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Science Fiction
Buch Leseprobe DIE GIER NACH REICHTUM, Hans Lebek
Hans Lebek

DIE GIER NACH REICHTUM


Helastrilogie Teil 1

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Prolog


D


er Geröllhang begann tatsächlich zu rutschen. Es war unglaublich. Weit und



breit war kein Anlass für diese Katastrophe zu erkennen. Aber gegen den


strahlend blauen Julihimmel zeichnete sich eine deutliche Staubwolke ab, wie


sie nur ein beginnender Bergrutsch größeren Ausmaßes verursachen konnte.


Ein Teil, knapp unter dem Berggipfel des 3000 Meter hohen Ritterkopfes, hatte


sich zu lösen begonnen.


In Peter Lander, und offensichtlich auch bei allen anderen Teilnehmern der


Bergwanderung, stieg Panik auf. Eine blonde, etwas beleibtere Mitte-


Fünfzigerin schrie hysterisch auf und ruderte wild mit den Armen in Richtung


Staubwolke herum. Auch Sepp Hintermayer, der alte, erfahrene Bergführer


stand diesem Phänomen ratlos gegenüber. Peter war der Letzte der Gruppe


und noch ziemlich weit unten. Er sah sich verzweifelt nach einem Schutz um.


Links von ihm waren noch die gewaltigen Eisreste des alten, bereits stark


abgetauten Ausläufers des Diesbachgletschers schmutzig grau im Sonnenlicht


glitzernd zu erkennen. Oberhalb und rechts von ihm nur Steine und Geröll. In


seiner Angst entschied er sich kurzerhand für einen Sprint in Richtung


Gletscherrest, so schnell es der schräge Hang überhaupt zuließ. Aus den


Augenwinkeln heraus nahm er noch wahr, wie Sepp seiner Gruppe zubrüllte,


nach rechts unten wegzulaufen und irgendwo Deckung zu suchen. Er sah auch


noch, wie gerade diese zehnköpfige Gruppe schreiend unter den herab


tosenden Geröll- und Gesteinsmassen lebendig begraben oder zerschmettert


wurde.


Hinter ihm schlugen inzwischen ebenfalls mit lautem Getöse die ersten


kleineren und mittleren Felsbrocken ein. Mit riesigen Sprüngen erreichte er die


ersten Eisschichten, rutschte aus und fiel prompt hin. Dabei schlitterte er


mehrere Meter talabwärts und schürfte sich die Hände auf. Sich wieder


aufrappelnd, gelang es ihm, halb rutschend, halb springend noch mehrere


Meter Boden gut zu machen, bevor auch ihn das Gros der Steinlawine einholte.


Mit einem letzten, verzweifelten Sprung in eine kleine Eissenke erhoffte er sich


die Rettung.


Kaum schlug er mit seinem Körper flach auf dem Eis auf, gab diese Stelle


auch schon nach und er rutsche schräg nach unten.


>Es muss sich hier um eine verdeckte Gletscherspalte handeln<, ging es ihm in


seiner Todesangst durch den Kopf.


Während des Abrutschens, es war schon fast ein Fallen, fragte er sich, wieso er


diese blöde Gebirgswanderung überhaupt mitgemacht hatte, wo er doch für


diese Art von Ausflügen gar nichts übrig hatte.




Die Entdeckung


P


eter fiel, oder genauer gesagt glitt immer noch schräg nach unten, immer



tiefer in die Gletscherspalte hinein. Zu seinem Glück, war diese Spalte so


schräg, dass das Rutschen so langsam vor sich ging, dass er schlimmstenfalls


lediglich Schürfwunden davontragen würde. Anhalten konnte er nicht, egal


wie er es auch anstellte, denn die Wände waren kalt, feucht und vor allem


glatt. Seine panikartige Angst senkte sich etwas, als er merkte, oder vielmehr


spürte, dass augenblicklich keine akute Lebensgefahr bestand. Über sich hörte


er wiederholtes Poltern und Knallen. >Das müssen verschiedene Felsbrocken


sein, die auf den Gletscherrest auftreffen<, dachte er bei sich.


„Scheinbar hab ich einen Mordsdusel gehabt, gerade in diese Spalte zu


fallen", überlegte er laut weiter.


