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Science Fiction
Buch Leseprobe Eva war blond ..., Jeamy Lee
Jeamy Lee

Eva war blond ...



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>0 sie war blond. hochgewachsen, schlank, eine makellose figur, wundervolle rundungen an jenen stellen, an denen eine frau eben mit wundervollen rundungen ausgestattet sein musste, um auf der siebenteiligen lüsternheitsskala als erotisch und sexuell besonders stimulierend zu gelten. ein musterbeispiel der weltweit genormte männerblicke fangenden sabbermasse 96‑69‑96. ein körper, der ohne weiteres der auslöser für die im höchsten masse sonderbare jagd nach normleibern hätte sein können, die mitglieder beiderlei geschlechts, von frauen, die dem ideal möglichst nahe kommen und männern, die diese idealfrau möglichst besitzen wollten, mit unglaublicher hartnäckigkeit, unter missachtung aller naturgegebenen anatomischen unterschiede und der daraus resultierenden machbarkeit derartiger umformungsprozeduren, einen gut teil ihres lebens opferten. sie jedoch machte sich schon lange keine gedanken mehr über die erhaltung ihrer proportionen. sicherlich, früher, im einflussbereich der suggestionsfelder ihrer mitschülerinnen und verehrer, war sie darauf bedacht gewesen, ja kein gramm zuviel am falschen ort abzulagern. natürlich hätte sie schon damals auf figurrettungsmassnahmen verzichten können. sie war einer jener vom schicksal verwöhnten menschen, die niemals, unter keinen umständen, in die missliche lage gerieten, am morgen aufzuwachen und festzustellen, ein paar kilogramm zugenommen zu haben. doch war damals ihr selbstbewusstsein noch zu schwach ausgeprägt und sie aus diesem grunde lange zeit den normen der gesellschaft und denen der schönheitsindustrie ausgeliefert gewesen. heute waren ihr solche überlegungen fremd. sie wusste um ihre attraktivität und es machte ihr spass, sich zu bestimmten anlässen besonders herauszuputzen. doch den immer wieder neuen mode-, ernährungs- und fitnesstrends, die vorschrieben, wie sie morgen auszusehen hatte, um en vogue zu sein, folgte sie schon seit langer zeit nicht mehr. ausserdem bewegte sie sich ohnehin genug. liess den lift, der sie auf bequeme art in ihr appartement im achten, dem obersten stockwerk eines hochhauses am rande der stadt, hätte bringen können, so oft es ging, das hiess, wenn sie nicht mit einkaufstüten vollgepackt war, links liegen und benutzte die treppe. im eiltempo natürlich. sie fuhr im sommer liebend gerne mit dem fahrrad zu einem nahegelegenen see, bloss fünfzehn kilometer, kletterte in ihrer freizeit in den bergen der näheren und ferneren umgebung herum, jobbte nebenbei als reitlehrerin und hatte obendrein noch ein abo in einem fitnesscenter. wozu sich also sorgen um die figur machen? eine einstellung, die so gar nicht in das allgemein gültige bild einer blonden frau passen wollte. doch gab es noch andere anomalien in ihrem leben, die krass gegen das gängige klischee einer hübschen blauäugigen blondine verstiessen. ein unglaublicher regelverstoss, der beinahe schon an blasphemie grenzte, war die leider nicht widerlegbare tatsache, diese blonde frau war intelligent, hyperintelligent. sie war mit sicherheit intelligenter als neunundneunzigkommaneunnneunneun prozent ihrer männlichen und klüger als neunundneunzigkommaneunneun prozent ihrer weiblichen artgenossen. ihre vielen doktortitel, sieben an der zahl, darunter die in kybernetik1, medizin, mathematik, archäologie und kunstgeschichte, zeugten von ihrem scharfen verstand und ihrem phänomenalen gedächtnis, ihrer beinahe unheimlichen auffassungsgabe, denn das unglaubliche daran war, erst vor einem monat hatte