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Science Fiction
Buch Leseprobe THE FALL, Marcel Niggemann
Marcel Niggemann

THE FALL


-Prophezeiung eines Untergangs- (1. Auflage)

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Prolog


 


Unsere Eltern haben uns, als wir alle noch kleine Kinder waren, immer gesagt, dass es keine Monster gäbe. Doch wenn wir heranwachsen, stellen wir fest, dass diese Welt nicht nur Liebe und Freude kennt, sondern auch abgrundtiefen Hass und Trauer. Wir versuchen uns durchzukämpfen, egal wie. Als Baby sind wir unschuldig und süß, doch werden wir erst einmal erwachsen, zerstören wir selbstständig diese Unschuld. Die einen mehr, die anderen weniger. Manche, so wie wir, versuchen das Böse in dieser Welt zu bekämpfen - und scheitern dabei allem Anschein nach hoffnungslos.


Sie fragen sich, wer ich eigentlich bin? Mein Name ist John Bradeck, ehemaliger Lieutenant Colonel einer streng geheimen Organisation, der United Nations Forces, kurz UNF.


Nicht viele wissen von deren Existenz und deren ... Finanzierung. Es begann vor etwa acht Jahren, dass sich die verschiedenen Nationen immer höher verschuldeten. Die Bürger wurden zunehmend mehr belastet, obwohl sie nicht verstanden, was mit dieser Welt geschah. Die Preise nahmen dramatisch zu, zunehmend wurden neue Steuern eingeführt. Besonders die Nahrungsmittel und Rohstoffe wurden teurer - Benzin sprengte dabei alle Grenzen. Diskussionen und Vorwürfe innerhalb der eigenen Parteien waren die Folge. Unternehmen, die Jahre lang wunderbare Zahlen zu verzeichnen hatten, waren vom Ruin bedroht. 2008 schließlich die große Finanzmarktkrise. Die Börsenkurse brachen ein. Riesiges Chaos, jede Menge Arbeitslose und neue Verschuldungen. Das alles, weil wir die UNF finanzieren mussten.


Die UNF besteht aus den besten Soldaten, die die Menschheit je gesehen hat. Bis an die äußerste Grenze der menschlichen Kapazitäten trainiert, besteht die Aufgabe der vielen Soldatinnen und Soldaten darin, die Unschuldigen zu beschützen und den Terrorismus zu bekämpfen.


So viel zu unserer Primäraufgabe. Ob wir das jemals schaffen werden?


Ich denke, dass wir die Situation dramatisch unterschätzt haben. Die Anschläge der letzten Jahre haben vielen die Möglichkeiten gegeben, ihre „Ideen" in die Tat umzusetzen. Überwachungen, geheime Spionage von Zivilisten, neue Überwachungssysteme „zum Schutz vor dem Terror" und der gläserne Bürger - alles das, was Diktatoren auch getan haben, an deren Sturz wir beteiligt waren, ohne dass jemand aus der Zivilbevölkerung davon gewusst hat.


Anschläge gab es dennoch, doch es sollte noch viel schlimmer kommen. Etwas, was all unseren genialen Überwachungsmethoden entgangen war ...


Doch wir haben keine Ahnung, was auf uns zukommt. Was wird uns die Zukunft bringen? Wir, Alpha-Team, waren vor Ort. Wir haben gesehen, was passiert ist, haben die nächste Evolution der Realität gesehen. Wir wollten es stoppen. Wir waren da. Doch niemand glaubte uns. Vielleicht tun Sie es ja, aber auch nur vielleicht, wenn sie es mit ihren eigenen Augen sehen.


Die Geschichte ist zu irreal, um wahr zu sein. Doch genau davon hängt unsere Zukunft ab. Das Vergangene bestimmt immer die Zukunft. Schlimm wird es erst dann, wenn die Vergangenheit die Gegenwart einholt und die Zukunft bestimmt.


Die Frage, die wir uns am besten stellen sollten, ist ganz simpel: Gibt es überhaupt eine Zukunft für uns?


