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> Science Fiction > Die Memoiren des Dorran Galloway
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Science Fiction
Buch Leseprobe Die Memoiren des Dorran Galloway, Gordon Mörike
Gordon Mörike

Die Memoiren des Dorran Galloway



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„Willkommen – du, der dieses Buch gekauft hat. Schlechte Entscheidung würde ich sagen. Da ich dein Geld aber sicher gut gebrauchen kann, setze ich mein scheinheiligstes Lächeln auf und füge obendrein ein herzlich zum Willkommen hinzu, wenngleich mir mein Herz auch abhandengekommen sein mag, irgendwo, auf dem langwierigen Weg des Erwachsenwerdens. Fuck ... meine Finger fliegen regelrecht über die beschissene Tastatur und was schrieb ich nun binnen einer Minute? Lächerliche 68 Worte, wenn man lächerlich nicht hinzuzählt.
Ach, was wollte ich kotzen – geradewegs vor deine Füße. Und das nicht etwa, weil ich dich kenne oder du mich auch nur im Geringsten interessierst, sondern schlichtweg nur, weil du ein Mensch bist und somit prädestiniert dafür, ein Arschloch zu sein, dem vor die Füße gekotzt gehört.
Klinge ich verbittert oder gar misanthropisch? Kann gut sein, aber so ist es halt“, schreibe ich nieder, genervt von allem und jedem – von der Welt, von mir selbst, doch am meisten von dieser verdammten Schreibblockade.
68 Wörter in einer Minute ... Das ist das Zehnfache von dem, was ich in letzter Zeit geschafft habe, denke ich mir noch, kurz bevor mich mein lärmendes Handy aus meinem ach so seltenen Schreibfluss reißt.
Fuck – es ist schon Donnerstag, stelle ich fest. Die Terminerinnerung reibt es mir in Großbuchstaben unter die Nase. Es ist mal wieder soweit, meinen schwarzen Anzug aus dem Schrank zu holen – zu hoffen, dass die Motten ihm in der Zeit gnädig waren, die seit der letzten Beerdigung vergangen ist.
Mit knackenden Knochen hieve ich meinen kümmerlichen Körper aus dem Sessel und schlurfe ins Badezimmer. Zwei Handvoll Wasser gönne ich meinem Gesicht, ehe ich in den verdreckten Spiegel blicke.
Dorran Galloway – ach, was sehen Sie wieder gut aus, denke ich mir, während ich meinen Blick wandern lasse. Von den tiefen Schatten unter meinen blauen Augen, zu dem Vierzehntagebart, dem meine Faulheit es stets dankt, dass er lediglich wie ein Fünftagebart anmutet und letztlich zu meinen schwarzen, verwuschelten Haaren, zwischen denen ich vermehrt graue Strähnen zähle, obgleich ich noch nicht einmal die Schnapszahl meiner Dreißiger geknackt habe.
33 Schnäpse – das wäre es jetzt, träume ich vor mich hin, während ich mich frage, wie viel Zeit seit der letzten Beerdigung vergangen ist. Welches Jahr haben wir eigentlich? Richtig – 2012. Also dürften nun anderthalb Jahre vergangen sein, seit wir Urgroßmutter in die Kiste warfen. Oder ein Jahr? Verdammt – keine Ahnung. Die Tage verschwimmen, wenn man das Gefühl hat, dass jeder Tag dem letzten gleicht. Also sei es drum, wann sie starb. Wichtig ist nur, dass Urgroßvater sich heute zu ihr gesellen wird.
Und was soll ich sagen? Ich freue mich auf die nächsten Stunden. Jedoch nicht etwa, weil ich irgendetwas für ihn empfand oder ich die ach so beliebte Tradition des Leichenschmauses gutheiße ... Jetzt mal echt – wer erfand eigentlich diesen schrecklichen Begriff? Leichenschmaus. Klingt doch irgendwie nach einem gemütlichen Zusammensitzen, bei dem man den Verstorbenen verputzt. Guten Appetit an dieser Stelle. Wir hoffen, dass Sie Ihren Urgroßvater mochten – dass er Ihnen vorzüglich gemundet hat.
Aber genug davon – ich schweife ab. Denn Freude zaubert mir am heutigen Tage nur ein Gedanke ins Gesicht, nämlich, dass ich endlich wieder meine Cousine sehe.
