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Science Fiction
Buch Leseprobe THE FALL, Bd. 2, Marcel Niggemann
Marcel Niggemann

THE FALL, Bd. 2


-Black Daylight-

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Prolog


 


Nachts erwachen die Albträume meiner Vergangenheit ...


Nichts und niemand kann mich davor schützen. Ich weiß nicht, ob es mein Gehirn in Schuld ist, das verzweifelt versucht, alles zu verarbeiten, was ich erlebt habe oder ob es eine andere Ursache hat: die Finsternis, die in meinem Inneren steckt.


Eigentlich ist es mir auch scheißegal, woran es liegt. Daran ändern tut es nichts. Oder irre ich mich da? Nein, Sie brauchen nicht antworten, ich kenne die Antwort ohnehin schon. Jedes Mal, wenn ich schlafe - was ich nur noch selten tue, meistens kann ich es gar nicht mehr, was wohl an meinen Fähigkeiten liegen muss - und versuche, Ruhe zu finden, kehrt dieser leidige Traum zurück.


Zu allem Überfluss schafft mein Gehirn es offenbar nicht, die Verantwortung, die auf meinen Schultern liegt, zu bewältigen. Ich meine, Sie müssen verstehen ... also ... ich bin es gewöhnt, Verantwortung für etwas zu tragen. Während der gesamten Laufzeit meiner „Karriere" musste ich Tausende Entscheidungen treffen und dafür gleichzeitig die Verantwortung tragen. Jede dieser Entscheidungen musste ich schnell fällen, ohne dabei die falsche zu treffen, denn die hätte Leben kosten können.


Und heute? Die Verantwortung, die mir damals zuteilwurde, ist nichts im Vergleich zu der, welcher ich mich heutzutage stellen muss. Das Schicksal der Erde und des ganzen Universums lastet auf meinen bröckelnden Schultern. Damals war es so einfach. Nicht kompliziert. Okay, ich gebe zu, dass es niemals einfach war, aber die Parianer und die Mächte der Finsternis machen es kompliziert.


Statt ruhig schlafen zu können, muss ich mich selbst in Träumen meinen inneren Dämonen stellen. Forscher glauben, obwohl es niemals bewiesen worden ist oder werden wird, man tauche in seinen Träumen in ein Paralleluniversum ein. Ich glaube nicht daran, aber was, wenn dem so wäre?


Die Hölle ist ein Paralleluniversum. Die Teile der Welten, die Umbrella und seinen Gräueltaten zum Opfer gefallen sind, gingen in dieses Universum über. Als ich mich dort aufhielt, konnte ich sehen und spüren, wie die Hölle wuchs, was nur noch mehr Grund zur Sorge war. Aldawa und Los Angeles befanden sich doch auch dort. Verstehen Sie, worauf ich hinaus will?


Hätten unsere Forscher recht, dann würde die Möglichkeit bestehen, dass ich mich in meinen Träumen in einem ganz bestimmten Paralleluniversum aufhalte: der Hölle. Ob ich das für möglich halte? Eine korrekte Antwort, die man definitiv zu hundert Prozent belegen kann, gibt es nicht. Ich habe gesehen, wie die Hölle in sich kollabiert ist, als der Bastard endlich erledigt war, doch beweisen, dass es die Hölle nicht mehr gibt, kann ich nicht. Und ich werde einen Teufel tun, einen Weg zu finden, ein Portal dorthin zu öffnen, um die Antwort herausfinden zu können.


Glücklicherweise kann ich Ihnen versichern, dass die Stimme in mir verstummt ist und seit dem Verlassen der Hölle nicht wieder aufgetaucht ist. Feststeht, dass es nicht nur eine Stimme war, sondern ein Teil von mir, der uns allen das Leben gerettet hat. Eine dunkle, finstere Macht. Wie Kyla schon sagte, es ist jedermanns höchstpersönliche Entscheidung, wofür er die Fähigkeiten der Finsternis nutzt.


Dennoch lässt der Traum mich nicht los.


 


Ich liege auf dem Boden, völlig regungslos und entspannt, als hätte ich geschlafen oder wäre ohnmächtig gewesen. Um mich herum ist nichts, was gefährlich wirken könnte, obwohl meine Augen nur eine unangenehm verschwommene Sicht zulassen.


Sobald sie mir die Realität zeigen, in der ich mich befinde, reiße ich sie weit auf und springe unmenschlich schnell auf die Beine. Meine Arme offenbaren das, was ich in der Hölle kennengelernt habe: den düsteren, Angst einflößenden Teil von mir. Schwarze Venen durchziehen den augenscheinlich mutierten Arm, kleine Krallen zieren meine Fingernägel und ein unbeschreibliches Gefühl durchdringt mich.


Die Umgebung, in der ich mich in meinem Traum befinde, registriere ich sofort: Aldawa. Ironischerweise scheint die Sonne und Vögel zwitschern. Untypisch für die wunderschöne Szenerie: Leichen zieren den verschmierten, blutigen Boden, deren Fußabdrücke rot leuchtend zu sehen sind. Ein NAR liegt neben mir, als hätte ich es fallen gelassen, nachdem ich ohnmächtig zu Boden sackte. Hastig gehe ich in die Hocke und greife zu, um es aufzuheben, aktiviere die Waffe und richte sie wild auf die Leichen.


Mein Herz beginnt zu rasen, mein Puls schnellt ins Unendliche. Dank dem wunderbaren Geruch von faulen Eiern und Verwesung, der von den entstellten Fratzen der ehemaligen Menschen aufsteigt, verkrampft sich mein Magen und presst so stark er nur kann.


Unruhig mache ich die ersten zittrigen Schritte in die Richtung, in die ich glaube gehen zu müssen. Die Stille macht mich fast wahnsinnig, weil ich haargenau weiß, was als Nächstes folgen wird und allem voran, wer es sein wird. Meine Erinnerung sagt mir, dass es noch drei oder vier Schritte sein müssen, bis es so weit ist.


Eins ... zwei ... drei ...


Der vierte und letzte Schritt. Da steht er plötzlich vor mir. Im letzten Moment vor meinem Augenzwinkern herrschte Leere, im ersten Moment danach steht dieser Bastard vor mir: Umbrella.


Ein breites Grinsen ziert seine hässliche Visage, die blutige Hand streckt er mir entgegen und sagt: „Kommen Sie, Colonel. Folgen Sie mir in meine Welt! Mein göttliches Paradies erwartet dich schon, Little Johnny!"


Kaum sind seine Worte ausgesprochen und leere Luft, da rast die Wut in mir hoch. Ich koche förmlich, so, als würde der Wasserkocher sich nicht automatisch abschalten, wenn das Wasser heiß genug ist.


Ohne eine Reaktion meinerseits verschwindet sein Körper in Tausende kleine, schwarze Fetzen. Ein ekelhafter Schrei durchdringt die Straßen der untergegangenen Stadt - die Sonne verschwindet und die Vögel, die durch die Luft fliegen, gehen in Flammen auf.


Geräuschlos tauchen Blutspritzer und Symbole an den Fassaden der umstehenden Gebäude auf, Hunderte Handabdrücke aus Blut zieren die Fenster und Gemäuer und ein ungewöhnliches, grelles und tiefes Lachen zugleich echot durch die von Gott fallen gelassene Stadt.


Plötzlich knallt es und diese merkwürdige Wucherung bricht durch die Straßen und Hauswände, wo sie sich rasend schnell ausbreitet und alles einhüllt, was sich nicht dagegen wehrt. Wie Moos, um das man sich nicht kümmert, wächst und gedeiht es.


Der Gehweg bröckelt zusammen, dessen Pflastersteine in einen Abgrund hinunterfallen. An dessen Stelle treten Flammen - manche von ihnen sogar mehrere Meter hoch! - und Lavaströme, deren Hitze ich förmlich spüren kann.


Die Stille wird von einem schlurfenden Gehgeräusch aus östlicher Richtung gebrochen. Aus südlicher Richtung folgen die nächsten unheimlichen Geräusche, die sich wie ein Stück Kreide auf der Tafel anhören, ein Kratzen über Glas oder Ähnliches.


Regungslos halte ich meine Position, um abzuwarten, was geschieht. Vor mir erheben sich die ersten Leichen. Die gierigen Mäuler der Zombies öffnen sich und Ihre milchigen Augen blicken in meine. Sie rufen regelrecht nach mir und meinem Körperfleisch.


Das bringt das Fass zum Überlaufen - ich hebe das NAR, ziele zwischen die Augen und verpasse den ersten Zombies Kugeln. Das Geräusch hinter mir nähert sich - ich höre es, obwohl ich den Abzug des NAR im Sekundentakt durchpresse - und ...