 


- John Bradeck, Los Angeles, 2011


 


 


1


- Alte Zeiten -


 


07.08.2011, Missionszeit: 00:00 STD./MIN


Unbekannter Ort


 


„Was ist passiert?", fragte ein Unbekannter.


„Es gab einen Zwischenfall."


Der Unbekannte runzelte die Stirn, legte sie so sehr in Falten wie schon seit Jahren nicht mehr.


„Wie schlimm ist es?", stöhnte er laut.


„Automatische Quarantänemaßnahmen haben sich aktiviert. Wir wussten nicht einmal, dass das System noch aktiv ist. Nicht nach all den Jahren. Das Labor haben wir verloren. Personal wird tot sein. Notfallverriegelung ist von innen aktiviert worden. Jeglicher Kontakt verloren. Selphycut scheint außer Kontrolle."


Wut erfüllte sein Gesicht. Das hätte niemals passieren dürfen. Irgendein Trottel muss einen Unfall fabriziert haben.


Großartig. Besser konnte es jetzt nicht kommen. Erst der Vorfall vor vier Monaten und jetzt das! Bin ich nur von niederen Lebewesen umgeben?


„Gegenmaßnahmen einleiten?"


„Sind Sie verrückt? Wo ist es passiert?", hakte der Unbekannte nach. Der Schaden war da, nun musste er ihn begrenzen und die Kontrolle wieder herstellen. Andernfalls wären all seine Pläne zerstört.


„In einer kleinen Stadt, Aldawa. Weit ab vom Leben. Das wird mit Sicherheit niemand bemerken. Gegenmaßnahmen einleiten?"


„Nein! Ich werde mich darum kümmern. Persönlich", antwortete der Unbekannte.


„Jawohl, Sir. Soll ich einen Transport schicken, der Sie vor Ort bringt?"


„Nein. Ich bin kein kleiner Junge mehr, falls Sie das meinen!"


Arschloch!


Da tauchte es wieder auf, das Bild seiner Tochter. Immer wieder tauchte es in seinem Kopf auf, als hätte es sich in ihn hineingefressen. Warum nur? Er hasste sie abgrundtief.


  


* * *


 


08.08.2011, Missionszeit: 00:00 STD./MIN.


Kalifornien, USA


Los Angeles, Wohnviertel


John Bradecks Wohnung


 


Stille in der Nacht. Dunkelheit erfüllte die Idylle. Lichter schienen in den großen Wolkenkratzern der unheimlich großen Stadt. Los Angeles. Ein wunderbarer Ort, wenn man Großstädte mochte. Doch für diejenigen, die lieber auf dem Land lebten, war sie nicht die richtige Wahl.


John Bradeck lag auf seinem Bett und genoss eine Ladung Vanilleeis vor dem Fernseher. Zwischendurch strich sich der 40-jährige ein Mal durch sein kurzes, schwarzes Haar. Sein trainierter, halbwegs muskulöser Körper lag still auf dem Bett, entspannte sich. Mitten in der Nacht und er konnte nicht schlafen. Da blieb doch nichts anderes übrig, als sich eine Wiederholung im Fernsehen anzusehen. Filme, die er schon zahlreiche Male gesehen hatte. Serien, die begeistern sollten und seiner Meinung nach zum Scheitern verdammt waren.


Am Nachmittag hatte er sich noch mit seinen Freunden, seiner ehemaligen Einheit, getroffen. Da war die Welt wieder in Ordnung. Immerhin verbrachten sie heute genauso viel Zeit miteinander wie damals. Acht Jahre lang haben sie ehrenhaft und vorbildlich gedient. Die erste Einheit, die die UNF überhaupt zur Verfügung stehen hatte. Sie waren die Besten, das Alpha-Team. Ironischerweise traf es dann auch die beste Einheit, als es zu einem Zwischenfall kam. Details haben nie das Tageslicht erblickt. Weitere Details hätten die Situation verschlimmert.