Er griff immer wieder mit beiden Händen in die Wände der Spalte, um sich


irgendwie festzuhalten. Beide Arme waren nach oben gestreckt. Er versuchte


sie nach unten zu bekommen, aber es klappte nicht, da kaum Platz zum


Bewegen war. Nur zum weiteren Abwärtsrutschen reichte es. Plötzlich hörte er


hoch über sich wieder einen dumpfen Knall. Das Geräusch war ungefähr so,


als wenn ein größerer Felsbrocken auf dickes Eis fällt. Und im Anschluss hörte


er, ein immer lauter werdendes polterndes Rauschen.


„Mist!", brüllte er, und da war der Stein auch schon wie ein Geschoss ganz


knapp an ihm vorbei gerauscht.


Angstschweiß trat ihm auf die Stirne. Hatte er sich eben noch für sicher


gehalten, was den verheerenden Steinschlag über ihm anging, so war diese


trügerisch Sicherheit jetzt wie weggewischt. Die Hände versuchte er nun nicht


mehr nach unten zu bekommen, stellten sie doch eine Art Schutzschild dar,


falls noch einige Brocken angesaust kamen.


Kaum dass sich sein Puls wieder beruhigte, kam für ihn der nächste Schock.


Das Gleiten wurde immer langsamer und die Spalte immer enger. Er hatte


allmählich Bedenken, dass er eingeklemmt und bewegungsunfähig stecken


bleiben könnte. Das hätte dann einen qualvollen Tod durch Erfrieren zur Folge,


sofern er nicht schnell genug gefunden wurde. Und ob ihn hier jemand suchen


und gar finden würde, war mehr als ungewiss. Er war, schätzte er, mindestens


20 bis 30 Meter tief in die Spalte gerutscht und es war bitter kalt und sehr


dunkel geworden. Gott sei Dank, dass er den Rat von Sepp befolgt und warme,


dicke Kleidung angezogen hatte.


Jetzt steckte er, an den Oberschenkeln eingeklemmt, fest. Das ferne Poltern


oberhalb hatte inzwischen aufgehört. So sehr er auch versuchte, die Arme nach


unten zu ziehen, es gelang ihm nicht. Seine Versuche, mit den Füßen an der


Wand Vorsprünge zu finden, damit er aus eigener Kraft seine Position ändern


konnte, schlugen fehl. Er konnte mit seinen Beinen keine Wand erspüren.


Als er das bemerkte, durchzuckte ihn wiederum ein höllischer Schreck. Waren


seine Beine taub oder gelähmt, oder war unter ihm ein Abgrund? Sehen konnte


er nichts - nur über ihm schimmerte es etwas hellgrau. Er verhielt sich erst


einmal ganz ruhig und versuchte zu überlegen. Wenn er die Füße


gegeneinander schlagen würde, und zwar kräftig, müsste er den Schmerz


spüren, und konnte dann auch nicht gelähmt oder irgendetwas Ähnliches sein.


Gedacht, getan. Er spreizte weit die Beine und schlug sie, wie bei einem


militärischen Gruß, heftig gegeneinander.


„Au ! Verdammt!", brüllte er.


Es hatte eindeutig Schmerzen bereitet - und zugleich sackte er um


mindestens 30 Zentimeter weiter nach unten. Jetzt hing er mit seinem


Hinterteil fest.


>Nach unten? - Was befand sich unter ihm? Oder besser gefragt, wie viel


befand sich nicht unter ihm? Drei bis vier Meter freien Fall konnte man


unverletzt überstehen - aber mehr?< ging es ihm entsetzt durch den Kopf. Er


überlegte weiter:


>Wenn ich mich zu stark bewege, falle ich in einen dunklen, unbekannten und


eventuell tiefen Raum - auf der anderen Seite, wenn ich mich nicht bewege


und keiner findet mich, was ja wahrscheinlich ist, erfriere ich hier erbärmlich.


Außerdem muss ich davon ausgehen, dass durch meine Körperwärme und


meinen Gewichtsverlust ich ohnehin demnächst aus der Spalte herausfallen


werde. Also ist es besser, wenn ich das jetzt sofort bewusst forciere. Jetzt hab


ich noch Kraft und bin warm<.