sie ihr sechsundzwanzigstes lebensjahr vollendet. wäre sie als mann auf die welt gekommen, spräche man sicher von einem genie, doch ihrem aussehen und ihrer blondheit wegen wurde sie von so gut wie niemandem ernst genommen und von so gut wie jedem mit nur einem oder zwei doktortiteln ignoriert. aus diesem grunde vermied sie es, vor allem bei neuen bekanntschaften, über ihre vielen interessen zu sprechen. erfuhren diese durch zufall doch von ihren vielen auszeichnungen, wandten sie sich meist mit einem vielsagenden „aha“ ab und gingen ihr aus dem weg, liessen sie spüren, dass ihr nicht wirklich jemand zutraut, diese titel rechtmässig durch harte arbeit erworben zu haben, waren sicher der meinung, ihr erfolg und ihr makelloses aussehen korrelierten in einem nicht zu übersehenden masse, glaubten wohl, sie hätte sich ihre doktortitel im bett verdient. sie hatte mit den vorurteilen, speziell die ihrer männlichen mitmenschen, leben gelernt, ärgerte sich kaum noch über die arroganz strohdummer high-society-puten, die keine gelegenheit ausliessen, immer neue unwahrheiten über sie zu verbreiten, die in ihren augen nichts weiter als eine billige nutte war. eigentlich taten ihr diese frauen leid, hatten sie doch zu wenig verstand, um zu erkennen, dass doch wohl sie diejenigen waren, die für geld sogar ihre würde verkauften, von ihren körpern gar nicht zu sprechen. diese blonde frau hatte schon in frühen jahren erkannt, dass ein grossteil der gesprochenen worte nur leeres, nichtssagendes gewäsch war, sprachmüll, der nur dazu da war, um eindruck zu schinden, zu schmeicheln und sich irgendwelche vorteile zu verschaffen. denn selten stimmten die gesprochenen worte mit der sprache des körpers2 überein. mit dreizehn war sie zufällig auf ein buch gestossen, ein buch, das sie vom ersten augenblick an in den bann zog, ein buch über psychoanalyse.3 bis zu diesem zeitpunkt lag ihr hauptinteresse im aushecken immer besserer pläne, sich nächtens ungesehen aus dem heim, in dem sie ihre kindheit verbringen musste, fortzustehlen und am morgen ebenso unbemerkt wieder in ihr zimmer zurückzukehren. dieses buch jedoch veränderte ihr leben, mit einem mal war es nicht mehr von wichtigkeit, mit ihren freundinnen nacht für nacht aus dem heim zu verschwinden und durch die strassen zu ziehen. sie widmete sich nur noch der aufgabe, der menschlichen seele auf die schliche zu kommen. sie verschlang buch um buch und lernte dadurch sie die wahren beweggründe ihrer mitmenschen, nur anhand ihrer gangart, ihrer gestik, mimik und der sprachmelodie, stärke und höhe, zu erkennen. sie entwickelte ein unbestechliches gespür für sein und schein, entlarvte in flüchtigen augenblicken schwindler und schmeichler. an sich keine zauberei und für jederfrau erlernbar. nur die kurze zeitspanne, in der sie sich diese dinge aneignete, liess erahnen, welche fähigkeiten in ihr steckten: vier monate. niemand im heim vermutete auch nur im geringsten, dass sie längst jeden einzelnen durchschaute, im vorhinein wusste, ob er ihr gut oder schlecht gesinnt war und so jedem konflikt aus dem wege gehen konnte, bald als wohlerzogene und pflegeleichte jugendliche in den akten aufnahme fand. auch ihre freundinnen störte es nicht besonders, dass sie nicht mehr täglich, sondern nur noch ein-, zweimal im monat, um den schein zu wahren, die nächte mit ihnen in discos verbrachte, solange sie mit tauglichen ausbruchsplänen versorgt wurden, die jetzt, da sie die macken des heimpersonals kannte, noch leichter auszuführen waren als vorher. auch war sie sich schon damals dessen bewusst gewesen, dass ihre weiblichen reize, richtig eingesetzt, ohne probleme so manche sonst verschlossen