Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern


Kategorien
> Science Fiction > Herix
Belletristik
Bücher Erotik
Esoterik Bücher
Fantasy Bücher
Kinderbücher
Krimis & Thriller
Kultur Bücher
Lyrikbücher
Magazine
Politik, Gesellschaftskritik
Ratgeberbücher
regionale Bücher
Reiseberichte
Bücher Satire
Science Fiction
Technikbücher
Tierbücher
Wirtschaftbücher
Bücher Zeitzeugen

Login
Login

Newsletter
Name
eMail

Science Fiction
Buch Leseprobe Herix, Jakob Moser
Jakob Moser

Herix


Gharana-Eine neue Welt

Bewertung:
(324)Gefällt mir
Kommentare ansehen und verfassen

Aufrufe:
2980
Dieses Buch jetzt kaufen bei:

oder bei:
erhältlich bei www.luzifer-verlag.de
Drucken Empfehlen

Ein weiteres Mal atmete Herix die kalte Luft des Ödlands ein. Und mit ihr strömte dieses seltsam ungewohnte Gefühl in seine muskulöse Brust – Einsamkeit. Wie ein Zähne fletschender Moloch, in dessen Magen ein erdrückendes Vakuum lauerte, senkte sich die Einsamkeit auf seine Seele und mit einer schmerzhaft bitteren Träne im Augenwinkel wurde ihm bewusst, dass er noch nie zuvor wirklich alleine gewesen war. Mit der disziplinierten Aggression eines Ehrwürdigen- Kriegers fegte er jegliche triste Emotion hinfort und widmete sich dem morgendlichen Werk eines Mannes, dem das Handwerk des Krieges in Leib und Seele übergegangen war. Die Ehrwürdigen pflegten seit jeher einen strengen Kult der kämpferischen Kunst mit all seinen Feinheiten. Die Kindheit fand in ›Sonders Bunker‹ ein jähes Ende, denn sobald ein Junge des Stehens mächtig war, beherrschte militärische Routine seinen Alltag.


 


Körperliche sowie geistige Schulung, der Kampf mit der Klinge, dem Stock und der Faust waren nur die oberflächlichen Werkzeuge, die den Teig eines jungen Mannes in eine harte, brutale Form pressten und ihn zu einer lebenden Waffe brannten. Die Kriegskunst zog sich wie ein Kometenstreif durch alle Ebenen der Gesellschaft. So war es kaum verwunderlich, dass der größte Tag im Leben eines jungen Ehrwürdigen das ›Eiserne Ritual‹ war; die letzte Prüfung, die ein Anwärter zu bestehen hatte, um als vollwertiges Mitglied der Kriegerkaste aufgenommen zu werden. Trotz allen Stolzes erinnerte sich Herix nur ungern an diesen blutigen Spießrutenlauf, kostete er doch einem Freund das Leben, der ihm fast wie ein Bruder gewesen war. Tief unter den Wohneinheiten von ›Sonders Bunker‹ faulte ein zur Verteidigung gedachtes Atomwaffensilo vor sich hin. Um die Bunkeranlage nicht vollständig aufgeben zu müssen, ließ der alte Patriarch Satrax vor Jahrzehnten die hermetischen Tore zu den unteren Ebenen versiegeln. Die Kombination zur Öffnung dieser Schleusen war ein buchstäblich „stählern“ gehütetes Geheimnis, welches nur unter vorgehaltener Hand von Patriarch zu Oligarch weitergegeben wurde.


 