Die Ärzte führten es auf ein Trauma zurück, das die Gruppe im Gefecht erlebt haben muss. John und den anderen war klar, dass die Erklärung und Diagnose gut zusammengepasst haben. Was hätte er auch sonst erwarten sollen? Im Durchschnitt hatte Alpha mehr als das Dreifache an Abschüssen in Kampfszenarien erzielt. Viele Soldaten scheiterten und starben oder gingen an den Kriegen im Irak, in Afghanistan und dem Iran zugrunde.


Meist traf das allerdings nicht auf UNF-Truppen zu. Diese waren trainiert, genau diese Gefühle zu unterdrücken. Die Bilder aus dem Kopf zu verbannen und nicht mehr daran zu denken, wie viel Blut sie vergossen haben.


Aber kein Training konnte sie auf den Zwischenfall vorbereiten.


John stand auf. Das Eis legte er beiseite. Man könnte sagen, er habe sich gehen lassen, aber nur weil er Langeweile schob, hieß das nicht, dass er sich gehen ließ. Es war auch mal entspannend vier Monate arbeitslos zu Hause zu sein. Die guten alten Zeiten lagen noch nicht lang zurück. Und dennoch schien es ihm eine Ewigkeit zu sein.


Das Geräusch dieser Rotoren kam ihm nur zu gut bekannt vor. Früher hat er es beinahe täglich gehört, wenn wieder Helikopter vom Stützpunkt aus starteten. Der Blick aus dem Fenster verriet ihm, dass der Helikopter tatsächlich der UNF angehörte und über sein Haus hinweg flog.


Das Grinsen auf dem Gesicht konnte er nicht vermeiden, obgleich er selbst nicht feststellte, dass er ein leichtes Grinsen hervorbrachte. Erst als der zweite Helikopter über sein Haus hinweg flog, realisierte er dieses Lächeln, das er bereits kannte.


Er lebte in einem ruhigen Stadtteil von Los Angeles. Eine Wohngegend. Nichts passierte hier. Absolut tote Hose. Der ganze Wohnblock bestand aus zwei oder dreistöckigen Häusern, einigen kleinen Geschäften und einer Bahnstation, von wo aus man schnell in den Innenstadtbereich gelangte.


Tagsüber spielten Kinder auf den Straßen, rannten umher und vergnügten sich mit ihren Hunden. Seine Nachbarin, Beth, hatte ihn am frühen Abend zum Essen mit ihrer Familie eingeladen. Sie hatte Mitleid mit ihm. So lange arbeitslos und schon so viele Bewerbungen. John war sich sicher, dass die UNF nichts damit zu tun hatte. Sicherlich wäre es leichter gewesen einen Job zu finden, wenn man seinen früheren Arbeitgeber hätte erwähnen können ...


Ein dritter Helikopter flog über ihn hinweg. Dieses Mal staunte John. Es war nicht üblich mehr als ein Team in eine Situation zu schicken. Im Ernstfall wurden zwei Teams geschickt - etwa dann, wenn es sich um ein zu großes Gebäude handelte, das ein Team allein nicht effektiv sichern konnte.


Wofür schicken die drei Teams rein? Was ist los?


Hastig griff er die Fernbedienung seines Fernsehers und schaltete auf CNN. Nichts Besonderes wurde berichtet. Keine Nachrichten über Geiselnahmen oder ähnliche Dinge. Außerdem lag eine einfache Geiselnahme noch immer im Zuständigkeitsbereich der Polizei und S.W.A.T.-Teams. S.W.A.T. war nicht so gut ausgebildet wie UNF-Soldaten, aber wenn sie etwas machten, dann machten sie es auch richtig.


Als auch noch der vierte Helikopter zu hören war, rannte John erneut zum Fenster. Dieses Mal hatte der Helikopter einen anderen Kurs. Alle vier flogen unüblich niedrig. Nicht, dass man hätte erkennen können, dass diese zur UNF gehörten, doch die Zulässigkeit für solch tiefe Flüge bestand nur dann, wenn es sich um einen Einsatz handelte.


Wo will der denn hin? Der scheint ja regelrecht auf mich zuzukommen?!