Zu diesem Entschluss gekommen, setzte er ihn auch sofort in die Tat um. Er


wackelte mit allem, was ihm zur Verfügung stand, holte tief Luft und atmete


noch tiefer aus, und plötzlich rutsche er wieder ein paar Zentimeter tiefer. Dies


wiederholte er mehrmals, bis es schlagartig einen Ruck gab, und er den Halt


verlor. Jetzt war er nicht mehr festgeklemmt. Dafür fiel er aber senkrecht nach


unten, wenn auch nur kurze Zeit, und schlug so heftig auf dem Boden auf,


dass ihm die Sinne schwanden und er bewusstlos liegen blieb.




.....


F


ast schlagartig erwachte Peter aus seiner Ohnmacht. Der Grund dafür war



das eiskalte Wasser, in welchem er lag. Es handelte sich offensichtlich um das


Schmelzwasser des Gletschers. Warum es hier in der Tiefe, auf dem Grund des


Gletschers nicht gefroren war sondern plätschernd, gluckernd und rauschend


floss, interessierte ihn momentan nicht. Er fror jämmerlich. Seine Kleidung war


auf der rechten Seite total durchnässt. Und gerade diese Seite schmerzte ihn


besonders. Offensichtlich war er mit voller Wucht bei seinem freien Fall mit


dieser Körperseite auf den Boden geknallt. Der Kopf musste dann auch


aufgeschlagen sein, denn der tat ihm ebenfalls weh.


Es war stockdunkel. Er sah nicht einmal die Hand vor Augen und hatte auch


keine Ahnung, wie lange er so gelegen hatte. Extrem lange konnte es nicht


gewesen sein, sonst wäre er wohl erfroren. Da fiel ihm ein, dass er bloß auf


seine Armbanduhr sehen musste, um sich selbst diese Frage präzise zu


beantworten. 11.20 Uhr zeigten die Leuchtzeiger. Das bedeutete, dass er erst


seit etwas mehr als zwanzig Minuten im Gletscher steckte. Es kam ihm vor, als


wäre der Sturz schon vor vielen Stunden gewesen.


Langsam aber sicher fand er sich mit der Finsternis ab. Er tastete stehend


seine nächste Umgebung ab. Der Boden war uneben, glatt und fast eine


Handbreit hoch mit kaltem, fließendem Wasser bedeckt. Es floss von seiner


jetzigen Stellung aus gesehen nach links, leicht bergab. Hinter ihm war eine


ziemlich schräge, unregelmäßige, in ihrer Höhe nicht erfühlbare Wand. Sie war


glitschig, kalt und nass. Das musste das Eis des Gletschers sein. Einen Schritt


weiter ertastete er eine runde Säule. Sie war ungefähr so dick, dass er sie mit


beiden Händen umfassen konnte. Es war eine Eissäule, welche nach etwa


einem Meter Höhe spitz zulief und aufhörte. Wäre er auf diesen umgedrehten


Eiszapfen gefallen, wäre er aufgespießt worden.


>Ich bin schon ein Glückspilz<, dachte er, >wenn man bei diesem Albtraum


überhaupt von Glück reden kann<.


Ihm fielen die Geologen und Sepp wieder ein, wie er sie hatte unter der


Steinlawine verschwinden sehen. Es durchlief ihn eiskalt schaudernd.


Gebückt untersuchte er den Boden rechts. Und richtig, in dieser Richtung


ging es eindeutig minimal bergauf und aus dieser Richtung kam langsam ein


dünne Schicht Wasser geflossen. Sich dorthin zu wenden, dürfte ziemlich


sinnlos sein, entschied er. Wenn es eine Möglichkeit hier herauszukommen


gab, dann nur bergab, denn so floss das Wasser und es musste ja irgendwo aus


dem Berg heraustreten. Vielleicht konnte er diesen Ausgang aus der Eishöhle


dann ebenfalls benutzen.


Also machte er sich daran, diesem leichten Gefälle, zentimeterweise tastend,


zu folgen. Es war ein mühsames Unterfangen. Nach einer ewigen Zeit, wie er


meinte, in Wirklichkeit nur einer halben Stunde, wie er auf seiner Uhr


erkennen konnte, spürte er, wie sich die Fließgeschwindigkeit des Wassers


etwas erhöhte und ein intensiveres Rauschen entstand. Er musste kurz vor der


Austrittsöffnung sein. Der Wasserstand stieg ebenfalls permanent. Er ging ihm


bereits bis zu den Knöcheln. >Nun ganz vorsichtig<, dachte er bei sich, >damit


ich nicht unkontrolliert ins eiskalte Wasser gezogen werde, um dann irgendwo


zu erfrieren<.


