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Science Fiction
Buch Leseprobe Einladung an die Erde, Gerd Kramer
Gerd Kramer

Einladung an die Erde


Science-Fiction

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1


 


Das bedeutendste Vorhaben, das je von einer intelligenten Spezies im Universum unternommen wurde, begann vor über 45@000 Erdenjahren auf dem Planeten Taria.


 


 


 



 


*


 



Fast im Jahreszyklus braute sich etwas in Steffens Gehirn zusammen. Dieses Etwas begann mit Konzentrationsschwierigkeiten, steigerte sich in Grübeleien und endete meistens mit Kopf- oder Rückenschmerzen. Manchmal dachte sich sein Körper weitere Reaktionen aus, darunter Gelenkschmerzen und Hautausschläge. Er hatte keine Psychologen konsultieren müssen, um die Ursache dieses wiederkehrenden Phänomens herauszufinden. Sogar eine Therapie hatte er sich selbst zurechtgelegt. Sie war einfach, aber effizient. Beim ersten Auftreten der Symptome musste er eine mehr oder weniger gravierende Veränderung seines Alltags vornehmen. Ganz sicher funktionierten der Umzug in eine neue Wohnung und die Trennung von einer Freundin. Ersteres war aufwendig, das Zweite ließ sich nicht realisieren, da er seit geraumer Zeit solo war.


 


Manchmal halfen aber auch Impulse von geringerer Tragweite. Beim letzten Mal hatte er Stupsi, die Hündin einer Nachbarin, in Pflege genommen. Das Tier hatte seinen Alltag komplett umgestaltet. Nach nicht einmal einer Woche waren alle Beschwerden verschwunden gewesen. Aber Stupsi war inzwischen in eine andere Stadt gezogen und stand für eine Therapie nicht mehr zur Verfügung.


 


Er hatte keine Ahnung, warum ihm diesmal Oliver eingefallen war, als die Schlafstörungen begannen und er tage- und nächtelang über das Thema nachgrübelte, das ihn sein ganzes Leben lang begleitete. Vielleicht hatte er an die alten Zeiten mit seinem Freund gedacht, an ihre gemeinsamen Projekte, wie die Konstruktion der Cocktailmaschine oder des sechsbeinigen Laufroboters. Sie hatten viel Spaß gehabt. Trotzdem hatten sie sich aus den Augen verloren, nachdem Oliver das Studium abgebrochen hatte.


 


Als Steffen ihn anrief, ahnte er nicht, wie nachhaltig das Treffen sein Leben verändern würde.


 


 


 


„Was verschlägt jemanden in diese Gegend?", fragte er sich, als er gegen Abend in den Feldweg einbog, der zu einem reetgedeckten Fachwerkhaus führte. Das Gebäude sah heruntergekommen, wenn nicht gar baufällig aus. Eine gelborangefarbene Holzhütte mit Satteldach hob sich wohltuend von der tristen Umgebung ab. Das Grundstück machte nicht den Eindruck, als wären in der Hütte Gerätschaften zur Gartenpflege untergebracht.


 


Steffen stellte sein Auto neben einem alten Mercedes Diesel ab. Er erschrak, als er den Klingelknopf drückte und die Big-Ben-Melodie in Originallautstärke ertönte. Sie hätte Tote aufwecken können, die in dieser verlassenen Gegend begraben sein mochten. Wenig später öffnete sich die massive Holztür. Erst als sich Steffen die Bartstoppeln, die langen Haare und die blauen Ringe um die Augen wegdachte, erkannte er seinen Freund wieder. Beide ballten spontan die rechte Faust und stießen sie aneinander, so wie sie sich früher oft begrüßt hatten.


 


„Mensch, dass du noch mal den Weg zu mir findest …"


 


„War nicht einfach", lachte Steffen.


 


„Komm rein."


 


Oliver führte Steffen durch einen Flur in das Wohnzimmer. Oliver nannte es Wohnzimmer. Es war wohl auch ursprünglich als solches genutzt worden, glich jedoch einem gut ausgestatteten Elektroniklabor. Alle Wände waren mit Tischen verschiedenster Ausführungen zugestellt. Optik und Kombination der Möbel ließen darauf schließen, dass sie aus Haushaltsauflösungen oder vom Sperrmüll stammten. Fast ein Dutzend Computer auf und unter den Tischen, Flach- und Röhrenbildschirme, Oszilloskope, ein FFT-Analysator, zahlreiche Platinen und elektronische Bauteile erzeugten den Eindruck, als würde hier geheimnisvolle Forschung betrieben.


 


„Setz dich", sagte Oliver, zeigte auf einen der beiden Schreibtischstühle und nahm selbst vor einem überdimensionalen Flachbildschirm Platz.


 


„Kaffee?"


 


„Nein, danke", sagte Steffen, als er Olivers Tasse mit den Jahresringen verschiedener Füllstände sah. „Wie geht es dir?"


 


„Gut. Sehr gut. Und dir?"


 


„Kann nicht klagen."


 


„Was macht das Studium?"


 


„Häng zurzeit ein bisschen durch. Hast du nie bereut, dass du das Physikstudium abgebrochen hast?"


 


„Ne. Ich kann endlich machen, was ich will. Das, was mich wirklich interessiert, wird an der Uni sowieso nicht gelehrt."


 


„Du willst immer noch wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält?"


 


„Ja. Und das lässt sich nicht in Formeln ausdrücken – jedenfalls nicht nur."


 


„Vielleicht hättest du besser Philosophie studieren sollen", sagte Steffen. „Die Berufsaussichten für Physiker sind allerdings wesentlich besser."


 


„Was wirst du machen, wenn du deinen Master hast?"


 


„Keine Ahnung. Mal sehen, was sich ergibt."


 


„Du willst nicht in die Forschung gehen?"


 


„Viel Arbeit und wenig Geld? Bestimmt nicht."


 


„Promovieren?"


 


„Nein, lohnt sich nicht. Wohnst du alleine hier?"


 


„Mit Vanessa."


 


„Das ganze Zeug hier kostet doch bestimmt einen Haufen Geld."


 


„Ich hatte Sponsoren."


 


„Vanessa?"


 


Oliver lachte. „Nein. Die kostet nur. Meine Eltern – die glaubten an mich. Zuerst waren sie ziemlich sauer, als ich alles hingeschmissen hatte. Aber dann akzeptierten sie meine Entscheidung. Sie haben mir diese Villa geschenkt, die sie von meinem Großvater geerbt haben. Mein Vater ist leider vor zwei Jahren gestorben. Meine Mutter hat wieder geheiratet und wohnt in der Nähe von München. Dein Vater ist gestorben, als du noch ein Kind warst, nicht wahr?"


 


„Ich war vier Jahre alt. Ich kann mich nicht mehr an ihn erinnern."


 


„Du hast mir nie erzählt, was passiert ist."


 


„Er wurde …" Steffen stockte. „Ein Unfall."


 


Die Eingangstür knarrte, und ein Tier mit hellbraunem Fell zwängte sich durch den Spalt.


 


„Das ist Vanessa", sagte Oliver.


 


Die Katze strich um Steffens Beine und sprang dann auf einen Schreibtisch, auf dem eine ausreichend freie Fläche zum Schlafen zur Verfügung stand.


 


„Ein Bier trinkst du doch mit." Oliver stand auf, ohne Steffens Antwort abzuwarten. Nach einer Weile kam er mit zwei Flaschen und einem Glas zurück.


 


„Ich trink’ aus der Flasche", sagte Steffen. „Du beschäftigst dich immer noch mit der Astronomie?"


 


„Ja. Das lässt mich einfach nicht los. Inzwischen verdiene ich sogar etwas Geld damit. Ich baue Steuerungen und entwickle Software für die verschiedensten Anwendungen. Zurzeit beschäftige ich mich mit der Spektroskopie. Ein Auftraggeber hat mir einen Vorschuss gegeben, von dem ich mir ein Spektroskop angeschafft habe. Das Ding hat über zwei Mille gekostet."


