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Exploration Capri IV


Teil 4: Hoffnung

von Christian Klemkow

science_fiction
ISBN13-Nummer:
B00V9A8SXQ
Ausstattung:
ebook mit 427 Normseiten
Preis:
3,99 € €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Leseprobe

Einsam stand die Maschine auf dem gottlosen Ozean aus Eis und Tod. Der Schöpfer, sofern es ihn gab, hatte dieser Welt schon vor langer Zeit den Rücken zugewandt. Nichts ließ mehr darauf deuten, dass er es gut mit ihr meinte. Die Zeit der Mahnungen war lange vorüber. In der Maschine Nebeneinander sitzend, beobachteten die Lebenden die Abwesenden bei ihrer Reise in vergangene Zeiten. Während Braun die Lage misstrauisch beäugte, schien Rivetti keinerlei Angst mehr zu verspüren. Sie wusste, wo Steven jetzt weilte und dass er in guten Händen war. „Wie fühlt es sich an?“, fragte Braun neugierig. Rivetti überlegte einen Moment und lächelte. „Unbeschreiblich. Wie ein zweites Leben. Als hätte ich mehrere auf einmal gelebt.“ „Hmmm. Ich weiß nicht, ob ich mehr als eins vertragen könnte. Mein eigenes ist schon verkorkst genug.“ „Reden Sie nicht so schlecht von sich! Sie sind ein guter Mann, Colonel. Mehr als Sie sich selbst eingestehen.“ „Nennen Sie mich Peter. Einfach nur Peter.“ „Ich wollte Ihnen noch danken“, sagte Rivetti. „Wofür? Ich habe nichts geleistet“, antwortete er abwertend. „Ohne Sie wären viele von uns viel früher draufgegangen. Ich weiß, in der Truppe gab es Gerüchte. Ich wollte Ihnen nur sagen, dass ich nicht so denke.“ „Was denken Sie dann?“, fragte er verhalten. „Dass Sie viel durchgemacht haben. Deshalb sind Sie hier. Oder?“ „Sie wollen doch etwas ganz anderes wissen. Sie fragen sich, ob ich ein Feigling bin, wieso mein ganzes Platoon draufgegangen ist und nur ich überlebt habe. Jeder an Bord fragt sich das.“ „Das waren nie meine Gedanken.“ „Wirklich nicht? Sie wissen also, was damals passiert ist?“ „Nein. Ihre Vergangenheit gehört Ihnen, Peter. Dafür weiß ich, wer Sie heute sind.“ „Interessiert es Sie denn gar nicht? Wollen Sie nicht wissen, was damals geschehen ist?“ Rivetti sah es ihm deutlich an. Er wollte es endlich loswerden. Seine Last schien ihn fast zu erdrücken. „Wenn Sie dazu bereit sind, höre ich gern zu.“ Betrübt saß er auf dem Boden. Er schaute hinab und suchte nach Antworten. Erklärungen, die all sein Handeln rechtfertigten. Vorsichtig versuchte er, es in Worte zu fassen „Dumm war ich und jung. First Lieutenant, pflichtbewusst, ehrgeizig und militärisch geblendet. Ich habe immer nur Befehle befolgt und Folter über mich ergehen lassen, um die Mission nicht zu gefährden. Sinnlose Missionen. Geheime Befehle und Pläne waren mir so verdammt wichtig, dass ich die Truppe vergaß. Dabei war sie das Wichtigste. Und doch konnte ich unmöglich mein Land verraten. 38 der besten Männer und Frauen habe ich für dieses Schweigen im Stich gelassen, während sie vor meinen Augen hingerichtet wurden. Es war meine Entscheidung zu schweigen. Damals war ich überzeugt, das Richtige zu tun. Hunderten habe ich das Leben gerettet. So hab ich es mir immer eingeredet und gerechtfertigt. Nacht für Nacht ... In Wirklichkeit habe ich niemanden gerettet. Heute brennen diese 38 Seelen in mir. Gott, ich träume jede Nacht von ihnen.“ Rivetti sah ihn stumm an. „Verstehen Sie jetzt, warum ich das alles nicht noch einmal durchleben möchte?“ Rivetti nickte verständnisvoll. „Aber mit einem haben Sie Recht. Ich bin hier, weil ich zu müde zum Kämpfen bin. Das Corps brauchte niemanden mehr wie mich. Ich war entbehrlich. Und mir kam es recht. Vielleicht dachte ich auch, ich könnte jungen Marines wie Sie vor Schrecklicherem bewahren. Aber ich habe mich geirrt. Das Schicksal hat mich eingeholt. Wieder sterben alle um mich herum. Nichts hat mehr einen Sinn.