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Science Fiction
Buch Leseprobe Seth. Als die Sterne fielen, Christine Millman
Christine Millman

Seth. Als die Sterne fielen



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Sonntag, 28. Mär


Mariam


 


»... trotz seiner Größe wird ein Einschlag als unwahrscheinlich angesehen. Wissenschaftler des astronomischen Instituts Hawaii bezeichnen die Gefahr als gering und positionieren den Asteroiden, der von seinem Entdecker den Namen Seth erhielt, lediglich auf Stufe zwei der Toriner-Skala. Voraussichtlich in der Nacht zum 11. April wird er die Erde passieren ...«


 


* * *


 


»Ton Aus«, sagte Mariam genervt.


Der Fernseher verstummte. Weder hatte sie Lust noch Zeit, sich wenige Wochen vor den Prüfungen mit einem drohenden Asteroideneinschlag zu befassen. Zudem verabscheute sie die Panikmache der Medien. Vor Kurzem erst hatte sie im GEO-Blog über die Wahrscheinlichkeit eines tödlichen Impakts gelesen. Die lag bei eins zu einhundert Millionen. Sieben Mal niedriger als die Möglichkeit auf einen Sechser im Lotto. Mariam schnaubte. Allein der Name, den der Typ dem Asteroiden gegeben hatte, sorgte für Endzeitphantasien. Seth - der ägyptische Gott des Chaos und Verderbens. Das musste die Menschen ja nervös machen. Auf jeden Fall würde sie sich lieber auf ihr Abitur konzentrieren. Als Tochter afghanischer Einwanderer, die ihr Leben der Karriere gewidmet hatten, wurde das von ihr erwartet. Sie nahm einen großen Schluck von dem Energy-Drink, der neben ihr stand. Er würde ihr helfen, sich wieder konzentrieren zu können. Das tat er immer, und genau deshalb war sie süchtig nach dem Zeug. Unten hörte sie ihre Mutter telefonieren. Sie klang aufgeregt. Wahrscheinlich hatte einer ihrer Assistenzärzte einen Fehler begangen und sie stauchte ihn dafür kräftig zusammen. »... ist noch nicht bereit für die Wahrheit. Zehn Tage sind zu lang. Vertrau mir«, hörte sie ihre Mutter sagen. Unwillkürlich horchte Mariam auf. Das klang nicht so, als würde sie mit einem ihrer Untergebenen sprechen. Eine Weile herrschte Schweigen und Mariam glaubte schon, ihre Mutter hätte das Telefonat beendet, doch dann sprach sie weiter: »Was um alles in der Welt hat deine Mutter damit zu tun? Sie wird sich damit abfinden müssen. Wir alle müssen das.«


Mariam stutzte. Redete sie etwa mit ihrem Vater? Er hatte am frühen Morgen das Haus verlassen, lange bevor sie aufgestanden war. Seit Monaten kam er nur noch an den Wochenenden nach Hause. Er behauptete, an einem wichtigen Regierungsprojekt zu arbeiten. Auf Mariams Frage, um was genau es sich dabei handelte, antwortete er nur ausweichend und lenkte nach spätestens zwanzig Sekunden vom Thema ab. Üblicherweise, indem er ihre Schulnoten oder ihr nicht vorhandenes Liebesleben zur Sprache brachte. Womit sollte ihre Großmutter sich abfinden? Etwa mit der Trennung von Mariams Eltern? In letzter Zeit fragte sie sich oft, ob ihr Vater in Wirklichkeit gar nicht mehr bei ihnen wohnte. Da sich ihre Mutter in seiner Gegenwart jedoch normal benahm, hatte sie den Gedanken immer wieder verworfen. Seufzend stellte sie den Energy-Drink zur Seite. Lauschen gehört sich nicht, es ist unhöflich, sagte ihre Großmutter stets. Außerdem hatte es keinen Zweck, sich um die Ehe ihrer Eltern zu sorgen, bevor nicht bewiesen war, dass diese wirklich am Ende war. Entschlossen blendete sie die Stimme ihrer Mutter aus und wandte sich wieder der Konjugation französischer Verben zu. Indicatif présent, indicatif futur simple, indicatif passé antérieur ... Mariam stöhnte. Wie sie Französisch hasste.


