Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern


Kategorien
> Science Fiction > Sternenfall: Im Schatten d. Mondes
Belletristik
Bücher Erotik
Esoterik Bücher
Fantasy Bücher
Kinderbücher
Krimis & Thriller
Kultur Bücher
Lyrikbücher
Magazine
Politik, Gesellschaftskritik
Ratgeberbücher
regionale Bücher
Reiseberichte
Bücher Satire
Science Fiction
Technikbücher
Tierbücher
Wirtschaftbücher
Bücher Zeitzeugen

Login
Login

Newsletter
Name
eMail

Science Fiction
Buch Leseprobe Sternenfall: Im Schatten d. Mondes, Rüdiger Zuber
Rüdiger Zuber

Sternenfall: Im Schatten d. Mondes



Bewertung:
(289)Die Bewertung wurde nicht gezählt.
Haben Sie in den paar Sekunden wirklich gelesen?

Kommentare ansehen und verfassen

Aufrufe:
2110
Dieses Buch jetzt kaufen bei:
Drucken Empfehlen

Luna, Mare Imbrium
21. März 2049 – 10:49 Mondzeit


»Niemals hätte ich es für möglich gehalten, dass ich diesen Anblick einmal satthaben könnte«, murrte Marek und verzog die Mundwinkel. Er stand neben dem Fahrersessel, stützte sich mit einer Hand auf die Rückenlehne und starrte durch die mit einer feinen Staubschicht überzogene Frontscheibe des Rovers. Sein Blick verlor sich in der endlosen Weite des Mare Imbriums, der zweitgrößten Tiefebene des Erdtrabanten. »Eintöniges grau in grau, den ganzen lieben Tag lang, Woche für Woche, Monat für Monat das Gleiche. Ich kann diese Trostlosigkeit nicht länger ertragen.«


»Wenn du dich bückst und den Blick nach oben richtest, kannst du die Sterne sehen«, meinte Rodrigo und unterdrückte ein Gähnen. Er steuerte den Rover seit mehreren Stunden ununterbrochen und es fiel ihm zunehmend schwerer, wach zu bleiben und sich auf das Fahren zu konzentrieren. Was kaum überraschend war, da sie über einen flachen Beckenboden aus ewig gleichem Sand und Mondgestein fuhren. Es war nicht sonderlich aufregend, ständig geradeaus zu fahren, sah man von ein paar vereinzelten Kurskorrekturen ab. Mehrere Tage ging das nun so und es war kein Ende in Sicht – mit Ausnahme der noch immer weit entfernten Montes Alpes. Die Gebirgszüge, auf die sie geradewegs zusteuerten, markierten den Wendepunkt und damit ungefähr die Hälfte des Weges.


»Toll«, erwiderte Marek wenig beeindruckt. »Und auf dem Rückweg können wir sogar die Erde sehen, stimmt's?«


»So ist es!«, bestätigte Rodrigo übertrieben fröhlich, dann wurde er wieder ernst. »Du hast schon recht, ein wenig Abwechslung in der Landschaft könnte tatsächlich nicht schaden.«


Marek stieß einen Seufzer aus und wandte sich ab. Resigniert ließ er sich in den abgenutzten Sessel vor der Kommunikationsanlage fallen, die er tagein tagaus besetzte. Besser gesagt versuchte er es, denn das Manöver misslang ihm grundlegend. Er ruderte mit den Armen und bekam die Sitzfläche des Sessels zu fassen, sonst wäre er um ein Haar ins Heck des Rovers abgedriftet.


»Do prdele! Hajzl ...«, stieß Marek eine Reihe deftiger Flüche auf Tschechisch aus. Rodrigo verstand die Sprache zwar nicht, aber die Worte waren unwichtig und die Bedeutung der Tirade unschwer zu erraten.


»Alles in Ordnung, Marek?« Rodrigo gab sich alle Mühe, das Spektakel zu ignorieren, das der Tscheche hinter seinem Rücken veranstaltete.
»Verdammt! Wegen der niedrigen Schwerkraft kann man sich nicht mal richtig in den Sessel schmeißen ...«, schimpfte Marek erbost, als er sich einigermaßen beruhigt und seinen Platz wieder eingenommen hatte. Seine Stimme klang seltsam dumpf, da der Helm seines Raumanzugs zugefallen und eingerastet war. Er klappte ihn wieder nach hinten und atmete erst einmal tief durch.


