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Science Fiction
Buch Leseprobe Outcasts, Monica Davis
Monica Davis

Outcasts


Lost Island

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Kapitel 1 – Wiedersehen


 


»Du musst dir einen Beschützer suchen, um zu überleben«, sagte Prudence bereits zum zweiten Mal und musterte Kate vom gegenüberliegenden Platz stirnrunzelnd. Besorgnis spiegelte sich in ihren grünen Augen.


Kate saß mit der jungen Senatorin in einem separaten Teil des Gefangenentransporters, und ihr war jetzt schon ganz schlecht, was nicht an diesem Heli-Flug lag. Kate hatte schreckliche Angst, und Prudence’ Worte hallten ununterbrochen durch ihren Kopf: Beschützer suchen … überleben … Plan einhalten, oder die Familia wird dich finden … Wenn du nicht zurückkommst, werden sie dich töten … Du musst stark bleiben, Kate …


Prudence Clearwater war eine Rückkehrerin; vor ein paar Jahren hatte sie es geschafft, Lost Island zu verlassen. Damals war sie wenig älter als Kate jetzt gewesen und hatte für die Familia wichtige Informationen gesammelt. Genau wie ich es nun tun muss. Die Senatorin hatte lediglich einen Mittelfinger eingebüßt, als sie zwischen die Fronten zweier rivalisierender Banden geraten war, ansonsten ging es ihr gut.


Das alles hatte Kate gerade erst erfahren. Niemals zuvor hatte sie von der Strafkolonie oder den Outcasts gehört. Diese Ausgestoßenen hatten so schwere Verbrechen begangen, dass sie nie wieder ein Teil der Gesellschaft werden durften.


Prudence’ Hand zitterte, als sie sich eine rote Haarsträhne um ihren Zeigefinger wickelte. »Es ist, als hätte ich ein Déjà-vu«, murmelte sie. »Allerdings saß ich mit einer Wache im Heli-Porter.«


Kate starrte auf den Rucksack zu ihren Füßen. All das kam ihr unwirklich vor. »Ich bin froh, dass du bei mir bist, Prudence.«


Zum hundertsten Mal blickte sich Kate in dem kleinen, kahlen Passagierraum um, in dem sie bereits seit dem Abflug vor einer halben Stunde festsaß. Es gab kein Fenster, damit die Gefangenen nicht sehen konnten, wohin die Reise ging, bloß diesen Sitz mit Gurten und einen identischen Platz gegenüber, den normalerweise ein Wachmann belegte.


Nervös rieb sie sich über ihren linken Unterarm, einige Fingerbreit oberhalb ihres Handgelenks, und ertastete die winzige Kapsel, die ihr ein Arzt unter die Haut gespritzt hatte. Diesen ID-Chip bekamen alle Verbrecher eingepflanzt, die auf der Insel ausgesetzt wurden. Aber nicht nur dadurch unterschieden sich die Ausgestoßenen von den anderen. Während Prudence das weiße Gewand der Senatoren trug, hatte Kate Gefangenenkleidung an – einen braunen Zweiteiler aus einem grob gewebten Stoff. Zwar war sie es gewohnt, einfache Kleidung zu tragen, wie die Schuluniform, trotzdem fühlte sie sich unattraktiv und schäbig. Tatsächlich wie eine Ausgestoßene. Als würde sie nicht mehr dazugehören.


Nur einen Monat, dachte sie unentwegt. Ich schaffe das.


Obwohl Kate Prudence lediglich vom Sehen gekannt hatte, war sie dankbar, dass die Senatorin sie begleitete. Allein in dem fensterlosen Raum ohne Ablenkung wäre sie bestimmt längst durchgedreht.


»Wenn du nicht zurückkommst, wird die Familia Wolf und dich erschießen«, erklärte Prudence. »Und versuch erst gar nicht, dich im Wald zu verstecken. Sie würden euch finden«.


Warum sollte sie sich denn mit dem Wolf verstecken wollen? Sie kannte ihn doch gar nicht, diesen Verbrecher, und sollte ihn lediglich aushorchen. Er war ein Rebell und musste etwas sehr Schlimmes angestellt haben, weil er nach Lost Island gebracht worden war.


