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Science Fiction
Buch Leseprobe Der Weg nach Hause, R.E. McDermott
R.E. McDermott

Der Weg nach Hause


Buch 1 der Trilogie ′Apokalypse USA′

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″Captain! Das sollten Sie sehen″, rief Georgia Howell ihm vom Radarschirm her zu.


 


″Was ist denn?″ Hughes und Kinsey traten näher.


 


″Ein kleines, sich schnell näherndes Ziel. Aus dem Süden″, informierte Howell sie. ″Mit über vierzig Knoten. Direkt auf uns zu. Voraussichtliche Ankunftszeit in etwa zehn Minuten.″ Sie trat zur Seite, um Hughes die Sicht zu gewähren.


 


″Was halten Sie davon, Matt?″


 


″Schmuggler vielleicht? Einige reiche, kubanisch-stämmige Amerikaner, die das Chaos dazu nutzen, ihre Familie weiter zu vereinigen?″


 


″Möglich″, nickte Howell. ″Aber warum halten sie dann nicht direkt auf die Küste Floridas zu?″


 


″Wir werden es früh genug erfahren.″ Hughes nahm sein Fernglas wieder auf und starrte backbord Richtung Süden.


 


Einige Minuten später konnte er einen schnell wachsenden Punkt auf dem Meer erkennen, der auf sein Schiff zuraste. Es war ein schnelles Patrouillenboot, ähnlich dem, das sie auf dem Frachtdeck bei sich führten. An Bord befanden sich mehrere uniformierte Männer und ein am Bug angebrachtes bedrohlich aussehendes Maschinengewehr.


 


″Scheiße″, rief Hughes aus. ″Ein kubanisches Patrouillenboot.″


 


″Was zum Teufel wollen die hier?″, wunderte sich Georgia Howell. ″Wir befinden uns gut fünfzehn Kilometer außerhalb kubanischen Gewässers.″


 


″Vielleicht sehen die das anders.″ Kinsey wandte sich an Hughes. ″Was werden Sie tun, Captain?″


 


″Normalerweise würde ich die Küstenwache rufen. Aber jetzt? Wer weiß?″


 


″Ähm … Ich glaube, ich diene lieber auf einem Lasttanker der FEMA als in einem kubanischen Gefängnis einzusitzen. Unter den gegebenen Umständen bezweifle ich, dass jemand Zeit oder Ressourcen darauf verschwenden wird, uns dort rauszuholen″, resümierte Georgia Howell.


 


″Überzeugendes Argument.″ Hughes betätigte das Mikrofon des UKW-Geräts. ″US-Küstenwache, US-Küstenwache. Hier spricht …″


 


Instinktiv ließen sich alle zu Boden fallen, als die Fenster der Brücke zu explodierten schienen und durch gut platziertes Maschinengewehrfeuer von spinnennetzähnlichen Rissen durchzogen wurden. Eine durch ein Megafon verstärkte Stimme mit starkem spanischen Akzent erklang.


 


″AMERIKANISCHES TANKSCHIFF! AMERIKANISCHES TANKSCHIFF! STELLEN SIE DIE ÜBERTRAGUNG EIN UND STOPPEN SIE IHR FAHRZEUG ODER WIR ERÖFFNEN DAS FEUER!″


 


″Das habt ihr doch schon, ihr Arschlöcher″, fluchte Hughes.


 


Kinsey und Howell duckten sich auf dem Deck neben ihm. Einige Meter weiter drückte sich der diensthabende Vollmatrose Pete Sonnier gegen die Steuerkonsole. ″Sie scheinen es ernst zu meinen, Cap.″


 


Hughes nickte und sah zwischen Kinsey und Howell hin und her. ″Keine Rücksicht auf Etikette. Nicht, als ob ich eine Ahnung hätte, was wir tun sollten.″ Das Mikrofon des UKW-Geräts hing wenige Zentimeter über dem Deck an seiner Schnur herunter. ″Da sie uns hier unten sicher nicht treffen werden, ist es wohl besser, ich versuche weiter, die Küstenwache zu erreichen. Bevor die Kubaner an Bord kommen. Den Coasties gelingt es sicher, einen bewaffneten Hubschrauber in der Luft haben, bevor wir in kubanisches Gewässer gezwungen werden.″


 


″Unterstellt, sie sind in der Lage, unseren Hilferuf rechtzeitig zu beantworten″, erinnerte Kinsey ihn. ″Sie haben zu wenig Personal und verfügen über limitierte Ressourcen. Falls wir diesen Weg gehen, werden unsere neuen Amigos sicher sehr unfreundlich reagieren, ohne dass wir andererseits mit Sicherheit auf Unterstützung hoffen können.″