gebliebene türe öffnen konnten und viele männer einem für eine kleine erwiesene gunst, die kaum mehr als eine viertelstunde, wenn überhaupt, in anspruch nahm, jeden wunsch erfüllten. doch war ihr auch klar, sobald sie diesen weg einschlug, würde sie auch für jede noch so kleine gefälligkeit, für die bis dahin ihre überredungskunst genügt hatte, diesen weg beschreiten müssen. so war sie zur ansicht gelangt, nur im äussersten notfall zu diesem mittel greifen zu wollen und war, im gegensatz zu mancher ihrer freundinnen aus dem heim, bis zum heutigen tage noch in keiner situation gezwungen gewesen, den sexualtrieb für ihre zwecke einzusetzen. auch heute noch war die menschliche psyche, neben der astrophysik4, ihr liebstes experimentierfeld. besonderes vergnügen bereitete es ihr, an heissen, wolkenlosen sommertagen ihrem neuesten und kürzesten minirock, ihrer durchsichtigsten bluse die stadt zu zeigen, sie mit gekonnten, verführerischen hüftschwüngen durch menschenüberfüllte einkaufsstrassen zu bewegen, die handtasche lässig von der schulter baumelnd, ihre schwarze sonnenbrille aufgesetzt und sich an den dumm aus den anzügen, mit weit offenstehenden mündern, heraushängenden zungen und weit aufgerissenen augen glotzenden männergesichtern zu ergötzen, nicht zu vergessen die neidischen blicke der frauen, von denen neunundneunzigkommaneun prozent so sein wollten wie sie und denen gar nicht in den sinn kam, dass sie selbst eigentlich auch sehr hübsch anzusehen waren. und besonders die entsetzten, giftigen, tötenden blicke der zu marmorstein erstarrten gesichtszüge schein-konservativer älterer semester, die dieses flittchen, das halbnackt, womöglich sogar ohne slip, an ihnen vorüberschlich, am liebsten sofort steinigen würden, wäre es nicht gegen das gesetz, sich danach jedoch eiligst nach hause begaben, um in ihren kellergewölben mit freunden heisse pornofilme anzusehen, vermutlich sogar welche aus eigener produktion. ja, diese sommertage liebte sie besonders. doch im augenblick fluchte sie gerade vor sich hin. sie war fuchsteufelswild. seit einer geschlagenen stunde stand sie nun schon im park vor ihrer mietwohnung und wartete auf einen mann, einen bestimmten mann, den sie vor zwei tagen auf einer party kennengelernt hatte. sie wunderte sich selber, dass sie nicht schon längst in ihre wohnung zurückgekehrt war und ihre abgefrorenen finger und zehen in einem heissen bad auftaute. es war nämlich verdammt kalt hier draussen. und darum war es noch verwunderlicher, dass sie nach wie vor im park stand und worte von sich gab, die man am allerwenigsten im sprachschatz einer frau vermuten würde. ihre blonde mähne, die jedes hairdesignstudio ohne zu zögern in sein werbeprogramm als vorzeigemodell für gesundes, vitales, gepflegtes haar aufgenommen hätte, ihre blonden haare, die sich normalerweise locker, sanft an ihren rücken schmiegten und bis hinunter zur taille reichten, kämpften im augenblick gegen die starken windböen an, hingen manchmal beinahe waagrecht in der luft, fielen kurz darauf weich in ihre ausgangslage zurück, um erneut von einem windstoss aufgescheucht zu werden und abermals langsam in die standardposition zu schweben, beinahe in standardposition, die minimalen abweichungen von der normalposition reichten aus, ihrer frisur ein etwas zerzaustes, wildkatzenartiges aussehen zu verleihen, das jedoch exakt ihrer miesen stimmung entsprach und ihrem böse dreinblickenden gesicht einen anarchischen touch verliehen. ihre blauen augen sprühten funken des zorns. der kann was erleben, wofür habe ich ihm meine telefonnummer gegeben? sie nahm ihr handy aus der tasche und versuchte ihn zu erreichen, zum zwanzigsten