Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern


Kategorien
> Science Fiction > Der Notenjäger
Belletristik
Bücher Erotik
Esoterik Bücher
Fantasy Bücher
Kinderbücher
Krimis & Thriller
Kultur Bücher
Lyrikbücher
Magazine
Politik, Gesellschaftskritik
Ratgeberbücher
regionale Bücher
Reiseberichte
Bücher Satire
Science Fiction
Technikbücher
Tierbücher
Wirtschaftbücher
Bücher Zeitzeugen

Login
Login

Newsletter
Name
eMail

Science Fiction
Buch Leseprobe Der Notenjäger, Rita Hausen
Rita Hausen

Der Notenjäger



Bewertung:
(9)Gefällt mir
Kommentare ansehen und verfassen

Aufrufe:
156
Dieses Buch jetzt kaufen bei:

oder bei:
Amazon, Libri, Weltbild u.a.
Drucken Empfehlen

 


Der Notenjäger


 


 1. Kapitel: Die Zeitmaschine


 


 Leidbrecht hatte die Gabe, Schönheit und Harmonie zu erfassen und zu genießen. Er war sensibel und begabt, doch irgendetwas hinderte ihn in letzter Zeit, etwas zustande zu bringen. Vielleicht war es die Versessenheit darauf, von anderen bemerkt und geschätzt zu werden. Er wollte etwas Besonderes sein und sehnte sich danach, die Welt und das Leben in einem Kunstwerk zu einem harmonischen Ganzen zusammenzufügen. Er glaubte daran, dass die Welt durch Schönheit verbessert werden könnte. Da ihm jedoch nichts mehr gelang, kam ihm das Leben unerträglich und sinnlos vor. Er fühlte sich zudem als Außenseiter und von niemandem verstanden.


 


Er liebte die Musik, sie war sein Lebenselixier. Sie tröstete ihn, zerriss ihn aber auch zuweilen innerlich. Ihre Schönheit tat manchmal weh und verleitete ihn zu einer Melancholie, die er insgeheim jedoch auch genoss. Er weidete sich an seinem Unglücklichsein. Sein Seelenzustand war geprägt von einer Fülle von Gefühlen, nicht nur Schmerz, Elend und Schrecken. Was ihn zur Verzweiflung trieb, war der Umstand, dass er das Übermaß seiner Gefühle schon seit längerem nicht mehr in Musik umsetzen konnte. Er rang darum, Schönheit und Verzweiflung in Noten zu bannen, aber es gelang ihm nicht. Er rettete sich manchmal in eine Art von Komposition, die Ähnlichkeit mit der Mathematik hatte. Er spielte mit Noten, unterzog sie einer Permutation oder algebraischen Transformation. Setzte sie rückwärts oder gespiegelt. Das Ergebnis hatte Ähnlichkeiten mit der Zwölftonmusik, die er aber eigentlich nicht mochte. Dann fragte er sich: Wozu noch Musik schreiben im einundzwanzigsten Jahrhundert? Wo Bach und Mozart im achtzehnten schon alles ausgedrückt hatten, und zwar unübertrefflich und gültig für alle Ewigkeit. Alle späteren Meister wiederholten doch nur das längst Erdachte.


 


Leidbrecht trat ans Fenster und betrachtete die untergehende Sonne. Aus seinem CD-Player erklang Musik. Sie begann mit einem einzelnen Ton, schwebte durch den Raum wie ein Lichtstrahl, der sich in die Finsternis vortastet. Die lange ausgehaltene Note endete in einem Motiv, kurze Töne, hingeworfen wie Murmeln in den Sand. Dann folgten eine Wiederholung und ein neuer Anlauf. Das Motiv wurde auf einer höheren Stufe wiederholt, glitt weich und anmutig dahin. Viele andere Stimmen setzten nach und nach ein, ein Gewebe von Klängen wuchs und wurde kraftvoller. Leidbrecht war überwältigt von der Schönheit dieser Musik.