Plötzlich hörte er ein lautes, das Rauschen übertönendes, dröhnendes


Knirschen. Gebannt vor Angst blieb er stehen. Bewegte sich der Berg oder


brach der Gletscher entzwei oder entstanden neue Risse? Ruhig blieb er stehen.


Sein Herz schlug bis zum Hals. Das unheimliche Geräusch hörte genau so


schnell wieder auf, wie es gekommen war und nichts hatte sich verändert.


Beruhigt suchte er Minuten später weiter den Boden ab. Jetzt stieß er wieder an


eine Wand. Aufmerksam erfühlte er mit den Händen nochmals die Richtung,


in der das Wasser weiter floss. Es schlug hier gegen eine Felsenwand um dann


weiter nach rechts zu fließen. In dieser Richtung tastete sich Peter nun langsam


vor.


Das Getöse der Wassermaßen wurde allmählich immer lauter und der Pegel


stieg stetig weiter an. Peter hatte teilweise bereits Schwierigkeiten, sich in


diesem Wassersog zu halten. Er fror so stark, dass ihm bereits schwindlig


wurde. Eine bleierne Mattigkeit begann sich auf seine Glieder zu legen und


eine >esistmirallesbaldegal-Stimmung< stieg in ihm auf.


Plötzlich riss ihm die Flut die Beine weg und er fiel seitwärts ins eisige Wasser.


Sich schnell aufrappelnd, versuchte er an der Wand Halt zu finden. Mit viel


Mühe und Not gelang es ihm, wieder festen Fuß zu fassen und sich kontrolliert


fortzubewegen. Dieser Sturz ließ das Angstgefühl noch stärker werden. Er


gehörte ohnehin nicht zu den Menschen, aus denen Helden gemacht werden.


Er war eher der zurückhaltende, vorsichtige, und was körperliche Schmerzen


anging, ängstliche Typ.


Mit der rechten Hand erfühlte er nach einer Weile, wie die Wand rechtwinklig


nach links abbog und das Wasser mit starkem Sog dieser Richtung folgte. War


er jetzt an der Stelle, wo er sich mit dem Wasser aus dem Berg spülen lassen


konnte? Das Loch, denn um ein solches musste es sich handeln, hatte eine


Höhe von ungefähr einem Meter und nahm das gesamte abfließende Wasser


auf.


Peter überlegte, ob er es wagen konnte, sich in dieses Loch zusammen mit den


Wassermaßen zusammen zu stürzen, um so aus der Eishöhle


herauszukommen. Die kalte Reise im Wasser konnte sehr lange in einem


Tunnel dauern, so dass er vielleicht keine Luft mehr bekam und ertrinken


musste. Oder es trat in beachtlicher Höhe als Wasserfall aus dem Berg heraus


und er brach sich dann bei einem Sturz alle Knochen. Was tun, fragte er sich


zum wiederholten Male. Er hatte Angst. Aber wenn er hier verweilen würde,


waren seine Überlebenschancen ebenfalls gleich Null, denn dass ihn hier


jemand in absehbarer Zeit finden und retten würde, hielt er für absolut


unwahrscheinlich. Außerdem würde er in Kürze erfroren sein. Also nahm er


allen Mut zusammen, atmete zweimal tief durch, hielt die Luft an und tauchte


in Richtung Loch ab. Seine Gedanken waren in diesen Sekunden bei Ellen und


seinen Kindern. Er hatte eine schreckliche Angst sie nie wieder zu sehen. Es


raubte ihm fast den Verstand.


Was war das? Er glaubte nicht richtig zu spüren. Das Loch war durch eine Art


Gitter versperrt.


Wie er auch rüttelte, das Gitter, oder was es sonst war, bewegte sich nicht.


Schnell tauchte er, wild strampelnd, zur rechten Seite der Sperre auf und


bewegte sich mehrere Meter an der Wand entlang weg von diesem Loch. Dass


er sich aus diesem starken Wassersog hatte wieder befreien können, erschien


ihm jetzt wie ein Wunder. Verzweiflung machte sich in ihm breit. An dieser


Stelle ein Art Abflussgitter? Wozu das? Er war verblüfft und wusste sich zuerst


einmal keinen Rat. Bedeutete das nicht, überlegte er fieberhaft, dass es hier


irgendwo einen anderen Ausgang geben muss? Wie denn sonst soll dieses


Gitter oder was immer es gewesen war angebracht worden sein? Die Erbauer,


wenn es wirklich solche gegeben haben sollte, mussten doch auch irgendwie


hier herein gekommen sein. Wieder fragte er sich:


>Wozu dieses Gitter oder was das war - das macht doch keinen Sinn?<.


