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Science Fiction
Buch Leseprobe Die Maggan-Kopie, Jacqueline Montemurri
Jacqueline Montemurri

Die Maggan-Kopie


Zukunfts-Thriller

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Edition Paashaas Verlag
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…  Auf der Suche nach etwas Süßem durchforstete Maggan ihre Taschen, aber sie fand nur ihren Sicherheitsausweis. Dabei hätte sie schwören können, dass sie ihn in die Handtasche gesteckt hatte. Gerade als sie ihn in der Innentasche der Jacke verstauen wollte, um ihn vor einem ungewollten Bad im See zu schützen, merkte sie, dass er eine leicht bläuliche Farbe hatte. Ihrer war doch grün! Maggan musterte ihn verblüfft, denn Harry blickte ihr streng entgegen. Es war sein Ausweis! Was hatte das zu bedeuten? Er musste ihn ihr bei dieser Umarmung vor der Kantine zugesteckt haben. Das konnte nur bedeuten, dass Maggan mit der Frage nach dem Bio-Labor ins Schwarze getroffen hatte! Vielleicht ist das sogar der Schlüssel zur Tür des Trafohäuschens. Sie war plötzlich hellwach und ganz aufgeregt. Sie beschloss der Sache noch heute Nacht nachzugehen.
Susanne kam mit einer Schüssel Tomatensalat herein und frisch gebackenen dampfenden Baguettes. Maggan blickte sie fragend an.
„Keine Sorge, Maggan, es sind echte italienische Tomaten. Waren sehr teuer“, versicherte sie ihr lächelnd.
Susanne teilte die Sorge um genmanipulierte Lebensmittel nicht mit ihr. Schließlich mussten die Wissenschaftler und Politiker doch wissen, was sie taten. Doch sie wusste genau, dass Maggan dieses genmanipulierte Zeug nicht aß. Es hielt sich zwar über Wochen frisch, doch Maggan war der Überzeugung, dass niemand mit Sicherheit sagen konnte, ob die Hayworth-Krankheit, die plötzlich vor ein paar Jahren, wie aus dem Nichts, aufgetaucht ist, nicht doch im Zusammenhang mit genmanipulierten Lebensmitteln stand. Die Politiker und Wissenschaftler stritten das zwar ab, doch es gab auch andere Stimmen, die jedoch immer rechtzeitig unterdrückt wurden.
Nach dem Abendessen, bei dem auch ihr Vater schon anwesend war, hockte Maggan sich vor den Fernseher. Es kam ein langweiliger Film. Ihre Mutter begann dann auch zu gähnen und verzog sich ins Bett. Rune fuhr noch einmal los, weil er noch etwas zu erledigen hatte, wie er sagte. Dies war genau der Moment, auf den Maggan gewartet hatte. Schnell, aber leise, ging sie auf ihr Zimmer und zog sich bequeme Jeans, ein graues Sweatshirt und Turnschuhe an. Mit ihrer Jacke im Arm und einer kleinen Taschenlampe in der Hand schlich Maggan die Treppe hinunter. Plötzlich fielen ihr wieder Harrys Worte in Bezug auf den roten Luftballon ein. Sein Atem! Schnell ging sie zurück und holte ihn.
Leise schlüpfte sie durch die Hintertür in den Garten. Der Duft von verblühenden Rosen, stieg ihr in die Nase, während sie durch das abendfeuchte Gras ums Haus schlich. Ihr vierradgetriebener Geländewagen stand in der Einfahrt. Maggan wartete bis ein Auto auf der Straße vor dem Haus vorbeifuhr und startete genau in diesem Moment den Motor. Ein Blick zurück zum Haus sagte ihr, dass niemand etwas bemerkt hatte. Kein Licht ging an.