Und der Kurs stimmte. Einige Meter vor dem Haus bremste der Helikopter ab und begann den Landeanflug. Der Pilot kannte jeden Winkel seines Helikopters, um ihn auch in einer engeren Straße runterzubringen. Sein Landeanflug sah ziemlich beeindruckend aus. Das konnte nur einer. In einer solchen Straße landen, ohne die Rotoren zu beschädigen oder für einen Absturz zu sorgen.


Richards. Wer sonst?


Schnell begann sich John anzuziehen, während der Helikopter den restlichen Landeanflug durchführte.


Gut, dass meine Wohnung immer aufgeräumt ist ... was wollen die denn jetzt von mir?


Draußen auf der Straße setzte der Helikopter auf. Die Rotoren liefen weiter und wirbelten jede Menge Staub und Dreck auf und schleuderten diesen durch die Straße. Richards schaltete die Beleuchtung ab. Anwohner schauten bereits hinaus und staunten darüber, dass ein Helikopter zwischen den parkenden Autos auf beiden Seiten genug Platz gefunden hatte, um zu landen. Einige traten sogar schon vor die Tür und betrachteten das Schauspiel von Nahem.


Ein Soldat öffnete die Tür an der Seite des Helikopters und sprang mit zwei weiteren Soldaten heraus. Sie sicherten die beiden Seiten der Straße ab. Niemand durfte hier langfahren - die Straße war mit dem großen Helikopter unpassierbar geworden.


Als Nächstes stieg ein weiterer Mann hinaus, gekleidet in einem schwarzen Anzug, weißem Hemd und schwarzer Krawatte. Alles an ihm war schwarz, bis auf das Hemd. Selbst die Sonnenbrille, die er in der Nacht trug. Mit geschmeidigen, eleganten Schritten trat er an die Tür von Johns Haus und wollte gerade schellen, als die Tür von allein aufging.


„Lieutenant Colonel John Bradeck?", rief der Anzugträger verdutzt, um gegen den Lärm der Rotoren anzukämpfen. John musterte ihn.


Aus welchem Film ist der denn entsprungen?


„Ja. Und wer sind Sie? Man in Black?", machte sich John lustig. Der Anzugträger hingegen verzog nicht im Geringsten die Miene und blieb stur und gerade stehen. „Mein Name ist Aaron Somers. Es gab einen Vorfall. Ihre Einheit wurde soeben reaktiviert. Sie müssen mit mir kommen, Sir!"


John staunte nicht schlecht. Das hätte er im Leben nicht erwartet. Der Tonfall gefiel John allerdings nicht. Wenn die UNF bereit wäre, seine Einheit vollständig zu reaktivieren, dann muss die Scheiße ja gewaltig kochen. „Was für einen Vorfall?", fragte John. Der Anzugträger verzog die Miene kein bisschen, als er antwortete: „Sie müssen mit mir kommen. Sie werden vor Ort gebrieft."


Okay, die haben anscheinend wirklich Probleme. Aber warum schicken die dann so einen Chaoten hier hin? Wollte wohl kein anderer machen, diesen Job.


Akzeptiert. Noch kurz zur Jacke gegriffen, angezogen und schon lief der Lieutenant Colonel über die Straße auf den Helikopter zu. Seine Nachbarschaft würde auf jeden Fall eine Menge Fragen haben, wenn er zurückkäme. Für die meisten wird es das erste Mal im Leben gewesen sein, dass sie eine Helikopterlandung vor der Tür mitgemacht haben.


Mit einem Handzeichen grüßte John den ihm bekannten Piloten. Es war tatsächlich Richards, ein alter Bekannter, der schon oft den Arsch für Alpha riskiert hat. Wann immer sie jemanden brauchten, der sie aus einer Notlage herausholen musste, dann war es Richards, der lebensmüde genug war zwischen MG-Stellungen und RPG-Beschuss umherzufliegen.


Somers drückte John ein Headset in die Hand und schaute zu beiden Seiten. Richards schaltete die Beleuchtung des Helikopters wieder ein und signalisierte dadurch den Soldaten, die die Straße absperrten, dass sie zurückkommen sollten, um abzuheben.