 


„Damit kannst du das Spektrum von Sternen analysieren?"


 


„Klar. Und eine CCD-Kamera liefert Aufnahmen davon. Ich kann die Spektren fast in Echtzeit aufzeichnen."


 


„Interessant. Aber wo ist dein Teleskop?"


 


„Da draußen." Oliver zeigte auf das Blockhaus im Garten, das man wegen der inzwischen fortgeschrittenen Dämmerung nur noch schemenhaft durch das Fenster erkennen konnte. Er drückte auf einen Knopf, der auf einer Metallleiste an der Wand montiert war. Mit einem surrenden Geräusch fuhr das Dach langsam zur Seite, und ein Teleskop wurde sichtbar. „C14, Spiegelteleskop. Spektroskop und Kamera sind montiert. Wenn du willst, können wir nachher eine Aufnahme machen."


 


 


 


Die beiden Freunde unterhielten sich über vergangene Zeiten, und es spielte keine Rolle, ob alles tatsächlich so gewesen war, wie sie es aus ihrem Gedächtnis abriefen.


 


„Draußen ist es jetzt stockfinster", sagte Oliver, „deswegen wohne ich hier am Arsch der Welt, fern der Lichtverschmutzung."


 


„Dann hol mir doch mal einen Stern vom Himmel."


 


„Einen einzelnen Stern anzupeilen, bringt nicht sonderlich viel. Viel mehr als einen hellen Punkt wirst du nicht erkennen. Aber der Orionnebel ist hübsch anzusehen. Wir könnten allerdings auch das Spektrum eines Sterns mit meiner neuen Apparatur aufnehmen. Such dir ein Objekt aus." Oliver deutete auf die Himmelskarte auf dem Computerbildschirm.


 


„Okay." Steffen schloss die Augen, ließ seinen Zeigefinger in der Luft kreisen und tippte auf den Monitor. „Der hier."


 


 



„Gute Wahl", lachte sein Freund und positionierte die Maus an der betreffenden Stelle. „Spektralklasse G, könnte einen bewohnbaren Planeten haben."


 



 


 


„Dann zoom mal ran. Hast du noch ein Bier?"


 


„Klar, und eine Tüte Chips kann ich auch anbieten. Ansonsten ist mein Kühlschrank leider ziemlich leer."


 


„Das Problem kenn’ ich", sagte Steffen und grinste.


 


 


 


Als Oliver den Proviant abgestellt hatte, hackte er einige Minuten auf der Tastatur herum. „So. Ist vorbereitet. Das läuft jetzt alles automatisch ab. Mein Programm bringt das Teleskop in Stellung, das Spektroskop zerlegt das Licht, und die Kamera nimmt die Bilder auf."


 


Er drückte auf die Eingabetaste und sah triumphierend zu Steffen hinüber. Beide hoben gleichzeitig ihre Bierflaschen und stießen an. Nach wenigen Minuten erschien das Farbspektrum auf dem Computerbildschirm.


 


„Da hast du deinen Regenbogen", sagte Oliver. „Man erkennt deutlich die dunklen Linien im Spektrum, die Fraunhoferlinien, die Joseph Fraunhofer entdeckt hat. Sie werden mit den Buchstaben A bis K bezeichnet."


 


Oliver zeigte mit der Maus auf die schwarzen Striche im Spektrum. Bei A, B ist Sauerstoff beteiligt, bei C, F Wasserstoff und so weiter. Aus dem Vorhandensein der Linien kann man auf die entsprechenden Elemente in der Chromosphäre des Sterns schließen.


 


„Echt?", rief Steffen mit künstlichem Erstaunen aus.


 


Oliver lachte. „Sorry, wem ich erzähle ich das!"


 


„Welche Linie an welcher Stelle zu finden ist, weiß ich allerdings nicht."


 


„Die A-Linie ist nicht zu erkennen. Sie liegt hier irgendwo am dunklen roten Rand des Spektrums. Aber die anderen sind sichtbar. Ziemlich auffällig ist die E-Linie im grünen Bereich, an der Eisen beteiligt ist."


 


Oliver dirigierte die Maus in den grünen Teil der Grafik.


 


„Äh – Mist! Was ist denn das?"


 


„Was ist los?"


 


„Die E-Linie fehlt!"


 


„Echt? Und was bedeutet das?"


 


„Das kann nicht sein. Das ist völlig unmöglich!"


 


„Vielleicht ist dein Spektroskop hinüber."


 


„Blödsinn."


 


Oliver klickte hektisch in irgendwelchen Programmmenüs herum. Schließlich erschienen die Großbuchstaben A bis K über den dicksten Linien und Kleinbuchstaben über den etwas schwächeren. Bei E war kein dunkler Strich zu erkennen.


 


„Hier müsste eine Linie sein." Er ließ den Mauszeiger um das E kreisen. „Ich fass’ es nicht!"


 


„Mach noch eine Aufnahme, Olli!"


 


Oliver starrte immer noch auf die Grafik, als könne die fehlende Linie plötzlich auftauchen. Schließlich schien er die Hoffnung aufzugeben und startete einen weiteren Messvorgang.


 


Als das neue Spektrum auf dem Bildschirm erschien, atmete er hörbar auf.


 


„Puh, da ist sie." Er lehnte sich zurück. „Keine Ahnung, was da vorhin los war."


 


„Die F-Linie?", fragte Steffen.


 


„Wasserstoff", antwortete Oliver.


 


„Wo ist die?"


 


Olivers Finger wanderte zum grünen Bereich. „Verflixt noch mal!" Er schlug mit der Faust auf den Schreibtisch, sodass der Bildschirm wackelte. „Wie viel Bier haben wir getrunken?"


 


„Jeder eineinhalb Flaschen."


 


„Dann kann’s nicht daran liegen."


 


„Noch ’ne Aufnahme?"


 


„Klar."


 


Nach endlosen Sekunden wurde ein weiteres Spektrum angezeigt.


 


„Siehst du, was ich sehe? G und E fehlen. Was ist das für ein verdammter Stern?"


 


„Könnte es nicht doch ein Fehler in deiner Apparatur sein?"


 


„Kann ich mir absolut nicht vorstellen. Wir könnten zum Vergleich einen anderen Stern analysieren. Aber eigentlich ist das überflüssig. Solch einen Fehler im Messsystem gibt es nicht."


 


„Kannst du eine Bildsequenz mit der CCD-Kamera machen?"


 


„60 Bilder in der Sekunde sind kein Problem. Ich kann sie nur nicht in Echtzeit anzeigen."


 


„Gut. Mach’s!"


 


„Okay."


 


Nach einigen Vorbereitungen startete Oliver den Versuch. Währenddessen griff er ständig in die Chips-Tüte, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen, obgleich dort außer einem Fortschrittsbalken nichts zu sehen war. Die Computertasten waren von Krümeln gelb umrandet, als der Balken endlich auf 100 Prozent stehenblieb.


 


„Fertig", sagte Oliver.


 


„Kannst du die Bildfolge abrufen, wie bei einem Film?"


 


„Nichts leichter als das. Soll ich wirklich?"


 


„Mensch, mach hin", drängte Steffen ungeduldig.


 


Als die Folge der aufgenommenen Spektren über den Monitor lief, war es mucksmäuschenstill. Nur das Schnurren des Rechners und das der Katze waren zu hören.


 


Die beiden Freunde sahen sich an.


 


„Ich glaub’ einfach nicht, was ich hier sehe", unterbrach Steffen die Stille.


 


„Ich auch nicht", murmelte Oliver.


 


„Kannst du das noch langsamer ablaufen lassen?"


 


„Natürlich."


 


Oliver ließ die Bildsequenz in Zeitlupe anzeigen.


 


 


 


Steffen stand auf und lief im Wohnzimmer auf und ab. Oliver verfolgte die Route seines Freundes und beobachtete dessen Mimik.


 


„Hast du eine Idee, was das Ganze zu bedeuten hat? Wie viele Fraunhoferlinien gibt es?", fragte Steffen.