mal in den letzten fünfzehn minuten, vergeblich, wie schon neunzehnmal zuvor meldete sich nur sein telefonanrufbeantworter. sie war von einer freundin auf diese party eingeladen worden und hatte sofort zugesagt, ihre röcke fristeten schon zu lange ein schattendasein im schrank und es war höchst an der zeit gewesen, einem von ihnen die welt zu zeigen. und diese party war eine mehr als günstige gelegenheit, nach langer zeit mal wieder etwas spass zu haben. sie freute sich schon auf die männer- und frauengesichter und zog ein kurzes, schwarzes stretchkleid mit freiem rücken und tiefem dekolleté an, das nur jeweils eine kleine hälfte ihrer brüste verbarg, ihre brustwarzen gerade noch verdeckte, einem dekolleté, das bis zum bauchnabel reichte. dazu passende netzstrümpfe mit modischer laufmasche, lederstiefel, seidenhandschuhe, zwei perlenketten, rot und schwarz, lederhandtasche und eine rote schildkappe, etwas schräg aufgesetzt, vervollständigten ihre arbeitskleidung zum zwecke der erforschung menschlicher verhaltensmuster. ein dezentes makeup, dunkelroter lippenstift, hellblaues rouge5, in verbindung mit einem kajal verwandelten ihre in einem dunklen orange glänzenden augen, kontaktlinsen machten es möglich, in listige katzenaugen. einige rote und schwarze strähnen in ihrem haar unterstrichen das katzenhafte noch ein wenig. sie betrachtete sich zufrieden im spiegel. was bin ich doch für ein luder, aber manchmal ist es einfach herrlich, ein wenig boshaft zu sein. sie grinste. welcher mann würde sie nicht mit lüsternen blicken anstarren, sie besitzen, im gedanken ihre kleider vom leib reissen und sich auf sie stürzen wollen, es gab ihn nicht, diesen mann, war sie überzeugt gewesen, zumindest bis vor zwei tagen, als sie ihn kennenlernte. sie betrat das haus ihrer freundin, legte ihren mantel ab und wie üblich drehten sich nach und nach alle köpfe und körper in ihre richtung. die gesichtsmuskeln in genau jenen positionen arretiert, die sie schon bei tausenden personen, aus dutzenden ländern hatte beobachten können, als ob ein jeder mensch die gleiche schule der dämlichen gesichtszüge besucht hätte. ein teil der anwesenden wandte sich nervös ab, sie versuchten ihre gespräche fortzuführen, die von ihr auf so unorthodoxe weise unterbrochen worden waren. andere starrten sie weiter an, sich offenbar gar nicht bewusst, dass sie starrten und ihre blicke entlang ihrer kurven, zwischen ihren brüsten und ihrer mitte hin und her pendelten, seltener, aber doch gelegentlich zu ihren augen hochschnellten, um wieder hinunterzufallen, zu ihren brüsten, zu ihrer mitte und ohne zweifel dachten, schade, dass der ausschnitt am bauchnabel endete. sie brachte ihre augenlider auf halbmast, strich mit den händen langsam über ihre hüften, über ihre leicht hervorstehenden beckenknochen, fuhr mit ihrer zunge über ihre oberlippe und schob sich wiegenden schrittes durch die menge, ihrer freundin entgegen, die auf der anderen seite des raumes stand, ein wissendes schmunzeln auf ihren lippen, sie war eine wahre freundin, eine der wenigen eingeweihten, genauer gesagt die einzige eingeweihte. sie berührte wie zufällig einige der starrenden männer, die ihr im weg standen und beobachtete deren reaktionen. bei nicht wenigen konnte sie erkennen, wie sich ihr gehirn langsam, aber sichtbar in tiefere regionen bewegte und andere teile des körpers, als die normalerweise in denkprozesse integrierten, das denken übernahmen. auch die frauen reagierten wie üblich: entweder dachten sie, so würde ich auch gerne aussehen oder dieses flittchen hat uns gerade noch gefehlt. in jeder grösseren bunt zusammengewürfelten personengruppe gab es ausserdem zwei oder