„Wissen Sie was, Somers, jetzt habe ich Ihretwegen mein Eis mitten auf dem Bett stehen lassen. Ich hoffe, das hier dauert nicht zu lange. Sonst züchte ich demnächst Pilzkulturen auf meinem Bett!", scherzte John. Der hingegen lachte keineswegs. Die anderen lachten zwar auch nicht, aber sie grinsten zum Glück. Somers schien auf John den Eindruck zu erwecken, dass er eine reine Schlaftablette war, die für keinen Spaß zu haben war.


„Hey John, klasse Witz", teilte Richards über Funk mit. Der war der einzige Helikopterinsasse, der laut darüber lachte.


„Hier Alpha-Inbound One. Zielperson befindet sich an Bord. Befinden uns jetzt auf dem Rückflug. Geschätzte Zeit liegt bei 15 Minuten bis zur Ankunft. Damit wäre Alpha ja wieder vollständig", richtete Richards seine Aufmerksamkeit dem Funkverkehr. Sicherlich kamen noch Funksprüche herein, die John nicht hören würde.


„Richards, kannst du mir vielleicht sagen, was diese ganze Show zu bedeuten hat? Somers scheint nicht gerade sehr gesprächig zu sein ...", erkundigte sich John. Richards drehte sich kurz um und sah John ins Gesicht. Der verdrehte nur einen Augenblick lang die Augen. Die Lippen von Richards zeigten ein breites Lächeln. „Nein, ich weiß nur, dass ich euch begleiten soll. Wie in den alten Zeiten. Alles, was ich bisher in Erfahrung bringen konnte, ist, dass unser Freund Somers selbst keine Ahnung hat. Scheint aber eine ziemlich fette Sache zu sein, wenn sie Landry übergehen und euch reaktivieren", erklärte Richards.


Landry übergangen? Wie meinst du das denn jetzt?


„Was meinst du mit ‚Landry übergehen und uns reaktivieren‘, Richards?", fragte John erstaunt. Ein Zusammenhang war kaum erkennbar. Warum sollte man Landry dabei übergehen?


„Naja, Landry hat die ganze Zeit über versucht, mehr herauszufinden. Er wollte unbedingt wissen, was damals im Iran vorgefallen ist. Für mich hörte es sich immer wieder so an, als habe er versucht Beweise zu finden, die belegen, dass ihr Recht hattet. Dass eure Aussage stimmte. Landry hat noch nicht einmal die geringste Ahnung, was los ist. Als sie mich vor ein paar Stunden aus Romex abgeholt haben, wusste Landry nichts davon. Selbst seine Tochter weiß mehr als er", erklärte Richards.


Das Lachen konnte er sich nicht verkneifen. Es schien ein so fremdes Szenario zu sein, dass er einfach nicht verstand, was all diese Anhaltspunkte ergeben sollten. Aber in 10 Minuten würde er landen und sich mit Alpha zum Konferenzraum begeben, wo sie endlich ihre Einsatzbesprechung, das Briefing, erhalten würden.


„Was ist mit Carolyn? Wieso weiß sie mehr als Jack?", staunte John. Somers grinste. Das erste Mal, dass er grinste.


WOW! Dabei kann der Kerl grinsen!


„Weiß ich auch nicht. Wenn die Gerüchteküche stimmt, dann wird sie irgendwas mit dem bevorstehenden Einsatz zu tun haben, ohne dass Landry es weiß. Hat vielleicht etwas mit Cyberterrorismus zu tun - Carolyn ist ja die Expertin überhaupt, wenn es um diese Verfahrensweisen geht. Daddys kleines Mädchen ganz groß!"


John lehnte sich zurück und dachte darüber nach, was ihnen bevorstehen könnte. Warum diese Unkosten, um ein solches Team zusammenzustellen?


„Colonel, darf ich Sie etwas fragen?", fragte einer der Soldaten. John nickte zustimmend und widmete ihm seine Aufmerksamkeit.


„Sir, was ist damals tatsächlich passiert? Wir kennen viele Versionen, wissen aber nicht, was wirklich stimmt."


