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Operation Roter Himmel


von Skyla Lane

science_fiction
ISBN13-Nummer:
B00H8T41Z6
Ausstattung:
320 Seiten, eBook
Preis:
2.99 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Kontakt zum Autor oder Verlag:
skyla.lane@web.de
Leseprobe

Prolog

 

Big Al war Mechaniker und arbeitete für Cliff Winston auf der Upper East Side. Er besaß nicht viel Grips, was nichts zur Sache tat, weil seine Hände die geschicktesten von ganz New York waren. Als es passierte, wies er grade Pete Benders zurecht, der den Wagen eines Kunden in Sand gesetzt hatte.

Später hat er mir erzählt, dass er in dem Moment wirklich glaubte, den armen Pete mit seinem Wortschwall umgebracht zu haben. Er wäre ganz verrückt geworden und hätte den Jungen bei den Schultern gepackt und durchgeschüttelt, wie er im Leben noch keinen geschüttelt habe. Pete aber sei mausetot geblieben und da hätte er den alten Cliff gesucht, und den ebenso mausetot in seinem Büro gefunden. Er kauerte seinen massigen Körper neben Cliffs Leiche und blieb dort viele Minuten sitzen, bis ihn das Poltern und Knallen draußen am Times Square so in den Wahnsinn trieb, dass er aufsprang und nachsah.

Es muss Big Als Glück gewesen sein, dass Gott ihm zwei starke Hände in die Wiege gelegt und am Verstand gespart hat, denn er realisierte das Sterben auf den Straßen auf seine ganz eigene Art und Weise. Später sagte er mir, er hätte helfen wollen. Wollte sich um die Leute kümmern, die überall herumlagen, drehte aber durch, weil er nichts ausrichten konnte. Danach hätte er alles nur noch verschwommen gesehen und wäre über Leichen und ramponierte Autos getaumelt. Als wir uns in der Park Avenue über den Weg liefen, sah er aus, als wäre er durch ganz Manhattan gesprintet.

Wahrscheinlich mochte ich Big Al deswegen so sehr. Wenn man flennend über unzählige Tote stolpert und glaubt, der einzige Überlebende zu sein, dann ist selbst ein speckiges Gesicht wie das von Big Al eines der schönsten, die man je gesehen hat.

Ich war fünfundzwanzig, als das große Sterben seinen Höhepunkt in dieser apokalyptischen Darbietung fand. Inzwischen nähert sich das dritte Jahr danach, und von der Welt, wie wir sie kannten, ist nichts mehr übrig. Eine komplette Zivilisation, boom, einfach weg. Die Leute in den Straßen sind umgefallen wie Scheißhausfliegen; kein Schimmer, warum es mich nicht erwischte. Aber ich glotzte sie an, als würden sie mich alle verarschen. Als wäre das der größte Gag der Geschichte. War‘s vermutlich auch, obwohl niemand gelacht hat.

Eine Million Menschen lebten damals noch in New York und sie alle krepierten innerhalb von Stunden. In meiner Gegend hielt sich das Chaos in Grenzen, doch am Times Square brach die wahrhaftige Hölle aus. Big Al hat es mir gesagt, und der wusste es doch am besten.

Das Ende unserer Welt hatte ich mir anders vorgestellt. Es war keine Todesflut, die die Menschheit niedermachte. Es war weder der nukleare Zerstörungskrieg, noch der terroristische Superanschlag. Aber in den letzten Jahren hatten uns viele Infektionswellen heimgesucht, und Tausende waren gestorben, bevor es zum endgültigen Kahlschlag kam. Im Fernsehen hieß es bis zum bitteren Schluss, sie hätten alles im Griff und niemand, wirklich niemand, müsste sich Sorgen machen.

Ich erinnere mich noch ganz genau, wie ich mich morgens zu Mom in die Küche setzte und das uralte Radio aus Grandmas Zeiten anschaltete. Bevor alles zu Grunde ging, bevor es kein Live TV, Strom und nichts mehr gab, sagten die Sprecher der Behörden, dass alles unter Kontrolle sei. Alles wäre cool, Mann. In der nächsten Sekunde hörte die Welt auf, zu atmen, und jeder, den ich kannte, war einfach tot.

