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Science Fiction
Buch Leseprobe
Gerd Kramer

"Das versteckte Experiment"


Ein Roman über die Entstehung des Universums

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Der Rundflug


 


12. Die Entstehung der Planeten


 


Jans Handy meldete eine neue MMS. Es war eine Nachricht von


Sintja. Das Bild zeigte ihre Knie. Die etwas rötliche Farbe deutete


darauf hin, dass sie reichlich Sonne abbekommen hatten. Wie viele


Teilbilder würden noch folgen, bevor er Sintja wieder in den Armen


halten konnte? Das digitale Bild bestand nur aus lauter Bildpunkten,


den Pixeln. Jedes Pixel für sich war nichts anderes als eine Kombination


von Nullen und Einsen, von Bits, den kleinsten denkbaren


Informationseinheiten. Aus vielen Bits war das Bild entstanden, das


mithilfe elektromagnetischer Wellen in Jans Handy gelangt war.


Jedes einzelne Bit für sich hatte keine Bedeutung. Alle übermittelten


Bits zusammen brachten jedoch das Bild auf das Display, das Jan


betrachtete. Es war jedoch nicht nur einfach ein Bild. Es rief bei Jan


ganz verschiedene Gefühle hervor. Diese entstanden in seinem


Kopf. Die Informationen in Form von Nullen und Einsen erzeugten


so eine subjektive Wirklichkeit. Wenn Jan das Bild nicht betrachtet


hätte, so wäre es auch auf dem Display erschienen, hätte aber


niemals diese Wirkung hervorgerufen.


Entsteht so die komplette Wirklichkeit in meinem Kopf? fragte


sich Jan, und gibt es überhaupt so etwas wie eine objektive Wirklichkeit


oder erzeugt jedes Lebewesen seine eigene, subjektive


Realität? Gibt es überhaupt eine Wirklichkeit? Noch grundsätzlicher:


Gibt es die Welt? Jan dachte an die Filme „Welt am Draht",


„Matrix" und „13th Floor", in denen die gesamte Welt eine Computersimulation


war. Auch die Menschen waren in diesen Filmen


Computersimulationen. Im Film „Welt am Draht" von Rainer


Werner Fassbinder flog der Schwindel nur auf, weil kleine Fehler in


der Simulation auftraten. Eine perfekte Simulation ließe sich aber


ganz sicher nicht als solche enttarnen. Natürlich waren die Rechenkapazitäten


von Computern prinzipiell begrenzt. Alles ließ sich bis


auf ein Bit zurückführen. Eine weitere Unterteilung war nicht


möglich. Früher dachte man, dass in der realen Welt das Atom die


kleinste nicht mehr unterteilbare Einheit sei. Später stellte man fest,


dass auch der Atomkern aus Teilchen zusammengesetzt war, aus


Protonen und Neutronen und diese wiederum aus Quarks. Vielleicht


bildeten die Strings tatsächlich die kleinste Einheit. Auf jeden


Fall musste es auch in der realen Welt eine Grenze der Teilbarkeit


geben, sogar für den Raum und die Zeit. Jan hatte gelesen, dass die


Komplementarität in der Quantenwelt, wie zum Beispiel der Welle-


Teilchen-Dualismus, damit zusammenhing, dass ein Quant nur eine


von zwei Eigenschaften zeigen konnte, weil für zwei Informationen


einfach kein Platz vorhanden war. Auch die Heisenbergsche Unschärfe


konnte damit erklärt werden. Entweder rief man die Information


„Ort" ab, oder „Impuls", niemals konnte man beide Informationen


gleichzeitig exakt erhalten.


Nachdem Jan Sintjas Knie ausführlich betrachtet hatte, wählte er


ihre Rufnummer.


„Hallo, Jan!", hörte er ihre Stimme.


„Hallo, Sintja, ich habe gerade deine Knie erhalten. Sie gefallen


mir. Kann es sein, dass sie etwas rot geworden sind, oder liegt das


an der Handykamera?"


„Das ist leider echt. Ich habe einen kleinen Sonnenbrand. Zum


Glück beschränkt der sich nur auf meine Beine. Wie geht es dir,


Jan?"


„Ich habe keinen Sonnenbrand. Aber auch hier ist schönes Wetter


und ich bin gestern am Steindeich gewesen und bin eine Runde


geschwommen. Ansonsten lebe ich so in den Tag hinein, ohne


Schule und Stress. Wo seid ihr jetzt?"


„Ich sehe gerade Seepferdchen vor mir."


„Da ich nicht annehme, dass du mit dem Handy unter Wasser


telefonierst, schließe ich daraus, dass du in einem Aquarium bist."


„Gut geraten. Wir sind hier im Meerwasseraquarium von La Rochelle


und morgen fahren wir weiter nach Bordeaux."


„Ich glaube, ich vermisse dich jetzt schon, Sintja", sagte Jan mit


etwas leiserer Stimme. Sie verriet seine Unsicherheit, die stets


auftrat, wenn seine Gefühle mit im Spiel waren.


 „Ich vermisse dich auch", kam Sintjas Antwort, auch leiser als


vorher. Der Grund dafür war nicht, dass es niemand hören sollte.


Jan spürte in ihrer Stimme die gleiche Unsicherheit, aber auch einen


Ausdruck von Zärtlichkeit. Das waren keine übersinnlichen Signale,


sondern der Klang, der Tonfall, vielleicht ein leichtes Vibrieren in


der Stimme, die Lautstärke und sogar die kleinen Pausen zwischen


den Worten, die er bewusst oder unbewusst registrierte. Der von


Sintja gesprochene Satz „Ich vermisse dich auch" war eben mehr als


die einzelnen Worte und was Jans Gehirn daraus formte, war etwas


ganz Individuelles.


„Was machst du den ganzen Tag?", unterbrach Sintja das kurze


Schweigen.


„Die Familie ist ausgeflogen. Ich habe mir vorgenommen, heute


etwas für das Projekt meines Vaters zu programmieren. Ich habe da


ein paar neue Ideen."


„Du musst arbeiten?"


„Für mich ist es eigentlich gar keine Arbeit, Programmieren ist für


mich das reinste Vergnügen."


„Ich verstehe. Und Christine, hast du wieder etwas von ihr gehört?"


„Wir chatten jeden Tag miteinander."


„Muss ich eifersüchtig sein?"


„Nein, aber ich."


„Wieso?"


„Christine hat gesagt, dass du vielleicht im Urlaub jemanden


kennenlernen könntest."


„Das ist die geheimnisvolle Christine. Hellsehen kann sie sicher


nicht. Aber ich kann hellsehen, Jan. Es wird nicht passieren."


„Dann bin ich beruhigt. Übrigens wollte Christine mich nur provozieren."


„Weshalb?"


„Das erkläre ich dir, wenn du zurück bist. Ich bin mir nicht sicher,


ob unser Telefonat abgehört wird."


„Mir scheint, ich habe einen Geheimagenten kennengelernt", sagte


Sintja lachend.


„Es ist wirklich zum Lachen. Aber es gibt verschiedene Hinweise


darauf, dass man sich für meine Unterhaltung mit Christine interessiert."


„Sei vorsichtig, Jan. Ich muss jetzt Schluss machen. Ich sende dir


demnächst die nächsten Puzzleteile von mir."


„Ich freue mich schon auf das Gesamtbild."


„Tschüss, Jan - und grüße Christine von mir."


„Tschüss, Sintja - mache ich."


Jan war so glücklich wie seine schnurrende Katze, die sich inzwischen


auf seinem Schreibtisch niedergelassen und alle Viere von


sich gestreckt hatte. Er streichelte sie unterm Kinn und Mausi legte


ihren Kopf genüsslich in den Nacken. Die Welt schien zumindest für


die beiden in Ordnung zu sein.