Diesmal nahm Maggan nicht den direkten Weg zur Firma, sondern bog schon vor der Magnetschwebebahn-Trasse rechts in einen Waldweg ein. Die Scheinwerfer erhellten den Weg und das darüber liegende Blätterdach. Es wirkte wie ein Tunnel. Plötzlich musste sie scharf bremsen, denn zwei Rehe überquerten die Straße und blieben, geblendet von den Scheinwerfern, mitten auf dem Weg stehen. Maggan hupte und sie sprangen in den Wald. Sie musste mehrmals tief durchatmen, um den Schreck zu überwinden. Dann schaltete sie runter und fuhr etwas langsamer. Zu ihrer Linken begann jetzt ein drei Meter hoher Maschendrahtzaun. Alle zwei Meter blinkte ein rotes Lämpchen darauf. Große Hinweistafeln verkündeten, dass dahinter das Firmengelände des Delta-Konzerns lag. Zutritt strengstens untersagt! Rote Buchstaben warnten vor dem Starkstrom.
Maggan knipste die Scheinwerfer aus und parkte den Wagen in entgegengesetzter Richtung auf dem Weg. Nur für den Fall, dass sie sich schnell rarmachen musste. Sie hatte ja keine Ahnung, was sie erwarten würde, doch in ihrem Magen kribbelte es.
Der Zaun lag vor ihr und sie wusste genau, dass das mit dem Starkstrom nur eine Finte war. Das wäre ihrem Vater viel zu teuer gewesen. Doch sicherheitshalber warf sie einen Ast dagegen. Nichts passierte. Maggan brauchte ein paar Sekunden, um sich zu überwinden das Ding anzufassen. Sie atmete tief ein, schloss die Augen und krallte die Finger in die Maschen. Puh! Es war kein Strom vorhanden. Über den Zaun zu klettern, war für sie kein Problem, auch wenn sie noch nicht wieder in Form war und einen Luftballon in einer Hand trug. Auf der anderen Seite ließ sie sich möglichst leise zu Boden sinken, denn die eigentliche Gefahr ging von den Nachtwächtern und ihren Hunden aus.
Das Trafohäuschen war nicht weit entfernt. Der Schrei einer Eule ließ sie zusammenzucken. Dann tasteten ihre Hände schon über die raue Betonwand und fanden auch die stählerne Tür. Maggan zog Harrys Ausweiskarte aus der Jackentasche und ließ sie durch den Schlitz gleiten. Ein grünes Lämpchen blinkte auf und ein kleines Röhrchen schob sich aus dem Kasten. Maggan zögerte einen Moment, denn die Idee kam ihr plötzlich sehr absurd vor. Doch dann hielt sie den Ballon ganz nah an das Röhrchen und öffnete das Band. Die Luft presste sich wie ein großer Atemzug in das Analysegerät. Es wurde totenstill. Unvermittelt surrte es und die Tür sprang einen Spalt weit auf. Maggan atmete erleichtert und gleichzeitig überrascht auf. Vorsichtig öffnete sie die Tür etwas weiter. Drinnen war es stockfinster. Sie zog die Tür hinter sich wieder zu und stand in beunruhigender Dunkelheit. Jetzt wagte sie es jedoch die Taschenlampe anzuknipsen. Auf dem Gelände draußen war ihr das zu gefährlich gewesen. Maggan stand in einem quadratischen Raum aus Aluminiumwänden, ohne Fenster. Ein Aufzug. Es gab nur einen roten Knopf neben der Eingangstür und den drückte sie. Egal, was sie jetzt erwartete, sie war weit gekommen! Jetzt wollte sie alles wissen!
Das Ding begann leicht zu vibrieren und sie spürte, dass es ziemlich schnell abwärts ging. Nach ein paar Sekunden bremste der Lift und Maggan hatte das Gefühl, dass ihr der Mageninhalt gleich hochkam. Sie musste schlucken. Die Bremsbewegung verursachte ein Rauschen in ihren Ohren.
Die Tür glitt auf. Sie stand in einem düster beleuchteten Gang. Die Wände waren weiß gestrichen und die Decken bestanden aus Gitterrosten. Der Fußboden hatte einen verschlissenen, blaugrauen Belag. Die Fahrstuhltür hinter ihr war auffallend rot. Es war keine Menschenseele zu sehen. Die ganze Szenerie erinnerte sie an das Krankenhaus.