Er schüttelte zähneklappernd den Kopf und tastete sich dabei immer weiter


rechts an der Wand entlang. Sein gesamter Körper zitterte vor Kälte. Irgendwo


musste es hier einen Ausgang geben. Je weiter er sich voran tastete, umso mehr


fiel der Wasserstand wieder, bis er endlich gar nicht mehr durch Wasser waten


musste. Wenn er doch nur Licht hätte - oder wenigstens ein Feuerzeug. Jetzt


verwünschte er sich zum ersten mal, dass er kein Raucher war, denn Raucher


hatten fast immer Feuer bei sich.


„Immer weiter gehen", stimulierte er sich selbst, „nicht stehen bleiben, sonst


erfrierst du."


Wie lange er so, die Wand abtastend, vorwärts gegangen war, wusste er nicht


mehr zu sagen. Er fror erbärmlich. Sein Gehirn fing allmählich an, nicht mehr


richtig zu arbeiten. So kam es auch, dass er zuerst gar nicht bemerkte, wie sich


die Beschaffenheit der Wand veränderte. War sie bisher schroff, uneben, feucht


und kalt, so wurde sie plötzlich ganz glatt und fühlte sich nahezu angenehm


warm an, ohne dass sie Wärme abstrahlte.


Endlich bemerkte auch Peter, dass sich etwas Gravierendes verändert hatte. Er


hielt in seinen Bewegungen inne und befühlte mit beiden Handflächen die


Wand. So etwas Glattes hatte er noch nie befühlt. Da muteten ihn Glasscheiben


oder Spiegel wie Schotter an. Oder setzte sein Tastgefühl bereits aus? Aber


schön lauwarm war die Wand. Er lehnte sich mit dem Körper ganz dicht an die


Wand und genoss das wohlige Gefühl der Wärme. Jetzt musste er bereits


spinnen - anders konnte es wohl nicht sein. Ob das bereits der beginnende


Todesreigen war? An diesem Ort war es ihm momentan egal. Er blieb ganz


ruhig, schräg gegen die Wand gelehnt, stehen und Bilder aus der


Vergangenheit zogen durch sein Gehirn.




K


nack - Plötzlich war die Wand war verschwunden - und Peter kippte



haltlos, ein paar Schritte nach vorne taumelnd auf den Boden.


Knack - Ebenso überraschend war die Wand hinter ihm wieder da, und er lag


immer noch auf dem Boden, einem ebenen, glatten Belag, der sich wie die


gesamte Raumtemperatur um ihn herum wohlig warm anfühlte.


Er konnte die Wand zwar nicht sehen, denn es war immer noch dunkel, aber


irgendwie spürte er ihre erneute Gegenwart. Warum, wusste er nicht. Als er


aufzustehen versuchte, stellte er fest, dass er




Der fatale Unfall


K


aum hatte Georg die Grenze zwischen Österreich und Deutschland hinter



Salzburg passiert, wurde das Wetter schlagartig schlechter. Es pfiff ein scharfer,


böiger Westwind von links gegen den Wagen. Große dunkle Regenwolken


zogen auf. Keine zehn Minuten später fielen, geräuschvoll gegen die


Windschutzscheibe klatschend, die ersten Regentropfen. Georg schimpfte


knurrend vor sich hin:


„Muss so ein Sauwetter ausgerechnet jetzt kommen. Bei diesem starken


Verkehrsaufkommen und dann noch gut zwei Stunden bis Passau. Das kann ja


heiter werden."