»Wenn dir der Mond so sehr zum Hals heraushängt, warum bist du dann überhaupt hergekommen?«, fragte Rodrigo betont beiläufig, während er den Rover auf etwas über zwanzig Stundenkilometer beschleunigte. Er sprach es zwar nicht aus, aber die Langeweile und die fehlende Abwechslung machten ihm genauso schwer zu schaffen wie seinem Partner. Wenn zwei Menschen tagelang in einem engen Rover eingeschlossen waren, war es nur allzu verständlich, wenn sie von Zeit zu Zeit kurz davor standen, durchzudrehen. Ganz zu Schweigen von der Tatsache, dass sie nur eine winzige Pritsche hatten, auf der sie abwechselnd schlafen mussten, Essen und Trinken aus Tuben und Flaschen kamen und alle menschlichen Bedürfnisse innerhalb der Anzüge verrichtet werden mussten.


»Nun, ich ...«, setzte Marek zu einer Erklärung an, wurde aber von einem lauten Warnsignal unterbrochen.


»Und wieder ist eine Stunde rum«, sagte Rodrigo mit einem schiefen Lächeln und aktivierte die Funkübertragung. »Luna Basis Zwei«, rief er. »Hier Rover Drei, bitte melden.«


Als keine Antwort erfolgte, wiederholte er den Ruf, die Stimme etwas lauter als zuvor: »Luna Basis Zwei, hier Rover Drei, bitte melden.«


»Luna Basis Zwei hier. Empfangen euch nur sehr undeutlich. Wer spricht da?«


»Rodrigo hier, Rover drei«, wiederholte Rodrigo noch lauter, er schrie beinahe. Was sollte das? Er hatte keine Störungen in der Übertragung bemerkt. Das Signal war deutlich, Verzerrungen oder Unterbrechungen keine auszumachen.


»Rodrigo wer?«


Rodrigo ballte unwillkürlich die Hände zu Fäusten. Verdammt! Und wieder einmal war er blindlings in die Falle getappt. War man denn nicht mal in der Einsamkeit des Mondes vor dem Spott gefeit? »Rodriguez«, knurrte er und rümpfte die Nase. Er wusste nur zu gut, was jetzt kommen würde.


»Rrrodrrrigo Rrrodrrriguez im Rrroverrr drrrei«, plärrte die Stimme aus dem Lautsprecher und rollte dabei jedes einzelne R wie eine Maschinengewehrsalve. »Du warst echt Mamas Liebling, was?«


»Hallo Victor«, erwiderte Rodrigo frostig.


Victor Stachura, der einzige Pole im Luna-Team und offizieller Kommunikationsexperte von Luna Zwei, der europäischen Basis auf dem Mond, lachte auf. Hinter seinem Rücken nannte ihn jeder nur Frankenstein. Weniger, weil er den Vornamen mit dem Doktor teilte, sondern vielmehr aufgrund der frappierenden Ähnlichkeit mit dem Monster, das sein berühmt-berüchtigter Namensvetter erschaffen hatte – einschließlich der markanten Frisur. Nichtsdestotrotz war Victor Rodrigos direkter Vorgesetzter und Leiter der fünf Roverteams, die vor ein paar Tagen aufgebrochen waren, das Mare Imbrium zu erkunden. Zu ihren Aufgaben gehörte es, jeden Quadratmeter der Mondoberfläche genau zu kartographieren und mittels Tiefenscannern nach Bodenschätzen und größeren Rohstoffvorkommen zu suchen. Dazu gehörten auch regelmäßige Entnahmen von Boden- und Gesteinsproben und die Suche nach einem geeigneten Platz für die neue Mondbasis, die die Europäer mit den Asiaten, den Russen und den Amerikanern bauen wollten. Ein Gemeinschaftsprojekt aller raumfahrenden Nationen und ein Symbol für den Frieden zwischen den Völkern. Keiner der Astronauten wollte so recht daran glauben, dass das Unternehmen ein Erfolg oder überhaupt realisiert werden würde, aber nach ihrer Meinung fragte ohnehin niemand.