 


„Fraunhofer hat damals 570 Absorptionslinien gefunden. Insgesamt gibt es wohl über 25 000. Die markantesten sind mit Großbuchstaben bezeichnet."


 


„Welche sind das?"


 


„A, B, C, D1 und D2 – D ist eine Doppellinie, E, F, G, H, K."


 


„Das sind – wie viele?"


 


Oliver murmelte die Buchstaben vor sich hin und zählte sie an den Fingern ab.


 


„Zehn. Aber die Linien A und B stammen nicht vom Stern."


 


„Wieso?"


 


„Es wäre nicht verkehrt, wenn du das in der Prüfung beantworten könntest."


 


„Bis dahin weiß ich das. Also?"


 


„Das sind sogenannte tellurische Linien. Sie entstehen in der Erdatmosphäre."


 


„Danke für die Nachhilfe. Dann haben wir wie viele?"


 


„Acht."


 


„Acht?"


 


„Acht!"


 


„Ne."


 


„Doch!"


 


„Und alle werden an- oder ausgeschaltet, mal einzeln, mal kombiniert?"


 


„Ja."


 


Steffen setzte sich wieder auf seinen Stuhl. „Du denkst das Gleiche wie ich, nicht wahr?"


 


Der Bildschirmschoner wurde aktiv, und einzelne Sterne blitzten an zufälliger Position auf. Die beiden Freunde sahen sich an.


 


„Ich denke das Gleiche wie du", sagte Oliver. Er bewegte die Maus, und das Analyseprogramm mit dem letzten Spektrum erschien wieder.


 


„Kannst du mir die Daten mitgeben?", fragte Steffen.


 


„Das sind riesige Dateien. Ich könnte sie auf meinen Server laden und dir den Zugang geben."


 


„Machst du mir – sagen wir – eine Aufnahme von zehn Minuten Dauer?"


 


„Geht in Ordnung. Du willst mich bei der Sache doch wohl nicht außen vor lassen?"


 


„Keine Sorge. Das ist unser gemeinsames Projekt. Wir sollten zunächst einmal niemandem davon erzählen. Kannst du dichthalten?"


 


„Klar. Ich wüsste sowieso niemanden, dem ich das erzählen könnte. Vanessa vielleicht, aber die erzählt es bestimmt nicht weiter. Oder meiner Schwester."


 


„Du hast eine Schwester?"


 


„Yvonne. Du kennst sie."


 


„Ja. Ich erinnere mich. Dein achtzehnter Geburtstag. Die Kleine mit dem Pferdeschwanz."


 


„Na ja. Sie ist jetzt 22 und studiert Biologie – ohne Pferdeschwanz."


 


 


 


 



2


 


 


 



Das Bier, die Müdigkeit und seine gedankliche Abwesenheit waren wohl Ursache dafür, dass Steffen auf der Heimfahrt mehr als einmal einen Bordstein traktierte und Verkehrsschilder weitgehend ignorierte. Als er zu Hause eintraf, erinnerte er sich kaum an die Strecke, die er gefahren war. Stattdessen hatte sein Gedächtnis seine Gedankengänge weitgehend aufgezeichnet, zumindest die, die einer gewissen Logik gefolgt waren und seinen ungeheuerlichen Verdacht zu bestätigen schienen.


 


An Schlaf war nicht zu denken. Er hoffte, dass Oliver nicht vergessen hatte, die Daten auf den Server zu laden und ihm das Passwort zu schicken.


 


Auf seinen Freund war Verlass. Nach einer halben Stunde befanden sich die Daten auf seinem Rechner. Jetzt musste er nur noch die Software für die Auswertung schreiben. Das „nur" hatte es allerdings in sich.


 


Eigentlich war der Algorithmus, den er sich für die Auswertung der Spektren ausgedacht hatte, gar nicht so kompliziert. Aber wie immer steckte der Teufel im Detail. Acht Linien, die jeweils sichtbar oder unsichtbar waren. Achtmal an oder aus, null oder eins – das waren acht Bit, also ein Byte. Aber die Linien waren schwer zu erkennen. Auge und Gehirn schafften das ohne große Probleme, aber ein dummer Computer benötigte dazu ein intelligentes Programm. Nach weiteren zwei Stunden lief das intelligente Programm weitgehend fehlerfrei. Wenn er es startete, wurden die Aufnahmen nacheinander auf dem Bildschirm angezeigt und zu jedem Bild das Bitmuster. Steffen stellte fest, dass dieses in der Regel bei jedem zweiten Bild wechselte. Bei 60 Grafiken pro Sekunde, die die Kamera geliefert hatte, ergaben sich somit 30 Bytes pro Sekunde.


 


Steffen überlegte, welcher Art die Nachricht sein konnte. Verbarg sich ein Text oder eine Abbildung hinter der Byte-Folge? Er musste an die Arecibo-Botschaft denken, die man im November 1974 in Richtung des Kugelsternhaufens M13 im Sternbild Herkules gesendet hatte. Auch die war binär codiert gewesen. Einen Binärcode verstand jede technische Zivilisation. Die Arecibo-Botschaft bestand aus 1679 Bits, Nullen und Einsen, die so angeordnet waren, dass sie ein rechteckiges Bild ergaben.


 


Schnell stellte Steffen fest, dass die „Morsezeichen", die der Stern sendete, keine Abbildung, sondern ganz einfach Zahlen waren. Er war sich sicher, dass es sich um die Ordnungszahlen – das heißt, die Anzahl der Protonen – der chemischen Elemente handelte: 1 für Wasserstoff, 6 für Kohlenstoff und 7 für Stickstoff. Des Weiteren waren sie gruppiert. Jeweils das letzte Spektrum einer Gruppe blieb über eine Sequenz von vier bis fünf Spektralaufnahmen konstant.


 


Hatte er gerade eine Nachricht einer außerirdischen Intelligenz entschlüsselt, oder hatte ihn jemand nach Strich und Faden veräppelt? Wenn Letzteres der Fall war, dann kam nur Oliver als Täter in Frage.


 


Er wählte Olivers Telefonnummer.


 


„Hast du was Neues?", fragte dieser sofort.


 


„Ich hab’ die Nachricht entschlüsselt."


 


„Cool! – Und?"


 


„Sag mal, glaubst du an Außerirdische?"


 


„Klar doch. Allein in unserer Milchstraße gibt es Milliarden von Planeten. Es würde mich echt wundern, wenn nicht irgendwo intelligente Bewohner anzutreffen wären. Aber sag schon, was hast du herausgefunden?"


 


„Kann es sein, dass jemand die Daten manipuliert hat?"


 


„Mann, was soll das? Du warst doch selbst dabei. Da konnte niemand von außen was manipulieren."


 


Steffen schwieg eine Weile.


 


„Du glaubst doch nicht, dass ich …? Solche Scherze mach’ ich nicht." Aus Olivers Tonfall war deutlich Entrüstung herauszuhören.


 


„Nein, natürlich nicht. Sorry, aber es ist einfach unglaublich."


 


„Mensch, rede schon!"


 


„Die Aliens haben uns chemische Formeln geschickt."


 


„Was?"


 


„Soweit ich es mit meinem begrenzten Chemiewissen beurteilen kann: alles Formeln für organische Moleküle."


 


„Du spinnst. Was für Moleküle?"


 


„CH4N2O – Harnstoff."


 


„Okay, hab’ verstanden. Wäre fast drauf reingefallen. Die Aliens haben uns die Formel für Pisse geschickt." Oliver lachte. „Nein, im Ernst, was hast du rausgefunden?"


 


„Mann! Ich hab’ im Internet nachgeguckt. Harnstoff, Glycin, Milchsäure, Wasser und diverse andere Stoffe."


 


„Echt?"


 


„Echt!"


 


„Das ist ein Ding."


 


„Das kannst du laut sagen."


 


„Bist du dir sicher?"


 


„Ja. Kein Zweifel. Das ist aber noch nicht alles. Ich glaub’, die haben uns sogar Mengen angegeben."