Zack! Wumms!


Ich reiße meinen Körper mit Leichtigkeit herum, das NAR in der einen Hand, den Hals des Zombies in der anderen und breche ihm das Genick, um ihn endgültig umzulegen.


Ein Soul klettert an der Wand entlang, direkt in meine Richtung, um der nächste Tote zu sein. Kugeln durchbohren seinen Hals und das Kinn, weswegen das Mistvieh auf den Boden platscht und dort verbleibt. Leichtes Zucken deutet auf sein Ende hin.


Hunderte Zombies nähern sich, die Feuerkraft des NAR reicht nicht annähernd aus, um sie damit aufhalten zu können. Von Reaper oder anderen UNF-Soldaten fehlt jede Spur. Alles, was ich wahrnehme, sind weitere Schreie und schwere Schritte - sich zu meiner Position bewegende Todesengel.


Mein Hirn sagt mir, ich solle weiterfeuern, doch mein Gefühl sagt mir wiederholend, wie sinnvoll diese Maßnahme wäre. Entgegen dem Rat meines beschissenen Hirns schnalle ich mir das NAR um und greife die Zombies im Nahkampf an. Eine Linke für den Zombie, der sich auf mich stürzen will, eine Rechte demjenigen unter das Kinn, der es gerade versucht. Knochen brechen, Zombies stürzen oder fliegen in jede Richtung. Meine Kräfte entfalten sich gerade rechtzeitig, um nicht auf dem Tagesmenü der Untoten zu landen.


Ein Spin-Kick erledigt die nächsten Feinde. Kaum auf dem Boden aufgekommen, sprinte ich los - ich bahne mir geradezu einen Tunnel durch die Zombie-Masse, nur um mich einem Todesengel-Trio gegenüberzusehen.


Deren Sabber tropft - nein, fließt! - auf den Boden, die Pranke holt aus und schlägt zu. Duckend und auf dem Boden zur Seite rutschend weiche ich aus, sodass sein Schlag einen der Zombies trifft und ihn zu Boden quetscht.


Wütend schreit das Biest auf. In der Luft tauchen urplötzlich Blackwings und Kommando-Flottenschiffe auf, die sich gegenseitig unter Beschuss nehmen. Explosionen erleuchten sogar den Boden, auf dem ich stehe.


Komischerweise lenkt mich dieser Anblick ab und ich vergesse ganz, wem ich gegenüberstehe. Seine Faust rast auf mich zu, der ich in allerletzter Sekunde akrobatisch ausweichen kann.


Meine rechte Hand greift zum NAR und Kugeln durchsieben die triefende Schnauze des Kolosses. Die beiden anderen sind weit ab vom Schuss - natürlich bleiben sie nicht nur dumm stehen, sondern stampfen auf mich zu.


Letzten Endes kippt der nächstgelegene Todesengel zu Boden und bildet dort seine eigene Blutlache. Die Souls, die mich anspringen, reißen mich zu Boden, womit meine kleine Wenigkeit sich jedoch nicht geschlagen gibt. Meine Krallen bohren sich in das Fleisch der Biester und reißen einen Fetzen heraus. Mächtig tritt mein linkes Knie zu und schleudert das Biest meterweit senkrecht in die Luft. Ein Sprung wirft mich hoch, gerade noch rechtzeitig, um dem Biest aus der Luft einen zweiten Tritt zu verpassen, der ihm den Rest gibt.


Wenn Sie dachten, das wäre verwirrend, kommt jetzt erst der richtige Hammer. Der Teil, der mich stark an allem zweifeln lässt ...


Gähnende Leere auf der Straße. Keine Spur von irgendwelchen Feinden. Kampfbereit balle ich Fäuste, bereit den Kampf fortzusetzen und zu beenden. Von willigen Feinden jedoch nicht der Hauch einer Spur. Ich rufe: „Wo seid ihr?! Ich warte! Na los, ihr Mistbiester! Ich warte!"


Kyla taucht krabbelnd vor mir auf. Sie zieht eine lange, starke Blutspur hinter sich hinterher. Sie trägt das saubere Kleid, das sie bei unserer letzten Begegnung in Atlantis getragen hatte. Ihre strahlenden Augen blicken in die meinen.


„Kyla!", entfährt es mir und hilfsbereit nähere ich mich dem sterbenden Kind. Sie flüstert etwas, das ich nicht verstehen kann. Noch zwei Schritte und ich wäre bei ihr. Meine Aufmerksamkeit wird aber von einer zweiten Kyla angezogen, die so aussieht, wie wir sie in Aldawa kennengelernt haben.


Irritiert bleibe ich stehen und blicke zu beiden. Die ranzige Kyla schüttelt ihren Kopf, schweigt sich zu meinem Bedauern aus. Auf die Nachfrage „Was ist los?" reagiert sie ebenfalls mit einem Kopfschütteln.


Das hält mich Sturkopf nicht davon ab, niederzuknien und die hübsche Kyla umzudrehen. Zuerst blicke ich noch in das schöne Gesicht des unversehrten Mädchens, das bei dem grausamsten Experiment aller Zeiten ihren Tod fand, und im nächsten verändert es sich in eine Schreckgestalt, die ich gar nicht beschreiben kann. Diese Augen ... was ich darin sehe ...


Kreischend mit erschreckend dunkler, dämonischer Stimme brüllt sie mich an: „Was hast du getan?"


Sie verschwindet.


Die ranzige Kyla blickt betrübt zu mir herüber. „Hilf mir!" lese ich ihren Lippen ab, Geräusche kommen nicht aus dem Mund heraus. Darauf folgend reißt sie jemand nach hinten in die Gasse. Ihre kleinen Händchen krallen sich an der Wand fest und ihr letzter Blick fleht nach Hilfe.


Ohne Zögern stürme ich los, aber bevor ich sie erreiche, ist sie schon verschwunden. „Nein!", flüstere ich.


Neben mir steht Reaper und schüttelt den Kopf. Seine Hände hat er verschränkt, als wollte er mich ausschimpfen oder so was in der Art. Der Reaper, den ich kenne, würde mich mit offenen Armen empfangen und nicht derart abweisend reagieren.


„Tststs. Johnny, Johnny, Johnny. Böser, kleiner Schwächling! Du hast so viel Finsternis in dir. Deine Seele wird mit jedem Moment kleiner, die Finsternis allerdings ... immer größer. Schon bald wird sie dich verzehren."


Ich mache vorsichtshalber einen Schritt zurück und bereite mich innerlich darauf vor, einen Angriff abzublocken.


„Es sei denn, ich verhindere das! Du bist nicht Reaper! Verarschen kann ich mich allein. Da brauche ich dich nicht zu! Wer bist du wirklich?"


Reapers Gestalt lacht. Dämonisch.


„Oh, wirklich? Glaubst du allen Ernstes, dass du dazu in der Lage bist, es zu verhindern? Der Moment wird kommen. Du kannst diesen Moment nicht verhindern! Du kannst es nicht, Little Johnny. So sehr du es dir auch wünschen magst, das kannst du nicht!"


Ich schaue „Reaper" fragend an, als warte ich auf die Antwort. Die Auflösung dieses Rätsels folgt nicht, nur ein von Freude geziertes Gesicht in der Gestalt meines besten Freundes, für den ich jederzeit mein Leben opfern würde. Ich kapiere nichts, rein gar nichts, von dem, was er da brabbelt. Was ich verhindern soll oder ... was ich nicht verhindern kann.


„Ich habe dich erziehen wollen, ganz nach meinen Wünschen. Dein Vater hat es nicht geschafft, dir Manieren beizubringen. Er sinnt auf Rache. Das - welch sinnlose Zeitverschwendung - tue ich nicht. Ich vergeude meine Zeit nicht mit Unnützlichkeiten. Nichts wird wieder gut, Little Johnny! Deinen eigenen Vater hast du umgebracht! Tststs."


Die Gestalt löst sich nicht auf, aber sie bewegt sich rasend schnell vorwärts, um sich auf eines der Gebäude zu teleportieren. Ein Wächter? Mir ist durchaus bekannt, dass sie ihre Form verändern konnten, zumindest in ihren Visionen. Ich irre mich ...


Die Stimme spricht so laut, dass es in meinen Ohren schmerzt und sich in alle Hirnwindungen hineinbohrt, quasi schon hineinbrennt: „Wir sind die Vielen! Wir sind die Gefallenen! Wir sind die Preminthor!"