“ „Hey, das alles lag nicht in Ihrer Macht. Keiner von uns trägt Schuld an dieser Welt.“ „Wir tragen alle unsere Schuld. Jeder Einzelne.“ „Was ist mit uns? Wir leben noch. Machen Sie uns zu Ihrer Mission. Kämpfen Sie für die, die noch am Leben sind.“ Braun sah sie an, schaute zu Steven und dem Wächter. Große rote Augenringe, aufgeschwollen vor Müdigkeit und tiefe Falten zeichneten sein Gesicht. Lange starrte er sie an; fragte nach dem Sinn des Ganzen. Irgendwo in seinem Innersten lag die Antwort begraben. „Ich will nicht mehr kämpfen“, antwortete er erschöpft und ausgebrannt. Die Worte trugen seine längste Sehnsucht voraus. Seine Stimme klang ausgemergelt, dünn und schwach, ohne Tiefe. „Wir werden diesen Planeten nicht mehr lebend verlassen. Es wird kein Wunder geben, das uns rettet. Was kann ich schon daran ändern?“ Unendliche Leere verbarg sich hinter den Augen des Colonels. Rivetti versuchte, einen Lebensfunken zu finden. Nur einen einzigen, doch er schien erloschen. Die Stärke, die sie noch vor kurzem insgeheim so bewunderte, war nicht mehr da. Innerlich erschüttert und kaum in der Lage, diesen Anblick zu ertragen, konnte sie ihre Enttäuschung kaum noch unterdrücken. „Nein. Sie können es nicht. Nicht mehr“, sagte sie leise. Braun antwortete ihr nur noch mit einem Kopfschütteln. Auch in seinem Innern ergoss sich ein Strom des Schmerzes und Versagens. „Sie nicht. Aber ich!“ Vom Lebenswillen gepackt, raffte sich Rivetti auf und stellte sich mutig der Maschine. Der unbekannten wie bekannten Technik zugewandt, schloss sie ihre Augen und suchte nach helfenden Erinnerungen. „Komm schon! Erinnere dich“, versuchte sich Rivetti zu konzentrieren und überlegte, was zu tun war. Zögernd, nicht sicher, ob sie es tatsächlich bedienen konnte, nahm sie eine Abfolge von Eingaben vor, woraufhin die Maschine wieder erwachte. Suchend schaltete sie alle noch verbliebenen Systeme durch, als sie auf einen Bildschirm starrte. Linien, Striche, bekannte Muster. Vielleicht eine Küste. Ganz sicher war es eine Küste. Offenbar hatte sie die Navigation gefunden, die mehrere hundert Kilometer Umkreis zeigte. Rivetti begriff sofort, was sie sah. Weitere zerstörte und intakte Städte unter dem Meer, unzählige Maschinen, die aufgescheucht über dem Eis in Stellung gegangen waren. Sie alle bildeten ein schier lückenloses Verteidigungs-Netzwerk. Das grünliche Navigationsraster ähnelte veralteten Radartechniken. Satellitenunterstützung gab es schon längst nicht mehr. Fast unbedeutend erschienen alte Küstenstreifen entfernter Inseln und des Festlandes auf dem Bildschirm. Eher ein Echo alter Zeiten, ohne politische Grenzen, zeigte das Raster eindeutig Land unter dem Panzer aus Schnee und Eis. „Das ist es“, flüsterte sie hoffend. Land hatte in dieser Zukunft jegliche Bedeutung verloren. Verborgen unter dicken Eisschichten, war es um vieles kälter und verlassener als die Tiefen der Meere und der warmen Erdkruste. Besonders ein Land lag ihr sehr am Herzen. Rivetti untersuchte die Küstenlinie genauer. Sie glaubte, die Umrisse Puerto Ricos, Kubas, Teile der Antillen zu erkennen. Doch sie wusste es nur, weil irgendjemand vor der Landung die Namen erwähnt hatte. War es Kowski gewesen? Sie hatte es vergessen. Das große Festland schien fast schemenhaft zu verschwim-men. Sollte es tatsächlich Südamerika sein, wusste sie zumindest eindeutig, wo sie war. Erneut fiel ihr Blick auf das Netzwerk der anderen Maschinen. Gleichzeitig kam ihr eine zündende Idee. Langsam kreiste ihr Zeigefinger über einem Knopf, den sie schon vorhin betätigt hatte. Entschlossen drückte sie ihn tief ein. Ein ohrenbetäubender Ping hallte spürbar durch das Schiff, stieß eine akustische Schockwelle über das Eis. Sekunden später hatte das Signal die nächsten Wächtermaschinen im Umkreis erreicht, die prompt mit einem Ping antworteten. „Ja!