Ein leises Klopfen an ihrer Tür riss sie aus ihrer hart erkämpften Konzentration. »Mariam?« Genervt rollte sie mit den Augen. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass ihre Mutter aufgehört hatte zu telefonieren. »Ich lerne, Mama.«


»Das Lernen kann warten. Wir müssen reden.«


Das Lernen kann warten? Das war das erste Mal, dass Mariam diese Worte aus dem Mund ihrer Mutter hörte. Üblicherweise sagte sie Dinge wie: Du solltest zuhause bleiben und lernen! So viel und so lange wie möglich. Eine Zwei ist nicht gut. Sie bedeutet, du hast Fehler gemacht. Denk an deine Zukunft. Dafür konnte es nur eine Erklärung geben. »Ist was passiert? Mit Papa?«


Ihre Mutter betrat das Zimmer. In Momenten wie diesem wünschte Mariam sich, später auszusehen wie sie, denn trotz ihrer sechsundvierzig Jahre war sie eine sehr attraktive Frau. Ihr dichtes, schwarzes Haar umrahmte ein bis auf ein paar Krähenfüße faltenfreies Gesicht. Ihren schlanken Körper hielt sie mit Pilates in Form. Der strenge Zug um ihren Mund trat an diesem Tag allerdings besonders deutlich hervor, was ihre innere Anspannung verriet. Erfahrungsgemäß ging Mariam ihr dann lieber aus dem Weg. Sie beschloss, in die Defensive zu gehen. »Also, was ist? Hab’ ich etwas angestellt, von dem ich nichts weiß?«


Erfolglos versuchte ihre Mutter, ein entspanntes Lächeln zu simulieren. Der Kummer in ihren Augen war nicht zu übersehen. Zu Mariams Verwunderung nahm sie den Stuhl, der neben ihrem Bett stand und über den sie abends ihre Kleider legte, und setzte sich. Anscheinend plante sie eine längere Rede. Würdevoll faltete sie ihre Hände im Schoß. »Ich muss dir etwas erzählen«, fing sie an, in einem Ton, der Mariam das Schlimmste befürchten ließ. »Aber zuerst muss ich dich darauf hinweisen, dass du es niemandem erzählen darfst. Nicht deinen Freundinnen, niemandem auf Facebook und schon gar nicht irgendjemandem aus der Familie.«


»Ihr habt euch getrennt«, stieß Mariam hervor. Ihrer Mutter waren traditionelle Werte sehr wichtig und sie wollte sicher vermeiden, dass es jemand aus der Familie erfuhr. Vielleicht schämte sie sich auch, weil sie sich einst über die Wünsche ihrer Eltern hinweggesetzt und wegen etwas so Unbeständigem wie Liebe geheiratet hatte. Das Erstaunen im Gesicht ihrer Mutter wirkte echt.


»Was? Aber nein. Dein Vater und ich haben uns nicht getrennt. Wie kommst du denn darauf?« »Na, weil Papa schon seit Monaten weg ist.«


Mit einem Schnalzen tat sie Mariams Worte ab. »Das ist Unsinn. Er arbeitet.«


Erleichterung durchflutete Mariam, gefolgt von Misstrauen. Was konnte schlimmer sein als die Trennung ihrer Eltern? »Okay. Was ist es dann?«


Ihre Mutter zögerte, fixierte ihr Gesicht, als versuchte sie herauszufinden, ob Mariam die Neuigkeit tatsächlich würde verkraften können.


»Mama, ich muss lernen, komm zum Punkt bitte.« Ihre Mutter schloss die Augen und sog tief den Atem ein, bevor sie ihn mit einem Seufzen wieder ausstieß. »Hast du heute die Nachrichten gesehen?« Die Frage entlockte Mariam ein weiteres Augenrollen. Warum zog sie die Verkündung unnötig in die Länge? Das war sonst gar nicht ihre Art. »Zum Teil, wieso?« »Also gut. Ich sage es so, wie es ist. Der Schock wird nicht kleiner, wenn ich versuche, es in schöne Worte zu verpacken.«


Schock klang ernst. Instinktiv beugte Mariam sich vor. »Bist du krank?«


»Hast du von dem Asteroiden gehört?«, fragte ihre Mutter, statt eine Antwort zu geben. Mariam nickte Richtung Fernseher, wo gerade ein Mann auf eine Linie deutete, die wohl eine Flugbahn darstellen sollte. Ohne Ton war das schwer zu sagen. »Meinst du diesen Seth?«


