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Science Fiction
Buch Leseprobe Exploration Capri II, Christian Klemkow
Christian Klemkow

Exploration Capri II


Teil 2: Verschollen

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Dunkelheit, soweit das Auge reichte. Nur in großer Ferne, viele Lichtjahre, Jahrhunderte bis Jahrmillionen, leuchteten die Sterne so klar wie nie zuvor. Es war ein Lichtermeer, wie es nirgends auf der Erde zu beobachten war. Strahlend schön. Kein Dunst und keine Atmosphäre verschleierten hier die Sicht. Genau in diesem Moment begann einer der Sterne zu flackern. Binnen Sekunden vervielfachte er seine Helligkeit, bis er plötzlich erstarb. Kein ferner Lichtpunkt mehr, der seit Ewigkeiten existierte. Doch die Reise seines Lichtes war noch nicht zu Ende. Viele Parsec weiter draußen würde sein Licht noch lange bestehen. Die Strahlung, die der Stern vor langer Zeit ausgesandt hatte, durchquerte das weite Weltall auch weiterhin in alle Richtungen des Raumes. Doch hier, an diesem Ort, waren soeben die letzten Lichtstrahlen des fernen Gestirns vorübergezogen. Sonnen sterben und werden neu geboren. Das war keine Seltenheit. Jeden Tag starb irgendwo im Universum ein Stern. Heute, gerade eben, war es dieser eine gewesen. Gestern dort drüben - und morgen? Anderswo verdichteten sich gewaltige Gaswolken zu dunklen, schweren Kugeln, bis ihr solares Feuer entfacht wurde und eine neue Generation geboren war. Hier von diesem wundersamen Ort, sah man besonders viele Sterne vergehen. Sie leuchteten nicht nur heller, sie starben und gebaren auch schneller als anderswo. Und es würden nicht die letzten sein. Viele der strahlenden Sterne waren längst erloschen, ihre Lebensjahre bereits aufgebraucht, und dennoch erstrahlten sie samt ihrer Vergangenheit noch weit in die Zukunft hinaus. Niemandem würde es je möglich sein, mit Bestimmtheit zu sagen, welcher der abertausenden Gasriesen noch existierte und was ihn dort erwartete. Könnte man einen verborgenen Blick in diese fernen Welten riskieren, so würden einem wahre Wunder offenbart. So hell das Firmament in der Ferne auch strahlte, vermochte es die Leere des Alls nicht mit Licht zu erfüllen. Fernab eines Gestirns, welches Licht in die Finsternis brachte, blieben alle Körper stets in ewige Schwärze getaucht. Plötzlich zog ein Schatten über das ferne Sternenmeer. Nur sehr spärlich waren undeutliche Umrisse auszumachen, während sich die Sterne in dessen silberglänzende Unterseite spiegelten. Unkontrolliert um mehrere Achsen drehend, rollte der Rumpf auf die Seite und gab mehr und mehr Licht von der aktiven Notbeleuchtung preis. Es war die Explorer. Noch immer besaß sie eine große Restgeschwindigkeit von zahllosen Kilometern pro Sekunde. Doch weder von der Geschwindigkeit noch von laufenden Maschinen war etwas zu spüren oder zu hören. Es herrschte absolute Stille und mörderische Kälte. Nur das ständige Rauschen der 2,7 Grad Reststrahlung des Urknalls, besser bekannt als kosmische Hintergrundstrahlung, erfüllte die unendliche Leere, welche die Explorer umgab. Ihre Konturen hoben sich einzig von den Sternen ab, die der Rumpf verdeckte. Die dezente Notbeleuchtung machte nur einzelne Hüllenbereiche sichtbar. Noch war es nur ein dunkles Grau. Wie einst die Titanic vor ihrem Untergang war auch die Explorer ein Schiff der Superlative. Majestätisch, stark und pfeilschnell. Aus den Lektionen der vergangenen Jahrhunderte mit ihren beispiellosen Katastrophen hatte man viel gelernt. Die Explorer war kein übliches Raumschiff, wie es Ingenieure für bisherige Raumfahrten bauten. Sie war keines der dürren, kilometerlangen Stangenschiffe, die seit 40 Jahren das Sonnensystem erkundeten. Berühmtheiten wie die Odyssey, die Titan oder die Pegasus gehörten