“, stieß Rivetti euphorisch hervor und sah Braun an, dem der Ping keinesfalls entgangen war. „Weshalb freuen Sie sich so? Was haben Sie vor?“, fragte er. „Das weiß ich selbst noch nicht. Ich suche noch.“ Auf dem Bildschirm breitete sich das Land aus. Mit jeder Maschine, die der Kettenreaktion des Pings folgte, erschlossen sich neue Abschnitte der Erde. Südamerika, Nordamerika waren jetzt deutlicher auszumachen, auch wenn das Eis einige Teile der Küste auf immer verschluckt zu haben schien. Östlich von ihnen, lag der weite vereiste Atlantik. Und irgendwo dahinter der schwarze Kontinent und im Nordosten Europa. Vielleicht lag dort die rettende Antwort, eine mögliche Zukunft. Doch das sich ausdehnende Netzwerk der Maschinen hatte die äußeren Grenzen erreicht und expandierte nicht mehr. Europa blieb außer Reichweite. Ein vertrauter bitterer Warnton schreckte Rivetti auf. Eine weibliche allbekannte Stimme kündigte in gewohnt monotoner Gleichgültigkeit Rivettis bevorstehenden Exitus an. „Warnung! Sauerstoff erreicht Reservestand. Empfehle Abbruch des Außeneinsatzes und Rückkehr zur Schleuse. Warnung! Sauerstoff erreicht Reservestand. Empfehle Abbruch des Außeneinsatzes und Rückkehr zur Schleuse.“ „Welche Schleuse? Blöde Kuh.“ Entsetzt checkte sie die restlich verbleibende Zeit. Wortlos resignierte sie einige Sekunden. Offensichtlich hatte sie weit mehr Sauerstoff verbraucht als die anderen. Sie blickte zum Wächter und zog ihre Schlüsse. Hatte der Prozess der Gehirnverschmelzung den extremen Verbrauch verursacht? Die angespannte Haltung Stevens zeigte deutlich, wie anstrengend der Vorgang war. Seine Atmung war so schnell, dass auch sein Vorrat minutiös schrumpfte. 40 Minuten - mehr Zeit hatte sie nicht, ehe der letzte Oxypack gänzlich leer sein würde. Angst zeichnete sich in ihrem Gesicht ab. Sie war zu jung, längst nicht bereit zu sterben. „Verdammt“, seufzte sie und wandte sich wieder der Maschine zu. „Stimmt was nicht?“, fragte Braun abwesend, der nichts von der internen Warnung Rivettis mitbekommen hatte. Ihr Sauerstoffcheck war ihm jedoch nicht entgangen und so kontrollierte er seinen auch. Vier Stunden hatte er noch. Fast erdrückend schien ihm die Zeit, als wünschte er sich weniger. „Alles in Ordnung“, winkte Rivetti ab. Ihre Stimme zitterte, während sie ihre Sauerstoffanzeige nach unten zählen sah. Das blinkende Biohazard-Symbol verursachte dabei mehr Angstschweiß, als die wenigen Minuten, die ihr bis zum Erstickungstod blieben. Einen Moment wägte sie beide Möglichkeiten des Sterbens ab. Schnell oder grausam. Dann startete sie die Maschine, die sogleich vom Boden abhob. Rivetti setzte den Kurs ans nordöstlichste Ende des navigierbaren Bereiches. Die Richtung ihres Heimatlandes. 65 Grad nordöstlich, 7500 Kilometer entfernt, lag vielleicht ihre letzte mögliche Zukunft. Minuten des Schweigens vergingen. Weit entfernt von dem zurückgelassenen Inferno der unterirdischen Stadt, rasten sie über die endlose Weite des gefrorenen Ozeans. Ohne Bezugspunkte ließ sich nur erahnen, wie schnell sie waren. Zweifelslos sehr schnell, da sie die Antillen längst hinter sich gelassen hatten. Jeder Jet, den sie kannte, wäre bei einem derartigen Tiefflug zerrissen worden. Andererseits war die Atmosphäre seit Urzeiten nie so dünn gewesen wie jetzt. Obwohl sie sehr flach über