 


„Ja, ja. In Gramm vermutlich, was?"


 


In Steffen gärte es. „Du wolltest doch, dass wir das Rätsel zusammen lösen. Also lass mal für einen Moment die Witze."


 


„Sorry. Hast ja recht."


 


„Ich bin sicher, dass die Mengenangaben auf der Masse des Wasserstoffatoms beruhen."


 


„Das klingt logisch. Hast du eine Ahnung, was sie uns da zusammengebraut haben?"


 


„Nein. Vielleicht sollten wir das Rezept einfach mal ausprobieren."


 


„Klar, Mensch. Kannst du mir die Formeln rüberschicken? Ich werde versuchen, das Zeug zu besorgen."


 


„Wir brauchen das gesamte Signal, Oliver. Du hast ja nur elf Minuten aufgenommen. Ich nehme an, dass es sich irgendwann wiederholt. Du musst einen Check in dein Programm einbauen, der das Ende erkennt."


 


„Ja, mach’ ich. Sag mal, kannst du nicht deine Zahnbürste einpacken und für ein paar Tage bei mir einziehen? Dann könnten wir gemeinsam forschen. Du kannst die gesamte obere Etage haben."


 


Steffen überlegte einige Sekunden. „Die Idee ist gut. Vorher besorge ich uns aber etwas Proviant."


 


 


 


Etwas mehr als eine Zahnbürste war es schon, was Steffen mitnahm, um sich bei seinem Freund häuslich einzurichten. Nach einigen Tagen fühlte er sich in der neuen Umgebung wohl. Mit Vanessa hatte er sich schnell angefreundet.


 


Eine Schlechtwetterfront verhinderte zunächst weitere Spektralanalysen. Als endlich wieder klare Nächte folgten, stieg die Spannung erneut an. Den beiden Freunden gelang eine Aufnahme von über vier Stunden Dauer, ausreichend, um eine vollständige Sequenz zu erhalten. Nach drei Stunden und acht Minuten wiederholte sich das Signal offenbar. Zur Sicherheit zeichneten sie zwei weitere Sequenzen auf und verglichen die Ergebnisse miteinander. Da es keine Abweichungen gab, waren sie sich schließlich sicher, dass die Daten keine Fehler enthielten.


 


Die Auswertung mit Steffens Programm lieferte eine Liste mit Formeln, die allesamt organische Moleküle beschrieben. Besonders interessant war der letzte Abschnitt, der vier Basen und danach eine Abfolge dieser Moleküle angab. Es bestand kein Zweifel: Diese Sequenz stellte eine DNA dar.


 


Oliver erzählte, seine Schwester kenne einen Kommilitonen aus dem Chemie-Institut der Uni, der das Material, außer der DNA, besorgen könne.


 


„Und die DNA?", fragte Steffen.


 


„Bestellen wir im Internet."


 


„Einfach so?"


 


„Ja. Du füllst ein Formular aus, gibst die Buchstabenfolge an, und ein Laborroboter setzt die Molekülkette zusammen. In ein paar Tagen bringt uns ein Kurier den Stoff. Die vier Zahlen am Ende der Liste stehen für die Basen Cytosin, Guanin, Adenin und Thymin, C, G, A, T."


 


„Ich bin platt. Woher weißt du das?"


 


„Hab’ mich schlaugemacht. Unsere Buchstabenfolge ist CCCAGGGAT – und so weiter. Sicherheitshalber werde ich einen schönen Briefkopf entwerfen, sagen wir: StefOli Chemical Research."


 


 


 


Oliver hatte nicht zu viel versprochen. Nach weniger als einer Woche traf das Genmaterial ein, sorgfältig in einer Kühlbox verpackt. Am späten Nachmittag des Folgetages brachte Yvonne das restliche Material. Die Männer schleppten die Kiste mit den Chemiebehältern ins Wohnzimmer. Einige Chemikalien waren in Kunststoff-, andere in Glasflaschen abgefüllt.


 


„Was habt ihr vor?", fragte sie, nachdem sich alle gesetzt hatten.


 


Steffen wäre auf der Straße an ihr vorbeigelaufen. Er hätte sie nicht wiedererkannt. Der Pferdeschwanz war zu einer frechen Kurzhaarfrisur geworden, und ihre Formen hatten sich entwickelt, fast ein wenig zu weit, wie er feststellte.


 


Während Oliver ihr die Geschichte in groben Zügen erzählte, schüttelte sie wiederholt ungläubig den Kopf.


 


„Und ihr bindet mir keinen Bären auf?", fragte sie.


 


„Ein bisschen viel Aufwand für einen Scherz, meinst du nicht?", entgegnete Oliver.


 


„Hm. Was erwartet ihr? Was wird passieren, wenn wir das alles zusammenrühren?"


 


„Keine Ahnung. Eine Bombe wird das sicherlich nicht werden."


 


„Ein wenig erinnern mich die Zutaten an das Miller-Urey-Experiment."


 


„Du meinst das Experiment mit der nachgebildeten Uratmosphäre, bei dem organische Verbindungen entstanden?"


 


„Ja. Aminosäuren, Kohlenhydrate und sogar RNA-Basen entstehen bei dem Versuch. Aber euer Mix enthält bereits viele der organischen Stoffe, die damals entstanden."


 


„Außerdem hat man Energie zugeführt, elektrische Entladungen, die Blitze in der Atmosphäre simulieren sollten."


 


„Ja. Aber vielleicht sind gar keine Entladungen erforderlich. Einige der Stoffe, die ich mitgebracht habe, könnten als Katalysatoren dienen. Ich bin jedoch keine Fachfrau auf dem Gebiet." Yvonne lachte.


 


„Probieren geht über studieren", sagte Steffen. „Hast du eine Laborwaage, Olli?"


 


„Hab’ ich besorgt." Er öffnete einen Unterschrank und brachte eine Digitalwaage zum Vorschein. Dann ging er in den Keller und kam mit einem Glasbehälter zurück, der ursprünglich als Aquarium gedient hatte. „Hierin rühren wir unsere Ursuppe an."


 


 


 


Sie benötigten mehrere Stunden, um das Gemisch fertigzustellen, eine milchig-trübe Flüssigkeit, die ein wenig streng roch.


 


„Das war’s", sagte Oliver. „Es ist nichts passiert."


 


„Jetzt heißt es abwarten", meinte Steffen.


 


„Okay. Ihr braucht mich nicht mehr. Ich werde dann mal gehen. Sagt mir Bescheid, wenn sich was tut, ja?" Yvonne verabschiedete sich mit einem Lächeln.


 


„Klar, machen wir. Grüß Paul von mir."


 


 


 


„Nett, deine Schwester", bemerkte Steffen wie beiläufig, als sie gegangen war.


 


„Ja, ist sie. Ist aber schon vergeben. Was macht dein Liebesleben?"


 


„Tote Hose, im wahrsten Sinne des Wortes."


 


„Bringt sowieso nur Ärger. Ich bin auch solo. Also können wir uns ganz unserem Projekt widmen. Oder hast du gerade Stress an der Uni?"


 


„Ich sollte mich eigentlich auf die Prüfung vorbereiten."


 


„Das Problem hab’ ich nicht." Oliver grinste.


 


„Vielleicht machst du es richtig."


 


„Sag, hast du eigentlich eine Ahnung, wie unsere Schwestern und Brüder das mit dem Ein- und Ausblenden der Spektrallinien bewerkstelligt haben?"


 


„Mit einem Filter wird das ja wohl kaum funktionieren. Die schwarzen Linien sind ja Lücken im Spektrum, Frequenzen, die absorbiert werden. Da, wo nichts ist, kann man nichts herausfiltern. Das Problem ist also nicht das Ausblenden, sondern das Ergänzen des Spektrums, dort, wo die schwarzen Linien sind", sagte Steffen.


 


„Ja, klar. Und? Wie haben die das gemacht?"


 


„Woher soll ich das wissen?"