Ihr eigener Vater hatte ihr diese Aufgabe zugeteilt, sicherlich, um ihre Loyalität der Familia gegenüber zu beweisen. Dadurch, dass sie Liam so lange gedeckt hatte, standen ihr nun einige Leute im Senat misstrauisch gegenüber. Dabei hatte er sich lediglich die Parolen auf der Homepage der Freigeister angesehen. Oder? Von mehr wusste sie nicht, und sie hatte leider nie etwas Konkretes erfahren.


Liam … Kate vermisste ihn. Wie es ihm wohl im Gefängnis erging? Niemand durfte ihn besuchen, sie hatte seit Monaten nichts von ihm gehört.


Als das Brummen der Motoren und das Surren der Rotorblätter nachließen und der Heli-Porter landete, schnallte sich Prudence ab.


Oh Gott, sie waren da, auf dem Turm! Prudence hatte ihr genau erzählt, wie Kate den Gefangenentransporter zu verlassen hatte, und sie gruselte sich davor.


»Ich muss mich nun zurückziehen, Kate. Viel Glück.« Prudence nickte ihr ernst zu und trat durch eine Sicherheitsschleuse, die sich automatisch öffnete. Danach war Kate allein.


Die plötzliche Stille lastete schwer auf ihr und ihr Herz raste so stark, dass der Puls in ihren Ohren laut klopfte. Gleich würde sie wissen, was sie dort unten auf der Insel erwartete.


Der Lautsprecher knackte, und Kate zuckte zusammen.


»Schnallen Sie sich ab, nehmen Sie den Rucksack und begeben sich vor die Schleuse!« Laut hallten die Worte durch die kleine Kabine.


Kate warf einen schnellen Blick auf das runde Metalltor am Fußboden. Sobald es sich öffnete, musste sie dort hindurch.


Als sie sich abschnallte und aufstand, klappten neben dem Lautsprecher zwei münzgroße Deckel auf und die Läufe einer automatischen Schussanlage richteten sich auf sie.


Okay, sie werden mich nicht erschießen, ich bin schließlich eine Spionin und keine Gefangene, sagte sie sich und atmete tief durch. Anschließend begab sie sich vor die Schleuse, presste den schweren Rucksack an ihre Brust und wartete darauf, dass sich der Schlund auftun würde.


Der Schlund – so nannte die Familia das Verbindungsstück zwischen Heli und Insel. Die hundert Meter lange Röhre war eine Rutsche. Durch sie gelangten die Ausgestoßenen vom Transporter nach unten, fünfzig Meter im fast freien Fall, bevor die Röhre eine sanfte Kurve beschrieb und man auf dem Boden ankam.


Noch parkte der Heli-Porter auf dem Turm, und Kate fragte sich, ob man sie seelisch foltern wollte. Schließlich hatte sie nichts verbrochen, im Gegensatz zu den über dreihundert Häftlingen, die bereits auf der Insel festsaßen.


Kate musste einen Monat überleben und nach Welltown zurückkehren, danach wäre sie mit achtzehn Jahren die jüngste Senatorin der Familia und würde in der Spionageabteilung arbeiten. Die Leute mochten sie und vertrauten ihr Geheimnisse an, genau wie viele Kinder damals in der Schule.


Du musst den Wolf ausspionieren, Kate. Du musst herausfinden, wo die Freigeister ihren Unterschlupf haben. Und niemals, wirklich niemals darfst du irgendjemandem auf der Strafinsel erzählen, was deine wahre Mission ist. Du würdest keine Sekunde länger überleben. Mehr hatte ihr Prudence nicht über die Aufgabe erzählt, aber das reichte Kate, um sich zu Tode zu fürchten. Sie hatte keine Ahnung, was sie da unten wirklich erwartete, nur dass es grauenvoll sein sollte.


Wer war dieser »Wolf«? Warum machte die Familia so ein Geheimnis um ihn? Und war sie wirklich die Richtige für den Job?


Die Freigeister gefährdeten alles, wofür die Familia kämpfte, besonders den Erhalt der menschlichen Rasse. Sollten die Rebellen die Regierung stürzen, würde alles im Chaos versinken.


Als plötzlich ein rotes Licht über der Schleuse aufblinkte und ein Alarmton losschrillte, der Kate durch Mark und Bein ging, hätte sie sich beinahe in die Hose gemacht. Sie war gewiss nicht für diesen Job geschaffen, schließlich war sie bloß eine ehemalige Schülersprecherin! Warum hatte die Familia ihr keine andere Aufgabe zugeteilt?