»Und, wie ist es euch in der letzten Stunde so ergangen?«, wollte Victor wissen.


»Keine ungewöhnlichen Vorkommnisse«, meldete Rodrigo knapp. »Befinden uns exakt im Zeitplan und nehmen direkten Kurs auf Montes Alpes.« Er wollte das Gespräch mit Victor so kurz halten wie möglich. In einer Stunde mussten sie sich planmäßig wieder melden und dann ging der Spott von vorne los.


»Gut«, Victor klang leicht enttäuscht. »Hören uns in einer Stunde wieder. Viel Erfolg! Luna Zwei out.«


»Rover Drei out«, bestätigte Rodrigo erleichtert und unterbrach die Verbindung. Wütend jagte er den Rover auf über dreißig hoch, der Elektromotor sirrte hörbar. Mit einem kurzen Blick auf die Anzeigen vergewisserte er sich, dass die Batterien voll aufgeladen waren und alle Solarzellen ordnungsgemäß funktionierten. Ohne Energie mehrere Hundert Kilometer von der Basis entfernt liegen zu bleiben, wäre sicherlich kein Spaß. Ganz zu schweigen von dem Spott, den sie danach über sich ergehen lassen müssten, wenn sie von einem der anderen Teams abgeschleppt werden mussten.


»Man sollte meinen, dass der Witz irgendwann langweilig werden würde«, meinte Marek nach einer Weile düsteren Schweigens und schaute Rodrigo mitleidig an. Wie Victor war auch Marek Kysely ein Kommunikationsspezialist, charakterlich hingegen war der Tscheche das genaue Gegenteil des Polen. Zurückhaltend und ernst, fast schon depressiv. Das erinnerte Rodrigo an etwas.


»Vorhin wolltest du mir sagen, was du eigentlich auf dem Mond zu suchen hast«, sagte er und drehte sich zu Marek um.


»Das Gleiche wie alle anderen, vermute ich.« Der Tscheche seufzte und legte den Kopf in den Nacken. »Schon als Kind habe ich jeden Abend in den Himmel geschaut und mich gefragt, wie es wohl sein würde, auf dem Mond zu leben. Seit ich denken kann, hat er eine gewaltige Faszination auf mich ausgeübt. Als ich meinen Eltern gesagt habe, dass ich Astronaut werden will, wenn ich groß bin, haben sie mich ausgelacht und mir auf die Schulter geklopft. Keiner wollte glauben, dass ich es wirklich ernst meinte. Aber ich habe es durchgezogen, bin nach meinem Abschluss zur Universität gegangen, um mich anschließend für das Raumfahrtprogramm einzuschreiben. An der Akademie in Prag haben sie uns Absolventen erst recht den Mund wässrig gemacht. Eine europäische Basis auf dem Mond, die Chance, echte Pionierarbeit zu leisten, ein Abenteuer, wie es nie zuvor eines gegeben hatte. Wir sollten unser Bestes geben, denn von jedem Mitgliedsstaat Europas würden nur die besten ein bis zwei Bewerber ausgewählt – wenn überhaupt.«


»Das übliche Blabla eben«, warf Rodrigo hilfreich dazwischen.


»Genau, das übliche Blabla. Aber mein Ziel schien zum Greifen nah. Einmal im Leben wollte ich mich wie Neil Armstrong fühlen und an etwas Großem teilhaben, etwas, das womöglich sogar irgendwann in den Geschichtsbüchern stehen würde, aber wie so viele andere bin ich leider nur auf geschicktes Marketing reingefallen ...«


»Die letzte Grenze, das große Abenteuer!« Rodrigo lachte leise.


Auch Marek lächelte, obwohl man ganz genau hinsehen musste, um es zu erkennen. »Das Größte, wie man uns glauben machen wollte. Ich gehe jede Wette ein, dass es bald mehr Touristen auf dem Mond gibt als Astronauten. Soviel dazu ...«


»Hey, du hast deinen Traum erfüllt: Du lebst seit mehreren Monaten auf dem Mond.«


»Ja, das schon. Aber es ist nicht annähernd so spannend oder glorreich, wie ich es mir als Kind ausgemalt hatte oder wie man uns an der Akademie weismachen wollte. Oder hat dich etwa jemand vorgewarnt, dass man es tagelang verschwitzt in stinkenden Raumanzügen aushalten muss, während man in einer engen Blechkiste rumsitzt und verdammte Karten erstellt? Die einzigen klaren Gedanken in meinem Kopf drehen sich um eine Dusche und eine eisgekühlte Flasche Budweiser Bier.« Er rieb mit seiner Hand über das Kinn mit den wild sprießenden Bartstoppeln, was eine Reihe unangenehmer Kratzgeräusche zur Folge hatte.