»Ja.«


Mariam zuckte mit den Schultern. »Ja und?«


»Die schlechte Nachricht ist, er wird die Erde treffen.«


»Was?« Ein eiskalter Brocken sackte in ihren Bauch. Sie musste sich verhört haben. Seth würde die Erde treffen? Niemals. »Scheiße. Woher weißt du das?«


Ihre Mutter seufzte. »Du sollst nicht fluchen, Mariam. Ich weiß es von deinem Vater. Er arbeitet an einer unterirdischen Biosphäre, die das Überleben der Menschheit sicherstellen soll.«


Nein. Unmöglich. Was erzählte ihre Mutter da? Mariams Gedanken überschlugen sich. Lernen, Abitur, französische Verben flogen in Überschallgeschwindigkeit davon. Plötzlich ergab alles einen Sinn. Das seltsame Verhalten ihrer Eltern, die Abwesenheit ihres Vaters, die Geheimnistuerei wegen seiner Arbeit. »Eine Biosphäre? Das ist also das Regierungsprojekt, von dem er gesprochen hat?«


Ihre Mutter nickte. »Die Union hat dreißig Bunker in und unter den höchsten Bergen Europas bauen lassen. Weil wir in Hessen keinen höheren Berg haben, gehört die Wasserkuppe dazu. Dein Vater war maßgeblich an der Planung, Entwicklung und Errichtung der Biosphären beteiligt. Dank seines agrarwissenschaftlichen Fachwissens und meiner chirurgischen Ausbildung bekommen wir einen Platz in der Wasserkuppe und gehören damit zu jenen, die eine reelle Überlebenschance haben.«


»Aber ...«, wie konnte ihre Mutter nur so cool bleiben? »Das Ding ist ein globaler Killer, Mama.« Angespannt wartete Mariam darauf, dass ihre Mutter versuchen würde, sie zu beschwichtigen, bevor sie noch anfangen würde zu heulen. Doch ihre Mutter schwieg. »Können die denn gar nichts tun? Ihn abschießen oder so?« Durch den Schock klang ihre Stimme seltsam hohl.


»Sie werden es versuchen, aber der Asteroid ist sehr groß. Es besteht wenig Hoffnung.« Mariam schwirrte der Kopf. Angst schnürte ihr die Kehle zu. Plötzlich bekamen die Meldungen im Fernseher eine andere Bedeutung. Das, was da gezeigt wurde, war keine sensationsgierige Panikmache, sondern Realität. Oh Gott. Kurz überschlug sie, wie lange ihr Vater bereits an der Biosphäre arbeitete. Knapp sechs Monate. Ihre Eltern wussten also mindestens seit einem halben Jahr von Seth, was bedeutete, dass es die Regierung ebenso lange, wahrscheinlich sogar länger wusste. Das wiederum bedeutete, dass die europäische Führungsspitze es absichtlich geheim hielt. »Die Unionskanzlerin wird es in einer Woche offiziell verkünden«, sagte ihre Mutter. »Dann sind wir bereits auf dem Weg zur Wasserkuppe.« Sie straffte ihren Rücken und räusperte sich. Ein deutliches Zeichen für weitere schlechte Nachrichten.


»Was ist noch?«, bohrte Mariam. »Die ersten ein bis zwei Jahre werden wir in Kryokammern verbringen.« Erschrocken riss Mariam die Augen auf. »Kryokammern? Wir werden eingefroren? Warum?« »Um die erste Zeit nach dem Einschlag zu überstehen, ohne unsere Nahrungsmittelvorräte anbrechen zu müssen und damit die Biosphäre Zeit hat, sich zu stabilisieren. Durch die Folgen des Impakts wird auf der Erde nichts mehr wachsen. Jahrzehnte, wenn nicht sogar Jahrhunderte lang.«