 


„Ich hab’ mein Studium schließlich abgebrochen. Du bist doch das Genie."


 


„Da stimme ich dir zu. Die Idee, die eigene Sonne als Signalquelle zu nutzen, ist echt abgefahren. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Bewohner des Planeten technische Möglichkeiten haben, gezielt die Strahlung in Richtung Erde zu beeinflussen. Dann muss es ihnen nur noch gelingen, die Absorptionslücken mit Wellen aus einem anderen Spektralbereich aufzufüllen."


 


„Wie soll das funktionieren?"


 


„Frequenzverschiebung. Bis vor kurzem hätte ich noch gedacht, dass so etwas nicht möglich ist. Ich hab’ aber einen interessanten Artikel in einer Zeitschrift mit der Überschrift ‚Frisiertes Sonnenlicht‘ gelesen. Darin wird beschrieben, dass es Wissenschaftlern gelungen ist, Licht zu höheren Frequenzen zu verschieben. Wohlgemerkt, Wissenschaftlern auf der Erde. Mit der Frequenzverschiebung wollen die Forscher übrigens das grüne Licht der Sonne in einen Bereich verschieben, der für Solarzellen nutzbar ist. Das Verfahren ist kompliziert. Aber die Aliens haben das sicher drauf."


 


„Klingt plausibel", stimmte Oliver zu. „Vielleicht haben die ja auch ganz andere Möglichkeiten. Da ist noch etwas, was ich nicht verstehe. Wieso haben die Aliens ausgerechnet einen 8-Bit-Sonnencomputer gebaut? Wieso haben sie nicht 6, 7 oder 12 Bit verwendet?"


 


„Ich denke, die Fragestellung ist falsch. Natürlich hätten sie jede beliebige Bitzahl nehmen können. Aber, wie du mir anschaulich gezeigt hast, gibt es nun mal acht auffällige Fraunhoferlinien."


 


„Hm. Ja. Das ist vielleicht wirklich ein Zufall. Immerhin haben uns die 8 Bit auf die richtige Spur gebracht."


 


„Bleibt die Frage, warum sie uns die Informationen per Sternenlicht gesendet haben und nicht, wie in jedem guten Science-Fiction-Film, als Radiosignal."


 


„Dafür könnte es eine ganze Reihe von Gründen geben", erklärte Oliver. „Erstens: Ein Stern ist eine starke Quelle. Zweitens: Er strahlt in alle Richtungen ab. Ich denke, dass unsere Nachbarn nicht nur die Erde im Visier hatten. Vielleicht wissen sie gar nichts von unserem Planeten. Drittens: Jede technische Zivilisation kann die Nachricht empfangen, auch wenn sie längst nicht mehr in den Weltraum horcht. Viertens: Die Suche nach Radiosignalen ist extrem schwierig. Der Empfänger kann nicht wissen, in welchem Frequenzbereich er suchen muss. Das ist auch eines der größten Probleme bei den SETI-Projekten. Alles in allem finde ich die Methode, die die Aliens sich ausgedacht haben, ziemlich schlau."


 


„Aber wenn ich nicht zufällig mit dem Finger auf den richtigen Stern gezeigt hätte …"


 


„Hätte irgendwann jemand anderes das Spektrum analysiert und vielleicht die gleichen Schlüsse gezogen wie wir. Ich denke, wir kriegen den Nobelpreis dafür."


 


Steffen lachte. „Kann schon sein. Bist du scharf darauf?"


 


„Nur auf die Kohle."


 


„Verstehe. Hast keine Lust auf den Smoking, was?"


 


„Ne, hab’ ich nicht. Mir fällt gerade ein, dass wir etwas vergessen haben. Es fehlt sozusagen noch das Salz in der Suppe."


 


Oliver holte die Flasche mit der DNA-Substanz aus dem Kühlschrank und goss den Inhalt ins Aquarium.


 


 


 


 



3


 


 


 



In den ersten Tagen waren keine wesentlichen Veränderungen im Aquarium zu beobachten. Die Flüssigkeit wurde etwas klarer, und am Boden setzten sich Schwebstoffe ab. Sie bildeten einen dünnen, dunkelgrauen Film. Die Temperatur war angestiegen und lag drei Grad über der Zimmertemperatur.


 


„Meinst du, das wird noch etwas?", fragte Oliver beim Frühstück, das die beiden Freunde in der Küche einnahmen.


 


Steffen zuckte mit den Schultern. „Ich hab’ noch Hoffnung. Die Frage ist: Was wird das?"


 


„Vielleicht steigt irgendwann ein Monster aus der Brühe und frisst uns auf. Ich hab’ heute Nacht so was Ähnliches geträumt."


 


„Sieht bisher nicht so aus." Steffen lachte. „Was hast du heute vor?"


 


„Ich muss noch eine Schaltung für einen Kunden fertigstellen. Und du?"


 


„Prüfungsvorbereitung."


 


Nach dem Frühstück ging Oliver ins Wohnzimmer. Steffen hatte gerade den Fuß auf die erste Treppenstufe zum Obergeschoss gesetzt, als er ihn aufgeregt rufen hörte.


 


„Siehst du, was ich sehe?", fragte Oliver, als die beiden von oben in das Gefäß schauten.


 


Die Flüssigkeit war fast vollständig klar geworden. Hunderte dünne Fäden schwebten darin und bildeten ein unregelmäßiges Netz.


 


Steffen stieß einen Pfiff aus. „Das muss heute Nacht passiert sein."


 


„Hast du eine Ahnung, was das zu bedeuten hat?"


 


„Nein. Aber es hat etwas zu bedeuten."


 


„Was machen wir jetzt?" Oliver kratzte sich am Kinn.


 


„Vielleicht sollten wir uns Hilfe holen. Jemanden, der etwas von Biologie versteht. Deine Schwester."


 


„Sie hat noch nicht einmal ihr Studium beendet."


 


„Aber sie kennt Spezialisten, zum Beispiel Professoren des Instituts."


 


Oliver schüttelte den Kopf. „Willst du denen die ganze Geschichte erzählen?"


 


„Ja. Warum nicht?"


 


„Man wird uns nicht glauben."


 


„Unsinn. Schließlich haben wir Beweise."


 


Oliver ging zu seinem Schreibtisch und ließ sich auf den Drehstuhl fallen. Er starrte einige Sekunden an die Decke.


 


„Wir sind einer großen Sache auf der Spur, Steffen. Willst du sie wirklich anderen überlassen?", fragte er aufgeregt.


 


„Das wäre das Vernünftigste."


 


„Lass uns noch warten. Später können wir die IAU informieren, die Internationale Astronomische Union, oder das SETI-Institut."


 


Steffen sah seinen Freund an. Dieser hatte fast einen flehenden Ausdruck im Gesicht. „Okay. Aber wenn etwas passiert, was wir nicht im Griff haben …"


 


„Dann holen wir uns Hilfe. Aber was soll schon passieren? Es wird kein Monster aus der Suppe steigen."


 


Beide grinsten.


 


 


 


Tatsächlich passierte auch die nächsten Tage nichts. Das organische Gewebe schien sich zumindest äußerlich nicht mehr zu verändern. Trotzdem bestand kein Zweifel, dass es mit dem „Bio-Ding", wie sie es nannten, irgendeine Bewandtnis hatte.


 


Steffen wohnte bereits zwei Monate bei seinem Freund. Er plante, in den nächsten Tagen wieder in die kleine Wohnung zu ziehen, in der er in der Nähe der Uni zur Miete wohnte. Oliver überredete ihn, noch einige Zeit zu bleiben. Vielleicht würde sich ja doch noch etwas tun, hatte er gemeint. Aber es war ihm anzumerken, dass er die gemeinsame Zeit genossen hatte und sich nun vor dem Alleinsein am „Ende der Welt" fast ein wenig fürchtete.


 


Steffen beschloss, für die Zeit der Prüfungsvorbereitung zu bleiben. Er musste lediglich einmal pro Woche für die Teilnahme an einem Praktikum zur Universität fahren.