»Der Duft des Mondes«, sagte Rodrigo mit einem Augenzwinkern und atmete tief ein. »Er erinnert etwas an Moschus, findest du nicht auch, Marek?«


»Wenn es so schlimm ist, dann klapp eben deinen Helm zu.«


»Was?« Rodrigo legte entrüstet eine Hand auf seinen Mund. »Ich soll meinen kostbaren und vor allem lebenswichtigen Anzugssauerstoff opfern, nur weil man Partner es an der nötigen Hygiene mangeln lässt? Das kann ich nun wirklich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren!«


»Scherzkeks«, erwiderte Marek ernst, musste dann aber doch lachen.


»Weißt du, Marek, letztendlich geht es ja nicht nur um das Kartographieren«, meinte Rodrigo ernsthaft. »Immerhin sollen wir auch eine Reihe äußerst wichtiger Gesteins- und Staubproben einsammeln. Und mit etwas Glück finden wir sogar eine Goldader. Dann können wir unseren Claim abstecken und müssen nie mehr im Leben arbeiten.«


»Als ob eine Drohne diese Arbeit nicht auch genauso gut erledigen könnte.« Marek schnaufte abfällig. »Jetzt mal im Ernst«, sagte er. »Man fragt sich doch, wofür automatisierte Drohnen erfunden wurden, wenn die Arbeit dann doch von Menschen ausgeführt werden muss. Außerdem glaube ich sowieso nicht daran, dass wir irgendwas Ungewöhnliches finden werden. Also, wozu das Ganze?«


»Drohnen sind teuer und ihre Elektronik reagiert empfindlich auf Mondstaub. Wenn Sonnenlicht auf den Mondboden trifft, werden durch die ultraviolette Strahlung Elektronen freigesetzt, die die Staubteilchen an der Oberfläche elektrostatisch aufladen, was wiederum dazu führt, dass sie an Raumanzügen, Rovern oder auch an Drohnen haften bleiben und in jede noch so kleine Ritze eindringen.«


»Stell dir vor, das weiß sogar ich. Ich habe an der Akademie auch hin und wieder aufgepasst.«


»Na dann dürfte dir ja bekannt sein, wie aufwendig und langwierig sich Wartungsarbeiten an Drohnen auf dem Mond gestalten. Dementgegen sind Menschen deutlich günstiger und leichter zu ersetzen noch dazu. Die alte Regel gilt eben noch immer: Je simpler die Technik, desto billiger und robuster ist sie.«


»So war es schon immer in der Geschichte der Menschheit«, sagte Marek düster und starrte missmutig auf seine Kommunikationsanlage.


»Ach, denk dir nichts dabei, in Madrid lief es damals ziemlich ähnlich ab. Wir haben ... Mierda! Felsformation voraus«, rief Rodrigo plötzlich und trat kräftig auf die Bremse. Der Rover, dessen Geschwindigkeitsanzeige bereits im roten Bereich war, geriet ins Schlittern und das Heck brach aus. Rodrigo riss das Lenkrad herum und versuchte gegenzulenken, dann beschleunigte er erneut, bis er das Fahrzeug wieder im Griff hatte. Innerlich verfluchte er sich dafür, dass er so abgelenkt gewesen war. Derartige Unachtsamkeiten durfte man sich auf dem Mond nicht erlauben, nicht selten kosteten sie einen das Leben. Nicht umsonst hieß es, der Mond wäre eine herbe Geliebte: Er verzieh keine Fehler.