das Eis hinwegflogen, waren kaum Unebenheiten auf dem Meeresspiegel zu erkennen. Die Kraft des Mondes, des Herren der Gezeiten, reichte nicht aus, um das harte Eis des Atlantiks zu brechen. Tiefhängende Wolkendecken und die ewig düstere Dämmerung der nun weiter entfernten Sonne, verhinderten den einst so idyllischen Ausblick auf eine hohe und lebendige See. Weit entfernt am Horizont, im Dunst des Schneetreibens, tauchten hin und wieder die schwarzen Silhouetten aufrechtstehender Wächtermaschinen auf und verblassten so geisterhaft, wie sie erschienen waren. Rivetti sah hinaus und hoffte noch, ihr Land zu sehen. Ein letztes Mal. Ihre Sicht schwand. Sie atmete kurz und flach, stützte sich mit den Händen auf der Konsole ab. Dann brach sie zusammen und fiel keuchend auf den Boden. „Isabell! Nein! Um Gottes willen.“ Braun kroch schnell zu ihr, drehte sie um und erkannte die bedrohliche Atemnot. Rivetti rang um Luft, kurz davor, ihr Bewusstsein zu verlieren. „Nicht Sie! Ich helfe Ihnen.“ Überrascht prüfte Braun ihren Sauerstoffvorrat, der vollkommen aufgebraucht war. Die rot blinkenden Zahlen auf ihrem Armdisplay waren mehr als deutlich. Hektisch blickte er sich um, schaute auf seine eigene Anzeige, die noch immer über drei Stunden Sauerstoff bot. „Du stirbst mir nicht. Ich gehe nicht noch einmal als Letzter. Diesmal nicht!“ Braun analysierte nochmals die vorhandene Luft auf Druck und Sauerstoffgehalt. Wieder ertönte der Biohazard-Alarm. Irrtum ausgeschlossen. Der Tod lag in der Luft. „Warnung! Unbekannte biologische Erreger festgestellt. Sicherheitsstufe S4. Inkubationszeit unbekannt. Raumanzug nicht öffnen! Warnung! Unbekannte biologische Erreger festgestellt. Sicherheitsstufe S4. Inkubationszeit unbekannt. Raumanzug nicht öffnen!“ Die Bestandsanzeige seiner Oxypacks zeigte ihm, dass er noch Sauerstoff in mehreren Behältern besaß. Sofort versuchte er, an seinen eigenen Vorrat heranzukommen. So sehr er auch versuchte, seine Arme auf den Rücken zu drehen, es gelang ihm nicht. Die dumme Fehlkonstruktion der Militär-Anzüge machte es einem einzelnen Soldaten unmöglich, seinen eigenen Sauerstoff selbständig zu wechseln. Braun fluchte innerlich. Unfähige Stümper. Wieso hatte niemand an diese Notsituation gedacht. Vermutlich kosteten die Änderungen mehr, als es Soldatenleben wert waren. Als er Rivettis und Stevens Anzüge betrachtete, erkannte er, dass ihre Anzüge diesen schweren Mangel nicht aufwiesen. Ein letztes Mal versuchte er seinen Rücken zu erreichen. Es war vergebens. Die Zeit wurde knapp. Isabell kämpfte nicht mehr. „So eine Scheiße! Das gibt’s doch nicht!“ Niemand außer ihm selbst konnte jetzt dabei helfen, einen rettenden Oxypack aus seinem Rückentornister zu entnehmen. „Und wenn schon“, antwortete er kurz, sah Rivetti an und öffnete seinen Helm. Dabei hielt er die Luft an, um im Zweifelsfall seine letzten lebensrettenden Handgriffe abzuschließen. Nun ging es nur noch um sie. Eilig zog er seinen Anzug aus, um seinen Tornister zu erreichen. Sofort spürte er die stechende Kälte einer Erde ohne Sonne. So schnell er konnte zog er die letzten mit gepresstem Sauerstoff gefüllten Oxypacks aus der Rückseite seines Anzuges. Jedes von ihnen hatte die Größe eines kleinen dicken Buches und war dabei so ergiebig wie drei große Flaschen Flüssig-Sauerstoff. Hastig stürzte er zu Rivetti, entnahm zwei leere Packs aus ihrem Anzug und tauschte sie mit seinen aus. Anschließend beobachtete er ihre Anzeigen. Rot angelaufen, war nun die Zeit gekommen, tief Luft zu holen. Nun war alles egal. Er brauchte seinen Sauerstoff nicht mehr, denn er war kontaminiert. Schon beim Ausatmen der alten warmen Luft, wusste er, wie schwer der nächste Atemzug sein würde. Dichter weißer Atem verließ seinen Mund, kristallisierte und fiel wie feinster Schnee zu Boden. Als er tief Luft holte, stach seine Lunge vor Kälte. Sie schmerzte doppelt. Der letzte Countdown seines Lebens hatte begonnen. „Los, atme!