 


″AMERIKANISCHES TANKSCHIFF! STELLEN SIE JEGLICHE ÜBERTRAGUNG EIN ODER WIR ERÖFFNEN DAS FEUER! ZU IHRER INFORMATION, WIR SIND MIT PANZERFÄUSTEN AUSGESTATTET, DIE WIR EINSETZEN WERDEN! ICH WIEDERHOLE, STOPPEN SIE IHRE MASCHINEN! SOFORT!″


 


″Ok, das war’s″, gab Hughes auf. ″Georgia, informieren Sie den Maschinenraum. Wir stoppen. Ich werde mich mit diesen Arschlöchern auseinandersetzen müssen.″


 


Howell nickte. Im Entengang bewegte sie sich zur Bedienungskonsole und griff nach dem Telefon. Sekunden später spürten sie eine durch das Abstellen der großen Dieselmaschine verursachte Änderung der Vibration. Das Schiff wurde langsamer. Sobald er sicher sein konnte, dass das Patrouillenboot ihre sich verringernde Geschwindigkeit wahrgenommen hatte, erhob sich Hughes auf dem Weg zur Brückennock hinaus. Den anderen deutete er an, außer Sicht zu bleiben.


 


Hughes näherte sich der Reling mit für die kubanische Patrouille deutlich erkennbaren erhobenen Händen. Ungefähr dreißig Meter vor ihm sah er die bewaffneten Männer. Einer stand mit einer Panzerfaust bewaffnet am Heck, während ein zweiter das Maschinengewehr am Bug bemannte. Beide Waffen zielten direkt auf die Brücke der Pecos Trader – und auf ihn. Der Mann in der Nähe des Steuerhauses, der mit dem Megafon und einer Pistole an der Hüfte bewaffnet war, hatte offensichtlich das Kommando. Ein vierter Mann stand am Steuer. Alle vier trugen die Uniform der kubanischen Grenzkontrolle. Der Offizier hob das Megafon erneut an.


 


″AMERIKANISCHES TANKSCHIFF! SIE SIND UNERLAUBT IN UNSERE GEWÄSSER EINGEDRUNGEN UND HABEN DAMIT UNSERE SOUVERÄNITÄT VERLETZT. STOPPEN SIE UMGEHEND IHRE MASCHINEN UND LEGEN SIE IHRE LOTSENLEITER AN. VERSUCHEN SIE NICHT, ICH WIEDERHOLE, VERSUCHEN SIE NICHT, IHR FUNKGERÄT ZU BENUTZEN ODER WIR ERÖFFNEN DAS FEUER. SENKEN SIE BEIDE ARME UND HEBEN SIE DEN RECHTEN ARM, UM IHR VERSTÄNDNIS ZU SIGNALISIEREN!″


 


Hughes überlegte, ob er protestieren sollte, kam aber zu der Überzeugung, dass dies sinnlos sein würde. Wie angewiesen senkte er beide Arme und hob alleine den rechten Arm an.


 


″GUT! LEGEN SIE NUN DIE LOTSENLEITER AN UND ERWARTEN SIE UNSERE ANKUNFT. SIE HABEN FÜNF MINUTEN, DIESEN BEFEHL ZU BEFOLGEN. SENKEN UND HEBEN SIE DEN RECHTEN ARM, UM IHR VERSTÄNDNIS ZU SIGNALISIEREN.″


 


Hughes tat, wie ihm befohlen wurde und wartete einen Augenblick ab, ob weitere Instruktionen folgen würden. Als die ausblieben, drehte er sich um und kehrte ins Steuerhaus zurück.


 


″Sie haben es gehört?″, fragte er Kinsey und Howell.  


 


Beide nickten. ″Irgendwelche Ideen oder ist es an der Zeit, unser Spanisch aufzufrischen?″


 


″ Er will verhindern, dass wir unser Funkgerät nutzen, da wir einwandfrei nicht in kubanischen Gewässern sind. Genauso wenig will er sein eigenes einsetzen″, stellte Howell fest. ″Deshalb benutzt er das Megafon. Er will keine Aufmerksamkeit erregen.″


 


″Der Meinung bin ich auch″, stimmte Kinsey ihr zu. ″Und so schlimm wie die Zustände in den Staaten auch sein mögen, ich gehe davon aus, dass sie in Kuba zehnmal schlimmer sind. Im Auftrag oder ohne Auftrag der kubanischen Regierung nutzen sie die gegenwärtige Lage, um sich Ressourcen anzueignen, die nahe ihrer Insel vorbeikommen - was tatsächlich irgendwie Sinn macht.″