der Vergangenheit an. Sie alle wären dem vernichtenden Strahl Capris mit ihrer grazilen Konstruktion zum Opfer gefallen. Robust und massiv wie kein anderes Schiff glich die Explorer einem stromlinienförmigen Bolzen auf einer Armbrust. Der biegsame Druckkörper, die gepanzerte Hüllenkonstruktion aus speziell gehärteten und gleichzeitig besonders flexiblen Kohlenstoffkarbonfasern, extrem hitzebeständiger Titan-Wolfram-Superlegierung, unverwüstlichen Nanotube-Matten und einem unverzichtbaren Bleischild verliehen dem Schiff zugleich Stabilität und Schutz, so dass sie auf die veralteten, riesigen Strahlungsschutzschilde verzichten konnte. Zusammen mit den technischen Raffinessen des EM-Ablenkungsschildes, der Gravitations- und Trägheitsabsorber war sie das sicherste und revolutionärste Schiff aller Zeiten. In Form und Länge vollzog die Explorer eher einen Schritt in die Vergangenheit als in die Zukunft. Stark erinnerte ihr Design an die ebenso betagten Space Shuttles der ersten und dritten Generation. Deutlich hob sich die Ansatzform der eingezogenen Deltaflügel ab, mit denen die Explorer auch in Atmosphären verschiedener Planeten einzutreten vermochte, wenn es die Notwendigkeit verlangte. Eine Viertel Rollbewegung später verschwanden die markanten Tragflächen und die Explorer zeigte ihre seitliche Silhouette in voller Länge. Aus dieser Position verrieten nur winzige Details, wo sich Heck und Bug befanden. Beide Enden des Schiffes schienen sich zu gleichen. Die Haupttriebwerke waren noch verschlossen, das Leitwerk eingefahren. Nur eine Wölbung, die dem Nasenbuckel eines Delfins ähnelte, verriet, wo sich die Hauptbrücke befand. Die halbmondförmige Fensterfront des Cockpits war jedoch so schwarz wie der Rest des Schiffes. Plötzlich flackerte es im Cockpit. Roter Schimmer erfüllte die Fenster. Die Notbeleuchtung aktivierte sich. Sekunden später folgten auch die hinteren Sektionen. Durch das dicke Glas der längs gestreckten ovalen Fenster der Hauptsektionen drang nun bläuliches Licht hinaus. Das gesamte Schiff, das sich eben noch im Tiefschlaf befunden hatte, erwachte wieder zum Leben. Cockpit, B-Deck Eisige Stille herrschte im Cockpit der Explorer. Die meisten Armaturen und Schaltdisplays waren seit langer Zeit dunkel und deaktiviert. Die gesamte Technik war von einer dünnen, schimmernden Eisschicht überzogen und wartete auf seine längst überfällige Reaktivierung. In den rechten Fenstern klafften mehrere Löcher. Winzige Trümmer oder Mikrometeoren hatten das dicke Panzerglas durchschlagen. Die meisten kaum größer als Einschusslöcher. Das größte von ihnen maß sechs Zentimeter. Jedes Einzelne hätte genügt, um die Luft innerhalb von Sekunden aus den Lungen der Besatzung zu saugen. Brandspuren und zertrümmerte Instrumente säumten die gegenüberliegende Wand, auf deren Funktionalität man in Zukunft wohl verzichten musste. Vermutlich war es der wabenförmigen Sandwichkonstruktion sämtlicher Zwischenwandverstrebungen zu verdanken, dass auf der anderen Seite des Cockpits kein quadratmetergroßes Loch klaffte. Dennoch hatte sich der Weltraum neues Territorium erschlossen. Trotz der Schäden und der absurden Kälte, von höchstens zehn Grad über dem absoluten Nullpunkt, gab es noch Strom. Einige Anzeigen und Lampen leuchteten in unterschiedlichen, meist rötlichen Farbtönen um die Wette. Warnlampen, die zeigten, was alles defekt war. Hinter der dünnen Eisschicht schimmerte eine grüne, digitale Uhranzeige. Es war 11:38:34. Die Uhr stand still, an welchem Tag auch immer. Die meisten Systeme befanden sich noch immer im Standby-Betrieb, als plötzlich ein stummer Alarm ausgelöst wurde. Das halbe Cockpit aktivierte sich, Analysen liefen an. Kein Ton war zu hören. Sämtliche Lautsprecher schallten ins Leere. Das