Ich schätze, die Angst davor, wer oder was die Preminthor sind, lässt mich solche Abartigkeiten träumen. Die offene Frage, um wen es sich dabei handelt, beantwortet mein Gehirn auf seine ganz eigene bizarre Art und Weise.


Im hintersten Teil der Straße kann ich einen strahlend weißen Engel sehen, dicht daneben weitere von ihnen, die sich anscheinend nicht trauen oder dazu überreden können, weiter nach vorn zu treten. Obgleich der Anblick dieser Engel Hoffnung in mir auftauchen lässt, weiß ich nicht, ob ich diesem Geschöpf über den Weg trauen kann.


Ohne Vorwarnung vibriert der Boden wie bei einem leichten Erdbeben, das stetig an Stärke zunimmt. Kleine Kieselsteinchen tänzeln unkontrolliert im Kreis herum. Das Beben gewinnt an Gefährlichkeit. Meine Augen suchen nach der Quelle, ausmachen kann ich sie aber nicht. Riesige Risse in den Gebäuden breiten sich aus, Gestein bröselt herunter, die Scheiben zerplatzen machtvoll auf die Straße. Es regnet Scherben, die mich schneiden und meine Arme zerkratzen. Jeder Schnitt tut höllisch weh, weit mehr als gewöhnliche Schnitte. Irgendwie kann ich das Gefühl nicht beschreiben, denn ich würde behaupten, - wenn ich es nicht besser wüsste -  dass jemand ein Skalpell durch meinen Arm zieht, um ein groteskes Muster darin zu verewigen.


Der Asphalt explodiert förmlich, ein Abgrund bildet sich und teilt Aldawa in zwei Hälften. Ein greller Lichtblitz blendet meine Augen für mindestens vier Sekunden, ehe ich wieder die Umrisse von etwas wahrnehmen kann. Dann sehe ich, was das Erdbeben anrichtet: Die linke Hälfte - Gott sei Dank nicht die, auf der ich mich aufhalte - rutscht hinunter in einen tiefen Abgrund. Ein Krater.


Mir wird schnell klar, dass dieses Chaos die zerstörte Stadt nach ihrem Niedergang darstellen soll, wieso auch immer mein Gehirn diesen Weg wählt, mir die Stadt in meinen Träumen zu zeigen, mit der all der Horror für uns den Anfang fand (obwohl es, wenn wir es ganz genau nehmen, ja schon im Iran begann). Selbstverständlich habe ich mir den Krater, die Überreste von Aldawa, angeschaut, nachdem wir uns ausgeruht und das schlimmste Ereignis unseres bisherigen Lebens hinter uns gelassen hatten, und erblickte eben jenen Krater, der sich jetzt gerade einmal zwei oder drei Meter von mir entfernt befindet. Die Selbstzerstörung der parianischen Anlage riss diesen Krater in den Boden - ein Denkmal für die Ewigkeit? Meine Ewigkeit?


Ich weiß, es wäre nicht klug näher heranzutreten, was vielleicht der Grund dafür ist, dass ich sogar im Traum zig Schritte zurücktrete, bis ein Kopfschmerz verursachendes Gefühl in meinem inneren Auge beginnt, mich zu verschlingen und mich mit aller Gewalt in seinen Bann reißt. Ich sehe, wie alle meine Freunde sterben, brutal zerfetzt werden und die Erde angegriffen und aus dem Orbit heraus beschossen wird.


Bilder, die ich in der Hölle gesehen habe, waren nichts im Vergleich zu diesen Visionen. Das Gefühl, das ich dabei empfinde, macht es nicht leichter. Ob es tatsächliche Erinnerungen oder nur von einem Wächter verursachte Visionen sind, kann und will ich nicht mutmaßen.


Ich sacke zusammen und krümme mich wie ein kleines Kind, vergleichbar mit dem Embryo eines Menschen im Leibe seiner Mutter. Hunderte Blicke rattern vor meinen Augen her und die Finsternis in mir erwacht zu neuem Leben.


Die innere Stimme flüstert mir zu, mich nicht zu wehren und den verbliebenen Teil meiner Seele über den Haufen zu werfen. Akzeptieren kann ich das nicht! Das will ich nicht und werde es niemals tun! Solange ich lebe, werde ich das nicht tun!


Eine Person - noch unidentifiziert - marschiert ruhigen Schrittes auf mich zu. Sie hockt sich neben mich und flüstert mir etwas zu: „Ich will nicht, dass du schwach bist!"


Gefühle übermannen mich. Ich kenne sie ... aus meiner Vergangenheit. Dem Teil meiner Vergangenheit, an den ich mich nur ungern erinnere. Der Teil, an den ich mich erst wieder entsinnen konnte, als es mir gezeigt wurde. Die Stimme ... sie kommt mir nur allzu bekannt vor ...


 


Ich wache schweißgebadet auf. Dort endet der Traum. Was davon real ist - wenn überhaupt ein Funken Wahrheit in diesem Hirngespinst steckt - kann ich nicht deuten. Ein Teil der Bilder, die ich sehe, ist real und stammt aus meiner gesammelten Vergangenheitschronik. Der restliche Teil ist nie geschehen.


Weiter will ich für meine Person mich nicht über diesen Traum äußern. Er verursacht ein ... sagen wir ... ungutes Gefühl.


 


Vor drei Monaten lernten die Erdbewohner das erste Mal in ihrem gesamten Dasein, dass sie nur gemeinsam überleben können und tatsächlich ein Feind existiert, der nicht nur die Existenz eines Individuums bedroht, sondern gleich die der gesamten Menschheit.


Wirklich schade, wenn man sich vor Augen führt, wie viel nötig war, damit die Menschen endlich beginnen zu verstehen. Noch immer laufen die Reparaturarbeiten auf dem Maximum, dennoch haben wir die bisherigen Erfolge einzig Atlantis - und man glaube es kaum! - den Parianern und ihrer Technologie zu verdanken.


Dean, Technikern und letztlich mir selbst ist es gelungen, das Konstruktionssystem anzupassen und es global verwendbar zu machen. Damit wird der Aufbau in Atlantis oder kompatiblen Mobilsystemen geplant und vom System vor Ort umgesetzt. Ich schätze, ohne dieses Geschenk unserer Peiniger würden wir die Erde niemals wieder aufbauen können. Die Welt, wie wir sie kennen, gibt es längst nicht mehr.


Nicht nur der Aufbau der Erde schreitet voran, sondern auch unsere Möglichkeiten, uns effektiv zur Wehr zu setzen. Die Bloodroars koordinieren sich mit uns, weshalb ein Teil der Stadt nun für sie reserviert ist und aktiv von ihnen genutzt wird. Ohne diese Allianz wären wir längst nicht mehr hier.


Zusätzlich zu unserer Allianz, die ganz neue Aspekte der Verteidigung eröffnet, ist ein neues Kommando gegründet worden - ganz vorn voran Six Echo, Ten Delta, One Foxtrot und Two Lima. Ein Programm, wie es niemals geplant und garantiert noch nie zuvor ausgeführt wurde. Mein Gott, die machen nicht einmal ein Geheimnis daraus! Es ist unnötig, zu sagen, dass die Geheimhaltung eine entscheidende Rolle spielt, doch gelegentlich offenbart man der Öffentlichkeit, welche Fortschritte das derzeit noch geheime „Military Ops" erzielt. In Kürze wird es die offizielle Ankündigung geben, bei der man das Programm endlich beim Namen nennen wird und nicht mehr bloß von einem „Großprojekt, das Fortschritte macht" spricht.


Die UNF setzt sich aus den besten Soldaten zusammen. Die wahrhaftige Elite wird jedoch zum Military Ops befördert. Wir profitieren von der parianischen Technologie am allermeisten, angefangen von den Stiefeln bis hin zu den Helmen, ganz zu schweigen von der breiten - priorisierten - Unterstützung, die wir im Gefecht erhalten werden. Des Weiteren dürfen sich die MOs zu den Glücklichen zählen, dauerhaft einen N.A.C.S. tragen zu dürfen.


Theoretisch ist das MO-Programm die Antwort auf all unsere offenen Fragen, die uns Nächte lang quälen. Wenn da nicht die überwiegende Schattenseite wäre ...


Atlantis hat den Vollbetrieb erreicht, unsere Flotte und Streitmacht wächst täglich. Enttäuschenderweise geht es den parianischen Schweinehunden genauso gut wie uns, wenn nicht besser. Mit Mühe und Not gelingt es der Allianz, primär noch den Bloodroars, den Bastarden einen Mindestwert an Einhalt zu gebieten. Ihre Ausbreitung schreitet fast genauso schnell voran wie die des Ennix-Virus in Aldawa oder Las Vegas.