 Einmal im Jahr wurde es den heißspornigen Jungkriegern gestattet sich dem ›Eisernen Ritual‹ zu stellen, um sich als “würdig“ zu erweisen. Die strahlende Schleuse zu dem verseuchten Silo wurde geöffnet und die jungen Krieger stürmten, nur mit einem Lendenschurz bewaffnet, gleich den silbernen Rittern aus alten Legenden, in die unteren Ebenen. Hässlich entstellte Ausgeburten von Ungeziefer trieben in dem verstrahlten Atomgrab ihr Unwesen und lauerten in düsteren Ecken gierig auf das zarte Frischfleisch. Kladius, sein treuer Freund aus Kindestagen, hatte den Tod gefunden in diesem unheiligen Labyrinth eines Menschen gemachten Minotaur. Den scheußlichen Gedanken verjagend, musterte Herix die dunklen Flecken auf seinen Unterarmen, kaum hörbar seufzend. Die nekrotischen Inseln, welche die Haut der Ehrwürdigen- Männer überzogen, waren ein letzter Abschiedsgruß der atomaren Strahlung aus den tödlichen Untiefen. Sie waren der hässliche Beweis der Gnade, die man erfahren hatte. So blieb kein Zweifel, dass man das ›Eiserne Ritual‹ vollzogen hatte. Die Haut der Ehrwürdigen-Mädchen hingegen trug die für Untergrundbewohner typische Blässe. Erst wenn sie eine innige Beziehung zu einem Krieger eingingen, ergriff die strahlende Pest auch von ihrer zarten, sanften Weiße Besitz und zeichnete sie sodann als erwachsene Frau aus.


 


Herix griff nach seinen beiden Klingen und streckte die gierig funkelnden Spitzen in Richtung Süden. Die Schwertkunst nahm in den Reihen der Kriegerkaste einen fast religiösen Stellenwert ein. So verlangte die Pa-Kua, das Buch der Tausend Klingentrigramme, dreimal täglich den Geist mit der eigenen Waffe, in Form von vorgefertigten Übungen, zu einen. Seinen Fokus schärfend, führte Herix komplexe Bewegungsabläufe aus und seine Psyche verschweißte sich untrennbar mit den Seelen seiner Waffen. Sofort verblassten die trübsinnigen Gedanken an die Vergangenheit wie dunstiger Nebel im Angesicht des erwachenden Tages. Während Herix mit meisterlicher Genauigkeit jede Bewegung des Schwerttanzes vollführte, erhob sich hinter den spitzen Hörnern des Araks ein schwerfälliger Sonnenball aus der sterbenden Nacht empor. Der atomare Flammensturm, der Gaia verschlungen und Gharana geboren hatte, war in der Gegend des Arakgebirges mit aller Härte geführt worden. Die nukleare Apokalypse hatte damals Unmengen von Staubpartikeln in die Umlaufbahn katapultiert, welche nun wie ein dumpfer Schleier das majestätische Angesicht der Sonne verhüllten und ihre strahlende Züge lediglich erahnen ließen. Mit kindlicher Neugier senkte Herix die Schwertarme und bewunderte die brennende Kugel.


 