Lebenserhaltungssystem versuchte vergeblich ein Luftgemisch ins Cockpit zu blasen, welches sofort ins All entwich. Einige Sekunden später stoppte es. Die KI des Bordcomputers hatte den strukturellen Schaden erkannt. Eine von wenigen zutreffenden Anweisungen des Computers innerhalb der letzten Jahre. Weiterhin herrschte das Vakuum über dem Cockpit. Kryohalle I, Vordersektion, C-Deck Die Sektion war in blaues Licht der Kryotiefschlafkammern gehüllt. Wie überall an Bord herrschte auch hier eisige Stille. Medizinische Ausrüstung schwebte durch den Raum, als wäre sie nie zur Ruhe gekommen. Offenbar hatten sich einige Schranktüren selbständig geöffnet. Einströmendes Gas der Lebenserhaltung erfasste eine Packung Spritzen und schleuderte sie durch die Sektion. Immer lauter werdendes Zischen besserte die dünne, abgestandene Luft mit lebensnotwendigem Sauerstoff auf. Eiskristalle wirbelten durch den Raum, unfähig, als Schnee zu Boden zu fallen. An einer Wand begann ein deutlicher Schmelzprozess. Die Heizungen der Explorer aktivierten willkürlich. Es würde eine Weile dauern, bis alle Bereiche des Schiffes wohnlich temperiert waren. Gegenüber der eiskalten Luft schlief die Crew einen behaglich warmen Kryoschlaf. Kammer für Kammer befand sich die Besatzung hinter einer undurchsichtigen Eisschicht. Lediglich die Namensschilder über den großen blau leuchtenden A-Reliefs Aurigas, wiesen auf die Insassen der einzelnen Kryokapseln hin. Kammer Nummer I4 startete als Erste den automatischen Auftauprozess. Die Umrisse der zarten Beine in dem Tank ließen auf ein weibliches Crewmitglied schließen. Viel zu schnell verwandelte sich der trübe Blick der gallertartigen Masse in eine immer klarer werdende blaue Flüssigkeit. Eine seltsame Erscheinung wies auf die allgegenwärtige Schwerelosigkeit hin. Luftblasen traten im gesamten Tank auf, stiegen jedoch nicht auf. Weiter oben im Glas, wo die Lebensanzeigen deutlich zu erkennen waren, schimmerte das Namensschild auf der Kleidung durch. Die medizinischen Anzeigen veränderten sich, die Temperatur stieg und die Intensität des Lichtes nahm stetig zu. Weiter oben am Gesicht erschien die Flüssigkeit bereits so klar wie Wasser. Die Bordärztin war noch nicht erwacht. Plötzlich wurde die Kryogenflüssigkeit abgepumpt. Schwerelos schwebte Susannah in ihrer Kammer und kam langsam zu Bewusstsein. Ein schweres Schlucken, das erste seit Jahren, schmerzte in ihrem Hals. Susannah öffnete ihre Augen und war noch ganz abwesend. Vorsichtig und schwach nahm sie ihre Atemmaske vom Gesicht, als gleichzeitig die Tür der Kammer pfeifend nach oben glitt. Der Druck fiel rapide ab. Sofort spürte sie die tödliche Kälte und der erste Atemzug stach in ihren Lungen. Die ausgeatmeten Wassertröpfchen schwebten sofort als feiner Schnee durch die Luft. Die gefühlte Temperatur erschien ihr kälter als der schlimmste irdische Winter der Antarktis. Es mussten weit unter minus 100 Grad sein. Vielleicht noch viel kälter. So schnell sie konnte, betätigte sie den Knopf zur Verriegelung. Die Tür fuhr wieder nach unten und schloss hermetisch ab. „Ist das kalt“, zitterte sie. „Hier stimmt etwas nicht.“ So sollte das Weckprozedere ganz sicher nicht ablaufen. Noch immer hing sie festgeschnallt in ihrer Kammer und versuchte sich von ihren Gurten zu befreien. Frierend wurde ihr klar, dass es nicht gut um sie stand und sie zu schnell aus dem Tiefschlaf geweckt worden war. Schwindelgefühl und Übelkeit waren nur die ersten Anzeichen. Viel schlimmer waren die panikartigen Gedanken über ihre Situation. Träumte sie das alles nur? Sie blickte hinaus, jedoch konnte sie niemand anderen in erwachtem Zustand sehen. Offenbar war sie die Einzige, die aus dem Tiefschlaf geweckt worden war. Zaghaft zog sie die Kanüle der Lebenserhaltung