»Kurskorrektur fünfzehn Grad Nord-Nord-Ost«, teilte ihm Marek mit ruhiger Stimme mit. Rodrigo wünschte sich zum wiederholten Male, ebensolche Nerven aus Stahl zu haben wie der Tscheche. Wenn Gefahr drohte, war dieser die Ruhe selbst, als ob in seinem Inneren ein Schalter umgelegt würde.


Marek, der eiskalte Roboter.


Wie passend, dachte Rodrigo, wo doch das Wort Roboter seinen Ursprung im tschechischen hatte und soviel wie Zwangsarbeit bedeutete ...
»Die Formation hat einen Durchmesser von mehreren Kilometern«, fuhr Marek in sachlichem Tonfall fort. »Wir haben keine andere Wahl als sie zu umfahren. In etwa drei Kilometern müssten wir unseren ursprünglichen Kurs wieder aufnehmen können.«


»Hätte diese Formation bei der Planung unserer Route nicht jemandem auffallen müssen?«, schimpfte Rodrigo lauthals.


Marek zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Aber dafür sind wir ja da, um die Mondkrater zu erkunden und verlässliche Karten zu erstellen. Beim nächsten Mal wird das nicht mehr passieren, dann sind alle Daten im Navi eingespeichert.«


»Wir sollten der Basis Bescheid geben, dass wir ein Stück weit vom vorgegebenen Kurs abweichen müssen«, sagte Rodrigo und schaute unglücklich drein.


»Soll ich das dieses Mal übernehmen?«, fragte Marek.


Rodrigo nickte erleichtert. »Bitte. Sag Victor, dass ich gerade beschäftigt bin und nicht reden kann.«


Marek fuhr mit dem Zeigefinger über das Touch-Display und wollte die Frequenz einstellen, da hielt er plötzlich inne. Er tippte sein Headset an und lauschte.


»Das ist seltsam«, murmelte er.


Rodrigo bremste ab und wandte sich seinem Partner zu. »Was ist los? Gibt es Probleme mit dem Funk?«


Marek schüttelte den Kopf und runzelte die Stirn. »Hör mal«, mit einem Antippen des Bildschirms legte er das Audiosignal auf die Lautsprecher des Rovers.


»Was ist das?«, fragte Rodrigo, nachdem er das Fahrzeug zu vollem Halt gebracht hatte. Ein leises Knacksen ertönte aus den Lautsprechern.


Der Tscheche erhob den Zeigefinger und drehte am Frequenzregler. Statt einem Knacksen war nun statisches Rauschen zu hören, erst ganz leise, dann stetig lauter werdend.


Rodrigo winkte ab. »Klingt wie ganz normales kosmisches Hintergrundrauschen.«


»Das wäre eine mögliche Erklärung«, sagte Marek nachdenklich, »aber in diesem Fall trifft sie wahrscheinlich nicht zu. Das hier ist bestimmt kein gewöhnliches Hintergrundrauschen. Es folgt einem ständig wiederkehrenden Wellenmuster. Und dieser Knackser, den du gehört hast, wiederholt sich in einem Abstand von exakt 8,56 Sekunden. Und zwar jedes Mal. Hör genau hin!«


Rodrigo lauschte. Dann nickte er. »Willst du mir damit sagen, dass das Rauschen und dieser Knacker nicht natürlichen Ursprungs sind?«, hakte er ungläubig nach.


»So ist es«, bestätigte Marek. »Sieh dir nur das Frequenzmuster auf dem Bildschirm an. Ganz eindeutig handelt es sich um kein natürliches Signal, dafür ist es viel zu regelmäßig.«


»Vielleicht spielt uns eines der anderen Teams einen geschmacklosen Streich«, schlug Rodrigo als Erklärung vor. »Bestimmt sind das Vince und Freddy im Rover Vier, das würde den beiden ähnlich sehen ...«


Rodrigo wollte den Motor erneut starten und weiterfahren, aber als er Mareks nachdenklichen Gesichtsausdruck bemerkte, ließ er es bleiben. Der Tscheche war voll konzentriert und drehte an den Reglern des Kommunikationssystems, modifizierte nacheinander verschiedene Parameter. Nach einer Weile lehnte er sich zufrieden zurück.