Doch man stellte nichts in Frage, folgte stets den Anweisungen der Familia. Sie allein wusste, was für Kate das Beste war.


Die Läufe der vollautomatischen Schießanlage ragten ihr immer noch entgegen, aber sie waren zum Glück deaktiviert. Das waren sie doch? Kate war gelähmt vor Angst und konnte sich nicht bewegen.


Mit einem leisen Quietschen öffnete sich das Metalltor vor ihren Füßen. Es besaß einen Durchmesser von ungefähr einem Meter und war genauso groß wie die Röhre. Kate offenbarte sich ein schwarzes Loch, ein endloser Tunnel, dessen Ende sie nicht ausmachen konnte.


Eine weitere Lautsprecherdurchsage ließ sie erneut zusammenzucken; fast hätte sie den schweren Rucksack fallengelassen. »Gefangene, Sie haben zehn Sekunden Zeit, um den Heli-Porter zu verlassen. Danach werden wir auf Sie schießen.« Ein leises Summen ertönte, und die Läufe der Waffen richteten sich wie von Geisterhand auf sie.


Was sollte das? Kate schluckte hart. Sie war keine Ausgestoßene!


»Zehn, neun, acht …« Eine Computerstimme zählte den Countdown.


Die würden sie doch nicht erschießen? Jemand würde bestimmt das Programm stoppen, oder? Prudence würde das nicht zulassen.


Kate wollte es nicht herausfinden, nahm all ihren Mut zusammen, warf den Rucksack in das Loch und sprang hinterher.


Sie schrie auf, als sie in eine scheinbar bodenlose Tiefe stürzte, und versuchte den Fall zu bremsen, indem sie die Arme zu den Seiten ausstreckte, aber sie verbrannte nur ihre Haut an der Metallröhre.


Helligkeit drang von unten herauf, das Rohr machte eine sanfte Kurve, woraufhin Kate waagerecht ins grelle Licht hinausgeschleudert wurde. Sie rutschte über eine lange Bahn, erhaschte graublaue Fetzen Himmel und eine Mischung aus Grün und Braun von der Umgebung, bis sie langsamer wurde und stoppte.


Schwer atmend blieb sie auf dem Rücken liegen und starrte in den wolkenverhangenen Nachmittagshimmel. Hatte sie den Sturz überlebt? Was für eine dumme Frage, Kate.


Tief sog sie warme, feuchte Luft ein, die nach Erde und Gras roch, und vernahm Stimmengewirr. Alles drehte sich vor ihren Augen, ihr war schwindelig und ein wenig schlecht.


Sie hörte ein zischendes Geräusch, dann das Summen von Motoren. Als sie sich aufrichtete und umblickte, ragte hinter ihr ein hoher weißer Turm wie eine Säule auf. An seiner Spitze, gute fünfzig Meter über ihrem Kopf, erhob sich der Quadrocopter und flog davon. Der Turm besaß keinen Eingang, es gab auch außen keine Leiter oder Treppe. Es war unmöglich, nach oben zu gelangen, es existierte nur der eine Weg nach unten. Sogar das Loch des Rohres hinter ihr hatte sich mit einem Gitter verschlossen, damit niemand der Outcasts den Transporter erreichen konnte.


»Frischfleisch!«, rief eine Frau mit schriller Stimme und brachte Kate in die Realität zurück.


Jetzt erst registrierte sie, dass der Turm mit der Rutsche auf einem großen Feld stand. Das Gras war zertreten und an vielen Stellen zeigten sich matschige Pfützen. Offenbar hatte es vor Kurzem geregnet.


Hinter dem freien Feld lag ein schier endloser Wald. Daraus kamen nach und nach Menschen. Erwachsene, Greise, Kinder … Die meisten von ihnen trugen halb zerfetzte Kleidung, waren schmutzig und hatten zerzaustes Haar. Hier gab es keinen Megamarkt, keine Frisöre, keine Waschgelegenheiten. Bloß Natur und den Kampf ums Überleben.