 


″Die Frage ist, was sollen wir tun?″, brachte Hughes es auf den Punkt. ″Ohne die Lotsenleiter, wird es ihnen schwerfallen, an Bord zu kommen. Sobald wir uns weigern, sie auszulegen, müssen wir mit Maschinengewehrfeuer oder mit Panzerfäusten rechnen. Die Fracht ist inertisiert. Um sie mache ich mir weniger Sorgen. Sie wird wohl nicht in die Luft gehen. Demgegenüber werden ein oder zwei Panzerfäuste mit hoher Wahrscheinlichkeit all unsere Bedienungselemente vernichten. Damit sind wir auch erledigt, auch wenn wir die Brücke vorher verlassen und uns im Innern des Schiffes in Sicherheit bringen. Andererseits wissen wir mit Sicherheit, dass sie uns, SOBALD sie an Bord sind, in einen kubanischen Hafen zwingen werden, was ebenfalls wenig erstrebenswert ist.″


 


″Nicht unbedingt″, überlegte Kinsey. ″Konnten Sie sehen, wie viele an Bord sind?″


 


″Vier″, erwiderte Hughes. ″Ein Offizierstyp und drei andere, einer am Steuer und zwei an den Waffen.″


 


Kinsey dachte einen Augenblick nach. ″Ok. Ich denke, das sollte funktionieren. Aber ich brauche ein wenig Zeit. Wie lange können Sie sie hinhalten?″


 


″AMERIKANISCHES TANKSCHIFF! SIE HABEN ZWEI MINUTEN, IHRE LOTSENLEITER ANZUBRINGEN ODER WIR ERÖFFNEN DAS FEUER!″, war die Lautsprecherstimme zu hören.


 


″Nicht zu lange″, bemerkte Hughes trocken und wandte sich an Howell. ″Georgia, nehmen Sie sich einige Männer der Deckmannschaft und befestigen Sie die Leiter. Stellen Sie sich so dumm und untrainiert wie möglich an. Wie lange können Sie es hinauszögern, ohne allzu offensichtlich zu sein?″


 


Sie zuckte mit den Achseln. ″Vielleicht zehn, fünfzehn Minuten?″


 


Hughes sah Kinsey an.


 


″Das wird reichen müssen. Ich werde meine Männer in Position bringen.″


 


Erneut erreichte sie die Stimme über das Megafon.  


 


″AMERIKANISCHES TANKSCHIFF! SIE HABEN EINE MINUTE, DIE LOTSENLEITER ANZULEGEN ODER WIR ERÖFFNEN DAS FEUER!″


 


Howell nickte und setzte sich Richtung Treppe in Bewegung.


 


″Und ich zeige mich wohl besser, um die Kerle ruhig zu halten, bis er sieht, dass wir an der Lotsenleiter arbeiten″, seufzte Hughes.


 


Kinsey nickte und folgte Howell, während Hughes wieder hinaus auf die Brückennock trat, um den Kubanern deutlich zu machen, dass die Arbeiten begonnen hatten.


 


Zehn Minuten später stand Hughes an der Seite des Hauptdecks und sah zu, wie Georgia Howell die endgültige Sicherung der Lotsenleiter überwachte. Das kleine kubanische Boot hielt etwa sechs Meter Abstand. Die starke Irritation des kubanischen Offiziers über die Verzögerung war ihm anzusehen. Endlich fiel die Strickleiter an der Seite des Tankers herunter und das Boot bewegte sich auf sie zu. Der Offizier schickte einen seiner Männer die Leiter hoch, während er selbst und ein zweiter kubanischer Seemann abwarteten. Hughes trat von der Reling seines Schiffes zurück und bewegte sich auf die offene, wasserdichte Tür des Deckshauses zu, hinter der Matt Kinsey ungesehen auf ihn wartete.