Jan startete das Entwicklungssystem, um endlich an der Software


für das Projekt seines Vaters weiterzuarbeiten. Das Programm


beinhaltete bereits jetzt mehrere Tausend Programmzeilen. Die


Bedienungsoberfläche war schon weitgehend fertiggestellt. Auch


die grafische Ausgabe der Ergebnisse war fast fertig. Die Ergebnisse


wurden in Form von Farbkarten aufbereitet, die sowohl zwei- als


auch dreidimensional präsentiert werden konnten. Ein wesentlicher


Bestandteil des Programms war natürlich der eigentliche Rechenkern,


der die Ausbreitung der Partikel berechnete und Vorhersagen


über den Einfluss auf das lokale Klima und sogar das langfristige


Weltklima versuchte. Jan verstand inzwischen die meisten mathematischen


Algorithmen und hatte mithilfe der Fachliteratur in den


letzten Tagen auch einen groben Überblick über das Gesamtmodell


gewonnen. Zum Verständnis vieler Details fehlte es ihm jedoch an


entsprechendem Grundlagenwissen. Das war jedoch für seine


Arbeit nicht unbedingt erforderlich. Wichtig war, dass er die Formeln


und Algorithmen korrekt in die Computersprache übersetzen


konnte. Nach Abschluss seiner Arbeiten würden ausführliche Tests


mit realen Daten durchgeführt werden. Ein Vergleich mit Messwerten


würde für eine gute Verifizierung sowohl der theoretischen


Modelle als auch seines Programms sorgen. Jan musste an Christines


Hinweis denken, dass man sich an nichts beteiligen sollte, was


man nicht überschauen konnte. Im Grunde galt das auch für das


Softwareprojekt. Zumindest eine ungefähre Kenntnis der komplexen


Aufgabenstellung und Anwendung wollte Jan haben. Er würde


Christine an ihre eigenen Worte erinnern, wenn sie von ihm irgendwelche


Aktivitäten erwartete. Ohne genaue Informationen über


das ‚Vorhaben‘ würde er sich nicht daran beteiligen. Nachdem Jan


einige komplizierte Programmroutinen fertiggestellt hatte, konnte er


bereits einen ersten Testlauf mit realen Eingangsdaten starten, die


ihm sein Vater zur Verfügung gestellt hatte.


Erst nach erfolgreichem Test dieser Programmteile wollte Jan die


Programmierarbeit fortsetzen. Doch der Test verlief nicht zu seiner


Zufriedenheit. Leider lagen ihm nur die Endergebnisse vor, die


tatsächlich gemessene Temperaturverteilung im Untersuchungsgebiet,


aber keine Zwischenergebnisse. Seine Programmroutinen


stellten nur einen kleinen Teil des Gesamtprojektes dar, sodass der


Fehler auch außerhalb seiner Routinen liegen konnte. Ein Fehler im


Programm war nichts Besonderes. Schließlich besagte Murphy's


Law für Programmierer, dass jedes nichttriviale Programm mindestens


einen Fehler enthielt. Jan suchte mehr als eine Stunde nach dem


Fehler in seinem Programmcode, konnte ihn jedoch nicht entdecken.


Er hatte wie wohl jeder Programmierer die Erfahrung gemacht, dass


sich Probleme am nächsten Tag oft ganz einfach lösen ließen. Offenbar


drehte man sich nach einiger Zeit gedanklich ständig im Kreis.


Nach einer längeren Pause war man gezwungen, das Problem ganz


neu und in der Regel von einer ganz anderen Seite anzugehen, da


man die bisherige Vorgehensweise vergessen hatte. Das führte


meistens zum Erfolg. Also war es jetzt klug, aufzuhören und etwas


anderes zu tun. Es fiel Jan durchaus nicht leicht, diesen von ihm


empfundenen vorläufigen Misserfolg einzustecken. Jan schloss das


Fenster des Entwicklungssystems. Im Hintergrund war noch der


Messenger geöffnet und kam nun zum Vorschein. Christine hatte


schon wieder eine Nachricht gesendet:


„Hi, Jan, was gibt es Neues?"


Die Nachricht war bereits über eine Stunde alt. Jan schrieb:


„Ich soll dich grüßen."


„Wie geht es Sintja?"


„Ihr geht es gut, aber sie hat einen leichten Sonnenbrand."


„Die liebe Sonne ..."


„Wir haben uns durch sie kennengelernt."


„Ohne sie hätten wir uns gar nicht kennenlernen können."


„Alles dreht sich um sie", schrieb Jan.


„Auch die Erde."


„Und andere Planeten."


„Nicht die extrasolaren."


„Du bist spitzfindig, wie immer."


„Du hast recht. Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn kannst


du mit bloßem Auge sehen, Uranus unter günstigen Bedingungen


auch. Für Neptun brauchst du ein Teleskop."


„Und Pluto hat man 2006 zu einem Zwergplaneten degradiert.


Nun kann ich mir die Namen nicht mehr merken."


„Weshalb?"


„Weil mein Merkspruch jetzt kaputt ist: Mein (Merkur) Vater


(Venus) erklärt (Erde) mir (Mars) jeden (Jupiter) Sonntag (Saturn)


unsere (Uranus) neun (Neptun) Planeten (Pluto)."


„Das ist tragisch."


Jan fand Gefallen an diesem so gar nicht tiefsinnigen Gespräch.


Wie er schon festgestellt hatte, konnte Christine auch humorvoll


sein.


„Ich kann damit umgehen, Christine."


„Ich weiß."


„Natürlich weißt du das. Du kennst ja meine DNA."


„Ich kenne dich auch aus unseren Gesprächen."


„Ich habe jedoch soeben die Lösung für meinen Merkspruch gefunden:


Mein Vater Erklärt Mir Jeden Sonntag Unsere Nachbarplaneten."


„Die Welt ist wieder in Ordnung."


„Ich bin stolz auf mich. Aber erkläre mir doch einmal ganz kurz,


wie unsere Sonne und die Planeten entstanden sind. Irgendwie hat


sich die Materie nach dem Urknall unter der Gravitation verdichtet,


bis schließlich die Sonne gezündet hat oder so ähnlich?"


„Nach dem Urknall gab es nur Helium und Wasserstoff und ein


wenig Deuterium (Wasserstoff, der zusätzlich zu dem Proton im


Kern noch ein Neutron besitzt) und noch weniger Lithium. Wie du


weißt, entstanden die schwereren Elemente erst in den Sternen. Die


ganz schweren Elemente konnten sich erst durch Supernova-


Explosionen bilden, für einige waren sogar mehrere Zyklen der


Sonnenentstehung und Explosion erforderlich. Dort, wo sich heute


die Sonne mit ihren Planeten befindet, gab es bis vor etwa 4,6


Milliarden Jahren eine Gas- und Materiewolke aus den Gasen des


Urknalls und dem feinen Staub höherer Elemente aus vergangenen


Sternengenerationen. Wasserstoff und Helium machten zwar den


Hauptbestandteil dieser Wolke aus (etwa 99 Prozent), aber die


schweren Elemente waren natürlich unabdinglich für die Entstehung


der Planeten und die Entwicklung des Lebens auf der Erde.