„Die Realität hat uns eingeholt. Ich glaube nicht, dass es im Moment hilfreich ist, über weitere Details zu sprechen. Wenn Sie das rumerzählen würden, würde es mich nicht stören, aber andere könnten Sie für verrückt halten, so wie man es mit uns getan hat."


Der junge Soldat sah John erstaunt an und begann zu schweigen. Dem erstaunten Gesicht konnte John entnehmen, dass die „Versionen", die er erwähnt hat, harmlos sein mussten im Vergleich zu dieser Aussage. Somers war ebenfalls leicht erstaunt. Die Gesichtsmimik verriet ihn trotz verdeckter Augen.


 


 


 


2


- Das Erwachen -


 


08.08.2011, Missionszeit: 00:00 STD./MIN.


Wüstengebiet, USA


Militärischer Sektor, Hope-Einsatzterrain


 


Der Stützpunkt lag nunmehr nur einen Kilometer entfernt und trat bereits in Sichtweite. Scheinwerfer erhellten die Gegend rundherum um das Gebiet und suchten die Umgebung nach möglichen Eindringlingen ab. Ein großer Turm diente als Luftüberwachung und mehrere riesige Lagerhallen als Garage für die unzähligen militärischen Fahrzeuge.


John stand auf und ging nach vorne zu Richards ins Cockpit. Rasch bemerkte er die Helikopter, die sich aus anderen Richtungen näherten. Drei weitere flogen in Formation mit „Alpha-Inbound One". Im Moment erweckte der Stützpunkt den Eindruck eines Ameisenhaufens. Man konnte sehen, wie Humvees und andere Fahrzeuge umherfuhren. Zwei weitere Helikopter waren hell beleuchtet und ließen keinen anderen Schluss zu als die vollständige Einsatzbereitschaft erreicht zu haben. 


„Was zur Hölle passiert da?", fragte Richards den Mann neben sich. Aus welchem Grund auch immer, Richards war sicher, dass Colonel Bradeck, der Held der UNF, noch mehr wusste, als das, was er damals gesagt hatte. Das Gleiche galt wahrscheinlich für das ganze Team.


„Sieht aus wie etwas verdammt Großes, was da auf uns zukommt", bemerkte John. Richards setzte zum Landeanflug an, um zeitgleich mit den anderen drei Helikoptern aufzusetzen. „Atombombe in den falschen Händen? Biologische oder chemische Waffen in den falschen Händen?", rätselte Richards. Mit zugekniffenen Augen und gerunzelter Stirn schüttelte der Colonel langsam seinen Kopf.


„Scheiße! Festhalten!", schrie Richards plötzlich auf und riss den Vogel wieder hoch. Starke Turbulenzen ließen die Insassen umherfliegen. Somers und die anderen Soldaten lagen irgendwo im Laderaum des Helikopters verteilt, während John sich in den Co-Pilotensitz warf. Zum Glück war für diesen Flug kein Co-Pilot von Nöten, sonst hätte er jetzt auf diesem gesessen.


Vom Stützpunkt aus sah diese Reaktion äußerst merkwürdig aus. Die anderen drei Helikopter wichen ebenfalls aus, als sie bemerkten, dass „AI One" auswich. Niemand wusste, wieso, also war es klüger auch zu den Seiten auszuweichen, um zu verhindern, dass etwas geschah.


 


* * *


 


„Was verdammt machen die da?", fragte Kommandant McGill. Er betrachtete das Schauspiel von dem Punkt aus, an dem er gleich Colonel Bradeck und sein Team empfangen wollte. Carolyn stand wenige Meter neben ihm und erschrak, als „AI One" ohne einen sichtbaren Grund fluchtartig hochzog.


Die Helikopter waren für Ausweichmanöver mit besonderen Antrieben ausgestattet worden. Man wollte dadurch vermeiden, dass ein Raketenbeschuss sein Ziel erreichte. Durch die neuen Antriebe war ein rascher Aufstieg oder Abstieg binnen ein bis zwei Sekunden möglich. Aber, dass man diese hier verwendete, schien zweckentfremdend.