 


″Sieht aus, als ob drei der vier an Bord kommen″, informierte Hughes ihn leise. ″Der Offizier und zwei Untergebene. Der Offizier trägt eine Pistole, die anderen beiden AKs.″


 


″Verstanden″, bestätigte Kinsey. ″Der Offizier wird zur Brücke wollen und wenigstens einen seiner Männer in den Maschinenraum schicken. Da sie nicht genug Leute haben, um die gesamte Crew in Schach zu halten, vermute ich, dass er umgehend die Brücke und den Maschinenraum unter Kontrolle bekommen will, um uns dann so schnell wie möglich in kubanisches Gewässer zu bringen. Dort wird er dann sicher Unterstützung anfordern. Jetzt müssen wir nur noch rausfinden, wo er den dritten Mann postiert, damit wir uns alle drei gleichzeitig schnappen können. Falls es uns die Überraschung gelingt, wird sie hoffentlich schmerzlos für alle verlaufen.″


 


″Und das Boot? Falls der Steuermann entkommt oder seine Kollegen um Hilfe ruft, wird es uns mit unserer atemberaubenden Höchstgeschwindigkeit von fünfzehn Knoten unmöglich sein, ihrer Verstärkung zu entkommen.″


 


″Da der Offizier das Megafon benutzt hat, gehe ich davon aus, dass sie außerhalb kubanischen Gewässers Funkverbot haben. Und in Bezug auf das Boot, keine Sorge. Ich habe alles unter Kontrolle. Vertrauen Sie mir.″


 


″Hoffen wir das Beste″, erwiderte Hughes. ″Ich werde jetzt unsere Gäste begrüßen. Sobald ich Näheres weiß, gebe ich Nachricht.″


 


″Ok. Denken Sie nur daran, falls es eine Schießerei geben sollte …″


 


″Alles klar. Runter aufs Deck. Alle wissen Bescheid.″


 


Hughes trat an das Ende der Lotsenleiter heran. Er hatte sie gerade erreicht, als der erste Kubaner das Deck betrat. Prüfend sah er sich um, nahm sein Sturmgewehr von der Schulter und deutete den Amerikanern an, sich von der Leiter zu entfernen. Der Offizier folgte als nächstes. Nach einem kurzen Blick auf die versammelten Amerikaner – wobei sein Auge länger als nötig auf Georgia Howell verweilte – baute er sich vor Hughes auf.


 


″Sie sind der Capitan?″


 


Hughes streckte ihm die Hand entgegen. ″Ja, ich bin Kapitän Jordan Hughes.″


 


Der Kubaner ignorierte die ihm dargebotene Hand. ″Ich bin Lieutenant Hector Ramos der Tropas Guarda Fronteras oder wie Sie yanquis uns nennen, der kubanischen Grenzkontrolle. Sie, Capitan, haben die Gewässer der unabhängigen Republik Kubas ohne Genehmigung befahren. Ich bedauere Ihnen mitteilen zu müssen, dass ich gezwungen bin, Ihr Fahrzeug zu beschlagnahmen. Wir werden sofort den nächsten kubanischen Hafen ansteuern - in unserem Fall Matanzas - wo Sie vor Gericht gestellt werden. Falls sich herausstellen sollte, dass Ihre Übertretung unbeabsichtigt war, dürfen Sie und Ihre Mannschaft in die Vereinigten Staaten zurückkehren. Ihr Schiff und Ihre Fracht werden Sie allerdings aufgeben müssen.″ Hier lächelte er zum ersten Mal. ″Und wie es aussieht, sind Sie voll beladen. Was transportieren Sie?″


 


″Da muss ein Missverständnis vorliegen″, setzte Hughes an. ″Wir sind mindestens zehn Seemeilen von Kuba entfernt …″


 


Das Gesicht des Kubaners verdüsterte sich. ″Tatsächlich liegt hier ein Fehler vor, Capitan. Und der wurde von Ihnen began…″


 


Teniente, mira el barco alli!″, rief der letzte Kubaner aus, der gerade das Deck betreten hatte. Ramos′ Blick folgte dem Finger seines Untergebenen zum leuchtend orangefarbenen Rumpf des Bootes der Küstenwache hin, das in einigem Abstand auf dem Deck festgezurrt war. Unbewusst fuhr seine Hand an seine Pistole.


 


″Sie dienen dem Militär? Sie haben die US-Küstenwache an Bord?″ Das waren Anschuldigungen, keine Fragen.