drei frauen, die sich in ähnlichen gedankengängen verfingen, wie die anwesenden männer und sehr gerne die eine oder andere nacht mit ihr verbringen würden. sie waren leicht zu entdecken, vollführten sie doch, bewusst oder unbewusst, die gleichen balzrituale, die auch bei der anmache eines mannes verwendung fanden. sie umarmte ihre freundin. eine mittelgrosse, immer fröhliche person, sie konnte sich nicht erinnern, yasina, so hiess sie, jemals nicht gut gelaunt gesehen zu haben, trotz einiger harter schicksalsschläge – sie verlor ihre zweijährige tochter und ihren ersten mann bei einem bombenanschlag auf eine pizzeria, dem sie nur entkommen war, da sie just zum zeitpunkt des anschlags auf der toilette gewesen war, ihr zweiter mann erlag den verletzungen eines brutalen raubüberfalles – eine unverbesserliche optimistin. in ihren roten, kurzgeschnittenen, frech strubbeligen haaren, ihren tief eingegrabenen lachfältchen und der stupsnase offenbarte sich ihr sonniges gemüt, ein mensch, der einem sofort sympathisch sein musste, ob man wollte oder nicht, die sprichwörtliche frau, mit der man pferde stehlen konnte. sie wechselten einige belanglose worte über das wetter und ihr neues parfum und trennten sich wieder. sie ging zu einer couch, schob ihr kleid ein wenig nach oben, setzte sich provozierend, mit etwas gespreizten beinen, so dass man ihren roten slip sehen konnte, auf einen der vielen weichen pölster und wartete. lange würde es sicher nicht dauern und ihr erstes opfer würde sich um sie kümmern. ein junger mann trat ein, musterte, während er das zimmer durchquerte und auf yasina zusteuerte, unauffällig die partygäste, unauffällig für ungeübte beobachter, wozu man sie ja nicht zählen konnte. auch sie wurde einer prüfung unterzogen. ein flüchtiges, kaum wahrnehmbares hochziehen der augenbrauen verriet ihr, dass sie seine aufmerksamkeit erregt hatte, doch sein blick blieb nicht, wie sie es von anderen männen gewohnt war, an ihrem körper kleben, sondern wanderte weiter zum nächsten gast. sie war überrascht, keine spur begierde in seinem gesicht, eher etwas wie bewunderung, wäre nicht dieses kurze zucken der augenbrauen gewesen, hätte man meinen können, er habe sie gar nicht registriert. hatte er seinen körper so gut unter kontrolle oder war er schwul? wäre schade. er gefiel ihr. sie wusste nicht, was ihr an ihm gefiel. er war eher ein durchschnittstyp, sicher kein mann, dem die frauen in scharen nachliefen. doch etwas an ihm reizte sie so sehr, dass sie ihn kennenlernen wollte. er umarmte yasina und küsste sie, sprach einige worte mit ihr, wobei sie einige male sehr aussagekräftige blicke in ihre richtung warf. er fragte sie also über mich aus. gut, dann muss ich mich um nichts mehr kümmern, dachte sie, er wird wohl gleich mit einem drink bei mir antanzen. bin gespannt, mit was für einem spruch er mich anmachen wird. und tatsächlich, zwei minuten später löste er sich von yasina und kam mit zwei gläsern in den händen, inhalt offenbar wodka, sicher ein tip ihrer freundin, auf sie zu. sein geheimnisvolles lächeln zog sie in den bann. sie war sich einen augenblick lang nicht sicher, ob im moment er oder vielleicht nicht doch sie selbst das versuchskaninchen war. ein zögern, eine kleine abweichung in der fliessenden bewegung seines ganges verschaffte ihr klarheit. er hatte sie unmerklich zum versuchsobjekt gemacht, die rollen vertauscht, doch jetzt hatte sie wieder alles unter kontrolle. diese im zehntelsekundenbereich liegende unterbrechung des natürlichen bewegungsablaufes, was immer sie ausgelöst haben mochte, sei es die änderung ihrer sitzposition, ihr einladendes nicken oder der hustenanfall eines gastes