aus ihrem Armanschluss, löste sie die letzte Schnalle, bis sie begriff, dass die Schwerkraft inaktiv blieb. Ihre Blicke wanderten durch die Sektion zu den anderen Kryokammern. Über sämtliche Oberflächen hatte sich eine feine Eisschicht gelegt. Susannah versuchte sich zu beruhigen und holte tief Luft. Sie musste aus dieser Falle entkommen und irgendetwas unternehmen. Einen Moment lang nahm sie sich die Zeit, um ihre Optionen zu überdenken. Außerhalb ihrer Kammer war die Luft viel zu kalt, um sie dauerhaft einzuatmen, das war ihr klar. Entschlossen griff sie zur Notausrüstung innerhalb ihrer Kammer und setzte die flache Schutzmaske auf. Die vorgewärmte Luft aus diesem Gerät würde die Kälte nicht ewig von ihren Lungen und ihrem Gesicht abhalten. Besonders die Augen galt es bei dieser Kälte zu schützen, schließlich bestanden sie hauptsächlich aus Wasser. Dass die durchblutete Netzhaut gefror, war eher unwahrscheinlich, denn das würde ein Weilchen dauern. Würde jedoch der Augapfel gefrieren, zerstörten Eiskristalle die Zellen. Die Folge wären stark eingeschränkte Sicht, Bewegungslosigkeit der Augen und irreparable Schäden an Iris und Pupillen. Die Maske bewahrte sie hoffentlich einige Zeit vor der brutalen Kälte. Würde sie erblinden, wäre sie ihrem Schicksal hilflos ausgeliefert. Wie sollte sie dann die Computer bedienen? Nachdenklich griff sie zu einer Restansammlung des gallertartigen Kryogels am Boden der Kammer und verteilte es über ihren ganzen Körper bis zum Kopf. Schwacher Druck schien noch vorhanden zu sein, anderenfalls hätte sie ganz andere Konsequenzen beim Öffnen der Kanzel erlebt. Ohne Druckanzug blieben ihr im Vakuum maximal 15 Sekunden, ehe die im Blut gebundene Luft ausgaste und die Sauerstoffversorgung zum Gehirn abschnitt. Die Folge: sofortige Ohnmacht und dann der Tod. Vermutlich musste sie bei derart stark verringertem Druck von höchstens 0,2 bar mit unangenehmen Nebenwirkungen rechnen. Verdunstungskälte, abweichende Siedetemperaturen. Kein schöner Gedanke. „Bleib ganz ruhig!“, versuchte sie erneut aufkommende Panik zu verhindern. „Ganz ruhig. Was muss du zuerst tun?“ Manchmal half lautes Denken. Zumindest hatte es ihr in der schweren Kindheit geholfen. Oberste Priorität galt dem Kabinendruck und dann der Aktivierung der Heizung. Einen Moment ging sie ihren Plan durch. Sie war bereit und atmete aus. Entschlossen schlug sie auf den Knopf zur Entriegelung ihrer Tür. Wieder erfasste sie unsagbar feindselige Kälte. Hilflos ruderte sie mit den Armen und zog sich mühsam aus ihrer Kammer heraus. Es dauerte einen Moment, ehe sie sich bewusst wurde, was zu tun war. Ihr blieben nur wenige Minuten. Ihre Trommelfelle schmerzten wahnsinnig. Etwas weniger Luftdruck, und die dünnen Membranen würden vom Körperinnendruck zerfetzt. Dankbar vernahm sie das Einströmen neuer Luftstöße. Sie konnte es ganz deutlich hören. So schnell sie konnte, tastete sich Susannah mit ihren Fingern an den eisigen Haltegriffen die Wand zum nächsten Computerterminal entlang. Der dünne Kryoschleim, der ihren ganzen Körper bedeckte, schützte sie wie eine Fettschicht. Doch so dick die Schicht des Gels auch war, sie würde Susannah bei dieser Kälte nicht lange schützen, bis sie anschließend erfror. Immerhin klebten ihre Hände bei der Kälte nirgends fest. Die brutale Temperatur zerrte an ihren Kräften und ihrem Willen. Susannah war sichtlich übel und blass. Sie kämpfte und merkte kaum, wie Äderchen in den Augen und Nase platzten. Am Terminal angekommen, versuchte sie den Computer zu reaktivieren, um Zugriff auf Kabinendruck, Bordheizung und die Gravitoneinheit zu erlangen. Nichts geschah. „I … IVI …“ Sie schluckte schwer. Unter der Maske war ihre Stimme kaum zu verstehen. Außerdem waren ihre Stimmbänder viel zu lange untätig gewesen. Sie hob die Schutzmaske an und versuchte es erneut. „IVI! Gravitation aktivieren!