 


″Nein, nein″, besänftigte Hughes ihn. ″Das Boot ist Teil unserer Fracht. Wir sollen es der Station der Küstenwache in der Nähe unseres Zielhafens in Texas anliefern.″


 


Ramos besah sich das Boot einen Moment lang und lächelte dann. ″Ein schönes Boot, Capitan. Bedauerlich, dass Sie die beabsichtigte Lieferung nicht ausführen können. Ich kann Ihnen jedoch versichern, dass es eine willkommene Ergänzung zu unserer kleinen Flotte sein wird. Nach einem entsprechenden Farbwechsel werden wir sicher regen Gebrauch von ihm machen. Und jetzt noch einmal, welche Fracht transportieren Sie? Ungewöhnlich, in diesen Gewässern ein beladenes Tankschiff zu sichten, das Richtung Süden unterwegs ist.″


 


Hughes zuckte mit den Achseln. ″Es sind ungewöhnliche Zeiten. Wir transportieren Diesel und Benzin. Ohne einen Lotsen war es uns unmöglich, den Hafen von Wilmington anzulaufen. Deshalb entschieden wir, nach Texas zurückzukehren, da der Großteil der Mannschaft von dort stammt.″


 


″Eine höchst glückliche Entscheidung für das kubanische Volk″, freute sich der Kubaner. Der zusätzliche und unerwartete Bonus eines Patrouillenbootes versetzte ihn in gute Stimmung und er entspannte sich ein wenig. Er wandte sich an seine Untergebenen und rief ihnen etwas in schnellem Spanisch zu.


 


″Und jetzt, Capitan″, sagte er, ″haben Sie die Güte, einen meiner Männer von einem Ihrer Offiziere in den Maschinenraum begleiten zu lassen, der dort Ihre Mannschaft anweisen wird, keinen Ärger zu verursachen. Währenddessen begeben wir beide uns auf die Brücke, um uns auf den Weg zu machen. Haben Sie verstanden?″


 


Hughes nickte und winkte Howell zu sich heran. ″Bitte zeigen Sie einem dieser Männer den Weg zum Maschinenraum und sagen Sie Dan, er soll nicht auf dumme Gedanken kommen.″


 


Hughes sah, wie der Kubaner einem seiner Männer bedeutete, Howell zu folgen.


 


″Und jetzt, Capitan, zur Brücke, bitte.″ Hughes überquerte das Hauptdeck auf den Deckshauseingang zu und begann den langen Weg hoch zur Brücke. Zufrieden registrierte er, dass ihm die zwei verbliebenen Kubaner folgten.


 


Auf der Brücke fanden sie einen nervösen Pete Sonnier, der aus dem Brückenfenster hinaus auf das kubanische Patrouillenboot starrte, das sich einige Meter vom Tankschiff entfernt hatte. Sein Kopf fuhr herum und er wurde blass, als er seinen Kapitän zusammen mit zwei bewaffneten Kubanern durch die Tür kommen sah.


 


″Ganz ruhig, Pete″, meinte Hughes. ″Wir schaffen das.″ Sonnier nickte und trat an den Steuerstand.


 


″Ist der Autopilot noch eingeschaltet?″, erkundigte sich Hughes.


 


″Ach ja …, ich glaube schon. Als der Erste Offizier dem Maschinenraum befahl, den Motor zu stoppen, habe ich den Autopiloten vollkommen vergessen″, gab Sonnier zu.  


 


″Ja, ich auch″, tröstete Hughes ihn. ″Wir waren wohl alle etwas abgelenkt.″


 


Er wandte sich an Ramos. ″Mit Ihrer Erlaubnis wird der Steuermann meiner Anordnung folgen und den Autopiloten abschalten. Ich gehe davon aus, dass Sie eine Kursänderung beabsichtigen.″


 


″Genau, Capitan. Danach rufen Sie bitte den Maschinenraum an. Ich will mit meinem Mann sprechen.″


 


Hughes nickte. ″Schalten Sie auf Handsteuerung, Pete.″ Danach ging er zum Kontrollpult und wählte die Nummer des Maschinenraums.


 


″Maschinenraum, Chief hier″, meldete sich Dan Gowan.


 


″Ist der Kubaner unten bei Ihnen, Dan? Der Typ hier oben will mit ihm reden.″


 


″Ich werde ihn rufen.″ Hughes gab den Hörer an den kubanischen Offizier weiter. Eine kurze Unterhaltung auf Spanisch schien Ramos zufriedenzustellen. Er legte auf.


 


″Sehr gut, Capitan. Bitte befehlen Sie dem Maschinenraum nun, normale Seegeschwindigkeit aufzunehmen. Neuer Kurs: zweihundertzehn Grad, geografischer Norden.″


 


Hughes tat, was ihm gesagt wurde. Der Rumpf des Schiffes vibrierte, als der massive Tanker langsam wieder Geschwindigkeit aufnahm. Schweigend bewegten sie sich vorwärts. Sonnier stand am Steuerrad und sah - außer einem gelegentlichen Blick auf die Richtungsanzeige – starr vor sich hin. Hughes beobachtete die Kubaner, die sich ihrerseits die Brückenkonsole und deren Instrumentation ansahen. Zehn Minuten später unterbrach Hughes die Stille.