Aber auch das Schimpfen nutzte nichts. Der Regen wurde immer stärker. Es


war schon nach halb zehn. Er bog bei der Abfahrt Traunstein von der


Autobahn auf die Bundesstraße 304 ab. Es ging durch Traunstein, vorbei an


Traunreut und bei Altenmarkt weiter auf die Bundesstraße 299. Er fuhr betont


vorsichtig. Der Gegenverkehr blendete ihn teilweise so stark, dass er aus


Sicherheitsgründen die Geschwindigkeit noch mehr drosselte. In


Unterneukirchen stellte er fest, dass er frühestens gegen Mitternacht zu Hause


ankommen würde. Er fingerte nach seinem Handy und wählte mit der rechten


Hand die Kurzwahlnummer von seinem Hausanschluss. Der Regen peitschte


so laut gegen das Fahrzeug, dass er bezweifelte, seine Gitti ihn würde


verstehen können. Schon wieder kam ihm ein Ungetüm von Lastwagen


entgegen und spritzte gleich eimerweise Wasser, von der Straße hochreißend,


gegen seine Frontscheibe.


„Keller", meldete sich Gitti, so leise, dass Georg sie nur erahnen konnte.


„Ich bin's, Schatz", brüllte er in sein Handy. „Du musst ganz laut schreien,


sonst kann ich dich nicht verstehen."


„Ich kann dich gut hören. Wo bist du denn? Warum müssen wir so brüllen?",


wollte Gitti nun wissen.


„Ich bin kurz vor Altötting auf der 299. Bei dem Sauwetter kann es noch etwas


dauern. Bei euch alles klar?", schrie er immer noch und versuchte zugleich den


Wagen auf der rechten Fahrbahnseite zu halten.


Der Wind hatte inzwischen fast Orkanstärke erreicht. Er fuhr auf einer


geraden Strecke einen leichten Hügel hinunter und konnte vage erkennen, dass


die Straße weiter gerade aus einen neuen, langgezogenen Hügel hinaufführte.


Über die gegenüberliegende Hügelkuppel blickend, erkannte er, dass wieder


einer dieser Riesenlastwagen auf ihn zukam.


„Hier ist alles in Ordnung. Ich hab schon gepackt. Schön, dass du uns abholst.


Soll ich dir was zu Essen machen?", erkundigte sie sich brüllend.


Hmm, gute Idee, dachte Georg bei sich, und fühlte das Wasser in seinem


Munde zusammenlaufen.


„Was macht denn dieser Idiot da vorne?", schrie Georg entsetzt auf.


Gitti hörte dies, und fragte sich, was das wohl sollte und bekam langsam ein


dumpfes, flaues Gefühl in der Magengegend. War da etwas nicht in Ordnung?


Georg bemerkte, wie der entgegenkommende Sattelzug zu schlingern anfing.


Er bremste augenblicklich seinen Wagen vorsichtig ab und hielt sich ganz weit


rechts am Fahrbahnrand. Der Sattelauflieger des Lastwagens trudelte immer


stärker und kam immer mehr auf Georg zu. Dessen Fahrzeug stand


inzwischen fast. Rechts in den Graben konnte er nicht fahren, weil eine lange,


durchgehende Leitplanke dies unmöglich machte. In diesem Augenblick


schlug der Sattelauflieger mit seiner rechten Seite gegen die Leitplanke auf der


gegenüberliegenden Straßenseite. Ohne Leitplanken wäre der gesamte Lastzug


die steile Böschung hinabgestürzt, so aber wurde er nach links, wieder zurück


auf die Bundesstraße geschleudert und begann, sich quer stellend, auf Georgs


Mercedes hinzu zu bewegen.


„Scheiße!", brüllte Georg auf, „ist der wahnsinnig. Hilfe! Stufe 2!"


Mehr konnte er nicht mehr herausbringen, denn in diesem Augenblick


krachte der vollgeladene Auflieger quer treibend mit brutaler Wucht frontal


gegen seinen Wagen, diesen restlos zertrümmernd, um dann, sich zwei Mal


überschlagend, den Mercedes, mit Georg darin, unter sich begrabend, auf der


Fahrbahn liegen zu bleiben. Die Limousine wurde völlig zerquetscht. Für


Georg lief alles wie in Zeitlupe ab. Die Sattelzugmaschine wurde durch das


Drehen des Aufliegers förmlich in die Luft geschleudert und über die


Leitplanke weg gegen einen Baum katapultiert.


Beim Aufprall fiel Georg das Handy aus der Hand. Er sah bei vollem


Bewusstsein, wie alles vor sich ging und wie, gleichsam wie in einem Panzer


sitzend, sich alles um ihn herum drehte und verbog. Dann war schlagartig


Ruhe.


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