gewesen, hatte ihr genügend zeit gegeben, die kräfte neu zu ordnen und zu ihren gunsten zu verschieben. er war ihr ebenbürtig, und das war es, was ihn von anfang an so anziehend gemacht, sie an ihm so faszinierend gefunden hatte. „darf ich mich zu ihnen gesellen oder sind ihre forschungen bezüglich menschlicher verhaltensmuster in stresssituationen noch nicht abgeschlossen?”, war unter den gegebenen umständen wohl die einzige nicht lächerlich wirkende form einer gesprächseröffnung. sie nickte und deutete auf den platz neben ihr. er setzte sich zu ihr, sie drehte sich zu ihm und schloss dabei unwillkürlich ihre beine. er sah ihr in die augen. in die augen und nicht durch, wie sie es schon bei so vielen männern erlebt hatte. ein schauer jagte über ihren rücken, ein funkenregen ergoss sich in ihr gehirn, nervenstränge schmerzten vor überlastung, ein chaos in ihrem hormonhaushalt bahnte sich an. sie versuchte sich zu beherrschen, doch vergeblich, ihre hände begannen zu zittern, ihr puls zu rasen, nicht einmal ihr atem gehorchte ihr mehr. es war ihr jedoch nicht entgangen, dass es ihm offenbar ähnlich erging und sie beide um die wiedererlangung der körperkontrolle kämpften. „nimm das, vielleicht hilft’s”, sagte er und drückte ihr das glas in die hand. sie leerte es in einem zug und atmete danach tief ein, er stand auf, ging zur bar und holte noch zwei doppelte wodka. sie bemerkte, dass sein schritt bei der rückkehr fester und selbstbewusster war als auf dem weg zur bar, er erholte sich, sie jedoch zitterte immer noch, nahm einen der pölster und hielt sich an ihm fest. sie sahen sich ein zweites mal an, der selbe effekt, die selben chaotischen verhältnisse in ihrem inneren. sie leerte das glas erneut in einem zug. er lächelte. wenn wir so weitermachen sind wir in zehn minuten stockbesoffen. wie wär’s mit etwas frischer luft? er deutete auf die glastüre, die in den garten führte. er nahm ihre hand, knisternde funken sprangen zu ihr über, doch anstatt die hand wegzuziehen, was in diesem falle logisch gewesen wäre, drückte sie noch fester zu. sie folgte ihm ferngesteuert hinaus ins freie. yasina grinste. du biest, das zahl’ ich dir heim, waren die einzigen gedanken, die noch einigermassen klar bis in ihr bewusstsein vordrangen, und eigentlich gar nicht so ernst gemeint waren, wie sie auf den ersten blick vielleicht klangen. sie standen nebeneinander, hand in hand, und betrachteten den sternenhimmel. woher kennst du yasina? hat sie dir von meiner vorliebe, der menschlichen psyche, erzählt? nein, nein, sie hat nichts über dich erzählt. ich kenne sie seit zwei monaten, sind uns in der u-bahn über den weg gelaufen, haben uns auf anhieb sympathisch gefunden und uns danach öfter mal getroffen. eine wunderbare frau, eine der wenigen, die ich sofort heiraten würde. läuft was zwischen euch? nicht dass ich wüsste. ich denke, es ist noch etwas zu früh, ich meine, sie wurde in den letzten fünf jahren nicht gerade vom glück verfolgt. sie hat dir davon erzählt? ja. sie muss dich wirklich sehr mögen. sie spricht eigentlich nicht gerne darüber. schon gar nicht mit leuten, die sie erst ein paar wochen kennt. ja, wir verstehen uns prächtig. vor drei tagen lud sie mich zu dieser party ein, erklärte, ich müsse unbedingt kommen, sie wolle mich mit jemandem bekannt machen. jemandem, der mir sicher sehr gut gefallen würde. mehr wollte sie nicht sagen, ich solle mir selbst ein bild machen, hatte sie gemeint. ist normalerweise nicht meine lieblingsbeschäftigung auf parties zu gehen, auf denen ich niemanden kenne. nur war meine neugier stärker. ich wollte diese mysteriöse person kennenlernen, und wenn yasina ein so grosses geheimnis daraus