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Science Fiction
Buch Leseprobe Die fünf Seelen des Ahnen, Ulrike Nolte
Ulrike Nolte

Die fünf Seelen des Ahnen



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Träge schwamm der Ahne in der Dunkelheit, trieb einsam in der Mitte einer Wasserfläche, die sich schwarz und bodenlos von Horizont zu Horizont ausdehnte. Die Wellen spülten über seinen glatten, formlosen Körper, das Licht der Sterne glitzerte feucht auf seiner Haut. Er ließ die Kräfte der Dünung an seiner Gestalt zerren und sie verwandeln, genoss das Gefühl und vergaß es. Seine Augensinne wandten sich dem nächtlichen Himmel zu und nahmen das Bild der wandernden Monde in sich auf. Der kleinste strahlte in einer bläulichen Färbung, die nur in wenigen klaren Nächten vorkam. Der Ahne genoss den Anblick und vergaß ihn. Er hatte sein Kurzzeitgedächtnis entfernt. Er übte sich darin, im Hier und Jetzt zu leben. Der Ahne war der einzige auf dem Planeten, der das Raumschiff bemerkte, als es zum ersten Mal auftauchte: ein winziger Punkt, der im Sternengeflimmer fast unterging. Einen Augenblick lang erwachte sein Denken, seine Augensinne schärften sich, und eine Vielzahl von Theorien und mathematischen Formeln flackerten durch seinen Geist. Dann kehrte er in den Zustand des Seins zurück, den er gewählt hatte. - Den neuen Stern am Firmament hatte er bereits vergessen. Es war drei Uhr nachmittags, und Serail hatte sich gerade gemütlich auf die andere Seite gedreht und beschlossen, noch ein Stündchen zu schlafen. Er lag in einer dämmrigen Wohnhöhle. Die Wände bestanden aus knorrigen Baumwurzeln, als Bett diente ein rohes Birkenholzgestell, über das Tierhäute gespannt waren. Verschiedene Pelze lagen darüber verstreut: Zobel, Polarfuchs, Perserkatze. Vögel zwitscherten. Es war ein perfekter Nachmittag, bis sein Getrauter durch die Tür kam und ihm die Decke wegrupfte. »Du verschläfst gerade ein geschichtliches Ereignis. Hallo, hörst du mich? Es gibt da draußen einen Wasserplaneten, und auf der Brücke ist Vollversammlung in genau ... achtundzwanzig Minuten!« Serail brummte und zog das Kissen über den Kopf. Caravan hatte die Grausamkeit besessen, sämtliche Lampen hochzuschalten. Die Sonnenstrahlen aus der Höhlenöffnung wurden gleißend, ein Lagerfeuer flammte in der Mitte des Raumes auf. »Wasserplaneten sind eine Legende«, knurrte Serail. »Lass mich in Ruhe.« Sein Getrauter stand mitten im Lagerfeuer, was Serails Laune nicht verbesserte. Er hatte Tage gebraucht, um diese Illusion zu erschaffen. Jeder Mensch mit einem bisschen Sinn für Romantik hätte darauf Rücksicht genommen und wäre um die Flammen herum gegangen. Stattdessen stellte Caravan fest: »Die Kabine sieht aus wie ein Schweinestall. Ich nehme an, das gehört zu dieser neuen Modewelle, die du aufgeschnappt hast? ‘Alt-terranische Lebensweise'. Zurück zum Urschlamm.« Serail seufzte gequält und stellte mit einem Blinzeln sein Implantat an, so dass die Stromsicht verschwand und nur die langweilige Wirklichkeit übrig blieb. Er musste zugeben, dass Caravan Recht hatte. So gesehen, war der kahle Raum ein Chaos aus verstreuter Unterwäsche, Popcorn und leeren Champagnergläsern. Allmählich fiel ihm die Party wieder ein. Gleich danach kamen die Kopfschmerzen. Er jaulte und griff erneut nach seinem Kissen. »Nix da«, sagte Caravan und warf das Pelzstück in die hinterste Ecke der Kabine. Wenigstens hatte er Mitleid genug, ein Glas mit Anti-Kater-Mischung aus dem Recycler zu holen. Das Gebräu, das dampfend in einem Plastikbecher erschien, sah nicht besonders einladend aus, aber für Serail war es das Wasser des Lebens. Er brachte sogar ein verzerrtes Lächeln zustande, während er mit geschlossenen Augen danach griff ... Das Lächeln verschwand gleich darauf, als Caravan ihn am Kragen packte und ihn kurzerhand aus der Tür schleifte, in Richtung Schiffsbrücke.Vor der Tür herrschte das übliche Gedränge. Die beiden hatten darauf verzichtet, im Crew-Bereich zu wohnen, der komfortabel aber langweilig war. Hier, am Rand der Passagierstadt 1.3 Lilienthal, gab es immer etwas zu sehen. Ein bunter Strom von Menschen schob sich durch die engen, niedrigen Gänge: Jesuiten, Samurai, Pompadour ... Da man sich in diesem Bauabschnitt nicht die Mühe