Kate rutschte bis an den Rand des Auslaufes und fand ihren Rucksack auf der Erde liegen. Sie wollte ihn gerade an sich nehmen, da riss ihn ihr eine ältere Frau weg, deren Herankommen sie zu spät bemerkt hatte.


»Meiner!«, zischte sie und entblößte ein Lückengebiss. Sie musste sich neben der Röhre versteckt haben.


Kate schätzte die Frau auf Mitte vierzig, vielleicht war sie auch jünger. Dreck bedeckte ihr Gesicht und die nackten Arme, die von der Sonne tief gebräunt waren. Sie trug ein zerlumptes Kleid und war barfuß.


»Der gehört mir«, sagte Kate mit möglichst fester Stimme. In dem Rucksack befanden sich Proviant für drei Tage, eine Zahnbürste und Ersatzkleidung. Außerdem eine aufblasbare Schlafmatte, ein Medi-Pack sowie ein winziges Zelt, das vor Regen schützte. Jeder, der hier ausgesetzt wurde, erhielt dieselbe Ausrüstung.


Die Frau lachte nur und schulterte den schweren Rucksack, was ihr sichtlich Mühe bereitete. Offenbar war sie sehr geschwächt und ausgezehrt. Langsam humpelte sie davon.


Für einen Moment überlegte Kate, ihr die Sachen zu überlassen, aber sie wollte den anderen zeigen, dass sie keine Angst hatte. Wenn sie wittern, dass du dich fürchtest, erklären sie dich sofort zum Opfer, hörte sie Prudence’ Stimme.


»Hey, ich sagte, der gehört mir!« Kate setzte der Frau nach und zog ihr die Tasche vom Rücken, doch die Alte hielt sich kreischend an ihr fest.


Die anderen Ausgesetzten, etwa dreißig an der Zahl – und es wurden ständig mehr –, standen in einem Halbkreis um sie herum und betrachteten das Schauspiel.


Plötzlich riss sie jemand grob an der Schulter zurück, sodass sie taumelte und auf dem Hintern landete, direkt in einer Matschpfütze. Das kühle Wasser durchtränkte ihren Slip.


»Oh, ein Wildkätzchen!«, rief ihr Angreifer, ein schwarzhaariger Kerl.


Kate schätzte ihn auf etwa dreißig Jahre. Er war groß und sah relativ gesund aus. Außer der braunen Sträflingshose trug er nichts am Leib, sodass jeder erkennen konnte, wie durchtrainiert sein sehniger Körper war. Mit ihm sollte sie sich besser nicht anlegen.


Ob das dieser Wolf war?


»Blondie gehört mir«, sagte der Typ. »Das wird ein Spaß, sie zu zähmen.«


Himmel … Nein! Kate schluckte hart, rappelte sich auf und ging rückwärts, prallte allerdings gegen einen anderen, etwas älteren Mann, der sie obszön angrinste.


»Sie gehört mir, Cane!«, rief auf einmal jemand, und ein junger Mann in einer grün-braun gefleckten Armeehose und Stiefeln bahnte sich einen Weg zwischen den versammelten Leuten hindurch. Er hatte einen Köcher sowie einen Bogen geschultert und die braunen Haare zentimeterkurz abgeschnitten. Obwohl er früher sein Haar kinnlang getragen und weniger Muskeln besessen hatte, erkannte Kate ihn sofort und flüsterte: »Liam.«


Ihr rasendes Herz überschlug sich. Was machte er hier? Und, oh Gott, wie sah er aus? Sein drahtiger Oberkörper war mit Narben übersät, sogar auf seiner Wange befand sich ein Schnitt, der jedoch verheilt war. Er wirkte kantiger und durchtrainierter als jemals zuvor.


Liam auf dieser Insel zu treffen, riss Kate beinahe erneut die Füße weg. Er saß im Gefängnis! Die Familia hatte ihr gesagt, dass er bei guter Führung nach einem Jahr herauskommen würde; sie hatte geglaubt, ihn nach ihrer Mission wiederzusehen – und nun war er hier? Was hatte er in Haft angestellt, dass sie ihn auf diese Insel verbannt hatten?