Die Explosion eines massereichen Sterns als Supernova in dieser


Wolke war schließlich auch der Ausgangspunkt für die Entstehung


des Sonnensystems. Infolge der Druckwelle und der Gravitation


verdichtete sich die Materie. Durch die Verdichtung erhöhte sich


eine anfänglich langsame Rotation der Wolke ähnlich wie bei einer


Eiskunstläuferin, die durch das Anlegen der Arme bei der Pirouette


eine schnellere Rotation erreicht. Da der Gesamtdrehimpuls des


Systems jedoch erhalten bleiben muss, bildete sich aus dem restlichen


Material eine schnell rotierende Scheibe. Wir haben somit im


Zentrum einen sich immer weiter verdichtenden Kern mit etwa 99,8


Prozent der Masse des Systems und außen eine rotierende Scheibe


mit wenig Masse, aber einer hohen Geschwindigkeit um diesen


Kern. Aus letzterer entstanden durch Zusammenballungen die


Planeten, die aus diesem Grunde alle die gleiche Umlaufrichtung


um die Sonne haben. Im Kern zündete durch eine weitere Verdichtung


infolge der Gravitation schließlich die Kernfusion, ein neuer


Stern, die Sonne, war geboren."


„Ich weiß, dass die Sonne nicht ewig leben wird. Wird sie irgendwann


explodieren?"


„Nein, wir sprachen bereits einmal darüber. Nur Sterne, die mindestens


acht- bis zehnmal mehr Masse haben als die Sonne, enden


als Supernova. Natürlich ist auch der Wasserstoffvorrat der Sonne


begrenzt. In ca. fünf Milliarden Jahren gerät die Sonne aus dem


Gleichgewicht. Der Kern, der fast ausschließlich aus Helium besteht,


wird sich zusammenziehen und weiter aufheizen, während sich die


äußeren Schichten ausdehnen. Die Sonne wird zu einem Roten


Riesen, der die inneren Planeten, Merkur, Venus und vielleicht die


Erde, verschlingt. Schließlich verbrennt auch das Helium zu Kohlenstoff.


Die Sonne schrumpft zu einem Weißen Zwerg."


„Jan, ich habe gerade erfahren, dass du noch heute Besuch bekommen


wirst."


„Ich weiß, in Norddeutschland sieht man morgens schon, wer


abends zu Besuch kommt. Ich nehme aber an, dass du andere


Informationsquellen hast."


„Deine Freunde vom Bundesnachrichtendienst werden dich besuchen."


„Woher willst du das wissen?"


„Ich habe das ihrem E-Mail-Verkehr entnommen. Es werden zwei


Personen kommen, Rex Waldmann von der Abteilung 1 und Jens


Nolte von der Abteilung 2."


„Nicht der BND spioniert dich aus, sondern du den BND?"


„Ich informiere mich nur über Vorgänge, die uns und unser Vorhaben


betreffen."


„Hast du eigentlich gar keine Angst, erwischt zu werden?"


„Nein, das werde ich vermeiden können. Ich hoffe nur, dass du


keine Schwierigkeiten bekommst."


„Auch ich habe keine Angst. Solange es tatsächlich für eine gute


Sache ist, bin ich auch bereit, gewisse Risiken einzugehen. Weißt du


auch, wann ich mit meinen Gästen rechnen kann?"


„Nach meinen Informationen müssten sie eigentlich jeden Moment


bei dir eintreffen."


„Dann werden wir unser Gespräch am besten einmal unterbrechen.


Ich melde mich wieder bei dir."


Jan schaltete seinen Computer aus. Mausi spitzte die Ohren, weil


plötzlich das vertraute Rauschen des Rechners fehlte, machte aber


keine Anstalten, den gemütlichen Platz auf dem Schreibtisch zu


verlassen. Als jedoch die Türglocke läutete, sprang sie mit einem


Satz hinunter. Mit ihrem Schwanz riss sie ein Glas herunter, in dem


Jan seine Schreibstifte aufbewahrte, und verließ fluchtartig das


Zimmer. Ein Wachhund wäre vielleicht auch nicht schlecht gewesen,


dachte Jan, der hätte die ungebetenen Gäste vertreiben können.


Jan ging zur Haustür und öffnete sie. Wie erwartet, standen zwei


Männer am Eingang. Zunächst dachte Jan, dass Waldmann seit der


letzten Begegnung noch weiter gewachsen sei, erkannte dann aber,


dass er dieses Mal auf der obersten Stufe der Eingangstreppe stand.


Sein Begleiter war wesentlich kleiner und stand zwei Stufen tiefer.


Er hatte aber schätzungsweise mindestens das gleiche Gewicht wie


sein Kollege. Er trug einen Oberlippenbart und hatte erschreckend


große Ohren. Jan glaubte jedoch nicht, dass diese für irgendwelche


Abhörmaßnahmen des Geheimdienstes von Nutzen sein konnten.


Der Dicke atmete schnell und erzeugte dabei pfeifende Geräusche.


Es schien so, als ob er mit dem Erklimmen der drei Treppenstufen


bereits an seine Leistungsgrenze geraten sei.


„Wir würden gerne ein wichtiges Gespräch mit Ihnen führen,


Herr Sörensen", sagte Waldmann ruhig und höflich.


Jan antwortete ebenso betont höflich und mit einer einladenden


Geste: „Herr Waldmann, Herr Nolte, treten Sie ein."


Jan erkannte, dass ihm bereits ein erster Fehler unterlaufen war.


Die beiden Männer hatten entweder nichts bemerkt oder ließen sich


nichts anmerken. Waldmann umschiffte geschickt die Deckenlampe


im Flur und beide folgten Jan in sein Zimmer. Als der Dicke das


Zimmer betrat, hörte Jan, wie ein Kugelschreiber unter seinem


Gewicht zermalmt wurde.


„Oh!" meinte Nolte.


„Die Katze", bemerkte Jan.


Beide Agenten setzten sich auf das Sofa. Während Waldmann


seine Beine sortierte, hätte Nolte wohl eher Schwierigkeiten gehabt,


den Boden mit seinen Füßen zu erreichen, wenn ihm nicht sein


Gewicht und die Nachgiebigkeit der Polsterung zu Hilfe gekommen


wären.


„Herr Nolte ist unser Technikspezialist", begann Waldmann.


Nach einer kleinen Pause fuhr er fort:


„Wie ich schon bei meinem ersten Besuch angedeutet habe, gibt es


Hinweise darauf, dass das Internet vermehrt von ausländischen


Geheimdiensten, vom organisierten Verbrechen oder dem internationalen


Terrorismus genutzt wird."


„Ich vermute, dass das keine neue Erkenntnis des Bundesnachrichtendienstes


ist", erwiderte Jan ruhig.


Eigentlich wollte er jeden ironischen Unterton vermeiden. Ganz


gelungen war es ihm offenbar nicht, denn Waldmann zog den


rechten Mundwinkel für einen kurzen Augenblick nach unten und


zuckte mit den Augenbrauen. Er fuhr dann aber mit einem verkrampften


Lächeln fort:


„Natürlich wissen wir, dass sich allerlei Kriminelle des Internets


bedienen. Wir haben es hier aber seit einiger Zeit offenbar mit einer


neuen Dimension zu tun."


Nolte ergänzte: „Es scheint, als wenn sich im Internet ein sehr


ausgedehntes Netzwerk etabliert hätte, dessen Funktionalität wir


jedoch nicht kennen. Der gesamte Datenaustausch innerhalb des


Netzwerks ist verschlüsselt."


„Der BND wird Möglichkeiten haben, den Transfer zu entschlüsseln",


warf Jan ein.


„Das ist uns bisher leider nicht gelungen", erwiderte Waldmann


sichtlich zerknirscht.


„Wie kann ich Ihnen helfen?" fragte Jan.


Er wusste, dass er vorsichtig sein musste. Einerseits wollte er


nicht zu viel über seinen Kontakt zu Christine preisgeben, andererseits


durfte er sich auch nicht in Widersprüche verwickeln lassen.