 


″Sie sagten, dass wir, falls wir für unschuldig befunden werden, in die USA zurückkehren können. Wie wird das geschehen?″


 


Ramos zuckte mit den Achseln. ″Das geht mich nichts an.″


 


Scheißkerl, dachte Hughes. Aber anstatt dem Mann einen Tritt zu versetzen, reagierte er auf dessen Achselzucken mit einem Lächeln. ″Ich bin sicher, alles wird sich klären. Darf ich Ihnen etwas zu essen anbieten? Wir haben genug und mein Koch bereitet ausgezeichnete Schnitten zu. Roastbeef? Schinken und Käse?″


 


Das Gesicht des Kubaners drückte gleichzeitig Gier als auch Misstrauen aus.


 


″Keine Sorge″, versicherte Hughes. ″Es ist kein Versuch, Sie zu vergiften. Wie wäre es, wenn ich uns eine Auswahl bringen lasse, und Sie bestimmen, was ich zuerst essen soll? Würde Sie das beruhigen?


 


Ramos überlegte einen Moment. Er war sichtlich hungrig. ″Ja. Das wäre akzeptabel … und vielen Dank.″


 


″Kein Problem.″ Hughes nahm den Hörer auf, um die Bordküche anzurufen.


 


″Hallo, Polski″, sprach er ins Telefon. ″Schicken Sie eine Auswahl an belegten Broten auf die Brücke. Ja, gemischt. Genug für Sonnier und mich und für zwei unserer Gäste. Ach ja, und wenn Sie schon dabei sind, schicken Sie auch gleich welche runter in den Maschinenraum für den Chief und dessen Gast.″


 


″Verstanden. Zwei auf der Brücke und einer im Maschinenraum″, bestätigte Kinsey in Hughes′ Ohr. ″Auf welcher Seite liegt das Patrouillenboot?″


 


″Ich bin mir nicht sicher, wann wir in den Hafen einlaufen werden. Ich denke, er sollte in einigen Stunden an Backbord auftauchen.″  


 


″Ich wiederhole, das Boot hält sich BACKBORD neben dem Tanker auf″, erklärte Kinsey. ″Sehen Sie auf die Uhr der Brücke -  JETZT - und kreieren Sie in genau fünf Minuten eine Szene, um die Kubaner auf die Steuerbordseite des Tankers zu locken. Weit genug, damit Sie ihr Boot nicht sehen können. Verstanden?″


 


″Verstanden, Polski, und vergessen Sie den Gewürzsenf nicht, ok? Großartig. Wir warten.″ Hughes legte auf.


 


Ramos zog die Augenbrauen hoch. ″Ich muss sagen, dass Sie Ihre Verhaftung erstaunlich gut verkraften, Capitan.″


 


Hughes zuckte mit den Achseln. ″Ich habe vor langer Zeit gelernt, dass das Leben weniger stressig ist, wenn man sich über Dinge, die außerhalb unserer Kontrolle liegen, nicht aufregt.″


 


″Eine kluge Philosophie″, stimmte ihm der Kubaner zu.


 


Sie verfielen wieder in Schweigen. Hughes hielt die Uhr im Auge. Nachdem ungefähr vier Minuten vergangen waren, spazierte er zum Radarschirm hinüber. Ein Ausdruck der Besorgnis überflog sein Gesicht. 


 


″Was ist?″ Ramos trat an den Radarschirm heran.


 


Hughes schüttelte den Kopf. ″Ich bin mir nicht sicher. Ein Radarkontakt, aber mit Unterbrechung. Da!″ Er zeigte auf ein nicht vorhandenes Radarzeichen. ″Haben Sie es gesehen?″


 


″Nein, habe ich nicht″, antwortete Ramos. Hughes suchte im Korb unter dem Brückenfenster nach seinem Fernglas, drehte sich um und ging auf die Tür der an Steuerbord gelegenen Brückennock zu.


 


″Wohin gehen Sie?″, wollte Ramos wissen.


 


″Da ist irgendetwas an Steuerbord. Das will ich mir ansehen.″ Bevor der Kubaner protestieren konnte, war Hughes bereits durch die Tür.


 


Mit dem Fernglas vor Augen eilte er ans Ende der Brückennock und suchte das offene Meer nach dem falschen Radarkontakt ab.  Hinter sich hörte er Ramos, der ihm gefolgt war. Er senkte das Fernglas und warf einen schnellen Blick auf den Kubaner. Ramos sah aufgebracht aus. Hinter ihm konnte Hughes den zweiten Kubaner sehen, der in der offenen Tür des Steuerhauses interessiert der bevorstehenden Konfrontation zwischen seinem Vorgesetzten und dem yanqui capitan entgegensah.