Liams Blick aus seinen unergründlichen braunen Augen heftete sich für wenige Sekunden an sie. Er wirkte erschüttert, sie zu sehen. Natürlich war er das, schließlich wusste er, wie treu sie zur Familia stand. Sie hatte ihn immerhin mehrfach gewarnt, nicht zu weit zu gehen, bevor … Oh nein, lieber Himmel, nein! Plötzlich wurde ihr Eines schlagartig klar: Es war allein ihre Schuld, dass Liam ein Outcast war. Sie hatte ihn verraten.


»Du hattest doch schon eine, reicht dir das nicht?« Der schwarzhaarige Kerl mit Namen Cane hob spöttisch die Brauen, als sich Liam vor ihm aufbaute. Beide waren in etwa gleich groß, aber Cane wirkte eindeutig stärker.


Liam hatte ein … Mädchen?


Ein scharfer Stich raste durch ihre Brust. Was hatte sie sich erhofft? Dass er ihr auf ewig treu bleiben würde?


»Und was ist mit dir?« Liam deutete auf ein brünettes, vielleicht sechzehnjähriges Mädchen. Sie stand einige Meter hinter Cane und drückte die Hände auf ihren großen runden Bauch. Sie erwartete ein Kind! »Du hast Sue!«


»Mit der ist gerade nicht viel anzufangen, wie du siehst.«


»Aber die hier …« Liam deutete auf Kate. »… ist meine Verlobte. Daher erhebe ich Anspruch auf sie.«


Ihr Atem stockte, Hitze durchströmte ihren Körper. Liam schaute sie derart durchdringend und verbissen an, dass sie davon eine Gänsehaut bekam. Doch was sie viel mehr schockierte, war die Mordlust, die sich in seinen Augen spiegelte.


Cane lachte kalt auf. »Der Wolf und das Kätzchen, ihr seid wirklich ein Traumpaar!«


Der … Wolf? Liam war der Wolf?


Sie keuchte auf, ihr Hals schnürte sich zu und ihr ratterndes Herz sprengte beinahe ihren Brustkorb.


Schlagartig wurde ihr klar, warum ihr niemand seine wahre Identität verraten hatte. Ihr ehemaliger Freund war der Wolf!


Ihr wurde schlecht, heiß und kalt zugleich. Liam war derjenige, den sie aushorchen musste! Deshalb hatte ihr keiner Genaueres gesagt, weil sie es sonst niemals getan hätte. Die Familia hatte gewusst, wie nahe sie sich gestanden hatten, schließlich hatten sie das Eheformular ausgefüllt. Jetzt nutzten die Senatoren das aus und hofften, dass sich Liam immer noch zu ihr hingezogen fühlte. Damit er das Versteck der Freigeister preisgab. Die Gegenbewegung wurde stärker, und die Familia wollte das Nest ausrotten. Nur hatten es bisher nicht einmal ihre besten Spione geschafft, das Hauptquartier dieser Rebellen zu finden.


Als die Sonne mit voller Kraft durch die Wolken brach, bildete sich Schweiß auf ihrer Stirn und das Atmen fiel ihr noch schwerer. Trotzdem zitterte sie, weil ihr kalt war.


Oh Gott, wusste er, dass sie ihn verraten hatte, und wollte nun Rache üben? Liam hatte sich verändert, nicht nur optisch. Um auf der Insel zu überleben, musste man ein anderer Mensch werden. Härter, kälter, ohne Gefühle, und sein eisiger Blick sprach Bände. Wollte er sie für sich, um sie zu bestrafen?


Sie dachte an den Finger, den Prudence eingebüßt hatte. Wie würde sie zurückkehren?


Wenn sie sich hier umsah, vielleicht gar nicht.


Die versammelten Leute flüsterten, und Cane wirkte wenig überzeugt. »Stimmt das?«, fragte er Kate. »Wart ihr verlobt?«


Sie nickte, weil sie keinen Ton hervorbrachte. Sie wollte viel lieber zu Liam und auf keinen Fall zu diesem Kerl. Liam und sie waren so etwas wie ein Liebespaar gewesen, auch wenn sie außer ein paar Küssen nichts weiter ausgetauscht hatten. Doch den Antrag auf Lebensgemeinschaft hatten sie gestellt, was so viel zählte wie eine Verlobung. Kate hatte Liam besser gekannt als niemand sonst – hoffte sie. Wenn noch etwas vom alten Liam in ihm steckte, würde er sie verstehen, er würde mit sich reden lassen.