“, rief er Rivetti zu. Kraftvoll holte sie wieder Luft. Unregelmäßig und hastig, dann immer ruhiger. Ihr Kreislauf stabilisierte sich wieder. Schnell beschloss Braun, seinen Anzug zum Schutz gegen die Kälte wieder anzuziehen, als Rivetti ihre Augen aufschlug und ihren Retter ohne Helm erblickte. „Was tun Sie da? Ihr Helm! Was haben Sie getan?“ „Das einzig Richtige.“ „Aber die Viren! Sie werden sterben!“ „Solange Sie leben!“ Braun zog sich den Anzug über. „Zumindest ein paar Stunden. Dann müssen Sie noch einmal entscheiden. Schon verrückt. Gnadenaufschub und Todesurteil gleichermaßen. Vielleicht werde ich trotzdem länger leben als Sie.“ „Ich hatte mich schon entschieden und damit abgefunden. Jetzt weiß ich, wie es ist, zu ersticken.“ Rivetti hustete. „Und wie fühlt es sich an?“, fragte sich Braun, der noch nie erstickt war. Eine Erfahrung, auf die er verzichten konnte. „Beschissen.“ „Na, dann sterbe ich lieber schleichend. Vermutlich bin ich schon tot.“ Braun lächelte sie an. Doch Rivetti konnte nicht darüber lachen. Sie trat näher an ihn heran und umarmte ihn. „Danke.“ „Nicht dafür.“ Beide hielten sich in den Armen. Unbequem und zu dick gepanzert, wurde der Raumanzug in diesem Moment zum lästigen, aber notwendigen Übel. „Normalerweise ist es mein Job, anderen das Leben zu retten. Wie oft wollen Sie mir noch die Show stehlen?“, fragte Isabell. „So oft ich kann.“ Braun lächelte erneut. Es war ein Moment, wie ihn beide seit Langem nicht mehr gefühlt hatten. Ein Moment voll Nähe und Geborgenheit. Und dennoch ließen die Umstände nicht mehr zu. Ausweglose Extremsituationen konnten schnell zu fatalen Dummheiten führen. Aber vielleicht war die Situation noch nicht ausweglos genug, um sich allem hinzugeben. Rivetti sah zu Steven hinab, der bald wieder erwachen würde. Noch immer hielten sich beide in den Armen. Sie spürte keine Wärme von ihm. Der Wunsch nach mehr zerrte an ihrem Herzen. Die Vernunft war stärker. Sie wusste, dass er alt genug war, um ihr Vater zu sein. Er würde es niemals zulassen, dass sie den Helm abnahm und sich der todbringenden Luft aussetzte. Noch nicht. Solange es Hoffnung gab, würde sie nie so leichtfertig sein, ihr Leben wegzuwerfen. Nichtsdestoweniger war der Wunsch da und beschäftigte sie. Was hielt sie noch auf? Es wäre leichter, es zu tun, als allem zu widerstehen. Braun stand auf, näherte sich Steven, beugte sich über ihn und wechselte seinen letzten Oxypack. Es war mehr eine unbedeutende Fristverlängerung als eine echte Chance. Und trotzdem verströmte es einen Hauch von Hoffnung. Als sich Braun umdrehte, machte er eine Entdeckung. Kaum zu erkennen, zeichneten sich Konturen am fernen Horizont ab. Berge, die sich nicht darum scherten, ob sie farblich vom Rest der Welt zu unterscheiden waren. Täler, die sich unter der gleichen weißen Decke verkrochen wie Flüsse und Seen. Geebnete Städte, deren schwarze Asche sich unter dem weißen Schnee versteckte. Unbedeutend und unscheinbar näherte sich die Küste der alten Welt. „Isabell? Wollen Sie es sehen?“ „Nein.“ Sie schwieg und schaute weg. Niemand musste ihr erklären, was er sah, denn sie wusste es bereits. Ihr Herz hatte es ihr längst verraten. Sie war zu Hause. Es war unwichtig. Alles war tot. Die Maschine flog über die Westküste hinweg. Doch es war ein anderes Europa als jenes, das sie einmal gekannt und geliebt hatte.