gemacht hatte, die glatten Wandflächen mit einer Verkleidung zu überziehen, warf das Metall die Bilder der Vorüberkommenden zwischen sich zurück wie ein Spiegellabyrinth. Tausende von Menschen schienen sich gleichzeitig in allen Richtungen durch die Stahlröhre zu pressen. Serail konnte sich selbst vervielfacht in der glitzernden Unendlichkeit verschwinden sehen. Man musste den Anblick gewohnt sein, um an den Kreuzungen nicht gegen die nächste Wand zu laufen. Er stellte das Implantat ab, um die unangenehme Wirklichkeit verschwinden zu lassen, und die Umgebung verwandelte sich vor seinen Augen. Geisterhaft legte sich das Bild einer Landschaft über den kahlen Gang. Für einen kurzen Augenblick existierten beide Ebenen gleichzeitig, die Illusion schimmerte flüchtig wie eine Seifenblasenwand. Dann wurde der Stromraum stabil und verdrängte den Anblick von kaltem Metall, den Geruch von verbrauchter Luft, den harten Faserplastboden unter Serails Füßen. Der Strom umschloss seine Sinne, ein frischer Wind erfasste Serails Haar, und Orchideenduft strömte ihm aus einem fernen Dschungel entgegen. Holzplanken bewegten sich unter ihm, so dass er für einen Moment fast das Gleichgewicht verlor. Als er die Balance wiedergefunden hatte, warf er einen ungläubigen Blick auf das Design, eine morsche Hängebrücke, die sich vor ihm bis zum Horizont erstreckte. Ständig programmierte irgendjemand die Landschaften vor seiner Wohnungstür um, und die Strecke schien von Mal zu Mal abenteuerlicher zu werden. Das schmale Gerüst aus Stricken und Brettern wirkte, als müsste das Gewicht der Passanten es jeden Moment zum Einsturz bringen. Serail schloss nicht aus, dass dieser Special Effect tatsächlich zum Programm gehörte. Jedenfalls reichte der Anblick, um ihn endgültig aus seinem Halbschlaf zu reißen. »Ich könnte jetzt in meinem Bett liegen«, protestierte er achtzig Meter über dem Erdboden, während ein Dschungelfluss in mörderischer Tiefe brauste und seine Stimme fast übertönte. «Ich werde mich scheiden lassen.« »Natürlich, mein Schatz.« »Wieso hast du mich überhaupt aus dem Schlaf gezerrt? Was hast du mir vorhin ins Ohr geschrieen?« Caravan wiederholte duldsam: »Wir haben einen Wasserplaneten entdeckt.« »Was, einen Was-« sagte Serail, kehrte mit einem Blinzeln wieder in die Realität zurück und rannte abgelenkt in einen entgegenkommenden Passagier hinein. » ... sserplaneten? Das kann nicht dein Ernst sein.« Er rieb sich den Ellenbogen und redete weiter, ohne das Opfer des Zusammenstoßes zu beachten. Serail war Crew, und Entschuldigungen gehörten nicht zu seinem Lebensstil. »Daran glaubt doch niemand. Schon meine Urgroßmutter hat erzählt, die Erde sei der einzige bewohnbare Planet in diesem ganzen öden Universum.« »Manchmal können sich auch Großmütter irren.« » ... sagt mein Getrauter, der mir sonst immer seine Altersweisheit unter die Nase reibt.« »Stimmt«, grollte Caravan streng. »Wenn ich schon mit einem Grünschnabel wie dir zusammenlebe, erwarte ich etwas mehr Respekt.« Serail ignorierte diese Bemerkung, schaute beim Gehen in die Spiegelwände und zupfte sorgfältig seine Frisur zurecht. Sein Haar sah aus wie ein Vogelnest, jammerte er innerlich, und gerade als es eine gewisse Form anzunehmen schien, endete schlagartig das polierte Metall. Er seufzte. Hätten sie nicht ein paar Minuten später in die Crewstadt kommen können? Hier gab es Wandverkleidungen, die wie eine Mischung aus hellblauer Seide und schillernden Fischschuppen aussahen. Die Straßen hatten doppelte Breite, und die Decken waren so hoch, dass man sie mit den Händen nicht mehr erreichen konnte. Die Platzverschwendung gab dem Raum etwas Grandioses. Der Boden war mit einer weichen, federnden Schicht überzogen, die an Daunengefieder erinnerte. Je weiter sie zum Zentrum vordrangen, desto leerer wurden die Wege. »Also, was denkst du wirklich über die Sache?«, fragte Caravan, als sie ihr Ziel erreicht hatten und in den Kommandoraum traten. »Was für eine Sache?« Serail gab sich begriffsstutzig. Caravan zog nur ein Braue hoch, was er besonders ausdrucksvoll konnte, und Serail knurrte: »Na gut, wir haben also einen Wasserplaneten entdeckt. Was ist daran so toll? Wer will schon ernsthaft fremde Welten besiedeln?