Dass er Nolte mit Namen angeredet hatte, war schon ein dicker


Schnitzer gewesen.


„Das Netzwerk hat eindeutige Verbindungen zu Ihrem Anschluss,


Herr Sörensen." Die Stimme Waldmanns hatte etwas von


ihrer Höflichkeit verloren.


„Ich habe das Netzwerk, von dem Sie reden, nicht aufgebaut."


„Ich habe Sie bereits bei meinem letzten Besuch gefragt, ob Sie


eine Person mit Namen Christine kennen."


„Ich erinnere mich. Ich kenne Christine nicht."


„Wir wissen, dass Sie Kontakt mit einer Person namens Christine


hatten."


„Aber ich kenne sie nicht."


„Wie soll ich das verstehen?"


Waldmanns Ton wurde von Mal zu Mal unangenehmer.


„Ich unterhalte mich mit verschiedenen Leuten im Internet. Teilnehmer


in Foren und Chatrooms verwenden beliebige Benutzernamen.


Darunter ist auch ein Benutzer mit Namen Christine. Ich weiß


nicht einmal, ob sich hinter diesem Namen eine männliche oder eine


weibliche Person verbirgt."


„Herr Sörensen, erzählen Sie uns doch bitte, was Sie über den


Benutzer oder die Benutzerin Christine wissen."


„Eigentlich weiß ich gar nichts über Christine. Ich gehe einmal


davon aus, dass es sich tatsächlich um eine Teilnehmerin handelt."


„Was sind die Inhalte Ihrer Gespräche mit Christine?"


„Wir unterhalten uns über das Universum."


„Geht es etwas genauer?"


Es war Waldmann anzumerken, dass er versuchte, die Worte in


einem möglichst höflichen Tonfall hervorzubringen. Es gelang ihm


jedoch nicht besonders gut.


„Haben Sie schon einmal etwas von der Hintergrundstrahlung


gehört?" fragte Jan.


„Äh, nein", antwortete Waldmann und runzelte die Stirn. Er


blickte fragend zu Nolte hinüber, der mit dem Kopf schüttelte.


„Das sind elektromagnetische Wellen im Mikrowellenbereich. Sie


durchdringen den gesamten Weltraum und enthalten viele Informationen."


„Informationen?" fragte Nolte.


Information war immerhin ein Wort, mit dem er etwas anfangen


konnte.


„Von wem stammen die Informationen und welchen Inhalt haben


sie?"


„Sie stammen vom Anfang, vom Anfang des Universums und


geben uns Auskunft über sein Alter und seine Entstehungsgeschichte.


Ich erkläre Ihnen gerne genaue Details."


Waldmann und Nolte sahen sich entgeistert an.


„So, so", setzte Waldmann das Gespräch fort, als wenn er noch


nicht genau wüsste, was er jetzt sagen sollte. „Sie führen Gespräche


über den Weltraum."


„Sehr interessante Gespräche", ergänzte Jan. „Wussten Sie zum


Beispiel, dass Sie die Reststrahlung des Urknalls im Fernsehen sehen


können? Und wussten Sie, dass es vielleicht unendlich viele Universen


gibt, dass Sie und ich dann ebenfalls unendlich oft existieren. In


manchen sitzen wir zusammen und unterhalten uns über Christine.


In manchen sind Sie Bundeskanzler oder Popstar."


„Herr Sörensen, wir sind nicht gekommen, um uns Ihre wirren


Theorien anzuhören!" entrüstete sich Waldmann. Spätestens jetzt


konnte er seine unfreundliche Grundhaltung gegenüber Jan nicht


mehr verbergen.


„Das sind keine wirren Theorien. Das ist Wissenschaft. Sie haben


mich gefragt, worüber ich mit Christine chatte. Ich habe Ihnen


geantwortet", erwiderte Jan ruhig.


Waldmann stand vom Sofa auf, wodurch der Dicke noch weiter in


der Polsterung versank. Mit prüfendem Blick schritt Waldmann


durch Jans Zimmer und betrachtete die Bücher im Regal. Dazu


nahm er eine gebückte Haltung ein und stellte seinen Kopf so


schräg, dass dieser fast auf seiner Schulter ruhte. „Francis, Mount


Dragon, die Zeitmaschine, Gefälschtes Gedächtnis, Schrödingers


Kätzchen, Gottes Gehirn, Solaris", murmelte er. Das Buch „Rapid


Web Development" nahm er in die Hand, blätterte ein wenig darin


herum und stellte es wieder an seinen Platz im Regal. Er blätterte im


Kalender, der neben der Eingangstür hing und auf dem mit großen


Buchstaben „Greenpeace" stand.


„Sie sind Mitglied bei Greenpeace?" fragte Waldmann beiläufig.


„Ja", antwortete Jan kurz. Er wunderte sich zunächst, dass keine


weiteren Fragen zu seiner Rolle in der Umweltorganisation folgten,


schloss aber daraus, dass der BND immerhin darüber genauestens


informiert war und auch alle seine Aktivitäten kannte. Waldmann


machte noch eine Runde durch den Wintergarten und setzte sich


schließlich wieder auf die Couch.


„So kommen wir nicht weiter, Herr Sörensen", versuchte Waldmann


in gemäßigtem Ton das Gespräch wieder aufzunehmen. Am


Zittern seiner Stimme konnte man jedoch seine Erregung deutlich


ablesen.


„Unsere Vermutung ist, dass Sie sich auf etwas eingelassen haben,


das Sie nicht überschauen können. Wir könnten Ihnen helfen, da


wieder herauszukommen. Wir würden uns erkenntlich zeigen."


„Ich weiß nicht, was Sie meinen", erwiderte Jan misstrauisch.


„Wenn Sie uns helfen, könnten wir Ihnen Ihre zeitlichen Aufwendungen


entlohnen. Gleichzeitig brauchten Sie keine Angst zu haben,


dass Sie strafrechtlich verfolgt werden."


„Sie wollen, dass ich Christine ausspioniere?"


„Wir möchten, dass Sie Informationen sammeln und uns helfen,


die Bundesrepublik Deutschland zu schützen."


„Tut mir leid, meine Herren, für diesen Job bin ich ungeeignet. Ich


denke, Sie haben genügend Mittel, um an die gewünschten Informationen


heranzukommen. Selbst eine richterlich genehmigte Onlinedurchsuchung


könnten Sie bei mir durchführen, wenn tatsächlich


die Sicherheit in unserem Lande gefährdet wäre."


Waldmann und Nolte warfen sich einen kurzen Blick zu, und Jan


konnte diesen Blick deuten. Die beiden Agenten verstanden diesen


Wink, würden aber nicht zugeben, dass sie genau das versucht


hatten.


„Sie sind ein harter Brocken, Herr Sörensen", seufzte Waldmann.


„Glauben Sie mir, ich beteilige mich an keiner Verschwörung,


liefere keine Informationen an ausländische Geheimdienste und


plane auch ansonsten keine kriminellen Handlungen. Mir ist auch


nicht bekannt, dass meine Internetbekanntschaft, die sich Christine


nennt, irgendwelche Unternehmungen plant, die unser Land gefährden


könnten. Ich weiß auch nicht, was für Hinweise Sie haben,


dass Christine eine Gefahr für unser Land darstellen könnte",


erwiderte Jan.


„Vielleicht sind Sie tatsächlich unschuldig oder auch nur naiv,


Herr Sörensen. Ihre Christine hat offenbar ein gigantisches Netzwerk


aufgebaut, das ständig aktiv ist. Trotz intensiver Bemühungen


tappen wir noch immer im Dunkeln darüber, was das genau zu


bedeuten hat. Aber nichts Gutes, soviel ist sicher."


„Woher wissen Sie das?"