»Dann erzähl mir etwas über ihn, Kätzchen.« Cane schaute sie grimmig an. »Wie war sein Nachname?«


War? »Thompson«, krächzte sie.


Liam begab sich zwischen ihn und Kate. »Hey, lass sie in Ruhe. Als ob du etwas über mich wüsstest.«


»Das wird interessant.« Cane drückte sich an Liam vorbei und stellte sich dicht vor sie. »Und was hat sein Vater für einen Beruf?«


»E-er ist Ingenieur und arbeitet für die Firma, die die Heli-Porter zusammenbaut.«


»Wow!« Cane pfiff durch die Zähne. »Ein Ingenieur, sieh einer an, dein Alter hat wohl mehr drauf als du, Wolf.«


»Lass sie in Ruhe«, knurrte Liam und ballte die Hände zu Fäusten, doch der Kerl ignorierte ihn.


»Und seine Mutter? Was ist mit ihr?«


Kate wusste, dass Liam nur selten über seine Mum gesprochen hatte. Dieses Kapitel war zu traurig. »Das geht dich nichts an«, sagte sie daher mutig.


»Hört auf zu quatschen, wir wollen einen Kampf!«, rief eine Frau dazwischen.


»Kämpfen, kämpfen!« Die Menge stimmte einen Singsang an und stampfte dazu mit den Füßen auf. Mittlerweile hatten sich bestimmt hundert Menschen versammelt, und die Erde bebte.


Cane grinste fies. »Na gut, Kleiner, kämpfen wir es aus, wer deine widerspenstige Freundin bekommt.« Mit einem finsteren Blick zur Alten, die noch immer den Rucksack hielt, setzte er hinzu: »Wer das Mädchen gewinnt, dem gehört auch die Tasche.«


Fluchend ließ die Frau den Rucksack los und stellte sich zu den rufenden Leuten. Kate nahm ihn an sich und blieb in der Nähe der Rutsche stehen, als könnte ihr der Turm Schutz bieten. Dann bildete die Menge einen Halbkreis um Liam, Cane und Kate, woraufhin sie sich so weit zurückzog, bis sie mit dem Rücken gegen die Rutsche stieß.


Liam warf seinen Bogen und den Köcher auf den Boden, anschließend umkreisten sich er und Cane wie Raubtiere und maßen sich mit düsteren Blicken. Oh Gott, Liam hatte nie eine Chance gegen den älteren Mann! Er wirkte kräftiger und machte außerdem den Eindruck, als würde er vor keiner Gemeinheit zurückschrecken. Ihr Verdacht bestätigte sich, als er grinsend einen silberfarbenen Gegenstand aus dem Bund seiner Hose zog. Die fingerlange Klinge funkelte im Sonnenschein.


»Das ist gegen die Regeln!« Liam schüttelte den Kopf. »Wir machen es auf die klassische Art, Mann gegen Mann, keine Waffen.«


»Wer hat denn diese blöden Regeln erfunden?« Cane grinste weiterhin fies. »Machen wir unser eigenes Spiel, Wölfchen.«


»Wie du willst«, knurrte Liam. »Ben! Zu mir!«


Ein etwa achtjähriger Junge krabbelte zwischen den Beinen der Umstehenden durch und überreichte Liam ein längliches Stück Metall, das wie ein selbstgebasteltes Buschmesser aussah. Der Kleine hatte ein hageres Gesicht und genauso kurzes Haar wie Liam. Außer einer Unterhose trug er nichts am Leib.


Canes Gesicht verdüsterte sich. »Hey, Ben, es ist eine Schande, dass du zu diesem Loser hältst.«


Der Junge antwortete nichts und vermied Augenkontakt.


Wo kam Ben her? Die Familia verbannte doch keine Kinder, oder? Wenn sie sich umschaute und die schwangeren Frauen und Mädchen betrachtete, war ihr klar, dass Ben hier geboren sein musste.


Bevor der Junge wieder zwischen den Leuten verschwand, nahm er den Bogen sowie den Köcher vom Boden an sich.


Canes Lächeln erstarb, während er die große Klinge in Liams Hand betrachtete. »Och, ist er wirklich so klein?«, fragte er spöttisch, aber ein winziges bisschen Ehrfurcht klang in seiner Stimme mit.