« Caravan schaute ihn an, als sei er ein Fall für den Psychiater. »Ich lebe in meiner Kabine wie ein Höhlenmensch«, sagte er, und betonte jedes Wort. »Ich muss neben einem schwachsinnigen Lagerfeuer schlafen. Du sprichst seit Wochen nur noch von ‘Naturverbundenheit' und ‘terranischer Lebensweise'. Und jetzt erzählst du mir, dass alles so bleiben soll, wie es ist? Du möchtest den Rest deines Lebens an Bord eines Raumschiffes verbringen und im Nichts herumirren?« Serail zuckte lässig mit den Schultern. »Bloß weil ich ein bisschen modebewusst bin, nehme ich diese ganze Erdnostalgie doch nicht ernst. Keine Ahnung, warum alle statt solidem Metall einen Humusboden unter den Füßen haben wollen. Ich bin sehr glücklich hier an Bord.« »Entschuldige, aber das ist Blödsinn. Wenn ich jemanden kenne, der den Weltraum nicht erträgt, dann du. Nach jeder Außenwache muss ich dich davon abhalten, in den Recycler zu springen!« Serail wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Also setzte er seine Primadonnen-Miene auf, wandte sich ab und ließ seine Blicke durch den Saal schweifen. In der großen runden Halle herrschte ein ungewöhnliches Gedränge. Es fehlte kaum jemand von den höheren Dienstgraden, und die meisten waren in Gala-Uniform erschienen, mit roten Kordeln über königsblauen Smokings. Serail entdeckte einige seiner Freunde aus der Matrosenklasse, aber er hatte wenig Aussicht, sich zu ihnen durchzukämpfen. Von der anderen Seite des Saals winkte ihm eine Blondine zu, an die er sich nur noch vage vom vorigen Abend erinnern konnte. Ihr Name war Mango ... oder Papaya? Es spielte keine Rolle. Sie hatte ihn noch mehr gelangweilt als die meisten seiner Partybekanntschaften. Er lächelte strahlend und winkte zurück. Anscheinend waren sie gerade noch rechtzeitig eingetroffen. Soeben teilte sich die Menge, und eine zierliche Gestalt mit dem weißgefärbten Haar der Dumas-Kavaliere trat vor den Hauptbildschirm. Der Dumas klopfte leicht auf den Tonverstärker an seinem Smoking. Die augenblickliche Stille im Saal sagte viel über den Respekt, den man Kapitän Lazarus entgegenbrachte. Man konnte die Mannschaft der Arche 32 sonst nicht gerade als diszipliniert bezeichnen. Kein Wunder, denn das Leben der Crew bestand größtenteils aus Faulenzerei. Seit Generationen beschränkten sich die Pflichten der Matrosen auf die Stromwache zweimal im Monat und einige Routine-Inspektionen. Wer brauchte da schon Disziplin? Der Kommandant begann die Ansprache heute ausnahmsweise sehr formell, indem er grüßend seinen Degen zog und an die Stirn hob. Dann schaute er in die gespannt wartende Runde und sagte einleitend: »Ich habe nicht vor, eine lange Rede zu halten.« Beifälliges Klatschen erscholl irgendwo aus der Menge, und Lazarus Augen funkelten belustigt ... oder verärgert, das war schwer zu erkennen. Serail hoffte für den betreffenden Zuhörer, dass der Kapitän es mit Humor nahm. Lazarus war schwer einzuschätzen und durchaus nicht ungefährlich. Auch wenn er auf den ersten Blick so wirkte: eine knabenhafte Gestalt mit großen blauen Augen, ein porzellanweißes, anmutiges Gesicht, das einem Rokokogemälde zu entstammen schien. Das Elixier hatte bei Lazarus zu früh gewirkt, und sein Körper war der eines zierlichen Vierzehnjährigen geblieben. Selbst wenn man es gewohnt war, das Alter eines Menschen nicht an seinem Äußeren ablesen zu können, wirkte der Kapitän beunruhigend. Normalerweise verrieten sich die Antiqui durch ihre Ausstrahlung, die Macht ihrer Persönlichkeit, ihre Aura, wenn man es so nennen wollte. Aber Lazarus konnte diesen Effekt ein- und ausschalten, er konnte wirken wie ein unbedarftes Kind, um gleich darauf einen politischen Gegner allein mit dem Gewicht seiner zweihundertneunzig Jahre in ein psychisches Wrack zu verwandeln. Die Porzellanpuppengestalt hatte sich nun halb dem Bildschirm zugewandt, der ein Bild des noch weit entfernten Planeten zeigte. Aus den wenigen gesicherten Messdaten hatte der Strom ein Modell entworfen, das der alten Erde recht ähnlich sah. Serail hörte nicht wirklich auf die Ansprache des Kapitäns, auch wenn er sicher war, dass es sich um ein rhetorisches Meisterwerk handelte. Er starrte auf die Projektion und versuchte sich zu überzeugen, dass dieser blaue Planet wirklich war. Sein ganzes Leben hatte er in einer Welt