„Was Ihre Christine im Internet veranstaltet, ist illegal. Sie umgeht


die aufwendigsten Sicherheitssysteme und verschafft sich


sogar Zugang zu Supercomputern, auf denen sie offenbar hochkomplexe


Programme ablaufen lässt, die zeitweise fast alle Ressourcen


ausnutzen. Das verursachte bereits beträchtlichen wirtschaftlichen


Schaden. Es ist zu erwarten, dass jemand mit so viel krimineller


Energie etwas Gefährliches im Schilde führt", meldete sich Nolte


zu Wort.


„Vielleicht ist Christine ganz einfach nur eine Hackerin", merkte


Jan an.


„Selbstverständlich haben wir uns in der Szene umgehört. Eine so


versierte Hackerin müsste dort bekannt sein. Auch unsere Informanten


konnten uns bisher keinerlei Hinweise auf die Identität


dieser Person geben. Natürlich müssen wir bei der Informationsbeschaffung


sehr vorsichtig vorgehen. Sollte es öffentlich werden, dass


selbst die aufwendigsten Sicherheitssysteme von jemandem geknackt


werden können, sind die Folgen für Wirtschaft und Industrie


kaum abzusehen. Wir wissen, dass die Aktivitäten von Christine vor


etwa zwei Jahren angefangen haben. Seitdem haben sie ständig


zugenommen. Die einzige bisher nachweisbare Verbindung zu


anderen Internetteilnehmern ist die Verbindung zu Ihnen, Herr


Sörensen", meldete sich der Dicke zu Wort.


„Für mich ist Christine wirklich nur eine Internetbekanntschaft",


erwiderte Jan.


„Wir gehen davon aus, dass Sie mehr über sie und ihre Pläne wissen.


Auch Sie machen sich strafbar, wenn Sie sich an einer Straftat


beteiligen oder von einer geplanten Straftat Kenntnis haben und


diese nicht anzeigen", drohte Waldmann und tippte beim letzten


Satz im Rhythmus seiner Worte bedeutungsvoll mit einem Kugel-


schreiber auf die Glasplatte des Couchtisches. Er stand auf und ging


zur Tür. Nolte hatte sichtlich Schwierigkeiten, sich auf seine kurzen


Beine zu stellen. Er wippte mehrmals mit seinem gewichtigen


Körper nach vorne, um sich für das Vorhaben den nötigen Schwung


zu holen. Als es ihm schließlich gelang, musste er sich mit einer


Hand am Glastisch abstützen, um nicht vornüberzufallen.


„Auf Wiedersehen, Herr Sörensen", keuchte er und folgte seinem


Kollegen. Im Hausflur überreichte Waldmann Jan eine Visitenkarte,


auf der die Telefonnummer handschriftlich korrigiert war, mit den


Worten:


„Denken Sie an unser Angebot, Herr Sörensen!"


Als Jan wieder in seinem Zimmer war, atmete er tief durch, froh


darüber, dass das Gespräch einigermaßen glimpflich abgelaufen


war und es außer einem zerbrochenen Schreibstift, einer tiefen


Kuhle im Polster der Couch und einem fettigen Handabdruck auf


dem Glastisch bisher keine weiteren Folgen gehabt hatte. Immerhin


nahm sich Jan vor, noch aufmerksamer zu sein, was die Gespräche


mit Christine betraf. Zwar hatten die Besucher es nicht geschafft,


Misstrauen in ihm zu schüren, aber vielleicht hatten die beiden doch


seine Sinne geschärft. Auch wenn Jan immer noch nicht an Christines


„Vorhaben" glauben konnte, mehr als Unterrichtsstunden in


moderner Kosmologie steckte wohl doch hinter dem Ganzen.


Jan ging online, um Christine über den Gesprächsverlauf mit den


beiden Agenten zu berichten. Es gab für ihn keinen Grund, ihr


irgendetwas davon vorzuenthalten.


„Der nette Besuch ist wieder weg."


„Habt ihr über mich gesprochen?"


„Ja, die Herren wollten wissen, wer du bist. Ich habe ihnen die


Wahrheit gesagt."


In seltenen Fällen kamen die Antworten von Christine nicht spontan.


Jetzt war so ein seltener Fall, in dem die Antwort fast fünf


Sekunden auf sich warten ließ.


„Die Wahrheit, was meinst du damit?"


„Dass ich nicht weiß, wer du bist. Aber sie haben mir ein Angebot


unterbreitet, mir sozusagen einen Job angeboten. Sie wollten mich


dafür bezahlen, dich auszuspionieren."


„Ich nehme an, du hast den Job abgelehnt."


„Ich weiß nicht genau, wie gut die Bezahlung sein wird. Wir haben


noch nicht über das Honorar verhandelt. Vielleicht kann ich


damit mein Studium finanzieren."


„Ich glaube dir nicht, dass du so etwas in Erwägung ziehst."


„Weshalb nicht?"


„Zweitens, weil du es mir dann nicht erzählt hättest."


„Und erstens?"


„Weil ich dich ein wenig kenne und weiß, dass du so etwas nicht


tun würdest."


„O. k., ich habe abgelehnt, obwohl ich damit nach Aussagen der


Agenten etwas für mein Vaterland hätte tun können. Die scheinen


sehr beunruhigt darüber zu sein, was du im Internet anstellst.


Vielleicht solltest du vorsichtiger sein."


„Das geht leider nicht. Ich brauche die Ressourcen. Aber sie werden


nicht dahinterkommen, was wir beide vorhaben."


„Ich wäre schon froh, wenn ich wüsste, was wir beide vorhaben."


„Ich werde versuchen es dir zu erklären. Unsere langen Gespräche


werden sicher dazu beigetragen haben, dass du mir vertraust.


Meine Bedenken sind aber immer noch sehr groß, dass du mir nicht


glauben könntest."


„Dann muss dein Vorhaben ja noch verrückter sein als die Quantenwelt,


denn selbst das habe ich dir inzwischen einigermaßen


abgenommen."


„Dir wird es bestimmt noch verrückter vorkommen."


„Verrückter als Schrödingers Katze, die spukhafte Fernwirkung


und die vielen Welten?"


„Das könnte sein."


„Vielleicht kann ich dir diese Angst nehmen. Tatsächlich habe ich


mich inzwischen an einige mir zunächst absurd erschienenen


Vorstellungen gewöhnen können. Selbst die Viele-Welten-Theorie


kommt mir nicht mehr so abwegig vor. Anfangs glaubten die


Menschen, dass die Erde eine Scheibe sei. An die Vorstellung, dass


die Erde eine Kugel ist, mussten sie sich auch erst gewöhnen, denn


schließlich konnte jedermann einsehen, dass Menschen auf der


Unterseite der Erde hinunterfallen würden. Auch, dass sich die Erde


um die Sonne dreht, war natürlich lange Zeit ganz und gar nicht


einzusehen. Jeden Tag konnte man sehen, dass die Sonne ihre Bahn


zog, im Osten auf- und im Westen unterging. Wenn schon nicht die


Erde der Mittelpunkt der Welt war, so sollte es jedoch unser Sonnensystem


sein. Leider mussten sich die Menschen auch davon


verabschieden und sogar akzeptieren, dass sogar die Milchstraße


nur eine Galaxie unter vielen ist. Wie du mir erklärt hast, gibt es


sogar keinen ausgezeichneten Ort in unserem Universum und ist


das Universum nicht statisch, sondern dehnt sich ständig aus. An


die Vorstellung, dass auch unser Universum nichts Besonderes ist,


sondern eines von vielen, werden sich die Menschen gewöhnen


müssen. Was mich angeht, habe ich mich dank deiner Ausführungen


auch schon fast damit vertraut gemacht. Also, erzähle mir von


weiteren unglaublichen Dingen. Ich werde mich nach und nach


damit arrangieren."