Ich werde tun, was ich kann, um sie zu bremsen. Elara öffnete uns die Augen, als wir sahen, auf welche groteske Weise sie sich neuerdings fortpflanzen - oder gelinde gesagt: Ihre Truppenstärke aufbessern - und lässt ernsthaft darüber nachdenken, die Klonanlagen für menschliche Klone zu verwenden, nur um ihnen den Hauch eines Widerstandes entgegensetzen zu können.


Ich fürchte, dazu sind wir nach wie vor nicht in der Lage. Ich versuche eigentlich - ja, genau, auf dem Wort „eigentlich" liegt die Betonung - zu verdrängen oder zu vergessen, welcher Finsternis ich in der Hölle begegnet bin. Die quälende Frage hat sich seitdem nicht verändert: Wie viel dieser Finsternis steckt letzten Endes auch in mir? Dann, aber nur dann, wenn ich die Antwort kenne, werden die Qualen jener Frage zum Abschluss kommen. Zu meinem Bedauern bin ich fester Überzeugung, die Antwort zu kennen. Mein Traum könnte hier die ausschlaggebende Antwort liefern.


Ephesus und Kyla. Keine Ahnung, wo sie sich nunmehr befinden, ob sie ihren Frieden nach den unendlich vielen Jahren gefunden haben. Ein Grund mehr, mir persönlich Kopfbrechen zu bereiten. Die Hölle gehört der unendlichen Geschichte des parianischen Terrorimperiums an, ihr „Vater" ist tot und die Geschichte nimmt einen völlig neuen Lauf.


Wunschdenken? Ja klar. An seine Stelle ist eine Vielzahl anderer Kommandanten getreten, die sich größtenteils strikt an Umbrellas Plan halten. Obgleich das Gefühl befriedigend war, diesem Hurensohn den Todesstoß zu verpassen, so lebt er in Form dieser Kommandanten immer noch weiter. Seine Herrschaft hält fortwährend an. Ich gebe es nicht gern zu, leider bin ich dazu gezwungen: Er hat sein Ziel erreicht. Solange die Kommandanten leben, ist Umbrella unsterblich.


Egal, was wir für Unternehmungen starten, es wird nicht ausreichen, um das Grauen schnell zu stoppen. Solange diese Wichser es schaffen, ihre Truppenstärke auszubauen, werden auf jeden getöteten Parianer Tausende neue folgen. Obwohl das Töten kein Ende nehmen wird, und immer weitere folgen, werde ich die Jagd nicht beenden. Erst, wenn der Letzte von ihnen gefallen ist, werde ich mich zur Ruhe setzen. Doch bis dahin ist es ein langer Weg, der vor uns liegt.


Und wir sind bereit, ihn zu gehen ...


 


- John Bradeck, Atlantis, November 2011


 


 


 


 


1


- Eine neue Ära -


 


04.11.2011


Atlantis - Konferenzraum A


 


John saß gelangweilt in seinem Stuhl und lehnte sich gemütlich zurück. Seine Finger rieben die Augen, seit mehr als 28 Stunden stand er auf den Beinen, denn Zeit zu schlafen gab es wenig, gerade dann nicht, wenn mindestens fünf Leute um ihn herumstanden und seine Antwort gespannt erwarteten. Glücklicherweise brauchte er nicht mehr viel Schlaf - und wenn er die Gelegenheit fand, dann quälte ihn der immer wiederkehrende, stets punktgenau gleich verlaufende Albtraum.


Seine Gedanken rotierten um dieselben Themen wie jeden Tag und jeden leidigen Moment: Parianer, Dämonen, Atlantis, Kyla, Ephesus, die Hölle - und die größte Angst allen voran - den Preminthor.


Ihnen lagen keinerlei Informationen über die Preminthor vor, Gespräche über diese Kreaturen, Dinge oder was sie auch waren, endeten im Nichts und vergeudeten brauchbare Zeit. Tief im Innern wühlte es ihn auf wie ein Blizzard die stille Sommernacht.


Ich hoffe, wir sind hier bald fertig. Ich habe keinen Nerv mehr, diesen Typen länger zuzuhören! Seit Stunden reden wir über dieselben langweiligen Sachen.


Plötzlich erhob sich John vom Stuhl, die Worte derer, die am Tisch saßen, ignorierte er galant. Stattdessen stellte er sich ans Fenster und blickte herab auf die Einheiten, die ihr Training absolvierten. Dafür bot Atlantis ja genug Platz. Allein im Zentralen Turm gab es fünf solcher Hologramm-Räume, in denen man beliebige Welten oder Szenarien durchlaufen konnte. Sehr zu Johns Freude befanden sich eben jene Trainingsräume in der Nähe der Konferenzräume.


Zwei-Mann-Teams stürmten nach vorn, um gegen die holografischen Parianer anzutreten und sie zu erledigen. Der Echtzeitsimulator ließ die Bastarde der Reihe nach aufpoppen, mal links, mal rechts, mal in der Mitte. Die Kommunikation zwischen den Soldaten funktionierte hervorragend. Ihr Vorgehen ließ keine Fehler zu. Ihre Simulations-NARs hämmerten Kugeln nur so heraus, doch etwa achzig Prozent davon waren direkt tödliche Treffer.


Dank der N.A.C.S. gelang es ihnen sogar, die Umgebung zu ihrem Nutzen zu analysieren und Gebrauch davon zu machen. Die realen Wände stellten nur geringfügige Hindernisse dar. Gezielte Schüsse jagten einen nach dem anderen über den Jordan, bis sie schlussendlich ihr Ziel erreichten und die Simulation aufgrund ihres Erfolgs abgeschaltet wurde.


„Colonel? Was sagen Sie dazu?", fragte Balder. Gespannten Blickes erwartete er die Antwort, dessen Frage John entgangen war.


„Wozu?", fragte er. Balder zog ein ernstes Gesicht.


„Zu meiner Frage!"


„Und die wäre?"


John blickte trübe in die Landschaft hinein und machte keinerlei Anstalten, sich dem Oberkommandanten zuzuwenden und sich umzudrehen, um ihm beim Gespräch in die Augen zu schauen. Es bedurfte zudem keiner Worte, um zu realisieren, wie genervt Balder von dem Gespräch war. Das beruhte dann sogar auf Gegenseitigkeit, also doch noch eine kleine Gemeinsamkeit der beiden Männer. Zu allem Überfluss drehte sich der Colonel weiterhin nicht um, sondern starrte stur nach unten in den Raum, wo eines der MO-Kommandos sein Training wiederholte.


„Ich habe gefragt ... wenn Sie zugehört hätten ... wie hoch wohl das Risiko sei, dass wir in naher Zukunft einem weiteren Angriff der Parianer gegenüberstehen."


John zuckte mit den Schultern und beobachtete die zweite Gruppe, die ihr Training begann.


„Keine Ahnung. Fragen Sie das doch diese Maden. Die wissen das eher. Sie wissen, dass wir unsere Verteidigung massiv ausbauen, was einen Angriff nicht leichter macht. Mit jedem Tag, den sie warten, lassen sie wertvolle Zeit verstreichen. Trotzdem gehe ich davon aus, dass sie schon längst einen Plan haben. Dem sollten wir einen Keil vorschieben. Ein Grund mehr, weshalb ich empfehle, die MO-Teams schnellstmöglich in den Einsatz zu schicken. Das wollen Sie ja noch nicht ... wenn überhaupt."


Der Präsident der Vereinigten Staaten mischte sich in die heiße Diskussion ein. Emil Wuscovan, der Mann, der sich als Einziger traute, in diesen Zeiten zu kandidieren, um den alten Präsidenten zu ersetzen. Mit einem Sieg war in Anbetracht der fehlenden Konkurrenz von Anfang an zu rechnen. Wer wollte schon die Entscheidungen fällen, wenn es keine Notfallpläne und keine vergleichbaren Szenarien, abgesehen von einem Zwei-Tage-Krieg, gab?


Die braunen Augen des attraktiven Präsidenten mit den wenigen schwarzen Haaren und dem muskulösen Körper suchten direkten Kontakt zu Balder.


„Ich verstehe nicht, wieso das Oberkommando nicht möchte, dass unsere Soldaten da rausgehen und tun, wofür wir sie hart trainieren. General! Sind Ihre Leute dazu in der Lage, die Situation zu kontrollieren und zu meistern?", fragte er.