Ich wette, dass die wenigen Überlebenden diesen Augenblick genauso in Erinnerung haben wie ich; den Moment, indem absolute Stille einkehrte, als hätte jemand auf den Lautlosknopf gedrückt. Ich meine nur den Sekundenbruchteil, bis meine Mom auf den Boden sackte; den, in dem nicht mal die Sperlinge zwitscherten oder der Wind wehte.

Danach erst kam der gewaltige Badaboom: zusammenkrachende Autos und Busse, abstürzende Flugzeuge, entgleisende Bahnen und der ganze andere Dreck. Wen’s erwischte, der hatte Pech. Und wer nicht aufpasste und zwischen kollidierende Karren geriet, klebte breit geschmiert auf den Straßen von New York. Einige Blocks weiter explodierte die Bäckerei von Bobby Bing, weil ein Hubschrauber in sein Dach krachte, und ich schätze, die halbe Westseite des Hudson war später so ausradiert wie ein Schuhladen im Ausverkauf.

Es war mein Vorteil, dass ich ziemlich flinke Beine und eine gehörige Portion Glück besaß, denn obwohl Stunden danach die ganze Stadt in einem überdimensionalen Flammenmeer versank, lebte ich noch und lag unter keinem Haufen aus Metall und Beton begraben. Doch egal, wo ich hinrannte; egal wie laut ich brüllte und Leute bei den Schultern packte und durchschüttelte: Es stand keiner mehr von ihnen auf. Aus ihnen wurden auch keine Zombies oder Vampire oder weiß der Teufel. Sie lagen überall verstreut, als wären sie an Ort und Stelle eingeschlafen.

An Mom erinnere ich mich am besten. Sah friedlich aus; saß zusammengesunken neben der Spüle und hielt ihr Brötchen in der Hand, als würde sie es später essen. Ihre Augen waren geschlossen, doch auf ihren Lippen lag ein Lächeln. Zumindest sehe ich sie so in meiner Erinnerung.

Wenn ich ehrlich bin, zähle ich sie heute zu den Glücklichen. Hätte ich die Wahl gehabt, ich wäre auch lieber eingeschlafen. Hätte mir eine ganze Menge erspart. Es gibt viele Bilder in meinem Kopf, die ich am liebsten vergessen würde.

Manchmal denke ich an Candy Mackenzie, wenn ich die Erinnerungen mit Schnaps runterspüle. Wir lernten uns kennen, als meine zusammengewürfelte Gruppe Sektor Sieben fand; das war ein halbes Jahr nach dem großen Sterben.

Als es passierte, war sie bei ihrer Vorschulklasse gewesen. Stand am Lehrerpult und starrte auf zehn kleine Körper. Sie sagte, sie hätte die Kinder angeschrien; dachte, die würden sie verscheißern. Sie rannte raus in den Flur, doch es blieb still.

»Kein Witz«, hatte sie zu mir gesagt, als wir in unserer improvisierten Kneipe aus Wellblech saßen. »War kein Witz gewesen, Chris.«

Candy erzählte es mir an dem Abend, an dem sie sich ihr Hirn aus dem Schädel pustete. Ich kann’s verstehen. Da hätte auch der stärkste Schnaps der Welt nichts gebracht. Da hätte gar nichts geholfen.

Damals waren wir ein gutes Dutzend gewesen, das New York verließ. Als wir auf weitere trafen, hier und dort kleine Gruppen aus anderen Städten, hatte sich unsere Zahl schon wieder dezimiert. Candy hielt zwölf Monate durch, aber so stark wie sie waren nicht viele.