Liam schwang das Messer. »Verdammt klein.«


Schreiend ging Cane auf ihn los, wobei er die Klinge vor sich hielt, doch Liam wich geschickt aus und schlug ihm mit der stumpfen Seite der Messerschneide auf den nackten Rücken.


Wütend brüllte Cane auf und stürzte erneut los, und Kate blieb beinahe das Herz stehen, als der Kerl Liam am Arm einen Schnitt zufügte.


Schlagartig verfinsterte sich Liams Miene, und ein dunkelrotes Rinnsal lief über seinen Arm. »Wie du willst.«


Als Cane das nächste Mal auf ihn zukam, wirbelte Liam um die eigene Achse, holte zugleich mit der großen Waffe aus und trieb sie in Canes Rücken. Sie hinterließ eine tiefe Wunde im linken Schulterblatt.


Cane brüllte auf und stürzte zu Boden, blieb auf allen vieren im Dreck knien und versuchte, einen Blick über die Schulter zu erhaschen. »Das wirst du büßen, Wolf!«


»Du wolltest nicht nach den Regeln spielen«, sagte Liam kühl und wischte die blutige Schneide an Canes Hose ab. »Also friss es.« Dann packte er Kate am Oberarm und zog sie durch die Menschenmenge.


Oh Gott, Liam hatte sich verändert, und wie! Er war nicht mehr das Computergenie, er war ein Killer!


Nein, nein, beruhigte sie sich und hielt sich verbissen an ihrem Rucksack fest, er hat den anderen Kerl nicht getötet.


»Du warst spitze, Wolf!«, rief der kleine Ben, der vergnügt neben Liam hersprang.


Sie tauschten die Waffen, und Liam fuhr ihm kurz über den Kopf. »Und du ein klasse Assistent.«


Ben klemmte sich das große Messer unter den Arm, wechselte die Seite und musterte Kate mit großen Augen. »Wird sie jetzt bei dir schlafen, genau wie Sarah?«


War Sarah das Mädchen, von dem Cane vorher gesprochen hatte? Was war mit ihr geschehen?


»Das besprechen wir später«, sagte Liam mit einem kurzen Blick auf Kate. »Lauf doch ein Stück vor und schau, ob die Luft rein ist.«


»Wird gemacht!«, rief der Kleine und trollte sich davon.


Mittlerweile hatten sie die Baumgrenze erreicht, und Kate entspannte sich ein wenig. Sie war enge Straßen und Hochhäuser gewohnt, nicht diese Weite. Die machte ihr im Moment zusätzlich Angst, doch mit Liam an ihrer Seite fühlte sie sich nicht ganz so verloren. Er zerrte sie hinter Ben her durch den Wald, weg von der grölenden Meute, die sich um Cane versammelt hatte.


»Was werden sie mit ihm anstellen?« Sie schaute zurück, konnte aber nichts erkennen. Die Leute standen zu dicht beieinander und waren durch die Büsche immer schwerer auszumachen.


»Wenn sich ein Gönner findet, wird er überleben. Ansonsten wird ihn die Meute töten. Er ist im Moment nicht gerade beliebt und vielen schon lange ein Dorn im Auge, weil er sich nie an die Regeln hält.«


»Sind hier alle so grausam?« Vehement befreite sie sich von seinem festen Griff und lief hinter ihm her.


»Wer unehrenhaft kämpft und verliert, hat meist keine großen Überlebenschancen.«


Liam hatte ihn nicht getötet, aber zum Sterben zurückgelassen!


Er war ein Killer …


»Was machst du hier, Kate?«, fragte er plötzlich und musterte sie finster. »Verdammt noch mal, was hast du hier zu suchen?«


»I-ich …« Prudence hatte ihr erklärt, was sie sagen sollte, doch nun schien alles wie weggewischt.


»Schon gut«, fuhr er sanfter fort. »Du kannst es mir erzählen, wenn du so weit bist.«


 


Erleichtert atmete sie auf, denn sie wollte ihn nicht anlügen. Sie hatte das Gefühl, er könne ihr bis in die Seele schauen. Und dann würde er merken, dass sie nur hier war, um ihn auszuhorchen. Würde er sie mit dieser grauenvollen Klinge enthaupten? Oder der Meute zum Fraß vorwerfen?


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