 


Hughes drehte sich um und hielt sich erneut das Fernglas vor die Augen.


 


″Da ist nichts! Sofort zurück ins Steuerhaus oder ich werde …″


 


″Da!″ Hughes reichte dem Kubaner das Fernglas und zeigte vage in die Ferne. ″Sehen Sie selbst.″


 


Ramos hob das Fernglas an und sah auf das Meer hinaus. ″Und wonach genau suche ich?″


 


Hinter der nur einen Spalt offenen Tür vom Treppenhaus in den Kartenraum hinein musste Matt Kinsey sich anstrengen, der Unterhaltung auf der Brücke zu folgen. Als er hörte, wie Hughes trotz des Protests des Kubaners das Steuerhaus verließ, wartete er noch einige Sekunden, bevor er die Tür vorsichtig öffnete und sich dann schnell hinter den großen Kartentisch duckte. Zwei seiner Männer waren dicht hinter ihm. Alle waren bewaffnet.


 


Um den Vorhang des Kartenraums herum konnte Kinsey beide Kubaner steuerbord sehen. Unglücklicherweise stand einer von ihnen im Türrahmen des Steuerhauses und blockierte damit ihren schnellen Zugriff auf den zweiten Mann. Kinsey fluchte verhalten. Sie mussten den ersten Mann schleunigst und absolut ohne jedes Geräusch überwältigen, bevor der reagieren konnte. Ihnen blieb keine Zeit; Hughes konnte den kubanischen Offizier nicht ewig beschäftigen.


 


Kinsey gab ein Signal. Einer seiner Männer steckte die Pistole weg und zog einen Taser hervor. Kinsey und sein Beistand schlichen in weitem Abstand voneinander nach vorn. Beide hatten klare Sichtlinie auf den Kubaner, der ihnen in der Tür den Rücken zudrehte. Der Coastie mit dem Elektroschocker näherte sich dem Kubaner zügig von der extrem linken Seite her, ohne in den Schussbereich seiner Kollegen vorzudringen.


 


Dann sprang der Mann mit dem Taser den Kubaner an. Fest presste er seinen linken Arm um dessen Oberkörper, um seine AK unschädlich zu machen. Gleichzeitig presste er dem Kubaner die Elektroden des Elektroschockers in den Nacken, um ihn kampfunfähig zu machen und aus dem Türrahmen zu entfernen, ohne den kubanischen Offizier zu alarmieren.


 


Beinahe hätte es geklappt.


 


Unglücklicherweise war der junge Kubaner erst nach dem Blackout in den Dienst rekrutiert worden. Enthusiastisch aber schlecht ausgebildet, hatte der junge Kubaner nicht nur seinen Finger am Abzug, sondern versehentlich auch noch den Feuerwahlhebel auf ‚Vollautomatik‘ gestellt. Der Strom, der durch sein Nervensystem floss, beeinflusste die Muskeln seines Abzugsfingers und schickte eine laute Salve automatischen Waffenfeuers quer über das Deck der Brückennock hinaus. Der überraschte Kubaner und sein ebenso überraschter Angreifer stürzten im Türrahmen des Steuerhauses zu Boden - was Kinseys Plan zunichtemachte, sich auf die Brückennock hinauszustürzen.   


 


Hughes zuckte zusammen. Instinktiv duckte er sich, als ihn etwas am linken Ohr zwickte. Hinter ihm brach der Kampf aus. Das unerwartete Feuer der Waffe klingelte ihm in den Ohren. Alles schien sich in Zeitlupe abzuspielen. Im Steuerhaus starrte Kinsey verstört auf das Gemenge von Armen und Beinen, das die Tür nach draußen blockierte. Endlich reagierte er und riss seine Waffe nach oben, die er auf Ramos richtete. Der hatte das Fernglas losgelassen und war im Begriff, seine Pistole zu ziehen. Hughes sprang aus der Hocke hoch, wirbelte herum und stieß seinen Ellenbogen mit aller Kraft und Stärke in das Gesicht des Kubaners. Etwas in Ramos’ Gesicht gab nach. Er fiel zu Boden, ohne dass seine Waffe die Halterung verlassen hatte.