»Aber niemand ist bisher länger als sechs Monate im Kryoschlaf gewesen«, zweifelte Mariam. »Zwölf Monate sind gesichert, hat dein Vater gesagt. Danach werden unsere Vitalfunktionen von dem Personal, das sich nicht im Kryoschlaf befindet, auf das Strengste überwacht. Spätestens nach zwei Jahren werden wir aufgeweckt.« Ihre Mutter wusste genaustens Bescheid. Und Mariam hatte nichts gemerkt. Entweder war ihre Mutter eine gute Schauspielerin oder Mariam war zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen. Unvermittelt schwebte eine Zahl durch ihre Gedanken. Acht Milliarden. So viele Menschen lebten auf der Erde. »Wie viele von uns sollen auf diese Weise gerettet werden?« Ihre Mutter senkte den Blick. »Genug, um den Fortbestand der Menschheit zu sichern.« »Wie viele, Mama?« »Im Bunker Wasserkuppe etwa tausendfünfhundert. Wie viele es in anderen sind, kann ich nicht sagen. Die Wasserkuppe gehört zu den kleinen Biosphären.« Schnell überschlug Mariam die ungefähre Kapazität der Bunker. Selbst wenn jede Industrienation hunderttausend Menschenleben rettete, würden sieben Milliarden Menschen sterben. Mindestens. Viele nicht sogleich, doch irgendwann ganz sicher. Überleben auf einem Planeten, auf dem nichts wachsen konnte, auf dem es weder Tiere noch Pflanzen gab, war nicht möglich. Unwillkürlich dachte sie an ihre Freundin Katharina, an ihre geliebte Großmutter und Chris, den sie einen Monat zuvor in der Seniorenresidenz kennengelernt hatte, in der ihre Großmutter lebte. Er war der erste Junge, den sie richtig mochte und auch er schien sie zu mögen, wenn man die Blicke bedachte, mit denen er sie musterte. Sie dachte an ihre Lehrer und Mitschüler, an ihre Verwandten, die im fernen Afghanistan lebten und von alldem keine Ahnung hatten. An die Verkäuferin im Bioladen, die immer mit dem Fahrrad zur Arbeit fuhr und jedem Kunden die Vorteile eines umweltbewussten Lebens erklärte. An das schwule Pärchen von nebenan, an die Kindergartenkinder, die sie hörte, wenn sie draußen spielten, weil der Kindergarten nur fünfzig Meter entfernt lag. Sie alle würden sterben. Bei der Vorstellung spürte sie, wie ihre Kehle zuschwoll und Tränen in ihre Augen stiegen. Nur verschwommen nahm sie wahr, wie sich die Hand ihrer Mutter auf ihr Bein legte. »Es ist furchtbar, ich weiß. Fast jede Nacht liege ich wach und grüble, frage mich, warum gerade wir zu den Privilegierten gehören? Was ist mit den anderen? Haben sie es nicht ebenso verdient, gerettet zu werden? Wenn ich einen Patienten operiere, muss ich mich zwingen, es zu Ende zu bringen, weil ich keinen Sinn mehr darin sehe, Menschen zusammenzuflicken, die sowieso sterben werden.« Verwundert blickte Mariam auf. Dass ihre allzeit beherrschte Mutter so offen über ihre Selbstzweifel sprach, machte die Katastrophe noch viel realer. Und schlimmer. Tränen schossen in ihre Augen. Sie konnte und wollte sie nicht mehr zurückhalten. Ihre Mutter gehörte nicht zum liebevollen Typ, trotzdem warf Mariam sich ihr schluchzend in die Arme. Sie brauchte Trost und das Gefühl, nicht alleine zu sein. »Wir schaffen das«, flüsterte ihre Mutter. »Lass dein bisheriges Leben hinter dir und konzentriere dich auf die Zukunft. Darauf, zu überleben.« Die Worte sollten sie ermutigen, sollten ihr Hoffnung geben, doch das taten sie nicht. Überleben, das war alles, was von jetzt an zählte. Wie sollte es ihr unter diesen Umständen gelingen, ihren Alltag zu bewältigen? Sorglosigkeit zu heucheln in dem Wissen, dass alle Menschen, die ihr begegneten, sterben würden? Dass alles, was lebte - jeder Baum, jede Blume, jeder Vogel, jede Katze und jeder Hund - dem Untergang geweiht war? Als hätte ihre Mutter ihre Gedanken gehört, fasste sie Mariam an den Schultern und sah sie eindringlich an. »Du musst jetzt stark sein! Am besten hältst du dich von anderen fern. Schieb es auf den Prüfungsstress. Zehn Tage musst du durchhalten, dann machen wir uns auf den Weg.« Zehn Tage waren eine lange Zeit, wenn man so tun musste, als wäre alles in bester Ordnung, obwohl die Menschheit ihrer Vernichtung entgegeneilte. Mariam kannte sich. Vor allem vor ihrer Großmutter würde es ihr schwerfallen, sich zu verstellen. Oh Gott, ihre Großmutter. Sie könnte es nicht ertragen, wenn ihr etwas zustieß. »Was ist mit Oma?«, fragte sie mit tränenerstickter Stimme.