Da Maggan die Wahl hatte, nach links oder rechts zu gehen, entschloss sie sich schließlich, aus keinem bestimmten Grund, für rechts. Der Gang verzweigte sich mehrmals und sie hatte das Gefühl in einem unterirdischen Labyrinth zu sein. Das war es wohl auch. Es gab unzählige graue Türen mit verschiedenen Aufschriften und jede Menge Labore. Doch Maggan schlich weiter den Gang entlang. Was sie suchte, wusste sie nicht so genau. Einmal kam sie an einer blauen Aufzugstür vorbei. Die Leuchtziffern darüber sagten ihr, dass es noch weitere drei Stockwerke darunter gab. Der Komplex musste gigantisch sein!
Plötzlich hörte Maggan Stimmen. Sie kamen aus irgendeinem Gang vor ihr. Schnell verschwand sie hinter einer der Labortüren. Drinnen stieß sie mit dem Oberschenkel gegen die Ecke eines Metalltisches und musste einen Schmerzensschrei unterdrücken. Sie hüpfte herum, bis der Schmerz etwas abgeklungen war. Zum Glück machten die Gummisohlen ihrer Sportschuhe dabei keine Geräusche.
Durch das Milchglas der Tür sah sie fünf Gestalten vorbeigehen. Reflexartig duckte sie sich, doch natürlich konnten die Gestalten sie nicht durch die Scheibe sehen, weil es hier drinnen absolut dunkel war. Hätten sie die Tür aufgemacht, dann hätte Maggan genau davor gehockt. Das war nicht besonders schlau von ihr, das wurde ihr jetzt klar, aber sie musste sich damit trösten, dass sie schließlich noch keinerlei Erfahrungen im Detektiv-Spielen hatte.


Tödliche Entdeckungen

Einer der Männer sagte:
„Ich habe das Ganze hier satt. Ich werde aussteigen!“
Das ist Harrys Stimme!, schoss es Maggan durch den Kopf.
„Ach ja? Das K2-Projekt läuft schon seit Jahrzehnten und die zweite Phase kann bald beginnen. Wir sind nahe dran. Sie ...“
Weiter konnte Maggan nichts hören, denn sie waren in einem Raum nebenan verschwunden. Sie hörte die Stimmen zwar gedämpft, verstand aber kein Wort. Doch da war es wieder: K2! Wieder dieser geheimnisvolle Ausdruck. Da auf dem Gang niemand mehr zu sein schien, machte sie ihre Taschenlampe an und untersuchte den Raum, in dem sie sich befand. Der Boden sowie die Wände des Raumes waren weiß gefliest. Der kegelförmige Lichtstrahl ihrer Lampe huschte über allerlei technisches Gerät, Computer, Reagenzgläser, Schränke. An der Wand war eine Reihe grauer Kästen aufgestellt. Darüber hing ein Schild: Automatische Gensequenzierer. Neben jedem Kasten stand ein kleinerer Turm. Maggan erkannte sofort, dass es sich dabei um die äußerst leistungsstarken Sirkun-Computer handelte. Fasziniert und gleichzeitig irritiert von der Fülle der Geräte, schlich Maggan tiefer in den Raum, bis sie vor einer Wand stand.
Unterhalb der Decke befand sich ein Gitter, vielleicht fünfzig mal fünfzig Zentimeter. Sie hatte den Eindruck, dass die Stimmen hier deutlicher zu hören waren. Rasch zog Maggan einen Stuhl darunter und stellte sich darauf, die Taschenlampe zwischen ihre Zähne geklemmt. Sie lauschte, und tatsächlich konnte sie einige Satzfetzen verstehen. Deutlich vernahm sie den Ausdruck: K-Delta M34.
Ihre Finger begannen den Rand des Gitters abzutasten. Es ließ sich relativ leicht aus der Verankerung nehmen. Vorsichtig rüttelte sie daran, nahm es heraus und stellte es an die Wand. Dann leuchtete sie mit der Taschenlampe in das Loch. Es war ein viereckiges Rohr, das sich in verschiedene Richtungen verzweigte. Es ging nach oben, geradeaus und nach links und rechts. Geradeaus konnte sie einen Ventilator erkennen, der in einem runden Ring steckte und das ganze Rohr ausfüllte. Er bewegte sich jedoch nicht. In den anderen Richtungen war kein Ende zu sehen. Es handelte sich also um das Belüftungssystem des unterirdischen Komplexes.