 


Als die Fuge verklungen war, setzte er sich ans Klavier und spielte einige Akkorde, griff dann hastig zu Stift und Notenpapier und fing an zu schreiben. Schon bald brach er seufzend ab. Tief enttäuscht begann er, wie so oft, mit sich und seinem Schicksal zu hadern. Die Qual der Vergeblichkeit zerriss ihn und öffnete Dämonen die Tür. Er wünschte sich sehnlich, dass seine Lebensreise zu Ende ginge.


 


Er ließ sich in seinen Sessel fallen und starrte bekümmert vor sich hin.


 


Das Telefon läutete und riss ihn aus seiner Starre. Doch er war nicht fähig, aufzustehen, er starrte auf den Apparat, bis er verstummte. Dann nahm er schwerfällig ein Notenblatt vom Boden und zerknüllte es. Musik ertönte in seinem Innern: Eine hohe Frauenstimme sang einen Text, den ein befreundeter Dichter geschrieben hatte. Er selbst hatte die Musik dazu komponiert. Das Lied war ganz gut geraten, doch schon einige Jahre alt. Er seufzte.


 


Das Telefon schrillte erneut und holte ihn aus seiner Versunkenheit. Er stand auf und drückte die Annahmetaste. Die Stimme legte los: „Wir haben es geschafft! Stell dir vor. Die Kompression des Lichts ist gelungen. Willst du nicht kommen, es dir ansehen?“


 


„Bernstein“, murmelte Leidbrecht verwirrt.


 


 


 


Wenig später stand er im Labor des Physikers und betrachtete das Wurmloch, dessen Sog auch hinter der Spezialscheibe noch zu spüren war. „Eine wundervolle kosmische Architektur“, rief Bernstein aus und trat zum Differenziator.


 


„Wie habt ihr das hinbekommen?“, fragte Leidbrecht.


 


„Es ging darum, den Teilchenbeschleuniger auf Überlichtgeschwindigkeit zu steigern. Sofort sprangen virtuelle Photonen in eine zeitweilige Existenz, wirbelten um ein Elektron herum, Protonen und Neutronen wurden zerstäubt und zu einer Blase …“


 


„Moment, Moment“, rief Leidbrecht aus, „Überlichtgeschwindigkeit gibt es doch nicht.“


 


„Ja, hat Einstein behauptet. Aber das ist überholt. Der Physiker Burkhard Heim entwarf eine einheitliche strukturelle Quantenfeldtheorie der Materie und Gravitation, die als Erweiterung der Relativitätstheorie gelten kann. Sie enthielt in der ursprünglichen Fassung sechs Dimensionen. Heim wurde international bekannt, als er ein neues Antriebssystem für die Raumfahrt vorschlug. Es beruht auf einer Energie, die ein extrem starkes Magnetfeld erzeugt. Dieses wiederum ruft ein Gravitationsfeld hervor, das den Schub liefert. Werden bestimmte Feldstärken überschritten, schlüpft das Raumschiff in eine höhere Dimension, in der die kosmische Geschwindigkeitsbegrenzung nicht gilt, es kann also überlichtschnell fliegen. Wird das Magnetfeld abgeschaltet, fällt das Schiff in unser normales Raumzeit-Kontinuum zurück.“


 


Leidbrecht unterdrückte ein Gähnen und nickte zerstreut. Bernstein fuhr fort:


 


„Aber uns interessiert die Überlichtgeschwindigkeit ja nur insofern, als sie uns das Gluon-Plasma liefert. Das sind energiereiche Bruchstücke, in die Protonen und Neutronen zerstäubt werden. Dieses Plasma wird erhitzt und komprimiert, bis ein winziges schwarzes Loch entsteht, das mit Materie von negativer Energiedichte gefüttert werden muss. Man kann den ganzen Vorgang auch als Kompression des Lichts bezeichnen.


 


 


 


 



Für den Inhalt dieser Seite ist der jeweilige Inserent verantwortlich! Missbrauch melden



© 2008 - 2019 suchbuch.de - Leseproben online kostenlos!


ExecutionTime: 3 secs