»Zuerst habe ich das kosmische Hintergrundgeräusch rausgefiltert«, erklärte Marek, ohne den Bildschirm für einen Augenblick aus den Augen zu lassen. »Die Signalstärke ist ziemlich schwach, die Übertragung habe ich eigentlich aus purem Zufall entdeckt. Nach den Werten zu urteilen muss sie also ganz aus der Nähe kommen.« Er deutete auf den Anzeigen. »Höchstens zwei bis drei Kilometer in südöstlicher Richtung. Wenn du langsam fährst, müsste es mir ohne Probleme gelingen, dich zum Ausgangspunkt des Signals zu lotsen.«
»Na dann los, worauf warten wir noch?«, rief Rodrigo aufgeregt und startete den Motor.


»Und was ist mit Luna Basis? Sollten wir nicht ...?«


»Das hat noch Zeit, die Stunde ist längst nicht vorbei. Wir sehen uns doch nur kurz dort um, danach können wir immer noch eine Statusmeldung an die Basis absetzen ...«


»Na, wenn das keinen Ärger gibt ...«, erwiderte Marek leise.


Aber Rodrigo hörte ihn nicht. Er wollte nicht auf ihn hören. Stattdessen beschleunigte er den Rover und folgte den Anweisungen des Tschechen. In etwas mehr als Schrittgeschwindigkeit fuhren sie in einer Art Zickzack-Kurs auf die Quelle des unerklärlichen Signals zu.


»Stop«, rief Marek plötzlich und lauschte. »Genau hier müsste der Ausgangspunkt der Übertragung sein. An dieser Stelle sind meine Messwerte für die Signalstärke am höchsten!«


»Bist du sicher?« Rodrigo warf Marek einen skeptischen Blick zu.


»Ja, ich bin mir ganz sicher. Das Signal muss von genau hier kommen!«


»Okay, dann schalte ich mal das Licht an.« Rodrigo fuhr mit der Hand über das Touch-Panel. Die Lampen des Rovers flammten auf und tauchten die nähere Umgebung in strahlend weißes Licht. Rodrigo und Marek standen von ihren Sitzen auf und sahen gespannt durch die große Frontscheibe, danach durch die kleineren Seitenfenster.


Nach einer Weile erfolglosen Suchens blickten sie sich enttäuscht an. Außer Mondstaub und Gesteinsbrocken gab es hier nicht mehr zu entdecken als überall sonst.


»Aber warum gibt es dann nichts zu sehen?«, fragte Rodrigo, als er das Flutlicht abgeschaltet hatte.


»Woher soll ich das denn wissen?«, gab Marek mürrisch zurück.


»Bereite die Druckschleuse vor, ich werde mich draußen umsehen und ein wenig im Sand spielen. Vielleicht finde ich ja was.« Rodrigo ließ den Kopf hängen. »Ich befürchte nur, den Staub werde ich nie mehr aus dem Anzug bekommen ...«


Er wollte gerade den Helm des Raumanzugs zuklappen, da hielt Marek ihn auf.


»Warte, Rodrigo. Ich denke, ein Spaziergang wird nicht nötig sein.« Er wechselte vom Radarsubsystem zum Tiefenscanner. »Sieh dir das mal an ...«


Rodrigos Blick folgte Mareks ausgestreckter Hand zum Bildschirm. Nach einer Vergrößerung waren dort die riesigen, schattenhaften Umrisse eines Objektes zu sehen, von der Form her einem Vogel mit ausgebreiteten Flügeln nicht unähnlich. Rodrigo stockte der Atem, Marek erging es kaum besser. Das seltsame Gebilde befand sich mehrere Meter unter der Mondoberfläche, verborgen unter einer tonnenschweren Schicht Mondstaub.


Der Rover stand genau darüber.


»Was zum Teufel ist das?«, flüsterte Rodrigo mit weit aufgerissenen Augen. Er klang tief beeindruckt.


»Ich habe keine Ahnung«, erwiderte Marek nicht minder ehrfürchtig. Er legte seine zitternde Hand auf den Bildschirm. »Was immer es auch sein mag – es ist gewaltig!«


»Oh ja, das ist es. Und wir haben es gefunden.«


Für den Inhalt dieser Seite ist der jeweilige Inserent verantwortlich! Missbrauch melden



© 2008 - 2021 suchbuch.de - Leseproben online kostenlos!


ExecutionTime: 8 secs