 


Als er an einem Nachmittag mit zwei Bechern Kaffee ins Wohnzimmer kam, saß Oliver am Schreibtisch und starrte auf eine Konstruktionszeichnung, die auf dem Monitor zu sehen war.


 


„Frischer Kaffee." Steffen schob ihm einen Becher hin. „Was macht unser Bio-Ding?"


 


„Manchmal blubbert es. Ansonsten schweigt es. Gestern hab’ ich die Katze dabei erwischt, wie sie mit der Pfote darin rumgeangelt hat. Aber ich glaub’ nicht, dass sie was angerichtet hat."


 


Steffen setzte sich auf einen Schreibtischstuhl.


 


„Ich hab’ eine merkwürdige E-Mail bekommen. Zuerst dachte ich, es wäre irgendein Spam. Dann hab’ ich den Anhang doch geöffnet", sagte Oliver.


 


„Und?"


 


„Dieser Plan hier", er tippte mit einem Bleistift auf den Monitor, „ist eine Bauanleitung für irgendetwas."


 


„Für irgendetwas?"


 


„Ja. Ich hätte die Mail gelöscht, wenn da nicht …" Oliver stockte. „Sieh mal." Er zoomte in die rechte untere Ecke der Abbildung. Dort standen Zahlen.


 


„Was bedeuten die Ziffern?", fragte Steffen.


 


„Halt dich fest. Es sind die Koordinaten unseres Sterns."


 


„Was? Das ist verrückt."


 


„Allerdings."


 


„Der Plan ist eine Nachricht aus dem Universum? Die Aliens treten über das Internet mit uns in Verbindung? Das ist doch ein Witz. Erst morsen sie uns die Anleitung für den Biococktail und dann schicken sie uns den Bauplan für eine Zeitmaschine per Internet. Ein bisschen umständlich, oder?"


 


„Ja. Das ist wirklich Unsinn. Aber es muss einen Zusammenhang geben. Die Koordinaten sind der Beweis. Und die Zahlen und die Grafik sind nicht binär codiert."


 


Oliver blickte auf das Aquarium, das rechts von Steffen auf einem weiteren Schreibtisch stand. Dieser folgte seinem Blick. Dann sahen sich beide an.


 


„Was denkst du?", fragte Oliver.


 


„Ich weiß nicht." Steffen schüttelte den Kopf. „Dieses Ding da …"


 


„Was?"


 


„Es unterhält sich mit uns."


 


Oliver lachte laut. Aber als er in das Gesicht seines Freundes blickte, verstummte sein Lachen. „Mann, es hat doch keine Internetverbindung."


 


„Bist du sicher?"


 


„Wie soll das gehen?"


 


„WLAN."


 


Oliver sah seinen Freund entsetzt an. „Scheiße", rutschte es aus ihm heraus.


 


Beide schwiegen.


 


„Ein Organismus, der über Mikrowellen mit der Umgebung kommuniziert?" Oliver schüttelte den Kopf.


 


„Ähnliches gibt es bei Fischen, soviel ich weiß."


 


„Wie soll es sich den Zugang zum Netz verschafft haben?"


 


„Nach dem Trial-and-Error-Prinzip."


 


„Es konnte nicht einmal wissen, dass wir so etwas wie das Internet auf der Erde haben."


 


„Vielleicht besitzt jede fortgeschrittene Zivilisation ein Kommunikationssystem. Falls wir keins hätten, wären die Versuche des Bio-Dings halt ins Leere gelaufen, und wir würden uns nicht darüber wundern."


 


„Stimmt. Genauso wenig würden wir uns wundern, wenn es kein Leben auf der Erde gäbe, weil wir nicht hier wären, um das feststellen zu können. Anthropisches Prinzip nennt man das, glaub’ ich."


 


„Wir sollten den Stecker ziehen, Oliver."


 


„Was meinst du?"


 


„Kipp das Zeug ins Klo."


 


„Bist du verrückt?"


 


„Wenn du es nicht tust, mach’ ich das." Steffen stand auf und ging zum Glaskasten. Er blieb davor stehen. Schließlich kam er zurück und setzte sich wieder. „Okay. Lass uns überlegen. Glaubst du, dass das Ding lebt?"


 


Oliver zögerte. „Nein, das heißt, es kommt darauf an, wie man Leben definiert. Es organisiert sich selbst und tritt mit der Umwelt in Verbindung. Ich denke aber, dass es sich nicht fortpflanzt."


 


„Hoffentlich." Steffen seufzte.


 


„Wenn es sich wirklich ins Internet einklinkt, kann es Informationen von dort beziehen. Nur dadurch war es in der Lage, uns diesen Bauplan zu schicken."


 


„Ich verstehe nicht."


 


„Das Ding konnte nicht wissen, welche technischen Möglichkeiten uns zur Verfügung stehen. Auf dem Plan sind elektronische Bauteile, Konstruktionen aus Metall mit metrischen Maßangaben und sogar Textanweisungen. Es hat sich das Wissen um die bei uns verfügbare Technik im Internet angeeignet."


 


„Jetzt redest du doch so, als hätten wir es mit einem lebenden Organismus zu tun", sagte Steffen.


 


 



„Ich könnte mir vorstellen, dass es sich lediglich um einen Bio-, RNA- oder DNA-Computer handelt. Organische Computer sind nichts Neues. Sie ahmen das Verhalten von Neuronen nach und arbeiten extrem parallel. Sie können sich bei Defekten sogar selbst reparieren. Allerdings stecken Entwicklung und Programmierung noch in den Kinderschuhen – hier auf der Erde."


 



 


 


„Hm. Ein organischer Rechner. Das wäre denkbar. Der könnte extrem leistungsfähig sein. Das würde auch erklären, wie er in einer Nacht den Internetzugang geknackt hat. Aber woher hat das Ding die Software? Ich meine, woher weiß es, was zu tun ist?"


 


„Woher weiß ein Baby, dass es atmen soll, und woher weiß eine Spinne, dass sie ein Netz weben soll? Die Informationen stecken letztendlich in der DNA, denke ich. Unser Baby, das Bio-Ding, besitzt ebenfalls so etwas wie eine fest verdrahtete Firmware. Denk an die DNA, die wir hinzugegeben haben."


 


„Hm." Steffen stützte sein Kinn mit der Hand ab und schloss die Augen. „Und was ist mit dem Bauplan?"


 


„Das ist sicher keine Zeitmaschine."


 


„Nein. Aber es wird auch keine Kaffeemaschine sein."


 


„Soweit sind wir uns einig."


 


„Wie kriegen wir raus, was es ist?", fragte Steffen.


 


„Nachbauen."


 


„Hab’ ich mir gedacht, dass du diesen Vorschlag machen würdest. Hast du eigentlich keine Angst, dass wir die Geister, die wir rufen, nicht mehr loswerden?"


 


„Meine Faszination ist größer als die Angst. Spürst du das nicht auch?"


 


„Es geht nicht nur um Angst, Olli. Es geht auch um Verantwortung."


 


„Ja. Und deshalb müssen wir zusammenhalten. Gemeinsam schaffen wir das."


 


Oliver sah Steffen wie ein Kind an, das um Süßigkeiten bettelte.


 


„Aber keine Alleingänge, okay? Und sobald etwas schiefzugehen droht, ist das Projekt beendet. Unter diesen Voraussetzungen wäre ich bereit mitzumachen. Einverstanden?"


 


„Einverstanden." Er reichte Steffen die Hand, um das Versprechen zu besiegeln.


 


„Und noch was: Falls sich das Ding vermehrt …"


 


„Kippen wir ’ne Ladung Salzsäure dazu. Deine Lösung mit dem Klo könnte zu riskant sein."


 


„Was stand eigentlich in der E-Mail?", fragte Steffen.


 


„Nichts. Merkwürdigerweise hatte sie nicht einmal einen Absender."


 


„Schade. Sonst hätten wir ein paar Fragen an die Adresse schicken können. Aber vielleicht gibt es doch irgendeine Möglichkeit, sich mit dem Ding zu unterhalten."