Klettern war Maggans Leidenschaft, also nahm sie die Taschenlampe wieder zwischen ihre Zähne, zog sich hoch und schob ihren Oberkörper durch die Öffnung. Sie hatte Mühe, dabei keine Geräusche zu verursachen. Vorsichtig zog sie sich weiter in den Gang, bis sie schließlich ganz in dem Lüftungsschacht steckte. Nach einigen Mühen schaffte sie es ihre Beine in den rechten Abzweig zu schieben, damit sie nach links kriechen konnte. Einige Minuten verharrte sie so, denn sie war ziemlich außer Puste und hatte das Gefühl, dass man ihr Atmen kilometerweit hören konnte.
Dann kroch sie leise weiter. Das war gar nicht so einfach, denn die Wände des Lüftungsschachtes waren sehr glatt. Nur durch die Gummisohlen ihrer Schuhe fand sie genug Widerstand. Ihre Arme rutschten dauernd ab, da der Stoff der Jacke besonders gut auf der Oberfläche des Rohres glitt. Nach ein paar Minuten erreichte sie endlich ein weiteres Gitter. Es befand sich ebenfalls auf der linken Seite und der Lichtstrahl daraus beleuchtete die rechte Wand des Rohrs. Maggan knipste die Taschenlampe aus und steckte sie hinten in den Hosenbund, dann lugte sie wachsam durch das Gitter, darauf bedacht viel zu sehen, aber selbst nicht entdeckt zu werden.
In dem Raum schräg unter ihr sah sie drei Männer. Ein Schwarzer stand mit verschränkten Armen mit dem Rücken zur Tür. Er trug einen beigen Anzug, der etwas zerknittert wirkte, als hätte er ihn die letzten drei Tage ununterbrochen getragen. Im Gegensatz dazu wirkte der schwarze Anzug des Asiaten wie frisch aus der Reinigung. Dieser kleine Asiate redete auf jemanden ein. Mit dem Rücken zu ihr stand ein Mann mit einer beginnenden Glatze. Er trug graue, seltsam steril wirkende Sachen. Kein Zweifel, das war Harry, obwohl er sich sonst eigentlich in Jeans und Hemd wohler fühlte. Der Asiate sagte zu ihm:
„Gut, Harry, wenn Sie uns unbedingt verlassen wollen, dann sagen Sie mir erst, wo Ihr Sicherheitsausweis ist. Eher kann ich Sie nicht gehen lassen!“
„Wie oft soll ich Ihnen noch sagen, dass ich es nicht weiß!“, hörte Maggan Harrys Stimme antworten.
„Wir können aber nicht zulassen, dass womöglich nicht autorisierte Personen sich hier damit Zugang verschaffen. Das ist Ihnen doch klar, oder? Sie wissen genau, dass das, was wir hier machen illegal ist. Schon vor Jahrzehnten wurde es auf der ganzen Welt durch ein internationales Abkommen verboten. Wenn das rauskommt, dann können wir alle unserem angenehmen Leben adieu sagen“, entgegnete der andere.
„Ändern Sie doch den Code!“, entschied Harry.
„Das kostet eine Menge Geld. Jeder Mitarbeiter muss dann eine neue Karte erhalten. Wollen Sie die Kosten dafür übernehmen?“ Keine Antwort.
„Ohne eine Atemanalyse kommt hier doch sowieso niemand rein“, fiel Harry noch ein.
„Das ist schon richtig, aber unser System ist mehrfach gesichert und muss es auch bleiben! Irgendwie müssen Sie dafür bezahlen!“, sagte der Asiate.
„Wie meinen Sie das, Dr. Wong?“, fragte Harry. Seine Stimme hörte sich nervös an. Dr. Wong gab dem Schwarzen an der Tür einen Wink. Dieser zog eine Pistole unter dem Jackett seines grauen Anzugs hervor.
„Was haben Sie vor?“, schrie Harry ängstlich. Seiner Person jedoch konnte Maggan nichts von dieser Angst ansehen. Plötzlich legte der Mann auf Harry an und drückte ab. Harry zuckte zusammen, seine Knie knickten ein, er kippte nach vorne und blieb mit dem Gesicht auf dem Boden liegen.