„Ich weiß es nicht, Sir. Luftüberwachung! Was geht da vor sich?", fragte McGills Assistent nervös. Dem Klang seiner Stimme konnte man entnehmen, dass etwas nicht stimmte. Etwas nicht dem entsprach, dem es für gewöhnlich entsprechen sollte.


„Sir, wir wissen es nicht. Unsere Sensoren haben nichts registriert. Kein Angriff!", antwortete eine der zahlreichen Stimmen aus dem großen Tower.


 


* * *


 


„AI One, aus welchem Grund haben Sie dieses Manöver durchgeführt? Unsere Sensoren melden nichts."


„Hier Alpha-Inbound One! Was das sollte? Das könnte ich euch fragen, Tower! Der Helikopter hat von allein dieses Manöver ausgeführt!", fragte Richards. Er hatte etwas gesehen, aber niemand sonst schien es gesehen zu haben.


Entsetzt sah Richards nach hinten und sah John an. Dessen Blick konnte er genau entnehmen, was er dachte. Und jetzt war er sich auch sicher, dass John gesehen hatte, wie er den Knopf betätigt hat, um dieses Ausweichmanöver einzuleiten.


„Hier Tower, der Flugschreiber sagt uns, dass der Knopf betätigt worden ist. Wir fragen nochmals. Aus welchem Grund haben Sie dieses Manöver durchgeführt?"


Die Stimme klang ernst. Richards wusste nicht, was er antworten sollte. Obwohl sein Gehirn wiederholend mitteilte, dass er da etwas gesehen hatte, konnte sein Mund es nicht aussprechen. „Hier Colonel Bradeck. Richards hat keinen verdammten Knopf betätigt. Ich stand daneben. Das Ding ist hochgerissen, nachdem ein Alarm gepiept hat. Wir landen jetzt", half John aus.


„Es gab damals bereits solche Vorfälle, als die Geräte noch nicht voll ausgereift waren. Ich habe damals selbst einen Helikopter zerstört, der wenige Millisekunden nach dem Abheben die Schubumkehr gestartet hat. Sollte man sich also nochmals ansehen. ‚AI Four‘ out", berichtete der Pilot der vierten Maschine.


Richards atmete tief durch und landete schließlich den Helikopter sicher auf dem Boden. Sein Gesicht besaß kaum noch Farbe, genauso wie das Gesicht eines Soldaten. Auch dessen Gesicht bemerkte John. Somers machte die Tür auf und stieg als Erster aus. Danach stiegen die anderen Soldaten aus - bis auf der blasse Soldat.


John schaltete den Funk ab und deutete dem Soldaten ebenfalls auf stumm umzuschalten. Draußen warteten bereits alle auf den Rest der Insassen.


„Sir, ich ...", begann der Soldat „... war nicht der Einzige, der das gesehen hat oder?" John widmete sich ihm und fragte: „Was gesehen? Richards, was habt ihr gesehen?"


Richards stand auf und legte seine Ausrüstung an die dafür vorgesehenen Halterungen. „Keine Ahnung, was es war ... konnte es nicht erkennen. Du hast doch auch in die Richtung geschaut! Sag mir nicht, dass du es nicht gesehen hast, wenn wir es gesehen haben!" Der Soldat setzte sich aufrecht auf die Bank und starrte den Colonel an. Dieser wusste nicht, was sie gesehen haben, hatte aber eine dunkle Vorahnung. „Behaltet es lieber für euch, immerhin hat uns das damals den Job gekostet. War ein technischer Fehler, okay? Und jetzt raus mit euch, bevor wir einen drüber kriegen. Schaltet den Funk wieder ein, bevor man merkt, dass er aus ist."


Das waren Johns letzte Worte, bevor er ausstieg und in McGills Richtung vorstieß. Mit verschränkten Armen und saurer Miene stand der schon da und wartete auf „AI Ones" restliche Insassen. Seine Uniformen trug einige Abzeichen, aber die bedeuteten John nicht viel. Der pummelige Kerl mit einem Bauch, den man für gewöhnlich als Bierbauch bezeichnete, schüttelte den Kopf. Carolyn und die anderen Alphas standen bereits hinter McGill.