Landry gähnte und rieb sich die tränenden Augen. Dann nickte er langsam vor sich hin und antwortete schließlich: „Ja, Mr. President. Soweit wir das bis jetzt beurteilen können, sind sie in Top-Kondition und jederzeit bereit, die Bloodroars zu unterstützen."


Balder schüttelte den Kopf und gab komische Laute von sich. John hörte seinen Herzschlag und spürte, dass Balder nicht mehr lange ruhig bleiben würde.


„Verstehen Sie, Mr. President, wir brauchen jeden Mann und jede Frau vor Ort! Jeder Soldat, der sein Leben auf irgendeinem gottverlassenen Planeten lässt, ist einer weniger, der unsere Welt verteidigen kann! Wir sollten sie hier erwarten, nicht irgendwo auf einem verfluchten Stern!"


John wandte sich ihm endlich zu und gab seine Meinung kund: „Ja. Dem stimme ich natürlich voll und ganz zu. Warten wir, bis zehntausend Schiffe aus jeder Himmelsrichtung auf die Erde zustürmen. Dann stehen unsere Chancen doch gleich besser! Wir drücken jedem eine weiße Flagge in die Hand und malen eine Zielscheibe auf unsere Brustpanzerungen. Erfüllt seinen Zweck. Immerhin brauchen wir uns dann nicht mehr den Arsch so aufreißen! Hat doch seine Vorteile. Haben Sie sich mal vor dem Spiegel betrachtet und sich dabei gründlich beobachtet, um zu sehen, dass Scheiße aus Ihrem Maul tropft?"


Balder sprang auf und schlug dabei energisch auf den Tisch. Ehe man sich versehen konnte, stampfte er - todesmutig - auf John zu und pickte ihm mit dem Finger auf die Brust.


„Beherrschen Sie sich, Colonel! Ich lasse mir so etwas nicht von einem Colonel bieten! Habe ich mich klar ausgedrückt?"


„Hier stinkt es nach Kacke ...", meinte John, ohne die Miene zu verziehen.


„John!", ermahnte Landry harsch, den der Colonel mit einem flotten Blick für seine Äußerung strafte.


Misch dich nicht ein, Jack! Halt dich da raus. Das ist allein meine Sache!


„Nein, Jack. So nicht! Was glauben Sie eigentlich, wer auf deren Abschussliste steht, wenn alle anderen Welten gefallen sind? Die Bloodroars und wir! Sobald die nichts mehr haben, das sie angreifen können, sind wir die Nächsten. Es sei denn, wir kriegen es gebacken, sie aufzuhalten oder zumindest auszubremsen, bis wir eine Möglichkeit gefunden haben, deren Ärsche derart aufzureißen, dass sie einen entlegenen Winkel des Universums suchen, wo sie sich für immer verstecken und am Daumen lutschen können."


„Ich lasse mir so etwas nicht gefallen, Colonel! Auch nicht von Ihnen!", schimpfte der Oberkommandant weiter. Machte er sich mal Gedanken darüber, wer letztlich am längeren Hebel saß? Für John wäre es kein Problem, ihm Probleme zu bereiten.


Glücklicherweise regte Balder sich etwas ab und stampfte zu seinem Platz zurück. Ne'phum beobachtete sie lediglich, ohne sich einzumischen. Landry allerdings schluckte schwer, denn nun erkannte auch er, welche Spannung in der Luft lag.


„Wir sollten sachlich bleiben. Und das geht an beide Seiten. Seit ... keine verdammte Ahnung, wie lange schon ... Stunden diskutieren wir darüber. Wir wissen, dass eine Handvoll Regierungen nicht dazu bereit ist, ihre Soldaten außerhalb der Erde einzusetzen. Der Großteil wäre dazu bereit, wenn gewährleistet ist, dass sie bestens trainiert und ausgerüstet sind. Heutzutage geht es nicht mehr um einen kleinen Krieg, sondern um die Existenz der Menschheit. Und nicht nur die Existenz der Menschheit auf der Erde ist gefährdet."


Balders rotes Gesicht verblasste, während John seins an Farbe gewann. Ihm wurde klar, dass Balder nicht verstand, worum es ging. Dem Kauz, der lediglich Befehle gab und selbst dazu nicht in der Lage zu sein schien, fehlte es an der Weitsichtigkeit. Die Erde verteidigen. Alles, was dahinter liege, sei nicht Sache der menschlichen Streitkräfte. Diese üble Einstellung sollte der Oberkommandant lieber schnell ablegen, denn sie führte zu nichts Gutem.


„Erinnern Sie sich an den Moment, in dem wir glaubten, wir könnten einpacken? Unsere beschissene Flotte gab den Löffel ab, die Verteidigung lag am Boden. Ohne Voranmeldung tauchte ein Volk auf, das dumm genug war, sich der Erde zu nähern. Nichts gegen Sie, Ne'phum, das soll keine Beleidigung sein ... aber, wir bildeten eine Allianz mit ihnen. Sie halfen uns, ohne eine andere Gegenleistung zu verlangen, als dasselbe für sie zu tun."


Mit diesen Worten startete der Colonel einen weiteren Versuch, dem Oberkommandanten endlich klarzumachen, wie es um ihre Lage stand.


„Colonel, es geht um unsere Welt! Was ist, wenn sie angreifen und unsere Truppen irgendwo unterwegs sind? Schon einmal darüber nachgedacht?", fragte Balder.


„Dann holen wir sie zurück. Außerdem tun Sie gerade so, als würden die ohne Ankündigung hier stehen. Das zeigt wieder einmal Ihr mangelndes Wissen. Sie haben es scheinbar nicht für nötig gehalten, meine Berichte zu lesen. Mindestens fünf Stunden vorab wissen wir, wann und von wo sie kommen. Ein kleiner Vorteil, den uns die Langstreckenscanner von Atlantis bringen", pfiff John harsch zurück.


Der Blick des Esels genügte John als Antwort auf seine Aussage. Einer ausufernden Erwiderung oder Begründung bedurfte es nicht mehr. Doch der Versuch sollte vorhanden sein: „Ich habe ..."


„Nein, haben Sie nicht! Es ist mir scheißegal, was Sie mir jetzt als Entschuldigung geben wollen. Wer lesen kann - oder es tut! - ist klar im Vorteil. Ich reiße mir den Arsch auf, um Ihnen diese verfickten Berichte zuzusenden und Sie halten es nicht für nötig, daraus grundlegendste Sachen zu lernen?"


Landry empfing eine Nachricht auf seinem Laptop. Carolyn fragte an, wie lange sie noch brauchen würden. Die Antwort blieb er ihr schuldig. Wenn sie in dem Tempo fortfahren würden, dann wären sie in einer Woche noch beschäftigt.


„Wieso dauert das so extrem lange bei euch?", schrieb sie.


„Ärger John - Balder", tippte er hastig ein.


„Oh ... dann zieh ich mich zurück."


John wandte sich wieder dem trainierenden Team zu, das gerade die Übung abschloss und den letzten Parianer über den Haufen knallte. Die letzte Übung für die nächsten Stunden. Alle Durchläufe für heute waren erledigt.


Na toll. Jetzt darf ich denen wieder zuhören.


 


* * *


 


30.10.2011


Unbekannter Ort


Parianischer Kampfverbandskomplex


 


„Meine Truppen, meine Männer! Die Zeit für euch ist gekommen, aufzubrechen und unser Imperium zu seiner alten Stärke zu führen. Die Menschen haben sich unserer Kontrolle entzogen, einen temporären Sieg erringen können.


Doch für wie lange? Die Menschen sind nicht stark genug, um dauerhaften Widerstand leisten zu können. Wir werden sie in die Enge treiben, bis sie keinen Ausweg mehr sehen und sich ergeben - oder wir zerschmettern sie!"


Der Truppenführer blickte zufrieden und beeindruckt in die Menge der parianischen Soldaten. Sein Blick verfinsterte sich bei dem Gedanken, die Menschen freudestrahlend und belustigt zu sehen.


„Ab heute werdet ihr hinausziehen und unsere Feinde niederschmettern. Zermalmt sie mit allem, was wir haben! Unser Gebieter, Carlos Umbrella, gab sein Leben für dieses Imperium. Er war es, der für uns die Pforten öffnete und uns den Weg ebnete, den wir nunmehr beschreiten können.


Sein Körper mag dahingeschieden sein, doch sein Mut, seine Intelligenz und sein Vermächtnis bestehen weiter. Das Opfer, das er gebracht hat, wird niemals vergessen werden. Seid ihr bereit, für das Imperium zu kämpfen?"