Die greisen Erzählungen Zuuls und der anderen Alten hatten nicht einmal annäherungsweise ein Bild dessen schaffen können, was sich ihm soeben in aller Härte der Naturgewalt darbot. Mit heruntergeklapptem Kiefer starrte Herix, dem stechenden Schmerz in seinen Augen trotzend, in das flammende Inferno, welches sich den Arak hinauf zu schleppen schien. Ohne den Blick eine Sekunde abzuwenden, legte Herix die Waffen vorsichtig zu Boden, bedacht, diesen Moment nicht mit einem unpassenden Laut zu zerstören. Er tastete nach der ledernen Koppel an seiner Hüfte und zog ein kleines dunkles Büchlein hervor. Noch immer die Luft anhaltend schlug er die erste Seite auf. Im Innenteil des Buchrückens befand sich eine schmale Ledertasche, aus der erwartungsvoll fünf Kohlestifte in Reih und Glied herauslugten. Herix begann die Szenerie mit aller Kunstfertigkeit, die ihm innewohnte, auf dem gelblichen Papier festzuhalten. Als er sein Werk zufrieden vollendet hatte, stand die Sonne bereits hoch über dem Doppelgipfel des Arak, und obwohl sie von einem staubigen Schwarm belagert wurde, drang ihre mütterliche Wärme mit einer gewissen Sanftheit zum Erdboden herab. Die ungewohnte Wärme genießend, packte Herix sein Büchlein sorgfältig weg und verstaute seine Klingen in ihren Scheiden, eine an der linken Hüfte, die andere am Rücken. In den Jahren seiner Ausbildung hatte er diese seltene Art das Schwert zu führen von Zuul übernommen. Es gab unzählige Variationen wie ein Ehrwürdiger eine Waffe handhabte, jedoch kam mit dem Aufstieg in die Kriegerkaste der Entschluss, sich auf eine Führungsweise zu festigen. Dies sollte den besonderen Bezug zur Waffe noch mehr hervorheben. Zuul konnte die geschwellte Brust kaum verbergen, als er erfuhr, dass Herix sich seiner Gattung des Kampfes angeschlossen hatte; war Herix doch seit dem Tod seiner Eltern wie ein leiblicher Sohn für ihn gewesen. Nachdem er seine wenigen Habseligkeiten verstaut hatte, inspizierte er seine Nahrungsvorräte und kam zu dem Entschluss, dass er sich bald etwas überlegen müsste, wenn er nicht Opfer des hässlichsten Ödlandteufels werden wollte. Wie alles an den Ehrwürdigen, war auch die Nahrung rein militärische Natur. Sie musste zweckdienlich und einfach sein. Hochenergetische Paste aus Pilzen stellte, gekoppelt mit dem saftigen Fleisch des Tiefenschweins, den Hauptanteil der Nahrung da. Selten war es den Frauen der Ehrwürdigen gestattet, ihre wahren Kochkünste zu zeigen. Allenfalls, wenn es der Anlass erlaubte. Diese dünn gesäten Festlichkeiten, wie es beispielsweise der Abschluss des ›Eisernen Ritual‹ darstellte, waren auch die einzigen Gelegenheiten, an denen Ehrwürdigen-Frauen Schmuck trugen. Ansonsten galt diese Art des “sich Zurechtmachens“ als verpönt, da sie in den Augen der Ehrwürdigen keinen Sinn hatte und nur zu Torheit und Eitelkeit führte. Herix quetschte sich eine Ladung der stinkenden Pilzpaste zwischen die Kiefer und legte sich, noch kauend, den Rucksack um die breiten Schultern. Vor sich hatte er eine alte Karte des Arakgrates und der näheren Umgebung ausgebreitet. Er hatte sie vor einigen Jahren von Zuul geschenkt bekommen. Auch wenn er damals nicht genau gewusst hatte, was er mit ihr anfangen sollte, war Herix nun heilfroh sie bei sich zu führen. Da ihm sein Ziel klar war, und diese alte Aufzeichnung sein einziger Anhaltspunkt, zögerte er nicht unnötig und begann den Rest des Abstieges hinter sich zu bringen. Als er die Ältesten belauscht hatte – Karax verdamme seine Neugier – hatten sie von einem militärischen Luftwaffenstützpunkt namens ›Corax Wehr‹ gesprochen, einer sehr jungen, aber prosperierenden Kolonie der Ehrwürdigen. Allem Anschein nach gab es dort vereinzelte Entführungen durch die Kosmonauten. Genau dort wollte er seine Suche nach diesem fremdartigen Volk beginnen. Die Karte zusammenrollend und die dunstige Sonne im Rücken, setzte er einen Schritt vor den anderen durch die zerklüfteten Felsen des Arakgrates. Zuckende Atomwinde gruben sich von Zeit zu Zeit durch die karge Einöde und umspielten den wandernden Herix gleich knisternden Aalen. Durch den nuklearen Winter, der auf den Krieg der Kriege folgte, veränderten sich die luftigen Launen der Natur genauso wie alles andere der alten Welt. Fast schon erschien es dem jungen Krieger, als wohne dem warmen Hauch ein gespenstisches Eigenleben inne, als wäre es nicht