Maggan stockte der Atem. Sie rang nach Luft und ihre Hände begannen zu zittern. Mein Gott, sie hatten Harry erschossen, schrie es in ihrem Kopf. In dem Raum unter ihr war es für eine Minute totenstill. Sie gingen im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen. Was für ein schreckliches Geheimnis hüteten sie in diesem unterirdischen Labyrinth? Maggan starrte wie paralysiert durch das Gitter. Auf einmal tauchte ein weiterer Harry von links in ihrem Blickfeld auf und kniete neben dem toten Harry nieder.
„Warum haben Sie das gemacht? Er hatte doch gar nichts damit zu tun!“, rief er unter Tränen.
Dr. Wong grinste hämisch. Er fasste in seine Jackentasche und zog eine Spritze hervor. Harry bemerkte zu spät, was er vorhatte. Schon hatte ihm Wong die Nadel in die Halsschlagader gestochen und den Kolben heruntergedrückt.
„Wo Sie hingehen, brauchen Sie ES nicht mehr und für uns ist ES auch wertlos“, grinste der Asiate. Und an den Schwarzen gewandt, befahl er:
„Entsorge ES!“
Der Mann kam näher, lud sich den toten Harry auf die Schultern und verschwand aus der Tür. Das Mittel, das Wong dem noch lebenden Harry injiziert hatte, begann zu wirken. Ihm versagten die Knie und er sank zu Boden. Dabei glotzte er den Asiaten ungläubig an.
„Bringen Sie ihn weg!“, befahl er einer für Maggan noch unsichtbaren fünften Person. „Ich werde mich später um ihn kümmern. Und suchen Sie nach dieser verdammten Karte. Vielleicht hat er sie in seinem Labor bei Delta verschlampt!“
„Okay, Boss“, antwortete eine Stimme und in Maggans Blickfeld erschien ein junger, blonder Mann. Er fuhr sich mit den Fingern durch das kurzgeschorene blonde Haar, dann legte er seinen rechten Arm unter Harrys Achseln, zog ihn hoch und schleifte ihn zur Tür. Harrys Beine versuchten ein paar Schritte zu gehen, doch seine Knie versagten. Es sah aus, als wäre er stockbetrunken.
Maggan erstarrte, als der Mann mit Harry und gefolgt von dem Asiaten den Raum verlassen hatte. Obwohl sie sein Gesicht nicht richtig erkennen konnte, seine Haare äußerst kurz waren und elf Jahre vergangen waren, wusste sie es! Die Erkenntnis durchzuckte sie wie ein Blitz: Der Mann war Kenny!


K-Delta X2

Völlig verwirrt und zitternd vor Angst rutschte Maggan rückwärts durch den Tunnel zurück zu dem Loch, aus dem sie hier herein gekommen war. Als sie es erreichte, ließ sie keuchend ihre Beine hindurchgleiten und sprang auf den Stuhl. Dann ließ sie sich auf den Boden des Labors sinken, hockte sich wie ein Embryo in der Ecke des Raumes zusammen und war unfähig sich zu bewegen. Sie war Zeugin eines Mordes geworden – des Mordes an Harry! Aber das Schlimmste war: Es gab zwei Harrys! Und was hatte Kenny mit der ganzen Sache zu tun? Was war das überhaupt für eine Sache?
Maggan zitterte. Mindestens eine Stunde saß sie so in dem dunklen Raum. Ihre Gedanken kreisten durcheinander. Ihr gewohntes, von ihrem Vater behütetes Leben war aus den Fugen geraten. Sie wünschte, sie säße in ihrem Labor am Schreibtisch, wenn sie die Augen öffnete. Der Computer vor ihr würde piepsen und beruhigend blinken und genau die Befehle ausführen, die sie ihm gab. Er würde ihr mit einer vertrauenerweckenden Stimme, die sie aus über hundert Möglichkeiten wählen konnte – sie bevorzugte die des längst verstorbenen Schauspielers Sean Connery – Rede und Antwort stehen, keine Geheimnisse, keine Lügen. Maschinen waren aufrichtig und direkt. Maschinen waren ihr vertraut und lieber geworden als Menschen. Dies war vielleicht auch einer der Gründe, warum sie nicht in der Lage war eine dauerhafte Beziehung einzugehen.