der Illusionen verbracht. Den größten Teil seiner Zeit befand er sich im Strom, und manchmal fiel es ihm schwer zu glauben, dass überhaupt etwas real war. Besonders etwas so Unwahrscheinliches wie ein Wasserplanet ... Er hörte erst wieder zu, als Lazarus Vortrag eine unerwartete Wendung nahm. »Die Jugend unserer Körper währt nicht ewig«, sagte der Kapitän in einem sachlichen Tonfall, der sich bewusst von der vorherigen Rhetorik abhob. »Der Zusammenbruch kommt schnell und überraschend. Ich habe mein Verfallsdatum schon eine Weile überschritten, und in der augenblicklichen Situation können wir uns das Problem eines abrupten Befehlswechsels nicht leisten. Daher habe ich beschlossen und verkünde hiermit offiziell, dass ich das Kommando an einen Nachfolger abgebe. Von diesem Moment an gehört das Schiff, seine Crew und jeder Passagier an Bord allein Kapitänin Randori.« Absolute Stille herrschte auf der Brücke. Serail sah zu Justizsenatorin Randori hinüber, die unter den Offizieren stand und genauso entgeistert wirkte wie alle anderen. Serail konnte seinen Getrauten dicht hinter sich unterdrückt lachen hören. Er drehte sich um und zischte ihm ins Ohr: »Was ist daran so komisch?« »Der alte Fuchs! Hast du Randoris Gesicht gesehen? Am liebsten würde sie ihn kielholen.« »Was??« Jetzt brach ein Tumult aus, der es nicht mehr nötig machte, die Stimme zu senken. Die Offiziere versuchten vergeblich, die Disziplin wieder herzustellen. »Du glaubst doch nicht, dass Lazarus ernsthaft daran denkt abzudanken?«, fragte Caravan über den Lärm hinweg. »Aber das hat er doch gerade gesagt! Oh bitte, schau mich nicht an, als wäre ich ein hirnloser Teenager. Ich interessiere mich nun einmal nicht für Politik.« »Die beiden betreiben ihr Machtspielchen schon seit Jahren. Mal ist er oben, mal sie.« »Ja, das weiß schließlich jeder. Aber für mich sieht es so aus, als hätte er Randori endgültig gewinnen lassen. Warum ist sie darüber wütend?« »Weil er sie auf einen Schleudersitz geschubst hat. Natürlich wollte Randori immer an seiner Stelle Kapitänin werden. Aber wenn sie den Posten ausgerechnet jetzt bekommt, dann kann das ihre Politikkarriere ganz schnell beenden. Lazarus schiebt sie nur als Sündenbock vor.« Caravan übernahm gerne die Rolle des Mentors. In solchen Augenblicken wurde die lange Lebenserfahrung hinter seinem jugendlichen Gesicht erkennbar, und er klang wie der abgeklärte Gelehrte, der er war. »Den Planeten zu besiedeln, wird Opfer kosten. Die Passagiere sind an ein Dasein im Luxus gewöhnt, die meisten haben ihr ganzes Leben lang keinen Handschlag getan - und jetzt sollen sie plötzlich eine neue Zivilisation aufbauen? Das wird kaum funktionieren. Man kann eine planetare Kultur nicht einfach aus dem Hut zaubern.« Er unterstrich seinen Vergleich mit einer schnellen Handbewegung und balancierte plötzlich eine rotierende blaue Murmel auf der Fingerspitze. Caravan gehörte seit fast zehn Jahren zur Gilde der Artisten und Magier und konnte solche kleinen Tricks mit Leichtigkeit aus dem Ärmel schütteln. Serail mochte es besonders, wenn sein Getrauter ihm Rosen aus intimen Körperstellen zauberte. »Außerdem werden wir am Anfang fast ohne Schiffstechnik auskommen müssen. Ohne den Stromraum, ohne Recycler wird es dort unten ziemlich unfreundlich werden. Wer jetzt Kapitän ist, kann froh sein, wenn man ihn nicht schon nach dem ersten Jahr in kleine Stücke reißt.« »Na großartig«, sagte Serail schnippisch. »Danke für diese Aufmunterung. Ich weiß schon, warum ich den Planeten von Anfang an nicht gemocht habe.« »Oh, aber ich bin noch nicht fertig. Wenn die Katastrophe am größten ist, wird nämlich Lazarus als strahlender Retter aus der Versenkung auftauchen. Er wird Randori unter allgemeinem Beifall absetzten und erneut das Kommando übernehmen. Damit ist seine schärfste Konkurrentin politisch aus dem Rennen. Gleichzeitig dürfte sie genug Vorarbeit geleistet haben, um die Situation tatsächlich unter Kontrolle zu bringen, so dass Lazarus am Ende die Loorbeeren einsammeln kann.« Serail zuckte mit den Schultern. »Vielleicht«, sagte er. »Aber so viel weiß ich doch über Politik, dass Randori nicht umsonst einen Namen aus der Kampfkunst bekommen hat. Wenn man sie unterschätzt, findet man sich bald als zusammengefaltetes Paket auf der Judomatte wieder - bildlich gesprochen.