meine kurzen Nägel, die Fetzen zu packen. Er hatte den Kopf angelehnt und starrte geradeaus. Durch den Schlauch in seiner rechten Hand wurde eine durchsichtige Flüssigkeit geleitet. Unter seinem Pullover, den Hand- und Fußgelenken hatte man Aufkleber angebracht, durch deren Kabel nun sein Herzschlag auf dem Monitor angezeigt wurde. Er war unbeschreiblich nervös! In dem Moment, wo ich die Anzahl seiner Herzschläge sehen konnte, stiegen mir erneut Tränen in die Augen und ich musste mich abwenden. Von der freudigen Aufregung, die er noch Tage zuvor gespürt hatte, war endgültig nichts mehr übrig. Die Zahl auf dem Monitor sagte mir, dass er nur noch Angst hatte. Es war mir nicht bewusst gewesen, dass ich so extrem dachte, doch in den Minuten der Vorbereitung wurde mir klar: Ich wollte nicht – und unter keinen Umständen – dass man ihm etwas antat. Ich wollte nicht, dass er Angst hatte. Ich wollte nicht, dass man diese Nadeln in seinen Körper steckte. Weil es schlecht war! Diese Gedanken waren dumm, denn daran war nichts Schlechtes. Ich musste aufhören, so zu denken, aber in diesen Minuten wusste ich nicht, wie ich die nächsten überstehen sollte! »So«, sagte Dr. Gragson. »Lehn dich zurück, wir fahren dich runter.« Lucas, der ohnehin schon zurückgelehnt saß, rückte kurz sinnlos herum und nickte dann schwach. Nun trat die Frau an den Stuhl. Ihr Lächeln blieb unbeweglich. Es war so künstlich, so antrainiert. Ich hasste dieses Lächeln. »Nun.« Der Arzt entfernte sich einige Schritte. Er sprach jetzt halb in unserer Kabine, halb schon hinausgetreten. Plötzlich war er anders. Freundlich, aufgesetzt, unpersönlich. »Vielleicht wird dir etwas schwindlig werden, das ist normal. Entspann dich einfach.« Und damit ging er. Lucas Kopf wandte sich in meine Richtung. Er lächelte schwach und sah wieder nach vorn. »Bitte entspannen Sie sich«, wiederholte die Frau und tippte auf ein Display. Mit einem surrenden Geräusch begann der Stuhl, sich in eine Liege zu verwandeln. Er kippte langsam zurück, bis Lucas genau so dalag, wie ich es zuvor bei dem Mädchen gesehen hatte. Ausgeliefert! Jäh kam mir dieses Wort in den Sinn. An Maschinen angeschlossen und nicht mehr in der Lage zu gehen. Unwillkürlich zog ich meine rechte Hand hervor und begann wieder zu kratzen. Obwohl ich keine Nägel mehr hatte, grub ich den kläglichen Rest so fest in die Haut meines linken Armes, wie ich konnte. Diese Frau schritt an die Seite, jene, auf der ich auf meinem Stuhl kauerte. Sie nahm den Schlauch, der von Lucas‘ Arm wegführte und der in einem adapterähnlichen Metallgehäuse endete. Sie führte den Stecker in einen passenden Anschluss an der Maschine ein. Ein Licht leuchtete auf. Die Maschine gab einen langgezogenen, dumpfen Ton von sich. Sein linker Arm war nun mit der riesigen Apparatur verbunden. Der tiefe Ton veränderte sich in wenigen Sekunden zu einem höheren. Dann war die Maschine so still wie zuvor. »Wir beginnen nun mit der Blutabnahme«, sagte die Frau monoton. Mein Herz raste und der Monitor neben mir sagte, dass auch Lucas’ Herz hektisch schlug. Das Gerät, das Blut aus seinem Körper saugen würde, begann zu surren. Und nur eine Sekunde später sah ich, wie sich der dünne Schlauch rot färbte. »Bitte entspannen Sie sich.« Sie lächelte, ging und zog den Vorhang zu.


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