 


„Hast du eine Idee?"


 


„Nein. Wir müssen wohl warten, bis es sich an uns wendet. Kennst du den Film ‚Contact‘ mit Jodie Foster?"


 


„Klar", bestätigte Oliver.


 


„Im Film haben die Außerirdischen einen Bauplan für eine Maschine geschickt, die eine Reise zu ihrem Planeten ermöglicht. Durch eine Einstein-Rosen-Brücke, glaube ich, ein Wurmloch."


 


„Wow! Das wäre ’ne geile Sache." Oliver lachte. „Aber nach meiner Erinnerung aus den drei Semestern, die ich studiert habe, funktioniert so etwas in der Praxis nicht. Dazu bräuchte man große Mengen negativer Energie, was auch immer das genau ist."


 


 



„Vielleicht auch nicht. Forscher der Uni Oldenburg haben angeblich Lösungen der Feldgleichungen gefunden, die ohne diese exotische Energie auskommen."


 



 


 


„Wir werden sehen, was unsere Brüder und Schwestern uns geschickt haben – spätestens, wenn wir das Objekt fertiggestellt haben."


 


„Apropos Schwester. Willst du Yvonne davon erzählen?"


 


„Erst einmal lieber nicht."


 


Steffen ahnte den Grund. Sie würde der ganzen Sache vermutlich noch skeptischer gegenüberstehen als er. Die beiden Freunde sahen zum Glasbehälter hinüber. Das Netz aus Fäden, das an einigen Stellen silbern im Sonnenlicht glänzte, verbarg ein tiefes Geheimnis.


 


 


 


 



4


 


 


 



Oliver war kaum noch ansprechbar. Er verbrachte die meiste Zeit mit der Beschaffung von Bauteilen. Nicht alles, was die Konstruktion erforderte, war im Handel verfügbar. Er musste einige Sonderanfertigungen bei einer Werkstatt in Auftrag geben und dafür nicht nur seine Ersparnisse einsetzen, sondern auch einen Kredit aufnehmen. Seine Schwester, die als Ausgleich für das Haus ein etwa gleichwertiges Aktienpaket erhalten hatte, wollte er nicht anpumpen. Steffen konnte weder Bargeld beisteuern, noch den Banken irgendwelche Sicherheiten anbieten. Auch waren seine handwerklichen Fähigkeiten begrenzt, sodass er nur für Handlangertätigkeiten taugte.


 


Den beiden war es nicht gelungen, die Funktionsweise des Apparats zu entschlüsseln, der in einem Kellerraum des Hauses langsam Konturen annahm. Auch eine Internetrecherche hatte sie nicht weitergebracht. Zwar fanden sie einiges über einzelne beschriebene Schaltkreise heraus, aber das Zusammenspiel aller Elemente erschloss sich ihnen nicht. Anfangs hatte sich Steffen kaum in Olivers „Bastelei" eingemischt. Allmählich wuchs jedoch sein Interesse an der Apparatur. Die Spannung stieg von Tag zu Tag, schließlich handelte es sich bei der Beschreibung nicht um einen Bauplan aus einer Elektronikzeitschrift, sondern um die Konstruktionszeichnung einer fremden Zivilisation.


 


 


 


Oliver schien es gar nicht recht zu sein, dass Yvonne ihren Besuch angekündigt hatte. Er hatte ihr am Telefon von den Veränderungen im Aquarium erzählt und hätte sich denken können, dass sie sich nicht davon abhalten lassen würde, sich das Ganze anzusehen. Die neuesten Entwicklungen, die Bauanleitung und die Aktivitäten im Keller hatte er ihr verschwiegen.


 


„Kein Wort über unsere Zeitmaschine", bat Oliver.


 


„Hast du kein Vertrauen zu deiner Schwester?", fragte Steffen.


 


„Schon. Sie würde sicher dichthalten. Aber sie wäre beunruhigt, und vielleicht würde sie Paul davon erzählen. Den kann ich nicht so richtig einschätzen. Ich hab’ irgendwie keinen richtigen Draht zu ihm. Er ist Immobilienmakler bei einer Bank. Auf Yvonnes letztem Geburtstag ist er tatsächlich mit Jackett und Krawatte erschienen."


 


„Und? Hast du ein Vorurteil gegen Schlipsträger?"


 


„Nein – doch." Oliver grinste.


 


 


 


Sie hatten gerade das gröbste Chaos beseitigt, als Yvonne eintraf.


 


„Ihr könntet hier mal aufräumen", waren ihre ersten Worte, als sie das Wohnzimmer betrat.


 


Die beiden Freunde sahen sich verdutzt an.


 


„Ich hab’ etwas vom Bäcker mitgebracht." Sie legte die Tüte mit den Kuchenstücken auf einen der Schreibtische. Vanessa schlich neugierig herbei und versuchte mit der Pfote an den Inhalt heranzukommen. Mit ein paar Streicheleinheiten ließ sie sich von ihrem Vorhaben ablenken. Yvonne nahm die Katze auf den Arm und ging zum Aquarium.


 


„Unglaublich. Das ist von selbst aus den Materialien entstanden, die ich mitgebracht hatte?" Sie setzte das Tier auf dem Boden ab.


 


„Ja. Hast du schon mal so etwas gesehen?", fragte Oliver.


 


„Nein, noch nie." Vorsichtig steckte sie ihren Zeigefinger in die Flüssigkeit und bewegte ihn hin und her. Das Fadennetz änderte ein wenig seine Form, behielt jedoch seine Struktur bei, die durch die Knotenpunkte und die Länge der Fäden gegeben war.


 


„Glaubt ihr, dass es lebt?", fragte sie.


 


„Pass auf, dass es nicht beißt." Oliver grinste.


 


Sie zog spontan ihren Finger heraus.


 


„Nein. Es lebt ganz sicher nicht", beruhigte er sie.


 


„Aber irgendetwas hat es zu bedeuten. Es ist ein Organismus, ein Gewebe aus organischem Material. Das ist doch kein Zufall."


 


„Nein, natürlich nicht. Aber wir tappen noch im Dunkeln. Vielleicht – ach, wir werden es schon herausbekommen. Jedenfalls ist es harmlos. Dein Finger ist noch dran."


 


Ihm war anzumerken, dass er versuchte, Yvonnes lästigen Fragen auszuweichen.


 


„Ich koch’ uns einen Kaffee", sagte Steffen, nahm die Tüte mit dem Kuchen und ging in die Küche. An Olivers Geheimnistuerei wollte er sich nicht beteiligen.


 


 


 


„Was hältst du von der ganzen Sache?", richtete sich Yvonne an Steffen, als sie gemeinsam in der Küche saßen. Sie sah ihn mit einem hintergründigen Lächeln an. Fast hätte er sich an einem Stück Käsekuchen verschluckt.


 


„Ich? Hm. Irgendetwas wird die Kreatur bezwecken."


 


Oliver trat ihm mit dem Fuß ans Schienbein.


 


„Hast du das Wort Kreatur gebraucht?", fragte sie.


 


„Das war nicht ernst gemeint. Bio-Ding haben wir es getauft. Schließlich besteht es aus organischem Material."


 


„Und was, meinst du, bezweckt es?"


 


„Vielleicht hab’ ich mich falsch ausgedrückt. Die Außerirdischen haben uns sicher nicht ohne Grund das Rezept geschickt."


 


„Das denke ich auch." Yvonne nickte. „Es wäre schon wichtig zu wissen, was hier vor sich geht. Ihr verheimlicht mir doch nichts, oder?"


 


Steffen war froh, dass sie bei diesen Worten Oliver ansah. Der schüttelte den Kopf. „Wo denkst du hin, Schwesterchen? Wie geht es Paul?"


 


Sie grinste. Natürlich durchschaute sie sein Ablenkungsmanöver. „Ich hab’ ihn ein paar Tage nicht gesehen. Ich muss jetzt gehen. Meldet euch, wenn es etwas Neues gibt."