“ Keine Reaktion. Sie rieb ihre blauangelaufenen, starr werdenden Hände. „Komm schon, verdammt!“ Starte endlich die scheiß Systemdiagnose, dachte sie sich. Das Computerterminal rührte sich nicht. Ihr lief die Zeit davon. „Lauf endlich an!“ Ein Kribbeln breitete sich plötzlich auf ihrer Zunge aus. Das Wasser ihres Speichels begann bald zu kochen. Sie konnte es fühlen und rieb die Zunge am Gaumen. „Verflucht!“ Erneut stieg Panik in ihr auf. Der geringe Druck senkte jede Siedetemperatur. Viel fehlte nicht mehr. Schnell rückte sie ihren Schutz auf dem Gesicht zurecht. Ihre Wangen spannten sich vor Kälte, ihre Augen schmerzten. Spätestens jetzt musste sie handeln, sonst würde ihr keine Minute mehr bleiben, ehe sie ausgaste, das Bewusstsein verlor und erfror. Die erbarmungslose Kälte breitete sich so schnell in ihrem Körper aus, dass sie kaum noch zitterte, ein Alarmzeichen. Als Ärztin wusste sie, was die folgenden Symptome sein würden. Hypothermie. Schon jetzt drosselte der Körper die gesamte Energiezufuhr zu den Extremitäten, um den Körper und die Organe zu schützen. Ihre Finger wurden taub und immer steifer. Einen Kältetod wollte sie nicht sterben. Hastig blickte sie sich nach Alternativen um. Entweder kehrte sie unsinnig in ihre sichere Kryokammer zurück, oder sie musste etwas Warmes zum Anziehen finden. Irgendeine Wärmequelle. Alternative eins war keine Lösung, als ihr Blick auf den Schrank mit den Raumanzügen fiel. Im Training hatte sie nie die vorgesehene Zeit geschafft, aber zumindest hatte sie aufgepasst. Nun ging es um Sekunden. Es war völlig egal, welchen Anzug sie sich griff, also packte sie einen, solange sie ihre Finger noch spüren konnte und zog ihn so schnell an, wie es nur ging. Die erste Minute verstrich ebenso rasch wie die Wärme aus ihren Gliedern. Mühsam, aber unter Schmerzen, gelang es ihr schließlich, in den Anzug zu schlüpfen und die Atomzelle zu aktivieren. Der Stoff des Anzuges war für solche Temperaturextreme geschaffen worden und sehr geschmeidig. Die letzten Handgriffe musste sie mit geschlossenen Augen verrichten, wollte sie weiterhin noch etwas sehen. Entschlossen griff sie zum Helm und kniff die Augen zusammen. Mit letzten Kräften gelang es ihr schließlich, den schweren Helm zu arretieren. Sie hatte es geschafft. Um mehrere Grad unterkühlt zwar, aber sie lebte. Zitternd sank sie zu Boden, in der Hoffnung, dass der Anzug als autonomes lebensrettendes System funktionieren würde. Sekunden streckten sich zu Minuten. Die Kälte schien sie umzubringen. Die integrierte Heizung im Oberteil sorgte für eine langsame, aber stetige Erwärmung des Körpers und unterband die Drosselung zu den Armen und Beinen. Die Kälte stach in ihren Gliedern, doch sie wusste, dass sie noch eine Weile ausharren musste. Zu hastig erwärmte Arme und Beine konnten sehr gefährlich werden, wenn kaltes Blut zu schnell in den Körper, speziell ins Herz zurückfloss. Nach fünf langen Minuten spürte sie langsam ihren Körper und die warme Luft, die in ihrem Anzug zirkulierte. Wärme war eine Wohltat und sie war froh, dass sie bei der Einweisung aufgepasst hatte. Die Überprüfung der Bordtemperatur bestätigte ihre Schätzung. Ihr Armdisplay zeigte minus 136 Grad Celsius. Immerhin besser als minus 270, dachte sie sich. Das hatte sie den vielen im Schiff verbauten sekundären Radionuklid-Heizelementen zu verdanken, den inoffiziellen RHU-Notheizkörpern, die das absolute Auskühlen sämtlicher Bordtechnik vor der eisigen Kälte des Weltraums verhinderten. Sie funktionierten ohne Stromspeisung und waren ein gutes Beispiel sinnvoll genutzter atomarer Zerfallswärme. Erst jetzt bemerkte sie den Alarm und den Ausfall einer Schlafkabine schräg gegenüber. Die Glastür war stark gesplittert. Nachdem sie sich aufgerappelt hatte, hangelte sie sich langsam hinüber. Das Besatzungsmitglied war unkenntlich dehydriert und völlig gefroren. Er hatte keine Chance. „Nein! Großer Gott!