einfach ein Spiel zwischen warmer und kalter Luft, sondern gar ein geistgleiches Wesen, das sich an ihn schmiegte und ihn umwob, wie eine fette Spinne ihr wehrloses Opfer. Nach einigen Stunden Fußmarsch, der ihn durch eine monotone Welt der Farblosigkeit führte, begann sich der zackige Wald aus haushohen Hügeln mehr und mehr zu lichten, und Herix trat mit einem motivierten Pochen in der Brust die letzten Schritte auf dem schroffen Abstieg an. Einige Meter, nicht einmal einen Steinwurf entfernt, erhob sich ein gemauerter Steinbogen aus rotem Backstein, eingebettet zwischen den kläglichen Ausläufern des Arakmassivs. Sofort spannten sich Herix’ Sinne, gleich den strammen Sehnen eines Langbogens. Die linke Hand verspielt am Knauf seines Schwertes, näherte er sich vorsichtig dem Konstrukt. Der ziegelrote Torbogen war von grauen Moosen und toten Farnen besiedelt, die darauf hockten, als wären sie die letzten Haarbüschel auf einem alten Schädel. Keinerlei Eigenheiten oder gar Verzierungen ließen auf den Erbauer schließen, aber Herix hatte die alten Schriften akribisch studiert und wusste, dass diese Bauweise nur von den Menschen Gaia’s stammen konnte. Von der süßlichen Neugierde beflügelt, die seinem edlen Charakter der größte Makel war, schritt er schnurstracks hindurch. Vor ihm eröffnete sich ein runder Platz, ebenfalls mit dem gebackenen Rot des Ziegels gepflastert, doch noch immer eingegrenzt von dem natürlichen dunklen Gestein der Arakausläufer. Auf der gegenüberliegenden Seite klaffte ein weiterer Torbogen wie ein lauernder Schlund. Was sich dahinter erstreckte, konnte Herix nicht erkennen, nahm doch ein massiver Brunnen in der Mitte des Platzes seine volle Aufmerksamkeit in Anspruch. Mit melodischem Plätschern schoss grünliches Gewässer ungetrübt aus einer steinernen Muschel, die vom kräftigen Arm eines schelmischen Satyrs hochgehalten wurde. Dieses Kunstwerk eines unbekannten Steinmetzen stand auf einem Sockel inmitten des schmutzigen Wassers. Die diabolischen Züge des steinernen Waldgeistes musternd, ging Herix auf den Wasserspeier zu. Die feurig schimmernden Augen nicht von der unheimlichen Statue lassend, umrundete der Krieger das Bauwerk, bis er auf einen eisernen Kasten stieß, der an dessen Seite angebracht war. Die Front war aus Glas, welches von einer staubigen Schicht zu Blindheit verdammt worden war. Aufgrund seiner posthumanen Physis musste sich Herix ein gutes Stück nach unten beugen, um mit dem Schaufenster auf Augenhöhe zu sein. Er strich den Schmutz mit der Handfläche zur Seite und studierte das vergilbte Papier, welches dahinter zum Vorschein kam. Die Schriftzeichen der alten Welt stellten für ihn kein Hindernis dar, bedienten die Ehrwürdigen sich ihrer doch noch immer zum großen Teil. Folgende Worte konnte er lesen: ›Allen Besuchern des Arak Nationalparks wünschen wir einen schönen und erholsamen Aufenthalt. Die Vielfalt der Fauna und Flora in diesen Breiten bietet eine Einzigartigkeit, wie sie im Norden unseres Landes nirgendwo anders zu finden … halten sie sich von den eingezäunten Naturschutzgebieten … aus Respekt vor der Natur. Ihre Wildhüter.‹ Darunter befand sich das verblasste Bild einer Familie, auf deren Schultern lächelnde Falken saßen und kuschelige Waschbären, welche um ihre Füße schlichen. Schmunzelnd erhob sich Herix, den Blick in Richtung des verschmutzten Horizonts erhebend. Inzwischen wäre es wohl eher der Arak Nuklearpark und ein Mutantenschutzgebiet, dachte er bei sich, seinen Blick auf den dunklen Pfad schwenkend, den er vom Arak herabgestiegen war. Die spitzen Hügelkuppen und zackigen Felsen, welche wie mörderische Zinnen den Abstieg säumten, warfen ein grausiges Schattenszenario auf den Weg, der ihn aus seinem alten Leben geführt hatte. Geistesabwesend tauchte er eine seiner schwarz gefleckten Hände in das kalte Nass des Brunnens. »Von dort bin ich herabgestiegen, meine Reise zu beginnen «, sprach er leise, wie raschelndes Herbstlaub, nahm die tropfende Hand aus dem Wasser und befeuchtete seine harten Züge damit. »Somit gebe ich mir den Namen Herix Schattenpfad«, knurrte er entschlossen, wandte sich zum Gehen und schritt auf den anderen Durchgang zu, Richtung Ödland.


Für den Inhalt dieser Seite ist der jeweilige Inserent verantwortlich! Missbrauch melden



© 2008 - 2021 suchbuch.de - Leseproben online kostenlos!


ExecutionTime: 4 secs