Klappentext

Teil 4: Tausend Jahre nach der partiellen Zerstörung der Sonne ist die Erde zu einem lebensfeindlichen, eisigen Ort geworden. Ausgelöscht vom Wahnsinn des Krieges, scheint die Menschheit vergessen und verloren zu sein. Was bleibt, ist der allgegenwärtige Tod. „Wozu noch kämpfen, wenn alles verloren ist?“ „Für die Hoffnung!“ Auf zwei Himmelskörpern gestrandet, bleibt den Überlebenden der Arche auf der Erde nicht mehr viel Zeit. Ihr Sauerstoffvorrat geht langsam zur Neige, während die übrigen Mitglieder der Explorer in der Falle des Mondes um jeden Tropfen Treibstoff kämpfen. Stets auf der Flucht vor einem neuen gefährlichen Feind, sind es jedoch nicht nur die geheimnisvollen Sphären, die den verbliebenen Menschen nach dem Leben trachten. Der letzte Kampf der Explorer hat begonnen. Nur eine Lösung birgt noch Hoffnung. Kann der furchtbare Plan die Zukunft retten? „Hoffnung“ ist die direkte Fortsetzung von „Zerstörung“ und bildet den vorläufigen Abschluss der mehrteiligen dramatischen Science-Fiction-Buchreihe „Exploration Capri“, die ihre Leser auf eine spannende Reise durch Raum und Zeit entführt.

Rezension

Würfelheld / Mein Fazit: Zimperlich ist anders! – Wie ich schon in der Rezension zum ersten Teil erwähnt habe, ist Christian Klemkow alles andere als zimperlich wenn es darum geht seine Charaktere über die Klinge springen zu lassen. War ich damals noch der Meinung das Christian das in bester George R.R.Martin Manier hält, so würde ich mittlerweile sagen das er noch kaltblütiger ist. Dabei beweist er aber auch ein Gespür für Timing das, entschuldige bitte meine Ausdrucksweise, schon pervers ist. Mit den Konzepten Glück, Pech und einer gut gefüllten Trickkiste schafft es Klemkow das Leben der Crew und das Lesevergnügen ordentlich auf Trab zu halten. Manchmal habe ich den Eindruck das Christian ein perverses Vergnügen dabei hat den Leser zu schocken und an den Rand der Verzweiflung zu bringen in dem er die Charaktere immer wieder in scheinbar ausweglose Situationen schubst um sie dann in letzter Sekunden mit einem Kunstgriff aus dem Schlamassel zu befreien. Da wiegen einen die kleinen Verschnaufpausen, die er nicht nur der Crew schenkt, in trügerische Sicherheit. Gemeiner Weise ist das Ende des Buches nicht wirklich abgeschlossen so dass sich die Leser jetzt mit der Frage quälen werden ob es da eine Fortsetzung geben wird. Exploration Capri ist ebenso heimtückisch wie die Virenstämme, welche die Wächter in sich tragen. Einmal infiziert ist es fast unmöglich davon los zu kommen. Ich habe den dritten Teil noch ein zweites Mal gelesen um mit diesem Teil nahtlos weitermachen zu können. Das hat zwar Zeit gekostet, war es aber auf jeden Fall wert. Wer bis jetzt dem “Exploration Capri” Virus noch resistent gegenüber war, sollte spätestens mit diesem Teil endgültig infiziert sein. Ich gebe die „Hoffnung“ nicht auf, dass es eine Fortsetzung geben wird. Meine Wertung: 5 von 5 Virenstämme