Die Truppen erhoben ihre NARs empor gen Himmel. Im Gleichtakt schlugen sie mit der linken Faust dagegen, um ein Geräusch zu erzeugen, das ihren Kommandanten zutiefst befriedigen sollte. Das Echo hallte über den riesigen, monumentalen Platz, an dem sich die Soldaten versammelt hatten, und ein breites Grinsen erhaschte das künstliche Licht in der Nacht.


„Seid ihr bereit, das zu tun, was getan werden muss?", brüllte der Kommandant.


Die Soldaten richteten ihre Waffen nach oben zum Himmel und drückten den Abzug des Gewehrs einmalig durch. Die Schüsse peitschten wie ein heftiger Sturm durch die Stille des Planeten.


 


 


* * *


 


Die übrigen Beteiligten hielten sich aus der regen Diskussion weitgehend zurück. Entweder schüttelten sie ihre Köpfe oder nickten, diejenigen, die über die Holomonitore zuschauten, brachten gar keinen Ton heraus.


„Mr. President, wenn ich das Wort an die Menschen richten darf, dann würde ich gern unseren Standpunkt vorbringen", bat Ne'phum freundlich.


Kaum zu glauben. Er hat noch immer den ruhigen Tonfall in seiner Stimme, obwohl er hungrig ist und seit über zwei Stunden darauf wartet, endlich etwas zu beißen zu bekommen. Wäre Balders Schenkel nicht gut genug? dachte John. Ein leises, kaum hörbares Kichern verlieh dem Gedanken Nachdruck.


„Gern", antwortete Wuscovan.


„Ich möchte niemanden kränken, aber der Colonel hat mit seiner Aussage recht. Die parianischen Truppen werden mit jedem Moment stärker. Sie bauen irgendwo Schiffe, Ausrüstung und klonen ihre Soldaten. Wir stoßen immer häufiger auf Delta-Soldaten. Die Lage ist äußerst beunruhigend, gerade auch in Anbetracht unserer schwächelnden Verteidigung. Unsere Truppen sind auf zahlreichen Planeten verstreut, wenngleich vollkommen koordiniert. Ihre Truppen könnten die Allianz-Truppen verstärken. In diesem Moment führen meine Krieger einen Kampf, der kaum Aussicht auf Erfolg bietet. Welches Volk sich nicht den Parianern unterwirft, wird getötet. Unseren Nachforschungen zufolge dauert es mindestens fünf Erdenmonate, eine Klonanlage zu errichten und in Betrieb zu nehmen. Wenn es uns gelingt, die Anlagen zu lokalisieren, einzunehmen oder zu zerstören, können wir den Nachschub der Truppen immens ausbremsen. Und ich bedauere zutiefst, dass der Colonel ebenfalls damit recht hat, dass die Truppen nicht ewig Abstand von der Erde nehmen. Der nächste Großangriff wird folgen - und wir können Ihnen nicht mehr helfen, als wir es jetzt schon tun. Ich appelliere daher an Ihrem Verstand, endlich etwas zu unternehmen. Tatenlos dabei zusehen, wie die Probleme wachsen und die parianischen Streitmächte alles in ihre Finger reißen, schafft keine Abhilfe. Eine Ausblendung der Tatsachen führt zum Untergang. Die Hölle mag Teil der Vergangenheit geworden sein, doch die Zukunft birgt eine neue Hölle für uns."


Schweigen - goldenes Schweigen. Ein paar nickten, die anderen blickten unberührt drein. John konnte es einfach nicht fassen, wie ignorant die Idioten waren.


„Keiner mehr was zu sagen? Meine Fresse! Aufwachen!", schrie John, so sehr, dass man glauben konnte, er habe den letzten Verstand verloren, den er nach dieser langwierigen Diskussion noch besaß.


„Okay. Warten Sie hier im Konferenzraum, bis die Typen hier sind! Soll ich denen noch Wegweiser aufstellen, Balder? Ich gehe jetzt - und zwar, um was Sinnvolles zu erledigen! Ich habe die Schnauze gestrichen voll für heute!"


Mit diesen Worten machte sich John auf den Weg zur Tür, dessen Schalter er zehn Zentimeter vor dem Erreichen per Telekinese betätigte. Noch ehe die Tür vollständig offen glitt, quetschte er sich hindurch und meckerte im Flur weiter.


Balder schnaufte laut los. Sollte er wirklich diesen Albträumen nachgeben und - unter Zwang - eine Ausweitung der menschlichen Aktivitäten zulassen? Das würde seine persönlichen Pläne durcheinander rütteln.


„Ne'phum, glauben Sie, dass wir die Aufmerksamkeit unnötig stark auf die Menschheit ziehen? Wir könnten die doch auch einfach in Ruhe lassen und uns verteidigen - hier auf der Erde. Wir machen sie zu einer Festung ohne Gleichen."


Der Bloodroar schüttelte seinen Kopf, erhob sich und marschierte ebenfalls auf die Tür zu.


„Ehrenwerter Oberkommandant, ich schließe mich dem Urteil des Colonels über Sie an. Ihre Blauäugigkeit wird Sie eines Tages Ihr Leben kosten. Gerade die Erde steht im Mittelpunkt der parianischen Handlungen, weswegen auch immer. Diese Diskussion betrachte ich als erledigt. Ein Ende ist nicht in Sicht."


Die letzten Worte des Kriegers brachten Balder erneut zum Nachdenken. Weaver appellierte schon seit Tagen an seinem Verstand, endlich einzulenken und einzusehen, welcher Weg der richtige sei.


Unsere Truppen auf fremden Planeten. Ich hoffe, ich treffe wirklich die richtige Entscheidung.


„Grünes Licht", flüsterte er.


Ne'phum blieb stehen und wandte sich ihm erneut zu. Die Worte des Menschen konnte er akustisch nicht verstehen, aber dem Gesichtsausdruck entnahm er die Entscheidung des Oberkommandanten.


„Bitte?", fragte Landry, um sicherzugehen, dass er tatsächlich richtig gehört hatte und die Freigabe für die außerplanetaren Einsätze erfolgt war.


„Sie haben grünes Licht, General. Ich will das Military Ops innerhalb der nächsten sieben Tage einsatzbereit sehen."


„Wir sind schon einsatzbereit. Ne'phum, ich verlasse mich auf Ihre Informationen. Sie geben uns Orte und Koordinaten, wir kommen mit oder übernehmen die Einsätze. Sprechen Sie alles mit Bel'tak ab! Danke!"


Zufrieden gestellt nickte Ne'phum und antwortete: „Sehr gern, General."


 


* * *


 


„Ziehet hinaus in die Welten, die sich unserem Imperium anschließen! Gewinnt Neuland für uns und führt uns zum Sieg! Beenden wir den Krieg der Existenz!", schrie der Truppenführer.


Seine Soldaten antworteten im Gleichtakt: „Wir sind die Vielen! Wir sind die Gefallenen! Wir sind eins!"


Der Teleport, der sie an Bord ihrer Schiffe brachte, setzte ein und brachte sie an die vorgesehenen Stellen. Das Lichtblitzgewitter ließ den Truppenführer blinzeln, doch den Anblick genoss er zutiefst.


Niemand kann sich uns in den Weg stellen. Diese Armee allein wird Tausende Feinde niederschmettern! Das Blut der Ungläubigen wird an ihren Fingern kleben.


Hunderte parianische Kommando-Flottenschiffe tauchten über dem Komplex auf. Die letzten Blackwings zogen sich in die Bäuche der Schiffe zurück. Die Heviar-Tanks und Heavy Mech-Walker befanden sich seit Stunden an Bord der neuen Schiffsgeneration.


Mit der Epitaph können sie vielleicht nicht mithalten, aber sie verbessern unsere Chance im Kampf gegen vereinzelte Schiffe der Bloodroars und von Atlantis.


Der Himmel war nicht mehr zu sehen. Die Schiffe vereinnahmten alles für sich, so wie es sich gehörte. Besonders die großen Kommandoschiffe, die Schlachtkreuzer, hoben sich aus der Menge hervor. Sie waren dazu in der Lage, gleich zehn Kommando-Flottenschiffe in sich zu transportieren - von der maximalen Kapazität an Soldaten und Mobilen Einheiten mal ganz zu schweigen.


„Fliegt, meine Babys, fliegt!", flüsterte er.


Die nächsten Soldaten würden bald für ihr Training bereit sein. Die Befriedigung seiner Gelüste würde er zwischendurch immer wieder erleben, wenn Erfolgsmeldungen ihn erreichten.