Wir haben Candy ein Grab geschaufelt. Hinter den Schutzwällen, als wir Sektor Sieben unser neues zu Hause nannten. Ihr Grab war das erste, doch mit der Zeit kamen mehr dazu. Manche von uns beendeten es selbst, andere kippten wegen der Hitze um oder erfroren im Winter. Es waren etliche, die wir aus ihren Hütten trugen, und auch heute hat sich daran nicht viel geändert. Ich hatte das Gefühl, die Erde wollte es einfach beenden. Keine Ahnung, ob daran was Wahres war, aber zumindest strengte sie sich sehr an.

Klappentext

Die wenigen, die noch leben, nennen es das große Sterben. Manche sprechen auch vom Kahlschlag. Andere sagen einfach, es war das Ende der Welt. 

Chris Glade ist einer von ihnen. Einer, der die Apokalypse überlebte. Früher gehörte er zu den kleinen Fischen New Yorks; ein Informatiker aus Harlem und keine große Nummer. Chris war der typische Einzelgänger: der Computerfreak, der mit 25 noch bei seiner Mom lebte. 
Drei Jahre später lebt Chris in Sektor Sieben unter den gütigen, aber naiven Augen von Pater Brannon. Alles, was er tut, tut er für die Gemeinschaft; alles, was er besitzt, ist eine Handvoll Erinnerungen, eingeschnürt in seinem verschlissenen Rucksack. Und seine Mom ist tot; auch sie war ein Opfer des Ganzen. 

Diese neue Welt ist nichts für Schwächlinge. Sie ist nichts für Chris, der sich den Strom zurückwünscht, der aus der Steckdose kam. Chris Glade ist ein schmächtiger junger Mann, der lieber die Klappe hält, als auszuteilen, und der lieber davon rennt, als sich dem Wahnsinn zu stellen. Doch der Wahnsinn holt ihn ein, Tag für Tag, denn Bären streifen durchs Land und Wölfe vermehren sich wie Ratten. Sie waren es, die sich die Leichen nach dem großen Sterben aus den Städten holten. Sie sind es, die Geschmack am Fleisch der Lebenden gefunden haben. Und allein Chris weiß, wie viele neue Gefährten er bereits an die gierigen Wölfe verloren hat. 
„Man kann sich an alles gewöhnen“, hatte seine Mom einst gesagt. Darauf muss Chris hoffen. Doch was kann ein Mensch ertragen, fragt er sich. Wie viel kann er verlieren, ehe er sich selbst aufgibt? 

Und was hätte seine Mom gesagt, hätte sie gewusst, dass er ein Mörder ist?

Rezension

Sehr erfrischend - ein postapokalyptisches Szenario, dass mal ohne Zombies und Gedöns auskommt. Der Mensch ist sich hier der größte Feind. Ob im Kampf zwischen Gruppen, mit Einzelnen oder im Kampf mit sich selbst.

Überlebt hat nur ein Bruchteil der Menschheit. Von einer Sekunde auf die nächste wurde die alte Welt ausgelöscht.

Die bisherige Ordnung gibt es nicht mehr und die Menschen müssen sich neu organisieren, was mancherorts schneller und strukturierter passiert, sodass man es kaum glauben mag. Der Leser begleitet Chris Glade auf seinem Weg in dieser neuen Gesellschaft. Zieht man lieber allein durch die Welt oder sucht man den Schutz einer Gruppe, der man sich unterordnen muss? Wem kann man trauen oder ist man sich nur noch selbst der nächste? Was für einen Sinn hat das weitere Überleben, wenn alle Werte, die es mal gab und nach denen man lebte, plötzlich ausradiert sind? Chris – ein stinknormaler Typ ohne besondere Talente – versucht hier seinen Platz zu finden. Vom klassischen Mitläufer wächst er über sich hinaus und tut Dinge, die er früher für unmöglich hielt. Er durchlebt Angst, Hoffnungslosigkeit, Kummer und Verlust. Aber entdeckt auch Mut, Freundschaft, Erfolg und eine Aufgabe. Begleitet wird er dabei von verschiedenen Menschen – manche werden zu Freunden, einige sind nur nützlich und anderen ist nicht zu trauen.

Für mich ein lesenswerter Roman, bei dem man mitfühlen und hin und wieder schmunzeln kann. (Joon)