„Jan, denke mal zurück an das Experiment im Experiment."


„Die Lektion, die du mir erteilt hast?"


„Auch wenn ich dich kurzzeitig verärgert habe, so war es doch


ein recht harmloses Experiment."


„O. k., ich habe überlebt."


„Kannst du dir vorstellen, dass auf die beschriebene Art auch


etwas viel Schlimmeres passieren könnte?"


Jan überlegte eine Weile. Dann schrieb er:


„Du könntest zum Beispiel im Internet eine Anleitung für Hobbygärtner


verbreiten, mit deren Hilfe man angeblich hervorragende


Ergebnisse für ihre Kakteen erreichen kann. Man mische zu dem


Düngemittel etwas Dieselöl, fülle es in eine Flasche und fertig ist der


Super-Mix. Wenn einer der Hobbygärtner naiv genug ist und den


richtigen Dünger verwendet hat, hat er gerade eine Bombe gebastelt,


ohne es zu merken. Es bleibt dann nur noch zu hoffen, dass er


Nichtraucher ist."


„Das ist ein gutes Beispiel. Die Auswirkungen wären natürlich


nur lokal begrenzt."


„Wir hätten gegebenenfalls einen Hobbygärtner weniger. Die


Geschichte würde sicher in der Tageszeitung auf der ersten Seite


erscheinen und auf dem Grundstück würde nach einiger Zeit ein


neues Haus gebaut werden. Aber du denkst wohl mal wieder in


anderen Größenordnungen: Jemand erhält die Anweisung zum Bau


einer Atombombe, denkt aber, dass er einen Brötchentoaster baut?


Das wird nicht funktionieren. Für komplexe Aufgaben wären ganze


Teams aus Ingenieuren und Wissenschaftlern erforderlich, die nicht


so leicht hinters Licht zu führen wären. Das Experiment im Experiment


funktioniert ja nur, wenn der ‚eigentliche' Experimentator


schlauer ist als der ausführende, und dieser das Experiment wegen


seiner Komplexität nicht durchschauen kann. Ich könnte mir vorstellen,


dass du intelligent genug dazu wärest."


„Wenn ich das kann, können es vielleicht auch andere."


„Setzen wir voraus, dass du nicht die Intelligenteste auf dieser


Welt bist (obwohl ich manchmal diesen Eindruck habe), muss ich


dir recht geben. Willst du es mir beweisen?"


„Was soll ich dir beweisen? Dass ich nicht die Intelligenteste bin?"


„Nein, dass man eine Manipulation im großen Stil durchführen


kann."


„Ich habe ein entsprechendes Experiment bereits vor einiger Zeit


vorbereitet."


Jan hatte das Gespräch der letzten Minuten viel Spaß bereitet,


doch jetzt schien es so, als ob es eine Wendung nähme, die ihm


Angst einflößte. Waren die Befürchtungen des BND doch


berechtigt? War etwas im Gange, das er nicht mehr durchschauen


und beeinflussen konnte?


„Du machst mir wieder einmal Angst, Christine."


„Du weißt, dass das nicht meine Absicht ist."


„Wir sind und bleiben doch die Guten, nicht wahr?"


„Selbstverständlich. Das neue Experiment ist völlig harmlos, und


es wird das letzte sein. Es soll dir lediglich noch klarer machen, um


was es bei unserem Vorhaben geht. Es ist auch bereits durchgeführt


worden und hat niemandem geschadet. Es muss nur noch ausgewertet,


beobachtet werden. Du sollst das Ergebnis beobachten und


filmen. Hast du eine Kamera?"


„Ja, ich besitze eine digitale Filmkamera."


„Hast du Lust zu einem Rundflug?"


„Mit einem Flugzeug?"


„Ja, morgen wird schönes Wetter sein. In Schwesing gibt es Piloten,


die dich gegen Bezahlung gerne mitnehmen werden."


Jan hatte keine Ahnung, was er davon halten sollte. Er merkte,


wie sich sein Puls beschleunigte. Hatte jetzt die aktive Phase ihres


Vorhabens begonnen? Bisher war alles nur auf Dialoge und harmlose


Anschauungsversuche begrenzt gewesen. Jetzt aber sollte er das


erste Mal tatsächlich etwas unternehmen. Natürlich war ein Rundflug


mit einem Sportflugzeug nichts Spektakuläres. Er war bereits


einmal mit einem Segelflugzeug geflogen. Aber das hier war etwas


anderes. Christine wollte ihm offenbar etwas zeigen, etwas in der


realen Welt.


„Das wird was kosten und ich bin knapp bei Kasse", schrieb er.


„Kaufe dir ein paar Solaraktien, und stelle sie direkt wieder mit


einem Limit zum Verkauf. Die werden morgen kräftig steigen."


„Woher willst du denn das schon wieder wissen?"


„Ich habe einige Informationen."


Jan versuchte gar nicht, weiter nachzubohren. Er konnte sich gut


vorstellen, dass Christine Insiderinformationen abgefangen hatte. Er


wollte auch gar keine Details wissen, schließlich waren Insidergeschäfte


strafbar. Christine nannte ihm sogar die Wertpapiernummer,


den aktuellen Kurs und empfahl ihm das Limit, das er für den


Verkauf eingeben sollte.


„Was willst du mir zeigen?", schrieb Jan.


„Lass dich überraschen! "


„Aber es wäre nicht schlecht, wenn du mir sagen würdest, wohin


ich fliegen soll."


„Gib dem Piloten folgende Daten: +54° 33‘ 21.74", +9° 1‘ 12.43"."


„O. k., aber ich könnte doch auch mit dem Zug fahren."


„Du könntest den Ort sogar ohne Probleme mit dem Fahrrad erreichen.


Ich möchte aber gerne, dass du ein Flugzeug nimmst."


„Ich tue, was du willst, zumindest in diesem Fall. Sag mir, was ich


dort machen soll. Soll das Flugzeug dort landen?"


„Nein, das wird nicht möglich sein. Schau dir dort ganz einfach


die Natur aus der Vogelperspektive an und beschreibe mir nach


deiner Rückkehr, was du gesehen hast."


„Du machst es wirklich spannend. Also, wir sprechen uns morgen


wieder."


Jan beendete den Messenger. Anschließend loggte er sich bei seinem


Online-Broker ein und orderte so viele Aktien der von Christine


empfohlenen Solarwerte, wie es sein Barbestand hergab. Jan war


mit Empfehlungen von irgendwelchen Börsengurus selten gut


gefahren, und ausgerechnet von der mysteriösen Christine ließ er


sich nun zu einem Aktienkauf verleiten. Ihm war jetzt schon klar,


dass er sich morgen darüber ärgern würde. Falls die Aktien sänken,


wäre er natürlich enttäuscht, und die Faszination, die Christine auf


ihn ausübte, würde sicher etwas schwinden. Sollten die Aktien


steigen, so würde er sich ärgern, dass er nicht sein Konto überzogen


und noch mehr Anteile geordert hatte.


Jan suchte sich im Internet die Telefonnummer der Sportfluggruppe


Husum heraus und rief dort an. Das Chartern eines Flugzeugs


war anscheinend gar kein Problem. Jan konnte direkt mit dem


Piloten über die Modalitäten verhandeln. Der Preis für den Charterflug


war niedriger, als Jan erwartet hatte. Der Pilot schien zwar


etwas verwundert zu sein, dass Jan alleine kommen und zu bestimmten


Zielkoordinaten geflogen werden wollte, fragte aber nicht


weiter nach, was er dort wollte. Jan war froh darüber, denn er hätte


es ihm auch kaum erklären können. Am nächsten Morgen um 10


Uhr sollte Jan am Flugplatz sein. Die Wettervorhersage versprach


Sonnenschein und gute Sichtverhältnisse.