« Er grinste. »Tja, und wir wissen alle, was ‘Lazarus' bedeutet«, ergänzte sein Getrauter. »Man sagt ihn tot, und er steht wieder auf. Diese Duellrunde dürfte jedenfalls besonders interessant werden.« Inzwischen hatte sich die Aufregung etwas gelegt, und der Ex-Kapitän trat mit einer galanten Geste zurück und übergab das Wort an seine junge Nachfolgerin. Sie wirkte tatsächlich nicht so, als könne sie ein Schiff mit über achtzig Gr0ßstadtblöcken beherrschen. Randori strahlte eine erfrischende Natürlichkeit aus: ein sommersprossiges Gesicht mit einem Wust von widerspenstigen, kastanienfarbenen Locken, die sie immer wieder energisch aus der Stirn strich. Sie besaß vielleicht nicht Lazarus geheimnisumwittertes Charisma, aber niemand konnte sich ihrem lebhaften Charme entziehen. Und Randori nutzte diesen Sympathie-Bonus hemmungslos aus. »Ich bin wirklich überwältigt, Lazarus«, sagte sie in einem Tonfall, der auf irritierende Art gleichzeitig ehrlich und sarkastisch wirkte. »Die jüngste Kommandantin in der Geschichte des Schiffes zu werden, das hätte ich nie zu träumen gewagt.« Sie legte die Handflächen zusammen und berührte ihre Stirn in einer asiatischen Geste der Dankbarkeit. Randori hatte sich nach ihrer Taufe einen Lebensstil angewöhnt, der dem japanischen Namen entsprach. Vor allem, damit ihr Status als Gildelose nicht ganz so skandalös wirkte. Vermutlich war sie die einzig Gildelose im Umkreis von zehn Städten - und begründete diese Eigenheit damit, dass sie als Justizsenatorin neutral bleiben müsse. Aber der hauptsächliche Grund war wohl, dass sie es genoss, gegen den Strom zu schwimmen. Randori gab sich gerne einzigartig. Es wäre jedoch ein zu großer Bruch der Schiffsetikette gewesen, hätte sie darauf bestanden, nur sie selbst zu sein. Jeder an Bord spielte eine Rolle, wenn er sich in der Öffentlichkeit bewegte. Da es in den überfüllten Passagierstädten kaum Privatsphäre gab, verbarg man sein Ich hinter Masken und Scheinpersönlichkeiten. Auch Randori hatte sich diesem Brauch gebeugt. Wenn sie schon keine Gilde besaß, hatte sie wenigstens eine asiatische Persona, die ihrem Taufnamen entsprach. Als sie nun eine diplomatische Antwort formulierte, griff sie auf die Ausdrucksweise der Asia-Gilden zurück. »Ich bin demütig dankbar, Lazarus-Tse, aber dem Alter gebührt der Vorzug vor der Jugend, wie Konfuzius lehrt. Daher bitte ich dich, weiterhin von deiner erfahrenen Weisheit profitieren zu können. Auch wenn ich den Kommandanten-Titel in Ergebenheit annehme, besteht kein Zweifel, dass dir die Ehre gebührt, die Geschicke der Arche mitzulenken. Jeder an Bord sollte wissen, dass unser geliebter Kapitän noch immer am Ruder ist.« Lazarus nickte gnädig, mit einem amüsierten Gesichtsausdruck, und Randori fuhr fort: »Durch diese Unterstützung entlastet kann ich auch mein Amt als Erste Richterin noch einige Monate wahrnehmen. Wie meine Crew sicherlich versteht, wäre es unverantwortlich, laufende Verfahren abzubrechen. So nenne ich mich von heute an die Kapitänin dieses Schiffes, doch verneige mich zugleich vor dem einzig wahren Kapitän. Möge unsere gemeinsame Arbeit dem Schiff Glück bringen.« Sie verbeugte sich schwungvoll vor Lazarus, der die Geste erwiderte. Bei aller Rivalität konnten die beiden sich gut leiden und genossen ihre kleinen Spielchen. »Nun gut«, sagte Randori abschließend und wechselte abrupt zu einem nüchternen Befehlston. »Nachdem das geklärt ist, schlage ich vor, dass jeder an seinen Posten geht. Wer sich für die Planetenerkundung melden will, kann seine Signatur im Strom unter ‘Crew/Kolonie/Mission.1' ablegen. Ich bitte die heutige Außenwache vorzutreten.« »Damit sind wir gemeint«, sagte Caravan und boxte seinem gähnenden Getrauten in die Rippen. Serail nahm Haltung an. »Tatsächlich? Wir haben heute Wache? Das hatte ich ganz vergessen.« Caravan grinste niederträchtig. »Übertriebener Alkoholgenuss vernichtet die Gehirnzellen.« Sie schritten nach vorne und salutierten vor der neuen Kapitänin. Sie musterte Serail interessiert von oben bis unten. Er trug noch immer den durchsichtigen Pyjama, mit dem ihn sein Getrauter aus dem Bett gezerrt hatte. »Ein bisschen underdressed, Schiffsmaat?