macht, musste sie wohl etwas besonderes sein. und? was und? ich denke, die beiden wodka, die wir da drinnen so unkontrolliert hinunter geschüttet haben, sprechen für sich, du als meisterin auf dem gebiet der psychoanalyse solltest es doch am besten wissen. oder versagen deine künste, wenn es um deine eigene person geht? du hast recht, gerade ich dürfte nicht so dämlich fragen, es ist nur ..., es kam so überraschend, so ..., ich war nicht darauf vorbereitet ... er langte nach ihrer zweiten hand, drehte sie zu sich, sie standen sich gegenüber, blickten sich an, er küsste sie auf die wange. glaubst du, ich war darauf vorbereitet? ich habe zwar vermutet, es müsse sich um eine frau handeln, doch hätte es ebensogut jemand sein können, der sich wie ich für parapsychologie und die phänomene rund um dieses thema interessiert oder für kybernetik, ein gesinnungsgenosse eben. doch als ich diesen raum da hinten betrat, die personen flüchtig ansah ... ... musterte ... bitte? du hast sie einer sehr genauen prüfung unterzogen, bei mir warst du dir allerdings nicht ganz sicher, wo du mich einordnen sollst. er zog die augenbrauen nach oben. alle achtung, du hast es bemerkt? im ersten moment wusste ich wirklich nicht, was ich von dir halten sollte. oberflächlich betrachtet standen die zeichen auf eroberung, doch der zweite blick ... ... der muss mir entgangen sein ... ... ich dachte, entweder bist du eine professionelle, die die stimmung zu gegebener zeit etwas anheizen soll, oder es bereitet dir ein massloses vergnügen, die anwesenden männer in lechzende, hirnlose strohpuppen zu verwandeln. trotzdem warst du die einzige interessante person in dieser menschenansammlung und yasina hat mir kurz drauf bestätigt, dass ich richtig lag und hier war, dich kennenzulernen. eine professionelle also ..., danke für dieses nette kompliment, ich denke, ich gehe jetzt besser. sie riss sich von ihm los, drehte sich um und entfernte sich. „bitte, gern geschehen, wüsste ich es nicht besser, könnte ich tatsächlich annehmen, du wärst beleidigt”, rief er ihr nach. allerdings glaube ich nicht, dass dem wirklich so ist. du solltest in betracht ziehen, würde ich an deiner intelligenz zweifeln und wäre ich nur hinter deinem körper her, ich hätte dir dieses kompliment nie gemacht ... ich lächelte. er war mir wirklich ebenbürtig. komm’, gehen wir, verabschieden wir uns von der kupplerin, ich habe zu hause noch einige flaschen wodka herumliegen, und wenn wir glück haben, finden wir vielleicht noch etwas essbares im kühlschrank. das sass. er stand mit offenem mund in der landschaft und schnappte nach luft, man konnte ihn demnach doch noch überraschen, und das war gut so. wir verabschiedeten uns und gingen. sein rechter arm um meine taille, auf meinen wunsch hin, ich wollte noch mal die neidischen gesichter sehen, die sich jetzt ärgerten, es nicht bei mir versucht zu haben. seine hand nestelte am saum meines kleides, als wollte sie den darunter liegenden schenkel freilegen, meine hand streichelte seinen bauch, öffnete einen hemdknopf und verschwand unter dem seidenstoff. wir gaben ein wunderbares paar ab, als würden wir in jedem augenblick übereinander herfallen, was wir möglicherweise sogar getan hätten, wären wir allein gewesen. auf dem weg zu mir nach hause besorgten wir uns, nein, keine kondome, in meiner handtasche waren immer welche lagernd, für den notfall, und so wie ich ihn einschätzte, in seinen jackentaschen fanden sich sicher auch ein oder zwei dutzend dieser kleinen lebensversicherungen im zeitalter der tödlichen viruserkrankungen, besorgten uns noch einige hamburger und kiloweise snacks. der abend, die nacht, verliefen dann jedoch