“ Susannah berührte das Zentrum des zersplitterten Glases. Etwas Schwarzes, irgendein Partikel, Trümmerteil oder Minimeteor hatte den Mann von hinten durch die Außenwand durchschlagen. Der Körper wies eine verheerende Austrittswunde im Brustbereich auf. Glücklicherweise wurde das vom Körper und Gel verlangsamte, tödliche Projektil an der Frontscheibe der Kryokammer aufgehalten, ehe es noch mehr Unheil anrichten konnte. Entsetzt wischte sie die Eisschicht vom Namensschild der Kammer. G. Miller. Es war der leitende Bord-Ingenieur. „O nein. Gordon!“ Ein furchtbarer Schauer packte sie. Sofort begann sie mit der Diagnose der übrigen Kammern in dieser Sektion. Schwebend hangelte sie sich von einer Kammer zur nächsten, um zu sehen, ob es allen anderen gut ging. Hastig wischte sie die dünne Eisschicht von den Glaskanzeln, um mehr vom Inneren und deren Lebensanzeigen zu erkennen. Als sie an der Kabine ihres Mannes ankam, brach sie innerlich zusammen. Das Display zeigte deutliche Unregelmäßigkeiten der Vitalanzeigen. Das EKG flimmerte. Steven lag im Koma, da es auch bei ihm zu einer Fehlfunktion gekommen war. „Nein, tu mir das nicht an. Bitte! Nicht du! Wieso steigen die Werte nicht?“ Sie versuchte alles, um die Kammer zu stabilisieren, doch in ihrer Verfassung gelang kein einziger Handgriff. Ihr Zittern war zu stark, um auf den sensiblen Tastflächen etwas auszurichten. Da halfen selbst die besten sensorischen Handschuhe nichts. „Los, wach auf! Geh mir jetzt nicht drauf, Steven!“ Verzweifelt schlug sie mit den Fäusten gegen die Kanzel und brach in Tränen aus, als sich plötzlich zwei Kammern weiter links eine andere Glastür öffnete. Chad Barrow, ein kleiner, aber kräftiger Mann mit angesetztem Bauch, mühte sich frierend aus seiner Kammer. Barrow war kein Niemand an Bord. Er war kein Geringerer als der Namensgeber und Konstrukteur des Schiffes, in dessen Notlage sich alle befanden. Irritiert und entsetzt über den Zustand seines Babys rief er um Hilfe. Er wusste sofort, dass hier etwas Grundlegendes nicht stimmte. „Doktor, helfen Sie mir! … Ich erfriere.“ Jeder Luftzug schmerzte. Stoßweise durchbrach sein weißer Atem die klare Sicht. Was er sah, verhieß nichts Gutes. „Doktor. Bitte!“ Barrow fror entsetzlich. „Setzen Sie Ihre Schutzmaske auf! Schnell! Ich bin sofort bei Ihnen.“ Der Chefkonstrukteur reagierte schnell und legte seine Maske an. Die Kammer des Commanders flackerte. Susannah sah Steven ins Gesicht. Sie war keine Ingenieurin, daher konnte sie vorerst nichts unternehmen, um Steven zu helfen oder für erträglichere Temperaturen zu sorgen. Barrow hingegen schon. Tränenüberströmt stieß sie sich von seiner Kammer ab. „Schwingen Sie sich hier rüber. Schnell! Sie müssen in einen Anzug!“, befahl Susannah. „Ich kann nicht.“ „Reden Sie nicht! Ich helfe Ihnen.“ Sie reichte ihm einen geöffneten Raumanzug und half dem Ingenieur rasch hinein. „Halten Sie die Augen geschlossen, bis der Helm einrastet!“, befahl Susannah und nahm ihm seine Maske ab. Barrow nickte gehorsam und spürte in der nächsten Sekunde die brutale Kälte über ihn hereinbrechen. „Es dauert einen Moment. Gleich geht’s Ihnen besser.“ „Was zum Teufel … was ist passiert?“, wollte er wissen, doch Susannah blockte verbissen ab. „Nicht reden, Chad!“ An ihrem Gesichtsausdruck erkannte er, dass es schlimm stand. Als er schließlich zu Gordon Millers Kammer hinübersah, wusste er, dass die Lage ernster war als befürchtet. Der Chefingenieur war tot.


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