 


Hughes stützte sich an der Reling ab und sah zu, wie Kinsey und seine Männer den jungen Kubaner aus dem Türrahmen entfernten. Danach kümmerten sie sich um Ramos. Beide Kubaner machten die Bekanntschaft mit einer Menge Klebeband. Dann hörte Hughes, wie Pete Sonnier ihn mit vom Stress heiserer Stimme aus dem Steuerhaus rief.


 


″Der Mann im Boot hat uns gehört, Captain. Er kreist ums Heck!″, schrie Sonnier.


 


″Verflucht!″ Hughes sah zu Kinsey hinüber. ″Was nun?″


 


Kinsey sah zum Dach des Steuerhauses hoch. ″TORRES! DAS BOOT UMKREIST UNSER HECK. ALLES UNTER KONTROLLE?″  


 


″ALLES UNTER KONTROLLE, CHIEF!″


 


Hughes sah nach oben und entdeckte ein Gesicht, das vorsichtig über die Kante des Steuerhausdaches hinaussah. Offensichtlich ein Coastie, der flach dalag, um vom Patrouillenboot nicht entdeckt zu werden.


 


″WIE BESPROCHEN. ALS ERSTES SÄMTLICHE KOMMUNIKATIONSEINRICHTUNGEN.″


 


″KINDERSPIEL, CHIEF. NUR ZWEI ANTENNEN. ICH HAB’S MIR SCHON ANGESEHEN, ALS DAS BOOT NOCH AUF DER ANDEREN SEITE WAR.″


 


″VERSTANDEN! FEUER FREI!″


 


Hughes sah, wie der Kopf des Mannes verschwand, um von einem dünnen Rohr ersetzt zu werden. Es dauerte einen Moment, bevor er es als Gewehrlauf erkannte.


 


″Was, wenn er flüchtet? Werden Sie den Steuermann erschießen?″


 


″Nur wenn er uns dazu zwingt″, erwiderte Kinsey. ″Gehen wir nach drinnen. Je weniger er wahrnimmt, desto näher kommt er vielleicht, um herauszufinden, was hier los ist. Das wird es Torres einfacher machen. Er ist gut, aber zaubern kann er nicht.″


 


Hughes nickte und folgte Kinsey zurück ins Steuerhaus.


 


″Ein schwieriger Schuss″, bemerkte Hughes, sobald sie außer Sicht waren. Kinsey schüttelte den Kopf. ″Kein Problem. Torres ist ausgebildeter Bordschütze für Hubschrauber. Er flog mit der HITRON-Staffel aus Jacksonville. Sein Job war es, die schnellen Schmuggelboote außer Gefecht zu setzen. Und Teil der Ausrüstung, die wir nach MSU Port Arthur ‚transferieren‘, sind zufälligerweise auch zwei .50 Kaliber Barrett Scharfschützengewehre. Er wird seinen Job erledigen.″


 


In diesem Moment kam das Boot an der Steuerbordseite in Sicht. Es behielt einen parallelen Kurs im Abstand von etwa zweihundert Metern bei, wo es vor Ort verharrte. Es würde nicht näherkommen, das war klar erkennbar.


 


″Sieht nicht so aus, als ob er den Köder schluckt″, stellte Kinsey fest. ″Torres wird seinen …″


 


Ein Schuss ertönte und eine der Antennen auf dem Dach des Patrouillenbootes verschwand. In weniger als zwei Sekunden hatte ein zweiter Schuss auch die verbliebene Antenne beseitigt.


 


Eine Fontäne schoss hinter dem Patrouillenboot in die Höhe, während der Mann am Steuer Vollgas gab und sich mit Höchstgeschwindigkeit von der Pecos Trader entfernte, ohne dass weitere Schüsse erklangen.


 


Angespannt wartete Hughes auf die nächste Runde. Mittlerweile machte das Boot beinahe 50 Knoten.


 


″Er entkommt …″, wollte er gerade frustriert von sich geben, bevor ihn ein Schuss unterbrach. Die große Gewehrkugel drang in den rechten Außenbordmotor ein und legte ihn für immer still. Das Boot schwenkte plötzlich nach rechts ein und verlangsamte abrupt die Geschwindigkeit. Der Kubaner bemühte sich, für die jetzt ungleichmäßige Schubkraft zu kompensieren. Er kurbelte am Steuerrad, während das Boot weiter unkontrolliert trudelte. Ein letzter Treffer fand den linken Außenborder. Der hustete Rauch und gab auf. Das Patrouillenboot trieb nun hilflos mehrere hundert Meter vom Tankschiff entfernt im Wasser. 


 


″Ich muss mich korrigieren″, schmunzelte Kinsey. ″Er kann er doch zaubern.″


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


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