Ihre Mutter ließ Mariams Schultern los. Ihre Arme sackten nach unten, als wären sie plötzlich zu schwer, um sie zu heben. »Sie ist alt und krank. Wir können nichts für sie tun.«


»Was? Aber wir können sie doch nicht einfach zurücklassen.«


»Wir haben keine andere Wahl.« Schwerfällig stand ihre Mutter auf. Offensichtlich rüttelte der Gedanke an ihre Schwiegermutter an ihrer Beherrschung. Der Schock lähmte Mariams Gedanken. Sie liebte ihre Oma über alles und konnte sie unmöglich ihrem Schicksal überlassen, während sie selbst in der schützenden Biosphäre hauste. Wie stellte ihre Mutter sich das vor? Aufgeregt sprang sie auf. »Ich will zu ihr und mit ihr reden.«


Ihre Mutter fuhr herum. »Das darfst du nicht.«


Mariam stemmte die Arme in die Hüfte. »Warum nicht?«


»Weil du sie nicht aufregen sollst und weil wir uns zur Geheimhaltung verpflichtet haben. Wenn wir das missachten, kann das zu unserem Ausschluss führen. Das willst du doch nicht, oder? Du trägst jetzt auch Verantwortung für unser Leben!«


Sprachlos starrte Mariam ihre Mutter an. Nie hatte ihre Großmutter etwas von ihr verlangt, hatte sie Kind sein lassen, sie geliebt für das, was sie war und nicht für ihre Leistungen, ganz im Gegensatz zu ihren Eltern. Bei ihr fühlte Mariam sich frei. Als ihrer Oma ein Jahr zuvor wegen ihres Diabetes ein Unterschenkel amputiert werden musste, zog sie freiwillig in ein Heim für Senioren, weil sie ihrem Sohn nicht zur Last fallen wollte. So eine Frau war sie. Selbstlos, liebevoll und stark. »Ich habe mich zu gar nichts verpflichtet«, stieß Mariam hervor. Ihre Mutter seufzte tief. »Mariam, bitte, sei doch vernünftig. Wir haben keine andere Wahl. Nicht, wenn wir überleben wollen.« Sie durften überleben. Aber zu welchem Preis? Den Einwand ihrer Mutter missachtend, zerrte Mariam ihre Sneakers unter dem Bett hervor und schlüpfte hinein.


»Mariam.« Zaghaft legte ihre Mutter eine Hand auf ihren Rücken. »Denk doch mal nach. Was soll es bringen, wenn Oma die Wahrheit erfährt? Willst du, dass sie sich aufregt und möglicherweise einen Herzinfarkt erleidet? Sie ist alt und krank.« Entschlossen streife Mariam die Sneaker über und schnürte sie zu. Ihre Mutter verstand es einfach nicht. Sie musste hier raus. Den Himmel und die Wolken sehen. Dem Gesang der Vögel lauschen. Vielleicht zum letzten Mal. Die Wände schienen sie zu erdrücken, nahmen ihr die Luft zum Atmen. Ihre Mutter packte sie am Arm und rüttelte sie. Mariam riss sich los und stürmte zur Tür.


»Kind, du kannst in diesem Zustand nicht gehen. Das verbiete ich dir!« Die Stimme ihrer Mutter klang streng, befehlsgewohnt. Mariam stoppte. Ihr Körper zitterte, weil sie gegen den überwältigenden Fluchtinstinkt ankämpfte. Etwas hielt sie zurück. Vielleicht die Tatsache, dass ihre Mutter sie Kind genannt hatte, was sonst nur ihre Oma tat. Vielleicht auch der Funken Vernunft, der ihr sagte, dass ihre Mutter Recht hatte. Sie würde Oma nur aufregen. Im Gegensatz zu ihren Eltern hatte sie sich nicht zur Verschwiegenheit verpflichtet, aber sie trug jetzt eine Verantwortung.


Weil es keinen Ort auf dieser Welt gab, der Sicherheit oder Trost versprach, weil es kein Entkommen gab, musste sie schweigen.


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