Eileen Galloway – die einzige Person aus meiner Familie, die mir etwas bedeutet ... die ehrlich, herzensgut und interessant ist, aber leider auch vielbeschäftigt. Ständig ist sie unterwegs – von einem Termin zum nächsten hetzend, bereit, alles zu geben, um die Karriere voranzubringen.
Früher war ich genauso ... war ständig auf Achse – pendelte von Lesungen rüber zu Presseterminen, weiter zu Besprechungen. Hin und her, kreuz und quer von Stadt zu Stadt. Geschrieben wurde in Taxis, Zügen und Flugzeugen – manchmal in den Hotels, wenn ich die Nacht mal allein verbrachte. Jede freie Minute widmete ich meinen Büchern. Schlafen – überbewertet. Essen – funktioniert auch beim Niederschreiben einer Kampfsequenz. Stuhlgang ... Warum nicht nebenbei den Plot ergründen? Sorry für diesen Einblick, den sicher niemand haben wollte.
Das Leben war eine Hatz. Was sag ich? Als meine drei Fantasy-Romane zu Bestsellern wurden, fühlte es sich eher wie eine Fahrt mit einem 800 PS Sportwagen an. Doch das ist Jahre her. Heute gleicht mein Leben einem Totalschaden – einem Sportwagen, der mit 300 Sachen gegen eine Wand geknallt ist. Und ich? Ich bin nur das Häufchen Elend, das man von der Fassade abgekratzt hat – der gefallene Autor, der seiner Muse nachtrauert, die er irgendwo während dieses rasanten Trips verlor.
Plötzlich war ich nicht mehr in der Lage zu schreiben – unfähig, auch nur einen sinnvollen oder tiefgreifenden Satz zu formen. Anfangs war es zum Wahnsinnigwerden – heute ist es schlicht und ergreifend Wahnsinn – Wahnsinn, dass ich überhaupt noch aufstehe, obwohl ich weiß, dass ich sowieso nichts Gescheites an diesem oder jenem Tag zu Papier bringen werde. Und das, obgleich ich es müsste – obgleich die Tantiemenzahlungen immer niedriger werden, ich in Vergessenheit gerate, und mein Erspartes sich dem Ende neigt.
Ich werde etwas zu Papier bringen müssen. Nicht morgen, sondern schon gestern. Doch kommt da nichts. Doch kommt da verdammt nochmal nichts! Also hoffe ich – hoffe, dass Eileen mir helfen können wird. Dass sie eine Idee oder einen Rat hat, wie ich dieser scheinbar ausweglosen Situation entgehen kann. Denn sie versteht mich. Sie kennt mich. Weiß, wie es ist, ich zu sein. Unsere Leben verliefen nämlich gleich, bis sie es nicht mehr taten. Ich erinnere mich noch, wie wir als Kinder gemeinsam zu schreiben begannen, wie wir später fast zeitgleich bekannt wurden – erste Erfolge feierten, ehe unsere Karrieren durch die Decke gingen.
Wir gewannen so viel und doch verloren wir dabei auch etwas: einander. Wir verloren uns aus den Augen. Sahen uns nur noch, wenn mal wieder jemand aus der Verwandtschaft den Löffel abgab. Und das war okay für uns, da wir wussten, wie stressig dieser Job sein kann – wie viel Lebenszeit die Geschichten und der Erfolg einem kosten. Wir verstanden das, weil wir einander so glichen, nur, dass sie im Gegensatz zu mir erfolgreich blieb. Ihr gelang es, immer weiter zu produzieren – unermüdlich – als könne es ihr nicht wie mir ergehen – als könne sie nicht ausbrennen.
Vielleicht werde ich heute ihr Geheimnis erfahren – erkennen, wo mein Fehler liegt. Doch wenn ich ehrlich bin, so hoffe ich eines noch viel mehr ... Dass wir es schaffen, unsere Freundschaft wieder zu intensivieren und es mir gelingt, Eileen wieder häufiger zu sehen. Denn, wenn ich eines in den letzten Jahren gelernt habe – wenn ich irgendetwas Gutes aus dieser verdammten Zeit ziehen kann – dann die Erkenntnis, dass Erfolg temporär ist, während so manch eine Freundschaft dafür bestimmt ist, ewig zu währen.
Also danke, Urgroßvater, dass du endlich die Hufe hochgerissen hast. Danke für die Chance, sie endlich wiederzusehen.


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