Wenn da nicht das Problem der Schiffe wäre ... wir müssen eine Möglichkeit finden, mehr Schiffe in kürzerer Zeit zu bauen! Sonst haben wir ein Übermaß an Soldaten, aber weit zu wenig Schiffe. Ich hasse Probleme!


Die Beladung erreichte ihren Abschluss - die Schiffe starteten koordiniert in den Himmel, wo sie sich aufteilten und in verschiedene Richtungen flogen, um ihre unterschiedlichen Zielorte zu erreichen.


„Mobilmachung der Truppen abgeschlossen. Ziel von Flotte 5: Elysis", gab der Kommandant über Funk durch und ließ sich an Bord eines Schiffes teleportieren, das zu Flotte 5 gehörte.


 


 


2


- Lebhafte Stadt -


 


04.11.2011


Atlantis - Kontrollraum


 


Von dem unerwartet glücklichen Ende der „Besprechung" wusste der wütende John noch nichts. Carolyn blickte beunruhigt in seine Augen.


„Und? Worum ging es?", fragte sie vorsichtig, denn sie erkannte die Wut in Johns Augen. Reaper konnte es sich schon denken, genauso wie Carolyn. Die Vergangenheit hingegen zeigte oft zu deutlich, dass sich Dinge ändern konnten, also hakten sie lieber nach.


„Um Schwachsinnsgelaber vom Oberkommando. Worum sonst? Balder ist der Ansicht, es sei nicht ratsam, unsere Truppen zu entsenden, um den Schweinen die Zähne zu ziehen."


Carolyn zog die Stirn kraus.


„Und wofür trainieren die dann?"


Der Colonel lachte auf. Es war einer der Lacher, die durchaus den Unterton des Wahnsinns versprühten.


„Woher soll ich das wissen? Vielleicht, damit wir Statistiken führen können. Laut Balder soll das Military Ops lieber auf der Erde eingesetzt werden."


Zwei Bloodroar-Krieger traten herbei und sprachen Ne'phum an, der gerade durch die Tür in den Kontrollraum hineintrat.


„Und wie geht es jetzt weiter? Däumchen drehen?", fragte Deckart.


„Nö. Wieso so viel Anstrengung? Schenk Balder mal eine Axt oder Säge, dann kann er sich den Stock aus'm Arsch abschneiden", scherzte Reaper.


Techniker liefen durcheinander im Raum umher, der Großteil kümmerte sich um die Gerätschaften und bediente sie, um die Stadt operativ zu halten und allerlei Handlungen der Military Ops- und UNF-Truppen zu koordinieren.


Zumindest darf das Military Ops ein paar kleine Aufgaben erledigen, die ja so mega wichtig auf der Erde sind. Demnächst dürfen sie noch das Scheißhaus säubern.


Und sogar die Techniker schienen genervt zu sein. Einige warteten seit Stunden eine Antwort von General Landry ab oder benötigten Freigaben, die nur der Kommandant von Atlantis erteilen durfte. Dank der Besprechung des Oberkommandos und der Regierungen dauerte ihre Arbeit länger als gewöhnlich oder kam gar vollständig zum Erliegen.


„Wir reißen uns den Arsch hier auf, um das ganze Programm auf die Beine zu stellen und volle Einsatzbereitschaft in nur vier Wochen zu erreichen - und was machen diese Vollidioten? Diese Wichser kriegen nichts geschissen! Und am Ende sind wir die Blöden, die es wieder mal ausbaden dürfen!", schimpfte John lautstark.


Mit seinem Gemecker zog er jedenfalls die Aufmerksamkeit auf sich. Kaum jemand ignorierte das, da ihr Interesse viel zu hoch war, um wegzuhören.


„Kennst die Spinner doch, John", meinte Reaper.


Ten Delta stand abseits und klärte seinerseits Details ab, die ihre Vorgehensweise mit dem N.A.C.S. betraf. Sheppard führte äußerst eindrucksvoll vor, was er meinte.


„Also ... noch einmal für dich, Chef. Wir stehen hier, die Typen da. Dann machst du das hier ...", begann er und setzte sich in Bewegung, Emmersant zu zeigen, was er genau meinte und wie sich das Team bewegen sollte.


Reaper grinste, als Sheppard stolperte und fast auf die Nase fiel.


„So, so. Alles, was du da gezeigt hast, sieht sehr professionell aus. Wünschte, ich könnte so viel, wie du!", scherzte Emmersant.


Ne'phum unterbrach den Spaß und sprach John direkt an, als Landry und der US-Präsident dem aufmunternden Treiben beitraten.


„John, wir haben grünes Licht. An alle: Military Ops vorbereiten! Starten Sie das Kontrollmodul. Ich will die ersten Truppen in maximal zwei Stunden parat haben! War eine lange Geburt, aber wir haben das Baby geschaukelt!", rief Landry erfreut.


„Wer hat Balder bestochen?", fragte John. Seine Augen wanderten über die Gesichter der Anwesenden. Die linke Hand von Landry deutete auf Ne'phum, der wortlos den Mann neben sich anschaute.


„Sei froh John und halt dich - bitte! - demnächst etwas zurück. Mich kotzt der Scheiß auch an, aber alles kannst du dir auch nicht leisten", meinte Landry.


„Nicht? Die wissen, dass sie ohne mich und mein Wissen scheiße dastehen würden. Druck schadet denen nicht."


Der Präsident telefonierte mit dem Pentagon, während sich die Truppen ranmachten, das MO-Personal zu koordinieren. Sein Lächeln verriet John so einiges. Er mochte den Kerl eigentlich. Aus den ersten Gesprächen wurde dem Colonel klar, dass dieser Mann - wie er selbst - Bereitschaft dafür zeigte, schwerwiegende Entscheidungen zu treffen.


Die Bloodroars verließen den Raum wieder, um sich in ihren Bereich zurückzuziehen. Um die Truppen ordentlich und getrennt koordinieren zu können, war diese Abgrenzung nötig. Glücklicherweise fanden die Bloodroars Verständnis dafür, ohne sich ausgegrenzt oder abgeschoben zu fühlen.


Durch die Überlassung eines sogenannten Aktivitätsbereichs war es möglich, die UNF, Bloodroars, Atlantis-Kontroll-Kommandos und das Military Ops unter einem Dach getrennt voneinander unterzubringen. Somit stand den Bloodroars die gesamte atlantische Technologie ebenfalls zur Verfügung. Nur Ne'phum wartete ab, bis alle ihre Gespräche abgeschlossen hatten und sich ihm widmen könnten.


„Liegt was auf dem Herzen, Ne'phum?", fragte Phoenix. Er schüttelte den Kopf und erwiderte: „Nein, mit meinem Herzen ist alles in Ordnung. Danke der fürsorgenden Nachfrage."


Phoenix lachte, konnte sich kaum noch einkriegen. Verzweifelt versuchte er, nach Atem zu ringen. Das war schon häufiger der Fall, ein Bloodroar, der die Späße und Redewendungen der Menschen nicht verstand.


„Tut mir leid, Ne'phum, aber das ist nur eine Redewendung der Menschen. Wenn dich etwas bedrückt oder du Sorgen hast, dann fragen Menschen häufig, ob dir etwas auf dem Herzen liegen würde. Tut mir leid, echt ey. Ist ... keine Absicht, aber das ist irgendwie lustig. Weiß selbst nicht, warum ich so darüber lache."


„In Ordnung, ich verstehe."


Endlich wandte sich ihm der Colonel zu, der sich mit Landry und Wuscovan unterhielt.


„Colonel, General, Mr. President. Eine unserer Flotten hat einen Hinweis erhalten. Es ist ihnen gelungen, einen Funkspruch abzufangen, der von einem verlassenen Planeten stammt. Dem Anschein nach forschen die Parianer dort. Wir wissen nicht viel, nur den Namen des Programms: Black Daylight. Wäre vielleicht wichtig und ein Grund, sich das näher anzusehen."


Carolyn gab den Namen des Projekts in die Datenbank ein, jedoch ohne den erhofften Erfolg. Die Datenbank gab nichts her und ihr Blick zu John, der ihm die Frage stellte, ob er etwas darüber wisse, enttäuschte sie.


„Okay", flüsterte sie ganz leise.


„Mr. President? Was halten Sie davon?", fragte Landry. Der Name machte ihn stutzig, wenngleich sehr interessiert. Was sich wohl hinter diesem mysteriösen Namen verstecken mochte? Im Grunde genommen stand es außer Frage, wie gefährlich das Mal wieder sein würde, denn nichts, was die Parianer machten, war von Erfolg gekrönt.