Nach dem Frühstück packte Jan sowohl Fotoapparat als auch


Filmkamera in seinen Rucksack. Er wusste, dass seine Eltern etwas


Bargeld dort versteckt hatten, wo Einbrecher nicht lange suchen


mussten, in ihrem Kleiderschrank. Jan holte 200 Euro unter den


säuberlich zusammengefalteten Bettlaken hervor und legte an


dieselbe Stelle einen Zettel, auf den er geschrieben hatte: „Habe 200


Euro für einen Notfall entnommen." Jan wusste, dass das für seine


Eltern in Ordnung war. Er ging leise zur Haustür hinaus, um die


Katze nicht zu wecken, die selig im großen Blumentopf im Wohnzimmer


schlummerte.


Der Flugplatz war nicht einmal zehn Kilometer von seinem


Wohnhaus entfernt. Jan legte den Weg mit seinem Fahrrad zurück.


Er traf viel zu früh dort ein und beobachtete eine Weile die Starts


und Landungen der Motor- und Segelflugzeuge, bevor er in das


Vereinshaus ging. Zu seiner Überraschung war der Pilot schon


etwas betagt. Nach der Stimme am Telefon hatte er einen etwa 40-


Jährigen erwartet. Den Mann, der sich am Telefon mit Jörg Ketelsen


gemeldet hatte, schätzte Jan auf mindestens 65 Jahre. Er hatte einen


grauen Vollbart und graue, fast schulterlange Haare. Tiefe Falten


zogen sich über seine Stirn und eine ausgeprägte Hakennase verlieh


ihm einen fast verwegenen Ausdruck. Sein dürrer Körper steckte in


vollständig schwarzer Kleidung. Er begrüßte Jan sehr freundlich.


Auf dem Weg zum Hangar erzählte er, dass er viele Jahre eine


Antonov AN-2 geflogen hatte, den größten einmotorigen Doppeldecker


der Welt. Er erzählte noch etwas von einem Sternmotor und


neun Zylindern und dass die Antonov in Wirklichkeit ein Anderthalbdecker


sei, aber Jan war gedanklich bereits beim Überflug


über die Koordinaten +54° 33‘ 21.74", +9° 1‘ 12.43". Obwohl er gleich


erfahren würde, was dort Besonderes zu sehen war, malte er sich


immer noch die unterschiedlichsten Alternativen aus. Aber nichts


von dem, was ihm dazu einfiel, ergab irgendeinen Sinn im Zusammenhang


mit den bisherigen Ereignissen und den Gesprächen mit


Christine. Gerne hätte Jan bei seinem Abenteuer Sintja dabei gehabt.


Ketelsen schwärmte immer noch von „seiner" Antonov, als sie


das Flugzeug erreichten, das sie zu dem ominösen Ort bringen


sollte, eine relativ neue Cessna C-172.


Vielleicht interpretierte Ketelsen Jans gedankliche Abwesenheit


als Angst vor dem bevorstehenden Flug.


„Also, nicht dass Sie denken, ich hätte die Anna im Zweiten


Weltkrieg geflogen. So alt bin ich noch nicht, ich sehe nur so alt


aus", sagte er lachend. „Bis 2001 habe ich Rundflüge mit der Maschine


im Bonner Raum gemacht. Aber jetzt bin ich zurück in


meiner Heimat und fliege zwischen den beiden Meeren."


Jan lachte kurz höflich über den Scherz.


„Was gibt es dort zu sehen?", fragte Ketelsen. Jan hatte diese Frage


befürchtet.


„Ich weiß es nicht", antwortete er wahrheitsgemäß.


Er bemerkte einen kurzen, prüfenden Blick des Piloten. Mit einem


leichten Lächeln entgegnete dieser: „O. k., ich fliege Sie, wohin Sie


wollen, wenn es sein muss, bis ans Ende der Welt."


Trotz seiner Anspannung genoss Jan den Flug. Über weite Strecken


ging es über sehr dünn besiedeltes Gebiet. Die Landschaft


unter ihnen sah aus wie ein bunter Flickenteppich. Je nach landwirtschaftlicher


Nutzung erstrahlten die Parzellen im Sonnenlicht


dunkel- oder hellgrün, braun oder gelb.


„Wir haben gerade Engelsburg überflogen und rechts sehen Sie


Arlewatt", erklärte der Pilot. „In nördlicher Richtung wird gleich


die Arlau zu sehen sein. Dann haben wir Ihr Ziel erreicht."


Jan war die Zeit trotz der Erwartung des Kommenden nicht nur


subjektiv sehr kurz vorgekommen. Es waren lediglich etwa zehn


Minuten seit dem Start vergangen. Tatsächlich erkannte er nun am


Horizont eine blaue Linie, die Arlau, die sich von Ost nach West


durch die malerische Landschaft schlängelte. Jan sah hektisch


abwechselnd links, rechts und vorne aus dem Cockpit-Fenster.


Unter ihnen erstreckten sich riesige Kornfelder. Jan konnte jedoch


nichts Besonderes erkennen. Er hatte jedoch keinen Zweifel daran,


dass hier irgendetwas Außergewöhnliches zu sehen sein musste.


„Schön hier", murmelte der Pilot.


Jan meinte einen leicht ironischen Unterton herauszuhören. Er


ignorierte die Bemerkung des Piloten und bat ihn, eine Schleife um


das Gebiet zu fliegen.


„Soll ich etwas tiefer gehen?", fragte dieser.


„Ja, bitte!", antwortete Jan.


Kaum hatte er die Bitte ausgesprochen, flog der Pilot eine scharfe


Linkskurve mit gleichzeitigem steilen Sinkflug. Es war offensichtlich,


dass ihm das Manöver Spaß bereitete. Er sah kurz zu Jan


hinüber, wohl in der Hoffnung, ihm die Angst im Gesicht ablesen


zu können. Doch Jan blieb äußerlich cool. Seine Kamera, die er auf


dem Schoß platziert hatte, konnte er gerade noch festhalten. Seine


Aufmerksamkeit galt sofort nach dieser Aktion wieder der Landschaft


unter ihm. Das Flugzeug glitt nun in etwa 50 Metern Höhe


über die goldgelben Weizenfelder.


Plötzlich erkannte Jan merkwürdige Strukturen in den Kornfeldern.


Das war es, was er entdecken sollte!


„Was ist denn das? Kornkreise!" rief Ketelsen im selben Moment


und beantwortete damit seine eigene Frage.


Kornkreise? War es das, was Christine ihm zeigen wollte? So viel


Aufwand für einen Schabernack, den gewisse Leute trieben, anschließend


die Presse informierten, um sich an der Berichterstattung


zu erfreuen? Besonders in den Lokalnachrichten der Zeitungen, die


ansonsten nur vom Ball der freiwilligen Feuerwehr oder dem


Ringreiterfest berichteten, wurden solche Ereignisse gerne beschrieben


und als Zeichen Außerirdischer oder als Nachricht der Mutter


Erde an die Menschheit interpretiert. Nein, es passte einfach nicht


zu Christine, dass sie Jan deswegen hierher geschickt oder gar selbst


die Kornfelder plattgetreten hatte.


„Ha, jetzt weiß ich, was Sie hier wollten!", rief der Pilot aus.


Offenbar war er von den Kornkreisen mehr beeindruckt als Jan.