 


„Pass auf meinen Bruder auf", wendete sie sich im Hausflur an Steffen. „Er ist ein Kindskopf und gleichzeitig ein sturer Hund – eine schlechte Kombination." Sie umarmte ihren Bruder. Dann gab sie Steffen die Hand. Ihre Blicke trafen sich eine Sekunde zu lang für einen höflichen Abschied. Vielleicht war sie keine Schönheit, aber sie hatte das gewisse Etwas, das er sofort bemerkt hatte, jedoch nicht erklären konnte.


 


„Ich glaub’, deiner Schwester wirst du nicht lange etwas vormachen können", sagte er, als sie gegangen war.


 


„Ich weiß. Aber für heute ist es noch einmal gutgegangen. Ich gehe wieder in den Keller. Kommst du mit?"


 


„Ich muss noch etwas für die Prüfung tun. Ruf mich, wenn du Hilfe brauchst."


 


„Okay. Die Zeitmaschine ist bald fertig. Soll ich alleine …?"


 


„Untersteh dich. Das wäre das Ende unserer Freundschaft."


 


Oliver grinste. „Ich bring’ dir die Lottozahlen für die nächste Woche mit", scherzte er und lief die Steintreppe hinunter.


 


 


 


Am späten Nachmittag des folgenden Tages kam Oliver mit einer Sektflasche in Steffens Zimmer.


 


„Es ist vollbracht. Das Ding ist fertig." Er stellte zwei Gläser auf den Schreibtisch und füllte sie bis zum Rand. Dann stießen sie an und leerten sie in einem Zug.


 


Oliver schenkte so oft nach, bis die Flasche leer war.


 


„Mann, hab’ ich einen Schwips. Ich kann nichts mehr ab, bin völlig aus der Übung", sagte Steffen.


 


„Geht mir genauso."


 


„Ist es nicht verrückt, dass wir immer noch nicht wissen, wie das Ding funktioniert und was es bewirkt?"


 


„Ja. Das ist verrückt. Beim Bau hab’ ich zwar geschnallt, wie die meisten Schaltungen arbeiten, aber was das Ganze soll, ist mir immer noch ein Rätsel. Kommst du mit runter und siehst dir das gute Stück an?"


 


„Klar." Steffen stellte sein Glas ab und ging voraus.


 


„Wow!", rief er aus, als er vor der Konstruktion stand. Es hatte erst durch die in der letzten Nacht montierten Metallteile seine endgültige Form angenommen, die im Wesentlichen durch drei Ringe bestimmt wurde, die an Stativen aufgehängt waren. Der untere Ring hatte einen Durchmesser von zwei Metern, der mittlere war etwas kleiner, und der oberste maß lediglich etwas über einen Meter. Zu jedem führten Kabelstränge, die in drei Gehäusen endeten. Hier befand sich die Elektronik, deren Realisierung Oliver am meisten Zeit und Nerven gekostet hatte.


 


„Woher bezieht die Maschine ihre Energie?", fragte Steffen.


 


„Aus der Steckdose."


 


„Wie profan. Das enttäuscht mich. Ich hätte jetzt erwartet, dass sie die Vakuumenergie anzapft oder so etwas Ähnliches."


 


„Ne. Du hast doch die Schaltungen selbst gesehen. Übrigens hat das Ding ein eigenes Checkprogramm. Das hat gestern noch einige Fehler gemeldet, die ich beseitigen musste. Jetzt funktioniert alles. Das heißt, ob es funktioniert, weiß ich nicht, aber es werden keine Fehler mehr angezeigt."


 


„Wieso Checkprogramm? Sag nicht, dass es an deinen Computer angeschlossen ist."


 


„Doch, ebenfalls über WLAN."


 


„Hm. Hoffentlich stellt es keinen Unsinn an. Wo ist das Steuerpult, mit dem wir die Jahreszahl und die Zielkoordinaten einstellen können?"


 


„Witzbold."


 


„Nein, im Ernst", sagte Steffen. „Wo ist der Schalter, der – der – der irgendwas macht."


 


„Fehlanzeige. Entweder läuft die Maschine bereits, wie sie laufen soll, oder wir kriegen noch Anweisungen."


 


„Du meinst, unser Biocomputer spuckt noch eine Bedienungsanleitung aus?"


 


„Vielleicht. Vielleicht tut sich ja was, wenn wir uns unter die Ringe stellen."


 


„Einen elektrischen Schlag wirst du kriegen."


 


„Quatsch. Im Haus ist alles mit FI-Schutzschalter abgesichert." Oliver hatte den Satz gerade ausgesprochen, da stand er bereits in der Mitte der Ringanordnung. „Komm schon, sei kein Frosch. Ich hab’ keine Lust, alleine ins Mittelalter zu reisen. Yvonne hat dich dazu verdonnert, auf mich aufzupassen. Also lass mich nicht alleine."


 


Steffen machte einige Schritte vorwärts. Voller Ehrfurcht blickte er dabei nach oben zu den Ringen, die über Olivers Kopf schwebten.


 


„Siehst du, tut doch gar nicht weh", sagte dieser, als Steffen neben ihm stand. „So Scotty, nun beam uns nach Alpha Centauri!"


 


„Ach komm, lass den Blödsinn." Steffen verließ seine Position und ging Richtung Kellertür. Oliver folgte ihm.


 


„Okay. Ich glaub’, wir brauchen doch eine Bedienungsanleitung." Er lachte. „Hast aber echt Schiss gehabt, oder?"


 


„Ja, hab’ ich", bekannte Steffen und lachte ebenfalls.


 


Sie gingen die Treppe hinauf und setzten sich ins Wohnzimmer, um zu überlegen, wie sie weiter vorgehen sollten.


 


„Komisches Dämmerlicht da draußen", meinte Oliver.


 


Steffen sah aus dem Fenster. Tatsächlich zeigten sich der Hof und der naturbelassene Garten mit den alten Bäumen in einem fahlen, rötlichen Licht.


 


„Da braut sich etwas zusammen." Steffen schlug die Beine übereinander und griff nach einem Buch, das auf dem Schreibtisch lag. „Tödliches Geflecht", las er den Titel. „Ist es gut?"


 


„Ich bin bisher nur bis zur Hälfte gekommen. Ich hatte ja in den letzten Wochen etwas Besseres vor. Es ist ein wissenschaftlich fundierter Thriller, von einem Professor der Uni Ulm geschrieben. So etwas lese ich gerne. Es handelt von einem mutierten Getreidepilz, der sich zunächst in Frankreich ausbreitet, dann Belgien und Deutschland bedroht. Das Einatmen der Sporen kann tödlich sein. Das Buch ist spannend und gleichzeitig lehrreich. Ich werde es in jedem Fall zu Ende lesen."


 


Steffen klappte das Buch auf und blätterte darin.


 


„Das ist ein Fehldruck", sagte er. „Da wirst du keinen Spaß dran haben. Die letzten hundertfünfzig Seiten sind weiß."


 


„Was?! Zeig mal."


 


Steffen reichte Oliver das aufgeschlagene Buch.


 


„Verdammt! Ausgerechnet ab Kapitel 15 nur leere Seiten. Das gibt es doch gar nicht. Genau bis dahin hatte ich gelesen. Na ja, ich werde es reklamieren. Die Quittung hab’ ich noch. Es wird sicher kein Problem sein, es umzutauschen." Oliver warf das Buch auf den Schreibtisch.


 


„Hast du alle Rechner ausgeschaltet?", fragte er. „Es ist so still hier."


 


„Nein, warum sollte ich?"


 


„Ich glaub’, wir haben keinen Strom mehr." Er betätigte den Schalter der Schreibtischlampe. „Mist! Das hat mir gerade noch gefehlt."


 


„Ein Kurzschluss. Ich hoffe, dass das nicht alles ist, was deine Maschine vollbringen kann."


 


Meine Maschine?", wiederholte Oliver entrüstet.


 


Steffen lachte. „Nimm’s nicht persönlich."


 



 


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