„Black Daylight? Schwarzes Tageslicht klingt ja gemeingefährlich! Wie viele beschissene Programme zur Erforschung von Mensch und Umwelt haben die eigentlich am Laufen?", meinte Reaper.


„Zu viele. Selphycut, Immortal Collective, Black Daylight", antwortete John. "Wer weiß, wo dies jetzt wieder hinführt."


„Woran glaubst du? Haben die Spinner jemals etwas Gutes hervorgebracht? Das einzig Gute, was die hinbekommen haben, ist Atlantis!"


„Stimmt auch wieder", gab John seine Zustimmung preis.


Wuscovans Blicken zufolge ratterte sein Hirn, um die Antwort auszuspucken. Die Techniker waren beschäftigt, Military Ops würde nunmehr an den Start gehen und welches Team wäre besser als erstes Kommando geeignet als Six Echo?


„Six Echo! Heute schon was vor? Ich würde vorschlagen, sich den Mist mal anzuschauen. Vielleicht erfahren wir so mehr über deren Pläne", befahl Landry mit Zustimmung vom Präsidenten.


„Verstanden. Ihr habt es gehört, Reap. Ran an den Feind!", befahl John.


Landry und der Präsident entfernten sich von der Gruppe, dann schloss sich Dean der großen Versammlung an. Zärtlich umarmte er Carolyn und drückte ihr einen liebevollen Kuss auf die Lippen. Seine Hand glitt streichelnd ihren Arm hinunter.


„Ich weiß, was wir morgen Abend machen können, wenn wir freihaben", flüsterte er ihr ins Ohr. Ihr Gesicht zauberte ein Lächeln hervor. „Falls ...", flüsterte sie zurück.


„Wenn wir euch keinen Strich durch die Rechnung machen", meinte John. Landry schaute erstaunt herüber, aber John hatte unweigerlich gelauscht. Carolyn und Dean wussten genau, worauf er hinaus wollte.


„John! Böser Junge!", schimpfte Carolyn.


„Was denn? Sind im Moment wohlmöglich nicht die besten Zeiten dafür, nicht aufzupassen. Nur mal so am Rande. Und wenn ich so böse bin, dann verhau mich doch."


„Gern. Du scheinst das ja zu mögen!", konterte Carolyn.


Ihr Liebhaber streichelte sie ein letztes Mal und presste ihr einen schnellen Kuss auf die Wange, ehe er sich an die Arbeit zurückbegab.


„Aber immer doch!" Der Colonel zwinkerte ihr zu.


 


* * *


 


Atlantis - Waffenkammer


 


Klick-Klack. Der Gurt hielt. Der Karabiner hakte ein und die Waffe lag auf dem Tisch, der sich in der Mitte des Raumes befand und sich über die gesamte Waffenkammer erstreckte. In den Halterungen an den Wänden hingen allerlei Waffen, Ausrüstungsgegenstände und Kisten, in denen die meisten Objekte verstaut waren.


„Sir, wie viele brauchen wir?", fragte der Techniker, der mit John die Waffen klarmachte.


„Zwanzig werden wohl erst einmal reichen, dann haben wir mehr Ressourcen für die Schiffe. Wird Zeit, dass wir mehr Deltawings haben", erklärte der Colonel.


Zwei Klicks waren nötig, um den Auftrag an das Produktionssystem weiterzugeben. Vollautomatisch und innerhalb von Minuten würden nun die Waffen reproduziert und direkt per Teleport in die Waffenkammer geleitet.


Hastig ergriff John per Telekinese eine Kiste mit Kleidung und den N.A.C.S. für das MO-Personal, die er dem Techniker direkt vor die Nase setzte. Schnaufend lief er umher und sortierte die Ausrüstung, Waffen und N.A.C.S. für Six Echo.


„John Bradeck, bitte kommen", erbat Dean.


„John hört."


„Ne'phum wird euch begleiten. Damit seid Ihr fünf Personen. Richards wird in circa einer Stunde wieder zurück sein und euch dann mit der Epitaph begleiten."


„Verstanden. Hey Dean, ich hoffe, ihr beiden verhütet auch brav."


„Sehr lustig, aber ja, das tun wir", verteidigte sich Dean.


John grinste.


„Gut. Muss ich mir ja keine Sorgen machen. Weiß Jack davon?"


„Wir sind alt genug, John-Boy. Unterbreche das Gespräch nur ungern, aber ich muss weiterarbeiten."


„Hätte ich jetzt auch gesagt", kicherte John.


Die Verbindung brach abrupt ab. Das Grinsen stand John nach wie vor auf sein Gesicht geschrieben, war er doch überzeugt, dass der Abbruch nicht an der Arbeit lag. Ganz nebenbei widmete er sich wieder den Waffen zu. Sie würden nun die neuen NARs verwenden, die von John weiterentwickelte Version. Die neuen Modelle wurden dahin gehend verbessert, eine breitere Palette an Sichtmodi ins Visier zu integrieren, höhere Feuerrate bei Bedarf und vor allem mehr Energie in den Energiespeichermagazinen bieten zu können.


Die alten NARs waren weggeschlossen und die neuen in Massen produziert worden, um alle Truppen damit ausstatten zu können.


„Ausrüstung ist in Ordnung, Sir", bestätigte der Techniker.


„Okay. Gut."


Da war es wieder.


Was ist los? Was ist das für ein Gefühl? Ich weiß nicht, wie ich das deuten soll, aber irgendwas stimmt doch nicht mit mir. Das hatte ich vorher nicht, erst, seitdem ich aus der Hölle wieder auf der Erde bin.


Ein Gefühl, das man unmöglich beschreiben konnte, da es nichts Bekanntem zugeordnet werden konnte, beschlich John. Diese merkwürdige Neuerung in seinem Innersten fühlte er erst, seit er dieser Stimme in sich nachgegeben hatte, ab der Hölle.


Fühlt sich so an, als gäbe es eine Bedrohung in meiner Umgebung. Eine Gefahr, die ich spüren kann, bevor ich sie sehe. Hat Ähnlichkeit mit dem Gefühl der Anwesenheit eines Dämons, aber das kann nicht sein. Die Hölle ... ist ... nein, unmöglich. Das glaube ich nicht.


Irritiert von dem starken Gefühl, etwas stimme nicht und es drohe ihm Gefahr, griff John sich an die Stirn und runzelte sie. Was es auch sein mochte, es drückte gerade gewaltig auf seine Stirn ein. Gefühlvoll rieb er die Stirn.


Kopfschmerzen?


Für einen Augenblick lang hätte er schwören können, einen Schatten gesehen zu haben. Sollte er es für sich behalten und es den anderen Soldaten und Freunden gegenüber verschweigen, damit er nicht unnötig Sorgen aufkommen ließ? Deswegen entschied er sich dagegen, es irgendjemandem zu sagen.


Behalt es für dich, zumindest erst dann die Schnauze aufreißen, wenn du was drüber weißt. Mach nicht die Pferde scheu. Einbildung, mehr ist das nicht.


 


* * *


 


CAM 13.87.85216


WAFFENKAMMER ZULU-DELTA-7


 


Das Bild zeigte den Colonel, wie er auf und ab ging, bei jedem Schritt mit einer anderen Waffe in der Hand oder wie er unter Verwendung seiner telekinetischen Fähigkeiten die Kisten transportierte.


Seine Analyse von Johns Verhalten ergab, dass ihn etwas stören oder bedrücken musste. Er blieb stillstehen, ging tief in sich und dachte nach. Der Bio-Sensor, der die biologisch-medizinischen Daten im Sekundentakt scannte, lieferte merkwürdige Resultate. Sie gingen allein von John aus. Die Werte seiner Hirnaktivität schnellten in die Höhe, weit über die von Primo gesetzte Skala hinaus.


Das muss ich mir genauer ansehen.


Protokolle öffneten sich, Daten wurden abgeglichen und Primo kam zu dem bitteren Entschluss, nicht zu wissen, was mit dem Colonel just in diesem Augenblick geschah.


Ich nehme an, es hat etwas mit seinen Fähigkeiten und seiner stark veränderten DNS zu tun. Warum nur habe ich keinerlei Forschungsergebnisse über die Dämonen oder die Wächter? Das würde die Sache so viel einfacher machen. Nein, stattdessen muss ich mal wieder eigene Forschungen anstellen, nur um die Frage zu beantworten, was passiert und was es hervorruft.


Schmerzimpulse schossen durch den Körper, das gab die Analyse her. Aber woher stammten diese Impulse.


Der Analyse nach zu urteilen, stammen die Impulse direkt vom Gehirn. Aus einem der weiterentwickelten Bereiche. Was fühlst du, John?


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