Er flog unter Beibehaltung der Flughöhe erneut eine Runde über das


Kornfeld. Erst jetzt betrachtete Jan das Muster genauer, das dem


Kornfeld aufgeprägt war. Es bestand aus außerordentlich komplexen


geometrischen Figuren. Das Erstaunlichste aber war, dass sich


die Figuren mit dem Blickwinkel ständig zu ändern schienen und


sogar bei gleichem Blickwinkel spontan ihre Form änderten. Das


erinnerte Jan an sogenannte Kippfiguren, Abbildungen, bei denen


der Betrachter abwechselnd unterschiedliche Muster wahrnimmt,


obgleich sich das betrachtete Bild nicht verändert.


„Sehen Sie, wie sich die Strukturen ständig verändern?", wandte


Jan sich dem Piloten zu.


„Das ist ja irre!", rief dieser aus, „so etwas habe ich noch nie gesehen!"


Voller Begeisterung flog der Pilot eine Runde nach der anderen


kreuz und quer über das Feld und veränderte dabei Flugrichtung


und -höhe. Immer neue Muster entstanden vor den Augen der


Beobachter. Plötzlich zog der Pilot die Cessna steil nach oben. Einen


Moment hatte Jan das Gefühl, dass sich sein Magen umdrehte.


„Entschuldigung!", rief Ketelsen lachend.


Er leitete eine Wende ein, um schließlich in einem lang gestreckten


Sinkflug von Westen nach Osten über das Kornfeld zu steuern.


Der Anblick, der sich Jan jetzt bot, entschädigte ihn für das Manöver.


Während des Sinkfluges über das Kornfeld variierte das


Muster kontinuierlich. Es ergab sich eine Abfolge von Bildern wie in


einem Daumenkino. Der Film zeigte eine Spirale, die sich drehte.


„Eine Spiralgalaxie!", staunte Jan.


„Was?"


„Noch einmal! Fixieren Sie Ihre Augen während des Überfluges


in einem konstanten Blickwinkel nach vorne!", rief Jan dem Piloten


zu, anstatt auf seine Frage zu antworten.


„O. k.!" Kaum hatte Ketelsen die Worte ausgesprochen, zog er die


Maschine nach oben, noch abrupter und steiler als beim ersten Mal.


Dieses Mal empfand Jan das Gefühl fast als angenehm. Schnell


machte er seine Kamera startklar und beugte sich nach vorne, um


aus dem Frontfenster zu filmen. Der Pilot erwischte fast den gleichen


Anflugwinkel wie vorher und wieder war die gleiche Bildfolge


zu beobachten. Sie flogen auf eine sich drehende Spiralgalaxie zu.


Wer sich das ausgedacht hatte, musste ein Genie sein. Irgendwelche


Witzbolde kamen dafür kaum infrage. Natürlich fiel Jan direkt


Christine ein. War sie hier gewesen? Das widersprach allerdings


ihren Aussagen. Selbst wenn sie hier gewesen sein sollte, so stellte


sich die Frage, wie sie das gemacht hatte. Durch einfaches Hinunter-


treten der Halme waren solche Effekte auf keinen Fall zu erzeugen.


Jan hatte nicht die geringste Idee, was hier passiert war. An Übersinnliches


glaubte er nicht. Er könnte Christine nach seiner Rückkehr


fragen und sie würde es ihm erklären. Schließlich hatte sie ihn


an diesen Ort gelotst. Sie hatte von einem Experiment gesprochen.


War er schon wieder das Versuchskaninchen?


„Es ist an der Zeit, dass das Kaninchen herausfindet, was mit ihm


geschieht", dachte er.


„Wir müssen leider bald zurück", unterbrach der Pilot Jans Gedankengang.


Er flog noch ein paar Mal über das geheimnisvolle


Gebiet und Jan schoss noch einige Fotos mit seiner Kamera. Auf


dem Rückweg waren die beiden Entdecker zunächst schweigsam.


Natürlich dachten beide über ihre Eindrücke nach.


„Woher wussten Sie von diesem Ort, Herr Sörensen?", unterbrach


Ketelsen das Schweigen.


„Jemand hat mir einen Tipp gegeben."


Sicher war Ketelsen mit dieser Antwort nicht zufrieden und hätte


gerne gewusst, wer der Jemand war.


„Haben Sie eine Erklärung für das Phänomen?", fragte er jetzt.


„Nein, ich bin genauso überrascht wie Sie. Aber ich habe mir vorgenommen,


es herauszufinden."


„Was haben Sie vor?"


„Ich werde mich mit dem Landwirt unterhalten, dem die Felder


gehören. Vielleicht weiß er mehr darüber."


„Vielleicht. Vielleicht weiß er aber noch nicht einmal, dass es diese


Kornkreise auf seinen Feldern gibt. Vielleicht hat er zwar plattgetretene


Halme entdeckt, kennt aber nicht die Strukturen, die wir


gesehen haben. Die sind wahrscheinlich nur aus der Luft zu beobachten."


„Das waren keine plattgetretenen Halme", murmelte Jan nachdenklich.


Nach der Landung führte Ketelsen Jan ins Vereinshaus. Jan musste


nur eine halbe Stunde Flug bezahlen, obwohl der Ausflug über


eine Stunde gedauert hatte.


„Werden Sie die Presse benachrichtigen?", fragte Ketelsen.


„Nein, wie gesagt, ich will herausfinden, was dahinter steckt. Und


Sie, werden Sie schweigen?"


„Es ist Ihre Entdeckung. Aber wissen Sie, außer meiner Fliegerei


habe ich nicht mehr so viel Abwechslung in meinem Leben. Meine


Frau ist vor einigen Jahren gestorben und in dem Kaff, in dem ich


lebe, sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht. Vielleicht können wir


die Ursachen des Phänomens gemeinsam erforschen. Meine Flugkünste


und Ortskenntnisse könnten von Vorteil für Sie sein."


Jan fand den alten Mann sympathisch. Die Idee der Zusammenarbeit


gefiel ihm. Die meisten seiner Freunde waren in den Urlaub


gefahren und auch Sintja war noch einige Tage fort.


„Gerne", erwiderte er freundlich.


„Ich glaube, ich weiß, wo der Bauer, nein, der Landwirt, wohnt.


Wir könnten ihm direkt einen Besuch abstatten, mit meinem Auto,


wenn Sie wollen."


Jan willigte ein. Sie stiegen in einen alten VW-Käfer, Baujahr 1958,


wie er während der Fahrt erfuhr. Das Cabrio war liebevoll restauriert


worden. Soweit Jan es beurteilen konnte, wurden dafür Originalteile


verwendet. Sogar ein original Blaupunkt-Röhrenradio aus


der damaligen Zeit und die obligatorische Blumenvase mit einer


künstlichen roten Rose gehörten zur Ausstattung.


Schon nach kurzer Zeit ereichten sie die Felder, die sie aus der


Luft gesehen hatten. Während der Vorbeifahrt waren keine Besonderheiten


zu sehen.


„Könnten Sie bitte einmal irgendwo hier anhalten?" bat Jan.


Ketelsen fuhr in einen kleinen Seitenweg. Die beiden Insassen


stiegen aus, um sich das Kornfeld aus der Nähe anzusehen. Sie


gingen mit vorsichtigen Schritten ein Stück in das Feld hinein.


Schließlich wollten sie keinen Flurschaden anrichten, aber noch


wichtiger war es ihnen natürlich, die Kornkreise nicht zu zerstören.


Auch wenn sie davon nichts entdecken konnten, so mussten sie


doch da sein. Aus der Perspektive eines Fußgängers waren sie


jedoch offenbar nicht zu erkennen. Immerhin konnte man im Feld


verschiedene Linien mit unterschiedlichen Kontrasten und Farbab


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