„Reaper, Phoenix, Deckart, Carolyn. Nett euch zu sehen. Besonders dich Carolyn, lange nicht mehr gesehen", grüßte der Colonel die Gruppe. Alle nickten.


Die junge, attraktive Dame nickte John lächelnd zu. Sie kannte ihn schon seit einigen Jahren, obwohl sie noch so jung war. Trotz ihres zarten Alters hatte sie es schon weit gebracht. Das schulterlange braune Haar glänzte. Zwar war sie nicht die Größte, aber kam es auf die Größe an? Sie hatte ein bezauberndes Lächeln und wunderschöne Augen. Unterhalb des Kopfes war sie schlank und sehr ansehnlich.


„Ja, ist schon komisch wieder aktiv zu sein oder? Und dann sofort technisches Versagen, he!", stellte Reaper fest. Sein Blick, seine Mimik und seine Haltung ließen verraten, dass er wusste, dass es kein technischer Fehler war. Richards stieß auch zu ihnen.


Reaper war der Sprengstoffexperte von Alpha. Egal, um welche Art Sprengstoff oder Bombe es sich handelte, wenn jemand etwas setzen oder entschärfen konnte, dann war es Reaper. Anders hatte er es nicht zu diesem Namen gebracht. Sein richtiger Name war immerhin Hans Weber. Sein Vater kam aus den Vereinigten Staaten und seine Mutter war Deutsche. Der Name sollte wohl als Strafe gedacht sein. John entschied sich damals dafür, als er merkte, dass Reaper der Name gegen den Strich ging, ihm einen Spitznamen zu geben. Viele Soldaten innerhalb der UNF hatten solche Spitznamen - und praktisch war es auch für die Moral. Reaper zählte zu den jungen Hüpfern mit seinen gerade einmal 34 Jahren. Sein kurzes, dunkelbraunes Haar und der leichte Bartwuchs in seinem Gesicht ließen ihn sehr charmant aussehen. Der durchtrainierte, schlanke Körper passte optimal in eine Uniform hinein.


Phoenix war der ultimative Nahkampfexperte. Zwischen den vielen Kampfsportarten verbargen sich zudem ein exzellenter Scharfschütze und ein mittelmäßiger Computerexperte. Bisher haben seine Kenntnisse im elektronischen Datenverkehr ausgereicht. Was die menschliche Seite anging, konnte er sehr einfühlsam und sensibel sein, wenn nötig. Sein blondes Haar und die strahlenden braunen Augen ließen ihn sofort sympathisch wirken, auch wenn der Ersteindruck schon manche getäuscht hatte. Vom Körperbau gesehen hatte er ein paar Muskeln mehr als Reaper, wog aber auch einige Kilos mehr. Außerdem schien er der Älteste in der Truppe zu sein. Wie John auch war er 40 Jahre alt, aber John war ein paar Monate jünger.


Deckart war das genaue Gegenteil. Seine Menschlichkeit traf nur diejenigen, die er beschützte. Terroristen hatten keine Überlebenschance. Eine besondere Spezialität hatte er eigentlich nicht. Deshalb sah der Colonel ihn auch als Hybrid an - flexibel und anpassungsfähig in jeder Situation. Mit seinen bis zur Schulter gehenden braunen Haaren glich er manchmal von hinten einer Frau, aber genau das sollte der Witz an der Sache sein. Seitdem dem 17. Lebensjahr hatte er diese Haare geliebt. Selbst heute mit 39 tat er es noch. Seinen Körper pflegte er, so gut er konnte - und das sah man dem attraktiven Mann an. Falten hingegen hatte er kaum.


Die Freundschaft verband das gesamte Team. Unter sich sind sie offen und haben keine Geheimnisse voreinander. Ihrer Meinung nach sollte sich das Team perfekt kennen, um jederzeit einschätzen zu können, wie sich der andere während einer Mission fühlt. Und aus diesem Grunde konnte jeder dem anderen die Gedanken lesen, als sie Johns Gesicht sahen. Es passierte wieder.


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