« Serail wurde rot und schaute starr an ihr vorbei auf die Wand. Als Randori sich umdrehte und ging - nicht ohne noch einen längeren Blick über die Schulter zu werfen - murmelte er seinem Getrauten zu: »Ich bringe dich um. Wenn die Wache vorbei ist, werde ich dich zu Fastfood verarbeiten. Und hör auf zu lachen!« Sie begaben sich zu den zwei gepolsterten Liegen, die für die Außenwache vorgesehen waren, und streckten sich drauf aus. Dann blinzelten sie gleichzeitig und ließe sich in den Strom fallen. Die Schiffsbrücke verschwand. Plötzlich hingen sie schwerelos im Nichts, und um sie herum faltete sich das lichtlose Weltall auseinander. Caravan konnte fühlen, wie die absolute Leere an seinen Nerven zerrte. Der menschliche Geist war nicht dazu geschaffen, die Größendimensionen des Universums zu ertragen. Man starrte mit dem Maschinenblick der Außenwache in die Ferne, und in der schwarzen Unendlichkeit brach das Ich langsam zusammen. Caravan konzentrierte sich auf den Anblick der Arche, die ein paar Kilometer hinter seinem Rücken zu schweben schien. Gleichzeitig registrierte er mechanisch und ohne Gefühl den Rest der visuellen Daten, die durch sein Bewusstsein rasten und von den Wachhabenden nach gefährlichen Kollisionsobjekten abgesucht werden mussten. Der Strom presste eine Rundumsicht des Alls in sein Gehirn, in 360 Grad und 1,37 Lichtjahren Entfernung entging kein Staubkorn seiner Aufmerksamkeit. Es war ein qualvoller Zustand. Vergeblich bemühte er sich, nicht gegen das Unnatürliche dieser Sinnesempfindungen anzukämpfen, die von den Außensensoren des Schiffes direkt in seine Nervenbahnen geleitet wurden. Durch seinen Hinterkopf starrte er auf die Arche 32, ein seltsames Metallgebilde, das sich wie ein verzweigtes, funkelndes Kristall um die eigene Achse drehte. Das Schiff besaß seit Jahrhunderten nicht mehr seine ursprüngliche Gestalt. Die Bevölkerung war schnell gewachsen, und so hatte man den Lebensraum immer weiter vergrößert, mit jedem Sonnensystem, das die nötigen Materialien liefern konnte. In der Schwerelosigkeit hatte man keine Rücksicht auf aerodynamische Formen genommen, sondern angestückt, wo es gerade passte. Das Resultat war von überraschender Schönheit, es ähnelte einer Schneeflocke in hundertfacher Vergrößerung. Metall verzweigte sich in alle Richtungen, bildete komplizierte Gitter und würfelförmige Knotenpunkte, jeder eine ganze Stadt für sich. Eine bizarre geometrische Landschaft breitete sich vor Caravan aus, silberne Stahlpfeiler zwischen silbernen Stahlwänden: die Außenseite eines Straßennetzes, das sich kilometerweit in die Leere erstreckte. Kurzstreckengleiter umschwärmten dieses Gebilde wie ein funkelnder Mückenschwarm. Er hielt sich an der stabilen Gegenwart des Bildes fest und verdrängte den Gedanken, dass er eigentlich auf eine Fata Morgana starrte, eine Designerkreation ohne Substanz. Von seinem Blickpunkt aus hätte er die Arche gar nicht sehen dürfen. Die Wirklichkeit in seinem Gehirn war von den Außensensoren des Schiffes abhängig, und sie waren in die Ferne gerichtet, nicht zurück auf den Schiffskörper. Die Arche anzuschauen war so unlogisch wie ein Fernglas, durch das man sich selbst betrachten konnte. Caravan wusste genau, welchen Weg die Informationen nahmen, wie konstruiert seine Wahrnehmung im Augenblick war. Die Außensensoren leiteten ihre Daten zuerst an den Brückencomputer, dort wurden sie umgewandelt und dann von den Saalwänden abgestrahlt. Jeder, der die Brücke betrat, ohne sich durch sein Implantat zu schützen, geriet unter den Einfluss dieser Datensendungen - so wie jeder, der Caravans Kabine betrat, das Bild einer moosbewachsenen Wohnhöhle sah. Die Wände der Arche waren von Computerneuronen durchzogen wie von einem riesigen Nervengeflecht. Ihre Botschaften beeinflussten das Gehirnstrommuster, fütterten die Sinne mit einer zweiten Realität: den Illusionen des Stromraums. Das gesamte Schiff, Tausende von Korridoren, zehntausende von Streckenkilometern, wurden von dieser geisterhaften Wirklichkeit eingehüllt, und ohne Implantat erlebte man die Arche als einen Ort ständig wechselnder, ineinander fließender Halluzinationen. Die Wände konnten den Gehirnstrom nicht nur einseitig manipulieren, sie waren auch umgekehrt empfänglich für Gedankenreize und -befehle. Sie dienten als ein allgegenwärtiger Servicecomputer. Man konnte jede beliebige Information abrufen, eigene Pfade ins Dickicht der Dateien schlagen und mit privaten Gedanken füllen. Die Designer konnten mit ihren Wachträumen ganze Welten erschaffen. Sie hatten auch dafür gesorgt, dass nun das Modellbild der Arche beruhigend hinter Caravan schwebte. In den Zeiten vor der Installation dieser psychologischen Schutzmaßnahme hatte es in der Matrosenklasse eine Selbstmordrate von über fünfzig Prozent gegeben. Inzwischen war diese Zahl tatsächlich gesunken, nicht sehr weit, aber es machte sich gut in den Statistiken. Caravan bohrte sich die Fingernägel in die Handflächen, als er daran dachte. Zu viele seiner Freunde waren schon gestorben. Er hatte sich geschworen, dass er selbst niemals zu den Opfern gehören würde. Das Universum konnte sich an ihm die Zähne ausbeißen! Er würde sich selbst und seinen Getrauten auch diesmal aus der Psychose ziehen. »Hast du gesehen, dass wir den Planeten schon im Blickfeld haben? Er ist vor ein paar Minuten aufgetaucht, im Planquadrat 2180.« Das fremde Sonnensystem war bisher nur von den Langstrecken-Scannern angezeigt worden. Jetzt kam es in Reichweite der Fein-Sensorik und schob sich damit langsam in den Außenrand von Caravans Bewusstsein. »Bald werden wir sehen, ob das Computermodell tatsächlich stimmt und der Planet nur Tausende von Inseln hat, keine Kontinente.« Sein Getrauter antwortete nicht, und Caravan kämpfte ein Gefühl der Beklemmung nieder. Es war normal, dass Serail schon nach Minuten kaum noch ansprechbar war. Er redete hastig weiter: »Stell dir vor, wenn kein anderes Schiff jemals eine neue Erde findet. Wir werden die einzigen echten ‘Terraner' im ganzen Universum sein! Ich weiß ja, dass dich der Gedanke nicht begeistert, aber ich werde ganz ehrfürchtig, wenn ich daran denke - festen Boden unter den Füßen, offener Himmel, ziehende Wolken ... Es gibt schließlich niemanden, der alt genug ist, um sich daran zu erinnern. Die Strombilder von der Erde könnten alle gefälscht sein, und niemand würde es merken. Vielleicht war Gras in Wirklichkeit gar nicht grün.« »In jedem zweiten Roman reden sie über grünes Gras«, erklang Serails abwesende Stimme. »Ach, du weißt doch, wie Dichter sind«, sagte Caravan erleichtert, »grünes Gras, blaue Blumen, rosarote Rosenranken ... solange ein Stabreim darin vorkommt, schreiben sie es auf. Es muss ja nicht wahr sein, nur weil es sich hübsch anhört.« Caravan versuchte damit nicht ausschließlich seinen Getrauten aufzuheitern. Der Gedanken, solche Wunder bald real zu Gesicht zu bekommen, ließ ihn tatsächlich ins Schwärmen geraten. Es waren jetzt über fünfhundert Jahre her, seit sich die Reste der Menschheit ins All geflüchtet hatten, 112 Raumschiffe trieben verstreut im Nichts und versuchten, im Kriechtempo eine bewohnbare Heimat zu finden. Sie waren bei jedem entdeckten Sonnensystem aufs Neue enttäuscht worden. Nicht nur die Antiqui, die Uralten der Schiffsbevölkerung, hatten über die Jahrzehnte hinweg begonnen, die Suche mit zynischer Gleichgültigkeit zu betrachten. Caravan hatte an sich selbst beobachten können, wie er zunehmend abgestumpft war, die Hoffnung auf ein Ende ihrer Reise längst begraben hatte. Er konnte es Serail nicht verdenken, dass er den Gedanken an eine Planetenbesiedlung weit von sich wies. Es war leichter, am gewohnten Schiffsleben festzuhalten, als noch einmal alle Wünsche auf die Zukunft zu richten - und enttäuscht zu werden. Serail balancierte schon so lange am Rande des Abgrundes, dass der junge Crew kaum noch wagte, mehr als gelangweiltes Interesse für irgendetwas aufzubringen. Caravan füllte die Leere weiter mit belanglosem Geplauder, sprach ohne Pause über Vogelklangmusik und den neusten Rekord auf der Null-G-Rennbahn. Dabei kreisten seine Gedanken wie so oft um Serails wachsenden Hang zur Selbstzerstörung, eine krampfhafte, fiebrige Sinnlichkeit, die Caravan ausschloss. Es gab Vergnügungen genug an Bord, um Jahrhunderte damit zu füllen, und sein Getrauter hatte sich anscheinend in den Kopf gesetzt, sie alle auszuprobieren. Schon immer hatte Serail einen dekadenten, selbstverliebten Charme besessen, aber inzwischen benahm er sich wie ein verantwortungsloses Kind, das die