vollkommen anders, als ich es erwartet hatte. auf dem heimweg erzählte er mir von seinem kybernetikstudium und seinen forschungen auf dem gebiet der künstlichen intelligenz für eine firma, die haushaltsroboter6 herstellte. ich beichtete ihm, sein name war übrigens marvin mynsk7, meinen kybernetikdoktor, was er mit einem „aha“ quittierte. wieder so ein „aha“, ein „aha“ das ausdrückte, eine frau und doktor der kybernetik wäre in etwa das gleiche wie ein mann und kinderkriegen, nicht sehr wahrscheinlich, dachte ich sogleich und brachte meine zynismusraketen in position, ich wusste von früheren erlebnissen, in solchen situationen stand eine vernünftige diskussion nicht zur debatte, ein reflex, eine reaktion, die mir in den letzten jahren in fleisch und blut übergegangen war, musste jedoch mit schrecken feststellen, dass er mich nur necken wollte. er sagte nur, er liebe intelligente frauen und ich wäre ihm nach meiner beichte gleich noch um etliche prozentpunkte sympathischer, worauf ich ihm natürlich auch gleich meine restlichen doktortitel unter die nase rieb. die nächste überraschung, zumindest überraschend für mich, war das verhalten meiner katze, sie verkroch sich nicht wie üblich, wenn fremde bei mir auf besuch waren, im schrank hinter fernseher, videorecorder und hifianlage, sondern breitete sich auf der couch aus und liess sich von ihm streicheln. wie schenkten uns achtfache wodka ein und begannen an unseren hamburgern und pommes zu kauen. während wir so vor uns hin schmatzten, mozarts „così fan tutte“8 aus den boxen dudelte, diskutierten wir über die machbarkeit eines menschlichen hirnersatzes, eines künstlichen supercomputers, der das menschliche gehirn ersetzen konnte. seine ausführungen über neuroschalter, kleine künstliche roboter, die sich selbst nach bedarf reproduzierten, ein verflochtenes netz aufbauten, dem neuronalen netzwerk9 eines menschen nicht unähnlich und so den lernprozess eines kindes nachvollziehen sollten, nahmen einen grossteil der nacht in anspruch. ich war so fasziniert von seinen theorien, dass ich die hamburger kalt werden liess, vergass, dass er ein mann und ich eine frau war und auch meinen wodka. später unterhielten wir uns über, besser trug ich ihm, physik war nicht sein stärkstes fach, meine grosse vereinheitlichungstheorie10 vor, eine theorie, die den aufbau und ursprung des universums erklären konnte, es war die eingliederung der relativitäts- in die quantentheorie – mittels eines fiktiven ginkwah-feldes – die lange gesuchte quantentheorie der gravitation. doch war es mir im prinzip so etwas von egal, ob überhaupt jemand jemals etwas von dieser theorie erfuhr, ich erzählte ihm nur deshalb davon, da er der erste mann war, der mir wirklich zuhörte und nicht nur so tat. und das unglaublichste: er fragte mich, eine frau, ob ich die passagen, die er nicht verstanden hatte, noch einmal und ausführlicher erklären könnte. er war der erste von den männern, die ich kannte, der nicht allwissend und sich seiner schwächen bewusst war und es auch zugab. ehe wir uns versahen, war es sieben uhr am morgen, die nacht vorüber, wir todmüde. ich bereitete uns noch einen kaffee, wärmte unsere hamburger in der mikrowelle auf, wir frühstückten, danach verabschiedete er sich, doch nicht ohne eine zweites treffen mit mir zu vereinbaren, bei dem wir eventuell nicht unbedingt über künstliche neuronetze und ginkwah-quantengravitationstheorien sprechen wollten. und dieses treffen hätte heute stattfinden sollen. ich blickte auf die uhr. gut, ich glaube, ich kann getrost in meine warme wohnung zurückkehren, er kommt jetzt bestimmt nicht mehr.


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