Eine der wenigen Beziehungen, die ihr bis jetzt etwas bedeutet hatten, war die zu ihrem Vater. Doch jetzt nach siebenundzwanzig Jahren begann auch diese langsam zu zerbröckeln, wie die von Baggern bearbeitete Erdschicht über einem Erzvorkommen. Es wird freigelegt und die Sonnenstrahlen brechen sich im Erz. Es blendet für einen Moment und wirkt gewaltig. Ein großer Fund. Doch wenn sich die Augen daran gewöhnt haben, erkennen sie, dass das unbrauchbare Gestein überwiegt, das die Ausbeute sehr gering ausfallen wird.
Maggan erkannte plötzlich, dass ihr Vater nicht mehr der Gott war, für den sie ihn gehalten hatte. Sicher hatte er auch gute Seiten, doch der Dreck und das minderwertige Gestein zwischen den blinkenden Erzklumpen überwogen jetzt. Es hatte siebenundzwanzig Jahre gedauert, bis sich ihre Augen an das blendende Erz gewöhnt hatten. Jetzt konnte sie durch den Schleier der Verblendung blicken. Er hatte viel zu verbergen gehabt und hat es noch immer. Vielleicht irrte sie sich – sie wünschte es sich sehnlichst – doch er war Delta und das hier war unter Delta.
Sie versuchte das alles zu verstehen. Da war zuerst diese Blu-ray, auf der sie das Trafohäuschen entdeckte. Dann dieser Code, den sie nicht herausfand. Plötzlich gelangte sie auf seltsame Weise an Harrys Sicherheitsausweis. War das eine Art Hilferuf von Harry? Sie konnte sich das nicht erklären. Einerseits bedrängte Harry sie, sich aus der Sache rauszuhalten und andererseits steckte er ihr die Codekarte in die Tasche, was einer Aufforderung gleichkam, dem Ganzen nachzugehen. Maggan fühlte sich auf einmal schuldig. Hätte sie den Mord verhindern können? Aber sie wusste doch auch gar nicht, um was es hier geht. Wie hätte sie es dann verhindern können?
Als Maggan merkte, dass ihre Beine eingeschlafen waren, begann ihr Gehirn wieder einigermaßen logisch zu funktionieren. An die Lehne des Stuhles gekrallt, zog sie sich hoch. Ihre Beine waren ganz taub. Sie begann herumzuhüpfen. Nach einer Weile stachen tausend Nadeln in ihren Venen. Maggan hüpfte weiter und allmählich funktionierte die Blutversorgung wieder. Sie musste umgehend hier verschwinden! Das hier war eine tödliche Sache.
Der Gang lag verlassen vor ihr. Maggan wendete sich nach rechts. Doch an der nächsten Kreuzung war sie sich schon nicht mehr so sicher, in welche Richtung sie gehen musste, um zu dem Fahrstuhl im Trafohäuschen zurückzugelangen. Nach drei oder vier Verzweigungen hatte sie dann vollkommen die Orientierung verloren. Plötzlich hörte sie Geräusche vor sich. Sie drückte sich mit dem Rücken an die Wand und schaute vorsichtig um eine Ecke. Dort waren zwei Männer, die schnaufend ein großes Gerät in ihre Richtung schoben. Ihr blieb wieder nichts anderes übrig, als hinter eine der Türen zu schlüpfen.
Drinnen herrschte Dunkelheit. Maggan lehnte an der geschlossenen Tür und lauschte mit pochendem Herzen, was sich draußen auf dem Gang tat. Zwar war sie die Tochter des Chefs der Firma über diesem Komplex, doch sie wusste ja nicht, ob ihr Vater an der Sache, was auch immer sie sein mochte, wirklich beteiligt war. Wenn nicht, würden diese Leute bestimmt nicht zögern, sie auf die eine oder andere Weise zu beseitigen und Maggan würde dann einem der beiden Harrys wieder begegnen. Und wenn er daran beteiligt war ... daran mochte sie gar nicht denken.
Plötzlich ging das Licht in dem Raum an. Ihr Adrenalinspiegel schoss hoch. Maggan glotzte auf eine Gestalt, die in einem Krankenbett saß und sie mit halb geöffnetem Mund anstarrte ...


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