Wohnung niederbrennt, nur um sich Marshmellows zu rösten. Er betrieb seine Vergnügungssucht mit absoluter Rücksichtslosigkeit. Er sprach von Liebe und gab sich dann nächtelang den KamaSutra hin, die ihn wegen seiner klassischen, fast femininen Schönheit begehrten. Er sprach von einer lebenslangen Beziehung und verbrachte mehr Zeit im Strom als in der Wirklichkeit. Seit er in die Illusionisten-Gilde eingetreten war, experimentierte er mit den drogenähnlichen Erfahrungen der Synästhesie. Stundenlang versank er in jenen exotischen Illusionsräumen, wo die Sinne zusammenflossen, wo man Lilienduft schmecken konnte und schwermütige Tangomusik die Haut wie ein blutrotes Meer überströmte. Caravan konnte es kaum noch ertragen, dabei zuzusehen. Manchmal glaubte er, dass schon ihre Hochzeit ein düsteres Omen gewesen war. Traditionsgemäß hatte man ihnen neue Namen gegeben, Worte mit einem gemeinsamen Ursprung, die ihre Zusammengehörigkeit symbolisieren sollten. ‘Serail' passte gut zu seinem Getrauten, zu seinen orientalischen Gesichtzügen und schwarzen Samtaugen, seiner Koketterie, seiner Leichtlebigkeit. Schon immer hatte Serail Verehrer beiderlei Geschlechts angezogen wie Motten das Licht und hatte davon ohne größere Skrupel Gebrauch gemacht. Er musste im Laufe seiner 38 Lebensjahre tatsächlich einen ganzen Harem angesammelt haben. Unglücklicherweise gab es noch mehr Ähnlichkeiten zwischen den alten orientalischen Serails und ihrem Crewleben: Ein Dasein in dekadentem Luxus, voller Sinnlosigkeit und unendlicher Langeweile, eine Brutstätte für Intrigen, Perversität und selbstgewählten Tod. Ein doppeldeutiger Name voller dunkler Vorahnungen. Dagegen seine eigene Taufe ... »Wie sind sie nur auf Caravan gekommen?«, murmelte er. Serail lachte, und Caravan zuckte unter dem unerwarteten Geräusch zusammen. »Das weißt du nicht?«, fragte sein Getrauter. »Ich bin ihnen so lange auf die Nerven gefallen, bis sie es mir gesagt haben.« »Tatsächlich? Was hast du herausbekommen?« »Nun ja«, trällerte Serail genüsslich, »Roncalli hat es mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut und ich weiß wirklich nicht, ob ich ...« Caravan grinste innerlich. Serail hätte für ein bisschen guten Klatsch sein letztes Seidenhemd gegeben. Solange er mit diesem Thema beschäftigt war, würde er sich kaum noch erinnern, dass er sich in der Außenwache befand. »Nun rück schon damit raus.« »Okay«, erklärte Serail unschuldig, »sie haben ein Brainstorming zum Thema ‘Orient' veranstaltet, aber der Gedanke, ausgerechnet dich mit Karawanenromantik in Verbindung zu bringen, ging über ihre Vorstellungskraft. Also haben sie stattdessen nach etwas Ausschau gehalten, dass ein bisschen praktischer, verlässlicher, vernünftiger, langweiliger ...« »Schon verstanden«, sagte Caravan, »so ist aus der Karawane also ein Van geworden. Ich für meinen Teil ziehe einen schlichten Wohnwagen jederzeit deinem goldenen Käfig vor, du Großkalif.« Aber er musste mit einem widerwilligen Grinsen zugeben, dass Serail nicht ganz Unrecht hatte. Gegenüber seinem Getrauten wirkte er wie die Verkörperung des Alltäglichen: undefinierbare Haarfarbe, eher blond als braun, schlaksige Figur und eine etwas zu große Nase, die ihm - wie Serail beteuerte - ein besonders liebenswertes Aussehen gab. Er hatte in ihrer Partnerschaft gezwungenermaßen die Rolle des Vernünftigen übernommen. Aber manchmal sehnte er sich doch danach, besagten Wohnwagen aus der symbolischen Garage zu holen und zu fernen Horizonten aufzubrechen, wo das Unbekannte und das Abenteuer lockten. Hätte er diese Vagabundenseele nicht in seinem Inneren besessen, wäre es ihm kaum gelungen, Serail zu erobern und zu halten. »Wo wir schon über Schlichtheit sprechen, das Design unserer Wohnkabine ...« setzte er an, als sich plötzlich der Sternenhimmel um ihn herum zusammenfaltete und das Bild der Schiffsbrücke erschien. Man hatte sein Implantat von außen aktiviert, die Wachablösung war gekommen. Sein Getrauter stand von der Liege auf und schaute sich unsicher im Saal um. Er schien darauf zu warten, dass sich auch dieser Anblick wie eine Fata Morgana auflöste. Dann seufzte er erleichtert, lächelte Caravan an und kippte ohnmächtig auf den Boden.

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